Presserückschau (September 2013)

Das nachrichtenarme Sommerloch dehnte sich bis in den September, verabschiedete sich zur Monatsmitte grußlos, womit auch der rheinische Nachrichtenfluß wieder gewährleistet scheint. Die interessantesten Meldungen des Septembers:

1
“Die Rhein Petroleum GmbH, Heidelberg, beginnt (…) ihre erste Probebohrung in Deutschland. Rhein Petroleum wird (…) im südhessischen Riedstadt-Crumstadt bis in eine Tiefe von rund 1.600 Metern bohren. Riedstadt-Crumstadt liegt ca. 50 km südlich von Frankfurt am Main. Die Bohrung endet in den sogenannten „Pechelbronner Schichten“, in denen Rhein Petroleum förderungswürdige Mengen an Erdöl vermutet. Dieses Bohrziel wurde in Folge der umfangreichen seismischen Untersuchungen (…) als vielversprechend definiert. Es liegt im ehemaligen Ölfeld „Stockstadt“, aus dem bis 1994 Öl gefördert wurde und in dem noch signifikante Restreserven erwartet werden. (…) Eine weitere Bohrung, an der die Rhein Petroleum beteiligt ist, hat bereits Anfang August in Karlsruhe-Leopoldshafen begonnen. (…) Die Bohrungen in Riedstadt-Crumstadt und Karslruhe-Leopoldshafen sind die ersten Erdölbohrungen in Hessen bzw. Baden-Württemberg seit 25 Jahren. Im hessischen Teil des Rheingrabens begann schon 1952 die kommerzielle Förderung von Erdöl. Insgesamt konnten bis 1994 aus insgesamt 47 Bohrungen knapp 7 Millionen Barrel Öl gefördert werden. Das Öl sammelte sich in Schichten, die zwischen 1.500 und 1.700 Meter tief unter der Oberfläche liegen.” (Aus einer Pressemitteilung der Deutsche Rohstoff AG)

2
Vage erinnern wir uns einer Bodensee-Schildkröte namens Rheini aus dem Sommerloch vergangenen Jahres. Nun taucht ein neuer Rheini (ein Name, der nicht von ungefähr so originell klingt wie etwa Heini mit vorangestelltem R) auf, erneut aus dem Tierreich, diesmal im Liechtensteiner Vaterland: “Mit dem Projekt “SOS Storch” möchte die Gesellschaft “Storch Schweiz” das Zugverhalten der Weißstörche untersuchen. Mehrere Störche wurden mit Sendern versehen, um ständig ihren Aufenthaltsort zu kennen. Zu diesen Störchen gehört auch “Rheini” aus der Storchenkolonie im Saxerriet. Im Juni verpasste ihm der Verein Rheintaler Storch einen Sender. Derzeit befindet sich “Rheini” in Nordspanien”, etwas präziser: auf einer nordspanischen Müllhalde, welche Rheini und Kumpanen dem Weiterflug nach Afrika neuerdings vorziehen, wie der weitere Artikelverlauf verrät.

3
Wie die bis nächsten März laufende Wittelsbacher-Ausstellung in Mannheim erklärt, warum Bayern am Rhein erfunden wurde, erklärt die Welt: “Was fällt einem zu den Wittelsbachern heute ein? Bayern natürlich (…), wo der “Kini” immer noch eine gewisse nostalgische Verehrung genießt; die Farben Blau und Weiß im Rautenmuster von Wappen und Fahne und idealerweise am Münchner Himmel; Schloss Neuschwanstein. Ja, und natürlich das Oktoberfest, das die Wittelsbacher ihren bayerischen Untertanen schenkten samt Dirndl-Tracht und Lederhosen und Leberkäs’. Doch dieses Bayern mit seiner markanten folkloristischen Physiognomie, es wurde am Rhein erfunden, in der Pfalz. Max IV. Josef, der als erster Bayerischer König von Napoleons Gnaden den Bayern so etwas wie Nationalbewusstsein verordnete, was im Freistaat bis heute kräftig nachwirkt, war Pfalzgraf bei Rhein aus der wittelsbachischen Linie Pfalz-Zweibrücken bis der Reichsdeputationshauptschluss 1803 das Ende der Pfalz als politisches Gebilde besiegelte. Der Metzger, der den Leberkäse erfand, war Hoflieferant in Mannheim und setzte sein segensreiches Wirken im wittelsbachischen Sinne in München fort. So viel zur kernigen Authentizität des Bayerntums.”

4
In den Rheinalpen gedeiht der Hanf am besten “Indoor”, aber illegal, berichtet das Boulevardblatt Blick: “Am Dorfrand von Zizers GR züchtete ein Einheimischer (…) rund 2000 Hanfpflanzen in einem Hühnerstall. Dreissig Wärmelampen sorgten dafür, dass die Pflanzen gut gedeihen konnten. (…) In Hinterrhein GR gingen der Polizei zwei weitere Hanfzüchter ins Netz. Die 23-Jährigen hatten eine Ferienwohnung gemietet und sie zur Indoor-Plantage umgebaut. Wärmelampen, Belüftungs- und Bewässerungsanlagen waren installiert. Bei einer Hausdurchsuchung stellte die Polizei 460 Pflanzen sicher.”

5
“Mittelerde liegt jetzt in Jenins” titelt die Südostschweiz. Jenins wiederum liegt bekanntlich im Heidiland, das traditionell auch als Bündner Herrschaft bezeichnet wird. Die interessante Landschaftsverschiebung verdankt sich einem neuen Museum, welches J. R. R. Tolkiens Romanwelten gewidmet ist: “Mit über 600 Gemälden, 3000 Büchern und unzäh­ligen Merchandising-Artikeln ist es die international grösste Sammlung zur fiktiven Welt Mittelerde. (…) Die Räume des 300 Quadrat­meter grossen Museums ­beziehen sich alle auf verschiedene Regionen von ­ Mittelerde und sind bis ins kleinste ­Detail aus­geschmückt. (…) Zur Eröffnung waren “neben Gästen in Jeans und Hemden auch Hobbits, ­Elben, Orks und Zwerge zu Besuch. Selbst Gandalf der Graue, der in der Realität Jens Götz heisst und aus Darmstadt in Deutschland stammt (…)” Daß der Alpenrhein eine hohe Mittelerde-Affinität besitzt, bestätigt auch unsere Entdeckung einer originalen Hobbit-Behausung am Übergang der verschlafenen liechtensteinischen Gemeinde Nendeln in die geheimnisvollen Bergwälder.

6
Nicht nur in geografischer Hinsicht verwirrend fällt die Analyse der Bundestagswahl in der Onlineausgabe der WAZ aus: “Duisburg liegt am Rhein und nicht an der Spree: Somit war heute Abend die Stimmung im Rathaus am Burgplatz mal rheinisch ausgelassen, mal preußisch spröde; dort, wo wie immer im Ratssaal die Ergebnisse der Bundestagswahl 2013 für die Stadt zusammenliefen und wo über TV die spannenden Bundesergebnisse zu vernehmen waren: Die Gewinner am Rhein (SPD) waren gestern Abend die Verlierer in Berlin und umgekehrt (CDU).”

7
Über den Konkurrenzkampf rheinischer Industriegebiete berichtet Blickpunkt Euskirchen: “In Euskirchen war “Haribo” eine Teilfläche im Industriepark am Silberberg (IPAS) angeboten worden, die man unter dem Titel “Prime Site Rhine Region” schon seit mehreren Jahren zu vermarkten sucht – bislang allerdings erfolglos. Die Entscheidung für Grafschaft begründet der Konzern vor allem mit der guten und zentralen Lage. “Der Innovationspark Rheinland ist ein äußerst geeigneter Standort in der Nähe vom Firmenhauptsitz in Bonn. (…) Kapazitäten in Logistik und Produktion könnten dort perspektivisch weiter ausgebaut werden.”

8
Rheinische Rübenbetrübnis: im Rheinland wird, später als üblich, die Zuckerrübe eingefahren, die Rübensüße liegt unter den Werten des vergangenen Jahres. Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet: “Die Schornsteine rauchen wieder. Zwar noch nicht alle, aber das ist nur eine Frage von Tagen. Seit Mittwoch werden in Jülich die Knollen angenommen und verarbeitet. Die Zuckerfabrik Euskirchen wird am Montag mit der Verarbeitung der süßen Frucht beginnen. Spätestens ab dann rollen die Traktoren-Gespanne und Sattelauflieger der Maschinenringe wieder durch den Kreis. Teilweise haben die Landwirte bereits Rüben ausgemacht und auf Mieten zum Abtransport bereitgelegt. Das Wetter ist dafür ideal. (…) Im Rheinland und im Rhein-Erft-Kreis liegt die Süße (…) auf dem Niveau des Jahres 2010. Im Norden und Osten würden deutlich höhere Zuckergehalte erwartet, heißt es beim Landwirtschaftlichen Informationsdienst Zuckerrübe (Liz) in Elsdorf. Die Rübenkampagne hat mit zwei Wochen Verspätung begonnen.”

Expedition zur Rheinquelle (2)

Beim Abstieg bewunderten wir die bauerngeometrische Schönheit der Lawinenverbauungen, ein weiteres Highlight dieses aus purer Laune entstandenen Spaziergangs, und fuhren, nachdem wir noch flugs in den Wasserfall überm Oberalpsee gestiegen waren, hinein in den Bergabend mit seinen importierten Spätburgunderfläschchen aus der benachbarten Bündner Herrschaft, seinen ortstypischen Schwarzwürsten (andutgels) und uralten, stets aufs neue angemischten Empfindungen. Da waren Serpentinen, in die unser Wagen sich schmiegte und eine rasende Landschaft in verstoppeltem Grün. Da war Höhe. Mit der Höhe kommt die Erhabenheit. Es war nicht die höchste Höhe, die Erhabenheit war in vertretbarem Maße vorhanden. Durch die Seitenfenster, durch Front- und Heckscheibe, auch über den Rückspiegel drang die Landschaft in erheblichem Grün, welches den felsigen Untergrund kaum zu kaschieren vermochte, ins Wageninnere und pochte. Steinsein, dachten wir. Sich verdichten. Ewigkeit, was ist das schon? Auf dem Hotelparkplatz herrschte angenehme Leere, das Dorf Tschamut duckte seinen Kopf zwischen die Achseln, Gerüche von Heu und Benzin verknoteten sich zu Stricken, die nach und nach die Felsen herabrutschende Dämmerung zu umwickeln und später als rabenschwarze Nacht festzuzurren.

Genau diesen Abend durchfloß in gängiger Dämmerung ein höchstwahrscheinlicher, sehr junger Rhein. In spätburgunder Stimmung sprangen wir den wilden Bachlauf entlang. Die flüsternden Ufer lehrten uns weitere sursilvanische Ausdrücke, Schwerpunkt Tierwelt (camutsch, tschess, il sprer, il luf, muntanaula…), wir klickten durch die zahlreichen Alpenflorabilder auf unserer Digicam: sich im Winde wogendes Männertreu, der wuschlige Wilde Mann, sein Adäquat, der Alpenrasierpinsel, und immer wieder enzianische Blaulichter, blendeten dem analogen Tal somit mannigfalte digitale Fremdblüten ein, um das Wunderland in übersteuertem Farbspiel zu betrachten. Aus dem wildbewachsenen Uferrand bluckste und schnackste es, jedoch verdruckst und selten. Das Wasser war an der Hörgrenze in tiefstem, weiblich selbstbewußten Erzählfluß begriffen, schliff mit enormer Geduld die Kiesel und bestrich sie zugleich mit kühler klarer Salbe. Wir lauschten und fanden nicht recht hinein in die vielen sich überlagernden Erzählansätze. Zurück im Hotel, bei einer späten Gerstensuppe, heiß serviert, vertieften wir uns ins leise Spiel der in der dicken Brühe schwebenden Graupen und fielen alsbald in unruhigen Schlaf, in dessen Träumen wir die dem Rhein abgelauschten Erzählstränge neu verfugten, denn: nach einer Weile erblickten wir uns selbst als auktorialen Erzähler eines immer lyrischer werdenden Traumnetzes, das alle paar Minuten zwischenzuspeichern eine heikle Aufgabe vorstellte. Es handelte sich um tausende Gedichtanfänge aus Wassermolekülen, mineralhaltigen H2O-Verbindungen mit schwirrendem Kernwerk und paradoxen Verhaltensweisen: ausströmendes Universum, einfließendes Universum, sich spendendes, sich verwendendes, sich vergebens gebendes, höchstverwirrtes einer ganzen Menschheitsgeschichte. Wir möchten das hier nicht detailliert widergeben, es soll ja ein Buch draus werden. Es raste jedenfalls ziemlich auf uns ein. Endlich wurden die überaus hektischen Traumdateien aus Gottes beruhigenden Vernichtungsreserven geflutet und wir stolzierten erstaunt, mit Aufgabe signalisierenden=geschlossenen Augen ins Schwemmland eines ernsten Tiefschlafs. (Fortsetzung folgt.)

Jenins

Den Eindruck eines urig-halbzerfallenden-halb-aus-sich-selbst-erneuernden Dorfs macht Jenins in der Bündner Herrschaft. Dominiert vom Weinbau mit

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gaststättenbewerbenden Reimen wie „Traube/Laube“ und „Wein/kehr ein“ wirkt auf den ersten Blick vieles „noch echt“, ein zwei Spuren echter als im benachbarten Maienfeld jedenfalls, das trotz allen Heidi-Tourismus` ja auch noch einen halbwegs echten Anschein macht. Es ist nicht sonderlich viel los in Jenins an diesem Vorfrühlingssonntag. Es hängen Plakate an Holzwänden, die von vergangenen Adventsaktivitäten künden, es hängen aber auch Plakate, die auf die kommende Turner-Unterhaltung weisen, das Dorf kann also seit Weihnachten noch nicht vollends ausgestorben sein. Vom Dorfrand aufsteigender

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Bratwurstdunst lockt uns an denselben – und unterm Bratwurstdunst finden wir tatsächlich Sonntagsaktivität. Es werden in einer Straßenecke nämlich landwirtschaftliche Kleingeräte ausgestellt (und im Ernstfall wohl auch verkauft): Holzspalter, raupengetriebene Schubkarren, weitere Maschinen, deren Sinn sich dem Städter nicht auf den ersten Blick erschließt: bizarre Formen, grelle Farben, elegante Designs wie aus einem noch zu drehenden Weltraumfilm, die jedoch gleichzeitig eine Vorahnung von Lautstärke bergen, die jenseits der Hutschnur anzuschlagen versteht. Wir geben uns als wenig kaufinteressiert, aber stark bratwurstlustig zu erkennen – und erfahren genaueres über die Maschinen, über Maiensässnutzung und den Luchs, der oberhalb Jenins` in den Bergen sein Wesen (wie die einen sagen) bzw sein Unwesen (wie die andern sagen) treibt. Den Jeninser Wein lassen wir für diesmal unversucht. Stattdessen geht es noch ins Naturschutzgebiet Siechastuda, berühmt für seine Gelbbauchunken, deren eine auszumachen uns quasi stehenden Fußes gelingt. Es bleibt dann allerdings auch bei der einen. Statt auf weitere Unken treffen wir auf Wasserläufer und einen Frosch, der wie von bösen Jungen aufgeblasen sich mühsam und luftgefüllt über

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die Wasseroberfläche dem Ende seines Froschkarmas entgegenbewegt – und Laichbatzen, welche angesichts des grausamen Einzelfroschschicksals für tausend neue Lurchleben garantieren.