reizen

alk-reizen

Zur Fortsetzung des kräftig bebilderten rheinsein-Januars eine typisch kölnische Rheinuferstimmung, aufgenommen im Rahmen einer mehrstündigen Fußwanderung durch die vor leichtem Schneefall in Schockstarre gefallene Metropole. Während allenorten Autos im Schritttempo kollidierten, Bahnen und Züge sich enorm verspäteten oder gleich ganz ausfielen, Radfahrer beim Queren der eisglatten Straßen grotesk tarierte Stürze hinlegten und die Stadt erfüllt war vom Klang der Polizei- und Ambulanzwagensirenen, kurzum: während bei drei Zentimetern Neuschnee der Kölner Verkehr zum Erliegen kam, stapften wir unbeteiligter Miene an auspuffdampfenden Staus vorüber und bogen alsbald durch blattloses Gesträuch in wintergeweißte Grünflächen, folgten dort Bobtail-, Kaninchen- und Krähenspuren und gelangten derart geleitet schließlich an den Fluß mit seinen dahinschwappenden, ostinativ sich überlagernden Songzeilen (”Now those memories come back to haunt me, they haunt me like a curse, is a dream a lie if it don`t come true… Heidewitzka, Herr Kapitän!”), an dessen Ufer Joggerinnen und Jogger hinter ihren Anstrengungen zu Strichen in der Landschaft mutierten und dazu aufforderten, sie als mathematische Zeichen des Verschwindens zu deuten, in einer diesigen Atmosfäre voller Minusgrade, beschirmt von der dunstverhangenen, angeblich neuerdings zitternden Kathedrale, in deren Magen sich die Spiritualität der Stadt um- und umzuwälzen schien. Lange betrachteten wir den Fluß. Ein paar Enten quakten. Aus der Ferne drangen die dumpfen Geräusche des stillstehenden Verkehrs. Da drehten wir uns, einer nicht näher bestimmbaren Eingebung folgend, um 180° vom einlullend dahinströmenden Wasser weg und blickten direkt auf obig dokumentierte Ansicht. Am Riehler Ufer stehen die Touristenbusse gerne unauffällig Stoßstange an Stoßstange – womöglich lassen sich dort Parkgebühren umgehen. Dieses Exemplar jedoch stand frei und war, wegen des winterlichen Tarnkleids, auf den ersten Blick garnicht so leicht von seiner Umgebung zu unterscheiden. Wir fixierten den dominanten Schriftzug: alk reizen. Das mußte belgische Nomenklatur vorstellen! Es waren jedoch in gesundem Umkreis um das Gefährt weder (etwaig starkbiertrunkne) Flamen noch Wallonen noch Deutschbelgier zu lokalisieren.  Mochten sie alle im Businnern stecken, eine Schlafenspause goutierend? Weil uns ungelöste Rätsel bisweilen die interessantesten dünken und weil Reisende sich nicht aufhalten sollen, stapften wir, ohne die Angelegenheit näher zu klären, dem überwiegend zuverlässigen Richtungsvektor unserer Nase folgend, von dannen…

Presserückschau (Oktober 2012)

„Wer glaubt, die Bonn-Lobby bestünde nur aus drei Provinzdödeln, unterschätzt sie“, verrät die taz unter der martialischen Überschrift „Die Wacht am Rhein“ in einem ausführlichen Bericht über die Bonner Ministerienlobby und den Strukturwandel im ehemaligen Bundesdorf, dieweil uns der EXPRESS gewohnt knackig die Arbeitsweise der Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Rheinland nahebringt, welche in geduldiger Kleinarbeit Luftaufnahmen der Alliierten vor und nach den Kriegsbombardierungen auf „0,1 Millimeter große, schwarze Punkte“ begutachten, welche Blindgänger markieren können. Weitere nennenswerte Nachrichten des Oktobers:

1
Seit Wochen und Monaten berichtet die Rheinische Post in immer neuen, meist undurchsichtigen Artikeln vom Eisernen Rhein, einer historischen, weitgehend stillgelegten und nur noch von Güterverkehr frequentierten Bahntrasse zwischen den Häfen von Duisburg und Antwerpen, die evtl (evtl aber auch nicht) ausgebaut/wiederbelebt werden soll, was zu einer komplexen Gemengelage (Komgem) zwischen Politik, Industrie und Bürgerinitiativen in Belgien, den Niederlanden und am Niederrhein führt, welche die regional-interessierte Leserschaft, handelte es sich nicht um ausgemachte Flachlandregionen, als das berühmte Bergekreißen empfinden dürfte.

2
„Die Entscheidung über die Bewilligung von Schadensersatz für bei Dienstunfällen erlittene Sachschäden eines Beamten steht sowohl dem Grund wie auch der Höhe nach im Ermessen des Dienstherrn. Es ist ermessensgerecht, wenn der Dienstherr beim Verlust einer Brille nur die Aufwendungen, die nicht über die medizinischen Notwendigkeiten hinausgehen, bei der Berechnung des Schadensersatzes berücksichtigt“ urteilt laut rechtslupe.de das Verwaltungsgericht Koblenz über eine während eines Polizeieinsatzes im Rhein verlorengegangene Gleitsichtbrille. (Ein Wasserschutzpolizist war bei einer Schiffskontrolle in den Fluß gefallen.)

3
„Die Statue “Krieg” ist zurück am Niederwalddenkmal hoch über dem Rhein“, meldet Die Welt zum Monatsausklang. Zuvor sei die acht Tonnen schwere Bronzestatue ebenso wie zwei Reliefs und die Krone der Hauptfigur “Germania” in der Werkstatt einer sächsischen Denkmalpflegefirma in Ottendorf-Okrilla bei Dresden restauriert worden. Dabei sei auch eine bis knapp einen Millimeter dicke Schmutzschicht entfernt worden: „Der Schmutz wurde mit Spachteln, Chirurgenskalpellen und Ultraschallreinigern in Handarbeit entfernt.“

4
Über den lernfähigen Klärschlamm der BASF schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung: „Rund 3,5 Kubikmeter Abwasser pro Sekunde rauschen von der BASF aus rund um die Uhr in den Rhein: Eine Zahl, die Umweltschützern den Schweiß auf die Stirn treibt.“ Deshalb sei der Bakterienschlamm der BASF-Kläranlage etwas Besonderes: „Die darin enthaltene Bakterienfauna ist über mittlerweile fast vier Jahrzehnte hinweg darin geübt, problematische Abwasserstoffe zu verarbeiten und abzubauen. Der Klärschlamm ist gewissermaßen “lernfähig”, weil die darin lebenden Kleinstlebewesen auf unterschiedlichste chemische Belastungen gut trainiert sind. Normaler Klärschlamm aus kommunalen Kläranlagen stieße hier sehr schnell an seine Grenzen.“

5
Neuenburg am Rhein hofft laut einem Bericht der Badischen Zeitung, im Zuge der Landesgartenschau 2022 tatsächlich an den Rhein angeschlossen zu werden: „”Eine Stadt geht zum Rhein” – so lautete von Anfang an das Motto für das Projekt. Die Rheinkorrektur durch Johann Gottfried Tulla im 19. Jahrhundert, zudem die Autobahn und die Kreismülldeponie haben Neuenburg vom Fluss abgeschnitten. Das soll die Landesgartenschau korrigieren. Die Rheinauen sollen zum Naherholungsgebiet werden – als Bindeglied zwischen Stadt und Fluss. Und zwar über das Ende der Gartenschau hinaus.“

6
In Xanten soll lediglich der Altrhein (und nicht die ganze Stadt) wieder an den Rhein angeschlossen werden, so steht es in einer Pressemitteilung des NRW-Umweltministeriums: “Umweltminister Johannes Remmel und der Deichverband Poll haben vereinbart, die Planungsleistungen für das Planfeststellungsverfahren zum Anschluss des Xantener Altrheins an den Rhein durchzuführen. Das Projekt ist mit dem Bau des rheinfernen Deiches an der “Bislicher Insel” verbunden und dient gleichzeitig der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie und dem Naturschutz im Naturschutzgebiet “Bislicher Insel”. Der Deichverband Poll hat in den Jahren 2003/2004 mit den Planungen für die oberstromige Anbindung des Altrheins im Bereich Wesel-Werrich begonnen. Dabei wurde deutlich, dass der Altrhein bei höheren Wasserständen im Rhein nur dann durchströmt wird, wenn auch die unterstromige Anbindung östlich des Restaurants “Zur Rheinfähre” verbessert wird.“

7
Last but not least berichtet das Hessen-Tageblatt von einer touristenfeindlichen Aktion mitten in der hochtouristischen Rüdesheimer Drosselgass. An einem Oktobersonntagfrüh gegen 2.15 Uhr habe eine sechsköpfige oberpfälzische Delegation zwei Einheimische angesprochen, „um zu erfahren wo um diese Uhrzeit noch etwas los sei.“ Daraufhin griffen die Einheimischen an, es kam zu einer Messerattacke, „Lebensgefahr ist nicht auszuschließen.“

Außerdem berichtet das neue deutschland über Baulärm im Mittelrheintal und der Landschaftsverband Rheinland stellt in personam Alois Döring fest, daß früher im Rheinland nicht alles besser war, was rheinsein definitiv bestätigen kann.

Eine heruntergekommene Stadt

“My Dear Sir,

You will allow that after the tedious proceedings of the tewo days` journey, I had a right to indulge a little more than usual, I accordingly lay in bed till eight, for do what I could, my ever-anxious, ever-insatiable curiosity would allow me no longer; I sat writing the notes of my journal till breakfast, which by the aid of Stenography, I easily accomplished, and after my morning repast, I sallied forth to explore this extensive and ancient city, the Roman colony founded by Agrippa, the son-in-law of Augustus Caesar.
Three centuries ago Scaliger thus eulogises it.

„Maxima cognati Regina Colonia Rheni,
Hoc te etiam titulo musa superba canet;
Romani statuunt-habitat Germania-terra est,
Belgia-ter felix! nihil tibi diva deest.“

I presume not to say, what might then be the condition of the city, and how far the poet flattered or bestowed just praise, but very different is the case now. I should rather apply, as nearer the truth, the language of Ossian, „I have seen the walls of Balclutha, but they were desolate.“ Ruin long begun, and still going on, marks its principal streets. The plaster is falling from the fronts of the houses, and no one seems disposed to renew it. The year of 1618, and others of that period, which you see on the outside, lead one to question, if aught has been renewed since then. Waving grass is growing in the streets, and as you enter many of the principal churches, you must keep in the narrow path, „the old path,“ or in rainy or wet weather, as it was when I was there, you will have cause to repent. Indolence seems painted on the countenances of the people, and they seem to move as if they knew not why, or whither, they were going. Many of the houses have fallen down, others are falling, and in many places you see ruins clearing away to add to the gardens, which already fill up two thirds of the space within the walls.
Cologne boasts of its antiquity, and of its greatness. Still Colonia Agrippae may often be seen in public inscriptions, and they tell you that full more than fifty thousand inhabitants remain to listen to its never-ceasing bells. It was once a place of great trade, but the banishment of the Protestants in the seventeenth century destroyed its industry. (…)”

(James Mitchell: A Tour Through Belgium, Holland, Along the Rhine, and Through the North of France, in the Summer of 1816: In which is Given an Account of the Civil and Ecclesiastical Polity, and of the System of Education of the Kingdom of the Netherlands; with Remarks on the Fine Arts, Commerce, and Manufactures, Chapter XIX, T. and J. Allman, 1819)

Belgisch-rheinische Sprachforschung

In Belgien scheinen alle beachtlichen, aufsehenerregenden Dinge wie nebenbei zu geschehen. Mitte der 90er, als sich kuriose (und meist schauerliche) Meldungen aus Belgien häuften, begannen wir, die entsprechenden Zeitungsausschnitte zu sammeln, die sich bald zu einem sehr speziellen Gruselordner fügten. So berichtete, mitten in der Klon-Debatte, die an Tieren wie dem Schaf Dolly sich entfachte und mit der Angst hantierte, daß bald auch Menschen geklont werden könnten, der Express davon, daß letzteres bereits geschehen sei, und zwar versehentlich in Belgien. Den Artikel schmückten Bilder zweier Lütticher Wissenschaftlerinnen, die freimütig über ihr Laborversehen plauderten. Die Geschichte fiel danach flugs unter den Tisch – ob in Belgien heute tatsächlich geklonte Jugendliche unterwegs sind: darüber läßt sich nur spekulieren. Ein anderer Bericht (ebenfalls aus dem Express) handelte von einer kleinen Gruppe enthusiastischer junger Belgier, welche sich die Love Parade zum Vorbild genommen hatten und auf der heftig beschallten Ladefläche eines (einzigen) LKWs tanzend durch Brüssel düsten, bis ihnen bei einer zufälligen Tunneldurchfahrt aufgrund der niedrigen Bauweise derselben die Köpfe abgetrennt wurden. Unser Interesse an Meldungen aus Belgien flachte um die Jahrtausendwende zugunsten rheinischer Vorkommnisse ab, welche sich jedoch gelegentlich nicht ganz voneinander trennen lassen. Im Folgenden geben wir einen Bericht des belgischen Publikationsorgans de redactie vom 21. Februar 2012 wider, der sich mit einem der letzten Rätsel der niederländischen Sprachwissenschaft befaßt hat – und wieder von einem Zufall gesteuert wurde. Es geht um die etymologische Abstammung des Wortes „fiets“ (dt: Fahrrad):

„Gunnar de Boel, Professor für vergleichende Sprachwissenschaft an der Genter Universität, kippte mit einem deutschen Freund aus dem “südlichen Rheinland” zusammen Apfelwein. Im Gespräch nannten sie das Getränk „Viez“ (ein uns bekannter saarländischer Begriff für den Most, Anm. rheinsein): „Vize-Wein“ sozusagen, befanden die Trinker, bzw: Weinersatz. De Boel stellte dabei die Verbindung zum niederländischen Wort „fiets“ her und vertiefte die Hypothese gemeinsam mit seinem Kollegen Luc de Grauwe: im Deutschen sei das neuartige (in seiner Urform, der Draisine, am Rhein erfundene, Anm. rheinsein) Fahrrad laut der bahnbrechenden Theorie seinerzeit „Vize-Pferd“ (also: „Zweiterklasse-Pferd“, „Ersatz-Pferd“) genannt und später mit „Viez“ abgekürzt worden, ganz so wie „Automobil“ später zu „Auto“ wurde. Das Wort müsse dann nach Belgien und in die Niederlande geschwappt sein. 1870 sei „fiets“ zum ersten Mal im Niederländischen aufgetaucht, seit 1886 aber stritten sich die Sprachkundigen über dessen Herkunft, ohne eine angemessene Theorie hervorgebracht zu haben – was nun endlich der Vergangenheit angehöre.“
(Wenn wir an dieser fantastischen Hypothese etwas zu bemängeln haben, dann allenfalls, daß der erhellenden Kraft des Apfelmosts in der Berichterstattung deutlich zu wenig Referenz erwiesen wird. Desweiteren hätten wir eine eigene Schnelletymologie in die Debatte zu werfen, eine Idee, die uns auf gleichsam belgische Weise während einer Trance zufiel: könnte sich aus dem weithin bekannten Urbegriff “Vize-Pferd” nicht direkt das Wort “Fahrrad” entwickelt haben? Man achte nur auf den jeweils gemeinsamen An- (V gesprochen wie F) und Ablaut (d). Nein? Aber dann gewiß doch der Begriff Veloziped (Pääd: rheinisch für Pferd, Velozi enthält dieselben Buchstaben wie Vize). Und jetzt belegen Sie mal, wie Sie vor rheinsein auf diesen sensationellen sprachwissenschaftlichen Zusammenhang gekommen sind!)

Denkmal am deutschen Eck

An der Mosel ging es noch an. Wir soffen uns langsam den Fluß hinab, wir fuhren mit dem Saufbähnchen von Trier nach Bulley hinunter, und auf jeder dritten Station stiegen wir aus und sahen nach, wie es mit dem Weine wäre. Es war. Wenn wir das festgestellt hatten, stiegen wir wieder ein: der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren und: “Seiner Majestät ist soeben der Sturmangriff gemeldet worden.” Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken und dabei Würfel spielen. Und es entstanden in diesen Bahnstunden die Spiele:

Lottchen dick
Spix ist stolz
und:
Georgine, die ordentliche Blume
sowie:
Karlchen und die Rehlein –

das letztere Spiel zur Erinnerung an Karlchen seine Liebesabenteuer im freien, frischen, frommen Walde, wo ihm einmal die kleinen Rehlein zugesehn hatten. Ich verlor auf das Grauenerregendste und mußte immer bezahlen. Aber so ist alles.

Bernkastel, Traben-Trarbach, Bulley… dann aber setzten wir uns in einen seriösen Zug und fuhren nach Kolbenz. (Diese Aussprache wurde adoptiert, falls Jakopp ein künstliches Gebiß hätte: es spricht sich leichter aus.) In Kolbenz tranken wir der Geographie halber einen Rheinwein, und der konnte Papa und Mama sagen, wir aber nicht mehr. Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag hell und klar – gingen wir spazieren.

Ich kannte Kolbenz nicht. Das erste, was mir auffiel, war ein breites und lautes Bürgerpublikum von Reisenden, die sich merkwürdig aufgeregt gebärdeten. So, wie schwarzhaarige Frauen, wenn sie einmal in Paris sind, dem Zauber des Wortes “Paris” erliegen und sich so benehmen, wie sie es zu Hause niemals täten, so kippten hier die blonden Damen aus den Pantinen; der Rhein, Vater Rhein, der deutsche Rhein klingelte in den Gläsern, und es war ziemlich scheußlich anzusehn. Das zweite, was damals auffiel, war die “Schmachch”. Wir sprachen das Wort mit zwei ch, und wir meinten die Franzosen damit, von deren “schwarzer Schmach” wir so viel in den bildenden Kinos gesehen hatten. Hier war nur weiße Schmachch, und wir mochten sie nicht. Und zwar nicht etwa, weil wir die Franzosen nicht mögen, sondern weil wir das Militär nicht mögen. Wir sind nur nicht so dumm wie zum Beispiel der Kolbenzer “General-Anzeiger”, der nun, nach dem Abzug der Schmachch, Mord und Tod hinter ihnen herschimpfte, ohne auch nur einen Augenblick lang zu untersuchen: wie sich die Deutschen in Belgien und Frankreich benommen haben, was das Militär eigentlich ist und für wen es arbeitet, und wie an diesem ganzen namenlosen Unglück, am Krieg und seinen Folgen, Europa schuld ist und seine nationale Zerfetztheit. Statt dessen krähte die Zeitung in echt kleinbürgerlicher Wut wegen der unbedingt zu verurteilenden Übergriffe nun hinter ein paar tausend Soldaten her, deren jugendliche Kraft genau so unproduktiv mißbraucht wird, wie das mit Soldaten in allen Ländern geschieht – auch in Deutschland.

Wir spazierten also am Rhein entlang, ich hatte wieder einmal meine Geographie nicht gelernt und ließ mir von Jakopp die Gegend erklären. Da war der Ehrenbreitstein; auf dem brannte zum Gaudium aller Rheinkadetten eine französische Fahne – wirklich, die Fahne brannte hoch am Fahnenstock, verglomm, leuchtete wieder auf… mich interessiert Militär nicht, und ich weiß nicht, was sie da gekokelt haben. Es ist ja auch gleichgültig, so gleichgültig wie alles, was diese uniformierten Brüder tun. Und da war der Rhein, der kitschumrauschte, und, wie bei Goethe steht, da waren große Schiffe im Begriffe, auf diesem Flusse hier zu sein… und plötzlich bekam ich den größten Schreck auf dieser Reise. Ich weiß es noch ganz genau:

Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; vorn an der Ecke war eine Fotografenbude, sie hatten Bilder ausgestellt, die waren braun wie alte Daguerrotypien, dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch… und fiel beinah um.

Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg.

Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz und repräsentierte jenes Deutschland, das am Kriege schuld gewesen ist – nun wollen wir sie dreschen! In Holland.

Zunächst ist an diesem Monstrum kein leerer Fleck zu entdecken. Es hat die Ornamenten-Masern.

Oben jener, auf einem Pferd, was: Pferd! auf einem Roß, was: Roß! auf einem riesigen Gefechtshengst wie aus einer Wagneroper, hoihotoho! Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat: er dräut in die Lande, das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgend eine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar. Aber da kann mich meine Erinnerung täuschen… vielleicht gibt sie dem Riesen-Pferdchen nur ein Zuckerchen. Und Ornamente und sich bäumende Reptile und gewürgte Schlangen und Adler und Wappen und Schnörkel und erbrochene Lilien und was weiß ich… es war ganz großartig. Ich schwieg erschüttert und sah Jakoppn an.

“Ja”, sagte Jakopp, “das ist das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck.”

Richtig: da floß noch ein zweiter Fluß in den ersten Fluß, und es war, wenn man von den Fabrikschornsteinen absah, eine hübsche Gegend, viel zu hübsch für dieses steinerne Geklump, für diesen Trumm, diesen Trubas von einem Denkmal. “Was… wie…” stammelte ich ergriffen. Da hörte ich ein leises Stimmchen an meiner Linken, ein Knabe war mir unversehens genaht, er hatte wohl meine Ratlosigkeit bemerkt, und er sprach: “Soll ich Ihnen mal das Denkmal erklären –?” Rasches Erfassen der Kriegslage ziert den SA-Mann, und ich sprach: “Erkläre mir mal das Denkmal.”

Da sah der Knabe überall hin, nur nicht auf den Tortenaufsatz, er schlief im Stehen, seine Augen hatten den Ausdruck einer friedlich grasenden Kuh, ich hatte so etwas noch nie bei einem Menschen gesehen. Er sprach mit modulationsloser, quäkender Stimme. Und weil dieses arme Kind solches nicht allein tat, sondern vier oder fünf seiner Kollegen, wie ich später sah, den ganzen Sonntagvormittag lang gewerbsmäßig dasselbe ausübten, vor dem Denkmal und weiter unten, vor dem Hotel und überall, so habe ich das, was sich die Knaben eingepaukt hatten, mehrere Male hören können. Nach Verabreichung mehrerer Gläser guten Weines zwecks Auffrischung des Gedächtnisses läßt sich das etwa folgendermaßen an:

“Dieses Denkmal wurde gegründet im Jahre 1897; es stellt dar den berittenen Kaiser Wilhelm den Ersten, sowie auch eine Siegesgöttin benebst die besiegten Feinde. Die Siegesgöttin ist nach verlorenen Kriegen ein Friedensengel und hat eine Flügelbespannung von fünf Meter in die Breite. Das Denkmal wiegt fünf Millionen Kilogramm und hat einen Flächeninhalt von 1200 Quadratmetern, daher ist es ein großes Kunstwerk. Auf dem Grundsockel erhebt sich der Sockel, auf dem das Denkmal aufgebaut ist; auf diesem Sockel steht der richtige Sockel, und auf diesem der Untersockel, worauf sich der Denkmalssockel erhebt. Die Künstler, die an dem Denkmal schuld sind, heißen Schmitz und Hundrieser. Der Spruch, der in das Denkmal eingelassen ist, besagt: “Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu.” Die Köpfe der Seeschlangen bedeuten Deutschlands Feinde, der Granit der Söckel ist aus dem Schwarzwald. Die Mosel fließt hinter dem Denkmal, ihre Strömung ist hier besonders schnell, weil sie an dem Denkmal vorbei muß. Das Denkmal ist in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms des Zweiten eröffnet worden und hat daher zwei Millionen Mark gekostet. Das ist das Denkmal am Deutschen Eck.” (Große Trinkgeldpause.)

Wie ich in der Zeitung gelesen habe, sind die Reden, die sie nach dem Abzug der Schmachch gehalten haben, genau so gewesen wie das Denkmal. Aber könnt ihr euch denken, dass sich jemals eine Regierung bereit fände, einen solchen gefrorenen Mist abzukarren –? Im Gegenteil: sie werden gar bald ein neues Mal errichten: das Reichsehrenmal. Wenn es errichtet ist, werden rotzgenäste Knaben hingehn und es uns erklären: die Gastwirtschaften ringsherum werden voll sein, und in den Massengräbern zu Nordfrankreich wird sich ein Geraune erheben:

»Wofür –? Dafür.«

(Ignaz Wrobel in: Die Weltbühne, 1930)

Daniel Papebroch

in einem Reisebericht von ca 1600 n. Chr. über die günstigen Übernachtungspreise inkl reichhaltiger Flußkrebsmahlzeit in Ingelheim:

„hospitium ibi nacti sumus honestißimum in eoque cubiculum amplum tribus lecticis et secessu instructum: coena more Belgico apparata, in qua et cancri fluuiales bono numero appositi vna cum reliquo hospitii pretio, non nisi tribus copitellis stetit: id est florino vno et dimido monetae Belgicae“

und über das schlafraubende Geschnarche des Paters Gamans in Johannisberg:

„pro lecto stramen fuit aliunde quaesitum; in quo ne somnem capere liceret fatigatis fecerunt horrendi ronchi Patris Gamans tota nocte continuati“

(zitiert nach Udo Kindermann in: Xenja von Ertzdorff, Dieter Neukirch, Rudolf Schulz (Hrsg.): Reisen und Reiseliteratur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Amsterdam/Atlanta 2003)