Geschichten von doazmol: Leben und Landschaft am Alpenrhein

Karin Lehner betreibt mit Doazmol eine Art Miniatur-rheinsein zur Region Werdenberg im St. Galler Rheintal und hat uns schon mehrfach mit Gastbeiträgen vom Alpenrhein versorgt. Parallel zu ihrer Website, die das Leben im Werdenberg in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts dokumentiert, hat sie ihre Forschungen auch in einer Buchreihe niedergelegt, die just mit Band 5 (von Frauen aus der Region erzählte Anekdoten und Geschichten) abschloß. Karin Lehner hat die folgenden Ausschnitte eigens für rheinsein zusammengestellt. Wir freuen uns über ausgewählte Stimmen zur Werdenberger Landschaft mit Fluß, insbesondere über die im Text integrierte Tondokumentation im Rheintaler Dialekt zum auf der gegenüberliegenden Rheinseite verheerenden Hochwasser von 1927, in dessen Zuge halb Liechtenstein Land unter meldete:

„Doazmol gab es beim Rheindamm zwei Seeli, auch ein Tannenwäldchen und der schöne Erlenwald reichte bis nach Buchs.“ „Im Tannenwäldchen wurden in der Sonntagsschule die Ostereier versteckt.“ „Ringsedumi ischt eigentli nur Streui gse.“ „Im Frühling, bevor sie mit den Schafen auf die Alp gingen, waren diese dort in der Rheinau.“ „Das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen: Hatte ich im Kreuz abends die Fenster geöffnet, hörte man Frösche quaken, Grillen zirpen und die Schafe in der Au blöken.“

„Unser Gebiet zum Spielen war in der Rheinau. Es stand später auch eine Hütte vom Natur- und Vogelschutzverein dort.“ „Di junge Haager hend denn no e Schiffli g’macht, dass me het chönne uf dem Seeli umegöndele.“ „Mit dem Schiff Libelle fuhren sie auf dem oberen Seeli umher. Es hatte dort auch eine kleine Insel.“ „An Sonntagen spazierten wir häufig dorthin mit den Kinderwagen und ‛hend det bröötlet’.“ „Als dann die Industrie kam und wegen des Baus der Autobahn musste die Naturschutzgruppe umziehen und baute ihre Hütte dann im Waro-Wäldli.“

oberes seeli in der rheinauOberes Seeli in der Rheinau

„Wenn der Rhein hoch war, wurden die Schleusen geöffnet und Wasser in die Auen gelassen.“ „Da iusse im Wald isch denn alles volle Wasser gse.“ „Es schwemmte viele Fische in die Seelein. Das obere Seeli war ein sehr tiefes, türkisfarbenes Gewässer, dort gab es auch Hechte. Weiter oben war noch ein Gewässer, ‛dr Hechtgunta’.“ „Sobald das Wasser abgeflossen war, wurde der Kies weggeführt und der fruchtbare Schlamm in die Äcker gebracht, um diese zu düngen.“ „Südlich der Brücke gab es viel Letten. Durch den Grundwasserdruck des Rheins entstanden in diesem Letten wie kleine Vulkane, aus denen das Wasser heraussprudelte.“

„1927 isch de Rhii so platzet voll gse, dass mer Angscht ka het, er gaht drüberuus und chäm in Haag duri – mir hend jo e schwachi Stell im Damm ka. Wo dia schwache Stelle gse sind, hend alli g’wüsst. Mer sind denn als Boba go luege, wenn de Rhii hoch gse ischt: bi de Schwächene het’s blooteret, s’Wasser het denn uii druggt. I sebem Jahr hend d’Haager g’mont, si müsend flüche mit em Väh. De Ätti het emool verzellt, do hend’s echli Soue ka und e paar Schwänz Väh und denn hegend’s dia Soue uufglaade und sind uf Sax ui, s’Väh hend’s uitriibe. Bis s’Wasser duri gse ischt. Es ischt denn tatsächli überuus, aber is Liechtestei.“

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„Mein Vater war Rheinholzer – hatten wir Mädchen jeweils Angst, wenn es wieder so weit war. Das war eine gefährliche Arbeit und dann gingen sie auch noch nachts. Mit Wurfhaken oder langen Stecken fischten sie nach dem hertreibenden Holz und versuchten es ans Ufer zu ziehen. Vater machte dies nicht aus Abenteuerlust, wir brauchten das Holz zum Feuern.“ „Es wurde ganz unterschiedliches Holz dahergeschwemmt: Manchmal ganze Bäume, zum Teil aber auch gesägte Bretter, welche es im Bündnerland weggeschwemmt hatte.“ „Die alten Haager waren richtig ‛aagfrässe’.“ „Mein Grossvater war ein leidenschaftlicher Rheinholzer, obwohl er nur einen Arm hatte. Er nahm seine Töchter mit, damit er nicht alleine war, falls etwas passiert.“

Auch die Einarmigkeit des rheinholzenden Großvaters hat natürlich eine Geschichte: „Sie lebten alle gemeinsam in Vaduz, wo Grossvater Postautochauffeur war. Dann ereignete sich ein folgenschwerer Unfall. Die Bremsen wurden doazmol an der Aussenseite des Autos bedient. Auf dem engen Strässchen von Malbun herunter musste er mit einem entgegenkommenden Auto kreuzen, dabei hat es ihm den Arm, den er zum Bremsen benutzen musste, abgedrückt. Dieser Arm wurde amputiert und mit nur einem Arm durfte er nicht mehr Postauto fahren. Die Häuser in Haag waren doazmol billig und so kauften sich meine Grosseltern dort ein günstiges Haus. Sie betrieb ein Lebensmittellädeli und er eine Velowerkstatt.“

Die Doazmol-Frauengeschichten können wie auch die anderen vier Bände über Karin Lehners Website bestellt werden. Eine erste Rezension zum Abschlußband gibt es in der Regionalzeitung Werdenberger & Obbertoggenburger.

Achill in Vaduz

Manchmal, wenn ich die Straße
vor dem Kunstmuseum in Vaduz überquere,
rüber will in den Laden, um mir ein Brot
zu kaufen, steht Achill vor mir, er
der Krieger, Sohn der Thetis, ein Halbgott,
bis auf die berühmte Ferse unverwundbar.
Er ist ein freundlicher Herr, gekleidet
in einen dunklen Anzug, er grüßt, lüpft
seinen Hut wie zum Scherz, dann nimmt er
den Speer, der neben ihm auf dem Boden
liegt, schleudert ihn leichthin, hoch,
mit seiner Rechten, an seinem Schild,
den er über dem Anzug in seiner Linken hält,
vorbei – eine grazile Bewegung, ganz
hoch hinauf, und ich sehe ihn fliegen,
höher und höher, aufblitzen im Licht,
der Sonne entgegen – dort hält er sich,
er scheint zu schweben, ganz langsam,
fast ohne Bewegung, da oben am Himmel,
bevor er dann gleitend verschwindet,
weit, hinter Nebel und Wolken,
Bergen und Schnee – auf dass er falle und lande,
auf der Landkarte irgendwo unten, seicht,
an des Mittelmeers kultreichen Stränden.

***

Achill in Vaduz markiert den Auftakt des gleichnamigen Bandes mit Gedichten und Zeichnungen von Wolfgang Heyder. Das unvermittelte Erscheinen des antiken Helden als freundlicher Anzugträger im Städtle, der Vaduzer Fußgängerzone, mag verblüffen. Verweist es auf eine der zahlreichen Skulpturen, mit denen das Städtle so vollgepackt ist, daß ihre Zahl diejenige der Passanten häufig überschreitet und die, als Kunstwerke, geflissentlich über sich selbst hinausweisen sollen? Oder handelt es sich um einen veritablen Liechtensteiner aus Fleisch und Blut, einen intellektuellen vielleicht gar, und seine Sehnsüchte, dem engen Nord-Süd-Korridor des von hohen Bergwänden begrenzten Rheintals zu entfliehen? Wo mag der Speer einschlagen? In Monaco vielleicht, einem weiteren Kleinststaat? ”Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus / Mutter, du weißt das alles; was soll ichs Dir noch erzählen?” (Homer, Ilias, herausgegeben von Johann Heinrich Voss) Gedichte sind selten dafür geschaffen, erklärt zu werden. Sie rühren in unserem Wissen. Gelingen sie, fügen sie einen frischen Schlag Sonstewas hinzu. Wolfgang Heyder zieht aus der Geschichte literarische Personen und Persönlichkeiten hervor und setzt sie im heutigen liechtensteinischen Alltag aus. Orpheus aus der Tiefgarage “(…) hat den Autoschlüssel vergessen / (…) noch im Dunkeln greift er zum Handy / (…)”, Kuhportraits gehören zwingend zu einer liechtensteinischen Dichtung: der heilige Stier beunruhigt Triesen, später am Abend löscht Hamlet seinen Durst auf der Schweizer Rheinseite in einer Buchser Beiz mit Fernet Branca.  Heyder geht in seinen Texten auch über die straff gezogenenen liechtensteinischen Landesgrenzen hinaus, die er mit dem texte trouvé Eine Werbung für Liechtenstein beschließt, einer Autoreklame der Marke Chrysler, die verkündet: “Das Leben vergeht viel / zu schnell. Holen Sie es ein.”

Wolfgang Heyder: Achill in Vaduz. Liechtensteiner Gedichte und Lieder mit Zeichnungen des Autors, Corvinus Presse, Berlin 2013, 132 Seiten, 25 Euro. ISBN 978-3-942280-22-8. Das Buch kann auch direkt bei der Corvinus Presse bestellt werden.
(Achill in Vaduz mit freundlicher Genehmigung des Autors. rheinsein dankt!)

Schaan (3)

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Vlado Franjević schickt uns eine Reihe farbintensiver Aufnahmen aus dem Zentrum der liechtensteinischen Metropole Schaan. Dieses zeigt nebst Himmel und Bergen den (mit Kreuz) 81,11 Meter hohen Turm von St. Laurentius, dem höchsten Gebäude Liechtensteins, welcher weithin sichtbar, in elegant-schlanker Manier das Rheintal dominiert wie sonst in der Gegend nur noch der warngestreifte, unablässig süßlichen Rauch emittierende, somit den Wind anzeigende Schlot der Kehrrichtverbrennungsanlage Buchs (auf der Schweizer Talseite) und das etwas krötenhaft im Fels hockende Fürstenschloß zu Vaduz. In der Kugel unter dem Kreuz sollen sich, Gerüchten zufolge, Grußbotschaften an die Außerirdischen befinden, über deren Form und Inhalt wir jedoch bisher nichts Näheres in Erfahrung zu bringen vermochten. (Sachdienliche Hinweise werden auf Wunsch vertraulich behandelt.)

Arbon

Ostwind-Exkursion an den rheindurchströmten Bodensee. Die Bahntrasse gesäumt von Golfspielern und stochernden Störchen. Ab Buchs und ganz verstärkt ab St. Margrethen zu beobachten: rapide steigende Passagieranteile von Seniorinnen und dunkleren Hauttypen, eine typische Szene für die Afrikanische (anderen Quellen zufolge: Indische) Schweiz. Das Tagesticket verführt zu Pingpong-Reisen zwischen dem St. Gallischen und dem Thurgauischen: Arbon, Rorschach und Romanshorn heißen die Stationen. Alle drei Orte besitzen ihre Häfen und Seepromenaden. WELLEN WOLLEN WALLEN hat jemand drei wagnersch-wuchtige Witzworte aus dünnen Brettern am Arboner Ufer zusammengezimmert; das Holzgespreite liegt flach im Schwappwasser und ist kaum lesbar, aber Kunst. Etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt steht ein Quader im See, der (“nur für Einzelpersonen!”) über ein Ziehleinenboot zu erreichen ist und als poetische Eremitage dienen soll, in der auch ein Nachtlager möglich sei:

eremit

Mehr solch öffentlicher Naherholungseinsiedeleien hier und dort und sonstwo überall am Rhein – und die aktuelle Dichterschwemme nähme womöglich tsunamisch-teuflische Ausmaße an. Ob in besagtem Eremitengehäuse gedichtet – oder doch außerhalb: eine lyrische Betrachtung von Maruen und J.A.Z., die das gesamte Wasserskulpturenensemble beschreibt, dem noch ein Eimerbrunnen mit amputierten Händen angehört, findet sich genau zu des Fotografen Füßen – man beachte das tiefsinnige Wortspiel mit Lancelot:

Lance l`eau

Au bout du quai
Et relié à la rive
A l`écart et à échelle humaine
Tendu vers un hypothétique départ
Et un retour certain
Espace aquatique clos

Juste une possibilitée d`écouter differemment
L`eau du lac jouant entre les planches
Celles du quai et celles du récipient
Seaux infirmes de leurs anses
Mains amputées de leurs poignets
Mais l`eau qui danse

Lance l`eau

***

Abseits zeitgenössischer Uferkunst besitzt Arbon eine Altstadt und sogar eine eigene Steinzeitkultur. Das Stadtwappen besteht aus einem stilisierten, nicht näher spezifizierbaren, aber glücklichen Laubbaum (arbor felix), in dessen Krone nicht näher spezifizierbare Vögel nisten, von denen einer senkrecht-kopfüber, also mit comichafter Waghalsigkeit in ein von zwei nicht näher spezifizierbaren prächtigen Fischen bevölkertes Gewässerhalbrund stürzt. Das Arboner Wappen flattert überall auf Fahnen über der Arboner Altstadt und macht deutlich mehr her als manches andere Stadtwappen. Die Arboner Kunsthalle sieht aus wie eine Remise und ist nur an seltenen Wochentagen für zwei Stunden geöffnet. Die Kunst im innerstädtischen, nicht direkt am Ufer gelegenen Raum besteht aus recht experimentellen Versen („Frau verbrüht / Waffen in / Polizei nimmt / der Xamax / Ex-Mann / mit Kabine“), deren typisch schweizerische Kargheit massig Interpretationsspiel läßt – oder aus herkömmlichen Preisungen des Herrn:

gott-hilft

Am Arboner Hafen sehen wir eine mondäne Dame in Kalbsschnitzel-Sandalen und lernen neue Wörter wie „Schlipf-Benützung“ und „Bilgenschwein“. Außerdem gibt es ein bisher völlig an uns vorbeigegangenes Verbot der großen Verbotsnation Schweiz zu entdecken:

verboten

Buchs

Radfahrt nach Buchs, einem zusammengestoppelten Schweizer Grenzstädtchen im St Galler Rheintal, dessen Städtchen allesamt als Grenzstädtchen durchgehen. Buchs gilt als Lädela- (=Shopping-)Metropole für das gegenüberliegende Fürstentum Liechtenstein, die (den Ort symbol- bzw synonymisierende) Fußgängerzone wartet mit den üblichen Ladenketten und Sonntagsverkäufen auf, im wärmeren Halbjahr brutzeln die Supermärkte vor ihren automatischen Glasschiebetüren Kalbsbratwürste und Cervelat. Außerhalb der Zone existieren zwei Brockenhäuser, eine ordentliche Quote. Wikipedia erklärt, Buchs sei mittels einer Brücke mit dem Fürstentum verbunden, tatsächlich sind es drei, eine mehr als ordentliche Quote. Parallel zum Rhein fließt der Werdenberger Binnenkanal, teils durch ein irritierend individuelles, sauber verplanquadrateltes Potpourri an Wohnhausarchitektur. Dazwischen finden sich, bevorzugt auf Parkplätzen und Verkehrsinseln, schräge, auf den ersten Blick unpassende, auf den zweiten das Gesamtbild sinnvoll abrundende Skulpturen, darunter der Orandschimann, ein über und über warnwestenorange lackierter Bauarbeiter samt Karette auf dem Flachdach des im Containerstil erbauten Polizeigebäudes, einem betongerahmten, längsbetonten, kompakten Kubus, der einen wunderbar schlichten Futurismus ausstrahlt. Das Gemeindegebiet streckt sich die Hänge aufwärts bis weit über 2000 Meter. Nebst der Fußgängerzone gibt es noch die daueremissionierende Kehrrichtverbrennungsanlage („Kleintiere und Kadaver hier entlang“) als beherrschendes Merkmal; deren Rauchsäule dient über viele Kilometer hinweg als Windindikator. Die Konfessionen sind gemischt, die reformierte Kirche besitzt einen sehenswert schlankspitzen Turmaufsatz. Die freie evangelische Gemeinde wirbt mit einem Plakat, das, sobald es nur bekannter wird, noch zu Diskussionen führen dürfte: neben dem Bibelspruch „Das ist Liebe, dass wir nach Gottes Geboten leben“ prangt das Antlitz eines sympathischen jungen Mannes beim Orgasmus. Was noch? Morgens und abends glühen die Berge – je nach Sicht. Was noch? Der Miterfinder des Rastertunnelmikroskops Heinrich Rohrer stammt aus dieser Fußgängerzone mit Wohnumgebung und Bergblick. Was noch: als zentraler Versammlungsort dient die rückwärtige Mauer einer Zweiautoparkgarage plus die davor liegenden sechs Freiluftparkplätze.

Mein unsichtbares Auge empfiehlt: Rheinfänomen

Die Schaaner Commendatoren

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Ganz Liechtenstein wird beschützt von zwei Ordensrittern der Künstlerin Anna Chromy. Nachempfunden sind sie nur den mächtigsten Gestalten der erweiterten Erdgeschichte (wie etwa Darth Vader, den Dementoren aus dem Geiste Joanne K. Rowlings oder den Nazgûl aus Tolkiens Mittelerde-Saga), und plaziert hinter Gebüschen der Buchser Einfallstraße nach Schaan (bzw der Schaaner Ausfallstraße nach Buchs), einer rechts, einer links, doch beide gleich sinister an Ausstrahlung und Verstand. Nachts atmen sie schwärzeste Schwärze (Sterne prallen an ihnen ab), tags schaun sie einfach nur introvertiert-bös und versenden im Aktivfall heftige, gebündelte Rheinwellen. Als meditative Meister zielgerichteter Absorption trinken sie nebst jenen Seelen, die dem Vaterlande schaden, ausschließlich mit Kohlensäure versetztes Mineralwasser aus Vals, das sie, anders als die Seelen, die sie auf immer und schwer zerdrängt bei sich behalten, völlig schamlos am Orte ausscheiden – auf welchem Wege sie es beziehen, ist bis dato unbekannt. Ansonsten brüten sie meist einsam-zweisam vor sich hin – es ist alles andere als ratsam sich ihnen zu nähern; viele haben es jedenfalls nicht versucht und die kennt niemand mehr. Die seltenen Bilder der beiden im Volksmund „Licht“ und „Stein“ genannten Landeswächter stammen aus Sicherheitsgründen von einem mit Periskopkamera ausgestatteten Satelliten. Um sie ins Internet stellen zu können, leider bekomm ich sie nicht direkt gegenübergestellt, wurden sie zuvor sorgfältig römisch-katholisch-elektronisch exorziert.

Durchs Unterland

Von Haldenstein etappenweis mit Rhätischer und Schweizer Bahn rheinauf-rheinab. Von Buchs aus entwickelt sich eine spontane Parforce-Tour durchs Liechtensteiner Unterland. Den Segen dafür holt sich Rheinsein an der ersten Station, der Lourdesgrotte zu Bendern, einer „getreuen Nachbildung der weltweit bekannten Grotte im französischen Wallfahrtsort Lourdes“ zu Ehren der hellblau umschleiften Muttergottes, von deren Hilfsbereitschaft im Falle der Anrufung etwa 30 handgemachte Dankestafeln Zeugnis ablegen. Außerdem schenkt der Ort uns das Wort „Grottenkasse“. Auf dem Bendner Kirchhügel schworen die Männer des Unterlands (Frauen kamen damals noch nicht vor) erstmals dem Hause Liechtenstein (d.h. seinem Feldkircher Vertreter und Sachwalter) die Treue, zwölf Jahre bevor das heutige Fürstentum vom Hause Liechtenstein komplett zusammengekauft war. Auf demselben Hügel steht das Liechtenstein-Institut, eine Forschungsstätte für alle Liechtensteiner Belange, dahinter zieht sich der Eschnerberg gen Österreich – berühmt als Flüchtlings- und Schmuggelpfad. Im Gampriner Frohsinn traf sich einst der Liechtensteiner Underground, spielten Bands wie Les Reines Prochaines mit Pipilotti Rist, heuer herrscht dort landesuntypischer Leerstand. Im Gampriner Gemeindezentrum ist Rebel z`Morga angesagt, nicht etwa Rebellenfrühstück, auch wenn die anwesenden Trachtler durchaus eine Spur Alters- (resp. Sonntags-)wildheit verströmen, vielmehr handelt es sich um den berühmten Rheintalribel, in Butter geschmälzten Türkenmaisschrot, der mit Sauerkäse und Apfelmus serviert, in Kaffee getunkt zu Most genossen über Jahrzehnte das typische, tägliche, heuer nur noch an Folkloretagen gereichte Frühstück und Abendessen der Region darstellte. Als unterlandspezifisch, erklärt uns ein freundlicher Ortsforscher, gelten die durchweg romanischen Ortsnamen (außer Schellenberg), Gamprin leite sich beispielsweise von Campus Rheni ab – was plausibel klingt. Von einem lachenden, auf der Stelle fliehenden und winkenden Spitzbuebe verabschiedet geht’s denn auf Schellenberg, zunächst, aus dessen Kirche teuflisch langsame Psychedelic Rock-Tunes dringen, dessen Nonnenkloster vom kostbaren Blut offenbar auch vom Landesbischof mitbewohnt wird, dann auf Hinterschellenberg, hart bei Österreich, zu, wo das Russendenkmal an den Grenzübertritt von 500 russischen Soldaten, die unter dem Kommando von Generalmajor Arthuro Holmston-Smyslowsky auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft hatten und schließlich im Fürstentum Asyl fanden, erinnert. Auf der Grenze grast einjähriges Vieh mit nieselfeuchten Frisuren, die gestutzten Hörner mögen noch in ihren Schädeln tröten, so schaun sie zumindest drein: bißchen unterwürfig, halbblöd, eins scheint grad das Katzbuckeln zu erlernen und führt den aktuellen Trainingsstand vor. Bißchen abenteuerlich, schmugglerlike, geht’s querfeldein über elektrobezaunte Weiden und laubbedeckte Waldhänge im fortgeschrittenen Orientierungslauf durch Feldwaldwiesen-Österreiche zurück nach Hinterschellenberg, wo an einer Hausfassade, als biblische Geschichten getarnt, in vier Wandgemälden die an solchem Ort kaum vermutete Prometheus-Passion zu entdecken steht.

Schaan (2)

Siedlungsgeschichte besitzt Schaan wie soviele rheinische Flecken seit über 6000 Jahren. Die Kelten und andres sinistres Volk: die Römer errichteten ihrerzeit auf Schaaner Grund einen antialemannischen Schutzwall. Die heutigen Römer und Alemannen ficht das nurmehr archäologisch. Vom römischen Scana rührt der gleichnamige Konservenkonzern aus der geniösen Hilti-Familie, die mit ihren elektropneumatischen, auf Baustellen „religiös verehrten“ (Harald Schmidt) Bohrhämmern an der weltweit progredierenden Abrißgeschichte schreibt. Die neugotische St. Laurentiuskirche mit ihrem schlanken 81 Meter hohen Turm geht vektoriell konform mit den dahinterliegenden Bergspitzen, auf die sie weist, bis und damit diese wiederum auf den Himmel weisen, eine Bahn nachdeutend, die Gottes Sohn zu Christi Himmelfahrt und unser aller Heil vorgeflogen haben mag. Dem Vater des Volkes, dem Helfer der Armen, dem Freunde des Friedens, dem Hirten der Kunst, kurz: Fürst Johann dem Guten (1840 – 1858 – 1929) ist ein an sozialistischen Realismus erinnerndes Relief an der talzugewandten Westseite gewidmet, daß der wenigen guten Leute gedacht werde, im Himmel wie auf Erden. Sechs Kilometer lang ist der Schaaner Kulturweg mit einigen dreißig Stationen, das Rheindenkmal eine Felstafel-Erinnerung an die große nationale Überflutungs-Katastrofe von 1927 mit Danksagung an die edlen Helfer und Spender in der Not plus Höchstwassermarkierung. Am Rheinhof künden skulpturierte Wasserspiele von der genauen Lage Schaans nach heute gängigen Vorgaben (*), der Zollimbiss offeriert „Echte Döner Kebap!!! Nur von Kalbs Plätzli“. 1943 notwasserte ein US-Kampfflieger im Schaaner Rhein, um Zentimeter auf der Schweizer Grenze, also im Buchser Rhein. Die Umbauten im Schaaner Zentrum erinnern an jene vom Potsdamer Platz, während sich von Süden her mit einigem Selbstbewußtsein die Ortschaft Triesen der Schaan-Vaduzer Megalopolis (Schaduz? Vaaan?) nähert, während sich die imposanten Holzhäuser nach und nach in der Mischarchitektur verkrümeln. Ich habe mitten im Ort ein flüchtiges Wesen mit rheinblauen Augen erkannt und mir ist es gelungen, einen Schnellzug den Schaan-Vaduzer Bahnhof passieren zu sehen.

(*) Schweizer und deutscher Nullpunkt sollen sich bei einem rheinüberschreitenden Brückenbau verhindernd ausgewirkt haben: ersterer liegt am Mittelmeer, letzterer an der Nordsee und dazwischen entscheidende Höhenzentimeter.

Schaan

Rheinsein erobert seinen Lieblingszwergstaat, das Fürstentum Liechtenstein, verortet sich zumindest im dortigen Schaan. Genauer gesagt: ziemlich exakt zwischen lokalem Programmkino und Migros, umspült von jeher kühl und klar schießenden, mit improvisierten, nichtsdestotrotz vertrauenswürdigen Bretterkonstruktionen überbrückten Gießen, unweit der restlos alle sieben Wochentage bis zum Schluß geöffneten Damage Bar, gegenüber dem an die Durchgangsstraße zur Schweiz eingebuchteten Ha Long Take-Away. Schaan… hat Elan, behauptet die Eigenwerbung dieser mit der fürstlich-liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz mittlerweile zum kaum mehr überschaubaren Agglomerationsgebiet zusammengewachsenen Rheinmetropole. In der Tat, Schaan… hat Elan: die Bautätigkeit ist enorm, die Busse fahren grob nach Plan. Auch alpenbestanden büßt das Rheintal nichts von seinen verkehrs- und baulärmerischen Qualitäten ein. Zumindest nicht in Liechtenstein. In den Gärten reifen auf verheißungsvollste Art formschöne Spalierbirnen, wälzen sich frühe Glasäpfel waidwund auf meditativ rasierten Rasenflächen. Spielerisch, ungelenk und sinnlos sich bespringende Kühe mitten im stets Richtung Zukunft orientierten Schaaner Zentrum; Geruch frischgebügelter Fränklinoten mit Akzenten von Pferdeschweiß. Im össara Loma schießt der Ribelmais. In den Vorgärten schwellen Hortensien: kalbskopfgroße Blumenmonster saisonaler Schönheit zwischen den Bergrücken. Es muß mal gesagt sein: von der Eisenbahntrasse zwischen Sargans und Buchs sieht Liechtenstein sehr niedlich und winzig aus, ziemlich genau so wie in allen billigen Witzen über dieses erstaunliche Land – doch ist dieser äußerst rare Flecken erst einmal betreten, weitet und vertieft er sich plötzlich ungemein, die Straßen werfen, nebst ihren Baustellen, lauter bedeutungsschwere Häuser auf. In denen lauter ungewöhnliche Begriffe lagern. Wie Zustupf (dt.: Geldgabe/Spende) z.B. Dies nur als kleiner, randseitiger, beliebig mit tausend anderen multiplizierbarer Ansatz interkulturellen Verstehens, Scheiterns, Liebens etc. Rheinsein jedenfalls ist soeben erst in der Alpenregion angekommen, sucht noch ein wenig Orientierung, und mag jubelnd vermelden, daß der Geist des Schaaner Autors Stefan Sprenger sich dankenswerterweise einfach mal so, aus dem angewandten Weltverständnishandgelenk, als guter Stern über alle anstehenden Regionalerkundungen an den Rheinsein aktuell verfügbaren Abendhimmel emporgeschwungen hat; welch letzterer mit den Sternbildern des Milchbrötchens und des iMacs in übernatürlicher Klarheit protzt, eine seltene stellare Konstellation, die sowohl auf übermäßigen Wortfluß hinweist, als auch auf feinste (resp. gröbste) alpine Zerdrängung.