Dreiländeroper

Im oberrheinischen Dreiländereck Basel – Elsaß – Baden entsteht gerade eine multimediale Oper, geleitet von Bruno de Chénerilles, schreibt die Badische Zeitung vom 28. Mai, aus der Bdolf einen Ausriß schickt. Um Klänge und kulturelle Hintergründe der Region zu erforschen, befragte ein Beteiligungskampagnen-Team Passanten auf den Marktplätzen der Region zu Lieblingsklängen und -landschaften. Hierzu ein kurzer Auszug aus dem Interview:

BZ: Was haben Ihnen die Menschen geantwortet?
De Chénerilles: In vielen Antworten ging es um den Rhein oder um den Schwarzwald – und um den Flughafen. Niemand hat den Euro-Airport als Lärmbelästigung abqualifiziert, obwohl er für die Menschen Lärm und Schmutz bedeutet. Wenn sich jemand über den Flughafen äußerte, hatte man den Eindruck, der Flughafen ist seine Tür zur Welt.

BZ: Haben Sie eine Art Heimatkunde betrieben?
De Chénerilles: In gewisser Weise ja. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieser Gegend, dass sich die Menschen stark mit ihr identifizieren. Sie müssen sich vorstellen, da erzählte uns jemand, wie sehr er es liebe, von sich zu Hause aus das Starten und Landen der Flugzeuge zu sehen. Es gibt da eine gewisse Enge durch die Nähe der Grenzen und dann ist das dieser Flughafen, der die Enge durchbricht. Ich selbst habe das gespürt. Aber die Tatsache, dass jemand, der dort lebt, es aussprach, gab der Tatsache eine besondere Qualität.

(Im Hinterhof geht seit vier Stunden mit unbeschreiblichem Lärm der Rasenmäher, ganz bestimmt ein am TÜV vorbei aufgemotztes Fabrikat im Besitz der hiesigen Hausmeisterdynastie, um mit völlig unkölnischer Hartnäckigkeit jeden Ansatz von Wildwuchs zu vernichten. Ich kann diese Flughafenanwohner nicht bis ins Detail verstehen. Aber der Rasenmäher führt ja auch nicht aus Köln hinaus, sondern verwirft, wie in Köln üblich, lediglich den Hof und seine Anwohner auf ihr bedröhntes Selbst.)

Anna Dreisam

Tausend Meilen geradeaus. Dortnah, wo Rettung harrt. Vorbei an ruckhafter Welt. (Das ferne, aber beständige, dadurch unterschwellig vorhandene Rattern der Spielstände im Wettbüro.) Tulla, tulla, tullalah aufn Lippen: geducktes und gestrecktes Graureiherensemble, skulptural. Anhebendes Verkehrsrauschen. Beeren platzen, Laub, das fällt. Staren zetern in den Schrebern. Rektifiziertes Flutgemurmel. Treppab, treppab, plätscherts, der Rettung entgegen. Freiburg fährt Rad. Zwischen Bundesstraße und Autobahn. Vergreiste Studentenvisagen, baskenbemützt, „obbedruff stehts Zipfele“ (die „Heinrich Böll-Klitoris“ (Bdolf)). Unvermittelt aus betongefaßtem Loch, stadtherwärts: Schwall Maggiwürze. Singen soll. Singen soll total danach riechen. Einer schreit, nah am Wahn: „bin noch mit Rücktritt aufgewachsen! Glotz net so! Am Fahrrad der Rücktritt, du Laus!“ (Könnese des Würschtle bitte grad zsammelege?) Aus blau schillernden Fenstern dringt Punkrock, hocken sie bei Spieleabenden über Sigillenmagie, picheln ordentlich was weg. Obstlermuff. Aus dem Mond schwirren eiernde Lebensräder, über die geflochten unsre Ahnen dunkel käuzchenrufen. Aufs Trottoir hinschlagende Damen („ich hab mein Traumgwicht längscht überschritte, 80 Kilo, un jedes Pfund hett Geld koschtet“). Machen sich nicht verrückt. Das Alter. In den stillgelegten Erdbeerfeldern huscht (?) was (?), bläht (?), pudelführend stöckelt sie einher in Leopardenfellimitat, raucht schlanke Ladyzarette: die Vorgabe für den Satz: „so Typen finsse echt in jeder deutschen Drissstadt, eh, guck dich domma um!“ Gelehrtengrafito: Mein Name sei Unterbrücken. Tauben. (Glossiert: Du wünschst, Du hießest Tauben, wärest gern derer ein Schwarm? Nein! Allein solche Wünsche haben zu wollen, ist bei Dir nichts als linksakademische Verblendung. Dein Penner.) Ausm blau schillernden Flüßchen dringt Psycho-TV. Hallo, Herr Lang, hasch du mal en Moment, dann mach ichs Beutele. Und wenn er den Moment nicht hat, der Herr Lang? Keine Frage: machen sie sich nicht verrückt. Gilts halt, den Momenthaufen wegzuschippen. Es gibt selbst im Alter immer noch so viel Lebensqualität zu genießen. Ausm blau schillernden Mond dringt eine wohlbekannte Melodie. Die Birnen hangen tief über der Grasnarbe. Guak, tunkt Ente ihrn vorlauten Schnabel ins heilignüchterne Wasser. Im Garten hat sich ein Werwolf vergraben, gleich unter der Petunienschaukel.

Eine Mission (3)

Ich flog einige Tage stur Richtung West, irgendwann drohte mich eine Art klaustrophobischer Koller zu überwältigen, ich fasste den Entschluss, mir am Boden etwas die Beine zu vertreten, nebst der Verschaffung einer Portion menschlicher Ansprache.
Die mitgeführte Landkarte war in dem Bereich, in dem ich mich befinden musste, schon sehr vage, deswegen musterte ich Ortschaften im Überfliegen, ob etwa ein Landefeld vorhanden sei. Nach einigen Stunden angestrengten Ausgucks wurde ich tatsächlich fündig.
Unter mir zeichnete sich eine Einrichtung ab, die ungefähr dem Behelfsflugplatz unserer Heimatgemeinde entsprach.
Ich landete und ward freundlich aufgenommen. Meine kindische Angst, ich könne bereits die Grenze überflogen haben, war natürlich vollkommen unbegründet. Der kleine Flugplatz und das dazugehörige Landstädtchen waren so Teil unserer Republik, wie es nur etwas sein konnte.
Halbherzig ersuchte ich um eine Wartung meiner Maschine, ein zuständiger Bediensteter nahm sie in Augenschein und versicherte eilfertigst, ähnlich wie man mir bereits ausgeführt hatte, das Flugzeug sei praktisch wartungsfrei, aber wenn es mich beruhige, könne er selbstredend einige technische Parameter überprüfen, die Ladefähigkeit des Akkumulatorensystems, zum Beispiel, und selbige fiel prompt zu seiner allerhöchsten Zufriedenheit aus, worauf auch ich mich zufrieden gab.
Ich verbrachte dort einige Tage, war etwas wandern und genoss die einfache, aber kernige örtliche Küche.
Dann flog ich weiter nach Westen.
Ich gewöhnte mir eine Art Routine an.
Ich blieb drei, vier Tage, manchmal auch länger in der Luft, dann suchte ich mir einen geeigneten Landeplatz, frischte meine Vorräte auf, vertrat mir die Beine, und setzte meine Reise fort.
Erwartete ich anfangs noch, irgendwann in einer fremden Mundart begrüßt zu werden, so sah ich im Lauf der Zeit ein, dass diese Reise doch langwieriger Natur sein werde, als zunächst angenommen.
Die Jahre zogen ins Land.
Meine Maschine hielt sich hervorragend.
Ich hatte über all die lange Zeit keinerlei Havarien oder Ausfälle.
Im Gegenteil, sie schien immer perfekter zu funktionieren. Was natürlich ein Unsinn ist, denn eine Maschine ist eine Maschine – sie funktioniert oder ist kaputt. Entweder oder –
Eines Tages lernte ich bei einem meiner Zwischenstopps eine bezaubernde junge Frau kennen.
Wir verbrachten eine herrliche Zeit in ihrem kleinen Landstädtchen.
Als es für mich wieder hieß, meiner Pflicht zu folgen, schloss sie sich mir an.
Wahrscheinlich war es bei einer dieser Gelegenheiten, bei denen ich die Vorzüge des perfekten Autopiloten in Anspruch nahm, dass wir unser erstes Kind zeugten.
Unser erstgeborener Sohn blieb mit uns an Bord, die anderen Kinder mussten wir leider unterwegs an Pflegeeltern übergeben, der Platz in der Maschine ist nun einmal nicht unbegrenzt.
Nun bin ich alt, meine Frau blieb bei einem unserer Aufenthalte zurück, ihre kranken Knochen konnten die Enge und Unbequemlichkeiten des Flugzeugs nicht mehr ertragen, aber mein Sohn blieb bei mir, unterdessen ein stattlicher junger Mann und in die Aufgaben eines Zollbeamten umfassend eingewiesen.
Insgeheim spüre ich meine Stunde nahen.
Bald werde ich nicht mehr sein.
Aber mein Sohn wird weiter nach Westen fliegen.
Und seine Söhne …
Und deren Söhne …
Bis zur Grenze!

Eine Mission (2)

Das war ein Aspekt, den ich noch nicht bedacht hatte. Aber dafür gab es ja Vorgesetzte. Alle Abteilungen unserer Einrichtung waren von Zeit zu Zeit routinemäßig zu überprüfen.
Raffelhüschen gab mir einen Augenblick Gelegenheit, das Gehörte zu verarbeiten.
„Sie haben sicher schon von älteren Kollegen gehört, dass sie sich noch erinnern können – oder in der Regel sich noch an Kollegen erinnern können, die noch im Gedächtnis hatten, dass wir wenigstens noch gelegentlich Funk- oder Telegraphenkontakt zu unseren Grenzübergangsstellen hatten – die alten Zeiten, wir hier im Bezirkshauptstädtchen die Bürokratie, draußen, an der Landstraße, die Kollegen Frontschweine – “, hier musste er verklärt lächeln, „ab und zu mal vorbeigehen, gucken, ob alles in Ordnung, das Kassenbuch gegenzeichnen, konfiszierte Asservate an die Staatsanwaltschaft überbringen – all so Sachen – ach – Tempi passati –“
Der Abteilungsleiter musste sich schnäuzen. Vielleicht bedurfte er auch eines Augenblicks, um seine innere Bewegung zu bewältigen.
„Aber – heute – wir sind weit im Binnenland, haben keine Ahnung, was unsere Grenzbeamten so treiben, wie sich die Dinge da an der Außengrenze entwickeln – wir sind aber gottverdammt dazu verpflichtet, uns darüber Aufschluss zu verschaffen – !“
Zuletzt war seine Stimme von eisiger Entschlossenheit geprägt.
Er deutete mit seinem ausgestreckten Zeigefinger auf mich: „Und Sie sind unser Mann! Der uns darüber die notwendige Aufschlüsse geben wird!“
Mir wurde schwindelig.
In knappen Worten wurde ich in Kenntnis gesetzt, dass es sich bei meiner Person nunmehr um einen außerordentlichen Sonderinspektor mit weitreichendsten Befugnissen handeln würde, dass ich mit sofortiger Wirkung drei Gehaltsstufen aufgerückt sei und in eigener Verantwortung über ausreichend bemessene Reisespesen verfügen dürfe.
Er gab mir zwei Stunden, um zu packen und einige Vorkehrungen betreffs meiner Unterkunft zu treffen, was keine große Sache war, da ich ja direkt nebenan im Wohnheim für ledige Beamtenanwärter logierte.
Sofort als diese geringfügigen organisatorischen Erledigungen abgehakt waren, nötigte er mich in seinen Dienstwagen.
Wir fuhren zu dem kleinen Behelfsflugplatz unserer Ortschaft.
Er lotste mich in einen Hangar, der mit dem prächtigen Wappen unserer Republik versehen war.
Ich blickte mich um und wurde eines Flugzeugs merkwürdiger Konstruktion gewahr.
„Ja – da staunen Sie – was Schulze – ein Ultraleichtflugzeug allerneuester Konstruktion!“, Raffelhüschen machte eine ausholende Geste, „die gesamte Fahrzeughülle besteht aus Solarzellen – ich darf bemerken, allereffizientesten Zuschnitts, brandneu – das Innere ist praktisch ein einziger gigantischer Akku – sogar die Lenksäule speichert Strom! – und für alle Fälle ist – natürlich super abgeschirmt und gesichert! – im Heck ein thermonuklearer Plutoniumzerfallsstromgenerator – falls mal doch längere Zeit ohne Helligkeit – das Ding braucht längst keine Sonne mehr – Tageslicht reicht, tolle Sache, was Schulze?“
Ich roch den Braten. Ich versuchte halbherzig zu protestieren. Ich scheitere ja schon an der Bedienung eines Segelbootes. Physik überlasse ich dito sowieso den Kanzlerinnen unserer Republik.
Harsch wurde ich belehrt, „für so moderne Dingens bräuchte es gar keine Fachkenntnisse mehr!“ Und ein Flughafenbediensteter werde mir die nötige Einweisung geben.
Tatsächlich befand ich mich keine halbe Stunde später in der Luft, mein weniges Gepäck an Bord verstaut, und mit einem Dienstausweis versehen „der mir vor Ort alle etwa nötige Unterstützung sichern würde!“.
Da man sich noch zu erinnern vermeinte, unser Zollamt sei ehedem für einen Abschnitt an der westlichen Grenze der Republik zuständig gewesen, wurde ich dementsprechend nach Westen geschickt.

Eine Mission

Der Rhein in seiner Funktion als Grenze diente zahlreichen und dient bis heute (nicht mehr ganz so zahlreichen) Literaten als Aufhänger und Inspiration zur Reflexion über Identitäten, Verschiedenheiten und Möglichkeiten der anwohnenden Volksstämme. In der folgenden Geschichte von Bdolf (einem der privaten Rheinsein-Förderer und genialen Zuträger zahlloser Anekdoten aus dem Hoch- und Oberrheinraum) wird der deutsche Schicksalsstrom nicht explizit erwähnt und der Andere/Fremde verschwindet einfach hinter den greifenden Maßnahmen eines umfassenden Regelwerks, jedoch dürfen Breisgau und Markgräflerland stillschweigend als Ausgangslage der prekären Mission begriffen werden, der weitere Kurs scheint deutlich gen Elsaß gesetzt, und natürlich regiert der Trash, ein hochmetaforischer zudem, wie stets in Bdolfs heimatverbundenen Geschichten, wie stets auch in echt, sobald die Menschheit oder repräsentative Teilmengen daraus in Aufbruchslaune geraten. Was in Geschichtsbüchern stets dreist heroisiert und verstaatsmännlicht wird, beschreibt Bdolf aus der sympathischen Sicht des kleinen Mannes, der den Job zu erledigen hat. Ein Gastbeitrag in drei Teilen:

Eine Mission (von Bdolf)

Ich war überrascht.
Obwohl ich nicht das kleinste Rädchen in unserer Behörde darstelle, kam ein Auftrag dieser Größenordnung doch vollkommen unerwartet.
Es mochte damit zusammenhängen, dass man davon ausging, ich habe die geringsten persönlichen Bindungen in meiner Rangstufe. Damit sind vor allen Dingen solche familiärer Natur gemeint.
Ich bin kinderlos und habe derzeit keine feste Beziehung.
„Sie sind der Mann! Dafür!“, orakelte Dr. Raffelhüschen, der Abteilungsleiter.
Unsere Situation ist eigenartig.
Wir sind ein Bezirkszollamt der Republik.
Wie schon der Name sagt, „Zollämter“ sind für gewöhnlich in der Nähe einer Grenze angesiedelt.
Zölle an sich spielen schon lange keine heraus gehobene Rolle mehr, gelang es doch durch eine Annäherung und Aussöhnung mit den angrenzenden Nachbarn Handel und Wandel deutlich von bürokratischen Hemmnissen zu befreien und wesentliche Erleichterungen für den Geld- und Warenaustausch einzuführen.
Entsprechend ist in der jüngeren Vergangenheit die Bedeutung der direkten Zölle zurückgegangen; würde unsere Behörde sich nicht auch mit allgemeiner Gewerbeaufsicht, Kontrolle der Hygiene, der Arbeitsvorschriften und des Eichwesens befassen – längst hätten vorgesetzte Stellen entscheiden müssen, ob eine derartige Einrichtung sich noch lohnte, noch zeitgemäß oder nicht überlebt und überflüssig –
Die ganz alten Kollegen vermeinen sich noch zu erinnern, „als sie damals anfingen, wäre mit den Zollabgaben noch richtig Geld gemacht worden …!“, es gibt aber unter ihnen auch durchaus ernst zunehmende Stimmen, die zu Protokoll geben, „zu der Zeit, als sie damals anfingen, habe es noch ältere Kollegen gegeben, die sich noch hätten erinnern können, früher sei mit dem Zoll auf ausländischen Waren noch Geld verdient worden …!“, ich für meine Person jedenfalls kann mich nur an Geldeintreibungen aus Strafbefehlen wegen Nichtbefolgens einschlägiger Vorschriften entsinnen, meines Wissens kam es während meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht vor, dass der gewichtige blau-rote Ordner mit den amtlichen Abgabesätzen aus dem Regal hätte geholt werden müssen.
Manche meinen, er sei längst verloren gegangen und selbst wenn so ein Fall sich je wieder ereignen sollte, könne unsere Behörde daher schon nicht wie vorgesehen agieren.
Da es sich hierbei um einen rein theoretischen Fall handelt, ist es absolut unnötig, sich mit müßigen was-wäre-wenn-Überlegungen aufzuhalten.
Dr. Raffelhüschen war außergewöhnlich ernst.
„Schulze Zwo – wir haben hier ein wirkliches Problem … !“, er hatte mich in sein Büro gebeten, nicht ohne etwas von „äußerster Diskretion!“ zu zischeln, ich war vor seinen enormen Schreibtisch komplimentiert worden, hatte mich auf seine Aufforderung hin platziert, nun fixierten mich seine stahlblauen Augen und er beabsichtigte offenbar weitergehende Ausführungen.
„Die Lage ist ernst – Schulze Zwo!“ – „Schulze Zwo“ war mein behördeninterner Name – „Schulze Eins“ war ein dienstälterer Kollege in der Fachregistratur Eichbetrug, ich als dienstjüngerer also „Schulze Zwo“, so wollte es der Brauch bei Namensdoppelungen – Sie wissen von dem merkwürdigen Phänomen mit unseren Grenzen – nun gut, in dieser Hinsicht können wir uns immer sagen, unser Land wächst – höchst erfreulich – also dehnt es sich aus – hm … ähm … “, unsere Blicke begegneten einander.
„Aber“, nach kurzem Innehalten, bei einem so merkwürdigen Thema war seine nur zu offensichtliche Unsicherheit verständlich, „nun sind anscheinend auch die Verhältnisse hier im Inneren betroffen – unser Kontakt zur Hauptstadt wird immer spärlicher … immer langwieriger und umständlicher, neuerdings scheint auch die Distanz durch Funk und Telegraphie nur mehr sehr langwierig und umständlichst zu überbrücken … –“
Mit einem kennerischen Nicken quittierte er meinen bestürzten Gesichtsausdruck.
„Schulze – auch ohne ausdrückliche Anordnung durch unsere vorgesetzte Behörde, es ist an der Zeit unsere Grenzeinrichtungen einer Revision zu unterziehen … Sie verstehen – der dienstplanmäßige Revisionszyklus … !“
Ich schluckte trocken.

Freiburger Notizen

Die Ereignislosigkeit der Tage, dünn mit Sehnsüchten überspannt. Handygequake der Mitreisenden, Rheinkilometer für Rheinkilometer. Der Zug schüttelt sich, als hätt er jemand überfahren, wieder zucken die Reisenden mit den Mundwinkeln. Zwei Minuten Verspätung. War wohl eher n niederes Tier. Südlich von Mannheim entspannt sich die vorübergehend ideenlose Landschaft und macht wieder ein paar hübsche Sachen. Getragene Lichtfarben spreizen sich übers Oberrheintal, ein Paradies zweiter Hand: einst, heißt es, prallte der Rhein gegen den Isteiner Klotzen und wurde von diesem abgelenkt ins Rhônetal, voreinst war eh alles Wasser hier, da wär so ein Rhein garnicht sonderlich aufgefallen. Unter den Schienen knirschen leise die Muschelschalen als Relikte jener schwer vorstellbaren, somit poetisch nachladbaren Zeit. Wir befinden uns nun eindeutig in den langsameren Regionen unserer Republik. Neben mir ordert eine ältere Dame in kanariengelbem Kostüm energisch ein Bier, bewährtes Mittel unter Auswärtigen zur Geschwindigkeitsangleichung. Draußen: grün unterfütterte Kühe, beschattet von Zierwolken vor Schwarzwaldelektrokardiogramm. In Freiburgs Vorgärten leuchten Petunien und Goldlack in überirdischen Farben. Auf den Straßen diverse Karl Marxe. Mit Bdolf, dem dunkelsten Denker, bis in den frühen Morgen die Menschheits- und Kulturgeschichte zum mindesten Europas zerzaust. Sie flockt ganz schön aus dabei, die alte Geschichte, an andern Stellen klumpt sie deftiger als gewohnt. Be- und entschleunigt wird sie ohnehin seit geraumer Zeit von vorgreifenden und rückwirkenden, jedenfalls durch und durch badischen Brauereierzeugnissen aus dem nahegelegenen Rothaus. Ausgangspunkt solch nächtlicher Hirnchirurgie: jüngst entdeckte, steinerne Alemannengräber am Hochrhein, archäologisches Rauschgift sozusagen. Blütenreisen ins Jenseits, womöglich bis tief in die Gefilde seltener Gottheiten. Der Sprachlappen des Neanderthalers. Die Spirallastigkeit des japanischen Spielfilms. (Was wissen diese Kulturen, das wir nicht wissen?) Die Grauwerte der Theorie: Verschlechterung durch Verbesserung, Stillstand durch Fortschritt – ganz allgemein die Fragwürdigkeit von Erkenntnis in Zusammenhang mit herrschenden Deutungsmechanismen, zb bzgl der Kelten im Abgleich mit den nordischen Sumpfvölkern. Es paßt noch viel mehr in eine einzige, an beiden Enden angestauchte Nacht: so mag es sein, daß bisher klandestine Teile des Rheins unterbewußt antizyklisch und sogar rückwärts fließen. Google Earth ist da seit kurzem dran.

Freiburger Notizen

Über Freiburg wacht der Windbohrer, ein Eichenmann von Thomas Rees, mit seinem forsch in den Himmel gerichteten Handwerkzeug, droben aufm Schauinsland, wo ich in Bdolfs, des dunkelsten Denkers, Begleitung ein wenig rumheideggerte, wacht also dort, dh steht vielmehr da, als Symbol für sinnlose Verschwendung, beobachtet von Weißtannenwesen, beglotzt von Touristen, selten sogar be(gegen)heideggert von Semi- über Anti- bis Nonheideggerianern. Mit den Skulpturen hats Freiburg. Inmitten der sozialen Brennpunkte Freiburg-West tun sich einladende (und nicht etwa versengte, zerkraterte bzw vermüllte) Rasenflächen auf und bieten Grundfläche wie Sichtschneise für Kunst im Freien, die aufgrund ihrer friedfertigen Mächtigkeit den Passanten zum Nichtstun verleitet: ein gewaltiger skulpturaler Wasserhahn speist einen noch gewaltigeren skulpturalen Schlauch von gewiß 100 Metern Länge, aus dessen Ende es in ein kleines Bassin tröpfelt; ein Graffito auf dem Metallschlauch behauptet: „Jules, den spülts“. Gegenüber parkt Chicken Man`s verbarrikadiertes Imbißkabuff, ein Pkw-Anhänger, der schon zigtausende halber Hähnchen beherbergt haben mag. (Doch wer ist Chicken Man? Ein Juju-Priester?) Nächst St. Albert vom Sozialen Brennpunkt und der Heiligen Esso-Nachttanke ein Wegkreuz: „Dieses Kreuz wurde errichtet zur Sühne für den Tod des Bischofs von Strassburg Konrad von Lichtenberg. Er fiel hier im Kampf gegen die Stadt durch die Hand eines Freiburger Metzgers 29. Juli 1299“ Christenfetische, getränkt mit Blut, verklärt zu Überwesen. St. Albert sieht denn auch aus, als würden dort in 20 Jahren einige Punksenioren als (wegen Altersmilde bzw -schwachsinn) zurückgewonnene Schäflein trillernde/n a capella-Versionen (im 20er Jahre-Stil) von God save the Queen von den Sex Pistols wahlweise zu Gehör bringen oder lauschen. Menschentreffs an Straßenbahnhaltestellen. Die sich der Innenstadt zustülpen, wo zyklopische grüne Kugelmonster unter einem säulengestützten Hofdurchgang graue Hochhauswälder erklimmen, Brücken im braunen Himmel enden, gesichtslose Menschen auf leeren Autobahnen Parcours laufen, der Rap-Dämon STN hat seinen Namen zwischen quallöse Geschöpfe in Silber und Grau gesetzt, doch über den apokalyptischen Himmeln aus Spraylackdosen schlumpft der echte über der Alternativspießermetropole mit ihren Multikultibrillenträgern und intellektuellen Bettlern, die lässig auf dem Pflasterboden hocken („Freiburger Schneidersitz“): „Du, ich brauch noch e bissle Kleingeld für de neue Pschyrembel.“