Ein Wasserfall mit unaussprechbarem Namen

Den 7. führten uns meine Freunde nach Reichenau. Der Weg geht allmählig steigend im Thal, dem Rhein und den Gebirgen entgegen. Die runden Hügel des Vorgrundes, die wir gestern bewunderten, lösen sich in reizender Bewegung ab, und die Ruine von Felsperg steht mahlerisch; frischduftende Birkenhaine umgrünen das Bette des Rheins, welcher rechts am Fuss des Galanda in abgeneigter Thalsenkung hinfliesst. Links sind heitre grüne Vorberge mit schönem Laubholz, zumahl mit Eichen bewachsen. Die zwei Stunden Weges waren schnell gemacht; äusserst mahlerisch ist von der sich am Abhang hinab krümmenden Heerstrasse die Ansicht von Reichenau, auf kleiner Halbinsel zwischen die zusammenfliessenden Rheinarme gelagert.
Wir besuchten einen dieser linkern Eichenhügel der von dem einen Rhein benetzt, sein grünes Haupt und seine säuselnden Haine so einladend erhob. Hier sahen wir beide Rheine, den hintern der uns links war, aus dem Rheinwaldgletscher; den vordem, der unter uns aus engen Klüften wild dahin brauste vom Gletscher des Badutz herabkommen, der mit den Crispalt, Arme des Gotthardtstosses ausmacht. Dieser runde Hügel ist ein wahres Tempe! Grün spielt in Grün, und die reizende Wildniss ist ganz unentweiht, rundum schaut man durchs mildernde Grün an wildes Gebirg hinan. Dort über Reichenau schlängelt sich ob dem Hinterrhein der Weg nach dem alten Thusis, und nach den Via-mala-Schlünden hinein; weit entfernt, doch vor uns tritt ein Gletscher aus Wolken von schwarzer Granitmauer eingefasst; allein ich kehrte bald in die liebliche Nähe zurück! Wie traulich ist hier das Laub- und Nadelholz gemischt! Tannen, Lerchenbäume, Birken und Eichen (Eichen wie in Thuiskon’s Hainen und Hertha’s) breiten die krausen Aeste wirthlich über die zarten Matten, während die Tannen vom schroffen Bord mit finssterm Ernst dem hellgrünen muthwilligen Strome nachschaut. Alles redet tiefe unentweihte Einsamkeit; selbstgestorbene Bäume liegen von Farrenkraut überwildert, von Eppich umrankt, im hohen Grase, und geben der Erde wieder was ihr gehört! Mächtige Eichen heben die grüne entlaubte Scheitel, oft vom Strahl gespaltet, und ein junges Geschlecht freudig aufschiessender Bäumchen umgrünt die Greise des heiligen Haines. Wir hatten Mühe, uns aus dem Zauberkreise, in dem hohe Natur, Einsamkeit und gleichgestimmtes Gefühl uns umfangen hielten, loszureissen.
Ein freundschaftliches Mahl war im alten gothischen Gasthause bereitet, wo wir aus dem grossen Saale an die Herrlichkeit der Gebirge hinaufschauten. Nach der Mahlzeit ritt ich auf die Höhen über Reichenau nach einem Wasserfall, der einen unaussprechbaren Namen hat. Die Felswände an den engen Wegen entblössten unter andern aus sekondairem, ins Urgebirg übergehendem Gestein, Schiefertafeln vom schönsten matten Apfelgrün. Der Felsbach stürzte von zerrissenen Felsseiten hernieder, in seinem Bette lagen grosse Granitblöcke. — Schöner war wie er selbst , der Ausblick von der Bergheide gerade ins prächtige Pomlesch-Thal hinein; dort steht rechts das Schloss Razinsky, die einzige Habsburgische Besitzung im freyen Graubündten.
Ein schönes Dorf liegt weich gelagert im Thalschoos, von Wein- und Obstgärten umgeben, und Kornfeldern und fetten Triften. Wir besuchten die Erziehungsanstalt des Herrn Tschokke. Das geräumige Schloss liegt hart am pfeilschnell vorbeyströmenden Rhein; das frische Aussehen der Kinder pries die gesunde Lage desselben, und ihre zutrauliche Munterkeit die väterliche Güte ihrer Erzieher. Dieses waren die einzigen Bemerkungen, welche die Kürze der Zeit mir zu machen erlaubte, denn ein Gewitter zog drohend über den Bergen heran, und vor ihm her rauschte der Sturm durch die Wipfel. — Wir eilten hinweg, und ich hatte unterweges statt der erwarteten hohen Lust eines Gewitters in den Alpen, nur das Missvergnügen S***s auf dem Rücksitz des Phaetons vom strömenden Gewitterregen durchnässt, und vom Sturm durchkältet zu sehen, und die Angst der zärtlichen Sina zu theilen. Wir fuhren durch die finstere Nacht neben tobenden Bergwassern, die bei jedem Regen neugebohren durch die Felsklüfte herabstürzen, unter rauschenden Wäldern hin, eng zusammengeschmiegt, (und ich ein wenig verdriesslich, neben Regen und Sturm nicht auch den Donner durch die Bergthäler rollen zu hören,) nach Сhur zurück.

(aus Friederike Brun: Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800)

Der Rhein in der lokalen Kleinpublikation

Im Haldensteiner Boten, dem schick aufgemachten halbjährlichen Gemeindeblatt, erinnert sich die älteste Einwohnerin, wie sie 1939 herzog, an die internierten Polen und Italiener im Dorf, „die schöne Lieder sangen“. Daß nach dem großen Calandawaldbrand außergewöhnlich viele Morcheln zu finden waren. Daß sie eine Stunde unterwegs war, ihrem Mann, der nach dem Brand aufforstete, das warme Mittagessen im mit Tüchern umwickelten Topf in den Wald zu bringen. Daß die Kinder den ganzen Sommer barfuß unterwegs waren. Daß die Kinder nach Hochwassern beim Sammeln von Treibholz am Rheinufer mithelfen mußten. Auch im Hinterzimmer der Calandawirtin gehen die kinderarbeitsgespickten „Geschichten von früher“, denen sich deutliche Unterschiede zum Leben im Wohlstand der Moderne entnehmen lassen. Umschlagsgeziert ist der Haldensteiner Bote vom Druck einer fantastischen Vedute des Schloßes, 1548 geschaffen vom Thurgauer Meister HS als Teil einer groß angelegten Raumvertäfelung, die heute im Köpenicker Schloß gelandet ist, während das Haldensteiner inwärtig in schlichter Gekalktheit, durch das hie und dort sein uriges Gemäuer schimmert, Geschichte atmet. Neben dem Haldensteiner Boten liegt dann noch das Hochglanzmagazin Rheinfluss (mit dem leicht gestelzten Untertitel: Magazin für am Rhein Lebende: von den Quellen bis zur Einmündung in den Bodensee) mit vielen Fotos von Brücken in Vollfarbe aus, im verrauchten Hinterzimmer der Calandawirtin, ein seltsames Surium versammelter, als Artikel getarnter, Werbung, tatsächlicher Artikel und einer einsamen Grußnote an den unbekannten Touristen in englischer Sprache, daß einigermaßen erstaunt, welch ein finanzieller Aufwand für die visuelle Ausstattung derartiger Kleinpublikationen betrieben wird.

Jagd am Rhein

Im Hinterzimmer der Calanda-Wirtin gibt’s die handfesten Informationen: Daß im selben Moment, jetzt wo es dunkle, nämlich die Hirsche, davon sei auszugehen, und zwar in ansehnlicher Zahl, drunt die Gärten auf Rosenkohl plünderten, im Scheinwerferkegel habe man ihre herrlichen Silhouetten, schlaue und gewandte Tiere seien das, die sich noch in derselben Nacht wieder auf 1000, 1500, 2000 Meter Höhe in den Calanda zurückzögen. Um den Rheinblick zu genießen? Um ihr Diebesgut dort auszukötteln, du Hirsch! (Es fallen einige stärkere Kraftausdrücke.) Die Jagd, das sei ja eine saisonale, mit höchst komplexen Bestimmungen, auf den Zeitraum einiger Septemberwochen oder auch nur -tage beschränkt, und dann zögen die Jäger in die Berge, die zuerst einmal die Lizenzen zahlen müßten und dann pro Kilo geschossenem Fleisch (in Chur würden die Tiere ausgewertet, -gewichtet undsoweiter) noch einmal bezahlen, aber schießen dürften sie nur nach ausgefeiltem, von Verwaltungsmenschen erklügeltem Regelwerk, so, weil es an Geißen fehle und zuviele Böcke umherliefen, von den Gemsen die Böcke nur, wenn sie zunächst eine Geiß erlegt hätten, die eben schwer zu finden sei, und so könne es sein, daß Jäger leer ausgingen, doch dann würde wiederum ausgezählt, und wenn es dann heiße, dort oben stünden zuviele Gemsen, würde die Nachjagd ausgerufen, für Oktober, November, bis Dezember gar, auf der plötzlich ohne Auflagen soviel geschossen werden könne, wie man wolle, tsching! tsching! tsching! tschenngg!, ob das etwa sinnvoll sei? Und dann gebe es Restriktionen, die alle erlernt werden müßten, etwa ab wieviel Geweihenden ein Wild geschossen werden dürfe, ab wieviel Zentimetern Horn ein Rehbock und in welcher Höhenlage, da gebe es die verrücktesten Kombinationen von erlaubter und nicht erlaubter Jagd und wehe, ein Jäger erwische ein Tier außerhalb der Regularien, das gäbe Bußen in mehrtausend Franken Höhe. Und dann hätten gewisse Tiere Asyl, in den Streifen zwischen zwei Rüfen zum Beispiel, und die Tiere seien ja schlau, sobald der erste Schuß fiele, im September, spräche sich das sofort unter ihnen herum, sähe man sie nicht mehr, da zögen sie sich in die Höhen, die Wälder zurück, kämen nicht mehr hinaus, oder flüchteten sich ins Asyl, das immer dasselbe sei, nie wechsele und um Steinwild zu schießen brauche man sowieso zehn Jahre oder zwanzig Jahre Lizenz, um überhaupt zu dürfen und so ein Steinbock sei seine 30, 85, 130 Kilo schwer, je nach Größe, je nach Gewicht der Hörner, die einen schon erschrecken können, wenn man plötzlich am Weg auf sie trifft, zwar gingen sie weg, seien bisweilen halb zahm, aber respekteinflößend eben schon mit ihren teuflisch gelben Augen.

Chur

Der Churer Wohlfühl-Parcours verläuft exakt am Damm zwischen Rhein und Autobahn. Die Äußerungen der letzteren sind weit deutlicher vernehmbar. Die Sonntagsspaziergänger scheints nicht zu stören. Grüezi, grüezi (wohl, Frau Stirnima). Der Föhn hat indes einigen Schnee von den Halden gepustet. Auf den Kiesbänken suchen beeimerte Damen nach passenden Steinen, ihr Heim aufzuhübschen. Bei den Calanda Kieswerken stürzt die Plessur in den Rhein. Im steil aufragenden Fels des Westufers springen, von zahlreichen Passanten bestaunt, die Gemsen: „das ischt dr Zoo von Chur“. Wohnkästen säumen die Giacomettistrasse, eine klobige Trabantensiedlung, deren haufendörflich anmutende Grundstrukturen im Beton versinken. Litfaßsäulen wie schräg in den Boden gepinnte Stecknadeln künden von kulturellen Aktivitäten in der Stadt: „Energie-Apéro Nr. 63: Trends in der Strassenbeleuchtung (Videoübertragung nach Poschiavo)“, „Rendez-vous am Mittag zum Thema „Die alpine Schneedecke – Tatsachen und Aussichten“. Kleiner Dialog am Empfang des Bündner Naturmuseums: „Was haben Sie denn hier?“ „Wir haben Vögel.“ „Ausgestopfte?“ „Ja, und Hirsche, Steinböcke.“ „Auch lebende?“ „Wir haben Fische und Mäuse.“ Unter reichlich Mühen wird eine zehn Rinder starke Herde von vier Burschen auf die Ausfallstraße getrieben, Kühe und Menschen verschwinden im Trab in der asfaltierten Dämmerung. Die Natur findet auf den Straßen statt. Die sich, an dieser Stelle, mit aller Macht des Asfalts (unter dem der Rhein liegen soll), gen Haldenstein krümmen und schwingen.

Wie das Gold am Calanda gefunden wurde

(erzählt von Christian Nold, aufgezeichnet von Arnold Büchli in: Mythologische Landeskunde von Graubünden)

“En Vinzens Schneller hed in sim Agger am Ri a Stei gfunda, wo vum Calanda aaha gheit gsi isch, un deer Stei het Gold ghaa. Un denn hens halt im Dorf vil vu dem Gold gredt. Un emool isch a Felschberger Jeeger uf d Jagd, und wo-n-er a Tiar uusgspuurnet het, isch er im Ifer anera Stell verbei ggang-ga, wo er Gold gseha het. Und dua, wo er dia Gams gschossa het gha, hed er zrugg wella zu dera Stell, wo er ds Gold gseha gha het, aber er het si nimma gfunda. Dahai het s dr Jeeger sim Buab verzellt. Deer het dem immer nootenggt, und wo er denn speeter d Felschberger Geis ghiätet het, isch er ama Taag geeget d Felsä ufi un het d Geis lo hogga. Iber a grausiga Ggufer un iber a Rifi duuri isch er ggang-ga und het de Platz suacha wella, wo imm dr Vatter aaggee het. Un zletscht, eerscht geege-n-Oobed, isch er uf dia Stell choo, und vor luuter Freid isch er det hogga bbliba. Dehei het ds ganz Dorf uf inn gwaartet, und sini Gspuusa au. Dua sin diä Meener ggang-ga un hen de Geisler un d Geiss suacha wella. D Gspuusa het durchuus au mit wella. Denn sin diä Geis uf di Weidplatz in dä Flidä – det isch mä mit nä-n-nufi; i bi au mit dä Geis dooba gsi. Un det sin diä Geis ggleega, aaber khei Geisler icht uma gsi. Dua sirn a Teil witer ufi khletteret geega d Felsä, un dia anderä sin hei mit dä Geis, wo si nit gfunda hen. Dä Meener sei`s denn dooba zerleidet, witer z`gooh, wil s gmeint hen, er sei villicht vertroolt. Un d Gspuusa isch denn vorwerts dur alli Stei un alles Gwett duuri, bis s ne erliggt het. Er hei ggschlooffa uf era Felsplatta neebet sim Gold, und si het ne am Bei ggrupft un ne wach gschittlet. Du hen si gjuuzt, diä zwei, dass di anderä ggheera sella. Und denn sin s go luaga choo und hen das Gold au gseh und sin denn mitanand hei. Das Gold hed er aber nit bhaalta terfa. Aber Gmei hed im as Gschenk gge, das er het chenna a Hisli baua, und dua hens chenna hiroota.”

Haldenstein (2)

Der Bergnebel kriecht nahezu bis in meine obere Schloßetage herab, sinistres Knistern dringt aus seinen Schleiern. Niesel. Vermutlich wird auch der Schnee tiefer herab gekommen sein, um eine Schicht schwerer auf den Tannen lasten – allein, der Nebel verhindert den Blick auf die Höhen. Da jagt der gute Bauer keine Kuh ins Freie. Vom Westfenster lassen sich immerhin die neuen Sonderangebote im unterhalb des Nebels gelegenen Dorflada erspähen. Eine brutal harte Arbeitswoche beginnt, versicherten sie mir bereits gestern vorausschauend in der Gaststube. Ganz anders das Wochenend: Bunte Hydrantenmännli mit Playmobilschöpfen säumen die sonnig-windigen Dorfstraßen. An der Felshalde längs: die unterschiedlichen Flugstile der Greife und Helikopter. Hausinschriften: „Gott schütze dieses Haus / und die da gehen ein und aus“, „Mit Fleiß und Kraft man vieles schafft“ (außer sprachschönen Sinnsprüchen, widerspricht stante pede die hypersensible Dichterseele), aber: „Nicht Kunst noch Fleiß noch Arbeit nützt / wenn Gott der Herr, den Bau nicht schützt“ künden von Generationen Bauerfahrung. Peter Zumthor soll hier leben, in einem selbstentworfenen Haus, weswegen zahlreiche Touristen (Japaner, Amerikaner) durch die Dorfstraßen pilgerten. (Vielleicht in einer Art Wilden Jagd auf die Gipfel der Architektur, mit (infra)rötlich leuchtenden Objketivaugen, schwarznachts, wie in der Mythologischen Landeskunde beschrieben – ich jedenfalls konnt die Touriprozession, obgleich sie zwingend am Schloß vorbeiführen müßte, bisher nicht erblicken). Die Kirche mit ihrem Zwiebelturm, der auf Walser weist, im Dorf lassend (den Schlüssel hat mir die Calandawirtin, welche ihn hütet, versprochen) geht’s weiter durch die malmkalkige, angenehm um Noten von Milch- und Fleischvieh bereicherte Calandaluft, ein rheinischer (?), calandrischer Wind verteilt die tierischen Aromen althergebrachter Welten, in fast ganz Haldenstein stehen oder schweben sie noch ein wenig herum, im vermeintlichen Einklang mit sich selbst. Auf Chur zu. Das hinter der Rheinbrücke beginnt. Direkt oberhalb der Rheinbrücke führt u-förmig eine unbefestigte Straße in den Strom, als sollte hier ein Hafen für Spielzeugschiffe entstehen. Richtung Süden verläuft direkt am huschenden Rhein, großzügig von Straßenlärm begleitet, der Wohlfühl-Parcours (eine Trimmstrecke) der Churer Clubs Panathlon und Rotary.

Haldenstein

Rheinseins Ankunft in Haldenstein vollzieht sich in der Gaststube Calanda bei netten Einweisungen der charmanten Vorstipendiatin, Kalbsbratwurst und einem ersten Kübel Calanda, wie überhaupt unterm Calanda alles Calanda scheint und der bündnergrüne Rhein eine nachgeordnete, bestenfalls als Calandarhein einzunehmende Rolle zu spielen. Später am Abend schmeißt der Chäschpi im Hinterzimmer eine Runde Zwetschgenpunsch und erzählt vom Höhepunkt seiner Touren als Reisebusfahrer, dem Apenheul in Apeldoorn, desweiteren vom Museum Rhein-Schauen in Lustenau, einem verstorbenen Pater-Unikum in Disentis und einer dramatischen Rettungsaktion im Rhein bei Ilanz, seiner Heimatstadt, der ersten am Rhein; während Haldenstein immerhin die erste Oper am Rhein besitzt – im August wurde im Schloßhof Carmen aufgeführt. Am Morgen steht die Besichtigung der Ruine Haldenstein an, der markantesten von gleich drei Burgruinen auf der kleinen Gemarkung ob des Rheins bzw nid des Calanda, „des Herablassenden“. Der Anmarsch steht mit 25 Minuten ausgeschildert, die zügig einen derart steilen Aufstieg darstellen, daß ich nach fünf Minuten denke: „wenn das so weitergeht, kommst du bestenfalls als toter Mann oben an“. Es geht so weiter, doch nur fünf Minuten, nun auf schmalem Pfad längs eines trockenen Sturzbachs, schon ist die Ruine erreicht. Schafsglocken lockern den aufdringlichen Verkehrslärm des mehrfach trassendurchfurchten Tals, Esel eseln daneben, vom gezackten Himmel schenkt eine schwer überhitzte Sonne ihre Novemberreserven her. Die Ruine balanciert ihre Imposanz auf unzugänglichem Felsspitz, hinter den Mauern dreschen zwei ewige Raubritter aufeinander ein, fügen sich schwere Scharten zu, prosten sich sportlich mit Calanda-Bräu zu in den Kampfpausen; unten eilt derweil der Rhein, als wolle er sich selbst überholen und wisse keineswegs, wohin. Wanderschilder weisen auf poetisch klingende Ziele wie Bärenhag, Batänja (ein Maiensäß), Ruine Grottenstein (deren Name von Kröten, nicht von Grotten rühren soll), Ruine Lichtenstein, Arella, Funtanolja, Altsäss.