Übers Wasser gehn

Mit der Viafier retica hoch nach Reichenau. Die Sonne blendet als 200 Watt-Birne ins Tal. In Reichenau ist nicht viel außer Rheinzusammenfluß, was nicht wenig ist, aber niemand interessiert sich für den heiligen Ort. Ich suche den Einstieg in die Ruinaulta, die Schilder weisen auf Tamins, streng bergan. Die Pfeilspitzen der Schilder verlieren sich schließlich im Grau der Autostraße, zu unangenehm zum Weiterwandern, die Einheimischen kennen keinen Fußweg in die Schlucht „so etwas gibt es wohl nicht“, „so etwas soll wohl mal kommen“, „man kann bis da und dort zu Fuß gehen, dann aber endet man im Wald“. Im letzteren gähnt das Gutschaloch. Wenn es aus Reichenau-Tamins nicht recht hinaus geht, wird die Ortschaft schnell zum bedrückend-gebuckelten Kaff. Die nächste Bahn in die Schlucht geht in einer Stunde. Doch da!: führt ein Fußweg hinaus, auf Bonaduz. Hinterrhein also, statt Vorderrhein. Und: aufgetaute Schmetterlinge üben das Flügelklappen auf noch und schon entfalteten Alpenblüten, die haarige Kugel einer schwebenden Hummel wirkt um diese Jahreszeit wie ein Miniaturufo über den bleichen Halmen. Unter der Eisenbahnbrücke durch, unter der südlichen Autobrücke, an die „BÖHS“ gesprayt steht, unter der ein Zaunkönig huscht. Nach einer Viertelstunde verabschiedet sich der Wanderweg von der Fernstraße, der Fluß fließt plötzlich durch selbstaufgeworfene Inseln und übernimmt die Geräuschhoheit. Obgleich streng vorm Betreten des Flußbetts gewarnt, steige ich hinab in die Kiesel, sammle grüne, rote, gelbe, glimmernde derselben, darunter den berühmten Verde Andeer, schreite über den Rhein, der durchs Profil meiner Sohlen rinnt, Jesus muß sich ganz ähnlich gefühlt haben, am See Genezareth. Einige Minuten geht’s durch ein Schluchtidyll, wilder als in der Hauptromantik, und voller Schwirr-, Schmier-, Brumm- und Stechzwirren, mit ihren 17 Unterarten die lästigsten und verbreitetsten aller Schweizer Insekten, dann taucht, kurz vor Bonaduz, mit der Brücke auch der Verkehr wieder auf und überschwemmt die Lage mit seinem Rauschen.

Dielhelms Vorderrhein (3)

Abschließender Blick Dielhelms auf den Vorderrhein mit weiteren, heuer eher unbekannten Heiligenfleckchen (Kirchengrundstücken?), teils rätselhaften Wassersystemen und die erste Rheinstadt Ilanz: “Unter diesem Kloster und Flecken Dissentis vermischt sich eine gewisse Bach mit dem vordern Rhein, welcher von einigen für die mittlere Rheinquelle will gehalten werden. Es entspringet dieser mittlere Rhein auf dem Lütmannierberg / so auch ein Theil von dem Adula zu oberst im Sanct Marienthal ist, wo gegen über der Tesinfluß keine Quellen hat, und zwar aus vielen beyderseits zusammenfliessenden Bächen, denen sich auf linker Seite ein anderes Wasser zugesellet, so sich von einem hohen Berg herabstürzet. Ob dieses die Frodda sey, deren Simler (Anm.: anzunehmen in wunderbarer Vagheit wohl eher Josias, der Alpenbeschreiber als Johann Wilhelm, der Verfasser der “Teutschen Gedichte”) / Tschudi und andere gedenken, oder aber ein anderes Wasser, welches aus den Corner Alpen hervorfliesset, hat Herr Johann Jacob Scheuchzer (Anm.: der berühmte Sintflutforscher, nach dem die Blumen- bzw Blasenbinse benannt ist) nicht erfahren können. Es läuft durch das Modelser Thal, welches sich gegen Mitternacht ziehet, und die Oerter, so an diesem Rhein nach einander folgen, sind Sanct Maria / allwo ein Hospital, oder Herberge für die ist, welche in das Palenser= oder Piliner=Thal reisen; ferner Sanct Gallo / Sanct Giovanni, allwo ein Wasser von den Corner Alpen hineinfliesset; Sanct Giacomo, Sanct Rocco / Curalia, Suliva / und Sanct Valentin, unter welchem er sich, wie gedacht, bey dem Kloster Dissentis / mit dem vordern Rhein vereiniget. Die Oerter, welche der vordere Rhein weiter begrüsset, sind Sonvix, Tront, das alte Schloß Rinkenberg / unter welchem zur Rechten ein Wasser hineinfliesset (Anm.: Hübner, der seinen Dielhelm gründlich kennt, berichtet über einen Voderrheinzufluß von übernatürlich heller Wasserfarbe); der Rhein aber läuft von dannen fort auf die beyden Schlösser Waltersburg und Obersax, wendet sich darauf nach Schlans, Ruvis und komt nach Ilanz / oder Iant, lateinisch Ilantium und Hilliande Villa. Dieses ist ein alter Ort und das vornehmste Städtgen in Räthien, oder in Graubündten, anbey auch das oberste und erste Städtgen, so am Rhein zu finden ist. Weil auch solches der Hauptort in dem grauen Bund (Anm.: der nicht nach den Farben der Berge, sondern nach den Hirtenwämsern, welche aus gemischter Wolle schwarzer und weißer Schafe bestanden, geheißen haben soll) ist, so pflegen sich die gesamten drey Bünde allda zu versammlen, wenn sie über wichtige Sachen rathschlagen wollen. Wie denn die Landtage des obern Graubunds ordentlich allda gehalten werden. Es haben die Einwohner in Ilanz in etlichen gemeinen Sachen ihr eigenes Burgergericht; da sie hingegen über öffentliche Angelegenheiten mit den übrigen Benachbarten ihrer Gemeinde zu Rathe gehen müssen. Im übrigen wird an diesem Orte Churwelsche Sprache (*) geredet. Alda sind im Jahr 1561. auf dem Landtag nebst andern Gesetzen, auch eines ausgemacht worden, daß die Jesuiten in Graubündten nicht solten gedultet werden, welches Verbott man im Jahr 1600. wiederholet hat. Worauf sie auf ewig (Anm.: was lang werden kann) aus diesem Land verbannet worden, damit der politische Staat in Graubündten durch solche nicht verunruhiget würde; wie Fortunatus Sprecher (Anm.: der als um Objektivität bemühter Chronist auch in Conrad Ferdinand Meyers historischem Roman Jürg Jenatsch auftaucht) in seiner Räthischen Chronick pag. 171. und 187. meldet. Dem Städtgen Ilanz gehören die Dörfer Flont und Straden. Es führt das Städtgen Ilanz in seinem Wappen eine guldene Krone, wodurch der Rhein fließt, damit anzuzeigen, daß es das erste und vornehmste Städtgen des Rheins, ja gleichsam die Krone des Rheins sey. (…) (Anm.: Dielhelm zählt in dieser Lücke auf seine akribische Art die sieben Ilanzer Markttage auf und nieder.) Alsobald unterhalb dem Städtgen Ilanz wird dieser vordere Rhein durch das kleine Glennerflüßgen (Anm.: oder Glogn, was gelogen klingt) verstärket. Auch folgen unter Ilanz la Voppa, Grub, Valendas, ein altes Schloß, und zur linken Seite Laar, Flims / welches Dorf seinen Namen von den vielen dort zusammenfliessenden, und in dem Dorfe selbst entspringenden Wasserquellen hat, welche hernach in den Rhein hinabfliessen. Von dannen streicht der Rhein fort nach Damürz / Bonaduz, und also folgends nach Reichenau / allwo sich dieser vordere Rhein mit dem hintern vermischet.

(*) Die Churwelsche Sprache wird zwar, in Vergleichung mit der lateinischen und florentinischen Mundart, für etwas grob gehalten, gleichwohl hat sie nichts destoweniger ihre Vollkommenheit und Zierlichkeit. Sie wird nur um die Gegend der Stadt Chur geredet, doch befleißigen sich die Einwohner auch der deutschen.”

Rhäzüns

Schloß Rhäzüns ist von Verbotsschildern mit Bußgeldandrohungen umstellt und wird von Christoph Blocher, einem der kontroverseren Politiker der Schweiz zweitbewohnt. Auf Geheimpfaden, die kein GPS der Welt kennt, geht’s, vorbei an der Wildhimbeermeile, aus deren Gesträuch vollreife Juwelen blitzen, zum Rhäzünser Königs-, alternativ: Poetenblick: tief unter der Abbruchkante mäandert der Hinterrhein seine letzten Kilometerli auf den Vorderrhein zu, wirft kiesige Inseln wie struppige Bänke auf, schrappt arschknapp am Tod durch Schönheit vorbei, entspannt sich gurgelnd, überspannt von der Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis, gaukelnde Gondeln über gottgewolltem Talgrund,„begondelt werde dein Name“, „Trap“ weisen Schilder in den Wald, trapptrapp, vorbei an der dorfaus gelegenen Heini AG schmalspurt die Räthische Bahn in und aus touristische/n Kulissen, der allfällige Capricorn muß mal wieder Fresse und Gehörn herhalten: Rhäzünser isch gsünser, auch plus Holunderblüte, hochschwyzerdütsch Lemon`n`Peach im PET-Gebinde: naturbelassene, alpenbachklare… Steinbockpisse? Dann schnell noch die Häupter der letzten romanisch sprechenden Einwohner gezählt, ein siamesischer Zwilling darunter, der geht großzügig durch für zwei. Hinterrheinabwärts auf freiem Gelände die Bonaduzer Tankstellen und Reißbrettneubauten (karmesinrote Hofhauskästen), followed by Ortskern`n`Website.