Fläsch

Maienfeld fungiert bekanntlich als Heididorf, also als das Heididorf schlechthin, das benachbarte Fläsch wäre nicht minder heidiwürdig, würde dort nicht vornehmlich Wein angebaut, hochpreisiger, guter, schlichter. In der Fläscher Kirchturmkuppel nisten Fledermäuse, deren Aktivitäten per Kamera live auf einen vorsintflutlichen, neben der Kirchentür eingelassenen SONY-Münzbildschirm übertragen werden, schwarzweiß oder infrarot, von Mai den Sommer durch, solang die Viecher eben fledern. Der Bildschirm ist hinter spiegelndem Glas vitriniert, selbst ohne Fledermausliveübertragung liefert er, je nach Sonnenstand wechselnde, meist surrealistische Bilder. Sonntag: Stallkühe beherrschen die Dorfakustik, drahtige Dorfjugend zieht mistbeladne Karren durch einsame Straßen, übt Gesichtsausdrücke, während ihre Haltung zu den Dingen bereits gegeben scheint, da und dort rotieren selbstvergessen Abfüllmaschinen, klimpern die Bouteillen, es riecht nach Regen und barriquem Roten. Kaum eine Familie in Fläsch, macht es den Anschein, die nicht weinbauerte. Von Fläsch weiter über den St. Luzisteig durch St. Luzisteig auf Balzers, um einen weiteren liechtensteinischen Einfallwinkel zu erforschen. Der Grenzübertritt weckt Erinnerungen an jenen von Vietnam nach Kambodscha noch unter Fiebereinfluß, architektonisch ähnlich wahnsinnige Grenzanlagen (samt Gastronomie) tun sich dort auf und lösen sich im Niesel, wo sich seinerzeit der Khmerbeton unter der Tropenhitze höllenwärts zu käsefadenartigen Dschungeln auswuchs. In der berühmten Balzner Metzgerei Brunhart dann wieder mittels Rauchwürsten, Käswürsten, Hirschwürsten geerdet. Zusammenhänge von militärischen Notwendigkeiten bzw Vorgängen und Fleisch. Der Irrsinn von Grenzen, insbesondere schnurgerader. Der Mensch baut Wälle gegen Menschen, weil er sich vor der eigenen Spezies fürchtet. Das Grauen steckt aber genauso in ihm selbst wie in seinem potentiellen Feind. Das heißt, der Feind hinterm Wall, der den Wall von Feindesseite aus ebenfalls aufschüttet, weil er diegleiche Denke anführt, das Bollwerk somit verdoppelt, untergräbt den Wall gleichzeitig wie der diesseitige Wallaufschütter, in seinem Bestreben nach Liebe (der eine wie der andere). Sie schaffen den Durchbruch, fraternisieren, hauen sich im Suff gegenseitig die Fresse ein. Weil es im Suff geschieht, zählt es nicht offiziell. Man verträgt sich wieder am andern Morgen. Besichtigt gemeinsam die Wallanlagen, gratuliert sich zu den jeweiligen Schanzleistungen. Zieht Kinder heran, die den gewonnenen Frieden infragestellen, indem sie das eigene, ohne es zu erkennen, im anderen entdecken, erschrecken, intrigieren, schanzen, schießen. Undsoweiter.

z` Balzers

zitronös flackernde Luft im Lärm, Lärm der Schnellen
die schäumen beim Abwasch, Bremsen, Schaum &
Rausch, Tagesabwasch, ziehende Kondensstreifen
(indieweitewelt): gedämpft von fluschigpuschligen

Hortensienbüschen: ja aber da: das Strahlen! blank-
polierter Kronleuchter aus landesmittelgeförderten
Geldspeichern (Dagobert Duck wohnt seit letztem
Herbst im Zweistäpfle, unter Pseudonym) erwischt

verwischt die zitronös flackernde Luft, beobachtet
von der Jugend, die im Schatten sitzt, die richtigen
Fragen stellt, seit jeher Privileg der Jugend: was
goht nu vor i mim Grind
? zitronös flackernde Luft

langsam vergären die Kirschen an den Bäumen rot
in rot spürt sie das Ziehn, sie, die: die Arme hebt
& schwebt, einfach nur die Arme hebt & schwebt
(davon) & schwebt, bis es nicht recht weiter geht

Vaduz

Rheinisches Liedgut von der Donau: das Erste Wiener Heimorgelorchester widmet sich einigen bisher wenig besungenen Ortschaften am jüngeren Lauf des mächtigen, psychologisch noch garnicht erfaßten Bruderflußes (und seines Einzugsgebiets), welchen hendiadyoinisch zu erwähnen im Fluß der Melodie es definitiv nicht braucht – und dessen letzter regierender Fürst seit je die innigsten Verbindungen zum Lande Österreich und seiner tiefenstrukturierten Hauptstadt pflegt: „in Balzers und Davos läßt man nicht richtig los“, „man fürchtet sich in Planken sogar vor dem Gedanken“, „in Walenstadt und Quarten will man noch etwas warten“ (na? auf was? s geht um den Rhein natürlich, letztlich, garantiert, denn, um in freischwebender Logik zu verharren: „das menschliche Leben ist wie ein Wasserlauf.“ (Bertrand Russell)), „man fragt sich oft in Schaan, wo wird es noch getan?“ – natürlich tut mans (refraintechnisch ein Glücksfall!) auch (aus Schaaner Sicht) beim Agglomerationsnachbarn in Vaduz, während die Triesener fatalerweise gleich zu Beginn des Songs hintüberfallen, was aus Nonsens realtaugliche Orakel schnürt: Textgestaltung und Sound erinnern an frühe und beste Düsseldorfer Elektropoprocker. Auch das Video ist ein Hit!

Balzers

An weitläufigen Straßen präsentiert sich das neue liechtensteinische Wohnen: in Burgen eingemauert wird dagobertducksch der Wohlstand poliert. Daß Balzers mal ein Bauerndorf war, riecht man noch ein wenig, die Süßkirschen an den Rainen aber werden nicht mehr abgeerntet. Unterhalb Schloß Gutenberg, das auf einem der üblichen vorantiken Kultstätten-Hügel liegt, begleitet mich ein schweigsames Männli ein Stück Weges durchs steile Waldstück, bis es unweit des Schloßtors, woraus Renovierungslärm dringt, in einen alten Schopf schlupft und in kalter Flamme aufgeht. Der böse, neidische Schrättleg könnte das gewesen sein, oder einer der schönen Irren, die in diesem Landstrich wohlgedeihn. Ich schreite weiter übern Lesepfad, dessen Name sich sowohl auf den Schloßberg-Wingert, als auch auf die zahlreichen Balzner Geistergeschichten bezieht. Zu Bremsen transformierte Übellinge attackieren im Tiefflug. Zwei drei klatsch ich weg, da beginnt der Rest zu kneifen. Die halb St. Nikolaus und halb St. Martin benamte Jubiläumskirche scheint geisterfrei und “soli deo honor” zu existieren. Das Dorf, endlose Asfaltbänder zwischen den Wohnpalästen mit ihren bauschigen Blumenkohlhortensien, wirkt ein wenig wie Kleinst-Hollywood ohne Filmindustrie – immerhin: Die Schweizpremiere von “Harry Potter und der Halbblutprinz” findet, deutsch gesprochen (!), im Balzner Schloßhofkino statt. Das lautlose Verschwinden der alten Holzhäuser in zunehmend einseitiger Mischarchitektur. Doch selbst in der schönsten Ruhe findet sich immer einer, der sie mit schwerstem Gerät fuhrwerkend zerreißt. Die lindensüße Luft enthält Spuren von Jauche und Mülltransport. Warzwurz und tropische Büsche schunkeln gelangweilt, vorgartenummauert im Föhn. Via Altneugut zu den Rheinschnellen, steht da noch ein Hof mit Bio-Freiland-Güggel, desweiteren im Blickfeld: noli-me-tangere-bestandner Waldrand, Baukräne vor Postkartenbergen und, besonders streng fixiert, die knallende Sonne: ab sofort wird zurückgeschossen! Unterm Ellhorn die teilbegehbaren Schnellen, gletschergrau plätschert das Wasser und schäumt und rauscht und eilt an dürr bestrauchter Kiesbank längs. Jeder der handteller- bis kinderkopfgroßen Kiesel enthält, bei näherem Betrachten oder Aufschlagen (an ihren Bändern lassen sie sich brechen wie rohe Straußeneier, offenbaren dann kristalline Innereien) über Jahrtausende eingravierte Geschichten und zusammen funktionieren sie als ständig sich umwälzendes überbordendes Epos aus alpinem Alfabet.