Jonathans Selbstmord

„Ich bin der einzige Engländer“, sagt Jonathan.
Wir sitzen seit zehn Minuten gemeinsam an einer Theke am Alter Markt. Es ist 2 Uhr – nachmittags natürlich, denn um 2 Uhr nachts kann man sich nicht mehr vernünftig unterhalten. Jedenfalls nicht über Selbstmord.
„Du meinst, der einzige Engländer in diesem Pub hier?“ frage ich.
„Nein“, sagt Jonathan, „der einzige Engländer in Köln. Ich wäre auch der einzige Engländer in England.“
Jonathan erinnert ein wenig an John Cleese – Ironie, Hypochondrie, konstruktiver Fatalismus. Was er ernst meint und was nicht, ist schwer zu trennen.
„Man hat mir meinen Führerschein weggenommen. Mein Konto ist gesperrt. Und heute Morgen haben mich die Cops eingesackt. Eine Prügelei, frag mich nicht.“
„Ich frag nicht.“
Direkt vor uns zapft die Kellnerin ein neues Guinness hoch. Sie hat hat lange, schöne Finger, die auch Jonathan auffallen. Er will wissen, warum ich hier bin. Ich sage:
„Ich mach Pause. Und du?“
„Ich denke darüber nach, mich gleich im Rhein zu ersäufen.“
„Ist ein guter Fluss dafür.“
„Ich weiß“, sagt Jonathan. „Aber die Themse wär mir lieber.“
Jonathan wohnt in Nippes. Er wirft ein paar Worte aus, von denen er glaubt, sie klingen Kölsch. Außerdem hat er die Idee für ein Theaterstück: Im Bauch der sinkenden Titanic; sechs Todgeweihte, was sie denken, was sie tun in ihren letzten Minuten. Womit wir wieder beim Wassertod wären.
„Meine Ex ist ein Biest“, sagt Jonathan.
„So ist das“, antworte ich, mittelwitzig, „mit Echsen.“
Statt der avisierten drei Kölsch bin ich inzwischen beim achten. Da kann man nicht mehr nur Goldtaler ausspucken.
„Und meine Kinder sind 8 und 6. Ich bin ein später Vater.“
Ich nehme einen tiefen Schluck, und das eiskalte Bier stanzt einen letzten Dukaten aus meinem benebelten Sprachzentrum.
„Dann sieh wenigstens zu, dass du´s noch eine Weile bleibst.“
Jonathan sieht mich zum ersten Mal geradeheraus an, starrt dann eine Weile in sein Bier, grinst unsicher und sagt: „Vielleicht bin ich ja doch nicht der einzige Engländer.”

(Ein Gastbeitrag von Bernd Imgrund, rheinsein dankt! Der Text erschien zuerst in der Reihe Thekentänzer (Nr. 74) auf Bernd Imgrunds Köln-Blog beim Emons-Verlag. Jeden Mittwoch gibt es dort neue Geschichten, Gedichte, Anekdoten, Zitate und Interviews zum Thema Köln, sehr häufig in Nahdistanz zu einem der zahllosen Tresen der Stadt.)

Bernd Imgrunds Köln-Kolumne

Thekentänzer, Straßenkämpfer & andere Kölner Gestalten: jeden Mittwoch erscheint die Kolumne von Bernd Imgrund auf den Seiten des Emons-Verlags. Die Marschrichtung spricht aus dem Titel: der Autor wühlt in den Eingeweiden der Stadt, gräbt bedeutungsschwere Trouvaillen aus, erzählt aus der Sicht seines Buchhelden Fränki, dessen Kopf meist in der Hand eines tresengestützten Armes sich wiegen dürfte, führt Interviews und plaziert sogar einen Fotoroman: die kölsche Seele und Leber finden sich nirgendwo besser erklärt. Und daß das kölsche System auf einer wuchtigen historischen Drift fußt, deren Außen- und Innenperspektive seit jeher leicht inkongruent verlaufen, erfahren wir unter anderem in der heutigen Kolumne, z.B. in diesem diesem schönen Auszug:

“„In den zahllosen Klöstern und Stiften hausen tausende von Geistlichen, grobe ungehobelte Klötze, über und über mit Tabak und Rotz beschmiert, die in Bierhäusern mit den Bauern um einiger Pfennige willen Karten spielen,“

notierte ein französischer Tourist anlässlich eines Köln-Aufenthalts 1784 in sein Reisebuch.

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