Ein Grieche endet im Rhein

Chalampe-Neuenburg-SchiffbrückeSchiffsbrücke Chalampé-Neuenburg

Über die Brücken vom badischen Neuenburg ins elsässische Chalampé, weiter auf der Rheinstraße in nördlicher Richtung. Nach 9 Kilometer links ab nach Blodelsheim in die „Rue du Canal d’Alsace“ bis zur Kirche. Jetzt rechts in die „Rue de l’Église“, hier auf den Parkplatz und zum Nordeingang. Beim Betreten des Friedhofs den Blick nach rechts hinten wenden. Eine weiße Marmorplatte erinnert an ein tragisches Ereignis:

grabstein spiro sklawunos

Er kannte Deutschland gut, war in Hamburg, Leipzig und anderen Städten, arbeitete beim Frankfurter Baukonzern Philipp Holzmann, war Mitglied in einer Ortsgruppe der Deutsch-Griechischen Gesellschaft in Patras. Nach erfolgreich abgeschlossenem Ingenieurstudium an der Technischen Universität in Karlsruhe, plante er vor der Heimreise nach Hellas eine Bootsfahrt auf dem Rhein. Zusammen mit einem Freund als Begleiter, in einem Kahn stromabwärts vom Hochrhein bis nach Mainz. Über 400 Kilometer auf dem schon seit Wochen Hochwasser führenden Strom.
Doch die Reise endete jäh bei Rheinkilometer 199 vor Neuenburg. Das Boot zerbrach bei der Kollision mit der 200 Meter langen Schiffbrücke, welche hier seit 1873 über den Rhein führte. Kurz zuvor hatten sie noch die alte Eisenbahnbrücke unterquert, vielleicht abgelenkt vom imposanten Bauwerk, sahen sie die sich schnell nähernde Gefahrenstelle zu spät.
Sein Begleiter schaffte es gerade noch ans deutsche Ufer, während Spiro Sklawunos von den schäumenden Wellen verschluckt wurde.

Sechs Wochen später, am 12. September fand man am französischen Ufer bei Blodelsheim eine männliche Leiche. Vielleicht 25 bis 30 Jahre alt, eher klein. In der rechten Hosentasche eine Reichsmark und eine Uhr, sonst nichts. Da die Identität nicht feststellbar war, begrub man den Unbekannten anonym auf dem Friedhof der elsässischen Gemeinde. Erst später und nach längeren Ermittlungen konnte die griechische Familie den Verbleib des 23-jährigen klären und die letzte Ruhestätte ausfindig machen. Die Eheleute Albertine und Eugen Sitterle aus Blodelsheim pflegten dann das Grab die ganzen Jahre, obwohl sie den jungen Mann und seine Familie nicht kannten. Die Gedenktafel des Grabes wurde nach abgelaufener Ruhezeit auf Initiative von Emile Decker, einem Heimatforscher aus Blodelsheim, an der jetzigen Stelle angebracht. Die traurige Geschichte vom Neuenburger Stadtarchivar Winfried Studer veröffentlicht, der dazu schrieb:

„Die Tafel erinnert auch daran, dass eine Blodelsheimer Familie einem ihr nicht bekannten jungen Mann, der zufällig auf der Gemarkung Blodelsheim gefunden wurde, einen letzten Dienst erwiesen hat.“ Vergelt‘s Gott…! kann der Europäer da nur sagen.

(Für rheinsein zusammengestellt von Bruno Haase)

Look like a Wombat

haase_wombat
Eigentlich nichts zu lachen hatte eine schwangere Engländerin, als sie während einer Kreuzfahrt auf dem Rhein ihr Kind verlor. Nächtliche Blutungen veranlassten die sofortige Krankenhauseinweisung. Ein operativer Eingriff wurde notwendig. Gegen drei Uhr in der Frühe war die Sache erledigt, die Patientin lag schlafend im Aufwachraum. Nebenan saß der Ehemann im Wartebereich und harrte der Dinge. Draußen wurde es langsam hell, drinnen erwachte die Operierte. „Where am I?“, fragte die Britin. Im “recovery room”, antwortete ich mit ruhiger Stimme. Dann fiel der Satz des noch frühen Tages, sie meinte: „Your doctor’s face… he looks like a wombat“. Ich entgegnete ungläubig: „Echt?” Wie mag denn nur ein Wombat aussehen, fragte ich mich. Google sei Dank erschien auf dem Monitor ein Beuteltier mit bärenähnlichem Aussehen. „Like this?“ fragte ich und drehte den Bildschirm ins Blickfeld der Frau. Unvermittelt fing diese schallend an zu lachen und konnte nicht mehr aufhören. Im nächsten Moment stand der „husband“ völlig irritiert in der von ihm aufgerissenen Tür. Man wird jetzt bestimmt verstehen, dass ich mich in Anbetracht der Umstände in ziemlicher Not befand. Mit englischem Humor ließ sich die Situation nur unzureichend erklären.

(Die Anekdote vom kruden Erwachen nach einem Kindsverlust auf dem Rhein plus Foto schickte uns Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Flotter Dreier auf dem Rhein bei Basel

Basel_Havarie

Wie es im Schweizer Basel zu einer Kettenhavarie mit drei Schiffen kam und warum eines der großen Silvesterfeuerwerke nicht wie gewohnt von Bord des Baggerschiffes „MS Merlin“ abgefeuert werden konnte, berichtet Bruno Haase in einem Gastbeitrag für rheinsein:

Egal von welcher Seite ein Schiff präsentiert wird, kieloben liegend sieht es nicht so schön aus. Genau diese Ansicht bot das 52 Meter lange Baggerschiff am 4. August 2014 gegen 08:20 Uhr, auf dem Hochwasser führenden Rhein bei Basel.
Vor dem Entladen von Geschiebe an einer von Schweizer Behörden zugewiesenen Stelle unterhalb der Dreirosenbrücke geriet das Schiff der Schweizer Wasserbau AG außer Kontrolle. Zur Positionssicherung sollten wie bei solchen Ladevorgängen üblich zwei Stelzenbeine auf den Gewässergrund abgesenkt werden. Jedoch misslang dieses Manöver in der starken Strömung. Nun trieb das Schiff stromabwärts, wobei es in westlicher Ufernähe wiederholt zu ruckartigen Bodenberührungen kam. Durch dieses abrupte Aufsetzen der Stelzen rollte das voll beladene Schiff so heftig um seine Längsachse, dass Ladung verrutschen und Wasser in die Laderäume eindringen konnte und damit das spätere Kentern verursacht wurde.
Die Schweizer Wasserschutzpolizei barg die vierköpfige Besatzung rechtzeitig, wobei der wagemutige Schiffsführer zuletzt und recht spektakulär von Bord ging. Dieser war beim Durchkentern unter Lebensgefahr auf den Kiel des Baggerschiffes geklettert. Anschließend blieb das Schiff mit seinem Kranaufbau längsseits in der Fahrrinne stecken.
Etwa zeitgleich begann der Schiffsführer des 88,5 Meter langen Kreuzfahrtschiffes “MS Olympia” ein Ablegemanöver vom innerstädtischen Anlegeplatz „Steiger St. Johann“, ließ ein Frachtschiff auf Bergfahrt passieren und fuhr rückwärts unter der Dreirosenbrücke hindurch zu Tal. Nach der Brückendurchfahrt drehte das Schiff auf, um die Etappe nach Breisach zu beginnen. Während diesem Standardmanöver kam der Funkspruch, dass der Rhein für die Schifffahrt gesperrt sei. Als jetzt der Schiffsführer die Gefahr erkannte, versuchte er noch abzudrehen. Mit voller Breitseite trieb das mit zwei 785 PS starken Caterpillar-Motoren ausgestattete Schiff auf den gekenterten Havaristen zu.
„Was macht der? Was macht der? Ja, jetzt wird’s aber Zit! Scheiße! Fuck! Isch der blöd?“ (Kommentar eines am Ufer stehenden Schweizer Zuschauers zum Kollisionskurs der “MS Olympia”)
Alle Ausweichversuche scheiterten. Es kam zum seitlichen Aufprall des Kabinenschiffes, was wiederum das feststeckende Baggerschiff in Bewegung setzte. Es bleibt unklar, warum sich die „MS Olympia“ nicht aus eigener Kraft der Kollision entziehen konnte. Eventuell stand zur Talfahrt nur eine der beiden Maschinen zur Verfügung. Auch wenn es nach dem Aufprall so schien, als wenn sich das Kreuzfahrtschiff vom Havaristen wegbewegen könnte, so gelang dies zuerst nicht. Schlimmer noch, die starke Strömung hebelte das Vorderschiff der “MS Olympia” in Richtung des am Ostufer vertäuten Kreuzfahrtschiffes “MS Lafayette”. Ein Besatzungsmitglied versuchte noch etwas hilflos, eine Wolldecke zwischen beide Schiffe zu positionieren, da krachten schon beide Bugspitzen aneinander. Beim tonnenschweren Aufpralldruck wurde das Bersten von Halteseilen befürchtet. Ein hektisch wiederholtes Kommando: „Weg von den Tauen!“, versetzte einige am Ufer stehende Zuschauer in Aufregung, worauf diese sich aus der Gefahrenzone entfernten. Beide Kreuzfahrtschiffe wurden letztendlich nur leicht beschädigt, konnten noch am Abend ihre Routinen fortsetzen und es gab bei allen Unfällen keine Verletzten.
Nur das Baggerschiff musste, weiterhin kieloben liegend, am West-Kai des Basler Rheinhafens gesichert werden. (Unser Bild)
Nach einer anfänglichen Vollsperrung im Unfallbereich, durfte die Wasserstraße bald wieder, wenn auch nur einseitig befahren werden. Da bei der Havarie der „Merlin“ Diesel in den Rhein floss, löste dies einen trinationalen Notfall-Einsatz aus. Am 22. Oktober ist es dem Bergungsteam der Schweizer Wasserbau AG gelungen, nach Monate langen Vorbereitungen, das Baggerschiff zu heben und es in das „Hafenbecken I“ zu schleppen. Vor dem finalen Abpumpen wurden noch im Rumpf befindliche Fische in den Rhein entlassen. Nun konnte das ramponierte Schiff den ermittelnden Behörden übergeben werden.
Als Startplatz für das vernebelte Silvesterfeuerwerk 2014/15 wurde frühzeitig ein anderes, wenn auch kleineres Schiff gefunden.

Es ist ja schon mancher auf dem Rhein reich worden

Johann Peter Hebels Geschichten aus dem Jahreskalender „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds“ dienten zur geistreich pointierten Unterhaltung, aber auch der Volksbildung. Zu lesen sind lehrreiche Nachrichten, lustige Geschichten, abgewandelte Märchen, naturwissenschaftliche Beschreibungen, nicht selten mit kniffligen Rechenaufgaben.
In einigen Episoden, wie auch in der folgenden, spielen Juden die zentrale Rolle.
Hans Maaß, ein Hebel-Kenner beschrieb es einmal so: „Hebels Judenbild ist geprägt von den gesellschaftlichen Vorurteilen seiner Zeit, aber auch von dem aufklärerischen Ideal einer „Verbesserung“ des Menschen durch Erziehung und Bildung sowie durch Verbesserung der sozialen und rechtlichen Verhältnisse. So sind seine Judengeschichten Bilder eines verbesserungswürdigen, aber auch verbesserungsfähigen Menschentyps.“
Der bei Hebel im Original jüdische Hauptdarsteller, wurde von mir kurzer Hand durch einen Schwaben ersetzt. So ist den heutigen Lesern, insbesondere den badischen, ein politisch korrektes und Rassismus freies Schmunzeln ermöglicht.

Einträglicher Rätselhandel
von Johann Peter Hebel 2.0

Von Basel fuhren elf Personen in einem Schiffe den Rhein hinab. Ein Schwabe, der nach Schalampi wollte, bekam die Erlaubnis, sich in einen Winkel zu setzen, und auch mitzufahren, wenn er sich gut aufführen, und dem Schiffer achtzehn Kreuzer Trinkgeld geben wolle. Nun klingelte es zwar, wenn der Schwabe an die Tasche schlug, allein es war doch nur noch ein Zwölfkreuzerstück darin; denn das andere war ein messingner Knopf. Dessen ungeachtet nahm er die Erlaubnis dankbar an. Denn er dachte: „Auf dem Wasser wird sich auch noch etwas erwerben lassen. Es ist ja schon mancher auf dem Rhein reich worden.” Im Anfang und von dem Wirtshaus zum Kopf weg war man sehr gesprächig und lustig, und der Schwabe in seinem Winkel, und mit seinem Zwerchsack an der Achsel, den er ja nicht ablegte, musste viel leiden, wie man’s manchmal diesen Leuten macht und versündigt sich daran. Als sie aber schon weit an Hüningen und an der Schusterinsel vorbei waren, und an Märkt und an dem Isteiner Klotz und St. Veit vorbei, wurde einer nach dem andern stille und gähnten und schauten den langen Rhein hinunter, bis wieder einer anfing: „Maultäschle”, fing er an, „weißt du nichts, daß uns die Zeit vergeht. Deine Vorfahren müssen doch auch auf allerlei gedacht haben im Württembergischen.” – Jetzt, dachte der Schwabe, ist es Zeit das Schäflein zu scheren, und schlug vor, man sollte sich in der Reihe herum allerlei kuriose Fragen vorlegen, und er wolle mit Erlaubnis auch mithalten. Wer sie nicht beantworten kann, soll dem Aufgeber ein Zwölfkreuzerstück bezahlen, wer sie gut beantwortet, soll einen Zwölfer bekommen. Das war der ganzen Gesellschaft recht, und weil sie sich an der Dummheit oder an dem Witz des Schwaben zu belustigen hofften, fragte jeder in den Tag hinein, was ihm einfiel.
So fragte z. B. der erste: „Wie viel weich gesottene Eier konnte der Riese Goliath nüchtern essen?” – Alle sagten, das sei nicht zu erraten und bezahlten ihre Zwölfer. Aber der Schwab sagte: „Eins, denn wer ein Ei gegessen hat, ißt das zweite nimmer nüchtern.” Der Zwölfer war gewonnen.
Der andere dachte: Wart Schwabe, ich will dich aus dem Neuen Testament fragen, so soll mir dein Zwölfer nicht entgehen. „Warum hat der Apostel Paulus den zweiten Brief an die Korinther geschrieben?” Der Schwab sagte: „Er wird nicht bei ihnen gewesen sein, sonst hätt er’s ihnen mündlich sagen können.” Wieder ein Zwölfer.
Als der dritte sah, daß der Schwabe in der Bibel so gut beschlagen sei, fing er’s auf eine andere Art an: „Wer zieht sein Geschäft in die Länge, und wird doch zu rechter Zeit fertig?” Der Schwab sagte: „Der Seiler, wenn er fleißig ist.”
Der vierte. „Wer bekommt noch Geld dazu, und lässt sich dafür bezahlen, wenn er den Leuten etwas weiß macht?” Der Schwab sagte: „Der Bleicher.”
Unterdessen näherte man sich einem Dorf, und einer sagte: „Das ist Bamlach.” Da fragte der fünfte: „In welchem Monat essen die Bamlacher am wenigsten?” Der Schwabe sagte: „Im Hornung, denn der hat nur 28 Tage.” Der sechste sagt: „Es sind zwei leibliche Brüder, und doch ist nur einer davon mein Vetter.” Der Schwab sagte: „Der Vetter ist Eures Vaters Bruder. Euer Vater ist nicht Euer Vetter.”
Ein Fisch schnellte in die Höhe, so fragt der siebente: „Welche Fische haben die Augen am nächsten beisammen?” Der Schwab sagte: „Die kleinsten.”
Der achte fragt: „Wie kann einer zur Sommerzeit im Schatten von Bern nach Basel reiten, wenn auch die Sonne noch so heiß scheint?” Der Schwab sagt: „Wo kein Schatten ist, muss er absteigen und zu Fuße gehn.”
Fragt der neunte: „Wenn einer im Winter von Basel nach Bern reitet, und hat die Handschuhe vergessen, wie muss er’s angreifen, daß es ihn nicht an die Hand friert?” Der Schwab sagt: „Er muss aus der Hand eine Faust machen.”
Fragt der zehnte: „Warum schlüpfet der Küfer in die Fässer?” Der Schwab sagt: „Wenn die Fässer Türen hätten, könnte er aufrecht hineingehen.”
Nun war noch der elfte übrig. Dieser fragte: „Wie können fünf Personen fünf Eier teilen, also daß jeder eins bekomme, und doch eins in der Schüssel bleibe?” Der Schwabe sagte: „Der letzte muss die Schüssel samt dem Ei nehmen, dann kann er es darin liegen lassen, solang er will.”
Jetzt war die Reihe an ihm selber, und nun dachte er erst einen guten Fang zu machen. Mit viel Komplimenten und spitzbübischer Freundlichkeit fragte er: „Wie kann man zwei Forellen in drei Pfannen backen, also daß in jeder Pfanne eine Forelle liege.” Das brachte abermals keiner heraus und einer nach dem andern gab dem Schwaben seinen Zwölfer.

Der Hausfreund hätte das Herz allen seinen Lesern, von Mailand bis nach Kopenhagen die nämliche Frage aufzugeben, und wollte ein hübsches Stück Geld daran verdienen, mehr als am Kalender, der ihm nicht viel einträgt. Denn als die elfe verlangten, er sollte ihnen für ihr Geld das Rätsel auch auflösen, wand er sich lange bedenklich hin und her, zuckte die Achsel, drehte die Augen. „Ich bin ein armer Schwab”, sagte er endlich. Die andern sagten: „Was sollen diese Präambeln? Heraus mit dem Rätsel!” – „Nichts für ungut!” – war die Antwort, – „daß ich gar ein armer Schwab bin.” – Endlich nach vielem Zureden, daß er die Auflösung nur heraus sagen sollte, sie wollten ihm nichts daran übel nehmen; griff er in die Tasche, nahm einen von seinen gewonnenen Zwölfern heraus, legte ihn auf das Tischlein, so im Schiffe war, und sagte: „Dass ich’s auch nicht weiß. Hier ist mein Zwölfer!”

Als das die andern hörten, machten sie zwar große Augen, und meinten, so sei’s nicht gewettet. Weil sie aber doch das Lachen selber nicht verbeißen konnten, und waren reiche und gute Leute, und der schwäbische Reisegefährte hatte ihnen von Kleinen Kembs bis nach Schalampi die Zeit verkürzt, so ließen sie es gelten, und der Schwab hat aus dem Schiff getragen – das soll mir ein fleißiger Schüler im Kopf ausrechnen: Wie viel Gulden und Kreuzer hat der Schwab aus dem Schiff getragen? Einen Zwölfer und einen messingnen Knopf hatte er schon. Elf Zwölfer hat er mit Erraten gewonnen, elf mit seinem eigenen Rätsel, einen hat er zurückbezahlt, und dem Schiffer 18 Kreuzer Trinkgeld entrichtet.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Warum ein Basler “Basiliskenbrünnli” nach Neuenburg am Rhein kam

Vorweg: Basler und Neuenburger Bürger sind stolz auf ihr hervorragendes Trinkwasser, was sie auch mit ihren vielen Brunnen in den jeweiligen Stadtgebieten zum Ausdruck bringen.

basiliskenbrunnenSeit dem Jahr 1993 gibt es in Neuenburg am Rhein einen “Basler Platz”. Dieser befindet sich vor dem Eingang des früher so genannten Doktorhauses an der Basler Straße 3. Die offizielle Einweihung vollzogen Bürgermeister Joachim Schuster und der damalige Basler Regierungsrat Dr. Christof Stutz, der von der “Basler Zeitung”, zu einem der zehn einflussreichsten Basler der Gegenwart gewählt wurde. Als Gastgeschenk hatte der Eidgenosse ein Basler Original im Voraus-Gepäck, ein “Basiliskenbrünnli”. Seit 120 Jahren findet man diese etwa sechs Zentner schweren Fantasiebrunnen in der Schweizer Stadt am Rheinknie. Mit Hilfe der originalen Holzmodelle, diese lagern unter Verschluss bei den “Industriellen Werken Basel” (IWB), werden von Zeit zu Zeit streng limitierte Nachgüsse hergestellt. Für die urnenförmige Säule und das reich verzierte Becken wird Grauguss verwendet. Der pro Tag ca. 2,5 Kubikmeter wasserspeiende Basilisk, ein im Mittelalter gefürchtetes Mischwesen aus Hahn und Schlange, ist aus Bronze gefertigt. Am Brunnenfuß ist ein zierliches Trinkschälchen angebracht, welches stets frisches Wasser für Vierbeiner bereithält. Interessant ist die Positionierung der Brunnen: bis auf eine Ausnahme am Basler Münster blicken alle Untiere in Richtung Rhein. Unter der Leitung des Basler Brunnenmeisters Rudolf Kämpf, werden die aktuell 28 “Basiliskenbrünnli” mit großer Liebe und Sorgfalt gewartet. Um Funktionalität und Aussehen zu erhalten, werden jährlich zwei der Brunnen komplett ausgetauscht und aufwändig restauriert. Es stehen immer mindestens fünf Ersatzbrunnen im Depot des Brunnenmeisters, werden es weniger erfolgt ein baldiger Nachguss. Nicht so komfortabel hat es sein Kollege in Neuenburg am Rhein, Wassermeister Wilhelm Kößler, der mit seinen Mitarbeitern das fast 20 Jahre alte “Basiliskenbrünnli” gut in Schuss hält, obwohl auch er schon mit Vandalismus-Schäden konfrontiert wurde. In aller Regel wird der vor zwei Jahren neu lackierte Brunnen einmal pro Woche gereinigt. Der Grund zur damaligen Schenkung war eben die passende Ausgestaltung des neu angelegten Basler Platzes, aber auch um der einstmals engen Beziehungen beider Städte zu gedenken. Beispielsweise daran, dass sich 1272 die Neuenburger Bürger in den Schutz des Basler Bischofs begaben, weil sie die Grafen von Freiburg nicht als ihren Stadtherren akzeptieren wollten. Höhepunkt der Auseinandersetzung war die Belagerung Basels. Etwa 20 Jahre später wurde Mathias von Neuenburg geboren, ein bedeutender Chronist des Mittelalters, der später auch als Rechtsberater in Basel wirkte. Erwähnt wurde auch das Jahr 1527, als der Basler Ratsherr und Jurist Bonifacius Amerbach, Martha Fuchs, die Tochter eines Neuenburger Bürgermeisters heiratete. Als Gäste dabei waren der berühmte Basler Stadtarzt Paracelsus, sowie der Universalgelehrte Erasmus von Rotterdam. Es war in der Zeit, als die Neuenburger ihr prächtiges Münster in den Rheinfluten versinken sahen, um trotz allem, wenige Jahre später, dem Basler Domkapitel als Tagungsort zu dienen. Fast wehmütig wurde daran erinnert, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, eine wöchentliche Schiffsverbindung zwischen Neuenburg und Basel existierte. Die Hauptinitiative, sowie die mehrjährige Vorarbeit zur Realisierung der Platzeinweihung, gingen vom Neuenburger Stadtchronisten Winfried Studer aus, der bis heute die Kontakte nach Basel pflegt. In Deutschland besitzen nur die Gemeinde Hausen im Wiesental, als Geschenk der Basler Hebelstiftung, und eben Neuenburg am Rhein einen dieser exklusiven Brunnen. Die baseltypischen Wasserspender wurden in der Vergangenheit aus historischen Gründen und darum mehrheitlich im lokalen Umfeld vergeben. Eine weltweite Verbreitung erfahren sie erst, seit dem die Kantonsverantwortlichen erkannten, dass die Brunnen perfekt in die Philosophie der “Basel. City of Vision” passen. So findet man heute die “Basiliskenbrünnli” sogar in China und aktuell auch in Russland.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Über die Pferdezucht auf den oberrheinischen Inseln

Neuenburg-Fohlenweiden-4
Der Hügelheimer Bürgermeister Isaak Sehringer hatte die Idee, auf den teilweise brach liegenden Rheininseln vor Zienken eine Fohlenweide einzurichten. Der Haken an der Sache aber war, dass zwar damals Zienken zu Hügelheim, die vorgelagerten Rheininseln jedoch zur Stadt Neuenburg gehörten, deren Stadtobere der Unternehmung skeptisch gegenüber standen.
Da boten sich die Grißheimer mit ihrem Bürgermeister Josef Diringer an, die Unternehmung auf einer ihrer Inseln mit 40 Fohlen zu beginnen. Im Mai 1857 lag dafür eine amtliche Genehmigung der Bezirksstelle Müllheim/Baden vor. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr lenkten die Zähringerstädter ein und beteiligten sich am Weidebetrieb. Geplant war bis zu 400 Stuten-Fohlen gegen Gebühr halbjährig in Obhut zu nehmen. Die gemeinsame Aufsicht hatten die Bürgermeister von Grißheim und Neuenburg, deren Aufgabe es war, die Fohlen vor Aufnahme einer genauen Musterung zu unterziehen und diese zu registrieren. Ferner kümmerten sie sich um die Organisation, Versicherung und um die Entlohnung der Hirten. Erwirtschaftete Überschüsse sollten je zur Hälfte in ihre Gemeindekassen fließen. Die in Vorleistung getretenen Kommunen erhofften sich nun, durch eine Eingabe bei der Großherzoglich Badischen Regierung, staatliche Zuschüsse zu erhalten. Zur Prüfung des Anliegens war eigens der badische Landstallmeister angereist, ein gewisser Freiherr Karl-Ludwig Röder von Diersburg. Im Karlsruher “Landwirtschaftlichen Centralblatt”, vom 30. Juni 1858, ist dazu sein ausführlicher und äußerst positiv ausfallender Untersuchungsbericht abgedruckt.
Zum Zeitpunkt der Inspektion, es war Anfang Juni 1858, standen 107 Fohlen auf den Rheininseln „Langgrün“ und „Stückelkopf“. Die meisten Tiere stammten aus der näheren Umgebung, einige aber auch von Züchtern aus Riegel und Säckingen.
Die im April auf die Inseln geschwommenen Fohlen wurden ausschließlich im Freien gehalten und tagsüber von drei-, nachts von einem Hirten bewacht. Das Futter bestand nur aus dem was auf den Inseln wuchs, vor allem kräftiges verschiedenartiges Gras.
Der Landstallmeister wurde von Neuenburg aus flussabwärts auf die Inseln gebracht, die beidseits der Grißheimer und Neuenburger Gemeindegrenze lagen. Er lobte den Zustand der Tiere, die gut genährt, mit glattem Fell und prächtigen Hufen, auf ihn einen exzellenten Eindruck machten. Er resümierte überschwänglich, dass die Tiere bestens zum Militär-Dienst geeignet wären. Er übersah wohl dabei, dass die Fohlen erst einige Wochen auf den Rheininseln verbrachten.
Denn ganz anders fünf Jahre später. Im Januar 1863 wurde in einer Sitzung der Großherzoglich Badischen Regierung in Karlsruhe das Thema Rheininseln und Fohlenweiden behandelt. Für den damaligen Amtsbezirk Müllheim berichtete Friedrich Rottra aus Kirchen (Efringen-Kirchen), unterstützt vom Badischen Wiesenbaumeister Lauter vom aktuellen Stand der Unternehmung. Das anschließende Urteil war vernichtend. Etliche Fohlen seien in den zurückliegenden Jahren ertrunken und der Ernährungszustand vor Rückgabe an die Besitzer oft miserabel. Nach lebhafterer Diskussion mit dem ebenfalls anwesenden Landstallmeister, der im Sitzungsprotokoll mit keiner Wortmeldung erwähnt ist, wurde festgehalten:
„Der Staat habe nicht die Aufgabe, alle einzelnen Wünsche zur Förderung ganz privater Interessen durch Steuergeld zu unterstützen, das führe zuletzt zu ganz bedenklichen Folgerungen“. Die Versammlung stimmte mehrheitlich gegen die staatliche Unterstützung von Fohlenweiden.
Im Zuge der damals durchgeführten Tulla’schen Rheinkorrekturen verschwanden alle hiesigen Rheininseln, die vormals saftigen Wiesen versteppten. So war auch das Ende der Fohlenzucht auf den Inseln absehbar.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Ein Kälbchen vom Rhein in der Fremde

Kalb-7Neuenburg am Rhein wurde gleich zu Beginn des 2. Weltkrieges evakuiert. Zuerst Frauen und Kinder, dann ab Mai 1940 auch alle anderen Einwohner. Nur der Bürgermeister blieb mit 15 Bürgern zum Schutz und zur Sicherung der Stadt zurück.
Der Britzinger Bauer und Heimatdichter Fritz (Gillmann) Träris (geboren am 3.11.1898) erinnerte in einem Aufsatz, erschienen in der 1963 veröffentlichten Neuenburger Stadtchronik “Die Geschichte einer preisgegebenen Stadt”, an eine rührige Begebenheit aus dieser schweren Zeit. Zuoberst die in alemannischer Sprache verfasste Geschichte im Original, darunter eine freie Übersetzung ins Hochdeutsche.

“s’Rindli in der Fremde
Wieder isch s Früehlig gsi, im Chriegsiohr 1940. I glaub, s isch endi Mai gsi. Wie ne Lauffüür isch s dur unser Dörfli am Schwarzwaldrand gange: “D Neuberger chömme zue uns hintere!” Ebbe ne Stund spöter sin se a zfahre chu, mit Ochs un Chueh, mit Sack un Pack un mit hochgladene Wäge. No im Vormittag isch e Militärlastwage chu un het e bar Stückli Vieh brocht. Bi unserer Chilche sin si abglade un vu ihre Bsitzer abgholt worde. Nummen e ebbe jährig Rindli het kei Meister gfunde, nüemes het gwißt, wem s ghört. Do isch s halt uff em Chilchplatz an e Baum bunde worde. Z Mittag isch s no dört gstanden un het halt blärrt und brüelt. D Neuberger Manne (un au Fraue) sin verbei chu un henn das Rindli bschaut; aber niemes het das Dierli gchennt. Do het mer das Dierli leid do. I ha mit e bar Neuberger Manne gredet un ha das Rindli in mi Stall gnu, zue miine Chüeh. Wun i aber dem Dierli z fresse gee ha – vu mim Gras, hets dervu kei Hälmli gfresse, s het numme dra umme gschnüfelet un dra umme gschmeckt un hets mit sine churze Hörnli us der Baare grisse, an Bode gheit un isch druff umme dalpt. Numme s Gleck, wun em in d Chripfe gee ha, het s zemme gschleckt. Vileicht het s Durst, han i denkt; ha ne Chessel voll Wasser laufe lo, frisch Quellwasser, wie s bi uns us em Hofhahne chunnt. I han em s in Stall brocht un vor s hi gstellt. Meinener s heig gsoffe? Nit e Schnurre voll! S het numme dra umme gschnüfflet, wie an mim Gras. Z letscht häts der Chessel no umgheit, wenn i en nit ghebt hät. Do han en use in Hof an d Sunne gstellt, daß das Wasser e weng agwärmt gsi isch, ha e Priseli Salz un e Hämpfeli Gleck dri verrüehrt; das hets gsoffe, der ganz Chessel voll. Aber gfresse hets z Obe un am andere Morge nüt. S isch im Stall gstande wie ne Sägbock un het Dag un Nacht numme blärrt un gmurrt un het kei Hälmli vu unserem Gras gfresse. Am andere Morge früeih vor Dau un Dag henn e bar Neuberger Buure im Neuberger Feld e Wage Grüenfueter gholt für ihr Vieh, un hen s uff em Chilchplatz abglade. Wahrschinlich henn si die gliche n Erfahrige gmacht mit ihre Chüeih, wie ich mit ihrem Chalbeli. Au ich ha n e Wisch vu dem Grüenfueter gnu, un ha s dem Dierli z fresse geh. Hei! Hets do gfresse un schnabeliert! Aber vu mim Fueter, wu ni em derzwische gmischlet ha, hets kei Hälmli gnu. Am dritte Tag hets si Eigetümer bi mir abgholt. Er het im e andere Nochberdörfli Unterschlupf gfunde gha un het so Iang nit erfahre, wu si Dierli hi chu isch. E baar Tag spöter han i de Mann wieder troffe. Er het mer verzählt: Absichtlich het er das Dierli uff Feldwege in si Unterkunft gfüehrt – er hets welle weide lo. Aber au do hets kei Schnurre voll gfresse, S het nummen im Gras an de Wegränder umme gschnüfflet un hets mit im Chopf durenaner gstoße.
Gras isch schients nit Gras. S Rindli hetts Brod der Fremdi nit abebrocht, un s isch doch nit wit vum Rhy bis an Schwarzwaldrand.”

„Wieder ist es Frühling geworden, im Kriegsjahr 1940. Ich glaube, es ist Ende Mai gewesen. Wie ein Lauffeuer ging es durch das Dörfchen am Schwarzwaldrand: “Die Neuenburger kommen…!” Nur eine Stunde später kamen sie dann angefahren, mit Ochs und Kuh, mit Sack und Pack und mit hochbeladenen Fuhrwerken. Noch am selben Vormittag traf ein Militärlastwagen mit einer kleinen Rinderherde ein. Bei unserer Kirche wurden sie abgeladen und von ihren Besitzern in Empfang genommen. Nur ein Kälbchen hatte keinen Abnehmer gefunden, niemand wusste wem es gehört. Einstweilen wurde es auf dem Kirchplatz an einen Lindenbaum gebunden. Am Mittag stand es noch immer dort und gab jämmerliche Töne von sich. Nacheinander kamen einige Flüchtlinge vorbei, um sich das Kälbchen anzusehen, aber keiner wollte es kennen. Da hat mir das Tierchen leid getan. Nachdem ich den Neuenburgern Bescheid gab, nahm ich das Kälbchen mit in den Stall zu meinen Kühen. Als ich jetzt dem Tierchen zu fressen geben wollte, von meinem Gras, hat es davon kein Hälmchen genommen. Es hat nur dran geschnüffelt, geschleckt und hat es mit seinen kurzen Hörnchen aus der Futtergrippe zu Boden gestupst um sogleich darauf herum zu trampeln. Nur Schrot und Kleie, was ich in einem Futternapf vermischte, hatte es gefressen. Jetzt wird es Durst haben, dachte ich und zapfte einen Eimer frisches Quellwasser aus dem Hofhahn. In den Stall gebracht wollte es aber auch davon nichts trinken. Nicht einen Schluck, es schnüffelte bloß wieder wie schon zuvor am Gras und hatte den Eimer noch fast umgekippt, hätte ich diesen nicht vorsichtshalber festgehalten. Nun stellte ich das Wasser in den Hof, um es durch die Sonne etwas anzuwärmen. Dann noch ein wenig Salz, Schrot und Kleie untergerührt. So hatte es den ganzen Kübel getrunken. Aber fressen wollte es am Abend und am anderen Morgen wieder nicht. Es stand im Stall störrisch wie ein Sägebock und hat Tag und Nacht gejammert und gemurrt, dabei weiterhin kein Hälmchen vom Britzinger Gras gefressen. Am anderen Morgen, in aller Frühe, hatten einige Flüchtlinge für ihr Vieh im Neuenburger Feld einen Wagen Grünfutter geholt. Sie luden ihn auf dem Kirchplatz ab. Wahrscheinlich hatten sie mit ihren Kühen die gleichen Erfahrungen gemacht, wie ich mit dem Kälbchen. So nahm auch ich eine Hand voll Grünfutter mit nach Hause, um es dem Tierchen zu geben. Weih, oh-weih, wie schön zu sehen, mit welch großer Freude hat es jetzt gefressen. Doch von meinem beigelegten Gras nahm es weiterhin nichts. Am dritten Tag hat es sein Eigentümer bei mir abgeholt. Er hatte in einem Nachbardorf Obdach gefunden und lange nicht erfahren, wo sein Kälbchen abgeblieben war. Einige Tage später habe ich den Mann erneut getroffen. Er erzählte mir, dass er es mit Absicht auf einem Feldweg in seine Unterkunft geführt habe, um es weiden zu lassen. Aber auch da hatte es kein Maul voll gefressen, am Gras der Wegränder nur geschnüffelt und es mit dem Köpfchen durcheinander gestupst.
Gras scheint nicht gleich Gras zu sein. Das Neuenburger Kälbchen hat das Brot der Fremde nicht mögen, obwohl der Rhein vom Schwarzwaldrand nur wenige Kilometer entfernt ist.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil…

Rüttlinger-1823Eine Reisebeschreibung des Auswanderers Johann Jakob Rüttlinger
(1790-1856) aus Wildhaus / Toggenburg / Schweiz.

Wie umständlich das Reisen vor bald 200 Jahren war, berichtet das Tagebuch des ärmlichen Schulmeisters und Volksdichters J. J. Rütlinger aus dem Schweizer Toggenburg, der im Frühling 1823 mit seiner Frau nach Nordamerika auswanderte. Zu Fuß und ein Stück weit im Postwagen gelangte das Paar mit einem Reisebegleiter nach Basel. Hier sollte ein Schiff zur Weiterreise gefunden werden.

Auszug aus dem:
„Tagebuch auf einer Reise nach Nordamerika im Jahr 1823 von J.J.Rüttlinger“
Schweizer Memoirenbibliothek, Orell Füßli Verlag Zürich, 1925

Rüttlinger schrieb:
„Es war der 9. Mai. Da spazierten wir durch das Volksgewimmel über die Rheinbrücke, als gerade die Abendsonne ihre purpurnen Strahlen auf den glatt dahin schleichenden Rhein senkte und die vergoldeten Turmspitzen der Stadt wie blitzende Leuchter anzündete. Da erblickten wir am andern Ufer zwei neu angekommene Schiffe, von welchen die Waren ausgeladen wurden. Nach dem Platz hineilend, erkundigten wir uns nach ihrer Bestimmung. Es hieß, morgen früh fahren sie ab nach Straßburg; sie würden uns mitnehmen, die Person für 4 Taler. Wir zeigten dazu große Lust. Aber unser Begleiter hatte noch keinen gültigen Pass. Heute war das Büro schon verschlossen und morgen ging es vor acht Uhr nicht auf. Wir meinten ein wenig, in einer fatalen Lage zu sein. Entweder mussten wir ihn verlassen, oder die Mitfahrgelegenheit versäumen. Wir überlegten nicht lange und wählten das Letztere, weil uns ein solcher Reisegesellschafter zu wichtig schien. Trotzdem schliefen wir diese Nacht ruhig und unbesorgt denn wir dachten: Kommt Zeit, kommt Rat. Nun holte unser Begleiter seinen Pass von der Polizei, und dann projektierten wir, wie wir weiter reisen wollten. Unser Mitwanderer schlug vor, einen eigenen Kahn zu kaufen um selbst damit zu fahren. So gerne ich auch weiter gewesen wäre, so hatte ich doch keine besondere Lust dazu, mich so einem „dreifach zusammengenagelten Brette“ anzuvertrauen. Der Gedanke aber an mein schweres Felleisen (Rucksack) und die Vermutung, dass es doch zu lange dauern würde, bis wir wieder Gelegenheit fänden zu fahren, entschieden mich zur Einwilligung. Meiner Frau war das ganz recht, und unser Freund als ein unternehmungslustiger Glarner, prahlte damit, schon mehr solche Wagestücke eingegangen zu sein. Ob dem so war, weiß ich nicht; doch fand ich, dass er mit dem Kahn ein wenig besser umspringen konnte als ich. Genug, es wurde ein neues Fahrzeug für eine Dublone gekauft. Man kann leicht denken, dass es kein Kaufmannsschiff war. Wir richteten uns also zur Abfahrt ein, luden unsere kleinen Equipagen ein und nahmen noch einen Mann mit bis Neuenburg, weil es dort für Unkundige eine gefährliche Stelle ist.
Nun schwankt der Kahn dahin. Bei der geringsten Bewegung verliert er sein Gleichgewicht und droht, uns bald rechts und bald links auszuleeren. Jetzt schwimmen wir über die Grenze unseres lieben Vaterlandes. In stummem Stillschweigen die vorige, gegenwärtige und künftige Lage durchphantasierend, kamen wir in Neuenburg an, ohne auf unsere Umgebung geachtet zu haben. Wir bezahlten unseren Schiffsmann und entließen ihn dann. Wir dachten auf jeden Fall unseren Kahn nur dann zu benutzen, wenn wir sonst keine andere Gelegenheit hätten, vorteilhafter und unbesorgter zu fahren. Hier trafen wir mehrere Männer an, welche beschäftigt waren, ein Bretterfloß einzurichten, um damit bis nach Straßburg zu fahren. Wir ließen nicht ermangeln, sie anzusprechen, um uns mitzunehmen. Sie waren dazu bereit, wenn wir bis zum nächsten Morgen warten würden. Wir übernachteten also hier bei einem sehr freundlichen und billigen Wirt, der uns vom Auswandern abraten wollte. Wir schliefen aber dessen ungeachtet, ruhig. Der Morgen kam, und nun sahen wir erst recht, wo wir waren. Die Stadt steht auf einer Anhöhe. Unten stürzt ein Teil des majestätischen Rheins donnernd über ein Felswuhr. Nun sahen wir, dass wer dort den Weg auf dem Fluss verfehlt, eine Beute des Todes ist. Der Wirt erzählte uns, dass hier vor ein paar Jahren ein ganzer Kahn voll Menschen verunglückte, welcher sich der starken Strömung nicht mehr entziehen konnte und ohne Rettung den Fall hinunter stürzte. Es sollen auch Auswanderer gewesen sein. Soeben, als wir den neuen Wasserschwimmer betraten, stieg die Sonne links dem Rhein golden über die mit Schneestreifen g1änzenden Elsässergebirge herab, indem rechts die anmutigen badischen Rebenhügel noch im Schatten lagen. Sanft gleitet das Floß niederwärts zwischen den einförmigen Ufern des Rheins, wo Weidengesträuch zu beiden Seiten in die Fluten herabschwankt und wo nur dann und wann die Turmspitze eines entlegenen Dorfes über das Wald Grün hinausragt. Jetzt präsentiert sich prächtig, nachdem das Floß um eine Ecke sich gewendet hat, Breisach auf zwei Hügeln in blauer Ferne. Dieser heitere Tag entschleiert uns schon das hohe Münster in Straßburg, als wir noch sieben Stunden davon entfernt sind. In Kehl nahmen wir Nachtherberge, und da es den Abend ziemlich unruhig zuging im Wirtshause von allerlei Volks, es war heute Sonntag, so gingen wir ins Freie und weideten unsere Augen an dem freundlichen Untergang der Abendsonne. In dieser so feierlichen Szene dachten wir an unsere Heimat und an unsere dort zurückgelassenen Lieben und Freunde mit innigem Gefühl. Die gleiche Sonne geht uns allen unter; der gleiche blaue Himmel umspannt uns alle; ein Vater im Himmel ist’s, welcher uns alle beschützt und erhält, so lange es sein Wille ist, seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil, dieses war der hoffnungsvolle Ausfluss unserer bewegten Herzen, mitten im lärmenden Gewühle der Welt.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Von der Schwanenjagd

Singschwan Höckerschwan_kl“Ach du lieber Schwan!”

Am Weihnachtstag anno 1829 wurde in Steinenstadt am Oberrhein ein Schwan getötet. Dieses im süddeutschen Raum eher seltene Geschehen, war einer Münchner und Regensburger Zeitung eine Schlagzeile wert.
Was war geschehen?
Mehrere Singschwäne zogen zum Überwintern bis zu uns an den südlichen Oberrhein. Diese Schwanenart ist etwas kleiner als die hier heimischen Höckerschwäne, ein Alter von bis zu 20 Jahren können aber auch sie erreichen. Ihnen fehlt der unseren Schwänen namensgebende Nasenhöcker, ihre Schnäbel sind schwarz-gelb und sie haben einen fast geraden Hals. Zuhause sind sie in der osteuropäischen und sibirischen Taiga. Auffällig ist ihr ausdauernder Gesang, ein tiefes Posaunen. Ein damaliger Jäger kannte wohl diese Unterschiede, wusste auch, dass das Fleisch von Singschwänen genießbar ist, sogar bei einigen Nordeuropäern als Delikatesse gilt. Im Gegensatz dazu soll das Fleisch von Höckerschwänen ungenießbar sein.

Im Folgenden ist der Artikel aus der „Regensburger Zeitung“ vom Mittwoch, den 6.Januar 1830 abgedruckt:

Nachrichten aus dem In- und Ausland
„In Steinenstadt, Amt Müllheim, wurde den 24.12.1829 in einem Altwasser zunächst beim Ort, ein Schwan (Singschwan, Anas Cygnus) erlegt. Er war in Gesellschaft von noch sieben. Sein Gewicht beträgt 18 Pfund und seine Länge von der Schnabel- bis Schwanzspitze 57 französische Zoll. Dieser schöne Vogel mit seinem schwarzen Schnabel, schwarzen Füßen und blendend weißen Federn, ist bei uns ein seltener Gast und ein Zeichen großer Kälte im Norden. Ohne Zweifel wird es den Übrigen bei gegenwärtiger Witterung auf unserem in viele Arme geteilten Oberrhein, auf dem sie ausreichende Nahrung finden, wohl noch einige Zeit gefallen und dürfte es darum dem aufmerksamen Jäger gelingen, des einen oder des andern noch habhaft zu werden.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase aus Neuenburg am Rhein. rheinsein dankt!)

27.07.1832 Das erste Dampfschiff in Neuenburg am Rhein auf seinem Weg nach Basel

raddampfer stadt frankfurtRaddampfer “Stadt Frankfurt”. (Bild: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main)

Das Oberrheingebiet war einst eine dschungelartige Auenlandschaft mit mehreren vernetzt strömenden Wasserarmen. Alljährliche Hochwasser formten eine schlaufenförmige Flusslandschaft mit vielen Inseln und Sandbänken. Eine schiffbare Fahrrinne, auch Talweg genannt, war für größere Boote nur in wasserreichen Monaten befahrbar. Stromaufwärts mussten diese von Menschenhand, über oft unbefestigte Uferwege, gezogen werden.
Ab 1816 befuhren Dampfschiffe den Rhein, anfänglich aber nur von Rotterdam bis Mannheim. Freiherr Cotta von Cottendorf, ein einflussreicher Stuttgarter Verleger, Unternehmer, Diplomat, Freund von Schiller und Goethe, war ein überzeugter Förderer der noch jungen Dampftechnik. Er nutzte seine weitläufigen Beziehungen, um Investoren für den Bau und Betrieb von Dampfschiffen zu gewinnen. Eine erste Oberrhein-Erkundungsfahrt nach Basel scheiterte im Jahre 1827 hinter Mannheim, am zu großen Tiefgang des Dampfers “Ludwig”, gebaut vom niederländischen Ingenieur G. M. Roentgen.
Fünf Jahre später versuchte man es erneut, wieder mit einem von G. M. Roentgen konstruierten Schiff, welches eine neue Aufgabe suchte, nachdem die Schifffahrtslinie auf dem Main, zwischen Mainz und Frankfurt, wegen Unrentabilität eingestellt wurde. Dieses eiserne Schiff mit dem Namen “Stadt Frankfurt” hatte 10 Mann Besatzung, war 28,50 m lang, 5,70 m breit und hatte nur 48 cm Tiefgang. Die hölzernen Schaufelräder wurden von einer 52 PS starken Brunel-Dampfmaschine angetrieben. Gefahren wurde ausschließlich bei Tageslicht. Teile der Besatzung und alle Passagiere, darunter Cotta, Roentgen, mehrere Geschäftsleute aus Köln mit ihren Frauen, übernachteten in Hotels und Gasthöfen.
Am 22. Juli 1832 legte das Schiff in Kehl ab, um vier Tage später in Breisach einzutreffen. Zur selben Zeit inspizierte der Landkommissär Wilhelm Geigy, als Beauftragter des Handels-Komitees der Schweizer Rheinstadt, mit den Schiffermeistern David und Hindenlang, auf einem Holzkahn bis Neuenburg fahrend, die Wasserverhältnisse. In der Zähringerstadt wurde übernachtet und sich nach eventuellen Gefahrenstellen stromabwärts erkundigt. Niemand im Ort wusste von der bevorstehenden Ankunft eines Dampfschiffes. Am 26. Juli trafen sich die Basler und die Dampfschiffer in Breisach. Schiffermeister David wurde zuvor in die Schweiz zurückgeschickt, um eine Ladung Steinkohle nach Neuenburg zu bringen. Geigy und Hindelang gingen als Lotsen an Bord des Dampfers. So konnte die Reise stromaufwärts fortgesetzt werden. Wegen Gegenwind und starker Strömung konnte das Tagesziel Neuenburg nicht erreicht werden. Nach 15 Stunden mühevoller Fahrt, wurde vor dem Dorf Zienken in einem Nebenarm geankert. Die Passagiere wurden mit Kutschen zur Übernachtung nach Neuenburg gefahren. Am Morgen fuhr die Besatzung das Schiff die restlichen Kilometer stromaufwärts, um die gerade eingetroffene Kohle zu übernehmen. Diese Pause nutzten einige der Gesellschaft, um einen Ausflug nach Badenweiler zu unternehmen. Diejenigen sollten aber erst wieder am nächsten Tag vor dem Dorf Märkt an Bord gehen. In Abwesenheit entging ihnen nun, wie sechzehn starke Bauern, das angekettete Boot über eine reißende Stelle zwischen Kleinkems und Istein ziehen mussten. Danach wurde das letzte Mal die Anker geworfen. Am nächsten Tag, man schrieb den 28. Juli 1832 mittags halb zwölf Uhr, kam Basel in Sicht und man legte unter Kanonendonner und bejubelt von einer großen Zuschauermenge an der Schifflände an.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)