Köln in Köln (14)

köln in köln_37Nippes

köln in köln_36Belgisches Viertel

köln in köln_35Belgisches Viertel

köln in köln_34Kwartier Latäng

Das Lachen der Hühner (3)

Gestern fand die offizielle Das Lachen der Hühner-Verlagspräsentation im Rahmen des Literaturklubs im Theater „die wohngemeinschaft“ in Kölns Belgischem Viertel statt. Zunächst las Holger Hegemann aus seinem entstehenden Erzählwerk über eine jüdische Familie im Köln der 30er Jahre. Nika Bertram brachte aus den Tiefen ihrer Schubladen einen unveröffentlichten, leicht experimentell gehaltenen Text aus der Prä-Facebook-Ära, der sich mit durchcomputerisierter Zukunft, aus heutiger Sicht ergo: der Gegenwart befaßte. Dazwischen Adrian Kasnitz` legere Moderation und ein junger Singer/Songwriter namens Diar, der direkt von Myspace hinzugestoßen war. Das alles war rund und gut und hielt die schwanke Waage zwischen E und U auf genau die Art und Weise am Pendeln, die wir so schätzen. Die Präsentation des Gedichtbands war als Schlußakt der Wortbeiträge vorgesehen. Weil viele, selbst gebildete Deutsche nördlich der Bodenseeregion kaum etwas über Lage, Struktur, Einwohnerzahl etc Liechtensteins, von dem Das Lachen der Hühner handelt, wissen, ließen wir als Bühnenbild eine exzellente geografische Straßenkarte des Fürstentums projizieren. Dank modernster Beamertechnik allerdings ging die Kartenprojektion viel zu sehr in die Breite, sodaß bereits die simple Erklärung, der Zuschauer solle sich das Land nun bitte nicht ganz so ausgedehnt vorstellen, sondern in vertikaler Achse etwa um die Hälfte zusammengestaucht, beim selbstbewußten Großstadtpublikum für einige Lacher sorgte, die fortan beinahe jede Erläuterung zur Landesstruktur wie liechtensteinischen Eigenheiten und Vorhaben, völlig unabhängig davon wie ernsthaft sie vorgebracht war, begleiteten. Eingebettet in diese wie beiläufig entstandene Atmosfäre des Amusements über ein unbekanntes Exotenvolk, kam etwa die Hälfte des Bandes zum Vortrag. Die Sonette wurden, wie es hoher Dichtung gebührt, deutlich andächtiger aufgenommen. Nach dem Vortrag kam die Frage, warum wir denn keine eigene TV-Show hätten. „Ja, sieht man jetzt sowas im TV?“, lautete die Rückfrage. „Schon, aber nicht so gut.“ Was nicht ist, kann noch werden. Aus rheinsein ist ja binnen zwonhalb Jahren bereits einiges kaum Voraussehbare geworden. So wird rheinsein tatsächlich bald seine erste Show starten – vorerst nicht im Fernsehen, sondern im Heimathirsch. Wer, was, wo und wann genau das ist, verkünden wir an dieser Stelle noch zeitnah in zusammenhängenden Worten.

Vom Zitat zur Bestandsaufnahme

Das heute eingegangene Rheinzitat (s. letzter Eintrag) verleitete uns, sofort nachzuschauen wie es in Köln um den Rhein (und somit um Köln) steht. Anders als auf den Winter („Was sind das für weiße Substanzen, die aus dem Himmel niedersinken?“ (Schlagzeile im Kölner Stadt-Anzeiger vor wenigen Wochen)), scheint die Stadt auf den Wasseranstieg gut vorbereitet. Während die abgetauten Wege vor Fäkalien, sonstigem Dreck, Frostlöchern und Granulatadern strotzen, plankt der hochwassernde Strom an sorgfältig errichtete mobile Schutzwände. Das Hochwasser gibt dem Fluß etwas Urstromhaftes zurück. Unterm niedrigen Stand der nachmittäglichen Wintersonne fliehen des vielbesungenen Rheins teilgerippte nichtfarbene Oberflächen, drängen ineinander und speien sich wieder aus, teils das Himmelsblau und den 60erjahremintgrünen Anstrich der Zoobrücke – und was sich sonst noch so im Wasser spiegelt – kauend/verdauend. Das Eilen der Fluten wirkt nicht selbstgenügsam wie sonst, sondern vermittelt den Anschein einer zielgerichteten Flucht, als befürchte der Fluß, seine eigenen Wassermassen könnten am Ende so sehr in die Breite schlagen, daß er sich in ein stehendes Gewässer verwandle. Die Bastei-Statue (nochn Nepomuk?): nun freischwebend überm Wasser wie eine Gallionsfigur bei voller Fahrt. Mit Ringelnatz die Wunschvorstellung, die Bastei möge sich karussellartig drehen, in die Unendlichkeit kreiseln und uns mitnehmen.
Weiter auf dem Fahrrad durch eine graue, fast russisch anmutende Provinzstadt: wäre Köln Berlin, hätten wir in Mauenheim wenigstens den ein oder andern Dichternachbarn, der sich den „Ehrenfelder Chic“ nicht mehr würde leisten können oder mögen. Das Belgische Viertel entspräche dem Neuschwabenland Prenzlauer Berg. Das wunderbare A Lagosta hätte (als erste und einzige Attraktion Mauenheims) nicht dichtmachen müssen, sondern wäre eine für die Medien aufspürenswerte „authentische“ Intellektuellenklause. Die sensationellen Bierpreise und gratis bis günstig gereichten Durchfütterhäppchen (bolinhos de bacalhau) gelangten zu Weltruhm. Es kämen nicht nur zu den sporadisch stattfindenden Fußballweltmeisterschaften Reisebusse voller Angolaner (um Josés Schweinsohrensalat zu verkosten), sondern hippe Jungakademiker mit verrückten Brillen überschwemmten das staubige Veedel, um das art of living der neudeutschen Armut zu checken. „Rotten Cologne“ wär bei sich selbst angekommen, könnte sich innert fuffzig Jahren häuten und zu neuer Blüte aufsteigen. Sogar die Winter würden kreativ empfangen. Aber das alles ist nicht der Fall. Verhalten lächeln stattdessen schwerbemützte junge Mütter hinter winterharten Kinderwagen und hoffen, die allgemeine Trostlosigkeit möge nicht in den Karneval hineinwachsen. Präzisere Vorstellungen zur Zukunft der Stadt sind auch aus der Mitte ihrer Führung kaum zu vernehmen. Eine stille Hoffnung setzen manche auf den Rhein: Köln brauche das Meer, um sich geistig und wirtschaftlich zu regenerieren.