Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (3)

Nichts mit dem Morgengrauen anfangen können, mit dem Tag, der ausbricht zwar, jedoch hinter den Vorhängen.

Sie rief eines Abends aus dem Süden an, wo sie lebte, da sie nicht mehr im Norden wohnte, der allerdings weder Norden, noch Süden war, sondern ein ungenaues Dazwischen, keineswegs geografisch. Der Raum zwischen dem Griff und dem Eimer, einen Kreisbogen ziehend, sich im Wasser reflektierend, oder auch nicht, wenn der Eimer nämlich leer ist.

Er ist so voller Geschichte, dass er dribbelt.

Und wenn wir, diesem im inneren England verlaufenen Seehund gleich, uns außerhalb unseres Lebensraums verirrt haben, wissen wir, dass es Züge gibt, die uns, auch wenn nur für einen kurzen Moment, in unsere Welt (hohe See) zurückbringen können.

Früh losgefahren, um die Dunkelheit so lange wie möglich zu genießen, bis das Skelett der Hochspannungsmasten präziser würde, während am Horizont erste Hügel sich trauten, durch den Nebel zu scheinen. Das Ziel war noch nicht voll erreicht, da wurde es bereits durch das Abfliegen der Langstreckenmaschinen angekündigt. Der von den Bahngleisen sichtbare Flughafen verschwand schnell hinter den Böschungen und kam dann kurz in Sichtweite zurück. Der Zug fuhr nicht mehr mit Höchstgeschwindigkeit, verlangsamte aber auch nicht wirklich. Und dann war der Bahnhof da. Und noch ein anderer. Den Parkplatz überqueren, die Brücke über den Gleisen betreten. Licht in einem strategischen Winkel: die Zusammenfassung eines Lebens, dessen drei Phasen die Einheit erfüllen, die der Tragödie eigentümlich ist, und für welche Blumenkompositionen vorgeschlagen werden, illustriert durch eine Blume, deren Grimasse einen ebenso zum Theater zurückbringt wie die berühmte Regel, die die Fortsetzung des Spaziergangs missbraucht und zur Explosion bringt. Bevor man tiefer in die Zeit eintauchen, in das Alphabet durchdringen wird (20), bis mindestens auf dieses Stumme (21). Zwischenhalt in einem Celtic, warum so viele Bar-Tabacs so genannt werden?

Ein Café: Au Carrefour. Es befindet sich an einer Kreuzung wie die Bar du Coin an der Ecke zweier Straßen, und das Café de la Place auf dem Platz zu finden sind. Alles ist in Ordnung. Die Kellnerin fegt den Boden mit ihrer Müdigkeit, verkündet, dass im Laden der Kaffee 2 Euro kostet, an einem Tisch in der Mitte des Raumes 1,50 Euro – “Und 1 Euro am Tresen?”, fragte ich. Wie ein Gummiband, das zu große Spannung nicht aushält, verkleinerte sich ihr Lächeln, nicht durch schlechte Laune, sondern durch eine Müdigkeit.

In einem der Ausstellungsräume (22) fand ich mich vor dieser Maxime bzw. diesem Sprichwort wieder: “Eines Tages oder an einem anderen muss man seinen Mut im Grabe nehmen.” Vorausgesetzt, man hat einen zur Hand oder besser immer noch unter dem Fuß, was nicht immer der Fall ist, was nicht der Fall war, in diesem präzisen Fall, viel präziser als diese Notizen, dieses Tagebuch, ich selbst… Welche “Präzision” gäbe es zu erwähnen, die mich betrifft? Sollte die Anzahl der Knochen, welche zur guten Leistung meines Skeletts beitragen, die Anzahl der Kilometer meiner Nerven und verschiedenen Gefäße, die Spannung meiner Hirnimpulse sie repräsentieren? Bleiben wir ernst.

Ein Tagebuch sollte nur beschreiben, was man tut, aber was nützt es, es zu schreiben, wenn man es doch tut? Und wieso es tun, wenn es genauso gut geschrieben werden könnte?

Stunden abschälen, öffnen, zerteilen, um die Minuten in einer Soße von Sekunden zu genießen.

Zwischen dem Eimer aus Plastik und dem aus verzinktem oder nicht verzinktem Weißblech gilt meine Vorliebe instinktiv dem zweiten. Der erste provoziert bei mir dasgleiche wie die Veröffentlichung der wahren Identität Godots in einer Zeitung.

Worte abnutzen, wie man das Geschirr spült: darauf achten, die Knochen von den Gräten, das Fett vom Mageren, die Samen vom Kern zu trennen, und alles im Waschbecken abzuspülen, um es sauberer zu vermischen.

Wieder dieser verstopfte graue Himmel, oder stummes Grau, das besonders die dunkle Kugel eines unbesetzten Nestes betont, auf der Birke, auf der linken Seite vor dem Balkon.

Im Halbschlaf dieser Satz, angeblich von Chateaubriand, welcher aber weder in seinen Memoiren, noch – na ja, nehme ich an – in einem anderen seiner Bücher zu finden ist: diese Franzosen mit dem Blick auf die Seiten konzentriert, wo sie hoffen zurückzukehren, um endlich an der Reihe zu sein und nach… [unlesbar]

Als ich ihm von meiner Absicht, eine kurze Reise zu machen, mitgeteilt hatte, antwortete er, ohne Fröhlichkeit oder Traurigkeit, dass das Alter ihm einen entscheidenden Vorteil verschafft habe: er verspürte nicht mehr die Notwendigkeit des Reisens. Warum Ruinen von verlorenen Zivilisationen sehen oder wiedersehen wollen, wenn man seine eigenen auf der Hand hält?

Alles wird nach und nach verwirklicht und auf ähnliche Weise verworfen, aber viel schneller.

Der Mann ging langsam, wie jemand, der sich nicht bewegen wollte, auch wenn er keine Wahl hatte. Den Kopf nach unten, schien er nicht der Bewegung seiner Füße zu folgen, sondern dem Bitumen, das unter seinen Sohlen hinweg rollte. In der einen Hand hielt er eine Plastiktüte, in der Glas und Metall fröhlich aneinander stießen, das zweite, um das erste zu brechen, und dieses verteidigte sich, so gut es konnte. In der anderen Hand verzehrte sich zwischen zwei Fingern eine Zigarette. Die ganze Zeit des Marsches (ich ging hinter ihm her), sah ich ihn nicht einen einzigen Zug nehmen. Vielleicht sollte sie dazu dienen, würde die Glut die Epidermis erreichen, den Mann zu wecken?

Und plötzlich, wenn du ihn am wenigsten erwartest, steigt er an die Oberfläche: der üble Beigeschmack der Jugend.

Wenn sie noch zusammen leben, ist die Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier nicht mehr das, was sie gewesen sein mag. So wurde Kerion Celsi bei einem Lumpensammler diagnostiziert, der das Wasser aus dem Eimer seiner mit Trichophyta befallenen Pferde für seine tägliche Wäsche zu benutzen pflegte.

Theodor Eimer.

Der Ausdruck “to kick the bucket” bedeutet: sterben. Den Eimer schlagen oder den Eimer wegschießen … Abtreten, den Eimer treten, auf den Eimer schießen … oder einfach nur: ihn nach unten lassen, oder besser noch, ihn kräftig mit den Armen hochziehen, um ihn zu leeren, für den Fall, dass er irgendetwas enthalten würde – ein Leben?

Sie füllen einen Eimer mit Eis oder Eiswasser, stellen sich in einen Hof oder Wintergarten, der eine vor eine Videokamera, der andere vor sein iPhone, seine Webcam, sie befinden sich in einem Badezimmer oder auf freiem Feld, auf einem Platz oder in einem Garten, sie halten den Eimer in die Höhe und gießen den Inhalt über sich aus. In einigen Fällen ist eine zweite Person für die Entleerung des Eimers verantwortlich.

Es gibt sicherlich weniger Menschen, die bereit sind, für eine Idee zu sterben, als Menschen, die bereit sind, für eine andere Idee zu töten, so dass die Zahl der ersten paradoxerweise höher ist als die der letzteren.

C’est en plongeant la tête dans un seau que l’on saisit le ridicule de la politique autruchienne (23).
Indem man den Kopf in einen Eimer taucht, begreift man die Lächerlichkeit der Straußenpolitik.

Wäsche zum Trocknen auf Balkonen, in Fenstern oder Gärten. Das Knattern der Tischdecken, Bettwäsche, Handtücher und Geschirrtücher. Gestikulierende Hosen, semaphorenartige Hemden oder Pullover. So viele Gebete. Von wem? Für wen?

Vielleicht sind es nicht Gebete, sondern Beschwerden, die aus all diesen Wäschestücken entkommen? Das würde das Verbot für Stadtbewohner erklären, ihre Wäsche an Fenstern oder zwischen zwei Gebäuden hängen zu lassen. Als ob wir versuchen würden, sie zu ersticken, diese Beschwerden. Das ist absurd, der Lärm der Straße und der Mieter übertönt sie ziemlich schnell.

Ich erinnere mich an einen Mann, der verärgert über den Anblick von Bettwäsche war, die täglich von einem Mieter des gegenüberliegenden Gebäudes gelüftet wurde. Er sammelte “Beweismaterial”, um die Anzeige zu stützen, die zu erstatten er beschlossen hatte, indem er das Verbrechen monatelang fotografierte und mehrere Alben füllte, die während des Verfahrens konsultiert wurden. Bei vier Schnappschüssen pro Seite ergab das ungefähr 200 “Beweise” pro Album. Immer aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet, zeigten diese Schnappschüsse das immer gleiche Fenster, aus dem das Bettzeug in geometrischen oder figürlichen Motiven überfloß und an jene Bilderserien des Fujiyama erinnerte, die mit derselben Konstanz fotografiert wurden. Der Mann gewann den Fall, die Jury stützte ihr Urteil auf die Tatsache, dass die Stadt X. weder in Italien noch auf dem Balkan lag.

Sitzend, um genau zu sein, zwischen dem Tick der Uhr und dem Tack des Weckers. Ab und zu das Geräusch von Fahrzeugen, unsichtbar, weil die Jalousien herunter gelassen sind. Der Klang des Tacks scheint manchmal schwächer zu werden, um dann wieder anzusteigen, als ob zuweilen die Intensität der Zeit abnehmen oder einen Trick anwenden würde, als ob sie sich kurz versteckte, um dann mit ihrer Anwesenheit zu überraschen.

Ein kleiner Bahnhof, menschenleer, nur durch das Licht existent, das ihn übrigens kaum definiert. Und dann fällt plötzlich die Anzeige des Zuges, welcher eintreffen sollte, aus. Es ist dann möglich, nirgendwo hin zu fahren.

***

(20) “In das Alphabet durchdringen”. s. Virginia Woolf, La Promenade au phare, (To the lighthouse, 1927).
(21) Von der Cité de la Muette im Pariser Vorort Drancy ist die Rede, deren Wohnblöcke ein U zeichnen. Der Name “Muette” wird jedoch von “Meute” abgeleitet.
(22) “Oulipo, la littérature en jeu(x)”, Bibliothèque de l’Arsenal, Paris.
(23) Wortspiel mit Autruche (Strauß) und Autriche (Österreich).

Türkischer Rhein: im Herbscht het ma da Türgga gholt

„Im Herbscht het ma da Türgga gholt vom Riet, vo Hand uusbroche und di Fueder mit em Fuehrwerch hoa transportiert. D’Froue hend d’Stube uusgruumt und denn het ma di ganzi Laadig vo Türggachölba mit de Zoane i d’Stube ietroat. A mengem Ort hets bis mindeschtens uf di halb Fänschterhöachi Hüüffe ka, di ganz Stube voll, so dass nu no Platz ka het für en Bangg oder en Harass zum Druufhogge, um Chölba uuszhöltscha. Nachbuure und Helfer sind zur Mitärebet iiglaade worde. Es ischt gsellig und gmüetlig gse, me het gsunge, verzellt und viil glachet.

Me het vorzue d’Bletter abgrupft bis uf zwoa bis vier Bletter und die omme zämmeknüpft. Di grichtete Chölbe het ma i Zoane toa und d’Manne hend dia i d’Obertiili uetroat, wo si vo andere vorzue zum Trüchne uufghenggt worde sind. D’Obertiiline sind mit so Holzliischtene oder Dröht uusgrüschtet gse, damit me dia Chölba het chönne uufhengge. Das ischt denn en ganze Johresvorroot gse. Dia Chölba het ma im Louf vom Johr abegno, abgribblet und denn i d’Mühli broocht uf Sennwald. De Müller het denn das Türggamehl wider vertoalt, jede het sis eigne Mehl zrugg übercho. De Türgga het ma o als Hennefuetter bruucht, früeher hond fascht alli Lüt Henne ums Huus ka.“

(Der Originalbeitrag steht auf Doazmol in der Rubrik “Frümsner Bräuche” unter dem Titel “De Höltschät” und ist dort auch als Audiofile nachzuhören. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Türgga bezeichnet im St. Galler Rheintal und im Liechtensteinischen eine Maissorte, die bis vor einigen Jahrzehnten für die inzwischen kaum noch verbreitete bäuerliche Basisspeise Ribel verwendet wurde. Im westlichen Österreich wird der Mais allgemein als Türken bezeichnet. Die Bezeichnung rührt offenbar daher, daß der Mais in Mitteleuropa über die Türkei und den Balkan seine Verbreitung fand. rheinsein dankt Doazmol fürs Überlassen des Beitrags!)