Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (2)

Die holzige Erscheinung einiger alter Menschen erinnert uns – wenn nötig – daran, mit welchem Holz der Tod sich wärmt.

Staunen, ohne überrascht zu sein. Immer bereit sein, zu staunen, ohne lächerliche Schreie auszustoßen, ohne die Arme zu schwenken, die Augen zu weiten und zu verdrehen; einfach Staunen. Ein Foto schießen und weiter. Oder weiter, und sich dabei versprechen, ein Foto zu machen.

Tage gibt es, und auch Nächte.

Diese Landschaften, die früher als pittoresk qualifiziert wurden und es heute noch werden, sind meistens ausgestopfte Landschaften, so sehr nutzt der Tourist ab und tötet, was er besucht.

“Spiritueller” Tourismus. Viel Tourismus und die vermutete, um jeden Preis begehrte Spiritualität, Zeichen einer verzweifelten Suche, die nur anderswo verwirklicht werden kann… Alles in allem eine Anti-Pascal-Haltung. Von einer solchen Erwartung heimgesucht, würde ich gerne in meinem Treppenhaus niedergeschmettert werden.

Nichts gleicht dem, sein Tagebuch bei Sonnenaufgang zu schreiben, noch bevor die erste Tasse Kaffee geschluckt, die erste Zigarette geraucht, und ein erster Blick durch das Fenster riskiert wurde.

Poröse Prosa schwimmt.

“An Allerheiligen gehen die Toten des Jahres, die von glockenschwingenden Chorjungen begleitet werden, dreimal um den Friedhof herum und singen die Totenmesse. Der letzte Verstorbene trägt einen Eimer mit den Tränen, die im Laufe des Jahres in Erinnerung an den Verstorbenen vergossen wurden.” (8)

Heute ist etwas anders. Der Blick kommt der Tasse zuvor und entdeckt die graue Oberfläche des Himmels ohne die geringste Abstufung. Man muss ein wenig nach unten schauen, um das kühle Gelb einer Lampe zu erahnen, die in einem Raum im zweiten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes leuchtet. Es regnet. Wassertropfen bleiben am Geländer des Balkons zurück. Sie zittern, halten sich fest, doch verfallen die Gesetze der Schwerkraft, die Tropfen strecken sich aus und verschwinden dann nacheinander, um sofort ausgetauscht zu werden. Sie landen auf dem Holzboden. Sie spielen nicht, um die Zeit zu markieren, geben genau wieder, wozu wir neigen (Zurückhaltung) und wie wir enden. Auf dieser Seite der Straße, sowie auf der anderen geben allein die Zweige die Vorstellung von einer Bewegung, unbewegter Bewegung, da sie nicht von der Stelle kommen. Zwischen all diesen Elementen scheinen der einfarbige Himmel, das Licht der Lampe, die Tropfen und die Zweige mit vollkommener Gleichgültigkeit zu herrschen.

Ich treffe manchmal den Käufer meiner alten Fotoausrüstung. Natürlich weiß er nicht, dass ich der ehemalige Besitzer all dieser Utensilien bin. Er scheint ein wenig verloren zu sein, auf der Suche nach dem Motiv vielleicht, verwirrt, desorientiert, wie ein Jagdhund, der einem Weg folgt, der nur Finten und List ist. Ich, vor dem Eimer.

“Theaterkulisse. Ist nicht malen: Es reicht einen Eimer voller Farben einfach auf die Leinwand zu werfen; das ganze dann mit einem Besen zu verteilen; Entfernung und Licht machen die Illusion.” (9)

An einem bestimmt Punkt angekommen, befindet man sich ohne Alter, wie man ohne Heimat sein kann.

X erzählte mir, dass es eine Straße mit meinem Namen gäbe. Anfangs sehr überrascht, war es mir dann peinlich, am Ende freute ich mich rechtschaffen. Nur Tote können in Anspruch nehmen, dass eine Straße nach ihnen benannt wird, auch wenn sie nicht darum ersuchen. Und ist dieses Straßenschild nicht die Garantie meiner Anonymität? Wer, der meinen Namen hören würde, könnte mich für einen anderen halten? Ich weiß nichts über die geehrte Person, genauso wenig wie ich über das Kaff weiß, wo diese Straße, meine Straße sich befindet.

Ich gehöre vielleicht zu dieser Kategorie von “irgendjemand”, dem der Dichter (10) das Recht zugestanden hat, ein Tagebuch zu schreiben, vorausgesetzt, er sei lustig. Ich denke, ich bin es. In der Schule hatten viele Schüler ihren Spaß mit meinem Namen, dessen Etymologie sie höchstwahrscheinlich nicht kannten (sowie ich selbst damals). Von einem Lehrer, einer Lehrerin oder mir selbst ausgesprochen, rief dieser Name bei ihnen dämliches Gekicher hervor, das auf ähnliche Weise von Wörtern wie “Titten”, “Schwanz” oder “Hure” verursacht wurde. Sie lachten, also war ich komisch. Sie entdeckten schnell Assoziationen, Variationen. Auf “Crépon la galette (11)”, folgte “je vais te crépon le chignon (12)” oder “Crépon le crépu (13)”, “Sacré-pon de nom (14)” oder “tout ça c’est crapaud Crépon (15)”, “tiens voilà Crépon la crépinette (16)”, und so weiter. Ich fühlte keine Feindseligkeit für sie. Im Gegenteil, diese Beziehung zwischen Spaßmacher und Bespaßten hatte für mich einen gewissen Vorteil: Die Zeit, die gebraucht wurde, um neue Kombinationen zu entdecken, hinderte sie daran, sich um mich zu kümmern. Männer, von Kindheit an, sind gewöhnlich auf einfache Freuden versessen, um eine schnelle Befriedigung zu erlangen. Solange sie lachen, wenn auch dämlich, sind sie erträglich. Wenn sie nichts zu lachen haben, werden sie schrecklich.

Ich habe oft gedacht, dass der Name (17), den man trägt, einem früheren Zustand entspricht, was impliziert, dass man sich eher so nennt als so. Ich muss damals, dachte ich, sehr früh getrauert haben: um einen Toten, den ich niemals verdächtigt hätte, auf irgend eine Weise lebendig gewesen zu sein.

Diskrepanz – Dis-crépon …

Wenn Worte sprechen könnten!

Ja, wenn nur Worte sprechen könnten, was für ein großartiges Werkzeug würden wir zur Verfügung haben, um zu schweigen.

Chateaubriand, der seine Berühmtheit hasste, schrieb seine Memoiren, um sie zu konsolidieren.

Es war dann nicht mehr der Sekundenzeiger, sondern eine Seuche, die sie (die Sekunden) schlug, um die Kapsel zu sprengen, ohne dass sie irgendeinen Keim versprühte, außer die nächsten Sekunden, ebenso menschenleer.

Diese Fotos, gesehen in einem dieser Alben, die, wenn die dazu gehörende Familie verschwunden ist, in Kartons auf Flohmärkten wiederzufinden sind; diese Fotos, den gleichen Moment am gleichen Ort darstellend, mit einem Teich, Dickicht, Bäumen und diesen herum planschenden Menschen; diese Fotos des gleichen Moments, vom Fotografen vervielfacht, ohne sich die Mühe gemacht zu haben, den Blickwinkel zu ändern, als hätte er durch diese Multiplikation des gleichen Augenblicks versucht, sich die Zeit zu krallen.

Wie ein Traum, in dem man von nichts träumen würde.

Nachhaltigkeit beruhigt nicht unbedingt, bezüglich der Vorstellung, die man von Fortschritt hat.

Heute das Aussehen eines schlecht erhaltenen Amateurfilms.

Ich weiß nicht wo gelesen: “erlöschte Sammelwut”. Gelesen auch, aber anderswo: “Brunnen, unerschöpflicher, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen (18)”.

Das Erlöschen der Lichter signalisiert ebenso das Ende eines Kampfes, wie es dem folgenden als Präambel dient.

Es war im Gespräch mit einem Antiquitätenhändler, dass Herr Grians von der Existenz eines Flusses erfuhr, der nicht mehr existierte, oder fast nicht mehr (19). “Daher”, erzählte er mir, “vielleicht die Idee des Atlas der Wasserstraßen…” Er sah sie als flüssige Falten… oder vielmehr Nerven, oder noch besser: Blutgefäße. Und schließlich: “Die Wasserwege bilden eine Art Spalier, das sich zwischen den Ozeanen erstreckt, um das Festland zusammenzuhalten.”

Der Atlas von Herrn Grians: Zuerst die Wasserstraßen, dann die Namen, am Ende…

Und wo “Blick in die Wiege junger Sterne” stand, las ich “Blut in der Waage junger Sterne”.

Wir werden uns die Eimer anschauen, und dann werden wir sagen können, dass… Und wir werden schweigen.

Es ist ja nicht schlimm eine Katze “Katze” zu nennen, es hätte schlimmer ausgehen können.

Wer hat gesagt: “Wasser gibt das Wasser dem Wasser zurück”?

Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.

Wir hatten im Zug Platz genommen. Die Landschaft ließ uns gleichgültig, wir ignorierten die anderen Reisenden. Wir sprachen über Kimonos. Sie erklärte die Verfeinerung ihrer Verzierungen durch die Tatsache, dass es gut war, und auch notwendig, wenn ein Samurai eine Art Delikatesse behielt, die die Härte seiner Existenz ergänzte und ihren Zweck: für seinen Arbeitgeber zu sterben.

Der Kapitän eines Schiffes ist umgeben von einer großen Anzahl von Naturphänomenen, die ihm zur Verfügung stehen, um ihm zu helfen, sein Logbuch zu füllen, ihre Abwesenheit selbst ist etwas, das er in aller Muße aufzeichnen kann. Hinzu kommt die Tatsache, dass das Schiff sich bewegt. Nicht jeder hat so viel Glück, ich noch weniger als die anderen.

Geschwindigkeit: keine, da ich an meinem Tisch sitze und nur meine Arme sich bewegen. Sichtbarkeit: exzellent, bis zu den Häusern auf der anderen Straßenseite. Himmel: Weiß, Wolken so hell, so fein an bestimmten Stellen, dass wir das Blau dahinter erraten. Ein Flugzeug fliegt, das von Südwesten kommt, nach Südosten geht, von wo aus die Sonne zu scheinen strebt, unsichtbar von meiner Position. Regelmäßiges Vorbeifahren von Fahrzeugen, die Straße hinauf oder hinunter, unsichtbar, von da aus wo ich mich befinde. Ein Hund bellt, Vögel singen. Leicht schwanken die höchsten Zweige der Bäume. Außer dem Rauch, der aus einem Schornstein aufsteigt, keine sichtbare Aktivität auf den Balkonen oder sogar in den Zimmern des Hauses welche die Sicht behindern. Ein Vogel fliegt vorbei: eine Möwe. Ein zweites Flugzeug. Gleiche Quelle, ähnliches Ziel. Blätter von verschiedener Größe, jedoch ähnlichem Farbton (Rost) wirbeln herum. Ein Zug fährt von Osten nach Süden.

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(8) Henry Carnoy, Littérature orale de la Picardie : Les revenants.
(9) Gustave Flaubert, Wörterbuch der Gemeinplätze / T.
(10) Charles Baudelaire.
(11) Anderer Name für crêpe, Pfannkuchen.
(12) Richtig wäre: “je vais te crêper le chignon” (ich werde dir an den Haaren reißen).
(13) Der gekräuselte Crépon.
(14) Richtig ist : sacré nom (de Dieu) wörtlich : heiliger Name Gottes / Sakrament!
(15) Bezieht sich auf die Redewendug: “Blanc bonnet, bonnet blanc” Es ist alles gleich.
(16) Hier kommt Crépon die Bratwurst.
(17) Crépon leitet sich eindeutig von crêpe (Trauerflor) ab.
(18) Friedrich Nietzsche, Ecce Homo.
(19) Die Briève.