Leuchttürme des Rheins: Bregenz (Übergänge – Rites de Passage)

Der Junge Rhein aber mündet in den Bodensee.
Mäandernd über den Lauf der Zeiten hinweg veränderte der junge Strom sein Bett.
Insofern stellte sich eine große Frage – wo den Leuchtturm platzieren, der die Einfahrt vom See in den jungen Fluss ostwärts markieren sollte?
Alle Jubeljahr eine neue Mündung, alle Jubeljahr Versandung, Irrflusslauf, Ausbaggern mit Handschaufeln und Delphinkarren – dazu Versumpfung und Vernässung im weitläufigen Delta der Rheinmündung – gut für Schlauchboot und Floß, aber schlecht für Weiße Flotte und Schiffskiel.
Also wurde auf dem Konzil zu Nonnenhorn beschlossen, dem Fluss ein verbindliches Bett aufzuzwingen und selbiges durch steten Eifer und ewige Tat beizubehalten.
Die größten Gelehrten und Wasserbauer des Dreiländerecks Großbayern, Ostmark und Eidgenossenschaft gewannen im Gelände einen Eindruck der vollständigen Situation und einigten sich in der Folge auf einen verbindlichen Flusslauf, den sie mit blauer Tinte auf eine genaue Karte des Gebietes eintrugen.
Dieser Flusslauf wurde mit großer Vehemenz im Gelände umgesetzt, endlose Großklafter Erdreich mussten bewegt werden, Gräben gegraben, andere zugeschüttet, höchst feine künstliche Wasserläufe angelegt, Röhren verdohlt, natürliche Feuchtigkeitsverhältnisse reguliert, Bachbetten genutzt und etwelche andere Tätigkeiten ausgeführt werden.
Nach Murren fügte sich der Junge Rhein in sein neues Bett.
An der Stelle des Überganges wurde ein artiges Lichthäuserl errichtet – geweiht dem Angedenken des später seliggesprochenen Käpt’n Bahabs, dem Urvater der Bodenseepiraten.
Seitdem ist nur selten noch ein Schiff auf Grund gelaufen oder zerschellet, weil es die Einfahrt in den jungen Fluss nicht gefunden.

(Ein Gastbeitrag von Bdolf, der sich in einer Serie mit den Leuchttürmen des Rheins beschäftigt. Die mythischen Gründe des Bregenzer Leuchtturms waren bereits Gegenstand einer ersten Betrachtung des dunkelsten Denkers. rheinsein dankt!)

Leuchttürme des Rheins: die Wacht zu Bregenz – Hüterin des Deltas

Erhaben stürzt der Strom von den Ausläufern des Alpengebirges – kurz verlässt er die Gefilde der Eidgenossenschaft und quert die Bezirke der Ostmark.
„Brigantium“ nannten die Söhne Roms die Ansiedlung, wo der Rhein sich vielfältigst verzweigend in den Bodensee – auch gerne schelmisch „das schwäbische Meer“ genannt – ergießt.
Heute benennt man sie „Bregenz“.
Aber schon der weise und weltgewandte Römer wusste, viel halblebiges Gelichter nutzt das Gebirg für seine Zwecke – Versteck und Hinterhalt – zu schweigen von weglosem Sumpf und trügerischem Morast, wo nur Tier und Pflanz ihr Auskommen finden – aber keines Menschen Fuß zu setzen ist, respektive ist selbiger verloren, so er es wider allen Sinn und Verstand versucht -
Vom Berg her kommt der Zwerg. Klein an Gestalt, grenzenlos in seinem Hass wider die Sterblichen. Hass und Verblendung. Vom Sumpf herauf steigt der seelenlose Untote nebst dem Wiedergänger. Und ungezählt und namenlos ist alles Gelichter dazwischen – Blutsauger, Wechselbalg, Höllenbrut und überhaupt alle Kostgänger des Leibhaftigen -
Schon vor der Ankunft der Söhne der Wölfin hielt man am Alpenabgang Wacht gegen die Geschöpfe der Nacht. Manch Zeichen ward geschlagen, manch zaubermächtiger Spruch gesagt und und nicht wenige Jünglinge und Jungfrauen zur Abwehr des Bösen im Sumpf versenkt…
Der Römer als solcher war stets auf der Hut gegen alles, was sich gegen sterbliche Menschen und die ewigen Götter verschworen – mancher Turm und Mauer ward errichtet -
Als das Reich der Mittelmeerkinder im Westen fiel, blieb den Hintersassen nichts, als die Füße in die Hand zu nehmen – vor der Mitternacht noch geweihten Boden zu gewinnen …
Erst als wieder Recht und Ordnung Einzug gehalten – unter dem zu lobenden Landesherren Freimut Ritter zu Bürzelpracht – belehnt vom seinerzeitigen Kaiser Otto dem Schleimnasigen – wurde ein mächtiger Turm mit einem großen Licht errichtet – die Kleinhirnigen tönten voll des Spottes, man wollten den Flößen, Schaluppen und Kähnen einen gar zu großen Leuchtturm errichten – da, wo der noch jugendliche Strom vom Gebirg herabströmt, seinen Verzweigungen im Dickicht der Niederungen zum Schwäbischen Meere hin – aber die, mit den großen Gehirnen Gesegneten, wissen – es geht nicht darum, dem Fahrensmann und Schiffer den Weg zu weisen, sondern das Gelichter des Derherrseibeiuns in seine Schranken…

(Ein Gastbeitrag von Bdolf. rheinsein dankt!)

Wem gehört Paradise Island?

Aufgrund eines Berechnungsfehlers an den Führungsdämmen der Vorarlberger Rheinmündung entsteht im Areal Rorschach-Bregenz-Lindau eine neue Bodenseeinsel von der anderthalbfachen Größe der Reichenau. Weil auf dem Bodensee, ein völkerrechtliches Unikum, keine Landesgrenzen gezogen sind, erwächst mit der neuen Insel, die bereits Flora und Fauna anlockt, zugleich ein Eldorado für Aktivisten und Spekulanten verschiedener Couleur. Während die ratlosen, weil nicht zuständigen Länderregierungen das Fänomen mittels Verschweigen zu kontrollieren trachten, taufen Naturschützer das unbedingt vor der Menschheit zu schützende Neuland vom Festland aus auf den Namen Wildau. Doch schon bald ist die Niemandsinsel von Menschen besetzt: eine Gruppe junger Leute will mitten im Bodensee, “auf Glückau”, ihre Gesellschaftsutopien austesten. Aus Protest gegen diese Okkupation setzen sich nun auch die Naturschützer auf der Insel fest, die, ihrer ursprünglichen Wildheit beraubt, kurzerhand in Schönau umbenannt wird. Alsbald werden beide Aktivistengruppen von Baulärm überrascht: in einer Nacht- und Nebelaktion läßt der für seine Beziehungen zu den Emiraten bekannte Baulöwe Wildgruber Fundamente für die Hochhäuser einer ganzen Bankenstadt auf “Paradise Island” anlegen. Denn Wildgruber spekuliert auf das Ende des Schweizer Bankgeheimnisses und setzt auf gigantische Geschäfte mit einer neuen Steueroase.

Die gesamte Geschichte von Udo Zindel über das wundersame Auftauchen von Neuland im Bodensee ist nachzuhören unter dem Titel Wem gehört Paradise Island? im Archiv der SWR2-Sendung Wissen.

Ammianus über Rhein und Bodensee

Im menschheitsgeschichtlich sehr jungen Internet scheinen Zeitalter wenn schon nicht im Wochen-, so doch Monats- oder Jahresrhythmus anzubrechen und sich abzulösen. Dabei geht es nicht nur um Geschwindigkeit und Kapazität, sprich technologischen Fortschritt, welcher fraglos Takt und Rahmen vorgibt, sondern weiterhin auch um Inhalte. Zumindest besteht auch im Internet die Möglichkeit, Inhalte zu filtern und experimentell von ihren technischen Bedingungen zu entkoppeln. Der römische Historiker Ammianus Marcellinus verfaßte seine Res Gestae in der ausgehenden Antike des 4. Jahrhunderts, einer markanten historischen Bruch- bzw Übergangsfase. Über Ammianus` Rheinstellen lasen wir erstmals bei Hübner, der in den 70ern schrieb, daß sie in der Klosterbibliothek von St. Gallen zu finden seien. Heute gibt es sie, vielleicht mit kleinen Scan-Fehlern, auch im Internet, das u.a. die weltgrößte Bibliothek aller Zeiten parat halten dürfte:

“Lentiensibus, Alamannicis pagis indictum est bellum conlimitia saepe Romana latius inrumpentibus, ad quem procinctum imperator egressus in Raetias camposque venit Caninos, et digestis diu consiliis id visum est honestum et utile, ut eo cum militis parte Arbetio magister equitum, cum validiore exercitus manu relegens margines lacus Brigantiae pergeret protinus barbaris congressurus, cuius loci figuram breviter, quantum ratio patitur, designabo.”

(Der Abschnitt handelt von der Kriegserklärung Roms an die linzgauischen Alemannen und dem Plan des Kaisers, am Bodensee auf diese Barbaren zu treffen. Die kaninischen Felder liegen vermutlich bei Zizers, wo laut des Schweizer Vereins gegen Tierfabriken im Jahre 2008 auf dem Gelände der räthischen Bahn ein Kaninchen-KZ ausgehoben wurde.)

“Inter montium celsorum anfractus inmani pulsu Rhenus exoriens per praeruptos scopulos extenditur nullos advenas amnes adoptans, ut per cataractas inclinatione praecipiti funditur Nilus, et navigari ab ortu poterat primigenio copiis exuberans propriis, ni ruenti curreret similis potius quam fluenti.”

(Zwischen erhabenen Bergen entspringt naturgewaltig, ohne Nebenwässer aufzunehmen, ähnlich wie der Nil, der Rhein. Wenn er nicht so reißend wäre, wäre er bis zur Quelle hin schiffbar.)

“Iamque ad planiora solutus altaque divortia riparum adradens lacum invadit rotundum et vastum, quem Brigantiam accola Raetus appellat, perque quadringenta et sexaginta stadia longum parique paene spatio late diffusum horrore silvarum squalentium inaccessum, nisi qua vetus illa Romana virtus et sobria iter composuit latum barbaris et natura locorum et caeli inclementia refragante.”

(Der Rhein mündet in den Bregenzer See, wie der Räthier sagt. Er ist 460 Stadien lang und etwa genauso breit. Gäb es nicht den zivilisierten und zivilisierenden Römer, die schrecklichen Wälder, ihre Barbaren und das rauhe Klima machten den Bodensee zu einem völlig unzugänglichen Ort.)

“Hanc ergo paludem spumosis strependo verticibus amnis irrumpens et undarum quietem permeans pigram, mediam velut finali intersecat libramento et tamquam elementum perenni discordia separatum nec aucto nec imminuto agmine quod intulit, vocabulo et viribus absolvitur integris nec contagia deinde ulla perpetiens oceani gurgitibus intimatur.”

(Mit tosenden Strudeln dringt der Strom in den See, dessen feindliche Trägheit er gleichsam spaltend durcheilt, um am andern Seeende mit unveränderten Kräften und Namen wieder auszutreten, um dem Ozean zuzustreben.)

“Quodque est impendio mirum, nec stagnum aquarum rapido transcursu movetur nec limosa subluvie tardatur properans flumen, et confusum misceri non potest corpus: quod, ni ita agi ipse doceret aspectus, nulla vi credebatur posse discerni.”

(Erstaunlich, daß weder der Fluß das Seewasser aufwühlt, noch daß er vom schlammigen Grund aufgehalten wird und sich diesen auch nicht vermischt, was nur glauben kann, wer es mit eigenen Augen gesehen hat.)

(Zitate: Ammianus Marcellinus – Res Gestae XV, 4, 1-5)

Bodenseefischerei

Es wimmelt anbey dieser See von allerhand Arten Fische. Denn man fängt darinnen Hechte, Forellen, Karpfen, Aale, Schleyen, Grundeln, Raupen, Braßen, Barben, bis zu dreyßig Pfund schwer; ferner Burlinge, welche ziemlich groß werden, und Rinken, auch Rauchigel, so gar klein bleiben. Nichtweniger findet man darinnen Logeln, Aßeln, Fürnen und Ringeln, welche schier den Häringen gleichen. Desgleichen Alanden, welche samt den Drieschen bis zu vier Pfund anwachsen, aber nicht sonderlich gut sind. Hingegen sind die Langen, oder sogenanten Rheinlangen, eine Art von Lachsforellen, sehr wohl zu essen. Diese werden nicht nur in dem See selbst gefangen, sondern steigen auch den Rhein hinauf bis nach der Gegend Chur, wo sie bis auf vierzig Pfund schwer angetroffen werden. In der Gegend von Lindau und Bregenz werden diese Fische sonderlich gefangen. Sie wachsen in eine Länge von anderthalb bis zwey Ehlen, und zu einem Gewichte, wie schon gedacht, von dreyßig bis vierzig Pfund, da sie denn den Namen Rheinlanken, Innlanken oder Rheinlacher bekommen. Weil nun die Fischer ein so grosses Stük nicht allezeit auf einmal mit Vortheil loßwerden können, so befestigen sie ein kleines Stückgen Holz an einen Strik, ziehen diesen bis an das Holz durch des Fisches Ohren oder durch den hintersten Theil des Kopfs, und binden das andere Ende des Striks an einen Pfahl, der am Ufer des Sees, nahe bey ihren Fischerhäusern, stehet. Auf diese Art können sie ohne Gefahr dem Fisch einen Platz von dreyßig bis funfzig Schritte zu schwimmen vergönnen, und ihn so lang lebendig erhalten, bis sich eine Gesellschaft von Käufern zusammenfindet, oder etwa eine Hochzeit und andere grosse Mahlzeit vorfällt, bey welcher man eines so grossen Fisches auf einmal benöthiget ist. Gleichwohl sollen sie über fünf Jahr nicht leben, und nebst ihnen alle Arten obiger Fische im See jeden Monat ihre Natur verändern. Es giebt in diesem See auch Prächse, so an etlichen Orten Blicken heissen. Diese werden zehen Pfund schwer darinnen gefischet. Imgleichen hegt er Truschen, Aalruppen oder Quappen, so in Oesterreich Rutten heissen. Von diesen Fischen wird in einem gewissen alten Fischbuch gelesen, daß die Wirthe zu Rheinek, ohnweit dem Bodensee, ihren Gästen die Lebern aus den Aalruppen gekocht auftrügen, die Aalruppen selbst aber in dem Fischbehalter noch vierzehen Tage gehen liessen. Johnston bezeiget, daß dieses auch in Savoyen geschehe. Ferner findet man im Bodensee die Schaider oder Welse, deren einer oft mehr als einen Centner wieget, und von Geßnern ein deutscher Wallfisch genennet wird. Allda benamet man sie Wälinen, oder gleichsam Balänen. Sie werden jedoch selten gefangen, weil diese Fische gern in der Tiefe bleiben, und also sehr langsam hervorkommen. Man hält es sonsten auch nicht für gut, wenn sie gefangen werden. Den es soll sich alsdann jedesmal etwas sonderliches am Bodensee zutragen.

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

Bregenz (5)

bregenz_hafenleuchte

Blick in den Himmel (verstellt von einem der beiden Leuchttürme der Hafeneinfahrt).

Bregenz (4)

bregenz_seeufer

Mickey Mouse genießt das Seeufer als Tourist.

Bregenz (3)

bregenz_seeschelle

Seeschelle. Dreimal täglich erscheint ein Kleinwüchsiger, das Instrument zu rühren. Das rostige Geklimper trägt weit hinaus auf den Bodensee.

Bregenz (2)

Mit dem ÖBB-Wiesel von Feldkirch an den keltisch-römischen Bodensee. So ganz flink bewegt sich das Wiesel nicht, eher schleicht es ruckhaft durch die Vorarlberger Dörfer, Gleisparks und Städtchen entlang des Österrheins: Anfahren und Bremsen. Die Ortschaften tragen Namen wie Haselstauden oder Klaus in Vorarlberg (aus dem das verbleicht-zerfressene Stationsschild K in Voranberg macht). Immerhin nur läppische 9,10 Euro kostet eine Tageskarte. Dem Bregenzer Bahnhof direkt gegenüber liegt die imposante Seebühne, welche gerade für eine Oper über den während der Revolutionswirren guillotinierten französischen Lyriker André Chénier umgebaut wird. Promenade und Innenstadt geben sich typisch bodensee-touristisch, nur daß an Märzwerktagen vielleicht grad anderthalb handvoll Touristen durch die Straßen schleichen. Ein hübsches Fleckchen stellt die Oberstadt vor, mit dem Stadttor mit seinen eingeritzten Sprüchen („Nutz Diene Zit / Mahn fule Lüt / Meid Bösen Strit / Duld Truglug it“), von dem ein mumifizierter Hai herabbaumelt, als Kuriositätenzentrale. Rekorde: der Martinsturm gilt als größter Zwiebelturm Mitteleuropas – in der Tat: ein Brett! Die Hausfassade Kirchstraße 29 gilt als schmalste Ganzeuropas: mit 57 Zentimetern Breite – um den Rekord abzurunden imaginieren wir eine Flucht von 500 Metern Länge hinter der unscheinbaren Holztür. Die zum Kapuzinerkloster gehörige Lourdesgrotte mit der Statue Unserer Lieben Frau, die nach Angaben der Müllerstochter Bernadette verfertigt und einst als erste Statue in der Erscheinungsgrotte zu Massabielle aufgestellt wurde, gilt als das ehrwürdigste Lourdes-Heiligtum Österreichs. Ansonsten begegnet uns Bregenz als Stadt der Fahrradschieber, schon die Kleinsten üben sich auf den gepflasterten Anstiegen Richtung Bergwelt. Über/regionale Berühmtheit erlangt hat das „Running Sushi & Buffet Tokyo“, ein All you can eat-Fließband-Sushirant, das eine dem asiatischsten Metropolenverkehr nachempfundene, übereinander verlaufende Warm- und Kaltspeisendoppeltrasse anbietet, die sich durch weite Teile des in einer Shopping Mall situierten Ladens schlängelt und dem günstigen Preis entsprechend überraschend vielfältige (mit brauner Süßpaste gefüllter Olm?!) zwar, aber fade Ware anbietet. Ein letzter Blick auf den Dunst überm See und zurück geht’s durch österrheinische Feld-, Wald- und Wiesengebiete, über denen majestätisch Arl und, immer einen Flügelschlag voraus, Vorarl kreisen.

Bregenz

bregenz_eisdiele

Eisdiele Melanie (Detailansicht der Schaufensterdekoration).

Fiebrig durch Konstanz

Kaum in Konstanz angekommen, ergreift uns vom See her ein unruhiges Fieber. Der See, der ja gewölbt ist, 41,5 Meter sagen die einen, 42,5 Meter sagen die andern, zwischen Konstanz und Bregenz, der in seiner Wölbung, über welche die Katamarane gleiten, jedenfalls einiges zu bergen scheint, und nicht nur Gutes, dieser See spricht zu uns, über das Fieber; in seiner allumfassenden Feuchtigkeit, seiner Trinkwässrigkeit enthält er historische Essenzen, die er dem Besucher einflößt, da hilft auch kein Wasserabkochen, -filtern, -tablettenreinigen. Fiebrig, das ständige Seegebrabbel im Schädel, schlurfen wir über Konstanzer Pflaster und Asfalt, nehmen Fühlung auf zum lokalen Straßen- und Seewesen: die Stadt liegt in Novemberdämmer, die Menschen sammeln sich in der weitläufigen Fußgängerzone, laufen auf und ab, beantworten routiniert die abstrusen Fragen der Touristen, spiegeln sich in professionell dekorierten Schaufenstern, sitzen, in Wolldecken gewickelt, auf den winterharten Terrassen und trinken mit Karamellaroma versetzten Kaffee. Ein Hartz IV-Empfänger in abgewetzter Robe plus Zylinder bietet gegen Obulus Gedichtrezitationen: Droste, Droste, Droste. In das laufende Poesiefestival scheint er nicht integriert, kommt kaum einmal zum Einsatz. Nebenan kauert ein Tschernobylopfer und bittet um Spenden. Alle halbe Stunde knattert ein Höllengefährt von Mofa mit ca 5 km/h durch die Szene. Ein Teil der Altstadt ist aufgeschüttetes, dem See abgewonnenes Gebiet. Die alten Gebäude wurden auf Pfählen errichtet, die bis heute, Zahnwurzeln gleich, in den Grund fassen. Dort knirschen sie und scheuchen die Felchen auf, die es hoch an die gewölbte Seeoberfläche treibt, die sie als Rallen und Taucher durchdringen, die abheben, sich in Stare wandeln, die als Geschwader unter elektronischem Gefiepe das Unendliche hinter dem Weiten suchen. So träumen zumindest die Felchen. Am Hafen steht Graf Zeppelin in Stein als Ikarus stilisiert mit einer (lebendigen) Taube auf dem Kopf. Der Graf macht Anstalten abzuheben, die Taube druckst herum, läßt etwas fallen, genießt die Aussicht. Seehase, Seekuh und Seetroll entsteigen dem Dämmer, helfen beim Aufbau des Weihnachtsmarkts, der den gesamten Hafenbereich mit Bretterbuden versorgt. Menschen und Wesen aus aller Welt, auch aus erfundenen Welten, huldigen in diesen Buden vier Wochen lang, bis sich der Tag der Ankunft des Erlösers jährt, dem christlichen Kommerzgedanken. Als Zeichen der Solidarität ordern wir eine rote Wurst. Wir treffen auf Stadtführer Daniel Gross, der uns die Tore zu asiatisch engen Hintergassen aufschließt und ihren Kloakencharakter erläutert. Der Mann hat seine Stadt bis ins Detail studiert. Wir erreichen den auffällig mit Wandmalereien garnierten Hecker-Balkon und Daniel Gross relativiert sowohl das revolutionäre Potential des badischen Volkes als auch die Konstanzer Brüstung, von der Friedrich Hecker die erste deutsche Republik ausgerufen haben soll. Derartige Balkone fänden sich häufiger im Land. Wir schauen uns noch ein zwei Turmbauten an wie sie städtischen Entwicklungen vorangingen und in Konstanz erhalten sind. Dann treibt uns das Fieber aus der Innenstadt, hindurch und vorbei am imposanten Triumfbogen von Peter Lenk an der Unteren Laube, der mit seinen Bürger-Schwein-Mischlingen und Freie Fahrt für die Liebe-Motorradskulpturen auf nicht minder viel Gegenwehr stieß wie seine Imperia am Hafen. An einer Hecke pflücken wir Berberitzen gegen das Fieber und stoßen auf eine Gedenktafel für Johann Martin Schleyer, den Ersinner des Volapük, der womöglich von ähnlichem Fieber getrieben seine Plansprache gebar: „In einer mir selbst rätselhaften, ja geheimnisvollen Weise, in dunkler Nacht, im Pfarrhaus in Litzelstetten, im Eckzimmer des 2. Stockes, das in den Pfarrgarten hinausschaut, als ich über so viele Missstände, Gebrechen und Jämmerlichkeiten unserer Zeit nachdachte, stand plötzlich das Gebäude meiner Weltsprache vor meinem geistigen Auge. Meinem guten Genius verdanke ich das ganze System der Weltsprache Volapük.“ (Zitiert nach Wikipedia) Wir torkeln weiter. Dem Rhein entsteigt, unter begeistertem Beifall eines Festivaldichters, eine korpulente Schwimmerin. Die Gebhardshalle bietet Pizza Donau mit folgendem Belag: Tomaten, Käse, Sardellen, Oliven, Zwiebeln, Oregano. Aha. Mit was wäre das Äquivalent Pizza Rhein belegt? Leider fehlt eine solche Teigscheibe im Angebot.

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben. (2)

Die ander oder vnder Germania / ist gewesen von Cöln abhin biß an das möre / vnd hat sich gegen vndergang gestreckt biß zu der Mas / vnd waren jre fürnempste stett / Agrippina Vbiorum / das ist Cöln / vn Tungri / do nachmals ein bisthum auffgericht ward / aber jetzunt zu Lüttich ist. Des gleichen hetten die Römer auff der Tonaw auch jre prouintzen / nemlich Rhetia / Norico vnd Pannonia. Sie vnderschieden Rhetiam in zwo prouintzen / die erst Rhetia begreifft in jr den Bodensee / vnd waren diß die fürnempsten stett darin / Bregentz / Arben / vnd was den Rhein hinauff biß ghen Chur zu gelegen ist / vnd item das Lintzgöw vn Allgöw biß an den Lech. Das ander Rhetia ist gangen von dem Lech biß an den Yn / vnd hat in jm begriffen Augustam Vindelicam / das ist Augspurg / do sich gehalten hat der schatzbehalter der selbige prouintz. Darnach seind zwo andern prouintzen komen / die haben geheissen prouintie Noricorii / die haben sich gestreckt über Oestereich biß in Ungerland / das laß ich hie anston / vnd kom widerumb auff vnsern Rheinstrom. Do Julius der erst keyser lag in Sequania bey Bisantz / kam gegen jm gezogen Ariouistus der hohen Teütschen künig / mit eine grossen hore das er über Rhein gefürt hat / aber er ward von dem keyser in die flucht geschlagen / vnd kamen wenig mit jrem leben daruon / die über den Rhein schwumen / oder sunst mit kleinen schifflin daruber kamen / vnd dem fyend entrunen. Dise schlacht sol geschehen sein ein meil wegs fern von Basel an dem ort das jetz heißt Apollinaris. Darnach legt sich diser Julius mit seine kriegßuolck auff de Rhein vnd schwam offt mit jnen darüber / vnd strit wider die Teütschen. Jm Niderland bey den Vbijs vnd Menapijs / das ist bey Cöln / vnd im Gellerlad / macht er zwo brucken von holtz über den Rhein / domit er mit gewalt möcht an die Schwaben setzen / die dozumal herschere biß an die Elb / vnd den überrheinische vil trangs anthete. Aber wan er sie ergriff / ertrunen sie jm vnd verlieffen sich vnd verborge sich in dem Hartzwald oder in den lachen / vnnd hülen / das er jnen nichts oder gar wenig mocht abgewinnen. Aber was über dem Rhein gegen Franckreich / vnd über der Tonaw gegen dem Alpgebirg ligt / bracht er vnd sein nachkommen Augustus alles vnder der Römer gewalt. Zum aller ersten überkamen sie das ober theil an dem Bodensee / darnach das Sunggöw vmb Bisantz / darnach den Straßburger strich vnnd das ober Germaniam / mit der reuier vmb Metz vnd Trier / darnach das ander Germania / vnd dar zwischen brachten sie auch vnder jren gewalt beide Rhetiam vnd Noricum vn Pannoniam / das ist das Allgöw / Lechgöw / Baierland / Oestereich / Steiermarck biß in Ungern / aber von dem rechten Teütschen land / zwischen dem Rhein vnd der Tonaw begriffen / hetten sie nichts. Sie strebte aber lange zeit mit allem vermögen darnach / vnd hetten es gerings vmb an disen wässern vmblägert mit kriegern vnd hauptleüten / vnder wölche der keyser Julius der erst was der sie anfieng zu kriegen. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Dielhelms Hinterrhein (2)

“Hinter dem Flecken Tusis fließt ein kleines Wasser, die Noll genant, hervor in den Rhein. Es entspringt solches drey Stunden hinter Tusis in Cepina / an einem wilden, doch bewohnten Orte an dem Fusse des hohen Spitzbeuerinbergs. Es führet einen luckern schwarzen Modderschleim bey sich, welcher von allerhand Wassern, insonderheit auch von dem Schneewasser aufgelöst, je mehr und mehr weggefressen und fortgeschleppet wird. Sonderlich läuft es vom starken Regen öfters dermassen an, daß es großen Schaden verursachet, und den Einwohnern in Tusis ganze Häuser und Ställe mit vieler Erde wegfrißt, anbey wegen seiner dickschwarzen Farbe, die ziemlich lang dauret, und den ganzen Rhein schwärzet, abscheulich anzusehen ist. Im übrigen scheidet es das Schamser Thal und das Domlesch von einander. Diesem Tusis gegen über, zur rechten Seite an dem Hinterrhein, liegt ein hoher Felsen, der Sanct Johannesberg von einem diesem Heiligen zu Ehren vor Alters allda erbauten Kirchlein genant. Es hat derselbe Felsen eine gerad aufsteigende Höhe, worauf das alte Schloß Hohen Realt, oder Rhätia, lat. Rhaetia alta, zu sehen ist, und soll von dem Fürsten Rheto, der Räthier uralten Stamm= und Namensvater erbauet, oder doch nach ihm seyn genennt worden. Nunmehro liegt es öde und ist Alterthums wegen verfallen, doch sind noch vier aufrecht stehende feste Thürne und sonst andere alte Mauren, als namhafte Ueberbleibsel, davon zu sehen. Von diesen Orten richtet der hintere Rhein seinen Lauf gegen Norden, und verschluckt unterhalb Sils den Albelfluß, fliesset sodann unter der Zollbrücke durch, auf das Bischöflich Churische Schloß und Flecken Fürstenau und das Frauenkloster Ratz oder Razes. Dieses Ratz oder Razis, lateinisch Chacias, war ehemals ein vornehmes adeliches Benedictiner Nonnenkloster im Domletzger Thal am hintern Rhein, anderthalbe Stunden von Chur. Im Jahr 758. hat solches Paschalis, ein Graf in Rhäthien und Bregenz und der vierzehende Bischof zu Chur nebst seiner andächtigen Gemahlin Aesopeia, die aber Münster und andere Schriftsteller jedoch unrecht Episcopia nennen, eine geborne Gräfin von Hohen Realt, samt ihrem Sohn Victor dem Ersten, so nach seinem Vater Bischof zu Chur worden, gestiftet. Zur ersten Abtißin haben sie ihre älteste Tochter Vespula, und zur Stiftsfrau ihre jüngste Tochter Ursina verordnet. Im Jahr 1537. hat die letzte Abtißin gelebet, nach deren Absterben der Obergrauenbund das Kloster secularisirt und reformirt, und dessen Einkünfte unter seine Gemeinde zur Erhaltung ihrer Kirchen und Schulen ausgetheilet. Seit dem Jahr 1666. ist dieses Kloster wieder hergestellet worden, und hat nun eine Priorin zur Vorsteherin. Von diesem Kloster richtet der hintere Rhein seinen Lauf nach dem Dorf Rotels / nach den beyden zerstörten Schlössern Ortenstein und Juvalt / wie auch auf Rothenbrunn / wo ein Bad ist, ferner auf Dumilz und Räzuns, oder Rezins / lat. Rezona, Raethia Ima, oder Raethium Castrum, wendet. Es ist dieses ein Schloß, so auch noch seinen Namen von obgedachtem Rheto führet, und den Titul einer Herrschaft hat, so dem Erzhause Oesterreich zustehet, welches daselbst einen Verwalter, oder Voigt hält. Es ist dieser Ort eine Feste, so das sogenante Dumlesch bedeckt. Die Freyherrn dieses Namens sind schon im Jahr 1459. abgestorben.”