“alles ist Karlsruhe und wunderschön”

beschließt Ronja von Rönne ihren Text, mit dem sie vor wenigen Tagen im Wettbewerb um den diesjährigen Bachmannpreis las. Begonnen hatte sie ihn so:

“Wir können ja nach Karlsruhe fahren”, sagte er, und weil seine Frau sehr verliebt war, sagte sie, “Nach Karlsruhe! Ich liebe Bayern!”, und weil ihr Mann sehr verliebt war, sagte er nicht: “Karlsruhe liegt aber in Baden-Württemberg.”

Zwar bleibt die badische Residenzstadt in Rönnes Text so unscharf, daß es sich genausogut um jede andere Stadt handeln könnte, auch eine bayerische, die Hotels, Bars und einen dm-Markt aufweist, doch nennt Rönne die Stadt in ihrem Text nunmal explizit Karlsruhe, dem unser titelgebendes Halbzitat (den kompletten Satz verschweigen wir an dieser Stelle wie auch den Rest des Textes, der just als in Karlsruhe eine innerstädtisch-öffentliche Partynacht bei 32 Grad in den frühen Morgenstunden stattfand, nämlich am 04 Juli in der Welt abgedruckt wurde) als City-Claim sicher besser zu Gesicht stünde als vorangegangene tatsächliche, eher dröge-technokratisch klingende.

Bayerischer Rhein (2)

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Einen Blick auf das bayerische Rheinufer von Maximiliansau, inklusive dampfgetriebener Fortbewegungsmittel zu Wasser und zu Lande, offeriert diese undatierte Grußpostkarte aus dem badischen Maxau. Zur Brücke, einer kombinierten Eisenbahn-Schiffsbrücke, schreibt das Karlsruher Stadtwiki: “Am 8. Mai 1865 wurde sie eröffnet. Sie verfügte über ein einspuriges Gleis sowie über eine Fahrspur für den Individualverkehr. Mit 34 Pontons, einer Breite von 12 Metern und einer Länge 363 Metern sowie drei ausfahrbaren Jochen an jeder Uferseite wegen dem wechselnden Fahrrinnenverlauf war sie die erste Eisenbahnschiffsbrücke Deutschlands und wurde damals als Wunderwerk der Ingenieurskunst viel bestaunt. Sie ermöglichte der Maxaubahn die Verbindung und Weiterfahrt ohne Umsteigen in die bayrische Pfalz. Wegen der begrenzten Tragfähigkeit dieser Brücke wurden die normalen, für die Brücke zu schweren Dampfloks abgekoppelt und die Waggons durch eine speziell hierfür konstruierte, besonders leichte Kleinlokomotive, der sogenannte „Brückenhexe“, auf die andere Rheinseite gezogen. Bei schwerem Eisgang im Winter mußte sie allerdings ausgeschwommen und stillgelegt werden. (…) Die gefundene Lösung erwies sich bald als Engstelle für alle Verkehrsbeteiligten, da der Individualverkehr nur passieren konnte, wenn die Brücke geöffnet war und kein Zug verkehrte. Durchschnittlich war die Brücke im Jahr 1912 täglich neun Stunden geöffnet und etwa 42 Minuten pro Öffnungsvorgang. Danach durften die wartenden Rheinschiffe wieder passieren.”

Leuchttürme des Rheins: Abschnitt Bodensee – Lindau

Die Wahre Schifffahrt ist die Schifffahrt der Herzen.
So geht es vom Jungen Rhein in den Bodensee, in Constantium weiter in des Stromes Bett.
Zuvörderst will aber der Bodensee (immerhin 41 m Höhendifferenz O-W infolge Erdkrümmung) gequeret sein.
Dem Schiffer erscheint ein Licht, so der Sturm aufkommt, auf Hoher See – der rettende See zu Lindau, selbiges im Bayerischen gelegen.
Das Hafenbecken errettete manchen wackeren Fahrensmann – oder –frau vor der Sturmnot, dem Seebeben und dem Tsunami.
Auf der westwärtigen Mole findet sich ein artiger Leuchtturm, nicht übermäßig in der Höhe, den Maßgaben des – verglichen mit der Hohen See – durchaus mäßigen Bodensees.
Er weiset mit seinem Licht den Weg ins sichere Becken, Rettung vor dem Zorn des Sturmgottes und dem allfälligen Treiben der Seeteufelschaft.
Gegenüber wollte der glorreiche König Ludwig – weiser Herrscher über die Bayernlande – seinem Geliebten, Oberst Freiherr von Maßgiebel, ein Denkmal seiner Anmut setzen. Zu diesem Behuf sollte der gnädige Herr Freiherr als ein Löwe dargestellt werden, der das zierlich-sanfte Antlitz des großbayerischen Wehrmannes statt des Löwengesichtes tragen sollte.
Dies hinwiederum wurde in den seinerzeitigen Zeiten als ein groß Skandalum angesehen, weswegen der glorreiche König Ludwig einen gewöhnlichen, aber großen, Löwen auf die ostwärtige Mole setzen ließ.
Im Herzen aber trug der weise König Ludwig das Abbild seines Geliebten.

(Ein Gastbeitrag von Bdolf und fünfter Teil seiner Serie über die Leuchttürme des Rheins. rheinsein dankt!)

Leuchttürme des Rheins: Bregenz (Übergänge – Rites de Passage)

Der Junge Rhein aber mündet in den Bodensee.
Mäandernd über den Lauf der Zeiten hinweg veränderte der junge Strom sein Bett.
Insofern stellte sich eine große Frage – wo den Leuchtturm platzieren, der die Einfahrt vom See in den jungen Fluss ostwärts markieren sollte?
Alle Jubeljahr eine neue Mündung, alle Jubeljahr Versandung, Irrflusslauf, Ausbaggern mit Handschaufeln und Delphinkarren – dazu Versumpfung und Vernässung im weitläufigen Delta der Rheinmündung – gut für Schlauchboot und Floß, aber schlecht für Weiße Flotte und Schiffskiel.
Also wurde auf dem Konzil zu Nonnenhorn beschlossen, dem Fluss ein verbindliches Bett aufzuzwingen und selbiges durch steten Eifer und ewige Tat beizubehalten.
Die größten Gelehrten und Wasserbauer des Dreiländerecks Großbayern, Ostmark und Eidgenossenschaft gewannen im Gelände einen Eindruck der vollständigen Situation und einigten sich in der Folge auf einen verbindlichen Flusslauf, den sie mit blauer Tinte auf eine genaue Karte des Gebietes eintrugen.
Dieser Flusslauf wurde mit großer Vehemenz im Gelände umgesetzt, endlose Großklafter Erdreich mussten bewegt werden, Gräben gegraben, andere zugeschüttet, höchst feine künstliche Wasserläufe angelegt, Röhren verdohlt, natürliche Feuchtigkeitsverhältnisse reguliert, Bachbetten genutzt und etwelche andere Tätigkeiten ausgeführt werden.
Nach Murren fügte sich der Junge Rhein in sein neues Bett.
An der Stelle des Überganges wurde ein artiges Lichthäuserl errichtet – geweiht dem Angedenken des später seliggesprochenen Käpt’n Bahabs, dem Urvater der Bodenseepiraten.
Seitdem ist nur selten noch ein Schiff auf Grund gelaufen oder zerschellet, weil es die Einfahrt in den jungen Fluss nicht gefunden.

(Ein Gastbeitrag von Bdolf, der sich in einer Serie mit den Leuchttürmen des Rheins beschäftigt. Die mythischen Gründe des Bregenzer Leuchtturms waren bereits Gegenstand einer ersten Betrachtung des dunkelsten Denkers. rheinsein dankt!)

Hume an der Donau: as it were in an opera

The Danube, 7th of April.

We have really made a very pleasant journey, or rather voyage, with good weather, sitting at our ease, and having a variety of scenes continually presented to us, and immediately shifted, as it were in an opera. The banks of the Danube are very wild and savage, and have a very different beauty from those of the Rhine; being commonly high scraggy precipices, covered all with firs. The water is sometimes so straitened betwixt these mountains, that this immense river is often not sixty foot broad. We have lain in and seen several very good towns in Bavaria and Austria, such as Strauburg, Passau, Lintz; but what is most remarkable is the great magnificence of some convents, particularly Moelk, where a set of lazy rascals of monks live in the most splendid misery of the world; for, generally speaking, their lives are as little to be envied as their persons are to be esteemed.
We enter Vienna in a few hours, and the country is here extremely agreeable; the fine plains of the Danube began about thirty miles above, and continued down, through Austria, Hungary, &c. till it falls into the Black Sea. The river is very magnificent. Thus we have finished a very agreeable journey of 860 miles (for so far is Vienna from the Hague) have past through many a prince’s territories, and have had more masters than many of these princes have subjects. Germany is undoubtedly a very fine country, full of industrious honest people; and were it united, it would be the greatest power that ever was in the world. The common people are here, almost every where, much better treated, and more at their ease, than in France; and are not very much inferior to the English, notwithstanding all the airs the latter give themselves. There are great advantages in travelling, and nothing serves more to remove prejudices; for I confess I had entertained no such advantageous idea of Germany; and it gives a man of humanity pleasure to see that so considerable a part of mankind as the Germans are in so tolerable a condition.

(David Hume)

gleichsam der Fluß aller Flüsse

(…) Deutschland, dem die Donau nur in ihren Anfängen gehört, hat einen zweiten Strom wie der Rhein nicht aufzuweisen. Wir gehen weiter und sagen, Europa, das heisst hier die Welt, besitze seines Gleichen nicht. Man hat Deutschland das Herz Europa’s genannt; weil aber das Herz der Sitz der Leidenschaften ist, so wollten Einige dem immer heftig aufgeregten Frankreich die Ehre vindiciren, für das Herz Europa’s zu gelten. Gesteht man Deutschland und Frankreich gleiche Ansprüche darauf zu, so muss das im Herzen beider gelegene Rheinland den Sieg über beide davontragen. Entscheidet man sich für das tiefer fühlende Deutschland, so lehrt die richtige Ansicht von dessen natürlichen Grenzen, dass der Rhein mitten durch das Herz dieses Weltherzens fliesst. Die Welt ist zwar rund, mithin ihre Mitte, wie ihr Ende überall; aber als eine Wohnstätte der Völker hat die Erde ihre Mitte da, wo sich die mächtigsten und gebildetsten Nationen begegnen. Und auch dies entscheidet für den Rhein, denn an seine Ufer, die England alljährlich mit zahllosen Abgesandten überschwemmt, grenzen ausser Frankreich die wichtigsten deutschen Staaten, Oesterreich, Preussen, Baiern und Würtemberg, anderer zweiten und dritten Ranges nicht zu gedenken; die Schweiz und Holland liegen in seinen Quellen und Mündungen und Belgien wird durch eine Eisenbahn mit ihm in Verbindung gesetzt. Durch diese und ähnliche grossartige Unternehmungen, die theils schon im Bau begriffen, theils beschlossen und genehmigt sind, wohin auch der Donau-Main-Canal gehört, wird das Rheinthal immer mehr das werden, was es jetzt schon ist, die Hauptstrasse der gebildeten Welt, der Markt und Sammelplatz aller Nationen, der grosse Corso für die Faschingsfreuden der schönen Jahreszeit, zu welchen einzuladen sich dieses irdische Paradies mit immer neuen Reizen schmückt. Nirgend ist der Völkerverkehr lebendiger, die stündlich abgehenden Schnellposten mit ihren Beiwagen, die goldglänzenden Dampfschiffe, vor deren umgeschwungenen Rädern der Strom nicht zur Ruhe kommt, die geräumigen, mit der verschwenderischen Pracht der Palläste eingerichteten Gasthöfe wissen die Menge der Reisenden nicht fortzuschaffen, die Zahl der Fremden nicht unterzubringen. Man ist nicht mehr in Deutschland, man fühlt sich in der grossen Welt. Für die Bedürfnisse der Reisenden, für alle erdenklichen Bequemlichkeiten wird mit einem Raffinement gesorgt, das man ohne Lächeln nicht wahrnehmen kann. Reisebücher, Karten, Panoramen, malerische und plastische Darstellungen einzelner Gegenden wie grösserer Strecken, Sagensammlungen in Versen und Prosa, und tausend andere Reisebehelfe sind in allen Kunst- und Buchläden in solcher Fülle zu Kauf, dass zwischen Mainz und Köln kaum ein Haus, kaum ein Baum gefunden wird, der nicht schon eine Feder oder einen Grabstichel in Bewegung gesetzt hätte. Diese Gegend ist so vielfältig beschrieben, abgebildet und dargestellt, dass man zuletzt das Postgeld schonen und sie mit gleichem Genuss in seinen vier Wänden bereisen kann. Auf eine solche malerische Reise im Zimmer ist es auch hier wieder abgesehen.
Den Namen Rhein (hrên, Rhenus) führte der Strom schon, ehe deutsche Völker seine Ufer in Besitz nahmen. Es hat so wenig gelingen wollen, ihn aus dem gleichlautenden deutschen Worte (rein), als aus einem griechischen, welches fliessen bedeutet, abzuleiten. Mag aber sein Name in seiner ältesten Form keltisch sein, der Strom selbst ist seit fast zwei Jahrtausenden deutsch wie seine Anwohner, die mit den Kelten selbst auch jenes keltische hrên verdrängten und durch eine ähnlich klingende appellative Flussbenennung ersetzten. Uns hiess also der Rhein der Fluss überhaupt, gleichsam der Fluss aller Flüsse. Und von jeher war dieser Name ein süsser Klang in einem deutschen Ohre. Wie oft und gern flochten die Minnesinger ihr sehnsüchtiges alumbe den rîn ihren schönsten Liedern ein, zuweilen ohne weitern Grund, nur des lieben Namens willen. Heute noch, wenn es in unserm Nationalgesang, in dem Rheinweinliede des trefflichen Claudius an die Stelle kommt, wo es heisst: Am Rhein, am Rhein! wie stimmen alle Kehlen vollkräftig mit ein, wie klingen alle Römergläser an, wie schüttelt der Deutsche dem Deutschen die Hand, wie fühlen sich alle Theilnehmer des Festes, so zufällig sie zusammengekommen seien, in dem Gedanken an den geliebtesten unserer Ströme befreundet und verbrüdert! Was ist es, das diese magische Wirkung auf die Gemüther übt? Ist es der Duft der Rebenblüthe, der sich im Becher verjüngt; oder der edle Geist des Weins, der von dem Zauberwort erlöst in uns üherströmt? Oder weht uns der frische Hauch des Rheinthals an, die gesunde Alpenluft, die der Strom von den Gletschern seiner Heimat bei sich führt? Ist es der königliche, tiefgehende Fluss selbst, der seine klaren, grünen Wogen mit deutscher Ruhe von der Schweiz bis Holland wälzt? sind es seine gepriesenen, viel besungenen Ufer, das jährliche Ziel einer neuen Völkerwanderung? sind es die sanftgeschwungenen Rebenhügel, denen der geistreichste Most entströmt, oder die starren Felsen, von denen Schlösser und Burgen als Zeugen einer grossen Vergangenheit niederblicken? Ist es der kräftige Genius des Mittelalters, an den jene Ruinen mahnen, oder der Geist der neuern Zeit, der nirgend vernehmlicher als am Rheine zu uns spricht? Sind es die geschichtlichen Erinnerungen, oder die alten vertrauten Sagen? lst es die schöne Gegenwart, oder die lachende Zukunft, was uns vor die Seele tritt, wenn der Name Rhein unsergreift? Dies Alles erschöpft den Zauber des Wortes nicht, und wenn sich noch tausend andere Vorstellungen unbewusst mit jenen verbünden, so würde doch die Magie des Namens unenträthselt bleiben. Wer sich aber auf die Anatomie der Gefühle verstände, wer seine leisesten Empfindungen zergliedern könnte, der würde vermuthlich finden, dass in dem Namen des Rheins etwas Heiliges, etwas Heimatliches liegt, das seine Wirkung nicht verfehlt, obgleich wir sie uns nicht zu erklären wissen. (…)

(Karl Simrock, Das malerische und romantische Rheinland)

Fließtheorie

(…) Die Verhältnisse, welche zu berücksichtigen sind, wenn ein Hauptfluß ansehnliche Nebenflüsse empfängt, verdienen ebenfalls Beachtung. Wiebeking hat auch hierüber lehrreiche Bemerkungen mitgetheilt. Der Winkel, unter welchem die Ströme einander treffen, hat einen bedeütenden Einfluß auf den Stand und die Geschwindigkeit beider, und besonders des letztern. Soll die Vereinigung so von Statten gehen, daß daraus für beide keine Beschränkung oder Hemmung entsteht, so muß dieser Winkel, wie sich aus den Gesetzen der Hydrodynamik ergiebt, ein möglichst spitzer sein; denn in diesem Falle zieht der große Strom den kleinen an sich, ohne Unregelmäßigkeiten zu veranlassen, und vermischt sein Material mit dem seinigen. Ist aber der Winkel, unter dem sie sich treffen, ein rechter, oder gar stumpf, so wirft der Hauptstrom den Nebenstrom von sich, und der letztere wird zurückgestaut und kann nur langsam abfließen. Dieses Verhältniß steigert sich, wenn der Hauptstrom anschwillt und mächtiger wird; dann kann er wol den Nebenstrom weit hinauf zum Austreten bringen. So zeigt Wiebeking, daß der Rhein früher den Main bei hohem Stande drei Stunden oberhalb seiner Mündung über das Ufer zu treten nöthigte, ein Übel, welches auch noch gegenwärtig vorkommt, und dem man nur durch Erhöhung der Deiche steüern kann, da der Main seine alte spitzwinklige Mündung bei Cassel (Mainz gegenüber) noch nicht wieder erhalten hat. So sah auch Saussure einst die Wasser der Arve bei einem Anschwellen des Rhone rückwärts fließen. Ein großer Übelstand waltet in diesen Fällen ob: da nämlich die Kraft der Nebenflüsse plötzlich gebrochen wird, so lassen diese ihr Material schnell fallen und verursachen eine Versandung der Mündungen und des Hauptflusses. Wiebeking erlaütert dieses durch Beispiele und rügt sehr kräftig den Unverstand, welcher bei vielen Anlagen der künstlichen Leitung der Flußmündungen, namentlich am Rhein, begangen worden, wo man die Nebenflüsse zu einem Kampf mit dem Hauptfluß gezwungen hat, da doch die Gewalten beider so ungleich sind.
Es giebt indeß noch eine andere sehr verbreitete Ansicht über das Verhalten der Vereinigung zweier Flüsse, wovon wir noch etwas hinzufügen müssen. Man hat nämlich oft gesagt, daß, wenn ein Hauptstrom einen bedeütenderen Nebenfluß empfängt, seine Breite unterhalb dieser Vereinigung sich nicht merklich vermehrt und wenigstens wol selten in dem Verhältniß der beiden Durchmesser der Ströme, da sie noch getrennt waren. Bossut will dies dadurch erklären, daß nach der Vereinigung die Geschwindigkeit sich im Verhältniß der Wassermasse vermehre, und also kein weiteres Bette erforderlich sei; nicht genug hieran, hat man behauptet, daß die Hauptflüsse sich nicht erhöhen, wenn die Nebenflüsse selbst beträchtlich anschwellen, indem immer die Geschwindigkeit der vermehrten Wassermenge proportional sei. So soll u. a. der Main den Rhein nicht anschwellen, und eben so der Rhein umgekehrt nicht schmäler werden, wo er sich in die Waal und den Rhein scheidet, ja es ist hierauf sogar ein sonderbarer Vorschlag gegründet worden, wie die versandeten Flüsse Hollands zu reinigen sein würden. Wiebeking hat hierauf geantwortet, daß, wenn diese Ansicht richtig wäre, gar keine Überschwemmungen eintreten könnten, weil dann immer die vermehrte Geschwindigkeit des Flusses hinreichen würde, die vergrößerte Wassermenge abzuführen. Er fügt zugleich hinzu, daß, wenn auch in vielen einzelnen Fällen ausgezeichnete Abweichungen von der Regel vorkommen, es doch noch viel zu sehr an Beobachtungen fehle, um hierüber von irgend einem Strome etwas Vollständiges anführen zu können; so fließen z. B. alle Flüsse Baierns, der Inn, die Jser, der Lech u. s. w. bedeutend schneller als die Donau, in welche sie münden; und so weit Wiebekings Erfahrungen reichen, ist fast immer die Geschwindigkeit des Hauptflusses geringer, als die seiner Nebenflüsse, sobald beide niedrig stehen; erhöht sich aber einer von beiden, so ändert sich dieses Verhältniß. Bei niedrigem Wasserstande ist z. B. die Geschwindigkeit des Rheines geringer, als die der Sieg; schwillt dagegen der Rhein durch die Mosel und Ahr an, so tritt der umgekehrte Fall ein. Dabei ist es nicht zu übersehen, daß, wenn dieses Verhältnis; in aller Strenge begründet wäre, die Geschwindigkeit der Ströme endlich doch gegen ihre Mündungen am größten sein müßte, was aber, wie wir oben schon gesehen haben, nicht der Fall ist, so sehr auch die Theorie dafür zu sprechen scheint. (…)

(Heinrich Karl Wilhelm Berghaus: Allgemeine Länder- und Völkerkunde: Nebst einem Abriß der physikalischen Erdbeschreibung: ein Lehr- und Hausbuch für alle Stände, Stuttgart 1837)

Hume in Koblenz: the Rhine, the finest river in the world

Coblentz, 26th March.

We have made the pleasantest journey in the world in two days from Bonne to this town. We travel all along the banks of the Rhine; sometimes in open, beautiful, well-cultivated plains; at another time sunk betwixt high mountains, which are only divided by the Rhine, the finest river in the world. One of these mountains is always covered with wood to the top; the other with vines; and the mountain is so steep that they are obliged to support the earth by walls, which rise one above another like terraces to the length of forty or fifty stories. Every quarter of a mile, (indeed as often as there is any flat bottom for a foundation,) you meet with a handsome village, situated in the most romantic manner in the world. Surely there never was such an assemblage of the wild and cultivated beauties in one scene. There are also several magnificent convents and palaces to embellish the prospects.
This is a very thriving well-built town, situated at the confluence of the Moselle and the Rhine, and consequently very finely situated. Over the former river there is a handsome stone bridge; over the latter a flying bridge, which is a boat fixed by a chain: this chain is fixed by an anchor to the bottom of the middle of the river far above, and is supported by seven little boats placed at intervals that keep it along the surface of the water. By means of the rudder, they turn the head of the large boat to the opposite bank, and the current of the river carries it over of itself. It goes over in about four minutes, and will carry four or five hundred people. It stays about five or six minutes and then returns. Two men are sufficient to guide it, and it is certainly a very pretty machine. There is the like at Cologne. This town is the common residence of the Archbishop of Treves, who has here a pretty magnificent palace. We have now travelled along a great part of that country, through which the Duke of Marlborough marched up his army, when he led them into Bavaria. ‘Tis of this country Mr. Addison speaks when he calls the people —

Nations of slaves by Tyranny debased,
Their Maker’s image more than half-defaced.

And he adds that the soldiers were —

Hourly instructed as they urge their toil,
To prize their Queen and love their native soil.

If any foot soldier could have more ridiculous national prejudices than the poet, I should be much surprised. Be assured there is not a finer country in the world; nor are there any signs of poverty among the people. But John Bull’s prejudices are ridiculous, as his insolence is intolerable.

(David Hume)

Riesbeck über Köln (2)

(…) Den lezten, dritten Theil machen einige Patrizierfamilien, die Kaufleute und Handwerker aus, von denen die 2 andern Drittheile leben. Ueberhaupt ist Köln wenigstens noch um ein Jahrhundert hinter dem ganzen übrigen Deutschland zurück, Bayern selbst nicht ausgenommen. Bigotterie, Unsittlichkeit, Trägheit, Grobheit, Sprache, Kleidung, Meublen, kurz alles zeichnet sie so stark von ihren übrigen Landsleuten aus, daß man sie mitten in ihrem Vaterlande für eine fremde Kolonie halten muß. Ich habe nicht nöthig dir zu sagen, daß es auch hier, wie überall Ausnahmen giebt. Ich bin in einigen Häusern bekannt, wo der feinste Geschmack und die beste Lebensart herrscht; allein es sind der Ausnahmen doch sehr wenig.
Die Regierungsverfassung sezt diese Stadt so weit hinter die meisten andern Städte Deutschlands zurück. Nebst dem allen Republikanern eigenen Haß gegen Neuerungen, und der gewöhnlichen Ohnmacht und Trägheit ihrer Regenten, herrscht hier das unsinnige Zunftsistem noch mit ungleich mehr Stärke, als in irgend einer andern Reichsstadt. Nur einen Zug will ich dir mittheilen, um dir begreiflich zu machen, wie unmöglich es ist, daß diese Stadt gleiche Schritte mit dem übrigen Deutschland zur Kultur machen kann. Vor einigen Jahren ließ sich hier ein oberrheinischer Becker als Bürger nieder, der sich durch schönes Brod um so geschwinder eine zahlreiche Kundschaft verschaffte, da die übrigen Becker alle ein Brot backen, das nur ein Kölner genießen kann. Eifersüchtig auf das Glück dieses Mannes, stürmten seine Zünfter in sein Haus, und rissen ihm seinen Ofen nieder. Die Sache kam vor den Rath. An dem Tag, wo sie entschieden werden sollte, versammelten sich vor dem Rathaus nicht nur alle Becker, sondern auch ein großer Theil der andern Gildegenossen, Schuster, Schneider u. s. w. und schrieen vor der Thüre des Rathhauses, daß sie allen Rathsherren, wenn sie herunterkämen, die Köpfe einschlagen würden, wenn man der Beckerzunft nicht gegen den Neuling, der, dem alten Zunftgebrauch zuwider, anderes Brod gebacken, als seine Zünfter, Gerechtigkeit verschaffte. Der Rath kannte seine Leute, die auch wirklich schon den sogenannten Gewaltrichter, der den alten Reichsvogt repräsentiren soll, vor ihrem Zug vor das Rathhaus, in den Stadtgraben geworfen hatten. Erbaut durch dieses Beyspiel fällte also der hochweise Rath von Köln das Urtheil: “Daß der Becker, der sich unterfangen, die Gildegerechtsamen zu verletzen und unzunftmäßiges Brod zu baken, seinen eingerissenen Ofen auf seine Kosten wieder aufbauen, und in Zukunft kein anderes Brod baken soll, als wie alle seine Zunftgenossen von alten Zeiten her zu baken gewohnt sind.”
In Rücksicht auf die Hartnäckigkeit, womit die verschiedenen Gemeinden hier ihre Privilegien behaupten, so sehr sie auch in Misbräuche ausgeartet sind, auf die Grobheit des Pöbels, die man Gefühl der Freyheit zu nennen beliebt, und auf die durchaus herrschende Ausgelassenheit, die von keiner Polizey eingeschränkt wird, verdient Köln allerdings den Namen des kleinen Londons, womit es einige seiner Einwohner beehren. Es herrscht auch hier die nämliche Verachtung der Fremden und der nämliche Nationalstolz, der den Janhagel von London auszeichnet. Wenn die Stadt sich etwas unartig gegen ihre Nachbarn, die Kurfürsten von Köln und der Pfalz beträgt, so ergreifen diese sogleich das wirksamste Mittel, sie gefälliger zu machen, und schneiden der Stadt die Zufuhr von Lebensmitteln ab. Der geängstigte Rath fertigt sodann augenbliklich einen Kourier an den Kaiser ab, mit unterthänigster Bitte, die beyden Kurfürsten dahin zu vermögen, daß sie die armen Bürger von Köln nicht Hungers sterben machen. Unterdessen rottieren sich die Bürger in allen Wirthshäusern, und auf allen öffentlichen Plätzen zusammen, schwören den Kurfürsten Rache und Tod: Besichtigen ihre rostigen Gewehre, und machen sich zur blutigsten Fehde gefaßt. Der Kaiser, aus Erbarmen über die bedrängte Stadt, hat nun den Kurfürsten wirksame Vorstellungen gemacht, und die Zufuhr wird wieder geöfnet, und nun schreyen die Bürger von Köln Triumph über Triumph. “Gelt, sagen sie, wir haben die Kurfürsten zur Raison gebracht. Sie haben sich vor unserm Anmarsch geförchtet, und thaten wohl daran, daß sie es nicht zum Krieg kommen liessen.” – Ganz im Ton des Janhagels von London.
Ein regierender Bürgermeister von Köln (Es sind ihrer sechs, die zu zwey jährlich in der Regierung abwechseln) wird auch mit dem nämlichen Gepränge, wie der Lord Mayor von London, behandelt. Er trägt eine römische Toga, halb schwarz und halb Purpurfarb, einen grossen spanischen Hut, spanische Beinkleider und Weste u. s. w. Er hat seine Liktoren, die ihm feyerlich die Fasces vortragen, wenn er in seinem Karakter öffentlich erscheint. Bey seiner Wahl giebt man Beleuchtungen, macht Knittelverse, besauft sich, förmlich wie zu London, auf seine Gesundheit, und schlägt sich auf sein Wohl Arme und Beine entzwey. – Im lezten Krieg war eines unserer Regimenter im Anmarsch gegen die Stadt. Diese wollte es mit dem König in Preussen nicht verderben, der als Herzog von Kleve und Graf von der Mark ihr Schutzherr ist. Sie ließ also dem Kommandanten des Regiments, der die Thore geöfnet haben wollte, bedeuten: “Sie sey gesinnet, die Neutralität zu beobachten” Umsonst stellte unser Landsmann dem Rath vor, seine Truppen wären Auxiliartruppen des Kaisers, ihres Oberherrn. Man verschloß die Thore, und der rasende Pöbel jauchzte, das Vergnügen zu haben, seine Häuser im Schutt zu sehen. Als der Kommandant seine Kanonen vor ein Thor gepflanzt hatte, und gefaßt war, losbrennen zu lassen, besann sich der Rath eines bessern, und ließ die Thore zum grossen Leidwesen des Janhagels öfnen. Der Kommandant gieng auf das Rathhaus, um den Senatoren Vorwürfe zu machen. Bey Erblickung desselben rief der vorsitzende Bürgermeister seine Liktoren, und gebot ihnen mit den Fasces neben seinem Thron zu stehn. Als der Offizier einige beissende Bemerkungen gemacht hatte, steifte der Konsul den Hals, ließ die Liktoren die Insignien in die Höhe heben, und fragte den Kommandanten mit der ernstlichsten Miene: “Ob er wohl einen Begriff von einem römischen Bürgermeister hätte? Ob er wüßte, daß er des römischen Kaisers Majestät repräsentirte, und daß man die Thore bloß aus gutem Willen gegen den Kaiser geöfnet?” Der Offizier, welcher seine Truppen auf dem öffentlichen Plaz mitten in der Stadt mit geladenen Gewehren und brennenden Lunten postirt hatte, und im unbedingtesten Besitz der Stadt war, konnte sich des lautesten Gelächters nicht enthalten; aber, indem er die Thüre in die Hand nahm, auch nichts anders antworten als: “Sie sind nicht recht bey Verstand.”
Der Mangel an Polizey, welcher hier ausschließlich das Wesen der Freyheit ausmacht, lokt vom Oberrhein, aus Westphalen, den kaiserlichen Niederlanden, zum Theil auch aus Holland und Frankreich eine Menge Leute hieher, die Inkognito leben wollen oder müssen. Der bessere Theil dieser Aventuriers, die Offiziers von den zahlreichen kaiserlichen und preußischen Werbkorps, einige Korherren der hiesigen Stifter und verschiedene Patrizier, und protestantische Handelshäuser lassen es an guter Gesellschaft und artigen Lustparthien nicht fehlen. Die lebhafte Schiffahrt, besonders der Holländer, für welche diese Stadt der Stappelort ist, den sie mit ihren Schiffen nicht überfahren dörfen, der geringe Preis der Lebensmittel, die Nähe von Bonn, die Entfernung von dem beschwerlichen Hof= und Adelton, welcher in den meisten andern Städten herrscht, die gesunde Luft, und die Munterkeit des Volkes in den benachbarten kurkölnischen und bergischen Ländern machen diese Stadt für jeden, der etwas vom Stadtleben mit den Reitzen des Ländlichen verbinden will, zu keinem unangenehmen Aufenthalt, so abschrekend auch der grosse Haufen hier ist. Dieser dient einem philosophischen Zuschauer zum Stoff unendlicher Betrachtungen, die er anderstwo nicht so leicht machen kann. Alle Auftritte des bürgerlichen Lebens sind hier stärker karakterisirt als in irgend einem andern Lande.
Dieses düstere und schwerfällige Völkchen zeichnet sich eben so stark durch religiöse, als politische Schwärmerey von allen übrigen Europaern aus. In verschiedenen Gegenden der Stadt erblickt man Schandsäulen, worauf Köpfe von Bürgermeistern und Rathsherren an eisernen Spiessen steken, die das Opfer der politischen Begeisterung der hiesigen Bürgerschaft geworden sind. Der republikanische Stolz weiß allen, auch den alltäglichsten Vorfällen hier ein Kolorit zu geben, das den Menschenfreund äusserst intereßiren muß, und sollte es auch nur seyn, um lachen zu können, wie Demokrit die Handlungen seiner Mitbürger von Abdera zur wohlthätigen Erschütterung seiner Lungenblätter gebraucht hat. (…)

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Presserückschau (November 2013)

Nach einem (für die Jahreszeit ungewöhnlichen) Flautemonat spülte der November nun wieder zahlreiche hübsche Pressemeldungen von den Rheingestaden ins Netz. Unsere Auswahl, heute aus bosporidischer, dem Rhein durchaus verschwisterter Ferne zusammengestellt:

1
Dem Windsurfing auf dem Rhein in der Mittelheimer Bucht widmet die FAZ eine Reportage: “Der Wind muss aus Südwest kommen. Nur dann bläst er genau entgegengesetzt zur Fließrichtung des Stroms. Nur dann bilden sich die richtigen Wellen mit Schaumkrönchen, die bis zu einem Meter hoch werden. Und nur dann können die Windsurfer den Rhein kreuzen, ohne an Höhe zu verlieren. Von Oestrich nach Ingelheim und zurück, immer und immer wieder, am liebsten den ganzen Tag.”

2
Ebenfalls die FAZ begleitet die Vorarbeiten zur möglichen Wiederaufnahme der Erdölförderung am Rhein: “Ein Hauch von Denver und Dallas weht durch Südhessen: Nach rund 20 Jahren Pause könnte eine Erdölquelle in der Region wieder sprudeln. Eine Probebohrung der Firma Rhein Petroleum GmbH auf einem früheren Erdölfeld bei Riedstadt-Crumstadt im Süden des Landes sei erfolgreich gewesen, teilte das Heidelberger Unternehmen am Donnerstag mit.”

3
Eine schöne Nachricht, die keine ist und obendrein veraltet, verbreitet Die Welt: “Auf dem Deck eines Rheindampfers bei Koblenz stand der Honda S500 bei seinem ersten Deutschland-Besuch im August 1963. In leuchtendem Rot und mit geöffnetem Verdeck, sodass jeder sehen konnte, dass der japanische Roadster sein Lenkrad ausnahmsweise auf der linken Seite hatte. Das war Teil der perfekt inszenierten Werbeveranstaltung, an der sogar Soichiro Honda, der Gründer des Unternehmens, teilnahm. (…) Den Preis für den Roadster gab Honda anfangs noch nicht bekannt. Stattdessen platzierte das Unternehmen eine Werbung als Quiz. Die Japaner sollten den Kaufpreis des S500 erraten. Mehr als fünf Millionen Preisvorschläge wurden gezählt, am häufigsten die Summe von 485.000 Yen. Nach dem aktuellen Kurs wären das 3650 Euro. Kurz darauf nannte Honda den tatsächlichen Preis: Der Zweisitzer sollte 459.000 Yen kosten. Möglicherweise wollte die Marketingabteilung mit diesem Quiz nur herausfinden, was die Bevölkerung bereit gewesen wäre, für ein Auto von Honda auszugeben. Trotz der eindrucksvollen Präsentation auf dem Rheindampfer wurde der Roadster nie auf dem deutschen Markt angeboten. Es sollte noch vier weitere Jahre dauern, bis mit dem S800, einer Weiterentwicklung des S500, der erste Honda in Deutschland verkauft wurde.”

4
Von hochrangigen Barbaren unter dem Industriepark von Obernai im Elsaß berichtet Der Spiegel in einem Wissenschaftsartikel mit Grabungsleiter Clément Féliu: “Im frühen 5. Jahrhundert war die Völkerwanderungszeit im vollen Gange. Ganze Völker und Stämme verließen ihre Heimat und zogen in neue Gebiete – was bekanntermaßen nicht immer friedlich ablief. Um die Grenzen zu sichern, holten die Römer oft Hilfe vom einen Ende des Reiches ans andere. “Es handelt sich bei den Toten aus Obernai vielleicht um eine kleine Gruppe östlicher Barbaren, die von den Römern hierher geholt wurden, um den Limes zu bewachen.(…) Es ist jedenfalls das erste Mal, dass wir einen ganzen Friedhof von Sarmaten, Alanen oder Hunnen im Elsass gefunden haben.”"

5
Daß der erste Eindruck des Rheins an vielen Stellen vor allem ein lauter ist, bestätigt (abermals) die FAZ: “Täglich passieren rechtsrheinisch 180 bis 200 Güterzüge innerhalb von 24 Stunden das Mittelrheintal, linksrheinisch sind es 70 Güterzüge. Der Dauerschallpegel liegt nach Messungen des hessischen Umweltministeriums in der Nacht bei fast 80 Dezibel.” Der Bund, die angrenzenden Länder und einige Bürgerinitiativen wollen dem nun mit einer Untersuchung, wie der Lärm zu reduzieren sei, entgegenwirken, nachdem die Kanzlerin im Zuge des Wahlkampfs geäußert hatte, daß “man da etwas machen müsse”.

6
“Das Herz der deutschen Wirtschaft schlägt am Rhein”, meint der rheinland-pfälzische Infrastrukturminister Roger Lewentz (SPD). Daß mehr Güterverkehr auf den Rhein umgelegt werden soll, darüber sind sich die vier deutschen Rhein-Bundesländer einig: “Ein Binnenschiff könne immerhin 150 Lkw-Ladungen befördern. Der technische Zustand der Infrastruktur in Deutschland mit seinen Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetzen sei besorgniserregend (…). Die zusammen mit Bayern erarbeitete “Düsseldorfer Liste” enthält 36 Schlüsselprojekte – davon zehn Ausbauprojekte an Wasserstraßen sowie je 13 zentrale Verbindungsprojekte zu Häfen über Schiene und Straßen. Auf der Liste stehe unter anderem der Ausbau einiger Schiffschleusen mit einer zweiten Kammer, die Erneuerung und Verlängerung der Neckarschleusen und die Vertiefung des Rheins, damit er an einigen Stellen auch bei niedrigem Wasserstand befahren werden kann. Im Bereich der Straßenprojekte sei etwa die Rheinquerung Wörth-Karlsruhe aufgenommen worden, die Erneuerung der Hochstraße in Ludwigshafen und die Erweiterung der Biewerbachtalbrücke an der A 64 bei Trier (…).” (SWR)

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Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. So berichtet der Remscheider General-Anzeiger bereits jetzt über die Ankunft der “Seherin vom Rhein” Lilo von Kiesenwetter in Remscheid, die für Anfang Januar geplant ist: “Am 2. Januar (…) kommt die Wahrsagerin in voller Montur (…) ins (Allee-)Center: Drei Tage lang residiert sie in einem Zelt neben der Rolltreppe – und wird von ihrem goldenen Thron aus den Remscheidern die Zukunft vorhersagen.”

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Das Bornheimer Rheinufer droht abzustürzen, meldet der Kölner Stadt-Anzeiger: “Auf einer Länge von zwei Kilometern ist in Bornheim der Rheinuferhang nicht sicher. In einem Treffen mit der Bezirksregierung und Vertretern des Rhein-Sieg-Kreises wurden der Bornheimer Stadtverwaltung sofortige Maßnahmen vorgeschlagen, um das Risiko für Fußgänger und Anwohner des Rheinufers zwischen Rheinuferweg und Rheinterrassen zu minimieren. Bereits veranlasst wurde eine Sperrung des Leinpfads zwischen der Böschung und dem Ufer selbst.”

Presserückschau (Juni 2013)

Den süddeutschen Hochwassern galten auch die rheinischen Schlagzeilen zu Monatsanfang. Hoch- und Oberrhein waren von den Fluten allerdings deutlich schwächer betroffen als Überschwemmungsgebiete in Bayern, Thüringen und Sachsen: die Wasserstände der großen Flut von 1978 wurden nicht erreicht, die befürchtete Interimsozeanik blieb somit am Rhein weitgehend aus – allerdings mußte die Feuerwehr zwei Goldsucher vor dem steigenden Wasser von einer Altrheininsel bei Bad Bellingen evakuieren. Weitere interessante Meldungen des Junis:

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Das „Entwicklungskonzept Alpenrhein“ setzt auf Renaturierung und sieht Rheinverbeiterungen im Heidiland vor, wie die Südostschweiz meldet: „In ein schnurgerades, 110 Meter breites Flussbett getrimmt, fliesst der Rhein bei Maienfeld und Bad Ragaz vorbei. Ein Projekt (…) will dies ändern und den Fluss an besagter Stelle auf einer Länge von drei Kilometern auf 260 Meter verbreitern. Vorausgesetzt das Projekt wird (…) gutgeheissen, könnte im Winter 2016 mit dem Bau begonnen werden.“

2
Mit Hilfe von Flachwassersonaren wollen Archäologen 2000 Jahre alte römische Hafenanlagen in Bonn und Königswinter nachweisen. Die Deutsche Welle informiert: „Die Idee, dass es in Bonn und Königswinter römische Häfen gab, kam bereits in den 1970er Jahren auf. Damals entdeckte ein Archäologe eine sichelförmige Struktur im Wasser bei Königswinter und deutete das als Hafenkaimauer. Kurz danach flog ein Luftbildarchäologe die Region ab und sah das Gleiche in Bonn: eine sichelförmige Kaianlage direkt vor dem früheren römischen Legionslager, das in der Nähe der Bonner Nordbrücke stand.“

3
Die „Vogel Gryff“, einer der drei Basler Gierfähren, ist zu Monatsbeginn bei einer Überfahrt mit elf Personen das Gierseil gerissen, berichtet die Neue Zürcher Zeitung. Bevor die somit ihres Lenkantriebs beraubte Fähre Richtung Nordsee abdriften konnte, konnte die Berufsfeuerwehr die Fähre mit einem Löschboot stoppen: „Möglicherweise war der Fährimann (…) zu schnell unterwegs und nicht so sanft, wie es eigentlich vorgeschrieben war.“

4
Um den Weltkulturerbe-Status geht es am Mittelrhein, denn der Icomos (International Council on Monuments and Sites) fordert den Abbau der Koblenzer Seilbahn wie auch der Sommerrodelbahn auf der Loreley, um den Status weiterhin anzuerkennen: “Die Rhein-Zeitung in Koblenz hat ihre Facebook-Fans und Twitter-Follower dazu aufgerufen, sich einen „Seilbahn-Stempel“ ins Profilbild zu bauen, und hat eine offizielle Petition zum Erhalt der Bahn beim Bürgerbeauftragten des Landes Rheinland-Pfalz beantragt. „Die Seilbahn hat sich als kluger und dezenter Bestandteil des Oberen Mittelrheintals etabliert, um einen umfassenden und beeindruckenden Blick für jedermann auf die Natur zu ermöglichen, ohne auch nur einen Fußtritt eines Touristen als beeinträchtigend zu bewirken“, heißt es in der Begründung. „Ein umfassender Ausblick auf dieses Weltkulturerbe wird ohne Beeinträchtigungen der Landschaft überhaupt erst durch die Seilbahn ermöglicht”, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger.

5
Der Ortsfeuerwehr Nofels gelang die Rettung eines Rinds, das aus ungeklärten Gründen von seiner Herde im Bodensee-Rheindelta abgekommen und in den Fluß geraten war, wie der ORF berichtet: “Auf der Schweizer Seite des Rheins wurde es zuerst entdeckt. Ein Rind, treibend auf dem Rhein. Die Meldung ging an die Österreichischen Behörden, worauf sich die Feuerwehr Nofels auf die Suche nach dem vermissten Tier machte. Das Rind wurde dann auf Höhe der Rheinbrücke in Bangs am österreichischen Ufer gefunden werden. Es hatte sich nach etwa einem Kilometer aus eigener Kraft zwar im Wasser, aber mit festen Boden unter den Füßen halten können. 13 Männer der Ortsfeuerwehr Nofels konnten das Tier schließlich sichern und nach etwa einer Stunde mithilfe eines Krans bergen.”

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DerWesten berichtet über eine für Juli geplante Wagner-Inszenierung auf dem Rhein” “Eigentlich ist die „Orania“ ein ganz normales Binnenschiff, mit dem Schiffsführer Cor Klein auf dem Rhein unterwegs ist. Woche für Woche pendelt er zwischen Rotterdam und Duisburg, transportiert Getreide, Lebensmittel und Sand. Mit einer Oper hatte er zuvor noch nie etwas am Hut. Für die Produktion „Rheingold op Rijn“ wird im Bauch des Schiffes eine 35 Meter lange und 14 Meter breite Bühne aufgebaut. Unter Deck soll Platz für 90 Musiker, 14 Sängerinnen und Sänger aus der niederländischen Opern-Szene, einer 30-köpfigen Mannschaft und bis zu 500 Zuhörern und Zuschauern sein.”

7
“Ein Polizeifahrzeug hat sich (…) in Bad Säckingen selbstständig gemacht und ist unauffindbar im Rhein versunken. Die Beamten waren ausgestiegen, um am Rheinuferweg Passanten zu kontrollieren.” Trotz Suche mit Booten und Hubschrauber, schreibt die Badische Zeitung, blieb der zuvor abschüssig geparkte Wagen, der seinen hinterhetzenden Insassen führerlos in den Rhein enteilt sei, verschwunden.

8
Nach einem Großbrand wird aus Ludwigshafen, kurz nach der Kölner Maggikalypse, die nächste Menschheitsdämmerung gemeldet, und sogar in der Hauptstadt wahrgenommen, und zwar vom Berliner Kurier: “”Die Rauchsäule ist über 100 Meter hoch, Augenzeugen berichten: „Es sieht aus wie beim Weltuntergang!“.”

Bayerischer Rhein

“100. Fr. Welches sind die Hauptflüsse Deutschlands?
Antw. Es sind folgende: 1. der Rhein; 2. die Donau; 3. die Weser; 4. die Elbe; 5. die Oder.

101. Fr. Woher kömmt der Rhein?
Antw. Er kömmt aus der Schweiz vom St. Gotthards-Berge, hat 3 Quellen, fließt durch den Bodensee und ergießt sich theilweise in den Niederlanden in die Nordsee.

102. Fr. Wo entspringt die Donau?
Antw. Sie entspringt im Großherzogthum Baden im Schwarzwalde, fließt durch Würtemberg, Bayern, Oesterreich, Ungarn, die Türkei, und ergießt sich in das schwarze Meer.

(…)

117. Fr. Wie heißen die Hauptflüsse in Bayern?
Antw. Sie heißen: 1. der Rhein 2. die Donau, 3. der Main.

118. Fr. Woher kömmt der Rhein und wohin ergießt er sich?
Antw. Er kömmt aus der Schweiz vom St. Gotthards-Berge, fließt durch den Bodensee, und ergießt sich in den Niederlanden in mehreren Armen in die Nordsee.

119. Fr.  Inwiefern gehört der Rhein zu Bayern?
Antw. So lange er die Pfalz bespült.

120. Fr. Was für bayerische Städte liegen am Rhein?
Antw. Am Rhein liegen: Germersheim und die Hauptstadt Speyer.

121. Fr. Wo entspringt der Main?
Antw. Er entspringt in Oberfranken auf dem Fichtelgebirge, fließt durch Ober- und Unterfranken, und ergießt sich bei Mainz in den Rhein.”

(aus: J. Offner, Fragen aus der vaterländischen (bayerischen) Geschichte und Geographie: Mit beigefügten Antworten: zum Gebrauche für die Schuljugend in den höhern Klassen der deutschen Werk- und Sonntagsschulen (1840))

Marie Antoinette auf dem Rhein

„Während die riesige Kavalkade – dreihundertvierzig Pferde, die an jeder Poststation gewechselt werden müssen – langsam durch Oberösterreich, Bayern zieht und sich nach zahllosen Festen und Empfängen der Grenze nähert, hämmern Zimmerleute und Tapezierer auf der Rheininsel zwischen Kehl und Straßburg an einem sonderbaren Bau. Hier haben die Obersthofmeister von Versailles und Schönbrunn ihren großen Trumpf ausgespielt; nach endlosem Beraten, ob die feierliche Übergabe der Braut noch auf österreichischem Hoheitsgebiet oder erst auf französischem erfolgen solle, erfand ein Schlaukopf unter ihnen die salomonische Lösung, auf einer der kleinen unbewohnten Sandinseln im Rhein, zwischen Frankreich und Deutschland, in Niemandsland also, einen eigenen Holzpavillon für die festliche Übergabe zu erbauen, ein Wunder der Neutralität, zwei Vorzimmer auf der rechtsrheinischen Seite, die Marie Antoinette noch als Erzherzogin betritt, zwei Vorzimmer auf der linksrheinischen Seite, die sie nach der Zeremonie als Dauphine von Frankreich verläßt, und in der Mitte den großen Saal der feierlichen Übergabe, in dem sich die Erzherzogin endgültig in die Thronfolgerin Frankreichs verwandelt. Kostbare Tapisserieen aus dem erzbischöflichen Palais verdecken die rasch aufgezimmerten hölzernen Wände, die Universität von Straßburg leiht einen Baldachin, die reiche Straßburger Bürgerschaft ihr schönstes Mobiliar. In dieses Heiligtum fürstlicher Pracht einzudringen, ist bürgerlichem Blick selbstverständlich verwehrt; ein paar Silberstücke jedoch machen Wächter allorts nachsichtig, und so schleichen einige Tage vor Marie Antoinettes Ankunft einige junge deutsche Studenten in die halbfertigen Räume, um ihrer Neugier Genüge zu tun. Und einer besonders, hochgewachsen, freien leidenschaftlichen Blicks, die Aura des Genius über der männlichen Stirn, kann sich nicht sattsehen an den köstlichen Gobelins, die nach Raffaels Kartons gefertigt sind; sie erregen in dem Jüngling, dem sich eben erst am Straßburger Münster der Geist der Gotik offenbart hatte, stürmische Lust, mit gleicher Liebe klassische Kunst zu begreifen. Begeistert erklärt er den weniger beredten Kameraden diese ihm unvermutet erschlossene Schönheitswelt italienischer Meister, aber plötzlich hält er inne, wird unmutig, die starke dunkle Braue wölkt sich fast zornig über dem eben noch befeuerten Blick. Denn jetzt erst ist er gewahr geworden, was diese Wandteppiche darstellen, in der Tat eine für ein Hochzeitsfest denkbar unpassende Legende, die Geschichte von Jason, Medea und Kreusa, das Erzbeispiel einer verhängnisvollen Eheschließung. »Was,« ruft der genialische Jüngling, ohne auf das Erstaunen der Umstehenden achtzuhaben, mit lauter Stimme aus, »ist es erlaubt, einer jungen Königin das Beispiel der gräßlichsten Hochzeit, die vielleicht jemals vollzogen wurde, bei ihrem ersten Eintritt so unbesonnen vor Augen zu führen? Gibt es denn unter den französischen Architekten, Dekorateuren und Tapezierern gar keinen Menschen, der begreift, daß Bilder etwas vorstellen, daß Bilder auf Sinn und Gefühl wirken, daß sie Eindrücke machen, daß sie Ahnungen erregen? Ist es doch nicht anders, als hätte man dieser schönen und, wie man hört, lebenslustigen Dame das abscheulichste Gespenst bis an die Grenze entgegengeschickt.« Mit Mühe gelingt es den Freunden, den Leidenschaftlichen zu beschwichtigen, beinahe mit Gewalt führen sie Goethe – denn kein anderer ist dieser junge Student – aus dem bretternen Haus. Bald aber naht jener »gewaltige Hof- und Prachtstrom« des Hochzeitszuges und überschwemmt mit heiterm Gespräch und froher Gesinnung den geschmückten Raum, nicht ahnend, daß wenige Stunden zuvor das seherische Auge eines Dichters in diesem bunten Gewebe schon den schwarzen Faden des Verhängnisses erblickt.

Die Übergabe Marie Antoinettes soll Abschied von allen und allem veranschaulichen, was sie mit dem Hause Österreich verbindet; auch hierfür haben die Zeremonienmeister ein besonderes Symbol ersonnen: nicht nur darf niemand ihres heimatlichen Gefolges sie über die unsichtbare Grenzlinie begleiten, die Etikette heischt sogar, daß sie keinen Faden heimatlicher Erzeugung, keinen Schuh, keinen Strumpf, kein Hemd, kein Band auf dem nackten Leibe behalten dürfe. Von dem Augenblicke an, da Marie Antoinette Dauphine von Frankreich wird, darf nur Stoff französischer Herkunft sie umhüllen. So muß sich im österreichischen Vorzimmer die Vierzehnjährige vor dem ganzen österreichischen Gefolge bis auf die Haut entkleiden; splitternackt leuchtet für einen Augenblick der zarte, noch unaufgeblühte Mädchenleib in dem dunklen Raum; dann wird ihr ein Hemd aus französischer Seide übergeworfen, Jupons aus Paris, Strümpfe aus Lyon, Schuhe des Hofkordonniers, Spitzen und Maschen; nichts darf sie als liebes Andenken zurückbehalten, nicht einen Ring, nicht ein Kreuz – würde die Welt der Etikette denn nicht einstürzen, bewahrte sie eine einzige Spange oder ein vertrautes Band? – nicht ein einziges von den seit Jahren gewohnten Gesichtern darf sie von jetzt an um sich sehen. Ist es ein Wunder, wenn in diesem Gefühl so jäh ins Fremde-gestoßen-Seins das kleine, von all diesem Pomp und Getue erschreckte Mädchen ganz kindhaft in Tränen ausbricht? Aber sofort heißt es wieder Haltung bewahren, denn Aufwallungen des Gefühls sind bei einer politischen Hochzeit nicht statthaft; drüben im andern Zimmer wartet schon die französische Suite, und es wäre beschämend, mit feuchten Augen, verweint und furchtsam diesem neuen Gefolge entgegenzutreten. Der Brautführer, Graf Starhemberg, reicht ihr zum entscheidenden Gange die Hand, und französisch gekleidet, zum letztenmal gefolgt von ihrer österreichischen Suite, betritt sie, zwei letzte Minuten noch Österreicherin, den Saal der Übergabe, wo in hohem Staat und Prunk die bourbonische Abordnung sie erwartet. Der Brautwerber Ludwigs XV. hält eine feierliche Ansprache, das Protokoll wird verlesen, dann kommt – alle halten den Atem an – die große Zeremonie. Sie ist Schritt für Schritt errechnet wie ein Menuett, voraus geprobt und eingelernt. Der Tisch in der Mitte des Raumes stellt symbolisch die Grenze dar. Vor ihm stehen die Österreicher, hinter ihm die Franzosen. Zuerst läßt der österreichische Brautführer, Graf Starhemberg, die Hand Marie Antoinettes los; statt seiner ergreift sie der französische Brautführer und geleitet langsam, mit feierlichem Schritt das zitternde Mädchen um die Flanke des Tisches herum. Während dieser genau ausgesparten Minuten zieht sich, langsam nach rückwärts gehend, im selben Takt, wie die französische Suite der künftigen Königin entgegenschreitet, die österreichische Begleitung gegen die Eingangstür zurück, so daß genau in demselben Augenblick, da Marie Antoinette inmitten ihres neuen französischen Hofstaates steht, der österreichische bereits den Raum verlassen hat. Lautlos, musterhaft, gespenstig-großartig vollzieht sich diese Orgie der Etikette; nur im letzten Augenblick hält das kleine verschüchterte Mädchen dieser kalten Feierlichkeit nicht mehr stand. Und statt kühl gelassen den devoten Hof knicks ihrer neuen Gesellschaftsdame, der Komtesse de Noailles, entgegenzunehmen, wirft sie sich ihr schluchzend und wie hilfesuchend in die Arme, eine schöne und rührende Geste der Verlassenheit, die vorzuschreiben alle Großkophtas der Repräsentation hüben und drüben vergaßen. Aber Gefühl ist nicht eingerechnet in die Logarithmen der höfischen Regeln, schon wartet draußen die gläserne Karosse, schon dröhnen vom Straßburger Münster die Glocken, schon donnern die Artilleriesalven, und, von Jubel umbrandet, verläßt Marie Antoinette für immer die sorglosen Gestade der Kindheit: ihr Frauenschicksal beginnt.“

(aus : Stefan Zweig, Marie Antoinette)