Freiburger Notizen (11)

Überhaupt machen die Libellen den oberrheinischen Sommer. Mitten in der Stadt, im Bergwald, im Freibad: überall schillerts vor lautlosem Herandrohnen und Abschwirren. Die Libellen wirken tatsächlich als Datensammler. Mit ihren Komplexaugen scannen sie sämtliche Vorgänge im näheren Umkreis, die verschränkten Blickwinkel ihrer Punktaugen rastern das über diese Grenze hinausreichende Gebiet und geben die langfristigen Schwirrbefehle vor. Die Libelle programmiert sich selbst! Ihre stockartigen Leiber erinnern nicht zu Unrecht an USB-Sticks. Während der kaum faßbaren Übergänge zwischen Tag und Nacht stecken sie ihr Hinterleibsegment in natürliche Energiequellen, um sich einerseits für den nächsten Flug aufzuladen, andererseits um das bei ihren Erkundungen gesammelte Wissen zu entleeren. Zwischenzeiten, Dämmerungen und Blaue Stunden nehmen die Libellendaten auf und weben daraus wiederum schillernde Kokons, die sich in Träumen niederschlagen. Wer auf diese Kokons in bewußtem Zustand zugreifen möchte, bediene sich eines einfachen Tricks, nämlich Druck mit den Handballen auf die geschlossenen Augen auszuüben. Dabei am besten Richtung Sonne starren.

Durch die oberrheinischen Wälder kriechen und hüpfen diesen Sommer die jungen Erdkröten wie blind verschickte Touristen. Sie spielen mit Eichelhütchen krötund queren unbekümmert Radwege und Straßen. Wir möchten insbesondere junge Erdkröten an dieser Stelle ausdrücklich vor pubertären Unbedachtheiten warnen. Die Zahl eurer Verluste ist Legion und übertrifft sogar die Toten des Grabenkrieges bei Verdun. Aber was wißt ihr schon! Der Jugend Lauf ist schwerlich aufzuhalten.

Noch weitere Datensammler entdeckten wir diesen Sommer in den oberrheinischen Wäldern: Mistkäfer. Ihre Tätigkeit ist für Menschen deutlich mistkäfer_2unangenehmer als die der Libellen. Ihre Strategien sind plebejisch, beamtisch, kleinkariert und zäh. Was sie abgreifen, geben sie nicht wieder her. Scheinbar operieren sie gänzlich ohne Mehrwert. Doch der Schein trügt. Nicht von ungefähr sind Mistkäfer vor allem auf das Horten unappetitlicher Daten spezialisiert. Dabei operieren sie mittlerweile derart selbstbewußt und vor aller Augen, daß ihre freche Spionagetätigkeit als natürlichste Sache der Welt aufgefaßt wird. Jürgen Döpfer, der Bürgermeister von Billingen, hat es dieser Tage im Südwestrundfunk so formuliert: „Du gehst in den Wald, begegnest einem Mistkäfer, er scannt deine bösen Hintergedanken und du läßt es einfach geschehen.“ Nicht einmal haben wir in den vergangenen Tagen auch nur einen der zahlreichen Waldspaziergänger auch nur ein Wort der Kritik am Vorgehen der Mistkäfer äußern hören. Dabei ist es relativ einfach, einen mit Daten vollgesogenen Mistkäfer zu entschärfen. Die Alten wußten es noch: der Mistkäfer muß in Rückenlage versetzt werden. Wer sich vor Körperkontakt mit dem spionierenden Insekt scheut, nimmt dafür ein Stöckchen zu Hilfe. In Rückenlage beginnt der Mistkäfer unverzüglich, kräftig mit den Beinen zu strampeln, wodurch die gesammelten Daten in seinem Inneren durcheinandergeschüttelt und somit unbrauchbar werden. Vorsicht: sobald der Mistkäfer wieder auf die Beine kommt, beginnt er erneut mit dem Datensammeln.

Duddelsheim-Billingen (2)

Billingen, vormals ein in die Rheintalschneise geducktes, sich stets duldsam gegen die Offenheit der freien Talebene stemmendes, mehrfach geschleiftes und gebrandschatztes Obstdorf, wurde das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht und zwar so vollständig (samt seiner Zwetschgenbestände), daß es erst Ende der 60er Jahre als an den Kanten gerundetes Wohn- und Gewerbeareal wiederrichtet wurde. Obstanbau wird seitdem überwiegend hobbymäßig betrieben, der lokale Zwetschebilli, ein, wie Johann Peter Hebel in seinen Kalendergeschichten zu berichten weiß, formidabler Obstler von einiger Antriebskraft, gilt quasi als ausgestorben. Das neue Wohnviertel (die Einheimischen sagen: Wobi) ist gestaltet als Mischung aus Haufendorf und amerikanischer Vorortsiedlung, die Einfamilienhäuser hinter heckenlosen Vorgärten wirken entindividualisiert und spiegeln im Grundriß, in kleinerem Maßstab, die Anlage des Gewerbe- und Industriegebiets (Gebi, bei den Einheimischen). Die offiziellen Bezeichnungen lauten Billingen-Ost (für die Wohngegend) und Billingen-West (für Industrie und Gewerbe), dazwischen verläuft die Bundesstraße mit heftigem Lkw-Verkehr. Das Wohngebiet trotzt der oberflächlichen Betrachtung, an seiner Glätte prallt sämtliche Beschreibenslust ab, womöglich ein perfekter Schutzmechanismus, ein Sichunsichtbarmachen im Alltag als Reaktion auf die historischen Zerstörungen. Dennoch (oder gerade deshalb) dürfen hinter den Fassaden vereinzelt Schicksale vermutet werden, wie sie etwa David Lynch mit Vorliebe verfilmt. Zweimal pro Tag queren die Leute aus Billingen die Bundesstraße, um vom Wobi ins Gebi „zum Schaffe“ zu gehen – und wieder zurück. Nebst verschiedenen Firmen (deren bekannteste: Badische Bappfest, ein auf Klebmittel spezialisierter Kleinchemiebetrieb, welcher zuletzt u.a. den Naturklebstoff Ranarin aus Ochsenfröschen entwickelte) beherbergt das Gebi eine sehenswerte Kantinenmeile, mit garagenartigen, zur Straßenseite vollverglasten Imbissen, die von badischer bis taiwanesischer Küche eine breitgefächerte Mittagsmahlzeitkultur bieten. Weiter fallen die Brünnele auf, die in für derartige Zonen seltener Häufigkeit anzutreffen sind, und die vom klassischen Greifen-Speibrunnen über Wasserorgel-Plätscherflächen bis hin zu tinguelyscher Wackeldruckrobotik einige Augenweide bieten, welche ursprünglich der Arbeiter- und Angestelltenmotivation zugedacht war, seit Jahren aber auch von den dörflichen Abhängern in Anspruch genommen wird, die als Brünnelehocker karikiert mittlerweile Eingang in die lokalen Faschingsbräuche fanden. Als eigenständigstes Werk gilt das Zwischt- und Friedensbrünnele von Martin Schwarzwälder, das die Ortsbruderschaft mit Duddelsheim mittels extensiver, teils gewalttätiger und nicht immer jugendfreier Kerweszenen ironisierend in eine Menge Stein und Eisen bannt. Anders als in Duddelsheim, wo sich solches Brauchtum wohl aufgrund der abseitigen Lage nicht durchsetzen konnte, wird in Billingen mit Herzblut Fasching gefeiert, die Gesellschaften heißen Luschtige Bappeheimer (gegründet von Klebstoffarbeitern), Greifenanbeter (eine Splittergruppe der Freiwilligen Ortsfeuerwehr) und Duddelmer Schlappedeeze (eine Spöttergruppe, welche die Duddelsheimer Nachbarn mit ihren Kostümen als Kopffüßer darstellt).

Duddelsheim-Billingen

An der Badischen Riviera* zwischen Herrstetten und Zupfingen gelegen wartet diese Doppelgemeinde mit zwei völlig unterschiedlichen Ortsteilen auf. Das deutlich ältere Duddelsheim ist bis heute zu drei Vierteln von Auwald umgeben. Steinzeitliche Besiedlung wird angenommen. Auf der Duddelsheimer Gemarkung findet sich das sogenannte Römeräckerle mit Münz- und Scherbenfunden aus der römischen Besatzungszeit. Reste einer römischen Villa zerstörte wahrscheinlich der Kornbauer Fritz Eggerle, als er die Gefahr erkannte, Teile seines Grundstücks an die Landesarchäologie zu verlieren. Das vermutete Sprengloch dient heute als Karpfenteich. Aufgrund seiner versteckten Lage ist Duddelsheim nicht nur historisch gewachsen, sondern wurde auch bei allfälligen Kriegszerstörungen übersehen. Der Dorfkern könnte generell als erhalten betrachtet werden, jedoch wird in Duddelsheim traditionell schlecht gebaut, sodaß kaum ein Haus eine Haltbarkeit von mehr als 50 Jahren aufweist. In etwa im Zentrum steht die etwas windschiefe Kirche mit angeschlossener Hobbitinerabtei. Um die Kirche herum gruppieren sich Wohnhäuser, die in unterschiedlichen Abständen zur Straße stehen, was letzten Endes das Problem unübersichtlicher Kreuzungen und eine entsprechende Unfallhäufigkeit nach sich zieht. Durch die schlechte Bauqualität ist das Dorf sozusagen ständig im Wandel, in Duddelsheim selbst spricht man von „nervöse Häusle“. Zudem setzt kaum ein Neubau auf den Grundmauern des Vorgängers auf. Wichtigstes Ereignis in Duddelsheim ist fraglos die alljährliche Kerwe, die auf die erste Juniwoche fällt. Bei Riesling und Rheinfischen herrscht für drei Tage der Ausnahmezustand, der in besonders heftigen Jahren zum berüchtigten Kerwezorn führen kann, unter dessen Einfluß die Einwohnerschaft schon mehrmals größere Dorfteile zerstört haben soll. Bei der Kerwe kommt es traditionell auch zu Rivalitäten mit Besuchern aus der Brudergemeinde Billingen, insbesondere beim sonntäglichen Schweinerennen, das stets mit hohem Konsum von Knollenschnaps einhergeht. Der berühmte badische Satz „der isch uff der Sau ausm Dorf naus g`ritte“ geht direkt auf das Duddelsheimer Schweinerennen zurück. Der nicht aus Duddelsheim-Billingen stammende badische Heimatdichter H. Binkele hat eine Ballade über die Strapazen und Gefahren dieses Rennens verfaßt. Der Duddelsheimer Dialekt wiederum hat sich, ebenfalls aufgrund der versteckten Lage, sehr abseitig entwickelt und kennt zahlreiche eigene Wörter, die außerhalb Duddelsheims unbekannt sind. Auf den Straßen Duddelsheims sind wenige Menschen anzutreffen. Diese wenigen wirken von herzlicher, rotwangig-grobschlächtiger Art, was ihnen bewußt ist, sie sagen sogar, es seien niemals feinere zugezogen und ihre Kinder, die in Herrstetten oder Zupfingen zur Schule gingen, müßten heute noch denselben Spott erdulden, den auch sie und ihre Vorväter schon zu erdulden hatten, was man aber nicht übel nähme, denn zum Ausgleich besäße man, anders als Herrstetten oder Zupfingen, eine herrliche Kerwe und guten Zugang zum Rhein und dessen alten Armen, über die man ein paar Dinge wisse, vor denen die aus Herrstetten und Zupfingen, obgleich das ja deutlich größere, weltzugewandte Ortschaften seien, sich abgründig fürchteten. So sei Duddelsheim auch eine der wenigen Ortschaften im gesamten Rheingraben, deren Bauern noch nicht auf Konzernmais umgestellt hätten, man hätte da einen Vertrag mit der Natur, der schon in die Zeiten vor Christus zurückginge. Genau in der Mitte zwischen Duddelsheim und Billingen liegt der Nahkauf-Supermarkt, der beide Ortschaften versorgt und allgemein als Nahkampf bezeichnet wird.

* Badische Riviera heißen im Jargon der einheimischen Tourismusbranche fast alle Gebiete Badens, die in unmittelbarer Wassernähe liegen.