Das Ried

Ein Sichbegeben in analoge, nach alten Maßstäben überwiegend unbearbeiteten Zellen entsprungenen, nur mit grobem Werkzeug gebürsteten Landschaften entlockt dem weiterhin mehr oder minder bewußt auf dem Torf der Romantik gediehenen bürgerlichen Literaten des deutschsprachigen Raums nicht selten lautmalerische Beschreibungen/Adaptionen von Tier- und Pflanzenstimmen:

“Ein grosses Wort – als wenn man sagte: die Welt. Im ersten Lebensjahr schon war das Ried meine Welt – und ist es geblieben.
Wenn ich später, weit weg in der wüstlärmigen Stadt, einmal nicht zur Ruhe kam, öffnete ich mein inneres Ohr dem monotonen Staccato der Frösche – dem Sekundenruf der Unken – dem Urschrei der Rohrdommel. Und ich lauschte dem Haubentaucher – und war dann weg.
Im Traum schliffen die Schilfhalme, flüsterten die Weiden, schäumten die Wellen über den Sand, schrammte das Boot gegen die Ufersteine, läutete die Kette am Zugsteg. Und wieder schnarrte der Haubentaucher, gixten die Belchen, brätschten die Stockerpel und säten die Krickenten ihre so rührenden Trillerchen in die Flötensoli der Brachvögel. Wer dabei nicht selig schläft!”

In der Moderne funktioniert das Schreiben über die hergebrachte Natur dann nach dem Schema “Katastrofe, Läuterung, Ungewißheit”, alles weitere fungiert unter “Experiment” oder “Computerspiel”.

“Jahre später war alles weg. Geschändet durch schnöde Gewinnsucht, verspielt durch Gutgläubigkeit und Unterlassung. Eine Welt brach zusammen.
Aus der fernen Stadt kam ich eines Nachts zurück – entsetzliche Trauer in mir, Scham und Verzweiflung. Ich schritt die Gemarkungen ab, Schritt vor Schritt, verhielt an diesem Busch, an jenem Stamm, ein jeder Station am Leidensweg der Reue. Noch einmal ward ich Kind, versank im Reich der Falter und Libellen. Hier – genau hier frass ich die geklaute Schokolade. Und diese Wurzel hab ich während sieben Jahren angepinkelt. Sie hat es überlebt und krümmt sich heute noch am Fuss des greisen Stammes. Alle hab ich sie umarmt in dieser Nacht, die Felben, Alben, Eichen. Ich küsste rauhe, und küsste glatte Rinden.”

Wobei diese Passage sich durchaus als Grundlage für ein Echtzeit-Browsergame denken ließe: am besten mit im Mangastil reproduzierten Jugenderinnerungen: glattpolierte riesenäugige Gesichter auf spindeldürren Körpern, die in ruckhaften Bewegungen die Magie elektronischen Schilfs oder das Unterseitenflatterverhalten beschwimmhäuteter Entenfüße beim Flugstart erforschen, vorm Screen: gestandene erwachsene Spieler ihrer eigenen Identität, die auf diesem Wege den menschwerdenwollenden Androiden in sich zu entdecken trachten, ins Digitale umgerechnete Selbsterfahrungstrips am Scheideweg zwischen Vergangenheit und Zukunft, den zugehörigen Werteumkehr- und -entwicklungsverfahren, der point of eternal return als naiv gestaltete, strombetriebene Sumpflandschaft mit Faltern.

(Zitate aus: Bruno Würth – Das Rheindelta, B. Würth & Hämmerle Druck & Verlag, Hohenems 1991)

Randnotiz (5)

Manche Informationen erreichen Rheinsein auf derart abenteuerlichem Weg, daß sie Gefahr laufen verloren zu gehen, bevor sie (hier) überhaupt zum Tragen kommen (können) – worin natürlich ein mehrfacher, von uns gern provozierter Reiz liegt: jener des (mithin steuerbaren) Zufalls, jener mittels schierer Verstandeskraft zu überbrückender Lückenhaftigkeit (Fiktionskatalyse), insonderheit jener drohenden Verlusts, der zu erhöhten Leistungen anstacheln mag oder, im Gegenteil, zu mehr Gelassenheit, etc. Solch methodischen Überlegungen zufolge betreibt Rheinsein (nebst zahlreichen anderen Informationskanälen) über all die tausend plus x Stromkilometer hinweg eine nicht näher verratene Anzahl toter Briefkästen, die, das versteht sich aufgrund unseres Personals und unserer finanziellen Möglichkeiten von selbst, weit überwiegend nur sehr sporadisch geleert werden. Sie werden aber, unseres Wissens zumindest, auch nur selten bestückt, und wenn sie bestückt werden, gehen häufig codierte Nachrichten auf hier nicht zu erläuternden Wegen nebenher, welche uns auf Neubestückungen hinweisen. Vor Monaten also machte uns eine Rheinsein-Korrespondentin aus der Nähe von N. auf ein möglicherweise befülltes Depot in der Nähe von S. aufmerksam: gut in der verabredeten Weise getarnt sei dort evtl. ein älterer Prachtbildband über das Rheindelta zur Ansicht vorhanden. Da ein Niederlande-Schwerpunkt hier aus logistischen Gründen noch auf sich warten lassen muß, vernachlässigten wir die Leerung des Depots bis zur nächsten Reise in die betreffende Region. Umso größer die Überraschung, daß a) der riesige (und nur mäßig getarnte) Band unversehrt an Ort und Stelle vorhanden war und b) das titelnde Rheindelta garnicht das niederländische, sondern das bodenseeische bezeichnete. Der Fotograf Bruno Würth aus Altenrhein setzt in “Das Rheindelta” seiner Heimat ein Denkmal in Fotografien, dazu versammelt er einige fremde und eigene Texte zur Geschichte dieser Landschaft, am Ende bekrönt von einem einsamen Gedicht über seine kumpaneiischen Gefühle zu einem Käuzchen. Der Band stammt aus den 70er Jahren, als das litaneihafte Bekenntnis zur Natur bei sich selbst für “bewußt” haltenden Menschen mit breiter Ansage die oberen Bereiche der ewigen Sinuskurve unserer Kultur so immanenter Modeskalen erreichte. Die enthaltenen Bilder präsentieren das Delta gern (ganz) leicht mystisch verschleiert, und entsprechen somit jenen Uraspekten, die dort, glücklicherweise, bis heute genauso wahrnehmbar sind. Eine Doppelung nicht zur Gänze, aber eine weitreichende Überschneidung jener 70er-Eindrücke aus dem toten Briefkasten also mit jenen des lebendigsten Spaziergangs durch Ried, Wald, Flußbett im Jahre 2010: wachsendes Gespür für Zyklik und die Unerreichbarkeit von Perfektion, das notwendige Aufgehen angestrebter Präzision in unmittelbar sie umgebender Unschärfe: Hineingreifen in diesen Nebel, Herausgreifen eines nassen Tiers, Blick in seine Augen, Erschrecken, Erkenntnis, erneutes Nebelaufkommen, dampfende Depots, das ganze Glück liegt auf dem Weg und ist kein Stück vermittelbar, ein Stück vielleicht schon, ein Bruchstück, ganz sicher sogar.