Verworrene Bewohner eines Landes, in dem alle Gegenstände namenlos erscheinen und verschwinden

Aus Feldkirch fuhren wir sogleich auf einer Brücke über die schäumende Ill, und bald darauf öfnete sich ein Rückblick, der alle wilde Schönheit des hohen Alpenstyles vereinigte. Der grünliche Felsstrom drängt sich durch ein enges Nebenthal, und die jenseitige Öfnung desselben ist durch zwei prachtvolle Bergprofile bezeichnet, die mich plötzlich an den Aufgang ins Thal von Grindelwald im bernischen Oberland erinnerten. Links ab vom keilförmig gestellten Berge eröfnet sich eine erhabene Bergferne über eine verschleierte Tiefe (ich glaube das Rheinthal) hin (*).
— Es fehlt uns leider an einer guten Charte, und die Bewohner des Landes antworteten so unwillig und verworren auf jede Frage, dass ich immer nur das Land errathe. Auch zogen Wolken und Nebel so magisch um Berg und Fels, dass ich mich geduldig der Gegenwart hingab, ohne weiter wo? und wie? zu fragen: wir fahren an Berggehängen über sanftgesenkten einförmigen Wiesengründen. Plötzlich steigt links ein gewaltiger Berg mit nackten Klippenkämmen aus dem Wolkenrauch empor! Ein Dörfchen lag wie ein Ameisenhaufen von ihm überhängt zu seinen Füssen; wir fuhren hindurch: «Wie heisst der Berg da?« »Weiss nicht!« S’ist halter ä Berg! Mit dieser laconischen Zusicherung wurden wir von drei Bauern abgefertigt; das Dorf aber hiess St. Johann, und wir benahmten den Berg darnach.
Eine halbe Stunde von Vaduz kömmt man in ein ofenes Thal; der Rhein ströhmt zwischen wolkigen Bergen, wie von unbekannten Quellen herab, schon mächtig durch sein erlenumkränztes Kieselbett. Wir erkennen nun das über ihm aufsteigende Schweizergebirg rechter Hand; zur linken steigt auf sonnebeschienener Buchhöh das Schloss Lichtenstein, in dessen Gränzen wir seit Feldkirch fahren; über einer leichten Krümmung des Rheins liegt das Städtchen Vaduz, und höher auf einem Felsenvorsprung die Ruine des alten Schlosses, beides äusserst malerisch. Nie sah ich ein bunteres Wolkenspiel als die Gewölke hier um das von dreifachen Bergschichten und Reihen umdrängte Rheinthal treiben; indem sie diese Waldpyramiden, Wiesenberge und phantastischen Felszinken umgaukeln; ganze Heere derselben ziehen von der Rechten zur Linken, quer über das Rheinthal von den Schweizerbergen an die Lichtensteiner hin; hier wird ein Felshaupt gekrönt, dort ein Riese gegürtet; da kollert eine runde Wolke wie eine Lavine von schroffer Höhe hinab, bis sie in Tannenspitzen fest zu hängen scheint; bald ragt eine Klippenschulter, dann steigt ein geröthetes Bergantlitz hervor, oder eine hohe Waldscheitel sticht durchs Gewölk. Dort sinkt Wolke auf Wolke wie zu einem weichen Baumwollenlager zusammen; hier dampft’s wie Rauch aus einem volkanischen Schlunde empor; dieser droht vom über hängenden Felsblock über den Weg hinab zu stürzen; — allein plötzlich wird ein runder Zirkel mit Regenfarben geschmückt, wie aus einem ungeheuren Brennspiegel, an jene hohe bräunliche Felswand geworfen; ein heller Hintergrund lächelt im abendröthlichen Glanz. Balzers erscheint auf seinem Hügelreihen, der sich wie ein Riegel vor den Rhein lagert und das Thal schliesst, über welchem geheimnisvolle Berggestalten sich thürmen.
Wir logirten diese Nacht in Gott, von einer bunten Engelglorie umgeben. Das Quartier war elend, allein die Wirthsleute freundlich, und eine Schüssel selbstbereiteter Zuckererbsen und frischer Bergforellen genügte den zufriedenen Reisenden vollkommen; allein in der Nacht liessen uns die Insekten keine Ruh, und alle Macht der schützenden Engel scheiterte an diesen leichtfüssigen Legionen.-
Den 4. schon mit dem Morgengrau war ich munter, und genoss vor dem offenen Fenster den Segen der Frühe in der erhabenen Stille dieses tief gesenkten Grundes. Das Dörfchen Balzers liegt tief im grünen Bergbusen, doch auf einem Hügel; unmittelbar vorher sieht man noch den Rhein, nun ist er, ich begreife ganz und gar nicht, wohin? geschwunden; und zu schwach um ihm nachzugehen, unfähig mich diesen guten Vorderösterreichern verständlich zu machen, und sie zu verstehen, reise ich durch dieses wunderbare Land, wo аlle Gegenstände namenlos erscheinen und verschwinden; und alles zieht wie an einer Laternamagikawand mir vorüber. Ein enger zartbegrünter Wiesengrund vertieft sich vor unserm abwärts liegenden Häuschen; drei lieblich bewaldete pyramidalische Hügel treten freundlich aus der Tiefe, und der mittelste trägt die Ruine des Schlosses Guttenberg. — Nach einem blauen Gedankenraum (dessen Tiefe vielleicht der Rhein durchströmt) steigen schneebesprenkelte Felsen. Zu beiden Seiten erheben sich zwei furchtbare Bergriesen, aufwärts das tiefe doch steigende Wiesenthal begrenzend. Eine muntere Ziegenheerde zieht beim Ton der Hirtenflöte auf die Weide. Kleine Dörfchen ruhen kindlich schüchtern in die Falten der Tannengewänder geschmiegt, die von den Hüften der Gebirge abwallen! Dies sind die Umrisse des Alpengemäldes, welches mein erstes Erwachen begrüsste, — auch war alles farbenlos, — allein bald prangt jene erhabene Felsenstirn im reinen Morgenstrahl! Wie ragt jener Felsgipfel aus dem blendendweissen Wolkenbette hervor, während sein starrer Klippenfuss tief ins Thal tritt, und vom jungen Lichte erweckt, majestätisch fortzuschreiten scheint.

(*) Diese durch die Flüsse abgesonderte, und gleichsam durch die Natur terrassirte Position begünstigte die tapfre Gegenwehr des edlen General Hotze ungemein; und war vielleicht der mächtigste Damm, den Gott in der Natur des Landes den wilden Usurpatoren entgegenstellte. Anm. v. 1799.

(aus Friederike Brun: Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800)

Unter-Föhn-ein-Fluß

“Fluß, Du fließt in alter Weise / durch Dein programmiertes Tal” beginnt ein Ohrwurm aus den frühen Achtzigern (1). Gemeint ist der Rhein, nicht nur nach David Hume schönster Fluß der Welt (2), der auf immerhin gut zwanzig Kilometern als schlingernder Rebell, die Taschen voller Steine (3) das Fürstentum tangiert, bedrängt und mit seiner eigenartig-eingezwängten Rheinheit bestäubt. Es mag am Föhn oder der gerade aufkeimenden Leichtigkeit des klimawandelnden, bisher noch ewig wiederkehrenden Frühlings liegen, auch dürfte die Übersichtlichkeit Liechtensteins dazu beitragen, daß im Spannungsfeld dahingeträllert-erinnerter Liedzeilen und literarischer Zitate ganze Utopien und Dystopien für diesen Landstrich entstehen und zerfallen. So zeichnete bereits vor zwei Jahrhunderten der notorische Rheinromantiker Brentano ein kirmesartig überdrehtes “Vadutz” als Mischung aus verlorenem Paradies, Eldorado und Schlaraffenland, dessen Fluß die ganze Woche ein unzugängliches Steinmeer ist und nur am Sabbath seine Wogen bewegt (4), ein Land voller Absonderlichkeiten wie Schlüsselblumen-Champagner und wasserdichten Lobzetteln, ein Land aber auch des “Alles, wie es seyn soll und nie seyn wird” (5).

Der Utopie wohnt die Dystopie wohl zwangsläufig inne – und umgekehrt. Und ein nur feiertags fließender Fluß gibt Grund zu grübeln. Was, wenn der Rhein, zum Eingewöhnen gerne zunächst nur unter der Woche, schließlich aber komplett vor Balzers Richtung Walensee abflösse? Eine Programmierung gewissermaßen, die schon einmal zum Einsatz gekommen sein soll, in einer Zeit allerdings, bevor es Menschen gab, die davon Zeugnis hätten ablegen können – während heute keine halbe Stunde verginge, bis eine solche Sensation im Internet stünde, mit Videobeweis und jeder Menge abstruser Äußerungen in der Kommentarspalte. Nicht nur würden wir derartige Wunder heute postwendend nachweisen, wir hätten sie wahrscheinlich selber bewerkstelligt, eben: programmiert. Es muß schließlich immer weitergehen. Daß ein Flußlauf sich korrigieren, stauen und angesichts des entstandenen Schlamassels hübsch renaturieren läßt, gehört längst zum kulturellen Repertoire der Menschheit.

Was die Schweizer mit dem neuen Flußverlauf anfingen, sei an dieser Stelle außen vor. Schauen wir auf die Chancen für das Fürstentum. Ohne Rhein würde es etwas trockener in Liechtenstein, gewiß, doch ließe sich mit dem gewonnenen Areal Begeisterndes beginnen. Das Rheingold entpuppte sich neuerdings als Bauland, auf den Kiesbänken wüchsen zunächst, was ihnen umgangssprachlich ohnehin innewohnt: Banken. Statt des Rheins strömte einfach noch mehr Geld durchs Land. Welchem ernstzunehmenden Menschen gilt heute die Metafer vom Leben, das als Wasserlauf betrachtet werden sollte (6)? Vielmehr liest sich ein modernes Leben in Kontoauszügen und Börsendiagrammen. Im Rheintal entstünde, Kapital zieht Kapital an, mit Kapital wird gebaut, wo gebaut wird kommen ungelernte Kräfte, die sich bekanntlich rasend vermehren, Schaan, Vaduz und Triesen machen es derzeit ganz zaghaft vor, eine Megalopole mit Angeboten weit über Brentanos nicht selten kindliche Vorstellungen hinaus, das planierte Rheinbett diente, endlich, als International Airport, die neuerdings animierten Bergzacken leuchteten als wechselnde Tageskurse ins Tal, die riesigen Fußballstadien von Ruggell und Triesenberg wären weithin gefürchtete Festungen, vermutlich in Planken siedelte unter einem überdimensionierten Schriftzug die Filmindustrie und das Fürstenhaus wäre tägliches Thema im deutschen Fernsehen. Klingt das phantastisch oder realistisch? Spinnerei und Business liegen viel näher beieinander, als allgemein angenommen wird. „Unsere Geldsorten schnitten wir aus Goldpapier“ (7) schrieb Brentano über sein Traumland Vadutz, als Liechtenstein Bauernland war – von seiner Vorstellungskraft läßt sich bis heute lernen.

Wie bitte, Sie würden den Rhein vermissen? Dieses eingedeichte Abziehbild von einem Fluß? Ist nicht nötig, noch ist er ja da. Besonders gut zu betrachten aus den höheren Warten. Im aktuellen Energiekonzept der Landesregierung wird er demnach als potentieller Energielieferant geführt. Das klingt nach Staustufen und Kraftwerksbauten und Rückfall in die Zukunft. Noch hat niemand die Verklappung des Flußlaufs unter eine Asfaltdecke vorgeschlagen, ein Projekt, welches Energie- und Siedlungspolitik sinnvoll vereinen könnte. Nutzen Sie also, falls Sie den Rhein wirklich vermissen würden, den Mai, machen Sie einen Ausflug auf den Damm, nehmen sie Bruce Springsteen im Kopfhörer mit, der unvergleichlich von Lügen gewordenen Träumen orakelte und ausgetrockneten Flüssen (8) und schauen Sie sich den Rhein nochmal in seiner jetzigen Form an. Wer weiß – Warnungen gibt es zuhauf (9) – wie lange das noch möglich ist.

1 Rheingold: Fluß
2 „the finest river in the world“ (David Hume: The Letters)
3 Richard Pietraß: Mit einem Bein in Liechtenstein
4 Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia
5 Ebd.
6 „An individual human existence should be like a river“ (Bertrand Russell: Portraits from memory and other essays)
7 Clemens Brentano: a.a.O.
8 Bruce Springsteen: The River
9 Golgowski-Quartett: Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang

(Aktuelle Kolumne für das Monatsmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands)

Der Geiger auf dem Vaduzer Galgen

Geiger Hans-Jöri ging spät abends von Sargans über den Rhein in die Grafschaft Vaduz, wo er zum Tanz aufspielen sollte. Als er unter Balzers hinkam, dunkelte es schon tief. Unversehens wurde er da an der Strasse von schön gekleideten Leuten beiseite gerufen und traf eine glänzende Gesellschaft.
Man hiess ihn auf eine Bühne sitzen, wo er auserlesenes Essen und Trinken vorfand; ein Herr aber bedeutete ihm, er möge sich durch nichts beunruhigen lassen, auf nichts achten und namentlich keine Gesundheit trinken. Das fiel ihm zwar auf, aber er schwieg, spielte und liess sich’s schmecken. Es wurde toll und bunt getanzt, nur kümmerte sich niemand um ihn, so dass er sich schliesslich doch langweilte. Der Mahnung vergessend, sagte er nach seiner Gewohnheit in sich hinein: “Gesundheit, Hans! Gesegne dir’s Gott, Hans! So geschieht dir nichts!”
Kaum war ihm das über die Lippen gekommen, war alles verschwunden. Es ging gegen den Morgen, und der Geiger fand sich auf dem Vaduzer Galgen sitzend, statt des silbernen Trinkbechers einen Kuhhuf in der Hand.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966)

Balzner Schwellen

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Rheinische Tierwelt (14)

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Unterhalb des Ellhorns bei Balzers, der sogenannten liechtensteinischen Loreley, fanden wir nächst den Rheinschwellen (am sogenannten liechtensteinischen Giant`s Causeway), diesen schwer verirrten Kartoffelkäfer. Verwirrter noch als der verirrte Käfer stimmte uns eine Rheinzeichnung (auf Kiesel) desselben kein Dutzend Schritte entfernt:

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Ob es sich ergo bei den Balzner Schwellen um einen Kartoffelkäfer-Kultort handelt, ist der einschlägigen Literatur, welche sich, was Krabbeltiere in Balzers, um Balzers und um Balzers herum betrifft, mit umso größerem Eifer der im Rheindamm ansässigen giftigen Tapezierspinne (*) widmet, leider nicht zu entnehmen.

(*) “Die Tapezierspinne (Atypus) bewohnt Erdröhren, welche sie mit ihrer Spinnseide “tapeziert”. Zur Tarnung webt sie Steinchen und Bodenteile darin ein. Die schwarzen, rund zwei Zentimeter grossen Achtbeiner sind uralt – sie leben seit rund 150 Millionen Jahren auf der Erde – und sind die einzigen Vertreterinnen der Vogelspinnenarten, die sogar 350 Millionen Jahre alt sind, in Europa. (…)” (Quelle: heilig)

Fläsch

Maienfeld fungiert bekanntlich als Heididorf, also als das Heididorf schlechthin, das benachbarte Fläsch wäre nicht minder heidiwürdig, würde dort nicht vornehmlich Wein angebaut, hochpreisiger, guter, schlichter. In der Fläscher Kirchturmkuppel nisten Fledermäuse, deren Aktivitäten per Kamera live auf einen vorsintflutlichen, neben der Kirchentür eingelassenen SONY-Münzbildschirm übertragen werden, schwarzweiß oder infrarot, von Mai den Sommer durch, solang die Viecher eben fledern. Der Bildschirm ist hinter spiegelndem Glas vitriniert, selbst ohne Fledermausliveübertragung liefert er, je nach Sonnenstand wechselnde, meist surrealistische Bilder. Sonntag: Stallkühe beherrschen die Dorfakustik, drahtige Dorfjugend zieht mistbeladne Karren durch einsame Straßen, übt Gesichtsausdrücke, während ihre Haltung zu den Dingen bereits gegeben scheint, da und dort rotieren selbstvergessen Abfüllmaschinen, klimpern die Bouteillen, es riecht nach Regen und barriquem Roten. Kaum eine Familie in Fläsch, macht es den Anschein, die nicht weinbauerte. Von Fläsch weiter über den St. Luzisteig durch St. Luzisteig auf Balzers, um einen weiteren liechtensteinischen Einfallwinkel zu erforschen. Der Grenzübertritt weckt Erinnerungen an jenen von Vietnam nach Kambodscha noch unter Fiebereinfluß, architektonisch ähnlich wahnsinnige Grenzanlagen (samt Gastronomie) tun sich dort auf und lösen sich im Niesel, wo sich seinerzeit der Khmerbeton unter der Tropenhitze höllenwärts zu käsefadenartigen Dschungeln auswuchs. In der berühmten Balzner Metzgerei Brunhart dann wieder mittels Rauchwürsten, Käswürsten, Hirschwürsten geerdet. Zusammenhänge von militärischen Notwendigkeiten bzw Vorgängen und Fleisch. Der Irrsinn von Grenzen, insbesondere schnurgerader. Der Mensch baut Wälle gegen Menschen, weil er sich vor der eigenen Spezies fürchtet. Das Grauen steckt aber genauso in ihm selbst wie in seinem potentiellen Feind. Das heißt, der Feind hinterm Wall, der den Wall von Feindesseite aus ebenfalls aufschüttet, weil er diegleiche Denke anführt, das Bollwerk somit verdoppelt, untergräbt den Wall gleichzeitig wie der diesseitige Wallaufschütter, in seinem Bestreben nach Liebe (der eine wie der andere). Sie schaffen den Durchbruch, fraternisieren, hauen sich im Suff gegenseitig die Fresse ein. Weil es im Suff geschieht, zählt es nicht offiziell. Man verträgt sich wieder am andern Morgen. Besichtigt gemeinsam die Wallanlagen, gratuliert sich zu den jeweiligen Schanzleistungen. Zieht Kinder heran, die den gewonnenen Frieden infragestellen, indem sie das eigene, ohne es zu erkennen, im anderen entdecken, erschrecken, intrigieren, schanzen, schießen. Undsoweiter.

z` Balzers

zitronös flackernde Luft im Lärm, Lärm der Schnellen
die schäumen beim Abwasch, Bremsen, Schaum &
Rausch, Tagesabwasch, ziehende Kondensstreifen
(indieweitewelt): gedämpft von fluschigpuschligen

Hortensienbüschen: ja aber da: das Strahlen! blank-
polierter Kronleuchter aus landesmittelgeförderten
Geldspeichern (Dagobert Duck wohnt seit letztem
Herbst im Zweistäpfle, unter Pseudonym) erwischt

verwischt die zitronös flackernde Luft, beobachtet
von der Jugend, die im Schatten sitzt, die richtigen
Fragen stellt, seit jeher Privileg der Jugend: was
goht nu vor i mim Grind
? zitronös flackernde Luft

langsam vergären die Kirschen an den Bäumen rot
in rot spürt sie das Ziehn, sie, die: die Arme hebt
& schwebt, einfach nur die Arme hebt & schwebt
(davon) & schwebt, bis es nicht recht weiter geht

Vaduz

Rheinisches Liedgut von der Donau: das Erste Wiener Heimorgelorchester widmet sich einigen bisher wenig besungenen Ortschaften am jüngeren Lauf des mächtigen, psychologisch noch garnicht erfaßten Bruderflußes (und seines Einzugsgebiets), welchen hendiadyoinisch zu erwähnen im Fluß der Melodie es definitiv nicht braucht – und dessen letzter regierender Fürst seit je die innigsten Verbindungen zum Lande Österreich und seiner tiefenstrukturierten Hauptstadt pflegt: „in Balzers und Davos läßt man nicht richtig los“, „man fürchtet sich in Planken sogar vor dem Gedanken“, „in Walenstadt und Quarten will man noch etwas warten“ (na? auf was? s geht um den Rhein natürlich, letztlich, garantiert, denn, um in freischwebender Logik zu verharren: „das menschliche Leben ist wie ein Wasserlauf.“ (Bertrand Russell)), „man fragt sich oft in Schaan, wo wird es noch getan?“ – natürlich tut mans (refraintechnisch ein Glücksfall!) auch (aus Schaaner Sicht) beim Agglomerationsnachbarn in Vaduz, während die Triesener fatalerweise gleich zu Beginn des Songs hintüberfallen, was aus Nonsens realtaugliche Orakel schnürt: Textgestaltung und Sound erinnern an frühe und beste Düsseldorfer Elektropoprocker. Auch das Video ist ein Hit!

Balzers

An weitläufigen Straßen präsentiert sich das neue liechtensteinische Wohnen: in Burgen eingemauert wird dagobertducksch der Wohlstand poliert. Daß Balzers mal ein Bauerndorf war, riecht man noch ein wenig, die Süßkirschen an den Rainen aber werden nicht mehr abgeerntet. Unterhalb Schloß Gutenberg, das auf einem der üblichen vorantiken Kultstätten-Hügel liegt, begleitet mich ein schweigsames Männli ein Stück Weges durchs steile Waldstück, bis es unweit des Schloßtors, woraus Renovierungslärm dringt, in einen alten Schopf schlupft und in kalter Flamme aufgeht. Der böse, neidische Schrättleg könnte das gewesen sein, oder einer der schönen Irren, die in diesem Landstrich wohlgedeihn. Ich schreite weiter übern Lesepfad, dessen Name sich sowohl auf den Schloßberg-Wingert, als auch auf die zahlreichen Balzner Geistergeschichten bezieht. Zu Bremsen transformierte Übellinge attackieren im Tiefflug. Zwei drei klatsch ich weg, da beginnt der Rest zu kneifen. Die halb St. Nikolaus und halb St. Martin benamte Jubiläumskirche scheint geisterfrei und “soli deo honor” zu existieren. Das Dorf, endlose Asfaltbänder zwischen den Wohnpalästen mit ihren bauschigen Blumenkohlhortensien, wirkt ein wenig wie Kleinst-Hollywood ohne Filmindustrie – immerhin: Die Schweizpremiere von “Harry Potter und der Halbblutprinz” findet, deutsch gesprochen (!), im Balzner Schloßhofkino statt. Das lautlose Verschwinden der alten Holzhäuser in zunehmend einseitiger Mischarchitektur. Doch selbst in der schönsten Ruhe findet sich immer einer, der sie mit schwerstem Gerät fuhrwerkend zerreißt. Die lindensüße Luft enthält Spuren von Jauche und Mülltransport. Warzwurz und tropische Büsche schunkeln gelangweilt, vorgartenummauert im Föhn. Via Altneugut zu den Rheinschnellen, steht da noch ein Hof mit Bio-Freiland-Güggel, desweiteren im Blickfeld: noli-me-tangere-bestandner Waldrand, Baukräne vor Postkartenbergen und, besonders streng fixiert, die knallende Sonne: ab sofort wird zurückgeschossen! Unterm Ellhorn die teilbegehbaren Schnellen, gletschergrau plätschert das Wasser und schäumt und rauscht und eilt an dürr bestrauchter Kiesbank längs. Jeder der handteller- bis kinderkopfgroßen Kiesel enthält, bei näherem Betrachten oder Aufschlagen (an ihren Bändern lassen sie sich brechen wie rohe Straußeneier, offenbaren dann kristalline Innereien) über Jahrtausende eingravierte Geschichten und zusammen funktionieren sie als ständig sich umwälzendes überbordendes Epos aus alpinem Alfabet.