Fliegende Kühe

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Graubünden ist reich an Mythen und Geschichten, Arnold Büchli hat bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts tausende Seiten mündlicher Überlieferungen über das Auftreten seltsamer Bergwesen, verzauberter Kühe oder des Ewigen Juden in Camischolas und sonstige besondere Begebenheiten in Dialekt und Hochsprache zusammengetragen. Auf rheinsein läßt sich u.a. die Geschichte einer deftigen Bündner Gerstensuppe finden, die eine Lawine überstanden hat. Ein Vorfall, der sich jüngst im Vorderrheintal ereignete, und über den verschiedene Schweizer Zeitungen berichteten, dürfte, ein wenig ausgeschmückt, sicherlich das Interesse des Mythologen geweckt haben. Acht Kälber, hieß es in der Presse, seien des Nachts von ihrer Weide ausgerissen (hinter solchen Vorgängen steckte in früheren Zeiten immer ein böswilliger Zauber), die eine Hälfte habe sich im steilen Gelände verstiegen, die andere sei zwischen Sagogn und Valendas in der wildschönen Ruinaulta in den Fluß geraten und von ansteigendem Wasser auf einer Kiesbank eingeschlossen worden. Die Bergung der Tiere, an der Feuerwehrleute, Tierärzte, Landwirte, Rettungshubschrauber und Polizeitaucher beteiligt waren, habe sich über Stunden erstreckt. Schließlich seien die Kühe wohlbehalten auf ihre Weide zurückgeflogen worden. Das Motiv der fliegenden Kuh, in der heutigen Schweizer Bergwelt kein allzu ungewöhnliches Bild, ist indes andernorts (“Aus dem Himmel stürzende Kuh versenkt Fischerboot im Ochotskischen Meer”) in den modernen Sagenschatz eingegangen. Womöglich nur eine vorläufige Lücke, denn bildnerisch und literarisch scheint das zeitgenössische Motiv der zwischen Alpengipfeln schwebenden Kuh durchaus kraftvollen Stoff zu bieten.

kühe in der ruinaulta_3_kl(Bilder: Kantonspolizei Graubünden)

Mythologische Landeskunde

Auf den Alpen des Vorderrheins gehen die verdammten Missetäter. Die Mythologische Landeskunde ist, trotz der geringen Einwohnerzahlen, voll von ihnen. Da ist der Bauer, der im Leben Marksteine versetzt hat oder der typische und wiederkehrende Bündner Krämer, der seine Kunden übervorteilt (und, ganz bös: alles aufschreibt). Schlimm triffts denjenigen, der zeitlebens Steine aufs Nachbargrundstück entsorgt (mit einem glühenden Korb muß er sie nach dem Tode wieder einsammeln). Ehefrauen entpuppen sich als bilokationsfähige Hexen, welche die ohnehin schon aufreibende Arbeit ihrer Angetrauten behindern und töten, was sich ihnen in den Weg stellt, solangs keine geweihten Gegenstände bei sich trägt. Sie enden ertappterweise mit Hufeisen beschlagen, dann verpuffend. Schwarzhaarige ZigeunerInnen ziehen durch die Gegend und verstehen sich auf allerlei Zauberwerk, greifbar sind sie nicht; wer ihnen verlustfrei begegnen will, muß sie austricksen. Der ewige Jude hat ebenfalls die Gegend bereist, bei Pfarrer Gaudenz Engler in Camischolas bekam der Wandergesell ein Essen, das er im Herumlaufen einnahm. Kühe verschwinden einfach spurlos und tauchen wieder auf, als sei nichts vorgefallen. Die Toten des Folgejahres versammeln sich in der Silvesternacht vorsorglich auf dem Friedhof. Wandbilder dürfen nicht verrückt werden, sonst treten die Geister hinter ihnen hervor. In Disentis geht eine große wüste Büßerin mitternachts auf dem Friedhof um, die Zunge bis zum Gürtel herausgestreckt. Bisweilen tauchen warnende Gestalten, unvermittelt in Flammen gehüllt, an einsamen Dorfbrunnen auf. Und hat man den Schwarzen oder sonst unliebsamen, z.B. des Nachts tönenden, jedoch völlig unsichtbaren Besuch im Haus, muß die Geistlichkeit ran, die auf solche Probleme geschult stets zielsicher Abhilfe schafft.