Ist der wein so gudt gewesen, das Ich die schuh vergessen habe

„(…) dornach auff schaffhaussen, zu schaffhaussen habe Ich so viel erbedtelt, das Ich habe wollen schuh kauffen, aber Ich bin In das wirtshaus vorgegangen, da Ist der wein so gudt gewesen, das Ich die schuh vergessen habe, habe die schuh mit wieden gebunden, vndt // gelauffen bis nach vlm, an der dona, etc.
Dessen 1627 gars In Abpril den 3. habe Ich mich vnter den pabpenhemsen Regemendt, zu Vlm, lassen vnterhalten, den Ich gans abgeRissen gewessen, fur einen gefreiten, von daaus, sindt wir auff den musterplatz getzogen, nach die ober Margraffschaff baden, Aldort In quartier gelehgen, gefressen vndt gesoffen, das es gudt heisset. (…)“

Kurzer Ausschnitt aus Peter Hagendorfs umfänglichen Tagebuch, das dieser während des Dreißigjährigen Krieges verfaßte, das bis heute erhalten blieb und das Prof. Jan Peters im Akademie Verlag herausgegeben hat:
Peter Hagendorf: Ein Söldnerleben im Dreissigjährigen Krieg, Berlin 1993

Badischer Rhein

Passend zu Flauberts Begriffsverwirrung folgende Stelle aus Deutschland deine Badener:

“(…) Wo der Wein wächst – und wo wüchse er nicht im Badischen! -, wo im April schon die Spargeln gestochen und im Mittelbadischen die ersten Erdbeeren geerntet werden, wo auf den Hardtfeldern der Tabak blüht und von der Reichenau früh Gemüse kommt, da lebt es sich nicht heroisch, sondern in gesetzter Behaglichkeit, ein Stück Süden schon, unaufdringlich jedoch und nie spektakulär. Von Konstanz bis über Mannheim hinaus ist Baden Rheinland und doch vom “Rheinländischen”, wie es in Deutschland zum Begriff geworden ist für lärmende Schunkelfröhlichkeit, so weit entfernt, wie die alte Holzbrücke über den Strom in Säckingen von Schloß Stolzenfels entfernt ist. Nein, hier ragen keine Trutzburgen hoch, keine mit Wehrzinnen und keine mit dunklen Verliesen, dafür aber in stiller Majestät die Münstertürme von Konstanz und Basel, von Breisach und Straßburg. Ebensowenig spielt sich der Rhein hier romantisch auf. Eher zieht er beschaulich dahin; erst im schweizerischen Schaffhausen braust er dann ein bißchen mutwillig über Felsen. Tannenwipfel spiegeln sich in ihm, Pappeln und Weiden, und wenn er erst an Karlsruhe vorbeigezogen ist, hat er noch eine lange Strecke zurückzulegen, ehe vaterländisch von ihm gesungen wird.
Und wie ist es mit Schwertgeklirr und Wogenprall? Gewiß, gewiß, seit Cäsars Legionen hier mit den Alemannen zusammenstießen, hat sich einiges getan am Oberrhein, und die Namen Mélac und Turenne, des Sonnenkönigs Marschälle, haben weder im Pfälzischen noch im Badischen einen guten Klang, wenngleich dieser Turenne in Sasbach, dort, wo ihn eine verirrte Kugel traf, sein Denkmal hat. Zufällig traf, muß man wohl hinzufügen. Denn wann fielen Marschälle auf dem Schlachtfeld? Nun, das ist lange her. Zudem waren es dynastische Streitereien, keine Volkskriege. So ermangelt der badische Rhein des Schicksalshaften, dies schon deshalb, weil auf beiden Ufern die gleiche Sprache gesprochen wird – Alemannisch. Einleuchtender hat es keiner erzählt als Hermann Landerer in seiner Geschichte vom alten Balthasar, der 1946 in Karlsruhe, in der amerikanischen Besatzungszone gelegen, ein Paar Hosenträger kaufen wolte, weil es diese in der französischen Zone nicht gab. Dazu benötigte er ein Laisser-passer. Auf badisch heißt das ein “Lessebasse”, und dies gab`s nicht ohne militärärztliche Untersuchung. Der Balthasar suchte seine französischen Sprachbrocken zusammen und trat gefaßt vor den jungen Franzosendoktor. Der aber knüpfte ihm das Hemd auf, hörte das Herz ab und sagte auf gut alemannisch: “Schnüüfe, Großvadder.” (…)”

Quelle: Amadeus Siebenpunkt – Deutschland deine Badener. Gruppenbild einer verzwickten Familie, Hoffmann und Kampe, Hamburg 1975

Wie man haarscharf an den Ufern des Rheins vorbeischrabben kann

oder zumindest beinahe, jedoch am Ende womöglich zeitlebens, selbst als großer Autor einer Rheinnation, und von welchen Umständen dies abhängen kann, davon spricht folgender Ausschnitt eines Briefs Flauberts an seine Nichte Caroline, aufgesetzt in London Ende August 1866:

“(…) Je ne veux pas m`en aller de Londres avant de t`avoir écrit un mot. Maman m`a dit que tu seras revenue à Rouen mercredi; donc, j`espère que ceci t`arrivera bientôt.
Je pars demain à 6 heures et demie du soir et, au lieu de me trimbaler pendant trente-six heures par les chemins belges qui ne me feraient arriver à Bade que dans la nuit de vendredi, je prends tout bonnement le chemin de fer de Paris. Je resterai à Paris une heure, le temps d`aller à la gare de Strasbourg, et je serai à Baden le même jour, à 10 heures du soir. Si j`avais été plus en fonds, j`aurais pris plaisir à voir les bords du Rhin; mais ce voyage me demanderait cinq à six jours. (…)”

(Nun besaß und besitzt der Rhein auch Ufer bei Baden-Baden, eine Reise dorthin im beschriebenen Sinne setzte und setzt eine Querung derselben voraus, aber die läppisch-ruinenarmen Oberrheingestade galten wohl seinerzeit nicht ganz, zumal da gerade kräftig herumkanalisiert wurde.)

Duddelsheim-Billingen

An der Badischen Riviera* zwischen Herrstetten und Zupfingen gelegen wartet diese Doppelgemeinde mit zwei völlig unterschiedlichen Ortsteilen auf. Das deutlich ältere Duddelsheim ist bis heute zu drei Vierteln von Auwald umgeben. Steinzeitliche Besiedlung wird angenommen. Auf der Duddelsheimer Gemarkung findet sich das sogenannte Römeräckerle mit Münz- und Scherbenfunden aus der römischen Besatzungszeit. Reste einer römischen Villa zerstörte wahrscheinlich der Kornbauer Fritz Eggerle, als er die Gefahr erkannte, Teile seines Grundstücks an die Landesarchäologie zu verlieren. Das vermutete Sprengloch dient heute als Karpfenteich. Aufgrund seiner versteckten Lage ist Duddelsheim nicht nur historisch gewachsen, sondern wurde auch bei allfälligen Kriegszerstörungen übersehen. Der Dorfkern könnte generell als erhalten betrachtet werden, jedoch wird in Duddelsheim traditionell schlecht gebaut, sodaß kaum ein Haus eine Haltbarkeit von mehr als 50 Jahren aufweist. In etwa im Zentrum steht die etwas windschiefe Kirche mit angeschlossener Hobbitinerabtei. Um die Kirche herum gruppieren sich Wohnhäuser, die in unterschiedlichen Abständen zur Straße stehen, was letzten Endes das Problem unübersichtlicher Kreuzungen und eine entsprechende Unfallhäufigkeit nach sich zieht. Durch die schlechte Bauqualität ist das Dorf sozusagen ständig im Wandel, in Duddelsheim selbst spricht man von „nervöse Häusle“. Zudem setzt kaum ein Neubau auf den Grundmauern des Vorgängers auf. Wichtigstes Ereignis in Duddelsheim ist fraglos die alljährliche Kerwe, die auf die erste Juniwoche fällt. Bei Riesling und Rheinfischen herrscht für drei Tage der Ausnahmezustand, der in besonders heftigen Jahren zum berüchtigten Kerwezorn führen kann, unter dessen Einfluß die Einwohnerschaft schon mehrmals größere Dorfteile zerstört haben soll. Bei der Kerwe kommt es traditionell auch zu Rivalitäten mit Besuchern aus der Brudergemeinde Billingen, insbesondere beim sonntäglichen Schweinerennen, das stets mit hohem Konsum von Knollenschnaps einhergeht. Der berühmte badische Satz „der isch uff der Sau ausm Dorf naus g`ritte“ geht direkt auf das Duddelsheimer Schweinerennen zurück. Der nicht aus Duddelsheim-Billingen stammende badische Heimatdichter H. Binkele hat eine Ballade über die Strapazen und Gefahren dieses Rennens verfaßt. Der Duddelsheimer Dialekt wiederum hat sich, ebenfalls aufgrund der versteckten Lage, sehr abseitig entwickelt und kennt zahlreiche eigene Wörter, die außerhalb Duddelsheims unbekannt sind. Auf den Straßen Duddelsheims sind wenige Menschen anzutreffen. Diese wenigen wirken von herzlicher, rotwangig-grobschlächtiger Art, was ihnen bewußt ist, sie sagen sogar, es seien niemals feinere zugezogen und ihre Kinder, die in Herrstetten oder Zupfingen zur Schule gingen, müßten heute noch denselben Spott erdulden, den auch sie und ihre Vorväter schon zu erdulden hatten, was man aber nicht übel nähme, denn zum Ausgleich besäße man, anders als Herrstetten oder Zupfingen, eine herrliche Kerwe und guten Zugang zum Rhein und dessen alten Armen, über die man ein paar Dinge wisse, vor denen die aus Herrstetten und Zupfingen, obgleich das ja deutlich größere, weltzugewandte Ortschaften seien, sich abgründig fürchteten. So sei Duddelsheim auch eine der wenigen Ortschaften im gesamten Rheingraben, deren Bauern noch nicht auf Konzernmais umgestellt hätten, man hätte da einen Vertrag mit der Natur, der schon in die Zeiten vor Christus zurückginge. Genau in der Mitte zwischen Duddelsheim und Billingen liegt der Nahkauf-Supermarkt, der beide Ortschaften versorgt und allgemein als Nahkampf bezeichnet wird.

* Badische Riviera heißen im Jargon der einheimischen Tourismusbranche fast alle Gebiete Badens, die in unmittelbarer Wassernähe liegen.

Deutsche Fußballmeister

Wieviele rheinische Teams, drängt sich an einem durchschnittlichen Bundesligasamstag unvermittelt die Frage auf, schafften es zur Deutschen Fußballmeisterschaft der Männer? Natürlich werden darüber Listen geführt, wir exzerpieren:

1907 Freiburger FC
1909 Phönix Karlsruhe
1910 Karlsruher FV
1933 Fortuna Düsseldorf
1949 VfR Mannheim
1955 RW Essen (lassen wir großzügig als rheinisch durchgehen)
1962 1. FC Köln
1964 1. FC Köln
1970 Borussia Mönchengladbach
1971 Borussia Mönchengladbach
1975 Borussia Mönchengladbach
1976 Borussia Mönchengladbach
1977 Borussia Mönchengladbach
1978 1. FC Köln

Das ergibt, für das riesige Einzugsgebiet des Rheins, ein eher mäßiges und bis auf die drei Kölner Meisterschaften, die dieser größten und wohl bedeutendsten, zugleich schlampigsten rheinischen Stadt angemessen erscheinen, auch erstaunliches Bild. Offiziell werden die DFB-Meisterschaften seit 1903 ausgespielt, mit fünf Pausenjahren in den beiden Weltkriegen. Heraus stechen aus rheinischer Sicht die Provinzstädte Mönchengladbach mit fünf Titeln und Karlsruhe, das gleich zwei Meistervereine in den Anfangsjahren, die einige erstaunliche Anekdoten bevorraten, stellt. Weiterhin bemerkenswert: von den acht bisherigen rheinischen Deutschen Fußballmeistern stammt die Hälfte aus Baden, die andere, gewichtigere, vom Niederrhein.

salut schtroßburg

salut schtroßburg, ca va, wie geht’s?
du bucklichs hutzelweib
mit deinre schwarze sammethaub
von kirchemoos un ziegelscherbekarmesin
mit deinre mittelalterkrätz am kopf
von taubeschiß und feuersbrunscht
von peschtilenz un regemessinggrün
mit deine alte pflaschterstaigedärm
voll pinot blanc un münschterkäs
bischofslila, marseillaise
weiberwackelärsch, baguette
soß vinaigrette un schwarzer zwischedurch-
un feierobendzigarett

salut schtroßburg, ca va, wie geht’s?
mei apfelbackichs bauremädle
mit deinre gugelhupffrisur
e goldes kettle
um dei bauremädlefüß

ich wünsch mer nur, ich kann bei dir
noch manchen katzefaule sommerdag versitze
im ahornschatte an deim mittagsgrüne bach
mit de chantal, de melanie, mit ainre
die i nimme waiß un nimme sieh
des sommermenschelebe spüre bis in
d’fingernägelfußzehspitze

salut schtroßburg, bauremädle, hutzelweib
mit deine rieslingzitze

Obiges – in badischer Sprache wie sie in Karlsruhe vorkommt verfaßte – Gedicht stammt von Harald Hurst, aus seinem Band “Ich bin so frei”, der im Karlsruher G. Braun-Buchverlag, dem wir herzlich für die Überlassung des Textes für diese Website danken, erschienen und über den Verlagslink erhältlich ist. Das Gedicht ist ebenfalls in Hursts neuem Sammelband “Do hanne num” (was soviel wie “Dort entlang” bedeutet) (im selben Verlag) enthalten.

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Fiebrig durch Konstanz

Kaum in Konstanz angekommen, ergreift uns vom See her ein unruhiges Fieber. Der See, der ja gewölbt ist, 41,5 Meter sagen die einen, 42,5 Meter sagen die andern, zwischen Konstanz und Bregenz, der in seiner Wölbung, über welche die Katamarane gleiten, jedenfalls einiges zu bergen scheint, und nicht nur Gutes, dieser See spricht zu uns, über das Fieber; in seiner allumfassenden Feuchtigkeit, seiner Trinkwässrigkeit enthält er historische Essenzen, die er dem Besucher einflößt, da hilft auch kein Wasserabkochen, -filtern, -tablettenreinigen. Fiebrig, das ständige Seegebrabbel im Schädel, schlurfen wir über Konstanzer Pflaster und Asfalt, nehmen Fühlung auf zum lokalen Straßen- und Seewesen: die Stadt liegt in Novemberdämmer, die Menschen sammeln sich in der weitläufigen Fußgängerzone, laufen auf und ab, beantworten routiniert die abstrusen Fragen der Touristen, spiegeln sich in professionell dekorierten Schaufenstern, sitzen, in Wolldecken gewickelt, auf den winterharten Terrassen und trinken mit Karamellaroma versetzten Kaffee. Ein Hartz IV-Empfänger in abgewetzter Robe plus Zylinder bietet gegen Obulus Gedichtrezitationen: Droste, Droste, Droste. In das laufende Poesiefestival scheint er nicht integriert, kommt kaum einmal zum Einsatz. Nebenan kauert ein Tschernobylopfer und bittet um Spenden. Alle halbe Stunde knattert ein Höllengefährt von Mofa mit ca 5 km/h durch die Szene. Ein Teil der Altstadt ist aufgeschüttetes, dem See abgewonnenes Gebiet. Die alten Gebäude wurden auf Pfählen errichtet, die bis heute, Zahnwurzeln gleich, in den Grund fassen. Dort knirschen sie und scheuchen die Felchen auf, die es hoch an die gewölbte Seeoberfläche treibt, die sie als Rallen und Taucher durchdringen, die abheben, sich in Stare wandeln, die als Geschwader unter elektronischem Gefiepe das Unendliche hinter dem Weiten suchen. So träumen zumindest die Felchen. Am Hafen steht Graf Zeppelin in Stein als Ikarus stilisiert mit einer (lebendigen) Taube auf dem Kopf. Der Graf macht Anstalten abzuheben, die Taube druckst herum, läßt etwas fallen, genießt die Aussicht. Seehase, Seekuh und Seetroll entsteigen dem Dämmer, helfen beim Aufbau des Weihnachtsmarkts, der den gesamten Hafenbereich mit Bretterbuden versorgt. Menschen und Wesen aus aller Welt, auch aus erfundenen Welten, huldigen in diesen Buden vier Wochen lang, bis sich der Tag der Ankunft des Erlösers jährt, dem christlichen Kommerzgedanken. Als Zeichen der Solidarität ordern wir eine rote Wurst. Wir treffen auf Stadtführer Daniel Gross, der uns die Tore zu asiatisch engen Hintergassen aufschließt und ihren Kloakencharakter erläutert. Der Mann hat seine Stadt bis ins Detail studiert. Wir erreichen den auffällig mit Wandmalereien garnierten Hecker-Balkon und Daniel Gross relativiert sowohl das revolutionäre Potential des badischen Volkes als auch die Konstanzer Brüstung, von der Friedrich Hecker die erste deutsche Republik ausgerufen haben soll. Derartige Balkone fänden sich häufiger im Land. Wir schauen uns noch ein zwei Turmbauten an wie sie städtischen Entwicklungen vorangingen und in Konstanz erhalten sind. Dann treibt uns das Fieber aus der Innenstadt, hindurch und vorbei am imposanten Triumfbogen von Peter Lenk an der Unteren Laube, der mit seinen Bürger-Schwein-Mischlingen und Freie Fahrt für die Liebe-Motorradskulpturen auf nicht minder viel Gegenwehr stieß wie seine Imperia am Hafen. An einer Hecke pflücken wir Berberitzen gegen das Fieber und stoßen auf eine Gedenktafel für Johann Martin Schleyer, den Ersinner des Volapük, der womöglich von ähnlichem Fieber getrieben seine Plansprache gebar: „In einer mir selbst rätselhaften, ja geheimnisvollen Weise, in dunkler Nacht, im Pfarrhaus in Litzelstetten, im Eckzimmer des 2. Stockes, das in den Pfarrgarten hinausschaut, als ich über so viele Missstände, Gebrechen und Jämmerlichkeiten unserer Zeit nachdachte, stand plötzlich das Gebäude meiner Weltsprache vor meinem geistigen Auge. Meinem guten Genius verdanke ich das ganze System der Weltsprache Volapük.“ (Zitiert nach Wikipedia) Wir torkeln weiter. Dem Rhein entsteigt, unter begeistertem Beifall eines Festivaldichters, eine korpulente Schwimmerin. Die Gebhardshalle bietet Pizza Donau mit folgendem Belag: Tomaten, Käse, Sardellen, Oliven, Zwiebeln, Oregano. Aha. Mit was wäre das Äquivalent Pizza Rhein belegt? Leider fehlt eine solche Teigscheibe im Angebot.

Schweiz ohne Schweiz

„Schweiz ohne Schweiz“ lautet der für manchen wohl leicht provokante, wir würden sagen: lustige Titel einer Kunstausstellung, die derzeit und noch bis zum 26. September 2010 im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen läuft, und sich, wie der Beititel „Alpenlose Landschaften“ nahelegt, jener wenig bekannten Schweiz diesseits bzw jenseits der Alpen widmet, wie sie sich ua in unmittelbarer Rheinnähe zwischen Basel und Bodensee findet. Kuratiert hat die Ausstellung Markus Stegmann, bis vor Kurzem eine virtuelle Bekanntschaft aus gemeinsamen Zeiten im Forum der 13, der für den Ausstellungskatalog, welcher neben Abbildungen ausgewählter Exponate einige literarische, insbesondere lyrische Texte versammelt, auch bei Rheinsein fündig wurde: Rheinfallgedichte von Mörike und lafleur, eine freundliche Gegenüberstellung schwäbisch-euforischen Scheinbiedermeiers und badisch-bodenständigen Hochleistungstrashs, von genau den wuchtigen Wasserstürzen, deren Sinn und Kraft zur jeweils herrschenden Zeit die Gedichte in Worte zu fassen suchen, umbildert. Ansichten vom Rheinfall markieren denn auch den ersten und thematisch kompaktesten Schwerpunkt der Ausstellung, von klassischer Landschaftsmalerei bis hin zu Michael Lios spektakulärem, an ein Youtube-Still erinnernden Foto eines Känzeligumpers, der sich kopfüber in die schäumenden Wasser stürzt. Desweiteren zu sehen: entidyllisierte Idyllen, Agglomerationscharme, alleinerziehende Natur, himbeerfarbene Wälder, ein verwirrendes Servelatpicknick und ein ziemlich überraschender Otto Dix.

Topographia Germaniae: Baden

Ligt in der Mordnaw / oder Ortenaw / welche an einem Gebürg hergehet / vnd den Fluß Kintzig hat. Ist ein kleines / aber an Wein / Korn / vnd Hanff / ein sehr fruchtbares Ländlein. Es ist Baden die Hauptstatt deß Marggraffthumb Baden: Welche sich in der besagten Mordnaw anfahet / vnd gegen Occident an dem Rhein / vnd gegen Orient an dem Schwartzwald endet / wiewol sie sich zum guten Theil hinein in den Schwartzwald ziehet. Es ligt diese Statt in der Höhe / vnnd gar vneben / vnnd hat fast vmb / vnd vmb Berge: So aber von Reben / vnnd Wießwachs / lustig seyn / 5. Meil von Straßburg / vier von Durlach / vnd 1. Meil vom Rhein. Der Nahme kompt jhr von den warmen Bädern allda / welche zu den Kranckheiten / so von kalten Flüssen herkommen / wider den Krampff / sonderlich das Podagra / vnd den bosen Magen / dienen. Der Haupt-Orth / oder Kessel / darauß das Wasser in grosser Menge quillet / ist sonderlich zu sehen. Vnd solches Wasser / so Schwefel / Saltz / vnd Alaun führet / siedheiß. Es seyn sonsten noch eylff Quellen / welche alle hell / vnd eines Geschmacks / aber doch an jhrer würcklichen Hitz vnd Wärme / sehr vngleich seyn. Wird nicht allein in die gemeine Bäder / vnd Brunnenkästen / durch Teuchel vnd Röhren / sondern auch in die Wirts- vnd meiste Häuser / geleytet. Hergegen ist das kalte Wasser / vnd der liebe kühle Wein / desto rarer daselbsten. Vnd wegen solcher Bäder / die entweder M. Aurelius Antoninus, oder Caracalla, die Keyser erfunden / ist dieser Ort sehr alt. Vnd hat es vor diesem vil Badleut da geben: Wie dann die Gartenfrüchte in grosser Menge / vnd sehr gut wachsen: Vnd ein Vberfluß an gesunden Speisen / sonderlich von Fischen / als Grundeln / Forellen / Salmen / vnd Krebs / vnnd allerley Geflügel / zur Schnabelweyd gehörig / da zu finden. Ist der Zeit der Römisch-Catholischen Religion / vnd ligen in der StattKirchen etliche Marggrafen von Baden. Das Fürstliche Schloß / oder Residentz / ligt noch höher / als die Statt: Vnnd ist vor diesem Krieg / wegen vieler schöner Sachen / zu besichtigen gewesen. (…)

Zitiert nach Wikipedia. Gemeint ist natürlich das heutige Baden-Baden.