ein galoppirendes, oft dämonisches Leben

Wer im Frühling die Alpen besucht und sieht, wie von allen Schneefeldern, über alle Felsen, aus jeder Bergfurche kleinere oder größere Bächlein niederströmen, wird sich einen Begriff von der unendlichen Wassermasse bilden, die aus dem ganzen, gewaltigen Alpengebiete in das Tiefland geht und dort so vielfach zur Bedingung der Fruchtbarkeit und des Verkehres wird. Am mächtigsten ist aber der Wasserabgang zu Zeit der heißen Fönwinde und warmen Regenniederschläge. Ueberall entstehen dann neue Wasseradern; kleine Kieselbäche werden zu trüben, tobenden Strömen; die Abtropfbretter der Gletscher sind von hundert sprudelnden Rinnsalen durchzogen. Der heiße Wind des Südens, der die Thier- und Menschenwelt lähmt, erweckt in der Pflanzen- und Wasserwelt ein galoppirendes, oft dämonisches Leben. Wie viel Millionen Eimer Wassers das Rheinbett jede Minute aus den Hochgebirgen entführt, mag man ahnen, wenn man sich erinnert, daß zur Zeit der Schneeschmelze das dreiunddreißig Quadratstunden haltende Bodenseebecken 8-10 Fuß steigt, im Jahr 1770 aber um 20-24 Fuß sich gehoben hat. Bei manchen Strömen ist es schwer, die eigentliche Quelle anzugeben; ja diese eigentliche Quelle ist da blos illusorisch, wo mehrere Bäche von ungefähr gleicher Stärke zusammentreffen und nicht Eine Bachader als Stamm des Flusses sich heraushebt. So entsteht z. B. der Vorderrhein aus mehrern Bächen, von denen jeder „Rhein“ mit einer Localbezeichnung heißt. Die Quellen dieses berühmten 190 Meilen langen Stromes, der auf seinem Laufe 12,283 Flüsse und Bäche aufnimmt, liegen alle in der Alpenregion, die des Vorderrheins im Tomasee (7240′ ü. M.) und Krispalt (6710′ ü. M.), des Mittelrheines im Scursee (6670′ ü. M.), des Hinterrheines am Rheinwaldgletscher (5760′ ü. M.). Dabei gilt der Grundsatz, daß den eigentlichen Quellbächen stets vor den bloßen Gletscherabflüssen der Vorzug gegeben wird. Die drei Quellenbäche der Rhone empfangen vom Rhonegletscher zwei Eisabflüsse, die wol mit zwanzigmal reichern Massen aus den Eishöhlen hervorsprudeln, und doch haben nicht diese den Namen der Rhonequellen und verdienen auch nicht, da sie nicht eigentliche Quellwasser sind. Damit stimmt ganz die Verachtung zusammen, welche so häufig die Alpenbewohner gegen die „wilden“ Gletscherwasser bezeugen, und ihre Verehrung vor den „lebendigen“ Quellen. Und doch haben manche Ströme nur solche gering angesehene Gletscherquellen; so wird gerade die Aare durch die starken Bäche des Oberaar-, Finsteraar- und Lauteraargletschers gebildet, die bei ihrer Vereinigung 6270′ ü. M. liegen. Der einzige Bach, der lange durch die Alpenzone strömt und in ihr zum Flusse wird, ist der Inn; doch auch die Aare gewinnt rasch eine bedeutende Stärke durch die Zuflüsse aus allen den finstern Eisthälern, die sie in wildem, tobenden Gange durchströmt; dann geht sie ruhig durch das trostlos öde Aarbodenthal unter dem Grimselhospize weg, einer engen Schlucht zu, durch die sie von Stufe zu Stufe fällt und dem Röterisboden (4880′ ü. M.) entgegeneilt, bis sie oberhalb der Handecksennhütte einen hübschen Fall, unterhalb derselben aber (4260′ ü. M.) mit dem Aarlenbach zwischen den Granitfelsen in einen hundert Fuß tiefen Abgrund stürzend, den berühmten Handeckfall bildet, den einzigen großen Wasserfall der Alpenregion.

„Da ragen zwei mächtige Felsenkolosse
So dicht aneinander aus gähnendem Schlund;
Die Häupter bekränzet der Tannen Gesprosse,
Die Füße verbirgt der umnachtete Grund.

Und vor mir, hinab in die schaurige Hölle,
Ergießt sich der breite, gewaltige Fluß!
Wie zischen die Schäume, wie fliegt das Gerölle,
Wie stürmen die Wogen mit donnerndem Schuß!

Und siehe von grünender Höhe zur Linken,
Da rauschet der Arle zerstäubender Bach,
In schäumenden Güssen, mit silbernem Blinken,
Hinab in die Schlucht, in die klaffende, jach.“

Kurz nach diesem köstlichen Salto mortale tritt sie aus der Alpenregion hinaus. Die übrigen Wasserfälle der letzern sind nicht besonders wasserreich, da sie den Quellen zu nahe liegen, dafür aber sehr zahlreich und oft außerordentlich kühn. In allen höhern Revieren sieht man diese schwankenden Schaumfäden an den Felsen hängen, oder hört die jungen Bäche über die großen Felsenstufen ihrer Schluchten hinunterkommen; die Zahl der kleinern Wasserfälle unsers Alpengürtels übersteigt wol tausend.

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)

Nietzsches schwermüthige Schnellreisen

Basel, 5. Mai 73

[...] Weißt Du, daß unser überaus festlicher Abschiedstrunk in Lichtenfels mich berauscht gemacht hatte? Nämlich es trat ein Phänomen ein, daß ich wähnte, ich würde in einem großen Rade mit herumgedreht: dabei wurde mir schwindlicht, ich schlief ein, wachte in Bamberg auf, trank Kaffee: und war Mensch wie zu­vor. Verlebte dann den Nachmittag in Nürnberg, sowie den zweiten Ostertag und befand mich körperlich ebenso wohl als höchst, höchst schwermüthig! Dabei waren alle Leute geputzt und liefen im Freien herum, und die Sonne so herbstlich mild.
Nachts sauste ich nach Lindau ab, fuhr, im Kampf von Nacht­ und Tagesgestirn, früh um 5 Uhr über den Bodensee, kam noch zeitig am Rheinfall bei Schaffhausen an, machte dort Mittag. Neue Schwermuth, dann Heimreise; an Lauffenburg vorbeikom­mend sah ich, daß die Stadt mächtig brannte. [...]

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefe II, 3 (Mai 1872 – Dezember 1874))

Flaschenpost (6)

Die Schweizer Medien berichten dieser Tage von einer Flaschenpost, die von Oberriet im St. Galler Rheintal bis nach Südafrika gelangte. Ob sie dafür wirklich “via Bodensee, Rheinfall, Rhein sowie Nord- und Südatlantik nach Kapstadt trieb”, wie die Artikel behaupten, ist zwar gut vorstellbar, aber keinesfalls gesichert. Die Flasche könnte schließlich dem Strom frühzeitig entnommen und auf anderen Wegen weitertransportiert worden sein. Für eine Seereise spricht die Reisedauer. Denn auf den flüssigen Postweg gegeben wurde die Flasche bereits vor  30 Jahren – von Werner Kühnis aus Oberriet. Der hatte seine Wurfsendung von einst längst vergessen, als er nun kurz nach Weihnachten Antwort erhielt: “30 Jahre später wurde die Flaschenpost am Strand von Kapstadt gefunden. Die Frau (gemeint ist die Finderin, Anm.: rheinsein) kann aber kein Deutsch. Sie suchte eine deutschstämmige Kollegin auf, die ihr half. Da Werner Kühnis noch heute in Oberriet wohnt, einen Steinwurf von seinem Elternhaus entfernt, gelang es den Frauen mithilfe des Internets, den Absender der Flaschenpost ausfindig zu machen.”
Von den bekannten (aufgetauchten) rheinischen Flaschenpostbriefen dürfte diese einen gesamtrheinischen Streckenrekord aufgestellt haben. Ob sie auch ordnungsgemäß im Mainzer Flaschenpostamt registriert wurde, gaben die Artikel nicht preis.

Drei Mann in einem Boot

Bei Drei Mann in einem Boot handelt es sich um einen Junggesellen- und Strohwitwerklamauk, zugleich um eine typische, auf Wortspielen basierende Heinz Erhardt-Komödie und ein Road- oder besser: Rivermovie auf dem Rhein, der vom Bodensee bis Amsterdam die Kulisse für eine Flucht der Herren Erhardt, Kulenkampff und Giller aus ihrem von so tiefblonden wie vereinnahmenden Damen reichlich bevölkerten Wirtschaftswunderalltag gibt. Als Fluchtmittel dient eine kleine Barkasse namens Marianne. Bald wird den dreien der Bodensee zu eng, denn ihre Damen haben die Verfolgung im Schnellboot aufgenommen: ein solidarischer Schweizer Grenzwächter steckt dem Trio die Botschaft in Romanshorn. Sie beschließen, nach Amsterdam aufzubrechen, vergessen aber das Hindernis des Rheinfalls, was zu dramatischen Szenen führt – so dramatisch eben der deutsche Familienfilm von 1961 dramatische Szenen zu gestalten wußte: die Herren Lausbuben werden in vorvorletzter Sekunde vorm Brettern in den Orkus bewahrt. Unterdessen entbreitet sich der Rhein in strahlendem Technicolor. Die Herren singen ein Loblied auf die Vorzüge Mariannes, welche ihnen nicht unnötig ins Leben quatscht wie Frauen das eben sonst pflegen. Doch schon bald wird das Trio mit einer nächsten Blondine konfrontiert: der fluchenden, Jenever in sich hineinschüttenden, holländischen Frachtersteuerfrau Betje Ackerboom (die frühverstorbene Susanne Cramer), deren Zähmung Kulenkampff zufällt. Das Lied von der Loreley erschallt aus dem Off, die Kamera zeigt mitten ins Paradies. Es besteht aus Burgruinen auf Weinhügeln. Marianne hüpft für geraume Zeit über romantische Frachterbugwellen – bis zum großen Personaltreffen (samt Gesangseinlage) in Königswinter. Der Showdown kann hier jedoch noch nicht stattfinden, denn er wurde eindeutig für Amsterdam versprochen. Wo er dann auch stattfindet: wennschon nicht als Showdown, sondern als sich hinziehendes Happy End. Der Film taugt insgesamt eher als historisches Bilderbuch, denn zum Lachen. Heinz Erhardts vertrottelte Art in Kombination mit seinem bisweilen unglaublichen Vokabular sorgt für die wenigen Höhepunkte neben der wunderbar ins Klischee gesetzten Rheinkulisse. Und bei Walter Giller müssen wir immer an seine Autogrammkarte in der Kölner Grill Station (R.I.P., beste Currywurst und bestes Schweineschaschlik Kölns!) denken, die mit „Danke für Chili con Carne“ unterzeichnet war und uns daran gemahnte, daß a) berühmte Schauspieler Imbißbuden nicht unbedingt verschmähen, b) wir Walter Giller in der Grill Station niemals erkannt hätten und c) wir überhaupt niemals jemanden ausgerechnet Chili con Carne in der Grill Station essen sahen.

Romanshorn

Mit „Mut zur Heimat“ wirbt die SVP, Partei der Ober-, Voll-, Haupt-, Schweiz- und Totalschweizer, für sich. Wie solch ein SVP-Mut zur Heimat genau bestellt ist und worin er sich zB von rheinseins Mut zur Heimat unterscheidet, außer daß rheinsein sich nicht mit Heimatmut fürs Parlament bewirbt, sollen die Soziologen erforschen.

***

Im Vergleich zu Arbon und Rorschach wirkten die Straßen in Romanshorn weitläufiger, dh noch leerer, was zum einen saisonal bedingt sein mochte, zum andern mitten in der Fußgängerzone ein Gefühl plötzlicher Einsamkeit, gewürzt mit einer Prise Euforie, auslöste, welches uns, nebst dem üblichen Schwanken, warum eigentlich leere Fußgängerzonen stets ansatzweise Euforie in uns auslösen (ob eine solche Reaktion etwa als krankhaft oder wenigstens menscheinfeindlich zu werten sei?), bewog, bei COOP zu speisen, denn wo ein Supermarkt ist, dort finden sich Menschen – so auch in Romanshorn. Der vorgefundene COOP entpuppte sich als zentrale Anlaufstelle derjenigen sehr wenigen, welche in Romanshorn sowieso als angestammte Romanshorner unterwegs waren oder, als Fremde, gerade im Zuge ihrer velozipedischen Bodenseeumrundung dort angelangt. In der Schweiz dienen Supermärkte häufig als Restaurants, zumal am frühen Nachmittag, wenn alle anderen Restaurants gerade geschlossen haben. Wir nahmen also die Gelegenheit in vollem Umfang wahr, bestellten Spiessli und bestaunten die opulenten Vermicelles, welche zu Dessertzwecken klappvitriniert in kastaniös-sahniger Edelmächtigkeit aus der Selbstbedienungstheke leuchteten. Die sehr wenigen anwesenden Schweizer schrieen unterdessen, vielleicht auch um im erweiterten Sinne Mut zur Heimat (somit ggf Loyalität zur SVP) zu demonstrieren, in Megafonlautstärke in ihre Mobiltelefone, typische Dinge ihres Alltags zu verhandeln. Man muß sich das in etwa so vorstellen: die Weite einer großzügig gehaltenen, menschenleeren Fußgängerzone, ausgeweitet auf eine autoleere, parkplatzartige, grau gepflasterte Bucht: den imposanten Vorhof eines Supermarktes nämlich, mit einem gut in Schuß gehaltenen überdachten Fahrradständer und unauffälliger Fußgängerzonenskulptur, welche von niemandem benutzt noch betrachtet werden. Ganz weit hinten in der einen Ecke, also fast schon nicht mehr sichtbar, steht ein gedrungener Schweizer und brüllt in sein Handy, sodaß er über den gesamten Supermarktvorplatz (akustisch) gut zu verstehen ist. Auf ihn ein fliegt (wahrscheinlich) eine Wespe. Der Mann versucht, sie mit der telefonfreien Hand zu verscheuchen. Die Wespe weicht aus und fliegt einen erneuten Vorstoß. Was sie von dem überlaut telefonierenden Mann möchte, ist beiden völlig unklar. Der Mann schlägt nach der Wespe, die Wespe weicht erneut aus und versucht es ein weiteres Mal. Vielleicht entsendet das Mobiltelefon Wellen, welche irrtümlich die Hormone der Wespe ansprechen. Der Mann schreit seinen Privatalltag („die Tochter solle von diesem Kerl die Finger lassen“, „der Soundso sei ein Geizhals sondergleichen, dem gäbe er keinen Auftrag mehr“, „die Frau solle dies und jenes einkaufen und wenn nicht: warum sie ihn denn überhaupt geheiratet habe?“) in sein Handy, während er nach der Wespe fuchtelt. Dieser Vorgang währt etwa zwanzig Minuten. In diesem Zeitraum fahren insgesamt zwei gepäcktaschenbepackte Bodenseeumrunder in professionellen Radfahreraufzügen vor, klimpern mit ihren Radlerschuhen übers Pflaster, versorgen sich im Supermarkt mit Energie, und verlassen, als wären sie nie dagewesen, geräuscharm die Szene, um wieder in ihre Bodenseeumlaufbahn einzutreten. Dabei passieren sie den anderen Mann am anderen Ende des endlos-leeren Supermarktvorplatzes, der dort in sein Handy brüllt: „Nei, muasch nüt! Muasch nüt, säg-i-d`r! Nei! Muasch nüt, nei! Nei, säg-i-d`r! Nei, muasch nüt! (etc)“ Im Gegensatz zum ersten Mann ist er nicht gedrungen, sondern schmal und lang. In seinen Sandalen trägt er als Einlegesohlen je eine Scheibe rohes Kalbfleisch. Der Schnitzelsaft durchtränkt von unten aufsteigend seine Tennissocken. Die über den Dächern installierte Sonne leuchtet ihn kontrastreich aus. – All das goutierten wir, bevor wir uns wieder auf den menschenleeren Weg machten. Auch außerhalb der Fußgängerzone erweckte Romanshorn den Eindruck eines verlassenen Nestes. Wir klauten eine handvoll wurmstichiger Feigen, denn mitten in diesem verlassenen Nest gedieh ein prächtiger Feigenbaum. Mit jedem Schritt da und dorthin in Romanshorn wurde es stiller um uns. Die Stille sammelte sich, verteilte sich, wechselte überraschend die Positionen und wurde immer schriller. Dh, sie entwickelte sich zur gefährlichen akustischen Waffe. Jetzt erblickten wir auch die ersten Leichen. Von der vagabundierenden Stille erwischt lagen sie, mitunter halb von Hecken verdeckt, einfach da. Es war immer noch früh am Nachmittag. Wir machten, daß wir davonkamen.

Rorschach

rorschach

Das Testbild (oben) gelang ohne über/flüssige Assoziationen. Doch schon beim Fotografieren aus dem Zugfenster erkannte die Kamera offenbar die Bewegung, in der sie sich befand und nahm mit ca. zwei Sekunden Verspätung zum Druck auf den Auslöser auf. Auf diese Weise wurden die avisierten Motive zeitlich mutiert angetroffen, dh, sie assoziierten in der Zwischenzeit frei im und um den verfügbaren Raumausschnitt. Die Tauben auf dem Dach etwa stoben erst nach dem Auslösen (der Kamera in der Hand) auseinander…

taube auf dem dach

… und die prominente Panoramasitzreihe zählte im ursprünglich gewählten Ausschnitt nicht vier, sondern 17 Seniorinnen mit dem Rücken zum See.

bodensee_2

Außerhalb des Zuges: bietet Rorschach an seiner Uferpromenade ein Sandskulpturenfestival und im Hafen den Hafen Kebap, ein so schlicht wie weltläufig klingender Imbißname, der im Zusammenhang mit Begriffen wie „Freiheit“, „Sehnsucht“, „Weite“, „Horizont“ oder „Sturm“ noch zu großem Kino auflaufen könnte. Zwischen den beiden Bahnhöfen Rorschach und Rorschach Hafen liegen fünf bis zehn Fußminuten Promenade. Viele Bodenseeumrundende halten auf Rorschachs rollsplitbestreuten Auslaufzonen und werfen mit touristischen Blicken um sich. Die zugewanderten Einheimischen unterdessen werfen höchst erfolgreich ihre Angelruten nach dem Egli aus, um gluschtige Knuschperli im Chörbli draus zu bereiten. (Rezept auf Anfrage)

Arbon

Ostwind-Exkursion an den rheindurchströmten Bodensee. Die Bahntrasse gesäumt von Golfspielern und stochernden Störchen. Ab Buchs und ganz verstärkt ab St. Margrethen zu beobachten: rapide steigende Passagieranteile von Seniorinnen und dunkleren Hauttypen, eine typische Szene für die Afrikanische (anderen Quellen zufolge: Indische) Schweiz. Das Tagesticket verführt zu Pingpong-Reisen zwischen dem St. Gallischen und dem Thurgauischen: Arbon, Rorschach und Romanshorn heißen die Stationen. Alle drei Orte besitzen ihre Häfen und Seepromenaden. WELLEN WOLLEN WALLEN hat jemand drei wagnersch-wuchtige Witzworte aus dünnen Brettern am Arboner Ufer zusammengezimmert; das Holzgespreite liegt flach im Schwappwasser und ist kaum lesbar, aber Kunst. Etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt steht ein Quader im See, der (”nur für Einzelpersonen!”) über ein Ziehleinenboot zu erreichen ist und als poetische Eremitage dienen soll, in der auch ein Nachtlager möglich sei:

eremit

Mehr solch öffentlicher Naherholungseinsiedeleien hier und dort und sonstwo überall am Rhein – und die aktuelle Dichterschwemme nähme womöglich tsunamisch-teuflische Ausmaße an. Ob in besagtem Eremitengehäuse gedichtet – oder doch außerhalb: eine lyrische Betrachtung von Maruen und J.A.Z., die das gesamte Wasserskulpturenensemble beschreibt, dem noch ein Eimerbrunnen mit amputierten Händen angehört, findet sich genau zu des Fotografen Füßen – man beachte das tiefsinnige Wortspiel mit Lancelot:

Lance l`eau

Au bout du quai
Et relié à la rive
A l`écart et à échelle humaine
Tendu vers un hypothétique départ
Et un retour certain
Espace aquatique clos

Juste une possibilitée d`écouter differemment
L`eau du lac jouant entre les planches
Celles du quai et celles du récipient
Seaux infirmes de leurs anses
Mains amputées de leurs poignets
Mais l`eau qui danse

Lance l`eau

***

Abseits zeitgenössischer Uferkunst besitzt Arbon eine Altstadt und sogar eine eigene Steinzeitkultur. Das Stadtwappen besteht aus einem stilisierten, nicht näher spezifizierbaren, aber glücklichen Laubbaum (arbor felix), in dessen Krone nicht näher spezifizierbare Vögel nisten, von denen einer senkrecht-kopfüber, also mit comichafter Waghalsigkeit in ein von zwei nicht näher spezifizierbaren prächtigen Fischen bevölkertes Gewässerhalbrund stürzt. Das Arboner Wappen flattert überall auf Fahnen über der Arboner Altstadt und macht deutlich mehr her als manches andere Stadtwappen. Die Arboner Kunsthalle sieht aus wie eine Remise und ist nur an seltenen Wochentagen für zwei Stunden geöffnet. Die Kunst im innerstädtischen, nicht direkt am Ufer gelegenen Raum besteht aus recht experimentellen Versen („Frau verbrüht / Waffen in / Polizei nimmt / der Xamax / Ex-Mann / mit Kabine“), deren typisch schweizerische Kargheit massig Interpretationsspiel läßt – oder aus herkömmlichen Preisungen des Herrn:

gott-hilft

Am Arboner Hafen sehen wir eine mondäne Dame in Kalbsschnitzel-Sandalen und lernen neue Wörter wie „Schlipf-Benützung“ und „Bilgenschwein“. Außerdem gibt es ein bisher völlig an uns vorbeigegangenes Verbot der großen Verbotsnation Schweiz zu entdecken:

verboten

Der Rhein bei Quarks & Co

Intensiv mit dem Rhein beschäftigte sich das Wissenschaftsmagazin Quarks und Co des Westdeutschen Rundfunks vom 18. Mai 2010 und förderte dabei einige wissenswerte und vor allem: gut im Netz aufbereitete Informationen zutage. So erfahren wir von rheinischen Tierarten, die anderswo ohne Namensnennung (im Hinterkopf wohl unter: Gekreuch) zusammengefaßt werden. Die Sumpfdeckelschnecke ist in der Lage, ihr Gehäuse mit einem am Fuß verwachsenen Deckel zu verschließen. Der Lachs kann sein Heimatwasser am Geruch erkennen. Die Wollhandkrabbe kneift Angelfäden durch, um sich die Köder zu verschaffen. Es existieren Süßwasserschwämme im Rhein! Die militärische Lage im Krebsreich läßt sich etwa wie folgt zusammenfassen: aus dem Donauischen zugewanderte Schlickkrebse vs Wandermuschel (welche den Krebsschlick nicht verträgt), Höckerflohkrebs vs alle anderen Kleinkrebse, bartelnde Barben vs alle Krebsarten, während der aus den USA eingedrungene Kamberkrebs die Krebspest verbreitet, gegen die er selber immun ist. Ebenfalls aus dem Donauischen stammende Schwebgarnelen dringen via Bodensee allmählich nach Nordwesten vor. Der aktuelle Zählstand bewegt sich bei rund 360 Tierarten „im Rhein“. Eintagsfliegenlarven weiden erstmal ein Jahr lang unter Wasser Algen von Rheinkieseln, bevor sie sich in ihr kurzlebiges Fliegenstadium begeben. Bachneunaugen fressen nur als Querder (ihrem eigenartigen Larvenstadium), nicht mehr als ausgewachsene Tiere. Sowieso herrscht auch unter den Larven Krieg. Jene der Prachtlibelle ist auf die der Köcherfliege aus etc, etc – die Sendung liefert prima Bilder und laienverständliche Erklärungen: ein Highlight unter den kursierenden Rheindokus. Sonst noch zu erfahren: eine weitere Entstehungstheorie, die bis Pangäa und die Entstehung des Mitteleuropäischen Rifts zurückreicht und besagt, daß nach Bildung der Alpen zunächst drei voneinander getrennte Teilrheine (Mittelrhein, Oberrhein, Alpenrhein) bestanden, die, nach komplexeren Schritten über hundert Millionen Jahre hinweg, schließlich vor 30.000 Jahren zum aktuellen Lauf fusionierten. Desweitern: Buhnen dienen der Strömungsregulierung und erzeugen schwimmerfeindliche Strudel, Ertrinkende im Rhein: pro Jahr im Schnitt rund 30. Klappschuten transportieren Oberrheinkies als Geschiebezugabe an den Niederrhein und ein Tauchglockenschiff namens Carl Straat ermöglicht Trocken-Spaziergänge auf dem Rheingrund. Tullas Rheinregulierung wird am Oberrhein mittels Poldern wieder in Richtung Naturzustand nachreguliert. (Eine veritable Tierwoche auf rheinsein, das Sommerloch öffnet auch hier sein Maul.)

Theodor Herzl mit dem definitiven Rheinfallzitat

Das definitive, ultimative, ja reinkarnative (und hier (wie sovieles) bei rheinsein erstmals im Internet auftauchende) Zitat zum Rheinfall stammt wohl aus den 1883er Reisetagebüchern Theodor Herzls, dem Wegbereiter des Zionismus, und bildet als solches eine französische Sprachinsel der Hochvernunft im sonst deutsch-tosenden Gedankengewitter über unser aller Schaffhausen:

“24 Juli
(…) Enttäuschung von Konstanz! Gleichgültige, schmale, charakterlose Gassen, aber die Lage reizend am See. Und wenn man im säulengetragenen Refectorium des Inselhôtels opulent zu Mittag gegessen hat, dann ist es entzückend vom Balcon hinauszuschauen auf die meerhafte Fläche des Bodensees, auf die verschwimmenden Bergzacken am fernen jenseitigen Ufer. –

Selbigen Tags acht Uhr (Abend)
Allein gestanden auf der Eisenbahnbrücke oberhalb des Rheinfalls. – !

25 Juli
Am Känzeli beim Rheinfall!
Nicht nur der Rhein – auch jeder von uns hat sein Schaff­hausen, das ist: seine brausende, rauschende, stürmische Zeit, in der er seine junge Titanenkraft vergeblich an trotzigen Felsen bricht. Und wenn ein Sonnenstrahl fällt, so glänzen farbige Regenbogen der Poesie über ihm auf. Und alles umsonst! Wie der Rhein verlaufen wir schliesslich alle im Sand der Alltäglichkeit. Und dann kommen wir ins große Meer der Vergessenheit… –

25 Juli
Im Coupe.
On revient de tout – même de la chute du Rhin.”

(Anm. rheinsein: Man kommt von allem zurück – selbst vom Rheinfall.)

Das Lachen der Hühner (3)

Gestern fand die offizielle Das Lachen der Hühner-Verlagspräsentation im Rahmen des Literaturklubs im Theater „die wohngemeinschaft“ in Kölns Belgischem Viertel statt. Zunächst las Holger Hegemann aus seinem entstehenden Erzählwerk über eine jüdische Familie im Köln der 30er Jahre. Nika Bertram brachte aus den Tiefen ihrer Schubladen einen unveröffentlichten, leicht experimentell gehaltenen Text aus der Prä-Facebook-Ära, der sich mit durchcomputerisierter Zukunft, aus heutiger Sicht ergo: der Gegenwart befaßte. Dazwischen Adrian Kasnitz` legere Moderation und ein junger Singer/Songwriter namens Diar, der direkt von Myspace hinzugestoßen war. Das alles war rund und gut und hielt die schwanke Waage zwischen E und U auf genau die Art und Weise am Pendeln, die wir so schätzen. Die Präsentation des Gedichtbands war als Schlußakt der Wortbeiträge vorgesehen. Weil viele, selbst gebildete Deutsche nördlich der Bodenseeregion kaum etwas über Lage, Struktur, Einwohnerzahl etc Liechtensteins, von dem Das Lachen der Hühner handelt, wissen, ließen wir als Bühnenbild eine exzellente geografische Straßenkarte des Fürstentums projizieren. Dank modernster Beamertechnik allerdings ging die Kartenprojektion viel zu sehr in die Breite, sodaß bereits die simple Erklärung, der Zuschauer solle sich das Land nun bitte nicht ganz so ausgedehnt vorstellen, sondern in vertikaler Achse etwa um die Hälfte zusammengestaucht, beim selbstbewußten Großstadtpublikum für einige Lacher sorgte, die fortan beinahe jede Erläuterung zur Landesstruktur wie liechtensteinischen Eigenheiten und Vorhaben, völlig unabhängig davon wie ernsthaft sie vorgebracht war, begleiteten. Eingebettet in diese wie beiläufig entstandene Atmosfäre des Amusements über ein unbekanntes Exotenvolk, kam etwa die Hälfte des Bandes zum Vortrag. Die Sonette wurden, wie es hoher Dichtung gebührt, deutlich andächtiger aufgenommen. Nach dem Vortrag kam die Frage, warum wir denn keine eigene TV-Show hätten. „Ja, sieht man jetzt sowas im TV?“, lautete die Rückfrage. „Schon, aber nicht so gut.“ Was nicht ist, kann noch werden. Aus rheinsein ist ja binnen zwonhalb Jahren bereits einiges kaum Voraussehbare geworden. So wird rheinsein tatsächlich bald seine erste Show starten – vorerst nicht im Fernsehen, sondern im Heimathirsch. Wer, was, wo und wann genau das ist, verkünden wir an dieser Stelle noch zeitnah in zusammenhängenden Worten.