Bahkauv

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“Dat Bahkauv es ävver ooch ene fiese Möpp” (Fingerpadzeichnung, Brushtool black on white, 3pt, ohne Datumsangabe, anonymisierte Einsendung)

Rheinische Tierwelt

Am Büchel in Aachen fiel mir eine echsenschwänzige Pantherskulptur ins Auge – und es dauerte Wochen, bis ich auf Umwegen (der Rhein spülte`s ans elektronisch fizzelnde Ufermorgenlicht) erneut auf sie aufmerksam wurde. Es handelt sich bei der Figur um eine, vermutlich äußerst frei interpretierte, den Schrecken exotischer Wildkatzen importierende Darstellung des lokalen Bahkauv, hochdeutsch: Bachkalb, eines halbmythischen Exemplums aus der Gattung der Aufhocker, nachtaktive und äußerst unangenehme Sprung- und Hockwesen, die sich ihren vornehmlich alkoholbetäubten Opfern von hinten nähern, um sich auf deren Rücken festzukrallen und schreckliches bis lähmendes Entsetzen zu verbreiten, eine Wirkung, die durch Gebete des Opfers noch verstärkt, durch Flüche aber gelindert wird. Das Bahkauv, das aufgrund der beschriebenen Umstände kaum jemand zu Gesicht bekommen hat, und das eigentlich eher einem Kalb oder Eber denn einem Panther gleichen, schuppiges Fell, lange Krallen und scharfe Zähne (wahlweise erkleckliche Hauer) eignen soll, ist nischenspezialisiert und im öcherrheinischen Raum endemisch. Es ernährt sich ausschließlich von den Seelen betrunkener Männer, die spätnachts durch die Straßen stürzen, und deren Alkoholfahnen das Tier bis tief in die unterirdischen Wassersysteme wittert, in denen es sich versteckt hält. Das Lauern auf unbedarfte Zecher hat dem Bachkalb Freunde wie Feinde beschert. Frauen und Kinder hat es zweifelhaften Quellen zufolge nie belästigt. Glaubwürdigere Quellen sprechen von häufigen Vorkomnissen zur Abenddämmerung, während der Bahkauvschemen unter Geräuschen wie Kettengerassel auch Kinder durch die Straßen gehetzt haben sollen – mehr wohl eine erzieherische Maßnahme. Der letzte bekanntgewordene Bahkauv-Vorfall liegt weit vor Emanzipationszeitalter und Privatfernsehen. Im 17. Jahrhundert kamen in Aachener Wirtshauskreisen (cui bono?) Gerüchte auf, dat Bahkauv sei in Wirklichkeit ein verkleideter und mittlerweile von einem kräftigen besoffenen Schmied im Kampf gestellter und hernach aus der Stadt geprügelter Räuber, ein heimischer Nachtwächter mit kriminellen Neigungen nämlich, welcher sich den Bahkauv-Mythos zunutze machen wollte und dessen Enttarnung und vorgebliche Entsorgung das nächtliche Zechen womöglich noch eine Spur unbeschwerter gestalten half als zuvor. Zu diesem Vorfall kursieren aufklärerische Einträge aus der Aachener Stadtchronik, die von der Mythenlobby für gefälscht bzw in der Stadtchronik garnicht erst auffindbar erachtet werden. Das vermutete Verschwinden bzw Nichtmehrauftauchen des Bachkalbs wird in der Regel mit der Deckelung der Aachener Wasseraustritte erklärt. Wie lange aber hält die Seele eines schwertrunkenen Mannes als Nährmittel vor? Eine wirklich gute, ausgeprägte, mit der passenden Mischung aus Alkoholika zusätzlich stimulierte, am Ende gar katholische doch wohl locker für 200 bis 500 Jahre. Die Theorie also lautet: das Bahkauv könnte beim letzten Beutegang solch eine fette Seele erwischt haben und ist derzeit schlicht und ergreifend gesättigt.