Unter-Föhn-ein-Fluß

“Fluß, Du fließt in alter Weise / durch Dein programmiertes Tal” beginnt ein Ohrwurm aus den frühen Achtzigern (1). Gemeint ist der Rhein, nicht nur nach David Hume schönster Fluß der Welt (2), der auf immerhin gut zwanzig Kilometern als schlingernder Rebell, die Taschen voller Steine (3) das Fürstentum tangiert, bedrängt und mit seiner eigenartig-eingezwängten Rheinheit bestäubt. Es mag am Föhn oder der gerade aufkeimenden Leichtigkeit des klimawandelnden, bisher noch ewig wiederkehrenden Frühlings liegen, auch dürfte die Übersichtlichkeit Liechtensteins dazu beitragen, daß im Spannungsfeld dahingeträllert-erinnerter Liedzeilen und literarischer Zitate ganze Utopien und Dystopien für diesen Landstrich entstehen und zerfallen. So zeichnete bereits vor zwei Jahrhunderten der notorische Rheinromantiker Brentano ein kirmesartig überdrehtes “Vadutz” als Mischung aus verlorenem Paradies, Eldorado und Schlaraffenland, dessen Fluß die ganze Woche ein unzugängliches Steinmeer ist und nur am Sabbath seine Wogen bewegt (4), ein Land voller Absonderlichkeiten wie Schlüsselblumen-Champagner und wasserdichten Lobzetteln, ein Land aber auch des “Alles, wie es seyn soll und nie seyn wird” (5).

Der Utopie wohnt die Dystopie wohl zwangsläufig inne – und umgekehrt. Und ein nur feiertags fließender Fluß gibt Grund zu grübeln. Was, wenn der Rhein, zum Eingewöhnen gerne zunächst nur unter der Woche, schließlich aber komplett vor Balzers Richtung Walensee abflösse? Eine Programmierung gewissermaßen, die schon einmal zum Einsatz gekommen sein soll, in einer Zeit allerdings, bevor es Menschen gab, die davon Zeugnis hätten ablegen können – während heute keine halbe Stunde verginge, bis eine solche Sensation im Internet stünde, mit Videobeweis und jeder Menge abstruser Äußerungen in der Kommentarspalte. Nicht nur würden wir derartige Wunder heute postwendend nachweisen, wir hätten sie wahrscheinlich selber bewerkstelligt, eben: programmiert. Es muß schließlich immer weitergehen. Daß ein Flußlauf sich korrigieren, stauen und angesichts des entstandenen Schlamassels hübsch renaturieren läßt, gehört längst zum kulturellen Repertoire der Menschheit.

Was die Schweizer mit dem neuen Flußverlauf anfingen, sei an dieser Stelle außen vor. Schauen wir auf die Chancen für das Fürstentum. Ohne Rhein würde es etwas trockener in Liechtenstein, gewiß, doch ließe sich mit dem gewonnenen Areal Begeisterndes beginnen. Das Rheingold entpuppte sich neuerdings als Bauland, auf den Kiesbänken wüchsen zunächst, was ihnen umgangssprachlich ohnehin innewohnt: Banken. Statt des Rheins strömte einfach noch mehr Geld durchs Land. Welchem ernstzunehmenden Menschen gilt heute die Metafer vom Leben, das als Wasserlauf betrachtet werden sollte (6)? Vielmehr liest sich ein modernes Leben in Kontoauszügen und Börsendiagrammen. Im Rheintal entstünde, Kapital zieht Kapital an, mit Kapital wird gebaut, wo gebaut wird kommen ungelernte Kräfte, die sich bekanntlich rasend vermehren, Schaan, Vaduz und Triesen machen es derzeit ganz zaghaft vor, eine Megalopole mit Angeboten weit über Brentanos nicht selten kindliche Vorstellungen hinaus, das planierte Rheinbett diente, endlich, als International Airport, die neuerdings animierten Bergzacken leuchteten als wechselnde Tageskurse ins Tal, die riesigen Fußballstadien von Ruggell und Triesenberg wären weithin gefürchtete Festungen, vermutlich in Planken siedelte unter einem überdimensionierten Schriftzug die Filmindustrie und das Fürstenhaus wäre tägliches Thema im deutschen Fernsehen. Klingt das phantastisch oder realistisch? Spinnerei und Business liegen viel näher beieinander, als allgemein angenommen wird. „Unsere Geldsorten schnitten wir aus Goldpapier“ (7) schrieb Brentano über sein Traumland Vadutz, als Liechtenstein Bauernland war – von seiner Vorstellungskraft läßt sich bis heute lernen.

Wie bitte, Sie würden den Rhein vermissen? Dieses eingedeichte Abziehbild von einem Fluß? Ist nicht nötig, noch ist er ja da. Besonders gut zu betrachten aus den höheren Warten. Im aktuellen Energiekonzept der Landesregierung wird er demnach als potentieller Energielieferant geführt. Das klingt nach Staustufen und Kraftwerksbauten und Rückfall in die Zukunft. Noch hat niemand die Verklappung des Flußlaufs unter eine Asfaltdecke vorgeschlagen, ein Projekt, welches Energie- und Siedlungspolitik sinnvoll vereinen könnte. Nutzen Sie also, falls Sie den Rhein wirklich vermissen würden, den Mai, machen Sie einen Ausflug auf den Damm, nehmen sie Bruce Springsteen im Kopfhörer mit, der unvergleichlich von Lügen gewordenen Träumen orakelte und ausgetrockneten Flüssen (8) und schauen Sie sich den Rhein nochmal in seiner jetzigen Form an. Wer weiß – Warnungen gibt es zuhauf (9) – wie lange das noch möglich ist.

1 Rheingold: Fluß
2 „the finest river in the world“ (David Hume: The Letters)
3 Richard Pietraß: Mit einem Bein in Liechtenstein
4 Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia
5 Ebd.
6 „An individual human existence should be like a river“ (Bertrand Russell: Portraits from memory and other essays)
7 Clemens Brentano: a.a.O.
8 Bruce Springsteen: The River
9 Golgowski-Quartett: Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang

(Aktuelle Kolumne für das Monatsmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands)

Teilzeitrheinfee

Gott hat graue, mit Abwasser vollgesogne Putzlumpen unterm Himmel aufgespannt, eine Art Open Air-Scherz: alle zehn Minuten preßt er sie aus. Im Regen läßt sich die Stadt leichter erkunden. Alles wirkt distanzierter, wie erstmals echt. Irgendwann: ich fuhr runter zum Fluß, so ähnlich wie in dem Springsteen-Lied, nur mit dem Fahrrad und meine Süße war auch nicht dabei, bestenfalls in einer verwackelten Erinnerung (Selbstauslöser). Der Fluß strich über die Zeit, ein kältelahmes Reptil aus Wasser auf Beutezug durch die staubigen Hallen meiner Sehnsüchte: ziemlich leere Hallen, ziemlich unterbelichtete Aufnahmen. Durch meinen Schädel gingen unterdessen ein paar Strudel, der Rhein selbst driftete unentwegt von rechts nach links, schiens, ohne jemals zu verschwinden. Dann erreichte ich die Stelle, an der sie so glücklich aussah, damals, in einer Vergangenheit, die nur noch per Computer rekonstruierbar sein würde. Das Hochwasser hatte seine Pfützen am Ufer hinterlassen. Darin einige seltsame Tierchen. Für sie wäre das allenfalls Gewürm gewesen, oder Ungeziefer, sie hatte so eine indifferente Haltung selbst gegenüber den einzigartigsten Naturfänomenen: “Ich komme aus dem Großstadtslum, Autos sind meine Tiere.” Ich hatte diese Tierchen noch nie zuvor gesehen. Sie flitzten sinnlos durch die Pfütze, irre Choreografie, sowas wie “Jagen und Verstecken”, von jeglichem herkömmlichen Zweck befreit. Ich schaute mir das Durcheinander eine Weile an. Minuten und Stunden zogen vorbei wie der Fluß, ganz unbeteiligt. Allgemeines Patt vor Nieselkulisse. In schwer bestimmbarer Entfernung schlummerte die Kathedrale. Vielleicht pißte sie auch heimlich in den Strom. Kein Mensch ließ sich blicken, weit und breit. Schließlich entschloß ich mich, das Gewürm zu untersuchen. (Mußte meine deutsche Ader gewesen sein, die mich auf diese Idee brachte.) Einmal gefangen, machten die Viecher den Eindruck schleimiger grauer Flußgarnelen, an Land waren sie völlig hilflos, wälzten sich im Matsch und verkrümmten ihre schlammigen Leiber, fuhren die Füße ein, asselten und krampften ganz mitleiderregend. Die Tiere erinnerten mich an ihre asiatischen Schwestern, ein paar hundert Mal größer als dieses Rheingewürm, Mekong-Garnelen, wie sie auf den Speisekarten der Edelrestaurants in Phnom Penh zu finden waren. Diese Mekong-Flußgarnelen hießen Demoiselles, Frolleins also, oder Jungfern. Als ich durch Phnom Penh streifte, fuhr sie mit dem Moped durch Sansibar, beide stopften wir unsere Sommerlöcher und schoben die darob ermittelten Daten per E-Mail hin und her, gespickt mit halben Lügen wie sehr wir uns vermißten. Ich schnippte die Rheintierchen zurück in ihre Pfütze. Der Fluß stand auf einmal senkrecht. Dahinter, auf der anderen Seite der Welt, saß sie als vages Schema an ihrem Schreibtisch und frisierte unsere Daten.