Duisburg-Marxloh

Die Duisburger Stadtbahnlinie 903 Richtung Dinslaken verläuft vom Hauptbahnhof wenige Stationen unterirdisch. Durch den U-Bahnhof Meiderich fließt, von chemischen Lichtern beschienen, auf riesigen Fotowänden der Rhein. Über Tage zurück  geraten wir auf eine der typischen langgestreckten Ruhrgebietsstraßen, die kaum mehr als ihre Eigenschaft als Fluchten zu bieten scheinen und lauschen einem Schwarzen Sheriff ohne Fremdsprachenkenntnisse bei seiner Belehrung einer Afrikanerin, die ihn auf Englisch um eine Auskunft bittet: “In Burumba sprechen Sie doch auch kein Deutsch. Wir sind hier allerdings nicht in Burumba, weswegen hier Deutsch gesprochen wird.” Auf den vorüberziehenden Mauern erscheint uns, wohl durch die wundersamen Sätze des Sicherheitsdienstlers ausgelöst, ein ungemaltes Gemälde vor Augen, “Der Mensch in seiner Widerwärtigkeit”, eine endlose, in den Himmel, das Schienennnetz und sämtliche anderen Richtungen wuchernde Hierarchieleiter voller Gestalten, die von unkontrollierten Zwängen gesteuert sich über ihre jeweils Nächsten erhaben fühlen. Die Haltestelle Pollmann markiert als Verkehrskreuz das Zentrum von Marxloh im Norden der Stadt. Wir stoßen auf eine exorbitante Brautmodenlädendichte, von der wir später erfahren, daß sie als Alleinstellungsmerkmal des augenscheinlich türkischen Stadtteils gilt: um die vierzig Brautmodenläden sollen in Marxloh existieren, nach einem guten Dutzend hatten wir das Zählen aufgegeben. Als “romantischste Straße” Deutschlands soll die Weseler Straße, von wem auch immer, betitelt werden, von der ein gerüschter Flash aus Gleißendweiß, Waldmeistergrün und Lachsrosa unsere Erinnerung durchzuckt.

Vermutlich das höchsthängende blaugetönte Hochzeitsfotoherz Deutschlands

Miniidyll: Pommes und Pelargonien

Duisburg in Duisburg: Straßenszene mit Lokalstolzsilhouette

Da und dort kleben “Made in Marxloh”-Sticker in der Gegend. Von No-go-Areas hatten wir kürzlich gehört und gelesen, an diesem Sonntagmittag ist davon nichts zu spüren. Stattdessen bettelt uns nach wenigen Schritten auf Marxloher Terrain ein Junge im Vorschulalter an. In geöffneten Fenstern lehnende Raucher dekorieren die lange nicht mehr gestrichenen Einheitsfassaden der Arbeitersiedlung, über die Werksschlote ragen. Seit der Stahlkrise ist den Arbeitern eine Menge Arbeit ausgegangen, die proletarische Grundierung geblieben. Der seit Jahrzehnten im Larven- bis experimentellen Entpuppungsstadium befindliche Strukturwandel ändert wenig an vergilbenden Straßenzügen, deren Tristesse weder unzählige Schaufenster voller Hochzeitskleider, noch die zahlreichen türkischen Restaurants aufzuheben vermögen. In einer Seitenstraße verkauft eine Frau Lebensmittel ab Kleintransporter, eine zutiefst provinzielle Szene mitten im Ballungsgebiet. Wir entdecken die eingerissene Scheibe eines Kiosks, die als Symbolbild für den angeblichen Niedergang des Viertels, das kaum je als blühendes bekannt war, in den Medien auftauchte. Auf einem Spielplatz mit Aussichtsterrasse auf die Kokerei Schwelgern spielt ein einziges Kind. Der Tag wirkt ein wenig verheult. Rauchende Mütter machen sich mit ihren Kleinen auf den Weg zum Bürgerfest am Innenhafen.