Das Lachen der Hühner (3)

Gestern fand die offizielle Das Lachen der Hühner-Verlagspräsentation im Rahmen des Literaturklubs im Theater „die wohngemeinschaft“ in Kölns Belgischem Viertel statt. Zunächst las Holger Hegemann aus seinem entstehenden Erzählwerk über eine jüdische Familie im Köln der 30er Jahre. Nika Bertram brachte aus den Tiefen ihrer Schubladen einen unveröffentlichten, leicht experimentell gehaltenen Text aus der Prä-Facebook-Ära, der sich mit durchcomputerisierter Zukunft, aus heutiger Sicht ergo: der Gegenwart befaßte. Dazwischen Adrian Kasnitz` legere Moderation und ein junger Singer/Songwriter namens Diar, der direkt von Myspace hinzugestoßen war. Das alles war rund und gut und hielt die schwanke Waage zwischen E und U auf genau die Art und Weise am Pendeln, die wir so schätzen. Die Präsentation des Gedichtbands war als Schlußakt der Wortbeiträge vorgesehen. Weil viele, selbst gebildete Deutsche nördlich der Bodenseeregion kaum etwas über Lage, Struktur, Einwohnerzahl etc Liechtensteins, von dem Das Lachen der Hühner handelt, wissen, ließen wir als Bühnenbild eine exzellente geografische Straßenkarte des Fürstentums projizieren. Dank modernster Beamertechnik allerdings ging die Kartenprojektion viel zu sehr in die Breite, sodaß bereits die simple Erklärung, der Zuschauer solle sich das Land nun bitte nicht ganz so ausgedehnt vorstellen, sondern in vertikaler Achse etwa um die Hälfte zusammengestaucht, beim selbstbewußten Großstadtpublikum für einige Lacher sorgte, die fortan beinahe jede Erläuterung zur Landesstruktur wie liechtensteinischen Eigenheiten und Vorhaben, völlig unabhängig davon wie ernsthaft sie vorgebracht war, begleiteten. Eingebettet in diese wie beiläufig entstandene Atmosfäre des Amusements über ein unbekanntes Exotenvolk, kam etwa die Hälfte des Bandes zum Vortrag. Die Sonette wurden, wie es hoher Dichtung gebührt, deutlich andächtiger aufgenommen. Nach dem Vortrag kam die Frage, warum wir denn keine eigene TV-Show hätten. „Ja, sieht man jetzt sowas im TV?“, lautete die Rückfrage. „Schon, aber nicht so gut.“ Was nicht ist, kann noch werden. Aus rheinsein ist ja binnen zwonhalb Jahren bereits einiges kaum Voraussehbare geworden. So wird rheinsein tatsächlich bald seine erste Show starten – vorerst nicht im Fernsehen, sondern im Heimathirsch. Wer, was, wo und wann genau das ist, verkünden wir an dieser Stelle noch zeitnah in zusammenhängenden Worten.

Bregenz (4)

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Mickey Mouse genießt das Seeufer als Tourist.

Bregenz (3)

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Seeschelle. Dreimal täglich erscheint ein Kleinwüchsiger, das Instrument zu rühren. Das rostige Geklimper trägt weit hinaus auf den Bodensee.

Bregenz (2)

Mit dem ÖBB-Wiesel von Feldkirch an den keltisch-römischen Bodensee. So ganz flink bewegt sich das Wiesel nicht, eher schleicht es ruckhaft durch die Vorarlberger Dörfer, Gleisparks und Städtchen entlang des Österrheins: Anfahren und Bremsen. Die Ortschaften tragen Namen wie Haselstauden oder Klaus in Vorarlberg (aus dem das verbleicht-zerfressene Stationsschild K in Voranberg macht). Immerhin nur läppische 9,10 Euro kostet eine Tageskarte. Dem Bregenzer Bahnhof direkt gegenüber liegt die imposante Seebühne, welche gerade für eine Oper über den während der Revolutionswirren guillotinierten französischen Lyriker André Chénier umgebaut wird. Promenade und Innenstadt geben sich typisch bodensee-touristisch, nur daß an Märzwerktagen vielleicht grad anderthalb handvoll Touristen durch die Straßen schleichen. Ein hübsches Fleckchen stellt die Oberstadt vor, mit dem Stadttor mit seinen eingeritzten Sprüchen („Nutz Diene Zit / Mahn fule Lüt / Meid Bösen Strit / Duld Truglug it“), von dem ein mumifizierter Hai herabbaumelt, als Kuriositätenzentrale. Rekorde: der Martinsturm gilt als größter Zwiebelturm Mitteleuropas – in der Tat: ein Brett! Die Hausfassade Kirchstraße 29 gilt als schmalste Ganzeuropas: mit 57 Zentimetern Breite – um den Rekord abzurunden imaginieren wir eine Flucht von 500 Metern Länge hinter der unscheinbaren Holztür. Die zum Kapuzinerkloster gehörige Lourdesgrotte mit der Statue Unserer Lieben Frau, die nach Angaben der Müllerstochter Bernadette verfertigt und einst als erste Statue in der Erscheinungsgrotte zu Massabielle aufgestellt wurde, gilt als das ehrwürdigste Lourdes-Heiligtum Österreichs. Ansonsten begegnet uns Bregenz als Stadt der Fahrradschieber, schon die Kleinsten üben sich auf den gepflasterten Anstiegen Richtung Bergwelt. Über/regionale Berühmtheit erlangt hat das „Running Sushi & Buffet Tokyo“, ein All you can eat-Fließband-Sushirant, das eine dem asiatischsten Metropolenverkehr nachempfundene, übereinander verlaufende Warm- und Kaltspeisendoppeltrasse anbietet, die sich durch weite Teile des in einer Shopping Mall situierten Ladens schlängelt und dem günstigen Preis entsprechend überraschend vielfältige (mit brauner Süßpaste gefüllter Olm?!) zwar, aber fade Ware anbietet. Ein letzter Blick auf den Dunst überm See und zurück geht’s durch österrheinische Feld-, Wald- und Wiesengebiete, über denen majestätisch Arl und, immer einen Flügelschlag voraus, Vorarl kreisen.

Vom Fliegen der Murmeltiere oder: Neue Schifffahrtswege über die Alpen

Über einen in mehrerlei Hinsicht kolossal erscheinenden, vor 100 Jahren in Italien ernsthaft diskutierten Plan des Bündner Ingenieurs Pietro Caminada berichtet Till Hein für die Zeitschrift mare in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 84): eine Schifffahrtstrasse über die Alpen! Zu Beginn des längeren Artikels konstatiert der Autor, daß es zwar Naturgesetze gäbe, die besagten, daß etwa Murmeltiere nicht fliegen könnten, begeistert sich im Verlaufe des Artikels nichtsdestotrotz für einen Plan, der am Aufheben von Naturgesetzen kratzen dürfte:

„(…) Caminada (…) will Lastschiffe in einem Kanal über die Alpen schwimmen lassen, über den 2113 Meter hohen Splügenpass in Graubünden. Caminada schwebt ein durchgängiger Wasserweg von der Nordsee bis zum Mittelmeer vor – eine viele hundert Kilometer lange Wasserstraße, die von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass, den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee.“

1907, als Caminada an die Öffentlichkeit ging, wird über Umweltbelange wohl kaum diskutiert worden sein. Denn die natürliche Umwelt gilt noch eher als feindlich und bezwingens-, anstatt erhaltenswert. Wenige Jahrzehnte zuvor wurde die große Rheinbegradigung vollzogen, vermutlich galt der, immerhin nicht selten bedichtete, Rheinfall, für ein Handelswegprojekt als wenn schon nicht sprengens-, dann doch sicherlich umbuddelnswert. Den Hinterrhein, der bis heute trotz diverser Eingriffe Naturschönheiten (Rofla, Via Mala, Domleschg) aufweist, wollte Caminada mit einem Röhrensystem beehren, das, mithilfe von Wasserkraft und Spezialschleusen, 50 Meter langen Schiffen mit einer Lastenkapazität von 500 Tonnen das Überwinden der örtlichen Steigung von fast einem Kilometer ermöglichen sollte.

Auch wenn Murmeltiere nicht aus eigener Kraft fliegen können, ist es (nicht erst) mit heutigen technischen Gerätschaften unzweifelhaft möglich, sie fliegen zu lassen. Es wird ihnen als eingefleischten Troglodyten nur nicht sonderlich bekommen. In den Alpen fließt das Wasser seit Menschengedenken aus Fels und Gletscher zu Tal. Wer jemals sah, wie die, teilweise gebändigten, Rheine sich zu Tal bewegen, kann sich Schifffahrt an Vorder- oder Hinterrhein nur unter erheblichen Schmerzen vorstellen. Ohnehin schon durchbohrte Berge indes könnten statt Eisenbahntrassen natürlich auch druckregulierte Wasserleitungen für die Schifffahrt führen. Solche müßten einfach nur noch länger, größer, breiter gebohrt werden. Befürworter der Alpenflußfahrt jedenfalls finden sich bis heute: der Südtiroler Albert Mairhofer, „ein Wasserkraftaktivist und pensionierter Staatsbeamter, hat sich von Caminadas Projekt inspirieren lassen. Die Entwürfe des Pioniers seien “sehr beeindruckend”, schwärmt er, “aber etwas zu kompliziert”. Sein eigener Vorschlag kommt denn auch ohne raffinierte Doppelkammerschleusen oder hydraulische Schiffshebewerke aus: Statt über die Alpen will er mittendurch.“

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE

Auf ARTE läuft seit gestern und noch von heute bis Donnerstag jeweils um 19.30 Uhr erstmals eine vierteilige Dokumentation aus dem vergangenen Jahr über den Rhein. Der erste Teil von Ralf Dilger bot die versprochen hübschen Luftaufnahmen, einige Halbunterwasserbilder und dokutypische Geschichtchen vom Vorder-, Hinter- und Alpenrhein plus ein paar seltenere Informationen. Der Film besitzt seine eigene Website , auf der die DVD zu erwerben ist und die nach einigem Anlaufgeholper zunehmend mit außerfilmischen rheinischen Kuriosa dient, z.B. der Geschichte über den Leuchtturm am Gotthard. Dort geht es auch an der Sedruner Staziun Alpina hinein in den Berg zum jüngst durchstoßenen längsten Eisenbahntunnel der Welt, wir erfahren, daß der für 100 Jahre ausgelegt sei, aber wohl auch 1000 Jahre halten würde, während überall 40°C warmes Gebirgswasser aus den Wänden dringt: das Schwitzen der Berge, ihre Lymfströme, Stein und Wasser, das alte Spiel. Es folgt die Erwähnung von Placidus Speschas „Entdeckungsreisen am Rhein“, ein recht frei stehender Bezug zum touristischen Wiederaufleben der Goldwäscherei bei Disentis, die Sprecherin betont den Ortsnamen auf dem e wie wir auch, bis wir die korrekte lokale (i-betonende) Aussprache vernahmen. Weiter gehts mit einer Gruppe in Neoprenanzüge gekleideter Passagiere der Räthischen Bahn, unterwegs nach Ilanz zum Ruinaulta-Rafting. „Schwarzes Loch“ wird eine dortige Stromschnellenstelle genannt und wir rufen unsere Leser dazu auf, einmal zu zählen, bzw uns davon zu erzählen, wieviele schwarze Löcher der Rhein insgesamt zu bieten hat. Vom Hinterrhein zeigt der Film vornehmlich die Rofflaschlucht. Doris Melchior, die Patronin des dortigen Ausflugslokals, berichtet wie bei Hochwasser das ganze Haus erzittert und führt zu einem bisher geheimen Wasserfall. Den Zusammenfluß bei Reichenau kommentiert Gian Battista von Tscharner, Schloßherr und selbsternannter Hofnarr von Schloß Reichenau: „in ganz Reichenau fließt es“. Der Mann, dessen breiten Rücken wir einst zwischen den Stauden seines Gartens verschwinden sahen, ist auch der erste Winzer am Rhein, die Spezialität unter seinen Rebsorten ist der Spätburgunder, seine Weine seien so dunkel, weil er eine schwarze Seele eigne. Schwarze Löcher, schwarze Seelen, schwarze Weine. Schwärzliche Würste, heißt es in unserm Hörspiel (s. obere Menueleiste). Adlerschwarz. Alpenschwarz. Schwarz ist die Trumpffarbe der alpinen Rheingegenden. Auf den Bodensee zu hält sich der Film bei Werner Wolgensinger auf, einem der wieder zahlreichen Rheinholzer im St. Galler Rheintal. Die Rheinholzer erhielten ähnlich den Goldwäschern zuletzt einige mediale Aufmerksamkeit. Angesichts der technisch eingeleiteten Bodenseemündung fällt schließlich das Wort vom „Kies als eigentlichem Rheingold“, ein hinkender Vergleich, aber besser als gar keiner.

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Der Rhein für die gebildeten Stände (2)

Vom Bodensee bis Basel, wo der Rhein schon eine Breite von 750 F. erhält, hat er ein felsenreiches Bett. Von Basel aus wird sein Bett von vielen Inseln durchschnitten, die jedoch zum größten Theil blos aus Sand- und Kiesbänken bestehen, welche häufig von einer Seite weggerissen und an der andern wieder angesetzt werden. Von Breisach herab trifft man schon mehre bestaudete und selbst angebaute Inseln. Zwischen Strasburg und Germersheim ist das Bett immer noch sehr inselreich, aber der größte Theil dieser Inseln ist mit Gebüsch bewachsen. Zwischen Strasburg und Speier ist der Rhein 1000—1200 F., bei Mainz 1500—1700 F., und bei Schenkenschanz, wo er in die Niederlande eintritt, 2150 F. breit. Die Tiefe des Rheins beträgt 5—28, bei Düsseldorf sogar 50 F. Bei Schenkenschanz theilt er sich in zwei Arme, wovon der südl. die Waal heißt, zwei Drittheile seines Gewässers nimmt, sich hernach zweimal mit der Maas vereinigt und unter dem Namen Merwe in das deutsche Meer fließt. Der nördl. Arm des Rheins hatte vormals in seinem Laufe nach Arnheim zu mehre Windungen; seit 1720 aber hat man von der Waal aus bei dem Dorfe Pannerden einen Kanal gegraben, wodurch das alte Bett des Stroms nun größtentheils vertrocknet ist. Durch diesen pannerdenschen Kanal fließen jetzt die Gewässer des Rheins fort, nachdem sie sich unterhalb Millingen von der Waal getrennt haben. Ehe dieser Arm des Rheins nach Arnheim kommt, theilt derselbe sich wieder oberhalb Westervoort und bildet die sogenannte neue Yssel. Diese Abtheilung des Stroms ist eigentlich der Kanal, den Drusus graben ließ, indem die Gewässer sich bei Doesburg mit der alten Yssel vereinigen und zuletzt sich in die Zuydersee ergießen. Von da, wo sich der Drusische Kanal von dem Rheine trennt, wendet dieser letztere sich nach Arnheim und behält seinen Namen, bis er bei Wageningen und Rhenen vorbei ist, wo er Lech heißt und auf Wyk bei Durstede fließt. Von hier floß sonst der Rhein mit vollem Strome nach Utrecht, jetzt ist aber nur noch ein sehr schwacher Arm übrig, der krumme Rhein genannt. Weiterhin, Vianen gegenüber, ist schon vor mehren Jahren aus dem Lech ein Kanal gegraben worden, welcher nach Utrecht geht und gewöhnlich die Vaart genannt wird. Da derselbe mit Schleusen versehen ist, so kommen auf demselben sehr beträchtliche Schiffe nach Utrecht und von da weiter nach Amsterdam. Unterhalb Vianen sondert sich ein kleiner Arm vom Lech ab, den man die Yssel nennt, und der sich eine Meile oberhalb Rotterdam in die Merwe ergießt. Der Lech fließt von Vianen nach Schoonhofen und geht oberhalb Crimpen op de Lek in die Maas. Von den Gewässern des Rheins, die nach Utrecht fließen, geht abermals ein Arm ab, welcher die Vecht genannt wird und sich nach einem achtstündigen Laufe bei Muyden in die Zuydersee ergießt. Der übrige Rhein fließt von Utrecht nach Leyden, wo er beinahe einem Graben ähnlich sieht. Bei Rhynsburg vorbei kommt endlich dessen kleines Gewässer, drei Stunden von Leyden, nach Katwyk op Rhyn, wo derselbe eine halbe Stunde davon sich noch zu Anfange dieses Jahrh. in den Sand verlor. Sonst hatte der Rhein da einen Ausfluß in die See bei Katwyk op Zee. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die alte Mündung wieder zu öffnen, welche durch die entstandenen Dünen verschwunden war, hat man erst seit wenigen Jahren die Schwierigkeiten völlig überwunden, indem man in einem Kanale die in den Sand sich verlierenden Gewässer des Rheins gesammelt hat. Am äußersten Ende desselben befindet sich eine Hauptschleuse, eine zweite inmitten, beim Anfange der Seedünen, eine dritte kleinere beim Ausgang des Kanals aus dem Rhein, und so ist durch Hülfe der Kunst der Ausfluß des Rheins wiederhergestellt worden. Hierbei hatte man den Hauptzweck, die niedrigen Gegenden der Provinz Holland von dem überflüssigen Wasser zu entledigen und dadurch deren Werth zu erhöhen, welcher Zweck auch in hohem Grade erreicht worden ist.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Der Rhein für die gebildeten Stände

Rhein, einer von den Hauptflüssen Deutschlands, der ein schönes, wein- und fruchtreiches Land durchströmt, einen Weg von 190 M. zurücklegt und über 12,200 Flüsse und Bäche dem Oceane zuführt, entspringt in dem helvet. Canton Graubündten aus drei Hauptquellen, welche der vordere, mittlere und hintere Rhein heißen. Der vordere quillt aus dem Gebirge Crispalt, nordöstl. vom Gotthard, und vereinigt sich bei Dissentis mit dem mittlern Rheine, welcher vom Lukmanierberge herabkommt. Diese vereinigten Flüsse vermischen sich bei Reichenau mit dem Hinterrhein, der im Gebirge Adula auf dem Vogelberge aus einem Gletscher sich sammelt und bis Reichenau 20 Stunden weit fließt. Daselbst erhalten diese drei vereinigten Rheinquellen den gemeinschaftlichen Namen Rhein und haben eine Breite von 230 F. In der Gegend von Chur wird er schiffbar; zwischen Rorschach und Fußach stürzt er mit großem Geräusch in den Bodensee, den er zwischen Stiegen und Eschenz wieder verläßt und seinen Lauf nach Schaffhausen und Basel fortsetzt, nachdem er vorher mehre Wasserfälle gebildet hat. Solcher Wasserfälle, vorzugsweise Rheinfälle genannt, gibt es vier: 1) Der Rheinfall, eine Stunde unter Schaffhausen bei den beiden Laufen, wovon das eine (Dorf und Schloß) dicht am Rhein, auf dem Boden des schweizer. Cantons Zürich, und das andere, ein altes Schloß, gegenüber auf einer Insel liegt, ist der bedeutendste und durchaus nicht zu passiren, weshalb die Ladung der Schiffe zur Achse durch Schaffhausen gebracht werden muß und erst unterhalb der Stadt wieder eingeschifft werden kann. Nachdem der Strom ungefähr 500 Schritte oberhalb der beiden Laufen zwischen ungeheuern Felsen, die zum Theil mitten aus seinem Bette hervorragen, eingeengt worden ist, schießt er dann bei immer zunehmendem Abhange in unzähligen Buchten von Fels zu Fels hin und stürzt sich endlich, 80 F. hoch, 300 F. breit, mit einem in der Nähe betäubenden und bei stiller Nacht auf zwei Meilen weit hörbaren Getöse in drei Fällen steil herab, wovon der auf der Südseite, zwischen zwei Felsenpfeilern, der gewaltsamste ist. Die ganze Breite des Sturzes übersieht man aus einem Hause, nicht weit vom Sturze, fast in der Mitte des Flusses, das durch eine Zugbrücke mit dem Ufer verbunden ist; doch kein Bild vermag dieses Schauspiel darzustellen. 2) Der Rheinfall unter Zurzach, bei der Mündung der Wutach, der nur bei hohem Wasserstande die Schiffahrt hindert. Er wird verursacht durch einen quer durch den Strom gehenden Felsendamm, in dessen Mitte eine Lücke sich befindet, durch welche bei niedrigem Wasser die Schiffe passiren. 3) Der Rheinfall bei Laufenburg, der nur in einer Stromschnelle besteht, auf welcher leere Schiffe an Seilen durch Menschen, oft jedoch mit Lebensgefahr, hinuntergelassen werden. 4) Der Rheinfall bei Rheinfelden, der Höllhaken, auch das Gewild genannt. Schon eine Stunde oberhalb Rheinfelden fangen die Felsen im Strome an und streichen bis unter die Brücke dieser Stadt dergestalt fort, daß nur eine schmale Öffnung bleibt, durch welche die Schiffe mit der größten Vorsicht geführt werden müssen.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Fiebrig durch Konstanz (2)

Von brennenden Ghettos schreibt Jochen Kelter in seinem Konstanz-Gedicht „Ruderer“ von 1982 und von acht Mann, die sich auf dem Seerhein ranlegen, als wollten sie übers schilpende Wasser bis Stein oder Rotterdam, während überm Ried der Mond mit der Republik seine Schärpe tauscht. Kräftige Bilder, an deren Entschlüsselung wir noch arbeiten. Das Konstanzer Ghetto ist auf unseren fiebrigen Erkundungsgängen nicht zu entdecken, wahrscheinlich ist es mittlerweile überbaut oder versteckt sich im Internet. Tatsächlich hat ein User auf Youtube einen Konstanzer Ghettorap eingestellt, in dem es unter anderem heißt: „Konstanz, diese Psychostadt ist krank / vor ihr hat sogar der Teufel Angst (…) Aufgewachsen bin ich in dunklen Gassen / wo Freunde dich verraten und eigentlich hassen (…) Abschaum City (…)“ Der relativierende Refrain: „Diese eine Stadt, in der ich aufgewachsen bin / diese eine Stadt, in der ich immer bleiben will / Das ist nicht nur Ghetto, sondern auch ein guter Shop“ Lyrische Zeilen über Konstanz, mutmaßen wir, sowohl von uns auf andere schließend, als auch aufgrund solcher Fremdzeilen, unterliegen offenbar, solang sie in der Gegend selbst entstanden sind, unmittelbar den Ausdünstungen des Seewassers. Deren Schwingungen versetzen nicht nur den Körper in erhöhte Temperatur, sondern auch den Geist in matschbirnigen Frohmut: „Durch die Gitter meiner Zelle / grüßt der See mich jeden Tag. / Lächelt mir mit jeder Welle, / und vergessen ist die Plag`“ schreibt Hans Arnold 1885 einen „Gruß aus dem Konstanzer Amtsgefängnis“. Der See wirkt also schon länger. Und die von ihm ausgelösten Fieberwellen bewirken, daß wir uns vorstellen müssen, wie es früher, als alles noch viel größer war, der See das Rheintal bis weit in die Alpen hinauf füllte, zugegangen sein mochte: welche Sorte Saurier wohl an seinen Ufern sich tränkten und fraßen, welche Urfelchen ihre Traumräume vom Landgang, vom Fortflug gar, verwoben, welche Außerirdischen die Gegend damals besuchten, um Bodenproben zu entnehmen und schicke abenteuerliche Postkartenmotive ausfindig zu machen, welche Grundschulkinder – jedoch nur in hirngewebeähnlicher Spontanmanifestation eines letztlich materielosen kugelblitzförmigen Welt/Geistes – in aus damaliger Sicht ferner Zukunft die brennenden Ghettos von Konstanz in Wasserfarben zu bannen hätten. Wir wollen uns solche Szenen nicht vorstellen, wir müssen es. Das Seefieber zwingt uns dazu. Die Wasseroberfläche säuselt – oder surrt wie eine Stechmücke, ganz nah am Ohr. Vielleicht meint Jochen Kelter mit seinen acht Ruderern heroische Kämpfer, die sisyfotisch versuchen, die Wasseroberfläche zu erschlagen. Vielleicht angelehnt bei den Sieben Schwaben, die ursprünglich einmal neun gewesen sein sollen. Und von denen einer Seehas geheißen haben soll. Wie man heuer die Konstanzer nenne oder diese sich selbst oder die Friedrichshafener sich oder andere am See. Weil der Hase ja (bei den Sieben Schwaben) ein Ungeheuer und als Seehas in Fisch-Hasen-Mischform… Es gibt eine Pille gegen das Seefieber. Wer die einwirft, hat für 24 Stunden davor Ruhe. Und vor allem anderen auch. Der dämmert weg in wohlige Welten, während am Horizont das leise Geknister und die Rauchzeichen brennender Vorstädte mit der Unerheblichkeit ausgestorbener, noch dazu niemals bekannter Randvölker und ihrer Dialekte vor sich hinwerkeln und nuscheln: aus Weltraumsicht, elf hoch fümmunzwanzig Galaxien weit entfernt von der Erde.