Vom Fliegen der Murmeltiere oder: Neue Schifffahrtswege über die Alpen

Über einen in mehrerlei Hinsicht kolossal erscheinenden, vor 100 Jahren in Italien ernsthaft diskutierten Plan des Bündner Ingenieurs Pietro Caminada berichtet Till Hein für die Zeitschrift mare in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 84): eine Schifffahrtstrasse über die Alpen! Zu Beginn des längeren Artikels konstatiert der Autor, daß es zwar Naturgesetze gäbe, die besagten, daß etwa Murmeltiere nicht fliegen könnten, begeistert sich im Verlaufe des Artikels nichtsdestotrotz für einen Plan, der am Aufheben von Naturgesetzen kratzen dürfte:

„(…) Caminada (…) will Lastschiffe in einem Kanal über die Alpen schwimmen lassen, über den 2113 Meter hohen Splügenpass in Graubünden. Caminada schwebt ein durchgängiger Wasserweg von der Nordsee bis zum Mittelmeer vor – eine viele hundert Kilometer lange Wasserstraße, die von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass, den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee.“

1907, als Caminada an die Öffentlichkeit ging, wird über Umweltbelange wohl kaum diskutiert worden sein. Denn die natürliche Umwelt gilt noch eher als feindlich und bezwingens-, anstatt erhaltenswert. Wenige Jahrzehnte zuvor wurde die große Rheinbegradigung vollzogen, vermutlich galt der, immerhin nicht selten bedichtete, Rheinfall, für ein Handelswegprojekt als wenn schon nicht sprengens-, dann doch sicherlich umbuddelnswert. Den Hinterrhein, der bis heute trotz diverser Eingriffe Naturschönheiten (Rofla, Via Mala, Domleschg) aufweist, wollte Caminada mit einem Röhrensystem beehren, das, mithilfe von Wasserkraft und Spezialschleusen, 50 Meter langen Schiffen mit einer Lastenkapazität von 500 Tonnen das Überwinden der örtlichen Steigung von fast einem Kilometer ermöglichen sollte.

Auch wenn Murmeltiere nicht aus eigener Kraft fliegen können, ist es (nicht erst) mit heutigen technischen Gerätschaften unzweifelhaft möglich, sie fliegen zu lassen. Es wird ihnen als eingefleischten Troglodyten nur nicht sonderlich bekommen. In den Alpen fließt das Wasser seit Menschengedenken aus Fels und Gletscher zu Tal. Wer jemals sah, wie die, teilweise gebändigten, Rheine sich zu Tal bewegen, kann sich Schifffahrt an Vorder- oder Hinterrhein nur unter erheblichen Schmerzen vorstellen. Ohnehin schon durchbohrte Berge indes könnten statt Eisenbahntrassen natürlich auch druckregulierte Wasserleitungen für die Schifffahrt führen. Solche müßten einfach nur noch länger, größer, breiter gebohrt werden. Befürworter der Alpenflußfahrt jedenfalls finden sich bis heute: der Südtiroler Albert Mairhofer, „ein Wasserkraftaktivist und pensionierter Staatsbeamter, hat sich von Caminadas Projekt inspirieren lassen. Die Entwürfe des Pioniers seien “sehr beeindruckend”, schwärmt er, “aber etwas zu kompliziert”. Sein eigener Vorschlag kommt denn auch ohne raffinierte Doppelkammerschleusen oder hydraulische Schiffshebewerke aus: Statt über die Alpen will er mittendurch.“

Flaschenpost (4)

„Womöglich war der Sache Ursprung, daß ich als Kunststudent (vor gut 20 Jahren) öfter das Gemälde „Das Narrenschiff“ von Bosch im Louvre betrachtete und in diesem Zusammenhang von Sebastian Brant erfuhr. Das Bild konnte ich also sehen – das Buch lesen jedoch nicht. Denn eine französische Übersetzung war nicht aufzutreiben und der Originalsprache war ich damals noch viel weniger mächtig als heute.
Daß man Träumen keinerlei Glauben schenken sollte: diese Erkenntnis erlangte ich, als ich nach einem Traum den “Leichnam Christi” von Holbein d. J. im oben erwähnten Museum vergeblich zu finden suchte (um das Gemälde mit Dostojewskis Beschreibung zu vergleichen).
Als ich 2006 in Basel zu Besuch war, nutzte ich die Gelegenheit um endlich den Holbein im Kunstmuseum zu sehen und warf danach einen Blick auf Kataloge, Bücher, Postkarten. Ich kaufte zwei Holbein-Postkarten und – siehe da! Zwischen mächtigen, dicken, prachtvollen und dementsprechend teuren Veröffentlichungen lag das kleine Reclambändchen von Brant: nicht in altdeutscher Schrift (die für mich so verständlich ist wie japanische Ideogramme), sondern in lesbaren lateinischen Lettern. Auf Deutsch zwar, aber inzwischen war viel Wasser unter diversen Brücken hingeflossen und die vorherige Sprachbarriere so gut wie überwunden.
Abends nach einem Spaziergang tranken B. und ich ein paar Biere, unterhielten uns und stellten irgendwann fest, daß der Wurf eines Objekts in einen von Süd nach Nord fließenden Fluß zwangslaufig dieses Objekt, da wir im Süden saßen, nach Norden schwimmen lassen würde. Dieser Fluß war der Rhein, die Wahl des potentiellen Empfängers fiel leicht.
Das passende Objekt für das Experiment stand bereits auf dem Tisch: eine leere Bierflasche. Es fehlte nur noch die schwimmenzulassende Botschaft. Brant bot sich natürlich an. Jedoch ist es bekanntermaßen viel einfacher für ein Kamel sich durch ein Nadelöhr zu schwingen, als für ein Buch (sei es nur ein Reclamheft) in eine Flasche Bier zu gelangen. So schrieb ich das Zitat (das ich heute vergessen habe) auf eine der beiden Postkarten, welche ich dann in die leere Pulle beförderte.
Am folgenden Tag, als wir über die Eisenbahnbrücke, die parallel zur Schwarzwaldbrücke verläuft, spazierten, warf ich die zur Flaschenpost beförderte Pulle in den Rhein, und wenn sie bis heute nicht angekommen ist, dann schwimmt sie wahrscheinlich noch.“

Ein (vierteiliger illustrierter) Gastbeitrag von Roland Bergère, von Rheinsein aus dem frz-dt ins virtuell-dt transkribiert. Erwähnte und fotografisch dokumentierte Flaschenpost, die natürlich an (das damals bereits als Geist über dem Wasser schwebende) Rheinsein adressiert war, hat sich inzwischen, und das ist Anlaß für den ganzen Artikel, selbstdigitalisiert und ist solcher Gestalt (oder Pixelifikation) beim Adressaten angelangt. Für diese Wegstrecke benötigte sie gute vier Jahre und womöglich einige Transformationsprozesse, die einst als Vorstufen zwischenweltlichen Beamens betrachtet werden mögen.

Frankfurt am Main (2)

“(…) We made a short halt at Frankfort-on-the-Main, and found it an interesting city. I would have liked to visit the birthplace of Gutenburg, but it could not be done, as no memorandum of the site of the house has been kept. (Gutenburg, Gutenberg, wer weiß? Die beiden werden ja häufiger verwechselt. Anm. Rheinsein) So we spent an hour in the Goethe mansion instead. The city permits this house to belong to private parties, instead of gracing and dignifying herself with the honor of possessing and protecting it. Frankfort is one of the sixteen cities which have the distinction of being the place where the following incident occurred. Charlemagne, while chasing the Saxons (as HE said), or being chased by them (as THEY said), arrived at the bank of the river at dawn, in a fog. The enemy were either before him or behind him; but in any case he wanted to get across, very badly. He would have given anything for a guide, but none was to be had. Presently he saw a deer, followed by her young, approach the water. He watched her, judging that she would seek a ford, and he was right. She waded over, and the army followed. So a great Frankish victory or defeat was gained or avoided; and in order to commemorate the episode, Charlemagne commanded a city to be built there, which he named Frankfort — the ford of the Franks. None of the other cities where this event happened were named for it. This is good evidence that Frankfort was the first place it occurred at. Frankfort has another distinction — it is the birthplace of the German alphabet; or at least of the German word for alphabet — BUCHSTABEN. They say that the first movable types were made on birch sticks — BUCHSTABE — hence the name. (…) In Frankfort everybody wears clean clothes (…). Even in the narrowest and poorest and most ancient quarters of Frankfort neat and clean clothes were the rule. The little children of both sexes were nearly always nice enough to take into a body’s lap. And as for the uniforms of the soldiers, they were newness and brightness carried to perfection. One could never detect a smirch or a grain of dust upon them. The street-car conductors and drivers wore pretty uniforms which seemed to be just out of the bandbox, and their manners were as fine as their clothes. In one of the shops I had the luck to stumble upon a book which has charmed me nearly to death. It is entitled THE LEGENDS OF THE RHINE FROM BASLE TO ROTTERDAM, by F. J. Kiefer; translated by L. W. Garnham, B.A. All tourists MENTION the Rhine legends — in that sort of way which quietly pretends that the mentioner has been familiar with them all his life, and that the reader cannot possibly be ignorant of them — but no tourist ever TELLS them. (…)”

(aus: Mark Twain – A tramp abroad, Chapter I)

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Der Rhein für die gebildeten Stände (2)

Vom Bodensee bis Basel, wo der Rhein schon eine Breite von 750 F. erhält, hat er ein felsenreiches Bett. Von Basel aus wird sein Bett von vielen Inseln durchschnitten, die jedoch zum größten Theil blos aus Sand- und Kiesbänken bestehen, welche häufig von einer Seite weggerissen und an der andern wieder angesetzt werden. Von Breisach herab trifft man schon mehre bestaudete und selbst angebaute Inseln. Zwischen Strasburg und Germersheim ist das Bett immer noch sehr inselreich, aber der größte Theil dieser Inseln ist mit Gebüsch bewachsen. Zwischen Strasburg und Speier ist der Rhein 1000—1200 F., bei Mainz 1500—1700 F., und bei Schenkenschanz, wo er in die Niederlande eintritt, 2150 F. breit. Die Tiefe des Rheins beträgt 5—28, bei Düsseldorf sogar 50 F. Bei Schenkenschanz theilt er sich in zwei Arme, wovon der südl. die Waal heißt, zwei Drittheile seines Gewässers nimmt, sich hernach zweimal mit der Maas vereinigt und unter dem Namen Merwe in das deutsche Meer fließt. Der nördl. Arm des Rheins hatte vormals in seinem Laufe nach Arnheim zu mehre Windungen; seit 1720 aber hat man von der Waal aus bei dem Dorfe Pannerden einen Kanal gegraben, wodurch das alte Bett des Stroms nun größtentheils vertrocknet ist. Durch diesen pannerdenschen Kanal fließen jetzt die Gewässer des Rheins fort, nachdem sie sich unterhalb Millingen von der Waal getrennt haben. Ehe dieser Arm des Rheins nach Arnheim kommt, theilt derselbe sich wieder oberhalb Westervoort und bildet die sogenannte neue Yssel. Diese Abtheilung des Stroms ist eigentlich der Kanal, den Drusus graben ließ, indem die Gewässer sich bei Doesburg mit der alten Yssel vereinigen und zuletzt sich in die Zuydersee ergießen. Von da, wo sich der Drusische Kanal von dem Rheine trennt, wendet dieser letztere sich nach Arnheim und behält seinen Namen, bis er bei Wageningen und Rhenen vorbei ist, wo er Lech heißt und auf Wyk bei Durstede fließt. Von hier floß sonst der Rhein mit vollem Strome nach Utrecht, jetzt ist aber nur noch ein sehr schwacher Arm übrig, der krumme Rhein genannt. Weiterhin, Vianen gegenüber, ist schon vor mehren Jahren aus dem Lech ein Kanal gegraben worden, welcher nach Utrecht geht und gewöhnlich die Vaart genannt wird. Da derselbe mit Schleusen versehen ist, so kommen auf demselben sehr beträchtliche Schiffe nach Utrecht und von da weiter nach Amsterdam. Unterhalb Vianen sondert sich ein kleiner Arm vom Lech ab, den man die Yssel nennt, und der sich eine Meile oberhalb Rotterdam in die Merwe ergießt. Der Lech fließt von Vianen nach Schoonhofen und geht oberhalb Crimpen op de Lek in die Maas. Von den Gewässern des Rheins, die nach Utrecht fließen, geht abermals ein Arm ab, welcher die Vecht genannt wird und sich nach einem achtstündigen Laufe bei Muyden in die Zuydersee ergießt. Der übrige Rhein fließt von Utrecht nach Leyden, wo er beinahe einem Graben ähnlich sieht. Bei Rhynsburg vorbei kommt endlich dessen kleines Gewässer, drei Stunden von Leyden, nach Katwyk op Rhyn, wo derselbe eine halbe Stunde davon sich noch zu Anfange dieses Jahrh. in den Sand verlor. Sonst hatte der Rhein da einen Ausfluß in die See bei Katwyk op Zee. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die alte Mündung wieder zu öffnen, welche durch die entstandenen Dünen verschwunden war, hat man erst seit wenigen Jahren die Schwierigkeiten völlig überwunden, indem man in einem Kanale die in den Sand sich verlierenden Gewässer des Rheins gesammelt hat. Am äußersten Ende desselben befindet sich eine Hauptschleuse, eine zweite inmitten, beim Anfange der Seedünen, eine dritte kleinere beim Ausgang des Kanals aus dem Rhein, und so ist durch Hülfe der Kunst der Ausfluß des Rheins wiederhergestellt worden. Hierbei hatte man den Hauptzweck, die niedrigen Gegenden der Provinz Holland von dem überflüssigen Wasser zu entledigen und dadurch deren Werth zu erhöhen, welcher Zweck auch in hohem Grade erreicht worden ist.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Der Rhein für die gebildeten Stände

Rhein, einer von den Hauptflüssen Deutschlands, der ein schönes, wein- und fruchtreiches Land durchströmt, einen Weg von 190 M. zurücklegt und über 12,200 Flüsse und Bäche dem Oceane zuführt, entspringt in dem helvet. Canton Graubündten aus drei Hauptquellen, welche der vordere, mittlere und hintere Rhein heißen. Der vordere quillt aus dem Gebirge Crispalt, nordöstl. vom Gotthard, und vereinigt sich bei Dissentis mit dem mittlern Rheine, welcher vom Lukmanierberge herabkommt. Diese vereinigten Flüsse vermischen sich bei Reichenau mit dem Hinterrhein, der im Gebirge Adula auf dem Vogelberge aus einem Gletscher sich sammelt und bis Reichenau 20 Stunden weit fließt. Daselbst erhalten diese drei vereinigten Rheinquellen den gemeinschaftlichen Namen Rhein und haben eine Breite von 230 F. In der Gegend von Chur wird er schiffbar; zwischen Rorschach und Fußach stürzt er mit großem Geräusch in den Bodensee, den er zwischen Stiegen und Eschenz wieder verläßt und seinen Lauf nach Schaffhausen und Basel fortsetzt, nachdem er vorher mehre Wasserfälle gebildet hat. Solcher Wasserfälle, vorzugsweise Rheinfälle genannt, gibt es vier: 1) Der Rheinfall, eine Stunde unter Schaffhausen bei den beiden Laufen, wovon das eine (Dorf und Schloß) dicht am Rhein, auf dem Boden des schweizer. Cantons Zürich, und das andere, ein altes Schloß, gegenüber auf einer Insel liegt, ist der bedeutendste und durchaus nicht zu passiren, weshalb die Ladung der Schiffe zur Achse durch Schaffhausen gebracht werden muß und erst unterhalb der Stadt wieder eingeschifft werden kann. Nachdem der Strom ungefähr 500 Schritte oberhalb der beiden Laufen zwischen ungeheuern Felsen, die zum Theil mitten aus seinem Bette hervorragen, eingeengt worden ist, schießt er dann bei immer zunehmendem Abhange in unzähligen Buchten von Fels zu Fels hin und stürzt sich endlich, 80 F. hoch, 300 F. breit, mit einem in der Nähe betäubenden und bei stiller Nacht auf zwei Meilen weit hörbaren Getöse in drei Fällen steil herab, wovon der auf der Südseite, zwischen zwei Felsenpfeilern, der gewaltsamste ist. Die ganze Breite des Sturzes übersieht man aus einem Hause, nicht weit vom Sturze, fast in der Mitte des Flusses, das durch eine Zugbrücke mit dem Ufer verbunden ist; doch kein Bild vermag dieses Schauspiel darzustellen. 2) Der Rheinfall unter Zurzach, bei der Mündung der Wutach, der nur bei hohem Wasserstande die Schiffahrt hindert. Er wird verursacht durch einen quer durch den Strom gehenden Felsendamm, in dessen Mitte eine Lücke sich befindet, durch welche bei niedrigem Wasser die Schiffe passiren. 3) Der Rheinfall bei Laufenburg, der nur in einer Stromschnelle besteht, auf welcher leere Schiffe an Seilen durch Menschen, oft jedoch mit Lebensgefahr, hinuntergelassen werden. 4) Der Rheinfall bei Rheinfelden, der Höllhaken, auch das Gewild genannt. Schon eine Stunde oberhalb Rheinfelden fangen die Felsen im Strome an und streichen bis unter die Brücke dieser Stadt dergestalt fort, daß nur eine schmale Öffnung bleibt, durch welche die Schiffe mit der größten Vorsicht geführt werden müssen.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Düsseldorf – Basel im „Rheingold“-Salonwagen

Zug der Züge – nobel reisen,
und flussaufwärts im Salon-
Wagen formidabel speisen,
Rheinanrainer im Waggon.

Draußen liegen in den Wiesen
Kuhgeschwader, Landschaft quillt
unverschämt in Kohlgemüsen
wie ein grünes Genrebild.

Dörfer dampfen in den Senken,
da ein Feldkreuz, dort ein Steg.
Telegrafenmasten lenken
Drähtebündel längs und schräg.

An den Leinen Hosen knattern,
Kissen protzen, aufgebauscht –
Achtzig Achsen aber rattern,
Wühlerwind am Fenster rauscht.

Bäume scheinen abzubrennen
Blütenfeuer weiß und rot.
Felder wandern, Feldchen rennen:
Hasen fliehn in Todesnot.

Und die Weichen leiten weiter
nach den Metropolen hin,
wächst herauf ein Glockenreiter,
Krähenschwärme drüber ziehn.

Jetzt gesellen sich uns Mauern,
Ziegelmuster rot und klein,
Augenblicke nur zu dauern,
rückgelassene zu sein.

Tausende von Fenstern stürmen,
namenlose, auf uns ein.
Hunderte von Dächern türmen
über uns Gesimsestein.

Und ein Rauschen wird, ein Ziehen
stark und stärker, und wir sehn
Fenstermassen rückwärts fliehen,
laufen, gleiten, schweben, stehn.

Meer von Köpfen, Kleidern, Hüten,
Blumensträußen, Eis, Gepäck,
Zeitungen und Plastiktüten –
Arme heftig wedelnd – weg.

Wieder weiter! Und die Gleise
schmiegen sich dem Strombett an,
Rebenhänge dämmern leise,
Möven schaukeln auf dem Kahn.

Landschaft modelt sich gefällig,
Hügel drehn sich her und fort,
Wiesen steigen, fallen wellig,
dort wird hier und hier wird dort.

Burgen stolze Flaggen recken,
Wolken gravitätisch ziehn,
Schatten jagen Sonnenflecken,
blinkt im Strom des Rheingolds Glühn.

Und dann öffnet sich die Weite
unvermutet, hell und neu,
Wege leitend an der Seite,
ei, dem Gleis schon nicht mehr treu.

Aufgereiht wie Perlen, locker
Rollen Blechkolonnen mit,
rot und weiß und blau und ocker –
halten ja schon nicht mehr Schritt.

Horch! Auf einmal rast ein heller
Ton heran, halb Pfiff, halb Schrei,
fortzufliehen wie ein schneller
Gegenzug – vorbei, vorbei.

Und die Landschaft, mild und südlich
schwenkt mir ins Abteil ihr Obst,
macht mich willig, schläfrig, friedlich –
Saug’s doch ein, was du so lobst!

Durch die Ortenau bis Basel
geht die Fahrt und endet so
wohin Nietzsche vorm Gefasel
deutscher Professoren floh.

(Ein Gastbeitrag von Dirk Schindelbeck. Rheinsein dankt!)

Die Allemannen am Rheinstrom

„(…) Eigentlich weiß niemand recht zu sagen, wer diese berühmten Allemannen waren, noch wo sie auf einmal hergekommen sind, wiewohl es sind dem zahlreichen geneigten Leser am Oberrhein seine wahren Stammväter und Altvordern, von deren Blut er abstammt, große grobgliederige Menschen mit blauen Augen, krausen roten Haaren, voll Kraft und Mut und Trutz, fröhliche Trinker und Spieler, ohne Kenntnisse. Es geht noch manchem ein wenig nach. Wenn einem von ihnen ein zehnjähriges Büblein, wie sie heutzutag in die Schule gehn, ein Additionsexempel angesetzt, oder ein Abc-Büchlein vorgelegt hätte, oder eine achtzehnjährige Tochter des geneigten Lesers hätte einer Frau Mehl und Eier und Butter gegeben, „da, Mütterlein backe Sträublein draus”, sie hätten nichts wissen damit anzufangen. Noch wurde kein Vaterunser, noch kein Ave Maria gebetet. In die Kirche gingen sie nach Schaffhausen an den Rheinfall, oder in die dichtesten Wälder, oder auf den Belchen. Denn sie beteten unsichtbare Götter an, wenn nicht Sonne und Mond oder den Rhein, und opferten ihnen Pferde. Sonst war ihre liebste Beschäftigung der Müßiggang, dann die Jagd und der Krieg. Zweihundert Jahre lang kämpften sie mit den Römern in unversöhnlichen Kriegen zuerst um die Landschaften zwischen dem Rhein, der Donau und dem Main, aber oft auch, wenn die Gelegenheit günstig schien, fielen sie in das römische Gebiet jenseits der Flüsse ein, und spannen meist wenig Seide dabei, bis gegen das Ende.
Dem geneigten Leser müßte es wohl ein wenig bange werden, ob es möglich sei, daß er nach anderthalbtausend Jahren noch von diesem Heldenvolk abstammen und auf die Welt kommen werde, wenn er erfahren sollte, was es von einem Feldzug zum andern für schreckliche Niederlagen gelitten hat. Wo ein Tal des Schwarzwaldes sich auftut, fluteten Mann an Mann und Schild an Schild jetzt die Allemannen siegeslustig hinaus, jetzt die Römer racheschnaubend mit Feuer und Schwert hinein. In alle Bäche floß allemannisches Blut. Mehr als einmal gingen nach römischen Berichten, die Allemannen hunderttausendweise in einem Feldzug zugrunde. Mehr als einmal brannte der Schwarzwald an allen Ecken und Enden. Manchmal machten wir auch gute Geschäfte bis nach Italien hinein und in die Champagne. Aber wer zuletzt mit blutigen Köpfen wieder heimkam, waren eben wir. In der Champagne ließen wir auf einmal nicht mehr als 60000 liegen. Denn die nackte deutsche Tapferkeit und Kraft ohne die Kunst des Krieges vermochte nie auszuhalten in die Länge gegen die geharnischten Reihen und Glieder der Römer, gegen ihre Schwenkungen und andere Kriegskünste, mitunter auch Schelmenstücklein. Mit 60 bis 80 000 Mann über den Rhein oder über die Donau zu gehen, und die Römer anzugreifen, wo wir sie fanden, war uns ein Leichtes. Aber wieder heimzukommen, und die Feinde abzuhalten, daß sie nicht über den Fluß hinüber nachsetzten, war oft etwas Schweres. Die Geschichte erwähnt eines mannhaften deutschen Fürsten und Heerführers mit Namen Chnodomar, sie erwähnt auch eines Fürsten und Helden mit Namen Vadomar der im Breisgau und Oberland ein Herr war, und nach der Vermutung eines achtungswerten Gelehrten seinen Sitz hatte, wo itzt Thumeringen steht im Wiesenkreis, also daß dieses Ort zuerst geheißen hatte Vadomaringen. Der ist manchmal auf seinem Hengst durch die Wiese geritten, oder im Käferhölzlein auf der Jagd gewesen und hat mit lüsternem Auge hinübergeschaut in das Gebiet der Römer jenseits Rheins. Chnodomar und Vadomar und andre deutsche Fürsten als Uri, Ursiz, Vestralp und mehrere gingen mit ihren Heerscharen über den Rhein, griffen bei Straßburg, bei Hausbergen den römischen Feldherrn Julianus an, nicht zu guter Stunde. Als die Schlacht gewonnen schien, war sie verloren. Chnodomar wurde gefangen, der gereizte Feind kam über den Rhein, und hauste heidnisch mit den Leuten. Aber Vadomar, der König von Thumringen, rettete sich und sein Land. Nachgehends bekamen ihn die Römer durch List und schändlichen Verrat in ihre Gefangenschaft und schleppten ihn nach Spanien. Später wurde auch sein Sohn Vitigab ein gar feines und kluges Herrlein auf Anstiften der Römer von seinem Bedienten heimlich ermordet. Was denkt der geneigte Leser zu einer solchen schlechten Aufführung? Viele tausend biedere Allemannen wurden auch als Gefangene nach Rom transportiert, und man hat von den wenigsten mehr erfahren, was aus ihnen geworden ist, ausgenommen ein Mägdlein von Doneschingen namens Bißlein, das hernachmals in Rom gute Tage bekommen hat. Der Herr Römer, der es gefangen bekommen hat, hat er sich nicht nachher in dasselbe verliebt, und laut gesagt, es sei in ganz Rom kein Mädchen mit diesem allemannischen Töchterlein zu vergleichen. – Wenn er itzt erst käme, und eins aussuchen dürfte. Aber in der Tat man weiß nicht zu sagen, wo die vielen Menschen hergekommen sind, die nach einem hundertjährigen Krieg und nach allen blutigen Niederlagen und grausamen Landesverwüstungen noch übrig waren, kraftvoll und rüstig, als die Macht der Römer im Land und daheim anfing zu zerbrechen. War nicht auf einmal selbst das ganze jenseitige Rheinland von Basel bis nach Mainz und bis an die jenseitigen Gebirge Untertan der allemannischen Macht? Alles schien sich wieder zu erheben, bis ein neues kriegerisches Schauspiel begann.
Draußen über dem Schwarzen Meer, wo Europa ein Ende hat, und seltsame Völkerschaften eines andern Weltteils ihren Anfang nahmen, wohnten damals, fremden Blutes und fremder Sitten die Hunnen ein wildes räuberisches Gesindel, und es wird nicht viel gefehlt sein, so war ihr Oberhaupt, genannt Attila, der Schlimmste unter allen. Attila brach um das Jahr 451 mit seinem Volk aus ihren Wohnsitzen auf, um in Europa, soweit es geht und guttut, zu erobern, zu plündern, zu sengen und zu brennen und zu morden, und wo er hinkam, in den ersten 24 Stunden war alles verwüstet und verödet, und je weiter er zog je furchtbarer vermehrte sich sein Heer, denn alles zog mit, wie ein Heerstrom in seinem Lauf größer und größer wird, durch die Waldströme die sich rechts und links her in seine Fluten ergießen. Jetzt ist der Hunnenkönig schon am Saustrom in Ungarland, jetzt schon an der Donau, jetzt schon in der Gegend von Ulm, und wie Reihen der Franken wichen auf allen Seiten, bis in der Herzensangst und Verzweiflung der fränkische König Chlodewig die Hand zum Himmel aufhob, und den Schwur tat, wenn ihm Gott den Sieg verleihe, so wolle er ja gerne ein Christ werden, seine Frau sei es ohnehin schon. Es waren aber damals schon ganze christliche Regimenter unter dem fränkischen Heer, und einer rief dem andern zu: „Du, wenn wir dem König den Sieg erkämpfen, so will er sich taufen lassen.” Also schlugen die Christen unbarmherzig auf die Heiden drein, die Allemannen werden in Unordnung gebracht und verlieren die Schlacht für diesmal, und ihre teuer errungene Freiheit und Herrschaft auf immer. (…)“

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund, 1814)

Großbasel

Am Basler Theaterplatz der großartige Fasnachts-Brunnen von Jean Tinguely. Die kinetischen Plastiken tingeln, tangeln und tinguelyngeln, daß es unser Herz in Wallung bringt. Bespatzt, betaubt, bebaslert und betouristifiziert: ein Ausbund an UnSinn höchster Qualität und Lustigkeit und jedenfalls der effektvollste Brunnen, der uns an der Rheinschiene bisher unterkam. Wenige Meter entfernt stinkt Richard Serras wuchtige Intersection nach Urin. Eine reiche Stadt voller Kunst unterschiedlichster Provenienzen. Überraschend hügelig. Grüne Straßenbahnen ziehen durchs Gewimmel: Biofriseure, Lällkönige, Elfdausigjumpfere, Engelmengen, die rückwirken in eine Zeit, die einst eine Stunde vorging, die Basler Zeit, die sich unterdessen zwar der mitteleuropäischen gestellt hat, aber noch nicht völlig ausgependelt scheint: die Stadt weist Zeitlöcher auf, Zeitdehnungen, Zeitnischen, auch vorgetäuschte Zeitstillstände, kurzum: es herrscht Zeitgaukelei. Im Haus zum Sunnenlufft am Rheinsprung lebte Sebastian Brant. Stieg dort zum Münster mit seiner hochkomplizierten Baugeschichte und seinen Autofanten und sonstigen Figuren, insonderheit jener am Gallusportal, mannigfach teleobjektiviert nach Fernost privattransportiert. Im Kreuzgang des Münsters weitere Grabplatten auf Barockdeutsch und Latein, non ex multis unus wird da einer bezeichnet, epitafern. Von der Münsterbrüstung Blick übern grünen Rhein, in die Rheinfluchten und nach Kleinbasel, seit 1302 bereits sind beide Teile vereint, verrheint wie`s ebenfalls scheint. Das da-und-dorthin-Schweifen und -Streifen führt durch mehrere Straßen, Gassen, Wege, die den Rhein im Namen führen, durch die Kaianlagen auf den Barfüsserplatz, an dem sich zweierlei Sorten FCB-Hools in einer kurz darauffolgenden Zeitschleife eine veritable Schlacht liefern werden. Ankunft und Abfahrt vorbei an langgestreckten Technowänden des Zukunftsviertels. Das technoid geschriebene Wort verhält sich im Sonnenlicht wie ein kaltblütiges Tier, echst, pixelt und dimensioniert sich über Glasfassaden hinweg in Gedächtnisschlaufen, seiner Zeit voraus, sodaß ihm nur hinterhergeschrieben werden kann, während es in nahen, der Gegenwart bereits eingeschriebenen, Zukünften zum Leben erwacht (ist/sein wird).

Kleinbasel

Wir sitzen in Kleinbasel im Schmale Wurf, was auf hochdeutsch soviel wie Bohnenstange bedeutet, und betrachten das unaufgeregte Strömen des flaschengrünen Rheins. Der hier, anders als in seinen sonstigen Städten, die Siedlungen zu seinen Ufern eher zu verbinden als zu trennen scheint. Unterhalb des Lokals befindet sich eine Treppe, auf der die Basler sich im Sommer ausziehen, um „Dr Bach ab… em Ufer nooch!“ den Strom hinabzutreiben. Ihre Klamotten führen sie in wasserdichten Beuteln mit sich. Knapp oberhalb des Einstiegs für die Rheintreibenden pendelt die Leu, eine der Basler Gierfähren, zum Münster und zurück. Ein lokales Sprichwort verweist alle Schwätzer zum Zwecke des Ohrabkauens an den Fährmann. Der scheint in der Tat ein gelassener Typ, was den Baslern jedoch allgemein nachgesagt wird. Die Fähren bestehen aus Holzbötchen, die am Bug mittels eines mehrfach regenbogenfarben beflaggten Drahtseils mit einem weiteren, den Rhein überspannenden Draht verbunden sind. Gekrönt das Ganze vom Schweizerkreuz. Angetrieben werden die Fähren von der Strömung, der Fährmann muß jeweils nur das Ruder umlegen. Wir gehen eine innere Wette ein, daß die beiden Damen am Nebentisch die Saubohnen auf ihrem Vorspeisenteller nicht anrühren werden. Der Kellner bringt Hirschkeule und Appenzeller Holzfaßbier. Zunächst noch von der riesigen Keule verdeckt taucht unerwartet ein Frachter auf, der den gesamten Fluß einzunehmen scheint. Es wird über Stunden der einzige bleiben. Nebenan schauen verwitterte Gesichter aus dem Männerheim „Rheinblick“ der Heilsarmee. Links um die Ecke geht es vorbei an der Fickdassystembeiz „Hirscheneck“ durch offenbare Kreativgebiete. Das zieht auch die Fledermäuse an, nicht weniger als 33 Arten sollen die Dämmerungshabitate bejagen, wir nennen stellvertretend nur Schnäuzer-, Vollbart-, Geißbart-, Wasser-, Rasende, Weißrand-, Randlose, Rauhaut-, Kaumhaut-, Blauhaut-, Zwerg- und Lallende Fledermaus, den Großen, den Mittleren und den Kleinen Abendsegler, das Graue Langohr und die Dunkle Maitresse. Die Septembersonne steigt indessen in goldenem Bogen übers Ambiente und wirft ein paar Franken für soziale Zwecke ab. An der Theodorskirche sind wortreiche Gedenkplatten für längst Verstorbene angebracht, die Auslassungen lesen sich bisweilen interessanter als die Einlassungen. Hinter uns startet ein kosmopolitisches Gespräch auf Basler Spanisch und der eher zufällige Blick auf den, bis auf die Saubohnen, geleerten Vorspeisenteller der Damen vom Nachbartisch löst ein angenehmes Bestätigungsgefühl in uns aus, das in dieser Zone aus sich selbst zu entstehen und allgemein recht prächtig zu gedeihen scheint.