Ein Kälbchen vom Rhein in der Fremde

Kalb-7Neuenburg am Rhein wurde gleich zu Beginn des 2. Weltkrieges evakuiert. Zuerst Frauen und Kinder, dann ab Mai 1940 auch alle anderen Einwohner. Nur der Bürgermeister blieb mit 15 Bürgern zum Schutz und zur Sicherung der Stadt zurück.
Der Britzinger Bauer und Heimatdichter Fritz (Gillmann) Träris (geboren am 3.11.1898) erinnerte in einem Aufsatz, erschienen in der 1963 veröffentlichten Neuenburger Stadtchronik “Die Geschichte einer preisgegebenen Stadt”, an eine rührige Begebenheit aus dieser schweren Zeit. Zuoberst die in alemannischer Sprache verfasste Geschichte im Original, darunter eine freie Übersetzung ins Hochdeutsche.

“s’Rindli in der Fremde
Wieder isch s Früehlig gsi, im Chriegsiohr 1940. I glaub, s isch endi Mai gsi. Wie ne Lauffüür isch s dur unser Dörfli am Schwarzwaldrand gange: “D Neuberger chömme zue uns hintere!” Ebbe ne Stund spöter sin se a zfahre chu, mit Ochs un Chueh, mit Sack un Pack un mit hochgladene Wäge. No im Vormittag isch e Militärlastwage chu un het e bar Stückli Vieh brocht. Bi unserer Chilche sin si abglade un vu ihre Bsitzer abgholt worde. Nummen e ebbe jährig Rindli het kei Meister gfunde, nüemes het gwißt, wem s ghört. Do isch s halt uff em Chilchplatz an e Baum bunde worde. Z Mittag isch s no dört gstanden un het halt blärrt und brüelt. D Neuberger Manne (un au Fraue) sin verbei chu un henn das Rindli bschaut; aber niemes het das Dierli gchennt. Do het mer das Dierli leid do. I ha mit e bar Neuberger Manne gredet un ha das Rindli in mi Stall gnu, zue miine Chüeh. Wun i aber dem Dierli z fresse gee ha – vu mim Gras, hets dervu kei Hälmli gfresse, s het numme dra umme gschnüfelet un dra umme gschmeckt un hets mit sine churze Hörnli us der Baare grisse, an Bode gheit un isch druff umme dalpt. Numme s Gleck, wun em in d Chripfe gee ha, het s zemme gschleckt. Vileicht het s Durst, han i denkt; ha ne Chessel voll Wasser laufe lo, frisch Quellwasser, wie s bi uns us em Hofhahne chunnt. I han em s in Stall brocht un vor s hi gstellt. Meinener s heig gsoffe? Nit e Schnurre voll! S het numme dra umme gschnüfflet, wie an mim Gras. Z letscht häts der Chessel no umgheit, wenn i en nit ghebt hät. Do han en use in Hof an d Sunne gstellt, daß das Wasser e weng agwärmt gsi isch, ha e Priseli Salz un e Hämpfeli Gleck dri verrüehrt; das hets gsoffe, der ganz Chessel voll. Aber gfresse hets z Obe un am andere Morge nüt. S isch im Stall gstande wie ne Sägbock un het Dag un Nacht numme blärrt un gmurrt un het kei Hälmli vu unserem Gras gfresse. Am andere Morge früeih vor Dau un Dag henn e bar Neuberger Buure im Neuberger Feld e Wage Grüenfueter gholt für ihr Vieh, un hen s uff em Chilchplatz abglade. Wahrschinlich henn si die gliche n Erfahrige gmacht mit ihre Chüeih, wie ich mit ihrem Chalbeli. Au ich ha n e Wisch vu dem Grüenfueter gnu, un ha s dem Dierli z fresse geh. Hei! Hets do gfresse un schnabeliert! Aber vu mim Fueter, wu ni em derzwische gmischlet ha, hets kei Hälmli gnu. Am dritte Tag hets si Eigetümer bi mir abgholt. Er het im e andere Nochberdörfli Unterschlupf gfunde gha un het so Iang nit erfahre, wu si Dierli hi chu isch. E baar Tag spöter han i de Mann wieder troffe. Er het mer verzählt: Absichtlich het er das Dierli uff Feldwege in si Unterkunft gfüehrt – er hets welle weide lo. Aber au do hets kei Schnurre voll gfresse, S het nummen im Gras an de Wegränder umme gschnüfflet un hets mit im Chopf durenaner gstoße.
Gras isch schients nit Gras. S Rindli hetts Brod der Fremdi nit abebrocht, un s isch doch nit wit vum Rhy bis an Schwarzwaldrand.”

„Wieder ist es Frühling geworden, im Kriegsjahr 1940. Ich glaube, es ist Ende Mai gewesen. Wie ein Lauffeuer ging es durch das Dörfchen am Schwarzwaldrand: “Die Neuenburger kommen…!” Nur eine Stunde später kamen sie dann angefahren, mit Ochs und Kuh, mit Sack und Pack und mit hochbeladenen Fuhrwerken. Noch am selben Vormittag traf ein Militärlastwagen mit einer kleinen Rinderherde ein. Bei unserer Kirche wurden sie abgeladen und von ihren Besitzern in Empfang genommen. Nur ein Kälbchen hatte keinen Abnehmer gefunden, niemand wusste wem es gehört. Einstweilen wurde es auf dem Kirchplatz an einen Lindenbaum gebunden. Am Mittag stand es noch immer dort und gab jämmerliche Töne von sich. Nacheinander kamen einige Flüchtlinge vorbei, um sich das Kälbchen anzusehen, aber keiner wollte es kennen. Da hat mir das Tierchen leid getan. Nachdem ich den Neuenburgern Bescheid gab, nahm ich das Kälbchen mit in den Stall zu meinen Kühen. Als ich jetzt dem Tierchen zu fressen geben wollte, von meinem Gras, hat es davon kein Hälmchen genommen. Es hat nur dran geschnüffelt, geschleckt und hat es mit seinen kurzen Hörnchen aus der Futtergrippe zu Boden gestupst um sogleich darauf herum zu trampeln. Nur Schrot und Kleie, was ich in einem Futternapf vermischte, hatte es gefressen. Jetzt wird es Durst haben, dachte ich und zapfte einen Eimer frisches Quellwasser aus dem Hofhahn. In den Stall gebracht wollte es aber auch davon nichts trinken. Nicht einen Schluck, es schnüffelte bloß wieder wie schon zuvor am Gras und hatte den Eimer noch fast umgekippt, hätte ich diesen nicht vorsichtshalber festgehalten. Nun stellte ich das Wasser in den Hof, um es durch die Sonne etwas anzuwärmen. Dann noch ein wenig Salz, Schrot und Kleie untergerührt. So hatte es den ganzen Kübel getrunken. Aber fressen wollte es am Abend und am anderen Morgen wieder nicht. Es stand im Stall störrisch wie ein Sägebock und hat Tag und Nacht gejammert und gemurrt, dabei weiterhin kein Hälmchen vom Britzinger Gras gefressen. Am anderen Morgen, in aller Frühe, hatten einige Flüchtlinge für ihr Vieh im Neuenburger Feld einen Wagen Grünfutter geholt. Sie luden ihn auf dem Kirchplatz ab. Wahrscheinlich hatten sie mit ihren Kühen die gleichen Erfahrungen gemacht, wie ich mit dem Kälbchen. So nahm auch ich eine Hand voll Grünfutter mit nach Hause, um es dem Tierchen zu geben. Weih, oh-weih, wie schön zu sehen, mit welch großer Freude hat es jetzt gefressen. Doch von meinem beigelegten Gras nahm es weiterhin nichts. Am dritten Tag hat es sein Eigentümer bei mir abgeholt. Er hatte in einem Nachbardorf Obdach gefunden und lange nicht erfahren, wo sein Kälbchen abgeblieben war. Einige Tage später habe ich den Mann erneut getroffen. Er erzählte mir, dass er es mit Absicht auf einem Feldweg in seine Unterkunft geführt habe, um es weiden zu lassen. Aber auch da hatte es kein Maul voll gefressen, am Gras der Wegränder nur geschnüffelt und es mit dem Köpfchen durcheinander gestupst.
Gras scheint nicht gleich Gras zu sein. Das Neuenburger Kälbchen hat das Brot der Fremde nicht mögen, obwohl der Rhein vom Schwarzwaldrand nur wenige Kilometer entfernt ist.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)