Latium im Land von Maas und Waal

Einer der unangefochtenen Klassiker der Popmusik auf Niederländisch ist “Het land van Maas en Waal” von Boudewijn de Groot, aus dem Jahr 1967. In diesem Lied, das damals nahezu im Minutentakt im Radio zu erklingen schien, zieht das Zirkus Jeroen Bosch, dem König von Spanien entkommen, über Gebirge und Hügel und durch den großen Wald ins Land von Maas und Waal. Was es genau mit der Anziehungskraft dieser Gegend auf sich hatte, wird aus dem Lied nicht so richtig klar, durch die bunte Schilderung der fröhlich fliehenden Truppe festigt sich beim Hörer aber eine Vorstellung betörender Lebhaftigkeit.

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Es war in der Tat ein bewegter Tag, als ich in Alem war: Der Fischwagen war wieder da, den ganzen weiten Weg aus Werkendam her. Kaum hatten beide Damen ihr Geschäft eröffnet, da kamen die Alemer schon herangeschwärmt. Und zwar aus gutem Grund, denn im Dorf gibt es weiterhin nichts Mittelständisches mehr, auβer einer Reihe Bed and Breakfasts. Gäste werden die im Januar wohl keine gehabt haben, so wie es auch auf den nahegelegenen Bootsstegen, trotz mehrerer Jachten, betagt zuging.
Das Wasser, im dem die Boote herumplätschern, ist übrigens nicht der Waal, sondern ein abgetrennter Teil des Maas: Am nördlichsten Punkt ist dies ehemalige Flussbett nur einen einzigen Kilometer vom Waal hinter den Bäumen entfernt.

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Bis 1935 befand sich Alem, jetzt nördlich der Maas, am südlichen Maas-Ufer: Die dann durchgeführte Kanalisation setzte den über Jahrhunderte üblichen Überschwemmungen ein Ende. Auβer bei Woudrichem, wo sich die Maas mit dem Waal zur Merwede vereint, ist das Land von Maas und Waal nirgendwo sonst so eng wie hier, auf der Alemer Halbinsel, fünfzehn Kilometer nördlich von ´s-Hertogenbosch, Heimat des Jeroen Bosch.

In meiner Tramperzeit gab es mal diesen jungen Deutschen, der meinte, das Initial-s stünde für “Sankt”: Ein heiliger Herzog ist aber nicht gemeint, hier geht’s lediglich ums Kürzel des bestimmten Artikels im Genitiv. Alem hingegen, so klein wie es ist, kann sich schon mit einer Heiligen brüsten. Seit dem 13. Jahrhundert war der winzige Fleck über Jahrhunderte ein richtiger Wallfahrtsort, zur Verehrung der St. Odrada, deren Reliquien dort bis ins 17. Jahrhundert aufbewahrt wurden. Die Heilige war der Legende nach eine Adelstochter aus dem belgischen Teil der Kempen, die ihr Leben Gott widmen wollte, es von der Stiefmutter aber unterbunden bekam, auf einer Wallfahrt mitzufahren, es sei denn, sie zähme sich ein wildes Pferd zurecht. Und wie das eben so geht, nahm sich das junge Mädel einen Lindenzweig, und gleich kniete ein schneeweißes Pferd vor ihr hin, auf dessen Rücken die kleine Odrada dann die zehn Kilometer zum Wallfahrtsort Millegem noch vor den Eltern zurücklegte. Dort entspross dem herrlichen Lindenzweig eine blühende Linde, und als Odrada sagte, dass sie dürstete, offenbarte sich ein Brunnen, der später im Ruf stand Augenkrankheiten zu heilen.
Bald aber erkrankte das fromme Wundermädchen selber. Ihrem letzten Wunsch zufolge wurde ihr Leichnam in einem holen Baum von einem Ochsengespann durch die Welt gefahren, um sie dort zu bestatten, wo die Tiere halten würden. Ihre postmortale Irrfahrt ging erst im 90 Kilometer nördlicher gelegenen Alem zu Ende, wo der Vater seiner Tochter zu Ehren eine Basilika errichtete.

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Die heutige katholische Kirche (hier rechts im Bild), die so-und-so-vielte an gleicher Stelle, wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Die Kirche links ist die ehemalige evangelische, wo jetzt ein Dachziegelmuseum beherbergt ist.
Es stehen in Alem mehrere Häuser zum Kauf angeboten. Ob diese Abtrünnigen den gleichen Weg verfolgen werden, wie eine Tochter des Dorfes im 19. Jahrhundert? Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass diese Maria, in entgegengesetzter Richtung zu St. Odrada, über Rotterdam und Brüssel die letzten Jahre ihres Lebens in Monte Carlo verbrachte. Auch ihr moralischer Weg war dem des frommen Wundermädchens recht zuwider: Als brave Schneidertochter mutierte sie zuerst zur Bordellmodistin, später dann zur Bordellmadame. Ihre Tochter, sozusagen in gleicher Branche tätig, stellte sich im Verborgenen der Gestapo zur Wehr in Amsterdam. Diese wahre Begebenheit bildet die Grundlage eines eigenen Romanprojektes für die nächsten Jahre.

Wer von ´s-Hertogenbosch nach Alem gelangen möchte, muss letztendlich bei einem weiten Verkehrskreis nach rechts abbiegen. Die unmittelbar danebengelegene Ortschaft ist zwar winzig, aber immerhin der Ort, wohin alle Wege führen. Rome heißt sie nämlich, Rom also. Anzeichen eines Vatikans habe ich nicht erkennen können, aber man weiß ja nie, ob sich nicht doch der heutige Papst, der eben auf Bescheidenheit steht, im Geheimen dort niedergelassen hat (in Nachfolge der italienischen Ziegelfabrikarbeiter, die hier einst ihre Kolonie hatten). Leider fand ich erst später heraus, dass ich dann doch, zum ersten Mal in meinen Leben, in Rom gewesen war: So fehlen hier Fotos der heiligen Stadt.

Fährt man in diesem Latium geradeaus, gelangt man eineinhalb Kilometer weiter zum Dorf Rossum, wo aus einem Plaggenhüttenschornstein Rauch hervor zu qualmen scheint.

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Umso friedlicher ein solcher Anblick, wenn man bedenkt, dass der Ortsname eines der blutigsten Zeitfächer der niederländischen Geschichte heraufbeschwört: In diesem Ort befand sich das Stammschloss der Familie von Maarten van Rossum, Feldmarschall des Herzogtums Geldern im 16. Jahrhundert. Die Opferzahl seines Treibens lässt sich nicht mal annähernd beziffern: Plündern und Brandschatzen waren über gute dreißig Jahre hinweg seine bevorzugte Strategie beim verzweifelten Versuch des Herzogs, sich entgegen den Habsburgern noch als selbstständige Territorialmacht zu behaupten. Dabei umfasste das Herzogtum nicht nur die Stadt Geldern und direktes Umland, sondern auch die heutige niederländische Provinz Gelderland, zu der Rossum immer noch gehört.

Geldern ging letztendlich leer aus. Nicht nur kam das Herzogtum dann doch an die Spanischen Niederlände, beim Frieden von Münster erfolgte sogar noch die endgültige Spaltung. Trotz des unrühmlichen Ausgangs werden die verheerenden Feldzüge des Maarten van Rossum allgemein als Vorspiel des niederländischen Aufstandes gegen die Spanier im Achtzigjährigen Krieg bewertet. Niederländer meiner Generation haben den Feldmarschall wohl eher als reinen Schurken in Erinnerung, der 1969er Fernsehserie Floris zufolge (Sprungbett für Rutger Hauer und Paul Verhoeven), in der er der böse Hauptgegner des blonden holländischen Ritters Floris ist.

An sich natürlich erfreulich, dass das heutige Rossum nicht die geringste Spur eines Blutvergießens aufzeigt, man kann’s aber auch übertreiben: Bis ins letzte Detail scheint alles zum vorgeschobenen Posten Brabanter Gemütlichkeit aufpoliert. Frisch und säuberlich wirkt hier alles Nostalgiebeladene. Entsprechend betrifft es da, wo der Rauch aus dem Schornstein hervorqualmt, umso weniger eine Plaggenhütte, sondern den (vom Waal-Deich her aufgenommenen) Dachfirst eines riesigen alten Hofes, der vor in Stand gesetzter Wohlhabenheit nur so strotzt. Ihm gegenüber befindet sich eines jener Geschäfte, die sich in zunehmendem Masse über die Niederlande verbreiten: Ein Trödelladen nach französischem Muster, eine sogenannte brocante, wo noch die hässlichsten Möbel aufgefrischt als Gartenperlen von der Hand gehen.

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Etwas weiter begegnet man einer DHL-Station, so wie sie mir in den Niederlanden bislang nirgendwo auffiel: Links und rechts der Straße stehen gute zwanzig gelbe Lieferautos beisammen, wohl damit man nicht außer Auge verliert, sich im Jahrhundert der Internetbestellungen zu befinden, oder aber, als müsste das Band zu Geldern doch noch auf der Schnelle hergestellt werden. Das ginge übrigens auch mit einem der Sportwagen, die man sich beim dazugehörigen Autohändler besorgen kann. In Rossum kauft man Porsche oder MG. Irgendein Abweichler fährt in einem Auto herum, als wäre das Zirkus Jeroen Bosch gerade unterwegs. Das aber war das After Party Hotel.

Da wagen wir lieber einen Blick über den Waal, wäre es nur zum Verweis aufs Werk des schon mal erwähnten Malers Willem den Ouden, wohnhaft im nahegelegenen Dorf Varik, am anderen Flussufer.

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Auf meine Anfrage für ein Treffen wurde leider nicht reagiert, der Künstler ist aber auch nicht mehr bei bester Gesundheit, und zu Fotografen hat er sich eh schon mal negativ geäußert. Aber immerhin, gute fünfzig Jahre lang widmete er seine Kunst der Waal-Landschaft, gab er sich ausgiebig dem wechselhaften Spiel von Wolken und Sonne hin. Auch wenn seine Werke hin und wieder ins allzu Mystische abwandern, bezeugen sie, darunter besonders seine Zeichnungen, der vielgestaltigen Unermesslichkeit der Natur alle Ehren (sei es natürlich ohne Hochspannungskabel, wie im Foto).
Im Einklang damit machte er sich, zusammen mit dem Amsterdamer Dichter Willem van Toorn, einen Namen als vehementer Kritiker der Deichmodernisierungsmaßnahmen. Dies wurde ihm nicht dankend abgenommen, als die Region 1995 vom rasant angestiegenen Wasserpegel arg bedroht wurde. Der endgültige Entschluss ist noch fällig, aber es liegen schon Pläne bereit, in den nächsten Jahren genau bei Varik eine weitere Nebenrinne, wie bei Nijmegen, einzurichten. So wächst zur Sicherheit des Zirkus Jeroen Bosch ein Land von Maas und Waal und Nebenrinnen heran.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal auf den Spuren eines niederländischen Schlagers. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Herbsttage am Rhein (2)

Wir fragten sie, um unser Interesse zu zeigen, ob sie auch in der Fistel singen könne. Sie sagte, das habe sie noch nicht versucht, und jetzt stehe ihr der Sinn nicht nach Singen. Morgen aber wolle sie zum hiesigen Zahntechniker gehen. Der sei ihr warm empfohlen worden und nehme nur die Hälfte von dem, was der Arzt in der Stadt fordere. Wir stimmten ihr begeistert zu und baten sie, noch eine Flasche zu bringen. Wir hatten in unserer Behandlungsweise das Richtige getroffen; wir bekamen noch die zweite Pulle.
Der Wein im Jägerhaus hatte es uns angetan. Unsichtbare Gewalten zogen uns täglich zu Wehneibe Plümecke. Zwei Flaschen des köstlichen Tropfens hatte sie uns pro Tag bewilligt.
Ihre Backe wurde täglich dicker, die andere Backe, die die Sache ja eigentlich nichts anging, schwoll vielleicht aus einem gewissen Gefühl für Symmetrie ebenfalls an.
Wir erkundigten uns in wirklich herzlicher Form nach ihrem Wohlergehen und heuchelten ein völliges Aufgehen in ihren Fisteln, ein Interesse, das sich mit nichts anderem mehr in der Welt als lediglich mit ihrer Person befaßte. Der Wein war aber auch zu herrlich.
Sie sagte, sie habe keine Courage, zum Zahntechniker zu gehen. Es scheine übrigens, als ob es so wieder besser werde. Wir möchten doch mal nachschauen, sie habe ein Gefühl, als ob die Fistel beigefallen wäre. Wir schauten ihr wieder in den Mund – Gott, war der Wein schön – und sagten, das scheine uns auch so.
Am nächsten Tage jammerte sie sehr und brachte aus Versehen einen falschen Jahrgang. Wir machten sie schüchtern darauf aufmerksam und fragten voll innigem Mitgefühl mit einem unterstrichenen Unterton von freudiger Hoffnung, wie es heute gehe, ob es sich gemacht habe. Oder ob sie bei dem Zahntechniker gewesen sei.
Nein, aber sie glaube, daß sie doch in den sauren Apfel beißen müsse, denn es werde täglich schlimmer. Wir möchten nur mal sehen.
Wir starrten, innerlich grausend, äußerlich mit dem Interesse eines allernächsten Verwandten in das Tohuwabohu von verschwollenem Zahnfleisch. Wirklich, es war kein schöner Anblick. Ach, wenn sie nur nicht die letzten Flaschen ihres märchenhaften Trankes in ihrem Keller gehabt hätte!
Wir schüttelten ernst die Köpfe und murmelten: “Ja, ja, schlimme Sache, schlimme Sache. Beklagenswerte Frau. Sie sind eine Heldin, eine Märtyrerin!”
Sie brachte jetzt den richtigen Jahrgang. –
Mehrere Tage lang wollte sie immer am anderen Morgen bestimmt zum Zahntechniker gehen.
Eines Tages war Frau Plümecke nicht da. Die Magd brachte uns den Wein. Frau Plümecke sei jetzt endlich zum Zahntechniker gegangen. Nur eine Flasche habe sie herausgestellt, die andere werde sie uns nach ihrer Rückkehr selbst bringen.
An diesem Tage mußten wir uns mit einer Flasche begnügen.
Am nächsten Tage war Frau Wehneibe Plümecke wieder nicht da. Die Magd sagte, die Wirtin sei gestern acht Stunden bei dem Techniker gewesen. Er sei aber noch nicht ganz fertig geworden. Als sie zurückgekommen sei, habe sie ausgesehen, wie der Bahnwärter, der kürzlich vom Zug überfahren worden war. Es sei furchtbar gewesen.
Wehneibe Plümecke habe gestern abend alle ihre Sachen geordnet und lange in der Bibel gelesen. Heute sei sie wieder zum Zahntechniker.
Auch am darauffolgenden Tage war sie wieder hin. Es sei ein schwieriger Fall, der sich nicht überstürzen lasse, habe der Mann gesagt.
Die Magd erzählte, Frau Plümecke sehe jetzt aus wie ein rohes deutsches Beefsteak, das man aus der dritten Etage auf das Pflaster geworfen und über das man dann rote Tinte gegossen habe. Sie habe gekündigt. Sie könne es nicht mehr ertragen. Frau Plümecke sei überhaupt nicht mehr Frau Plümecke. Sie habe ihr sämtliche Kellerschlüssel gegeben. Sämtliche Schlüssel.
Wir tranken an dem Tage fünf Flaschen.
Es war nachmittags halb sechs, als plötzlich die Tür aufging und Frau Wehneibe Plümecke hereinwankte. Die Magd hatte nicht zu viel gesagt. Die gräßlichste Sensation im Museum Wiertz in Brüssel war ein sanfter Ludwig Richter gegen das Bild, das die bedauernswerte Wirtin des Jägerhauses bot.
Erschöpft fiel sie auf einem Stuhl zusammen.
Plötzlich stierte sie mit großen, verglasten Augen die fünf auf dem Tisch stehenden Flaschen und dann uns an.
Wir zitterten und guckten weg.
Ob jetzt alles in Ordnung sei, versuchte ich sie abzulenken.
Sie öffnete nur den Mund und forderte uns mit starrer Geste auf, hineinzuschauen.
Voller Schauder näherten wir uns und blickten in den furchtbaren Abgrund. Ein entsetzliches Durcheinander von abgebrochenen Zähnen, zerfetztem Zahnfleisch, ausgefranster Zunge, bot sich uns dar. Aus einem Backenzahn ragte ein abgebrochener, blinkender Stahlbohrer in dieses Inferno. Uns grauste, wir wandten uns ab, nahmen unsere Hüte und drückten uns scheu zur Tür hinaus.
Ich irrte die ganze Nacht planlos in den Bergen umher.
Toni Bender kaufte sich vier Flaschen Rum.
Die Allgewalt des Weingottes war doch zu stark. Wir hatten einmal Blut geleckt. Wir hatten lange gekämpft und waren unterlegen.
Am nächsten Tage schlichen wir wieder zum Jägerhaus. Nur die Magd war da, die noch immer die Schlüssel hatte. Frau Plümecke war in die Stadt gefahren zum Zahnarzt, der doppelt so teuer war wie der Zahntechniker. Wir tranken fünf Flaschen. Frau Plümecke sahen wir nicht.
Am folgenden Tag saß sie wieder auf ihrem alten Platz am Schanktisch. Sie hatte den Kopf verbunden, sah aber sonst menschlich aus. Sie blickte uns streng an. Wir schlugen die Augen nieder. Sie mußte die Lücke im Keller bemerkt haben. Es kam mir schwer an, mit ihr zu reden. Der Blick in den Höllenrachen wollte mir nicht aus der Erinnerung. Es mußte aber unbedingt etwas geschehen. Ich nahm meine ganze Energie zusammen und sagte mit dem herzlichsten Timbre, den ich aufbringen konnte: “Jetzt ist wohl wieder alles in Ordnung. Können wir der mutigen, famosen Wirtin vom Jägerhaus, der Hebe, der Göttin des besten Tropfens des Rheingaues, gratulieren?”
“Ja, ja, der famosen mutigen Frau Wehneibe Plümecke”, trug Toni Bender auch seinen Teil bei, um die Stimmung zu heben.
Stillschweigend kramte Frau Plümecke in ihrer Tasche herum und brachte ein kleines Zeitungspapierpaketchen, das recht unappetitlich aussah, zum Vorschein. “Da sehen Sie!” Sie schob mir das Päckchen über den Tisch zu. Mit bebender Hand öffnete ich es. Acht abgebrochene Zähne, zwei Wurzeln, Stücke vom Kiefer und was weiß ich, was alles so in einem Mund loszubrechen geht, fielen mir entgegen und sprangen mit schauerlichem Geklapper über die Tischplatte. Einen schrecklichen Anblick bot jener mächtige Backenzahn, in welchem, wie eine Lanze in der Leiche eines Nibelungenrecken, der abgebrochene Bohrer stak.
Der Angstschweiß trat uns auf die Stirn angesichts dieser Schädelstätte. Das Geräusch der springenden Zähne gellte uns in den Ohren. Ein namenloses Entsetzen packte uns. Mein Kragen sprang von selbst auf. Meine Krawatte entknotete sich, leise auseinandergleitend wie eine Schlange. Die festen Manschetten lösten sich mit lautem Knall vom Hemd, sprangen in kurzen, ruckhaften Sätzen durch das Zimmer, stießen knirschende Laute aus und krochen dann blitzschnell unter einen Schrank. Die Augen traten mir aus den Höhlen und baumelten an den Nervensträngen hängend wie zwei Monokel auf meiner Weste herum. Toni Benders Brille lief erst an, wurde dann plötzlich weißglühend und schnitt ihm zischend die Nase ab, die in sein Weinglas fiel.
Ich lag vier Tage im Bett. Toni Bender kaufte sich zwölf Flaschen Rum.
Furchtbare Tage, qualvolle Nächte! Immer verfolgte uns das gespenstige Bild jenes danse macabre.
Der Wein vermochte uns nicht mehr zu locken. Das Grauen vor jener furchtbaren Stätte war stärker.
Ich habe dieses entsetzliche Geschehnis in meinem Innersten zu vergraben, zu ersticken gesucht. Ich habe gekämpft, ich habe alles getan, um den Spuk zu bannen. Es ist mir nicht gelungen.
Das letzte Mittel muß ich versuchen: ich muß davon reden, ich muß das Erlebnis in Worte ketten.
Vielleicht werde ich dann Ruhe finden. Vielleicht.
Wenn nicht, dann bleibt Lysol mein einziger Ausweg und das wäre schade um mich, ich habe mir gerade zwei neue Anzüge machen lassen.

(Hermann Harry Schmitz: Herbsttage am Rhein)

Een reisje langs den Rijn

Laatst trokken we uit de loterij
Een aardig prijsje
‘k Zei tot mijn vrienden: ‘Maak met mij
Een aardig reisje.’
Die wou naar Brussel of Parijs
Die weer naar Londen
‘Vooruit!’ riep ik, ‘wij maken fijn
Een reisje langs den Rijn!’
In een wip, sakkerloot
Zat het clubje op de boot

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn
Met een lekker potje bier, bier, bier
Aan den zwier, zwier, zwier
Op d’rivier, vier, vier
Zoo’n reisje met een nieuwerwetsche schuit, schuit, schuit
Allemaal in de kajuit, juit, juit
‘t Is zoo deftig, ‘t is zoo fijn, fijn, fijn
Zoo een reisje langs den Rijn

Zoo kwamen we met prachtig weer
Het eerst bij Keulen
Mijn tante walste over ‘t dek
Als een jong veulen;
Oome Kees nam zijn harmonica
En ging aan ‘t trekken
En dadelijk zong kromme teun
‘Deutschland! wie bist du schon!’
Nichtje Saar, welk gevaar
Riep: ‘Houdt op, ik word zoo naar!’

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn…

Bij Mannheim kwam er bliksem
Het begon te waaien
Mijn tante riep: ‘Het schip vergaat
We zijn voor de haaien!’
Zij vloog naar de commandobrug
En riep: ‘Kap’teintje
Beneden in de eerste klas
Ligt nog mijn beugeltasch
O kap’tein! maak geen gijn
Geef me een slokkie brandewijn!’

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn…

(Das Lied stammt aus dem Jahr 1906, der Text von Louis Davids. Hier nachzuhören in einer Interpretation von Willy & Willeke Alberti - als außergewöhnlich karnevalistisches Arrangement für den calvinistisch geprägten Stamm der Niederländer.)

Umstrittene Skulptur auf dem Rheinsteig

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Der heilige Christophorus schleppt das Jesuskind über den Rheinsteig. Christophorus, hier mit menschlichem Schädel, war nach Ansicht der Ostkirche Kynokefale, also hundsköpfig, somit Angehöriger eines Wildvolks, auch Halbhunde genannt, das sich “am Rande der zivilisierten Welt” bewegt(e) und je nach Quelle ausschließlich von Fischen, Laub oder Menschen ernährt(e). So lautet die gängige, wenngleich kaum historisch verankerbare Deutung der Statue auf dem Kauber Roßstein. Unser Fotograf erkannte auf den Schultern “des Diebes” bzw “des alleinerziehenden Vaters” hingegen das Brüsseler Manneken Pis, dessen mehrfache Entführung historisch belegt ist und dessen eigens bestellter Gewandmeister für zahlreiche Garderobenwechsel des kleinen Julien Sorge trägt. Bunte, widerstreitende Ansichten über die Bedeutung der Skulptur also, die sich auch nicht anhand der Wintergaben für das Knäblein auflösen lassen. (Bild: Costa “Quanta” Costa)

Le Rhin! ah! c’est beau! c’est très beau!

A M. AUGUSTE MOREL.

Bruxelles. Mayence, Francfort.

Oui, mon cher Morel, me voilà revenu de ce long voyage en Allemagne, pendant lequel j’ai donné quinze concerts et fait près de cinquante répétitions.
[...]
Mon voyage a commencé sous de fâcheux auspices; les contre-temps, les malencontres de toute espèce se succédaient d’une façon inquiétante, et je vous assure, mon cher ami, qu’il a fallu presque de l’entêtement pour le poursuivre et le mener à fin et à bien. J’étais parti de Paris me croyant assuré de donner trois concerts dès le début: le premier devait avoir lieu à Bruxelles, où j’étais engagé par la Société de la Grande-Harmonie; les deux autres étaient déjà annoncés à Francfort par le directeur du théâtre, qui paraissait y attacher beaucoup d’importance et mettre le plus grand zèle à en préparer l’exécution. Et cependant, de toutes ces belles promesses, de tout cet empressement, qu’est-il résulté? Absolument rien! Voici comment: Madame Nathan-Treillet avait eu la bonté de me promettre de venir exprès de Paris pour chanter au concert de Bruxelles. Au moment de commencer les répétitions, et après de pompeuses annonces de cette soirée musicale, nous apprenons que la cantatrice venait de tomber assez gravement malade, et qu’il lui était en conséquence impossible de quitter Paris. Madame Nathan-Treillet a laissé à Bruxelles de tels souvenirs du temps où elle était prima dona au théâtre, qu’on peut dire, sans exagération, qu’elle y est adorée; elle y fait fureur, fanatisme; et toutes les symphonies du monde ne valent pas pour les Belges une romance de Loïsa-Puget chantée par Madame Treillet. A l’annonce de cette catastrophe, la Grande-Harmonie tout entière est tombée en syncope, la tabagie attenant à la salle des concerts est devenue déserte, toutes les pipes se sont éteintes comme si l’air leur eût subitement manqué, les Grands-Harmonistes se sont dispersés en gémissant; j’avais beau leur dire pour les consoler: «Mais le concert n’aura pas lieu, soyez tranquilles, vous n’aurez pas le désagrément d’entendre ma musique, c’est une compensation suffisante, je pense, à un malheur pareil!» Rien n’y faisait:

Leurs yeux fondaient en pleurs de bière,

et nolebant consolari, parce que Madame Treillet n’y était pas. Voilà donc le concert à tous les diables; le chef d’orchestre de cette Société si grandement harmonique, homme d’un véritable mérite, plein de dévouement à l’art, en sa qualité d’artiste éminent, bien qu’il soit peu disposé à se livrer au désespoir, lors même que les romances de Mlle Puget viendraient à lui manquer, Snel enfin, qui m’avait invité à venir à Bruxelles, honteux et confus,

Jurait, mais un peu tard, qu’on ne l’y prendrait plus.

Que faire alors? s’adresser à la Société rivale, la Philharmonie, dirigée par Bender, le chef de l’admirable musique des Guides; composer un brillant orchestre, en réunissant celui du théâtre aux élèves du Conservatoire? La chose était facile, grâce aux bonnes dispositions de MM. Henssens, Mertz, Wery, et même de M. Fétis, qui tous, dans une occasion antérieure, s’étaient empressés d’exercer en ma faveur leur influence sur leurs élèves et amis! Mais c’était tout recommencer sur nouveaux frais, et le temps me manquait, me croyant attendu à Francfort pour les deux concerts dont j’ai parlé. Il fallut donc partir, partir plein d’inquiétude sur les suites que pouvait avoir l’affreux chagrin des dilettanti belges, et me reprochant d’en être la cause innocente et humiliée. Heureusement ce remords-là est de ceux qui ne durent guère, autant en emporte la vapeur, et je n’étais pas depuis une heure sur le bateau du Rhin, admirant le fleuve et ses rives, que déjà je n’y pensais plus. Le Rhin! ah! c’est beau! c’est très beau! Vous croyez peut-être, mon cher Morel, que je vais saisir l’occasion de faire à son sujet de poétiques amplifications? Dieu m’en garde! Je sais trop que mes amplifications ne seraient que de prosaïques diminutions, et d’ailleurs j’aime à croire pour votre honneur que vous avez lu et relu le beau livre de Victor Hugo.

[...]

Le jour suivant donc, je me rendis allègrement au théâtre, pensant le trouver déjà tout préparé pour mes répétitions. En traversant la place sur laquelle il est bâti, et apercevant quelques jeunes gens qui portaient des instruments à vent, je les priai, puisqu’ils appartenaient sans doute à l’orchestre, de remettre ma carte au maître de chapelle et directeur Guhr. En lisant mon nom, ces honnêtes artistes passèrent tout-à-coup de l’indifférence à un empressement respectueux qui me fit grand bien. L’un d’eux, qui parlait français, prit la parole pour ses confrères: «Nous sommes bien heureux de vous voir enfin; M. Guhr nous a depuis longtemps annoncé votre arrivée, nous avons exécuté deux fois l’ouverture du Roi Lear. Vous ne trouverez pas ici votre orchestre du Conservatoire; mais peut-être cependant ne serez-vous pas mécontent!» Guhr arrive. C’est un petit homme, à la figure assez malicieuse, aux yeux vifs et perçants, son geste est rapide, sa parole brève et incisive; on voit qu’il ne doit pas pécher par excès d’indulgence quand il est à la tête de son orchestre; tout annonce en lui une intelligence et une volonté musicales; c’est un chef. Il parle français, mais pas assez vite au gré de son impatience, et il l’entremêle, à chaque phrase, de gros jurements, prononcés à l’allemande, du plus plaisant effet. Je les désignerai seulement par des initiales. En m’apercevant:

—Oh! c’est vous, mon cher! vous n’avez donc pas reçu ma lettre?

—Quelle lettre?

—Je vous ai écrit à Bruxelles pour vous dire… Attendez… je ne parle pas bien… un malheur… c’est un grand malheur!… Ah! voilà notre régisseur qui me servira d’interprète. (Et continuant à parler français):—Dites à M. Berlioz combien je suis contrarié; que je lui avais écrit de ne pas encore venir; que les petites Milanollo remplissent le théâtre tous les soirs; que nous n’avons jamais vu une pareille fureur du public, et qu’il faut garder pour un autre moment la grande musique et les grands concerts.

—Le régisseur: M. Guhr me charge de vous dire, Monsieur, que…

—Moi: Ne vous donnez pas la peine de le répéter; j’ai très bien, j’ai trop bien compris, puisqu’il n’a pas parlé allemand.

—Guhr: Ah! ah! ah! j’ai parlé français, sans le savoir!

—Moi: Vous le savez très-bien, et je sais aussi qu’il faut m’en retourner, ou poursuivre témérairement ma route, au risque de trouver ailleurs quelques autres enfants prodiges qui me feront encore échec et mat.

—Guhr: Que faire, mon cher, les enfants font de l’argent, les romances françaises font de l’argent, les vaudevilles français attirent la foule; que voulez-vous? Je suis directeur, je ne puis pas refuser l’argent; mais restez au moins jusqu’à demain, je vous ferai entendre Fidelio, par Pichek et Mademoiselle Capitaine, et vous me direz votre sentiment sur nos artistes.

—Moi: Je les crois excellents, surtout sous votre direction; mais, mon cher Guhr, pourquoi tant jurer, croyez-vous que cela me console?

—Ah! ah! ça se dit en famille. (Il voulait dire familièrement.)

Là-dessus le fou rire s’empare de moi, ma mauvaise humeur s’évanouit, et lui prenant la main:

—Allons, puisque nous sommes en famille, venez boire quelque vin du Rhin, je vous pardonne vos petites Milanollo, et je reste pour entendre Fidelio et Mademoiselle Capitaine, dont vous m’avez tout l’air de vouloir être le lieutenant.

(aus: Hector Berlioz – Voyage musical en Allemagne et en Italie, I)

Promonarchistische Alpenrheinlyrik (2)

FL_Monarchie

“Nein zur Abschaffung”: doppelte Verneinung wird bekanntlich zur Bejahung. Doppelte Verneinung (n-nein-n-nein) ist aber doch auch immer etwas anderes als ein knappes, furztrockenes “ja”. Versteckte Bedenken lassen sich erahnen, wo einer mittels mehrfachen Neins erst zum Punkt gelangt. Und: Daswollnwirnichtdenken führt der Hobbypsychologe auf verstärkte Verbotsumgebungen in der Kindheit zurück. Muß fürstentreuer Konservativismus sich sui generis aus Doppelneinbejahung und Abgrenzung speisen? Und aus holprigen Versen, die sich paradoxerweise einem Volk anbiedern wollen, dessen Stimme sie letztlich garnicht gezählt wissen mögen?

Belgisch-rheinische Sprachforschung

In Belgien scheinen alle beachtlichen, aufsehenerregenden Dinge wie nebenbei zu geschehen. Mitte der 90er, als sich kuriose (und meist schauerliche) Meldungen aus Belgien häuften, begannen wir, die entsprechenden Zeitungsausschnitte zu sammeln, die sich bald zu einem sehr speziellen Gruselordner fügten. So berichtete, mitten in der Klon-Debatte, die an Tieren wie dem Schaf Dolly sich entfachte und mit der Angst hantierte, daß bald auch Menschen geklont werden könnten, der Express davon, daß letzteres bereits geschehen sei, und zwar versehentlich in Belgien. Den Artikel schmückten Bilder zweier Lütticher Wissenschaftlerinnen, die freimütig über ihr Laborversehen plauderten. Die Geschichte fiel danach flugs unter den Tisch – ob in Belgien heute tatsächlich geklonte Jugendliche unterwegs sind: darüber läßt sich nur spekulieren. Ein anderer Bericht (ebenfalls aus dem Express) handelte von einer kleinen Gruppe enthusiastischer junger Belgier, welche sich die Love Parade zum Vorbild genommen hatten und auf der heftig beschallten Ladefläche eines (einzigen) LKWs tanzend durch Brüssel düsten, bis ihnen bei einer zufälligen Tunneldurchfahrt aufgrund der niedrigen Bauweise derselben die Köpfe abgetrennt wurden. Unser Interesse an Meldungen aus Belgien flachte um die Jahrtausendwende zugunsten rheinischer Vorkommnisse ab, welche sich jedoch gelegentlich nicht ganz voneinander trennen lassen. Im Folgenden geben wir einen Bericht des belgischen Publikationsorgans de redactie vom 21. Februar 2012 wider, der sich mit einem der letzten Rätsel der niederländischen Sprachwissenschaft befaßt hat – und wieder von einem Zufall gesteuert wurde. Es geht um die etymologische Abstammung des Wortes „fiets“ (dt: Fahrrad):

„Gunnar de Boel, Professor für vergleichende Sprachwissenschaft an der Genter Universität, kippte mit einem deutschen Freund aus dem “südlichen Rheinland” zusammen Apfelwein. Im Gespräch nannten sie das Getränk „Viez“ (ein uns bekannter saarländischer Begriff für den Most, Anm. rheinsein): „Vize-Wein“ sozusagen, befanden die Trinker, bzw: Weinersatz. De Boel stellte dabei die Verbindung zum niederländischen Wort „fiets“ her und vertiefte die Hypothese gemeinsam mit seinem Kollegen Luc de Grauwe: im Deutschen sei das neuartige (in seiner Urform, der Draisine, am Rhein erfundene, Anm. rheinsein) Fahrrad laut der bahnbrechenden Theorie seinerzeit „Vize-Pferd“ (also: „Zweiterklasse-Pferd“, „Ersatz-Pferd“) genannt und später mit „Viez“ abgekürzt worden, ganz so wie „Automobil“ später zu „Auto“ wurde. Das Wort müsse dann nach Belgien und in die Niederlande geschwappt sein. 1870 sei „fiets“ zum ersten Mal im Niederländischen aufgetaucht, seit 1886 aber stritten sich die Sprachkundigen über dessen Herkunft, ohne eine angemessene Theorie hervorgebracht zu haben – was nun endlich der Vergangenheit angehöre.“
(Wenn wir an dieser fantastischen Hypothese etwas zu bemängeln haben, dann allenfalls, daß der erhellenden Kraft des Apfelmosts in der Berichterstattung deutlich zu wenig Referenz erwiesen wird. Desweiteren hätten wir eine eigene Schnelletymologie in die Debatte zu werfen, eine Idee, die uns auf gleichsam belgische Weise während einer Trance zufiel: könnte sich aus dem weithin bekannten Urbegriff “Vize-Pferd” nicht direkt das Wort “Fahrrad” entwickelt haben? Man achte nur auf den jeweils gemeinsamen An- (V gesprochen wie F) und Ablaut (d). Nein? Aber dann gewiß doch der Begriff Veloziped (Pääd: rheinisch für Pferd, Velozi enthält dieselben Buchstaben wie Vize). Und jetzt belegen Sie mal, wie Sie vor rheinsein auf diesen sensationellen sprachwissenschaftlichen Zusammenhang gekommen sind!)

Neue Rheinmetropolen, leere Innenstädte, volle Innenstädte, der Hochwasserpapst

Fotobeweise wären an dieser Stelle schön und angebracht, doch kaum hatten wir die Rollplakate im Untergeschoß der KVB-Haltestelle Neusser Straße/Gürtel entdeckt, auf denen für günstige Thalys-Verbindungen nach Paris am Rhein und Brüssel am Rhein geworben wurde, waren sie schon wieder ausgetauscht, weswegen die kamerabewehrte Rückkehr an den Ort der Verkündung erfolglos bleiben mußte. Auch im Internet war die Kampagne nicht aufzufinden. Ob die vorschnelle Eingemeindung der französischen und belgischen Hauptstädte ins Gesamtrheinische für Proteste gesorgt hat? Wir wissen es nicht – falls wir es erfahren, geben wirs an dieser Stelle bekannt.

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Vergangenen Sonntag wurden in Koblenz am Rheinufer im Stadtteil Pfaffendorf eine 1,8 Tonnen-Luftmine und eine 125 Kilo-Fliegerbombe entschärft, sowie ein Faß mit Tarnnebel gesprengt. Es handelte sich um Niedrigwasser-Rheinfunde, die aus dem Zweiten Weltkrieg datierten. Für die Maßnahmen mußten 45.000 Koblenzer evakuiert werden – fast die Hälfte der Stadtbevölkerung. Die Evakuierung soll reibungslos vonstatten gegangen sein, auch sonst wurden kaum Unterschiede zu anderen Koblenzer Sonntagen vermeldet.

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Vorgestern in Bonn fanden wir die gesamte Innenstadt zum Weihnachtsmarkt umgebaut: unterschiedlich beschriftete Buden boten den überwiegend immergleichen Kunsthandwerkkitsch, Glühwein (in den auf Wunsch auch Schnaps geschüttet wird), heiße Maronen oder identische Fleischhappen und -lappen zu identischen Preisen. Visueller Höhepunkt ist dabei zweifellos das mithilfe von Zäunen umsperrte Beethoven-Denkmal, vor dem einige kleinere Weihnachtstannen herumliegen. Vom Mittelgang der Bretterbuden aus betrachtet wird Ludwig Vans mächtiges Künstlerhaupt nun von einem (abendlich sogar beleuchteten) Miniriesenrad umspielt, ein Anblick, der den Koloß seinem statischen Kontext entrückt, indem das Riesenradrotieren um Beethovens Schädel herum auf die Kompositionstätigkeit des Meisters zu weisen scheint.

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Der vom Kölner Express ernannte Hochwasser-Papst Reinhard Vogt weiß unterdessen: “Wirft man in Köln einen Kühlschrank in den Fluß, taucht der in Holland wieder auf.” Und was wird sonst noch so alles im Rhein gefunden, heiliger Hochwasservater? Vogt: “Möbel, Fernseher, Spielzeug, geklaute Mopeds und Autos. Ich hab mal ein paar Knochen gefunden. Vielleicht gibt`s demnächst ja einen Schatz.”

Auguste Duméril sur les bords du Rhin

Copie d’une lettre que j’ai écrite à Joseph Fabre, après mon voyage sur les bords du Rhin, en 1846, et qui peut servir de journal abrégé de ce voyage.

Le soir du jour où vous m’avez embarqué au chemin de fer, c’est-à-dire, lundi 14 Septembre, je suis arrivé, à 2 h ½ environ, à Bruxelles, et là, suivant le conseil de M. V. Cumont, je me fis immédiatement conduire à la diligence de Namur, qui allait partir, et je me trouvai le lendemain matin à Namur, à 6 h.: à 6 h ½, une autre diligence, se mettant en route pour Liège, je m’installai sur une banquette surnuméraire, adossée au cabriolet de l’impériale, et de là, comme d’un observatoire, d’où ma vue pouvait s’étendre de tous côtés, j’ai parfaitement joui de la vue des bords pittoresques de la Meuse, dont la grande route suit presque constamment le cours, de sorte que je n’aurais pas mieux vu, je crois, à bord du bateau, si j’avais suivi mon premier plan, qui était d’aller par eau, de Namur à Liège, où je ne serais arrivé que le mardi soir, tandis que j’y étais à une heure, et qu’à 5 h, je me trouvais à Aix-la-Chapelle, où je me mis en rapport avec M. Darancourt, qui ne savait pas l’Allemand plus que moi. Nous passâmes notre soirée au café de la source Elise, au théâtre, et à la redoute, où nous ne vîmes pas de joueurs trop acharnés, mais où je pus prendre une idée de ce que sont la Roulette et le 31. Le lendemain matin, nous avons visité l’hôtel de ville, la cathédrale, dont je fus très frappé, car c’était le premier exemple que je voyais de cette architecture byzantine, dont je devais voir de si beaux échantillons à Bonn, mais surtout à Mayence: les fameuses reliques, et la jolie montagne du Louisberg. Ce même jour, nous avons visité Cologne, dont j’ai extrêmement admiré la magnifique cathédrale, malheureusement inachevée, mais pour laquelle on dépense maintenant 500 000 F par an: si elle est jamais achevée, ce sera, je crois, une des plus belles églises gothiques qui se puissent voir. L’Eglise Ste Marie du capitole, curieuse par des restes de constructions romaines; l’église des Jésuites, richement ornée, surtout par un banc de communion, de marbre blanc, couvert de charmante sculpture, et l’église de St Pierre, où se voit le curieux tableau de Rubens, représentant le crucifiement de St Pierre, qui est vu la tête en bas. Le soir de ce même jour, nous vînmes coucher à Bonn. Ici, commence le magnifique spectacle qu’offre le Rhin, et la matinée du jeudi, passée, ainsi que je vais vous le raconter, a été pour moi pleine d’enchantement. Nous prîmes un guide, et après avoir visité, dans la ville, la cathédrale, d’un aspect particulier, et la statue de Beethoven, nous nous dirigeâmes, en voiture, vers le Kreutzberg, montagne élevée, où existe une église, avec un escalier de marbre, qui ne se monte qu’à genoux, et dont un caveau contient des moines momifiés, par la sécheresse du lieu, et l’absence complète pendant des siècles, du contact de l’air extérieur: physiologiquement, c’est un fait, qui ne manque pas d’intérêt: la peau est parfaitement intacte et dure, comme du cuir tanné. De là, la vue est déjà belle, mais elle est plus belle encore, du Godesberg, où nous allâmes ensuite, et où se voient des ruines assez considérables: elle l’est certainement davantage, sur le Rolandseck, où se voient quelques ruines, et d’où la vue plonge sur le Rhin, et sur les îles considérables qui existent dans ce point, et sur l’une desquelles est construit un grand bâtiment qui, de monastère qu’il était autrefois, est devenu un hôpital.

Après être descendus, nous avons traversé le Rhin, en bateau: il a, dans ce point, une largeur extrême: sur l’autre rive, est la haute montagne du Drachenfels, que nous avons également gravie, et d’où nous avons joui du plus admirable point de vue, car on a, autour de soi, les autres monts; qui forment ce que l’on nomme les 7 monts, le Rhin, et, de l’autre côté, les monts qui bordent la rive. En redescendant, on arrive à la petite ville de K, où mon compagnon de voyage me quitte, pour prendre le bateau à vapeur, qui devait le conduire à Coblentz, et moi, je traversai le Rhin, sur un pont volant, pour rejoindre la voiture qui me ramènera à Bonn, que je ne voulais pas quitter sans avoir visité l’Université. Les 6 heures environ passées dans cette ravissante excursion, si elles furent accompagnées d’une assez grande fatigue, qui me dura 2 ou 3 jours, furent vraiment délicieuses, car je n’avais jamais eu encore l’occasion de voir la nature sous un si magnifique et si imposant aspect; mais je ne savais pas encore quels enchantements m’étaient réservés, pour le lendemain. A Bonn, tous les professeurs étaient absents: je visitai cependant avec assez de détails Cl., ancienne résidence d’été des électeurs, où se voient une belle collection d’anatomie, mais surtout, de magnifiques collections d’histoire naturelle, renfermées dans des salles, de l’aspect le plus grandiose. J’ai visité la clinique d’accouchement, composée de 12 lits, d’une collection curieuse de bassins vicieux, et d’instruments d’obstétrique, qui me furent montrés par l’aide de clinique du professeur Kilian. Il y a là une douche ascendante de 2 mètres ½ environ de hauteur, pour les accouchements prématurés: il paraît qu’on obtient de bons résultats de ce procédé, qui n’est jamais mis en usage chez nous, à ce que je crois.

(Quelle: http://correspondancefamiliale.ehess.fr/)