Auf den Flügeln des Stahls

Der ganze Rhein fest mit einer Decke Spiegeleises bedeckt und mit einem Gewimmel von Tausenden von Menschen. Der Rhein hatte sich zwischen Castel und Mainz am frühesten gestellt, es war also da die dickste Eisdecke. Alt und Jung, Mann und Weib vergnügte sich hier mit Schleifen, mit Schlittschuhlaufen, im Schlitten und im Caroussell. Buden mit Speisen und Getränken waren da eingerichtet. Der Jubelruf der Tausende schwamm wie in dem seligen Ton einer Riesenorgel zusammen und drüben lächelte die Sonne und spiegelte sich in dem erstarrten Silber des Rheines.

Wir waren mit dem Stolze von Eroberern herangefahren; da hörten wir, es sei schon Jemand von Oppenheim herabgekommen und den Rhein weiter hinuntergefahren.

„Also es geht noch weiter?“

„Ja, bis Walluf.“

„Hurrah!“

Bald ist auch Mainz hinter uns. In Biebrich wird ausgeschnallt und ein Imbiß genommen. Die Bahn war eine Viertelstunde weit durch Scholleneis unterbrochen. Dann schnallten wir wieder an. Was aber jetzt kam, dagegen trat alles Bisherige in den Hintergrund. Kaum hatten wir uns an den Anblick des breiten zu Eiswellen erstarrten Stromes gewöhnt, als wir auf dem bald schmaleren, bald breiteren Pfad, welchen das Schwellwasser geebnet, uns Schriesheim näherten und hier nach Recognoscirung des Hafens entdeckten, daß zwischen da und Walluf ein ganzer See grasgrünen, spiegelblanken, fußdicken Eises sich ausdehnte, auf welchem eine fröhliche Jugend sich tummelte. Härte und Glätte des Eises waren so groß, daß wir anfangs mit den Stahlschuhen ausglitten. Dann schwebten wir beim Abschiedsleuchten der Sonne, die auf der Bahn sich goldig grün spiegelte, unter künstlichem Curvenschneiden langsam, wonnig, beglückt dahin, um den Tag bei einen Becher duftenden Rheinweines zu schließen, der am ganzen Strom in keinem Wirthshaus besser zu finden ist, als in der Schenke zu Walluf. – Um zehn Uhr Nachts langten wir mit der Eisenbahn wieder in Frankfurt an, nachdem wir einen der herrlichsten Tage verlebt. Und ebenso ging es einen zweiten und einen dritten Tag! Die Geschäfte wurden an den Nagel gehängt; das Wetter richtete sich ja nicht nach den Geschäften. Am vierten Tag beabsichtigten wir unsere Expedition bis Worms auszudehnen, weil wir gehört hatten, daß die Bahn bis dahin frei sei, allein das Wetter schlug um. Es kam Schnee und dann Regen, welcher bald die Eisdecke des Maines brach. Auch die des Oberrheins ging fort.

Nur am Binger Loch hatte sich merkwürdiger Weise bis auf den Grund eine solche Eismasse gethürmt und gestopft, daß dieselbe bis zum März nicht durchbrochen wurde und man Wassersnoth fürchtete; jedoch lief Alles noch glücklich ab. Uns aber gelang es noch am 3. März, indem wir eines Nachmittags von Frankfurt aus mit Eisenbahn bis in die Nähe des Johannisbergs eilten, den Rhein von da bis Bingen mit Schlittschuhen zu überschreiten, ein paar Stunden bis Abend auf dem Binger Loch herum zu fahren und nach Einkehr bei einem unserer gastfreien Rüdesheimer Freunde mit dem letzten Zug zurückzukehren. Das Thauwetter hatte nämlich die Oberfläche des Rheins zwischen Rüdesheim und Bingen nivellirt, und da die Decke viele Schuh dick war und von unten herauf gefrieren half, so hatte ein gelinder Märzfrost genügt, um eine brauchbare Bahn herzustellen.

(aus: Max Wirth: Auf den Flügeln des Stahls, in: Die Gartenlaube, Illustrirtes Familienblatt, Leipzig 1867)

Rhein vs Mekong vs Menam

Im Vergleich zum Mekong oder Menam mit ihren quälend braunen Fluten wirkt unser Rhein, der deutsche, wunderbar klar, wenn ihm auch ein gewisser, teils volksgeschichtlich bedingter Braunstich innewohnt, von dem er sich kaum jemals reinwaschen wird – obschon ein Fluß sich zeitlich in ganz anderen Dimension selbst erfaßt, als der Mensch ihn bei bestem Mühen greifen kann. Im Vergleich zum Mekong oder Menam wirkt der Rhein zugleich lächerlich schmal und zahm, trotz Binger Loch und Loreley-Fels, und die Schubverbände auf seinem Rücken ziemlich winzig im Gegensatz zu den fast vollständig unter der Wasserhaut dümpelnden asiatischen Großverbänden, die zumindest dem Laien bedeuten, sie könnten jeden Augenblick absaufen. Der Rhein, die deutsche Lebensader, viel besungen und heute immerhin noch Synonym für einerseits original fröhliche Urständ, andererseits Schwartenkitsch und Blendromantik, wirkt jedenfalls im Vergleich zu seinen asiatischen Brüdern mehr wie so ein Würstchen – und die sind bei uns meist vom Schwein, dem edlen Wappentier der deutschen Metzgerzunft. So sinniere ich vor mich hin, während ich meine einmaligen Schritte (auch Heine lief hier lang, auch Goethe) als bedeutsame Zeichen in den Ufersand setze, das isotrope Lachen der Steine im Ohr, die meinen Anstalten höhnen, Raum und Zeit im Geiste zu einen; eine Aufgabe, von der sie meinen, sie sei alleine ihnen vorbehalten, auf dem Flußgrund, als dumpfes Geröll, oder eben als geschliffener Auswurf, in tausend Grautönen, als höflicher Kiesel, den Farben des Himmels angepaßt wie er über unserem Lande waltet, dem schönen, mit seinen Kraftwerken und Schweinepferchen: Die Kraftwerke, die den Himmel färben und die Mastbetriebe, die die gute Wurst herstellen – und zwischen Himmel und Wurst bewegen wir uns durch die Tage, starren, bettelnd um Bewußtsein, auf den überforderten Fluß, der uns dennoch beruhigt, weil er so elegant, so hoffnungsfroh, so trostspendend den Zyklus der Zellalterung umschreibt, wir hocken am Fluß und unsre Bedeutung fließt davon, küttste hück nit, küttste morje, Laoten, Thais und Vietnamesen mögen gewaltigere Ströme ihre Lehrmeister nennen, aber ob sie deshalb tiefere Weisheiten als der Kölner schürfen konnten, ist bis heute, zumindest am Rhein, unerforscht.

(Ein Gastbeitrag von Gerhard Preißner. rheinsein dankt!)

Austerlitz am Rhein

”Ja und dann, fuhr Austerlitz fort, irgendwo hinter Frankfurt, als ich zum zweitenmal in meinem Leben einbog ins Rheintal, ging mir beim Anblick des Mäuseturms in dem sogenannten Binger Loch mit absoluter Ge­wißheit auf, weshalb mir der Turm im Stausee von (an dieser Stelle ist im Buch eine Schwarzweißfotografie des Rheins mit Mäuseturm eingefügt; Anm.: rheinsein) Vyrnwy immer so unheimlich gewesen war. Ich konnte nun meine Augen nicht mehr abwenden von dem in der Dämmerung schwer dahinfließenden Strom, von den Lastkähnen, die, anscheinend bewegungslos, bis zur Bordkante im Wasser lagen, von den Bäumen und Gebüschen am anderen Ufer, dem feinen Gestrichel der Rebgärten, den deutlicheren Querlinien der Stützmauern, den schiefergrauen Felsen und den Schluchten, die seitwärts hineinführten in ein, wie ich mir dachte, vorgeschichtliches und un­erschlossenes Reich. Während ich noch im Bann war dieser für mich, sagte Austerlitz, tatsächlich mvtholo­gischen Landschaft, brach die untergehende Sonne durch die Wolken, erfüllte das ganze Tal mit ihrem Glanz und überstrahlte die jenseitigen Höhen, auf de­nen, an der Stelle, die wir gerade passierten, drei rie­sige Schlote in den Himmel hinaufragten, so als sei das östliche Ufergebirge in seiner Gesamtheit ausgehöhlt und nur die äußere Tarnung einer unterirdisch über viele Quadratmeilen sich erstreckenden Produktions­stätte. Man weiß ja, sagte Austerlitz, wenn man durch das Rheintal fährt, kaum, in welcher Epoche man sich befindet. Sogar von den Burgen, die hoch über dem Strom stehen und die so sonderbare, irgendwie un­echte Namen tragen wie Reichenstein, Ehrenfels oder Stahleck, kann man, wenn man sie von der Bahn aus sieht, nicht sagen, ob sie aus dem Mittelalter stammen oder erst gebaut wurden von Industriebaronen im letzten Jahrhundert. Einige, wie beispielsweise die Burg Katz und die Burg Maus, scheinen zurückzu­gehen in die Legende, und selbst die Ruinen wirken auf den ersten Blick wie eine romantische Theaterkulisse. Jedenfalls wußte ich auf meiner Fahrt das Rheintal hinab nicht mehr, in welcher Zeit meines Lebens ich jetzt war. Durch den Abendglanz hindurch, sah ich das glühende Morgenrot, das sich damals über dem anderen Ufer ausgebreitet und bald den ganzen Himmel durchglüht hatte, und auch wenn ich heute an meine Rheinreisen denke, von denen die zweite kaum weniger schrecklich als die erste gewesen ist, dann geht mir alles in meinem Kopf durcheinander, das, was ich erlebt und das, was ich gelesen habe, die Erinnerungen, die auftauchen und wieder versinken, die fortlaufenden Bilder und die schmerzhaften blin­den Stellen, an denen gar nichts mehr ist. Ich sehe diese deutsche Landschaft, sagte Austerlitz, so wie sie von früheren Reisenden beschrieben wurde, den gro­ßen, unregulierten, stellenweise über die Ufer getre­tenen Strom, die Lachse, die sich im Wasser tum­meln, die über den feinen Flußsand krabbelnden Krebse; ich sehe die dusteren Tuschzeichnungen, die Victor Hugo von den Rheinburgen gemacht hat, John Mallord Turner, wie er unweit der Mordstadt Bacharach auf einem Klappstühlchen sitzend mit schneller Hand aquarelliert, die tiefen Wasser von Vyrnwy sehe ich und die in ihnen untergegangenen Bewohner von Llanwyddyn, und ich sehe, sagte Au­sterlitz, das große Heer der Mäuse, von dem es heißt, daß sein graues Gewimmel eine Landplage gewesen sei, wie es sich in die Fluten stürzt und, die kleinen Gurgeln nur knapp über den Wogen, verzweiflungs­voll rudert, um auf die rettende Insel zu gelangen.”

(aus: W. G. Sebald, Austerlitz, S. 321-323, Hanser Verlag, München 2001)

Der Autor W. G. Sebald integrierte Bilder in seine Texte. Das Bild im obigen Abschnitt aus Austerlitz, das genau zwischen Binger Loch und dem Stausee von Vyrnwy zu liegen kommt, somit die Landschaften von Wales und des Mittelrheins auch visuell verbindet, kann rheinsein hier nicht adäquat wiedergeben. Sebalds Landschaftsüberblendung globalisiert das unheimliche Wasser, durch einen urtümlich benamten walisischen Stausee dividiert ergibt der Rhein nurmehr die pure Natur erdbedeckenden Wassers, die schaurigen Aspekte fügen der menschliche Genius, Bau- und Raubwille, allesamt aus der Geschichtsschreibung bestens bekannt, hinzu. Das Foto gibt der beschriebenen Landschaft Echtheit zurück. Oder ist doch der Text realer als der schwarzweiß abgebildete Turm? Die fotografischen Aufnahmen, die er seiner Figur Jacques Austerlitz zuschreibt, stammen von Sebald selbst, oder es handelt sich um (bearbeitete) Fundstücke. Doch wer hat Sebald die Fundstücke zugesteckt? Mixed media-Techniken und Verwirrspiele, wie gemacht für das elektronische Zeitalter, an dessen Eingang Sebald sie verwandte, jedoch im Rahmen der klassischen Medien. Auch wenn der Text eher zufällig das Rheintal zu streifen scheint, weil es als Kulisse für eine literaturgeschichtlich längst unterfütterte, pittoresk-schaurige Erinnerung taugt, enthält er geradezu exemplarisch einige Gedanken, derer sich auch rheinsein bedient: Überblendung von Räumen und Zeiten samt Querverweisen über sämtliche Grenzen hinweg, Überblendung von Realität und Fiktion, Kombination von Bild und Text sowie Verdichtung durch literarische Spekulation bzw. fantastische Einsprengsel. Das Werk W. G. Sebalds, längst kein Geheimtip mehr, sei hiermit von rheinsein ausdrücklich empfohlen.

Das Nashorn vom Rhein

Das Nashorn vom Rhein war (nebst Wasserbüffel und Flußpferd) eines von drei frühen Schubschiffen der Reederei Raab Karcher und wurde zum Star eines wunderbaren Lehrfilms des Museums der deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg-Ruhrort. Der gleichnamige Film zeigt aus Kapitänswarte die Einfahrt eines Schubverbands mit vier Leichtern à 1500 Tonnen Verfassungsvermögen in den Rotterdamer Hafen, das dortige Aufnehmen von Schwedenerz für die Hüttenwerke am Niederrhein und die weitere Bergfahrt, „in Gottes Namen“, vor allem durch die schwierige Passage am Binger Loch, mit Ruhrkohle für das Badenwerk in Karlsruhe. Der Kapitän erklärt Schiff, Leichter und Manöver und weist auf die herrlichen Landschaften des Stroms, für die er angeblich keine Blicke haben darf. Auf Youtube ist der knapp viertelstündige Film gestückelt, hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.

tagebucheintrag

das alter schwächt die erinnerung, doch – kumpels, mein gott, kumpels! – wir machten das für einen öffentlichen sender – kein mensch wollte das hören – der markt war übersättigt – praktisch alles lief über subventionen – geld wurde aus geld geschaffen – sie hatten ihr perpetuum mobile – ach: wusztsein! – was sie hatten: begriffen sie nicht – schattenflackern, flattenschackern – wir gingen ins binger loch – hatten zahlreiche hydrofone dabei – wellenfeldsynthese – sollte nachher in sea world aquarien verquasisiert werden – grosze shows für publikum – unsere ersten aufnahmen: von strampelnden hinterbeinen eines schwimmenden nutrias – dem wir was injiziert hatten – drehte sich nur im kreis, das arme ding – flippte völlig aus – ging dann kreiselnd unter – wir hinterher – abkacken! – schweigen! – in gröszerer tiefe: knarrende, knurrende, knarzende, knisternde fische – durchsichtiges geleezeug: ne art riesenplankton – rausch stellte sich ein – wie mit diesem glücksmittel: aus dem urin schwangerer wesen – oder halbwesen – pisskrebse, knallkrebse – die leuchteten & grinsten – wir: einfach da durch – allmählich kamen wir lautdialogen auf die schliche – die unterhielten sich da unten! – ein sehr bärtiger mann namens ali breitner lebte dort – ogh, ogh, ogh: machte der ständig – seine art zu telefonieren oder ähnliches – superkavitierende unterwasserlaufkörper zischten – sozusagen mitten durch uns durch – cold fusion – wir gingen auf in der geschwindigkeit – eine eigene dimension – geschwindigkeit ist nicht das richtige wort – waren gefangen in einer bewegung auszerhalb jeden tempos – es ging vorwärts – wir schaufelten uns rein in die zukunft – es gab einen richtigen zugang zur zukunft dort unten – es gab vitrinen mit toten loreleien – aufgedunsen – zeitlos schön – die mucksten nicht mehr – nur bei näherem hinhören – kam noch was – ganz feine, fortlaufend aus einem einzigen ton gestrickte hooklines – euseuseuseupseu – seupseuseuseu – sollte was „bedeuten“ – bestimmten die redakteure nachher – bliesen das auf mit den üblichen akademismen – im grunde wars sprottenquatsch – was noch? – es war zuviel los dort unten – zuviel auflauf – mit gesundem menschenverstand läszt sich das – läszt sich kaum – war aber so – & dann, völlig unvermutet: notausgang – ein schild – führte in die pfalz – aufs trockene

De Rynstroom (5)

O suivre en blancke Rynmeermin,
Die my tot stervens toe kunt kittlen,
Ghy helpt veel sielen aen gewin,
En menigh Graef aen eeretittlen,
En landen aen een` hoogen naem.
Hoe menigh heeft u overtogen,
En met uw rand bepaelt syn faem?
Hoe dickwils saeght ghy met uw oogen
Het hooghgeboren Hollandsch bloed,
En voelde in `t water synen gloed?

Het sy ick dan mijn ooghen sla
Op uw bisschoppelijcke torens:
Of met een lent van vaersen ga
Bevlechten uwe silvre horens:
Of volgh uw` wuften ommeswaey:
Of sing op `t ruisschen van uw baeren:
Of huppel op mijn Keulsche kaey:
Of koom door Bazel afgevaeren,
Daer ghy Erasmus grafste kust,
En wenscht het wijs gebeente rust.

Het sy ghy `s Keysers vierschaer schaeft
Te Spier, dat swart van pleiters grimmelt,
Daer Themis, grijs en afgeslaeft,
Bekommert sit, en `t pleit beschimmelt:
Het zy ghy brult in `t Binger loch:
Of Neerland drenckt met volle vaten,
En groeien doet van wijngersogh,
En ydle en sotte sorgen haeten:
Uw vocht bestelt mijn veder inckt,
Tot datse in zee met u verdrinckt.