Durch den Breisgau (2)

Freistehender Akzent als Besonderheit des jambisch orientierten Rödelreims

Landstraßen und Agrarwege des Breisgaus stehen im Juni im Zeichen der Erdbeere, der Kirsche und des badischen Golds, des Spargels. So wehen zerschlissene und frisch gestylte Erdbeerflaggen von Höfen und in Vorgärten, skulpturale Spargelbündel aus Hartschaum ragen fallisch als Pfeiler von Orts- und Toreinfahrten in den Himmel, und die Kirsche symbolisiert das vergessene Auge, das sehnsüchtig in der Dunkelheit pulsiert, bevor es platzt. Hartheim, einst direkt am Rhein gelegen, woran die vollständige Ortsbezeichnung Hartheim am Rhein erinnert, ist im Talgrund von Altrhein und Rheinseitenkanal auf Kilometer an seinem mythenumrankten Leuchtturm, dem “Harten Gustav” auszumachen. Im Ort selber verschwindet der Turm bis zur völligen Unsichtbarkeit hinterhartheim_fischerzunftErinnerungen an die Zeiten des Salmenfangs. Der Salm, die regionale Bezeichnung für den Lachs, der den Rhein bis zur Industrialisierung übervölkerte, wird heuer bei der Iffezheimer Fischtreppe videodokumentiert und gezählt, um die 100 Exemplare konnten dort nachgewiesen werden, erste Erfolge der Neubesetzung – denn zwischenzeitlich war der Lachs aus dem Oberrhein verschwunden. Die Gaststätten des Breisgaus benennen sich weiterhin gerne nach dem einstmals regionaltypischen Fisch. In Schaukästen neben der Eingangstür präsentieren sie, so sie auf sich halten, Flaschen mit ihren Hausbränden und Weinen aus den Lagen nebenan. In Feldkirch, nicht zu verwechseln mit dem vorarlbergischen Städtchen gleichen Namens, trifft sich die Landwelt im Bohrerhof, einem für die Ortsgröße bombastischen Landmarkt, dessen Restaurant an ein umfunktioniertes Treibhaus erinnert. Am Ortseingang schrillte uns die rote Johannisbeere entgegen, am Ortsausgang schrillte sie uns hinterher. Wir erreichten Schlatt und ergaben unsschlatt_kaninchenschauschließlich bedingungslos der am Straßenrand sich aufbauenden Niedlichkeit.

Durch den Breisgau

tour_weizengrün vs weingrünWeizengrün, maisgrün, weingrün, apfelgrün, weidengrün, brennnesselgrün, spargelgrün, zwiebelgrün, sogar ein wenig tabakgrün, insgesamt ganz übermäßig grün unter Azurhimmeln, in die mit Bedacht flauschige Wölkchen gesetzt wurden, fläzt sich, von freundlichen Junisonnen beleuchtet, der Breisgau ins Oberrheintal. Vereinzelte rote Tupfer stammen von Erdbeeren, Süßkirschen, Klatschmohn, an den Rändern der ans tolkiensche Auenland gemahnenden Landschaft harren in tiefblauer Wartestellung die Kurven des Schwarzwalds und der Vogesen. Schallstadt trägt seinen Namen aufgrund der B3 und der samstagmorgendlich den Hausumschwung kärchenden Einwohnerschaft. Entlang der B3 plädieren Schallstadts Einwohner für eine Umgehungsstraße, Schallstadts Einwohner entlang der möglichen Umgehungsstraße plädieren dagegen. Wir radelten schnell durch den auf unangenehme Weise schallenden Ort und auf dem Rückweg lieber daran vorbei. Auch Bad Krozingen querten wir schnellstmöglich, es zog uns hinaus in die Natur, mit ihren ländlichen Eigenheiten und Menschen. Suizidäre Weinbergschnecken schnurten übers Pflaster, von Böschung zu Böschung katapultierte Wiesel in haargesträubter Felligkeit, die Lufthoheit lag bei den von einer frustrierten Vogelwelt angezwitscherten Insekten. Von Offenburg her zogen Kolonnen knatternder Quads überland. Unweit des Dörfchens Tunsel stießen

wir auf ideenreiche und lebensfrohe Nutzungsvorschläge für üblicherweise eher vernachlässigte Orte des öffentlichen Raums; neben Gratisumarmungen waren auch Farbtestverabredungen im Angebot, versehen mit dem südbadischen Gütesiegel “Wir werden siegen!”. Je weiter wir in die Gegend vordrangen, desto stärker wehte Geruch überhitzter Erdbeeren in unsere Nase und verwirrte die Sinne. Von märchenhaft anmutenden Passanten in Gummistiefeln ließen wir uns den mehrfach verlorenen Weg erklären. In ihrem Idiom gerann unserer pluralis modestiae zur dritten Person Singular Neutrum, derart neutralisiert gingen wir vollends in der zu durchtreppelnden Umgebung auf, bis ungefähr bei Bremgarten knallharte politische Dichtung (“Bauern fordern es mit Mut / Deckel auf der Bahn ist gut” etc), auf großen Bannern am Straßenrand angebracht, uns in die Echtwelt zurückrief. Sofort witterten wir Zusammenhänge mit dem nahen Hartheim, dessen jugendkulturelles Rödelreim-Projekt dereinst mit alemannischem Bauernrap für überregionales Aufsehen gesorgt hatte.

Auf den Spuren Willy Brandts (5)

fr_willy brandt alleeIn Freiburg im Breisgau liegt zentral der Konrad-Adenauer-Platz, die Willy-Brandt-Allee durchzieht das perifere Rieselfeld, eine Neubausiedlung, die sich festungsähnlich gegen die Stadt, deren Teil sie ist, abgrenzt. Zwar bildet auch die Willy-Brandt-Allee im Rieselfeld keine zentrale Achse (das ist die Rieselfeldallee), doch von allen Willy-Brandt-Alleen, die wir bislang an der Rheinschiene sahen, ist die Rieselfelder die mit Abstand sympathischste und architektonisch beachtenswerteste. Neben funktionalen Wohnbauten entdeckten wir ein asiatisches Restaurant mit roten Lampions, das weithin strahlende Logo eines LIDL-Markts, das gewölbte, rasenbewachsene Dach einer Sporthalle, das vielen Rieselfeldern als Aussichtspunkt auf ihre Willy-Brandt-Allee dient (auf dem Skifahren allerdings ebenso wie der Aufenthalt während Gewittern verboten ist) und nicht zuletzt die Maria-Magdalena-Kirche, die in stilvoll erschlagender Hochbunkerhaftigkeit einen staubigen, weitläufigen Platz beschließt, an dessen anderem Ende ein ebenfalls klobiges Gebäude allerlei Kurzweil für die wissbegierige Jugend verheißt.fr_willy brandt allee_3

Freiburger Notizen (13)

“Schöner Mittag” sagen die Freiburger, wenn sie sich gegenseitig einen solchen wünschen. Manchmal sind sie weitaus schwerer zu verstehen. Gestern, bei meiner Ankunft in Betzenhausen, vermeinte ich zunächst, reichlich verblüfft, einen Muezzin rufen zu hören, bis mir klar wurde, daß vielmehr die Nachbarn mithilfe extrem gedehnter alemannischer Lautfolgen das Achtzehnuhrwetter besprachen. Der schöne Mittag zu Betzenhausen indes besteht aus einer Reihe seltsamer Hausumschwungspflegegeräusche, etwa als bohrten überdimensionierte Insekten aus dem Weltall die petuniären Rabatten auf. Dazwischen ein rätselhaftes Scharren, nicht unrhythmisch, aber auch nicht richtig rhythmisch. Amseln linsen durchs Fenster, schotentragende Glyzinien wuchern, die Feige reckt sich anklägerisch dem selten bedeckten südbadischen Himmel entgegen. Auf der Herfahrt im Zug hatte ich begonnen, Markus Orths Alpha & Omega zu lesen, ein Roman, in dem sich Anleihen bei Douglas Adams und Laurence Sterne finden lassen und der zu guten Teilen in Freiburg spielt. Entsprechend tragen Teile des Personals urbadische Charakterzüge. In Birte “Bitch” Winter z.B., die eine Art Gottesmutter vorstellt und esoterische Neigungen hegt, vereinen sich bodenständig-lässig spirituelle Bestrebungen wie ich sie für die oberrheinische Provinz stets als typisch empfunden habe. Apfelbäume und Räucherstäbchen. Eine geradezu essentielle Freiburg-Figur ist Harry Schmelzer, bekannt als der Blinde Autonome, der als Bettler die Fußgängerzone bevölkert. Die Geschichte seiner Erblindung spielt wiederum auf dem Parkplatz des weithin bekannten Freiburger Musikschuppens Crash.

Angekommen in Freiburg bin ich erst, wenn ich am Münsterplatz eine Bratwurst verspeist habe. Ich meine mich zu erinnern, daß früher eine einzige Bratwurstbude auf dem Platz stand, heuer waren es sechs oder sieben, feierlich nebeneinander aufgereiht, ihren unwiderstehlichen Dunst auf hundert Meter verströmend. Der Markt am Münster ist vorwiegend mit Produkten aus dem Freiburger Umland bestückt und im Schnitt etwa doppelt so teuer wie der Nippeser Markt am Taj Mahal. Sicher, der Freiburger hält die Produkte, die er ersteht, generell für qualitätsvoll, das Kompositum Lebensqualität ist ihm tägliches Mantra, und die roten Rettiche, die ich heute auf dem Markt erwarb, kamen tatsächlich nicht übel auf der Zunge – derart immens war der Unterschied zu in Nippes feilgebotenen Rettichen (was für den Rettich gilt, gilt in diesem Fall auch für die Erdbeere und andere marktgängige Kulinarien) jedoch nicht, daß sich der Preisunterschied allein aus Qualitätsdifferenzen rechtfertigen ließe. Vielmehr scheint es die täglich mehrfach beschworene Lebensqualität, die Freiburg zu einem teuren Pflaster macht.

Apropos Pflaster: ins Pflaster der Innenstadt sind zahlreiche Mosaiken aus Rheinkieseln eingelassen. Das ist schlicht und hübsch anzusehen. Am Rande der Straßen und Gassen fließen die sogenannten Bächle, ein venezianisches System en miniature. Kinder ziehen kleine Schiffe an Schnüren die Bächle entlang, ein Treideln wie aus den Erzählungen Lemuel Gullivers. Es sind viele Sprachen zu hören, aber kaum türkisch, nichtmal auf dem Markt, noch so ein Gegensatz zu Nippes. Das Pflaster ist, wie auch im allgemeinen die Wände, Grund zu Parolen. Z.B. das der Wiwilíbrücke, deren Bogengeländer gern von studentischen Trainspottern erklettert wird. Politisch ist man in Freiburg allemal, dieses Schablonen-Graffito gilt einem Mann, der namentlich zwar bestens nach Freiburg passen könnte, jedoch keine konkrete Beziehung zur Breisgaumetropole pflegt:

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Dürrer Sommer des Jahres 1540.

Im Jahre 1540 war es so dürre, und der Wassermangel so groß, daß zu Bayreuth das Maas Wein 3 Pfennige, das Maas Wasser aber 4 Pfennige kostete. Das Heu und Getreide stand wie versengt da. Ueber den Rhein konnte man zu Pferde ohne Gefahr setzen. Um das Vieh zu tränken, mußten die Bauersleute oft einige Stunden weit gehen. Im Breisgau mußte der Wein, bey Reinigung der Fässer und andern Geschirre, die Stelle des Wassers vertreten. Die ausserordentliche Hitze, die vom Februar bis zu Anfang des Decembers dauerte, verursachte mehrere schreckbare Waldbrände, unter denen keiner furchtbarer war, als der, so sich bey Inspruk am 20sten Juli ereignete, und von dem uns Hundius (…) Nachricht ertheilt. In dieser unausstehlichen Dürre fiel zum Glücke für die Baumfrüchte und den Weinstock immer ein erquickender nächtlicher Thau.

(Johann Chrysostomus Cantor, Geschichte der merkwürdigsten Naturbegebenheiten auf unserer Erde von Christi Geburt bis auf gegenwärtige Zeiten, Coburg/Leipzig 1804)

Der Rhein, wahrscheinlich im Breisgau

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Sieht aus, als docke der Rhein an eine Staustufe. An solchen Mauern findet der stromerzeugende Strom erneut Anfang und Ende, die rückgestauten Wasser wirken, als wollten sie mählich die mütterlichen Hügelketten fluten, die davonfließenden wirken mechanisch angetrieben. (Bild: Helena Becker)

Die Allemannen am Rheinstrom

„(…) Eigentlich weiß niemand recht zu sagen, wer diese berühmten Allemannen waren, noch wo sie auf einmal hergekommen sind, wiewohl es sind dem zahlreichen geneigten Leser am Oberrhein seine wahren Stammväter und Altvordern, von deren Blut er abstammt, große grobgliederige Menschen mit blauen Augen, krausen roten Haaren, voll Kraft und Mut und Trutz, fröhliche Trinker und Spieler, ohne Kenntnisse. Es geht noch manchem ein wenig nach. Wenn einem von ihnen ein zehnjähriges Büblein, wie sie heutzutag in die Schule gehn, ein Additionsexempel angesetzt, oder ein Abc-Büchlein vorgelegt hätte, oder eine achtzehnjährige Tochter des geneigten Lesers hätte einer Frau Mehl und Eier und Butter gegeben, „da, Mütterlein backe Sträublein draus”, sie hätten nichts wissen damit anzufangen. Noch wurde kein Vaterunser, noch kein Ave Maria gebetet. In die Kirche gingen sie nach Schaffhausen an den Rheinfall, oder in die dichtesten Wälder, oder auf den Belchen. Denn sie beteten unsichtbare Götter an, wenn nicht Sonne und Mond oder den Rhein, und opferten ihnen Pferde. Sonst war ihre liebste Beschäftigung der Müßiggang, dann die Jagd und der Krieg. Zweihundert Jahre lang kämpften sie mit den Römern in unversöhnlichen Kriegen zuerst um die Landschaften zwischen dem Rhein, der Donau und dem Main, aber oft auch, wenn die Gelegenheit günstig schien, fielen sie in das römische Gebiet jenseits der Flüsse ein, und spannen meist wenig Seide dabei, bis gegen das Ende.
Dem geneigten Leser müßte es wohl ein wenig bange werden, ob es möglich sei, daß er nach anderthalbtausend Jahren noch von diesem Heldenvolk abstammen und auf die Welt kommen werde, wenn er erfahren sollte, was es von einem Feldzug zum andern für schreckliche Niederlagen gelitten hat. Wo ein Tal des Schwarzwaldes sich auftut, fluteten Mann an Mann und Schild an Schild jetzt die Allemannen siegeslustig hinaus, jetzt die Römer racheschnaubend mit Feuer und Schwert hinein. In alle Bäche floß allemannisches Blut. Mehr als einmal gingen nach römischen Berichten, die Allemannen hunderttausendweise in einem Feldzug zugrunde. Mehr als einmal brannte der Schwarzwald an allen Ecken und Enden. Manchmal machten wir auch gute Geschäfte bis nach Italien hinein und in die Champagne. Aber wer zuletzt mit blutigen Köpfen wieder heimkam, waren eben wir. In der Champagne ließen wir auf einmal nicht mehr als 60000 liegen. Denn die nackte deutsche Tapferkeit und Kraft ohne die Kunst des Krieges vermochte nie auszuhalten in die Länge gegen die geharnischten Reihen und Glieder der Römer, gegen ihre Schwenkungen und andere Kriegskünste, mitunter auch Schelmenstücklein. Mit 60 bis 80 000 Mann über den Rhein oder über die Donau zu gehen, und die Römer anzugreifen, wo wir sie fanden, war uns ein Leichtes. Aber wieder heimzukommen, und die Feinde abzuhalten, daß sie nicht über den Fluß hinüber nachsetzten, war oft etwas Schweres. Die Geschichte erwähnt eines mannhaften deutschen Fürsten und Heerführers mit Namen Chnodomar, sie erwähnt auch eines Fürsten und Helden mit Namen Vadomar der im Breisgau und Oberland ein Herr war, und nach der Vermutung eines achtungswerten Gelehrten seinen Sitz hatte, wo itzt Thumeringen steht im Wiesenkreis, also daß dieses Ort zuerst geheißen hatte Vadomaringen. Der ist manchmal auf seinem Hengst durch die Wiese geritten, oder im Käferhölzlein auf der Jagd gewesen und hat mit lüsternem Auge hinübergeschaut in das Gebiet der Römer jenseits Rheins. Chnodomar und Vadomar und andre deutsche Fürsten als Uri, Ursiz, Vestralp und mehrere gingen mit ihren Heerscharen über den Rhein, griffen bei Straßburg, bei Hausbergen den römischen Feldherrn Julianus an, nicht zu guter Stunde. Als die Schlacht gewonnen schien, war sie verloren. Chnodomar wurde gefangen, der gereizte Feind kam über den Rhein, und hauste heidnisch mit den Leuten. Aber Vadomar, der König von Thumringen, rettete sich und sein Land. Nachgehends bekamen ihn die Römer durch List und schändlichen Verrat in ihre Gefangenschaft und schleppten ihn nach Spanien. Später wurde auch sein Sohn Vitigab ein gar feines und kluges Herrlein auf Anstiften der Römer von seinem Bedienten heimlich ermordet. Was denkt der geneigte Leser zu einer solchen schlechten Aufführung? Viele tausend biedere Allemannen wurden auch als Gefangene nach Rom transportiert, und man hat von den wenigsten mehr erfahren, was aus ihnen geworden ist, ausgenommen ein Mägdlein von Doneschingen namens Bißlein, das hernachmals in Rom gute Tage bekommen hat. Der Herr Römer, der es gefangen bekommen hat, hat er sich nicht nachher in dasselbe verliebt, und laut gesagt, es sei in ganz Rom kein Mädchen mit diesem allemannischen Töchterlein zu vergleichen. – Wenn er itzt erst käme, und eins aussuchen dürfte. Aber in der Tat man weiß nicht zu sagen, wo die vielen Menschen hergekommen sind, die nach einem hundertjährigen Krieg und nach allen blutigen Niederlagen und grausamen Landesverwüstungen noch übrig waren, kraftvoll und rüstig, als die Macht der Römer im Land und daheim anfing zu zerbrechen. War nicht auf einmal selbst das ganze jenseitige Rheinland von Basel bis nach Mainz und bis an die jenseitigen Gebirge Untertan der allemannischen Macht? Alles schien sich wieder zu erheben, bis ein neues kriegerisches Schauspiel begann.
Draußen über dem Schwarzen Meer, wo Europa ein Ende hat, und seltsame Völkerschaften eines andern Weltteils ihren Anfang nahmen, wohnten damals, fremden Blutes und fremder Sitten die Hunnen ein wildes räuberisches Gesindel, und es wird nicht viel gefehlt sein, so war ihr Oberhaupt, genannt Attila, der Schlimmste unter allen. Attila brach um das Jahr 451 mit seinem Volk aus ihren Wohnsitzen auf, um in Europa, soweit es geht und guttut, zu erobern, zu plündern, zu sengen und zu brennen und zu morden, und wo er hinkam, in den ersten 24 Stunden war alles verwüstet und verödet, und je weiter er zog je furchtbarer vermehrte sich sein Heer, denn alles zog mit, wie ein Heerstrom in seinem Lauf größer und größer wird, durch die Waldströme die sich rechts und links her in seine Fluten ergießen. Jetzt ist der Hunnenkönig schon am Saustrom in Ungarland, jetzt schon an der Donau, jetzt schon in der Gegend von Ulm, und wie Reihen der Franken wichen auf allen Seiten, bis in der Herzensangst und Verzweiflung der fränkische König Chlodewig die Hand zum Himmel aufhob, und den Schwur tat, wenn ihm Gott den Sieg verleihe, so wolle er ja gerne ein Christ werden, seine Frau sei es ohnehin schon. Es waren aber damals schon ganze christliche Regimenter unter dem fränkischen Heer, und einer rief dem andern zu: „Du, wenn wir dem König den Sieg erkämpfen, so will er sich taufen lassen.” Also schlugen die Christen unbarmherzig auf die Heiden drein, die Allemannen werden in Unordnung gebracht und verlieren die Schlacht für diesmal, und ihre teuer errungene Freiheit und Herrschaft auf immer. (…)“

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund, 1814)

Eine Mission

Der Rhein in seiner Funktion als Grenze diente zahlreichen und dient bis heute (nicht mehr ganz so zahlreichen) Literaten als Aufhänger und Inspiration zur Reflexion über Identitäten, Verschiedenheiten und Möglichkeiten der anwohnenden Volksstämme. In der folgenden Geschichte von Bdolf (einem der privaten Rheinsein-Förderer und genialen Zuträger zahlloser Anekdoten aus dem Hoch- und Oberrheinraum) wird der deutsche Schicksalsstrom nicht explizit erwähnt und der Andere/Fremde verschwindet einfach hinter den greifenden Maßnahmen eines umfassenden Regelwerks, jedoch dürfen Breisgau und Markgräflerland stillschweigend als Ausgangslage der prekären Mission begriffen werden, der weitere Kurs scheint deutlich gen Elsaß gesetzt, und natürlich regiert der Trash, ein hochmetaforischer zudem, wie stets in Bdolfs heimatverbundenen Geschichten, wie stets auch in echt, sobald die Menschheit oder repräsentative Teilmengen daraus in Aufbruchslaune geraten. Was in Geschichtsbüchern stets dreist heroisiert und verstaatsmännlicht wird, beschreibt Bdolf aus der sympathischen Sicht des kleinen Mannes, der den Job zu erledigen hat. Ein Gastbeitrag in drei Teilen:

Eine Mission (von Bdolf)

Ich war überrascht.
Obwohl ich nicht das kleinste Rädchen in unserer Behörde darstelle, kam ein Auftrag dieser Größenordnung doch vollkommen unerwartet.
Es mochte damit zusammenhängen, dass man davon ausging, ich habe die geringsten persönlichen Bindungen in meiner Rangstufe. Damit sind vor allen Dingen solche familiärer Natur gemeint.
Ich bin kinderlos und habe derzeit keine feste Beziehung.
„Sie sind der Mann! Dafür!“, orakelte Dr. Raffelhüschen, der Abteilungsleiter.
Unsere Situation ist eigenartig.
Wir sind ein Bezirkszollamt der Republik.
Wie schon der Name sagt, „Zollämter“ sind für gewöhnlich in der Nähe einer Grenze angesiedelt.
Zölle an sich spielen schon lange keine heraus gehobene Rolle mehr, gelang es doch durch eine Annäherung und Aussöhnung mit den angrenzenden Nachbarn Handel und Wandel deutlich von bürokratischen Hemmnissen zu befreien und wesentliche Erleichterungen für den Geld- und Warenaustausch einzuführen.
Entsprechend ist in der jüngeren Vergangenheit die Bedeutung der direkten Zölle zurückgegangen; würde unsere Behörde sich nicht auch mit allgemeiner Gewerbeaufsicht, Kontrolle der Hygiene, der Arbeitsvorschriften und des Eichwesens befassen – längst hätten vorgesetzte Stellen entscheiden müssen, ob eine derartige Einrichtung sich noch lohnte, noch zeitgemäß oder nicht überlebt und überflüssig –
Die ganz alten Kollegen vermeinen sich noch zu erinnern, „als sie damals anfingen, wäre mit den Zollabgaben noch richtig Geld gemacht worden …!“, es gibt aber unter ihnen auch durchaus ernst zunehmende Stimmen, die zu Protokoll geben, „zu der Zeit, als sie damals anfingen, habe es noch ältere Kollegen gegeben, die sich noch hätten erinnern können, früher sei mit dem Zoll auf ausländischen Waren noch Geld verdient worden …!“, ich für meine Person jedenfalls kann mich nur an Geldeintreibungen aus Strafbefehlen wegen Nichtbefolgens einschlägiger Vorschriften entsinnen, meines Wissens kam es während meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht vor, dass der gewichtige blau-rote Ordner mit den amtlichen Abgabesätzen aus dem Regal hätte geholt werden müssen.
Manche meinen, er sei längst verloren gegangen und selbst wenn so ein Fall sich je wieder ereignen sollte, könne unsere Behörde daher schon nicht wie vorgesehen agieren.
Da es sich hierbei um einen rein theoretischen Fall handelt, ist es absolut unnötig, sich mit müßigen was-wäre-wenn-Überlegungen aufzuhalten.
Dr. Raffelhüschen war außergewöhnlich ernst.
„Schulze Zwo – wir haben hier ein wirkliches Problem … !“, er hatte mich in sein Büro gebeten, nicht ohne etwas von „äußerster Diskretion!“ zu zischeln, ich war vor seinen enormen Schreibtisch komplimentiert worden, hatte mich auf seine Aufforderung hin platziert, nun fixierten mich seine stahlblauen Augen und er beabsichtigte offenbar weitergehende Ausführungen.
„Die Lage ist ernst – Schulze Zwo!“ – „Schulze Zwo“ war mein behördeninterner Name – „Schulze Eins“ war ein dienstälterer Kollege in der Fachregistratur Eichbetrug, ich als dienstjüngerer also „Schulze Zwo“, so wollte es der Brauch bei Namensdoppelungen – Sie wissen von dem merkwürdigen Phänomen mit unseren Grenzen – nun gut, in dieser Hinsicht können wir uns immer sagen, unser Land wächst – höchst erfreulich – also dehnt es sich aus – hm … ähm … “, unsere Blicke begegneten einander.
„Aber“, nach kurzem Innehalten, bei einem so merkwürdigen Thema war seine nur zu offensichtliche Unsicherheit verständlich, „nun sind anscheinend auch die Verhältnisse hier im Inneren betroffen – unser Kontakt zur Hauptstadt wird immer spärlicher … immer langwieriger und umständlicher, neuerdings scheint auch die Distanz durch Funk und Telegraphie nur mehr sehr langwierig und umständlichst zu überbrücken … –“
Mit einem kennerischen Nicken quittierte er meinen bestürzten Gesichtsausdruck.
„Schulze – auch ohne ausdrückliche Anordnung durch unsere vorgesetzte Behörde, es ist an der Zeit unsere Grenzeinrichtungen einer Revision zu unterziehen … Sie verstehen – der dienstplanmäßige Revisionszyklus … !“
Ich schluckte trocken.

Rheinische Wildschweinjagd

Barocke und moderne Jagdmethoden, dh ein weiteres Juwel aus dem Antiquarius vs. zeitgenössischer Pressebericht, jeweils zum raren Thema Wildschweinjagd am und auf dem Wasser: „Im Breißgau und sonderlich in den morastigen Gegenden des Rheins giebt es viele wilde Schweine, die sich stark allda aufzuhalten pflegen, und ehedessen sehr schwer herauszubringen waren, bis man endlich vor etlichen Jahren auf das Mittel gerathen ist, daß man auf derjenigen Seite, wo der Wind herkommt, an zehen bis zwölf Stangen, die etwas weit von einander stehen, Schwefel anzündet, indessen daß sich die Schützen und Jäger auf der gegen über liegenden Seite mit ihrem Gewehr anstellen. Weil nun die Schweine diesen Geruch nicht vertragen können, so wollen sie sich davon entfernen, und auf der andern Seite des Morastes herausbrechen, da sie denn ihren Feinden also in den Schuß kommen. Sonst haben die Bauern in selbiger Gegend auch noch eine andere Jagd, wobey es gar still zugehet. Sie wissen nämlich, daß die wilden Schweine öfters des Nachts über den Rhein schwimmen, daher lauren sie mit ihren Nachen im Strom auf, heben sie mit den hindern Beinen in die Höhe, daß sie mit dem Kopf untertauchen und ersaufen müssen, worauf sie das Wildpret in ihre Kähne oder Nachen bringen, und ans Ufer schleppen.“ Hingegen berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger vom November 2008: “Auf der Flucht vor Jägern hat sich (…) in Koblenz ein Wildschwein durch einen Sprung in den Rhein gerettet. Nach Angaben der Polizei durchquerte die Wildsau zügig den Fluss und entkam so den Polizisten, die bereits Maschinenpistolen für die Treibjagd bereitgestellt hatten. Auf der anderen Seite des Ufers wurde das Tier von mehreren Streifenwagen empfangen. Die Beamten sicherten den Verkehr und blieben dem Wildschwein auf den Fersen, bis es schließlich in den Wald zurückkehrte.”