Simplex kommt in ein Stadt, die er Köllen heißt

Kaum über acht Tag hatte ich mit meinem lieben Weib im Ehestand zugebracht, da ich in meinem Jägerkleid, mit einem Feurrohr auf der Achsel, von ihr und ihren Freunden meinen Abschied nahm; ich schlich mich glücklich durch, weil mir alle Weg bekannt, also daß mir keine Gefahr unterwegs aufstieß, ja ich wurde von keinem Menschen gesehen, bis ich nach Deutz, so gegen Köln über diesseits Rhein liegt, vor den Schlagbaum kam. Ich aber sah viel Leut, sonderlich einen Bauren im Bergischen Land, der mich allerdings an meinen Knan im Spessart gemahnte, sein Sohn aber dessen Simplicio sich am besten verglich. Dieser Baurenbub hütete der Schwein, als ich bei ihm vorüber passieren wollte, und weil die Sau mich spürten, fingen sie an zu grunzen, der Knab aber über sie zu fluchen: daß sie der Donner und Hagel erschlagen und “de Tüfel dartoo halen solte”; das hörte die Magd, und schrie dem Jungen zu, er sollte aufhören zu fluchen, oder sie wollts dem Vater sagen. Der antwortet der Knabe, sie sollte ihn im Hintern lecken und ihre “Mour dartoo brühen”; der Baur hörte seinem Sohn gleichfalls zu, lief derowegen mit seinem Prügel aus dem Haus und schrie: “Halt du hundert tausend etc. Schelm, ick sall di lehren sweren, de Hagel schla di dan, dat di der Tüfel int Liff fahr”, erwischt ihn damit bei der Kartausen, prügelt ihn wie einen Tanzbären, und sagte zu jedem Streich: “Du böse Bof, ick sall di leeren floeken, de Tüfel hal di dan, ick sall di im Arse lecken, ick sall di lehren dine Mour brühen, etc.” Diese Zucht erinnert mich natürlich an mich und meinen Knan, und ich war doch nicht so ehrlich oder gottselig, daß ich Gott gedankt hätte, weil er mich aus solcher Finsternis und Ignoranz gezogen, und zu einer bessern Wissenschaft und Erkenntnis gebracht; warum wollte denn mein Glück, das er mir täglich zuschickt, in die Länge haben harren können? Da ich nun nach Köln kam, kehrte ich bei meinem Jupiter ein, so damals ganz klug war; als ich ihm nun vertraute, warum ich da wäre, sagte er mir gleich, daß ich besorglich leer Stroh dreschen würde, weil der Kaufmann, dem ich das Meinige aufzuheben geben, Bankerott gespielt, und ausgerissen wäre; zwar seien meine Sachen obrigkeitlich petschiert, er selbst aber, sich wieder einzustellen, zitiert worden, aber man zweifle sehr an seiner Wiederkunft, weil er das Beste so fortzubringen gewesen, mit sich genommen; bis nun die Sach erörtert würde, könnte viel Wasser den Rhein hinunterlaufen. Wie angenehm mir diese Botschaft war, kann ein jeder leicht ermessen; ich fluchte ärger als ein Fuhrmann, aber was halfs, ich hatte drum meine Sachen nit wieder, und überdas keine Hoffnung, solche zu bekommen; so hatte ich auch über zehn Taler Zehrgeld nit zu mir genommen, daß ich also mich nit so lang aufhalten konnte, als es die Zeit erforderte. Überdas hatte es auch Gefahr auf sich, so lange dazubleiben, denn ich mußte sorgen, daß, weil ich einer feindlichen Garnison zugetan wäre, ich verkundschaft würde, und also nicht allein gar um das Meinige, sondern noch dazu in größere Ungelegenheit kommen; sollte ich denn unverrichter Sach wieder zurück, das Meinige mutwillig dahinten lassen, und den Hingang für den Hergang haben, das dünkte mich auch nicht ratsam sein. Zuletzt wurde ich mit mir selber eins, ich wollte mich in Köln aufhalten, bis die Sach erörtert würde, und die Ursach meines Ausbleibens meiner Liebsten berichten; verfügte mich demnach zu einem Prokurator der ein Notarius war, und erzählte ihm mein Tun, bat ihn, mir um die Gebühr mit Rat und Tat beizuspringen, ich wollte ihm neben der Tax, wenn er meine Sach beschleunigte, mit einer guten Verehrung begegnen. Weil er denn hoffte, es würde an mir etwas zu fischen sein, nahm er mich gutwillig an, und dingte mich auch in die Kost, darauf ging er andern Tags mit mir zu denjenigen Herren, welche die Fallimentssachen zu erörtern haben, gab vidimierte Kopie von des Kaufmanns Handschrift ein, und legte das Original vor, worauf wir zur Antwort bekamen, daß wir uns bis zu gänzlicher Erörterung der Sach patientieren müßten, weil die Sachen, davon die Handschrift sage, nicht alle vorhanden wären.
Also versah ich mich des Müßiggangs wieder auf ein Zeitlang, bis ich sehen wollte, wie es in großen Städten hergehet; mein Kostherr war, wie gehört, ein Notarius und Prokurator, daneben hatte er etwa ein halb Dutzend Kostgänger, und hielt stets acht Pferd auf der Streu, welche er den Reisenden ums Geld hinzuleihen pflegte; dabei hatte er einen teutschen und einen welschen Knecht, die sich beides zum Fahren und Reiten gebrauchen ließen, und der Pferd warteten, mit welcher drei- oder vierthalbfachen Hantierung er nicht allein seine Nahrung reichlich gewann, sondern auch ohn Zweifel trefflich vorschlug, denn weil keine Juden in selbige Stadt kommen dürfen, konnte er mit allerlei Sachen desto besser wuchern.

(aus Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, Drittes Buch, Kapitel 23)

Die Lebensmüden im Eller Süden (In Eller dichtet man schneller)

Düsseldorf hat mich depressiv gemacht. In Berlin war alles anders, das Leben fand direkt vor der eigenen Haustür statt. In Düsseldorf ist dagegen rein gar nichts los. Hier muß man Monate warten, bevor eine interessante Veranstaltung stattfindet. Sehr lange Monate, dunkle Monate sogar im Sommer, in denen man kulturell unterfüttert ist. In dieser Zeit kann man froh sein, wenn man zuhause über eine ungelesene Bibliothek verfügt, um sich die Langeweile auf hohem Niveau zu vertreiben. Und abends geht man des öfteren ins Kino, der Spaziergang dorthin kann dann als Sport verbucht werden. Wer weder gern Filme schaut noch sich für Literatur begeistert, geschweige denn Sport betreiben möchte, hat trotzdem die Möglichkeit, sich von der Tristesse abzulenken, indem er die grüne Achse für Ausflüge nutzt und den Fröschen beim Quaken lauscht, oder indem er sich irgendwo in ein Café in der Altstadt oder am Rheinufer platziert und die Touristen dabei beobachtet, wie sie sich ihre Langeweile mit Fotografieren von Sehenswürdigkeiten vertreiben. Das Fotografieren hat dabei einen doppelten Vorteil: man ist nicht nur mit der Aktion selber beschäftigt, sondern hat für zuhause gleich vorgesorgt. Das Sortieren und Vorführen der Fotos im virtuellen sozialen Freundeskreis sorgt für ein wenig Aufregung. Mit dem Beantworten von Likes und Kommentaren vergehen schon wieder ein paar trostlose Tage. Und dann gibt es ja auch noch die Sonntage, an denen man in einen Gottesdienst gehen kann. Notfalls auch jeden Sonntag in eine andere Kirche, um möglichst viel Abwechslung beim Zählen der Mosaikfenster zu erreichen. Der Besuch eines Schwimmbads mit Sauna wie zum Beispiel die Münstertherme kann unter der Woche das Schlimmste verhindern. Die Symptome der Depression können recht gut kontrolliert werden. Wenn gar nichts mehr geht, schnappt man sich einen Kugelschreiber und ein herumliegendes Blatt Papier (Klopapier, Bierdeckel und Servietten sind selbstverständlich auch gut geeignet) und dichtet drauf los! Also das Dichten hat bei mir immer ganz gut funktioniert. Es unterdrückt nicht nur die Sinnlosigkeitsanfälle und Selbstmordgedanken sondern ermöglicht auch neue ekstatische Erkenntnisse über das LEBEN, die einem normalerweise verborgen bleiben. Da reihen sich Buchstaben und Wörter und ganze Sätze so aneinander, daß man auf wirklich andere Gedanken kommt. Bestenfalls wird aus dem geistigen Höhenflug ein Geniestreich, der die gesamte bisherige Literatur auf den Kopf stellt. Dann ist man natürlich auch nach der Vollendung noch mit dem Gedicht beschäftigt. Mit Korrekturfahnen für Zeitschriften und Bücher, mit Vortragsreisen und Lesungen in Literaturhäusern und Buchhandlungen. Wenn das Gedicht in einer überregionalen Tageszeitung erscheinen sollte, hat man noch zusätzlich mit Leserkommentaren zu kämpfen. Es können dann Jahre vergehen, bevor man das nächste Gedicht gegen die Langeweile schreiben muß. Wenn man natürlich in Eller wohnt, sieht die Situation schon ganz anders aus. Hier bleiben Geniestreiche schlicht unbemerkt. Niemand braucht hier sowas wie Literatur, hier fährt die Straßenbahn ganz ordentlich über die Gumbertstraße zum Gertrudisplatz, das ist literarisch, da braucht es keinerlei poetologische Erläuterungen, um den normalen Alltag mit Geist aufzublasen. In Eller ist alles poetisch. Das ganze Lebensgefühl ist literarisch. Das Wasserschloß und der Ponyhof runden das Bild von der Idylle noch ab. Es gibt in Eller weder Künstler noch Schriftsteller, aber genauso viele Arbeitslose wie in Neukölln. Während die Neuköllner Arbeitslosen der Kreativszene angehören und dadurch rund um die Uhr mit Kreativität beschäftigt werden, handelt es sich bei den Elleraner Arbeitslosen um echte, authentische Arbeitslose. Sie sitzen schon mittags in ihrer Stammkneipe und haben mit Kreativität nichts am Hut. Wenn die Straßenbahn auf der Gumbertstraße vorbeifährt, zünden sie eine Zigarette an und öffnen das nächste Bier. Aber warum ich das alles erzähle: die Düsseldorfer Depression erreicht in Eller nicht nur ihren absoluten Höhepunkt sondern hier herrscht auch die nötige Ruhe für mystische Selbsterfahrungen. Nichts lenkt einen ab. Wer seine Erleuchtung noch nicht gefunden hat, sollte unbedingt nach Eller umziehen. Eller ist eigentlich ein gewaltiger Tempel. Oase der Besinnlichkeit. Unter den Arbeitslosen befinden sich mittlerweise schon massig spirituelle Lehrer, heimliche Gurus und einige frühvollendete Meister. Sie sitzen in ihren Verstecken und meditieren den ganzen Tag. Deshalb sind die Bürgersteige in Eller meist hochgeklappt. Auf der einzigen asphaltierten Straße des Bezirks strömt der Berufsverkehr jeden Tag in das Stadtzentrum hinein und wieder aus dem Stadtzentrum hinaus. Alle Autos müssen durch Eller, nur anhalten tut keiner. In Eller ist einfach nichts los. Wer hier wohnt, ist dem Himmel sehr nahe. Auf dem Feldweg zum Wasserschloß hat man den Überblick von einem Horizont zum anderen. Fast wie im Bergischen Land. Aber das ist ein anderes Thema. Der Feldweg heißt Monckartzhofweg, aber ist nicht namentlich auf google map verzeichnet. Ich habe ein Beweisfoto mit dem Straßenschild hochgeladen, aber das hat nichts geholfen. Der Feldweg ist also ein ultimativer Geheimtip. Hier habe ich einige schöne Gedichte im Gehen geschrieben. Gedichte, die niemand hier braucht und die niemand vermisst. In Berlin hätte ich all diese Gedichte schon längst irgendwo publiziert (zum Beispiel in der floppy myriapoda) und auf diversen Lesebühnen lautstark vorgetragen. Aber in Düsseldorf – nein, von moderner Literatur hat man hier noch nichts gehört. Hier liest man Heinrich Heine und Heidi Klum. Oder besucht einen Poetry Slam, um die Epigonen von Heine und Heidi live anzuhören. Wer wirklich überhaupt keine Lust auf Literatur hat, ist bei Poetry Slams genau richtig. Hier herrscht der spätpubertäre Klamauk. Eine Stadt wie Düsseldorf braucht Poetry Slams, damit die junge Generation nicht noch depressiver wird. Unterhaltung ist alles, vom Catwalk zur Comedy und zurück. Wer einen Job hat, flaniert in der Freizeit über die Kö. Und wer keinen hat, schreibt eben Gedichte auf Feldwegen. In Eller. In Eller dichtet man schneller.

(Ein Gastbeitrag über Wirkweisen Düsseldorfs, verfaßt von Tom de Toys am 10. und 11.5.2015. rheinsein dankt!)