Seehund im Rhein

Völlig frei von Flußmonstern oder sonstwie aufsehenerregenden exotischen Tieren präsentiert sich das diesjährige Sommerloch, weswegen wir einige Artikel von vor elfeinhalb Jahren durchforsten, die das Auftauchen eines Seehunds im Rhein bei Düsseldorf – laut Experten ein zoologisches Jahrhundertereignis – vermeldeten, einen Fotobeweis jedoch schuldig blieben.
Bereits anläßlich der Sichtung des weißen Wals “Moby Dick” am Niederrhein im Jahre 1966 schrieb Bernhard Grzimek im Spiegel von seltenen Seehundsichtungen in Rhein und Elbe: “Daß Seehunde Entdeckungsreisen in unsere Flüsse machen und dann die Landratten verblüffen, ist schon hin und wieder vorgekommen – wenigstens solange Elbe und Rhein nicht ausschließlich aus Klosett- und Industrieabwässern bestanden. Im Rhein hat man Seehunde bei Bonn entdeckt, in der Oder bei Frankfurt und Breslau; 1634 wurde einer bei Dresden im Netz gefangen und dabei umgebracht – 693 Kilometer oberhalb der Elbmündung. Am weitesten kam ein Seehund 1813 in der Elbe, fünf Kilometer von der böhmischen Grenze entfernt, 755 Kilometer vom Meer.”
Nachdem Spaziergänger den Seehund bei Düsseldorf-Oberkassel gesichtet hatten, versuchten Feuerwehrtaucher das Tier, das sie unter sich “Heulerli” nannten, einzufangen. Der Seehund entzog sich den Annäherungsversuchen erfolgreich, er sei den Tauchern gleichsam immer wieder durch die Arme geschwommen, bis sie nach anderthalb Stunden die Jagd aufgaben. Einen Tag nach dem mißglückten Fangversuch der Feuerwehr, schrieb die FAZ Mitte März 2003 über den Seehund, “fehlte von ihm jede Spur”. Bemerkenswert ist die in solchen Fällen geradezu schlagartig einsetzende menschliche Logik, ein Wildtier, das an der Stelle, an der es auftaucht, irritiert, geradezu reflexartig einfangen zu wollen. Begründungen diverser Couleur sind stets unversehens zur Hand. So sollte der erwähnte Beluga aus dem Jahr 1966 laut Experten vor dem verseuchten Rheinwasser geschützt werden und wurde deshalb mit Betäubungsmunition beschossen. Schon “Moby Dick” ließ sich nicht einfangen und schwamm nach einer Stadterkundung Bonns aus eigenem Antrieb zurück Richtung Nordsee. Ähnliches dürfen wir von “Heulerli” vermuten, den die Feuerwehr “in sein gewohntes Salzwasser” zurückverfrachten wollte. Das Wissensmagazin Was ist was wußte dazu anzumerken, daß in Düsseldorf sehr wohl Seehunde vorkämen, im lokalen Aquazoo, wo jedoch kein Tier vermißt wurde. Zwei Wochen nach der Erstsichtung tauchte der Seehund, diesmal unter den Namen “Robbie” bzw. “Robby Dick”, erneut in der Presse auf. “Diesmal sei das Tier stromabwärts nahe Rheinberg am Niederrhein etwa 30 Meter vom Ufer entfernt gewesen” meldete die Rheinische Post Ende März 2003 und bilanzierte die Expertenaussagen: “Bislang waren die Einsatzkräfte davon ausgegangen, dass das Tier stromaufwärts geschwommen war. Es sei durchaus möglich, dass das Tier am Ufer in der Sonne liege, wie es seine Artgenossen auf den Sandbänken im Meer hielten.” Im Anschluß an diese scharfsinnigen Betrachtungen verloren sich des Seehunds Spuren sowohl im Rhein, als auch im Blätterwald endgültig.

Der rheinische Biber

Die unverkennbaren Nagespuren hatten wir vor Jahr und Tag bereits bei einem Streifzug durchs Gebüsch entdeckt – vor einem guten Monat wurde uns erstmals eine glaubwürdige Sichtung des Bibers „in ganzer Pracht“ übermittelt, und zwar exakt jenes Exemplars Castor fiber, das im und am Kanal auf Höhe der Schaan-Vaduzer-Gemarkungsgrenze sich herumzutreiben seit geraumer Zeit in höchstem Verdacht stand. Noch während uns die Nachricht erreichte, hatten wir geschworen, dem Biber solange aufzulauern, bis wir ihn, in memoriam Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann, mit eigenen Augen die freie Wildbahn durchstreifen sähen. Am 03. September startete unsere Expedition.

Auf einer schier endlosen, strapaziösen Zugreise (mit bis Basel versiegelten, ab Basel wundersam wieder geöffneten und mit frischem Tissue ausgestatteten Bordtoiletten), gelangten wir aus Köln, durch ungezählte Reihen weinbestandener, spätsommerlich goldener Täler, deren Farben der Fluß anmischte, indem er das Septembersonnengleißen mit überschwänglicher Freude weithin streuend reflektierte, erneut bis in die bedrohlichen Alpen mit ihren archaischen Staatsformen.

Ab Sargans ließen wir das Gepäck mit dem Jeep ins Vaduzer Basislager transportieren, wo wir nach den Entbehrungen der Reise mit etlichem Griebenschmalz versorgt wurden. Das Nachtmahl verschmolz wie so häufig mit dem Buschfunk. Der Biber gilt gemeinhin als unberechenbarer Geselle, doch ab der Abenddämmerung sollte, ging im Lager die Kunde, mit unserem Exemplar zu rechnen sein. Um keine Zeit zu verschwenden, brachen wir gegen 19 Uhr, nur mit Notizbüchern bewaffnet, ganz nach Gehör in Richtung des tosenden Rheinstroms auf. Einheimische Führer/Träger waren zu dieser späten Stunde wegen ihres ausgeprägten Aberglaubens und unseres kurzfristigen Entschlusses keine mehr aufzutreiben. Die große Filmausrüstung mußte bedauerlicherweise im Lager zurückbleiben.

Bis zum Anbruch der Dämmerung verblieb noch eine halbe Stunde, als wir den Fluß erreichten. Das magisch-milde Abendlicht tönte unsere Gesichter in freundliche, gesunde Farben. Auf den Kiesbänken inmitten des rasend davonfliehenden Stroms sammelten sich zu Dutzenden, wenn nicht zu Hunderten schwarzglänzende Saatkrähen, hielten abgehackte Palaver und vermittelten den Anschein, als hätten sie keine rechte Ahnung, was sie eigentlich dort sollten: als wären den ersten Herumlungernden in einer Art vogelfreier Glaubenskongregation immer mehr ihresgleichen an den wasserumbrausten Zufallsort gefolgt. Von Osten zogen Blaukohlschwaden auf, von jenseits der westlichen Bergkette war Donner zu vernehmen, über die Schaaner Eisenbahnbrücke weit im Norden eilte mit Schwellengeratter der seltene Railjet ins mählich wabernde Fangnetz der Nacht.

Beim Griebenschmalz hatten wir den Einheimischen abgelauscht, daß sie Biber anlocken, indem sie zwei Stöcke gegeneinanderschlagen. Ein simpler Trick. Der Biber, hieß es, denke dann, es halte sich ein Rivale in der Nähe auf und käme nachschauen. Am Kanal herrschte inzwischen ideale Dämmerung. Sogleich marschierten wir ins Unterholz und fanden nach wenigen Minuten Kampfes mit dem Geäst, das uns, wie wir später bemerkten, mehrere versorgungspflichtige Wunden zufügte, einen Zweig mit Bißspuren, die nicht älter als 24 Stunden sein konnten! Ein deutliches Zeichen für die Anwesenheit eines erwachsenen Bibermännchens ganz in unserer Nähe! Mit angehaltenem Atem sondierten wir das Terrain. Dort im Osten stand ein verstecktes Uferbänkchen der Schaaner Gemeindeverwaltung. Welch ein Glück! Ein idealer Ansitz!  

Erst nachdem wir die Sitzbank sorgfältig nach allen Seiten geprüft hatten, fiel uns auf, daß wir in der vorherigen Anspannung versäumt hatten, biberlockende Stöcke zu brechen. Doch konnten wir nun unmöglich zurück. Es half (wieder einmal!) nur Improvisation. Also schlugen wir mit den Fingerknöcheln einige bibertypische Takte an die Rückenlehne unserer unter so glücklichen Umständen entdeckten Uferbank. Äußerste Geduld war jetzt gefragt. Alle zwei Minuten wiederholten wir das Geknöchel. Nichts geschah. Zufällig fanden wir einen abgenagten Zwetschgenkern in unserer Hosentasche und setzten ihn zur Abwechslung als Klopfwerkzeug ein. Da! Ein Schemen zeichnete sich am gegenüberliegenden Kanalufer ab und machte sich im Gras zu schaffen.

Unser Instinkt erkannte sofort den Biber, der sich rasch ins Wasser begab und nicht wieder auftauchte. Welch grandioser Erfolg für einen ersten Versuch! Wir hatten ihn tatsächlich auf Anhieb erwischt, den wilden rheinischen Biber! (Kursierten doch sogar Geschichten über offizielle Biberbeauftragte, denen sich angeblich wochenlang kein einziger ihrer Schützlinge zeigen wollte.) Der scheue, nachtaktive Gesell! Voll abgepaßt! Zwar nur als fellig-dunkles biberartiges Etwas, doch wissen wir fortab, wie wir ihn kriegen. Mit Zwetschgenkernen. Die Biberforschung dürfte zu Teilen umgeschrieben werden müssen.