Presserückschau (Oktober 2016)

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Paradies auf Erden
“Forscher wollen in einer badischen Kleinstadt das Paradies auf Erden schaffen. Acht Jahre lang soll in Gaggenau (Kreis Rastatt) ausgelotet werden, welche Lebensumstände ein besonders hohes Alter ermöglichen. Die Wissenschaftler wollen verschiedene Maßnahmen in Kitas, Schulen, Seniorenheimen und bei ansässigen Betrieben testen. Es geht beispielsweise um städtische Strukturen, mit denen Ältere vor Vereinsamung bewahrt werden können. Oder um eine für Körper und Seele möglichst optimale Arbeitswelt. Hinter dem Projekt stehen die Uni-Kliniken in Mannheim und Tübingen sowie das Mannheimer Zentrum für seelische Gesundheit.” (Spiegel)

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Marathonrudern
“42 Kilometer über den Rhein mit seinen teils tückischen Windungen: Das 45. Düsseldorfer Marathonrudern war eine große Herausforderung, die diesmal 180 Mannschaften aus ganz Europa annahmen. Sie starteten (…) beim RTHC Bayer Leverkusen und ruderten von dort zum Gelände des RC Germania in Düsseldorf-Hamm. “Der Schmerz geht, und der Stolz kommt” lautete das Motto.”" (Rheinische Post)

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Fahrradfriedhof
“Es sind traurige Bilder, die der Rhein da zum Vorschein bringt… Bei niedrigem Wasserstand kommt so allerlei verloren geglaubtes Hab und Gut wieder ans Licht. Aktuell kursieren unter anderem im Kölner NETT-Werk Fotos, die einen regelrechten Fahrrad-Friedhof im Rhein zeigen.” (Express)

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Reifenfriedhof
“Mit einem Fall von Umweltkriminalität muss sich die Niederkasseler Stadtverwaltung jetzt beschäftigten. Unbekannte haben im Rhein zwischen Rheidt und Niederkassel-Ort zahlreiche alte Autoreifen entsorgt. Die Reifen, die offenbar bereits vor längerer Zeit in unmittelbarer Ufernähe in den Fluss geworfen worden waren, wurden kürzlich von Spaziergängern entdeckt. Begünstigt wurde der Fund durch das derzeitige Niedrigwasser des Rheins.” (Kölnische Rundschau)

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Lachse und Kontrastmittel
“30 Jahre nach dem Großbrand im Schweizer Chemieunternehmen Sandoz bei Basel tummeln sich wieder viele Lachse im Rhein. 2015 seien rund 800 dieser sensiblen Wanderfische gezählt worden, teilte die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (…) mit. Der Bau vieler weiterer Kläranlagen und andere millionenschwere Investitionen hätten gezeigt, «dass es möglich ist, aus der Kloake Rhein wieder einen weitgehend sauberen Strom zu machen». Weltweit gelte dies in der Fachwelt als ein positives Beispiel der Umweltpolitik. Dennoch bleibt laut der IKSR viel zu tun. Beispielsweise gebe es neben der Verschmutzung mit Mikroplastik noch viele Mikroverunreinigungen wie Medikamente, Hormone der Antibabypille, Insektizide, Duftstoffe aus Reinigungsmitteln und Röntgenkontrastmittel.” (proplanta)

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Mundartdichtung
“Die Sprache und der Einsatz für den Dialekt verbinden: Das zeigte sich bei der Autorenbegegnung (…) im Weiler Kesselhaus. Auf dem Podium saßen sieben Dichterinnen und Dichter aus drei Ländern, die Kostproben aus ihrer aktuellen Lyrik und Prosa vortrugen (…). Roter Faden bei dieser Mischung aus Lesung und Talkrunde war der grenzüberschreitende Dreyland-Dichterweg. Auf dieser Strecke vom Rheinpark in Friedlingen über Hüningen bis zum Voltaplatz in Basel sind 24 Bronzetafeln angebracht, auf denen ausgewählte Mundartautoren aus dem Dreiland vorgestellt werden. (…) Den Anfang machte der Elsässer Edgar Zeidler. “Was wir gemeinsam haben, ist die alemannische Sprache, die alemannische Kultur”, sagte der Mundartforscher, “diese Wurzeln sollten wir nicht verleugnen.” Zeidlers Texte sind politisch, kritisch, nachdenklich, gehen auf zeitgemäße Themen ein. So las der Autor auf den Punkt gebrachte Gedichte über offene Grenzen, offene Herzen, offene Arme, aber auch über den aufkeimenden gefährlichen Nationalismus, die globalisierte Welt und die Internetgeneration, die nicht mehr kocht, nicht mehr backt, nicht mehr strickt. Als “Grande Dame” begrüßte (Kulturamtsleiter; Anm.: rheinsein) Paßlick die Baslerin Hilda Jauslin, die in Allschwil lebt. Ihre Inspirationen holt sie aus dem Alltag, aus Beobachtungen in der Natur. Hilda Jauslin las sensible Gedichte über das Dreiland: “Drei Länder, drei Dialekte, drei Belchen”, über Grenzen, Schlagbäume, Stacheldraht, Überwachung und den Rhein, der unaufhörlich weiter fließt. Beim Blick auf den “Ryy” werden die Gedanken leicht und weit, heißt es in einem Gedicht der Baslerin, die auch eine anspielungsreiche Geschichte über einen alten Mann und den Dreiländerblick las.” (Badische Zeitung)

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Neozoon
“Sie sieht aus wie eine Tarantel, ist aber keine. Die haarige Kräuseljagdspinne breitet sich derzeit im Süden von Deutschland aus. Wissenschaftler der Zoologischen Staatssammlung München haben den genetischen Code der Spinne entschlüsselt, die kürzlich erstmals in München entdeckt wurde (…). Eigentlich ist die haarige Spinne, die bis zu fünf Zentimeter groß werden kann, im Mittelmeer-Raum zu Hause, soll aber inzwischen das gesamte Oberrheintal besiedelt haben. Seit etwa zehn Jahren ist sie angeblich in Deutschland auf dem Vormarsch. Forscher vermuten, dass das Tier von Menschen eingeschleppt wurde, weil die ersten Funde an Nord-Süd-Hauptverkehrsachsen belegt sind.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Grenzfunktionen
“Als die Alemannen den zugefrorenen Rhein um das 5. Jahrhundert herum überquerten und sich auf der anderen Seite des Flusses niederließen, schufen sie einen gemeinsamen linguistischen Raum, in dem man alemannische Dialekte spricht. Paradoxerweise wurde der Rhein noch nie so leicht überquert wie heute, die badischen und elsässischen Dialektsprechenden scheinen jedoch ihre sprachliche Nähe nicht wahrzunehmen. Noch erstaunlicher: Die Dialekte des Elsass’ und Baden-Württembergs folgen verschiedenen Entwicklungen. Das zeigt jedenfalls eine erste deutsch-französische Studie, an der Pascale Erhart, Dozentin an der Unistra und Leiterin des Département de dialectologie alsacienne et mosellane, beteiligt ist. „Thema des Forschungsprojekts“, erklärt sie, „ist es, zu verstehen, wie der Rhein als Landesgrenze diesen gemeinsamen Raum trennt. Tatsächlich verschwinden die lokalen Dialektcharakteristika gerade unter dem Druck nationaler Standards. (…) Es verhält sich tatsächlich so, als würde eine sprachliche Grenze die politische ablösen.“” (Unistra)

9
Rheintote
“Rettungskräfte haben (…) in Wesel eine Leiche aus dem Rhein geholt. (…) Wie die Polizei (…) mitteilte, meldete eine Anruferin (…) eine im Rhein treibende Person. Polizei, Feuerwehr und Notarzt rückten zum Rhein bei Wesel aus. Mit einem Hubschrauber wurde nach der Person gesucht. Gegen 13.10 Uhr fand man einen leblosen und unbekleideten Mann. Die Polizei geht davon aus, dass der Mann Ende 40 oder Anfang 50 Jahre alt ist. Die Ermittlungen der Polizei laufen. Es gilt herauszufinden, wer der Mann ist und woran er gestorben ist.” (Rheinische Post)

“Mindestens zwei Tote, mehrere Verletzte und ein hoher, noch nicht absehbarer Sachschaden – das ist die vorläufige Bilanz einer gewaltigen Explosion und mehrerer Brände auf dem Gelände des Chemieriesen BASF in Ludwigshafen. Bei den Getöteten handelt es sich dem Unternehmen zufolge um zwei Mitarbeiter. Außerdem würden noch zwei Menschen vermisst, teilte BASF am Abend mit. Zunächst war von sechs Vermissten die Rede gewesen. (…) Es gebe auch noch keine näheren Erkenntnisse, welcher chemische Stoff in Brand geraten sei. In dem Hafen würden Flüssiggase, aber auch brennbare Flüssigkeiten verladen. (…) Nach der Explosion wurden demnach Wassersperren zwischen dem Landeshafen Nord und dem Rhein errichtet.” (SHZ)

Ein Grieche endet im Rhein

Chalampe-Neuenburg-SchiffbrückeSchiffsbrücke Chalampé-Neuenburg

Über die Brücken vom badischen Neuenburg ins elsässische Chalampé, weiter auf der Rheinstraße in nördlicher Richtung. Nach 9 Kilometer links ab nach Blodelsheim in die „Rue du Canal d’Alsace“ bis zur Kirche. Jetzt rechts in die „Rue de l’Église“, hier auf den Parkplatz und zum Nordeingang. Beim Betreten des Friedhofs den Blick nach rechts hinten wenden. Eine weiße Marmorplatte erinnert an ein tragisches Ereignis:

grabstein spiro sklawunos

Er kannte Deutschland gut, war in Hamburg, Leipzig und anderen Städten, arbeitete beim Frankfurter Baukonzern Philipp Holzmann, war Mitglied in einer Ortsgruppe der Deutsch-Griechischen Gesellschaft in Patras. Nach erfolgreich abgeschlossenem Ingenieurstudium an der Technischen Universität in Karlsruhe, plante er vor der Heimreise nach Hellas eine Bootsfahrt auf dem Rhein. Zusammen mit einem Freund als Begleiter, in einem Kahn stromabwärts vom Hochrhein bis nach Mainz. Über 400 Kilometer auf dem schon seit Wochen Hochwasser führenden Strom.
Doch die Reise endete jäh bei Rheinkilometer 199 vor Neuenburg. Das Boot zerbrach bei der Kollision mit der 200 Meter langen Schiffbrücke, welche hier seit 1873 über den Rhein führte. Kurz zuvor hatten sie noch die alte Eisenbahnbrücke unterquert, vielleicht abgelenkt vom imposanten Bauwerk, sahen sie die sich schnell nähernde Gefahrenstelle zu spät.
Sein Begleiter schaffte es gerade noch ans deutsche Ufer, während Spiro Sklawunos von den schäumenden Wellen verschluckt wurde.

Sechs Wochen später, am 12. September fand man am französischen Ufer bei Blodelsheim eine männliche Leiche. Vielleicht 25 bis 30 Jahre alt, eher klein. In der rechten Hosentasche eine Reichsmark und eine Uhr, sonst nichts. Da die Identität nicht feststellbar war, begrub man den Unbekannten anonym auf dem Friedhof der elsässischen Gemeinde. Erst später und nach längeren Ermittlungen konnte die griechische Familie den Verbleib des 23-jährigen klären und die letzte Ruhestätte ausfindig machen. Die Eheleute Albertine und Eugen Sitterle aus Blodelsheim pflegten dann das Grab die ganzen Jahre, obwohl sie den jungen Mann und seine Familie nicht kannten. Die Gedenktafel des Grabes wurde nach abgelaufener Ruhezeit auf Initiative von Emile Decker, einem Heimatforscher aus Blodelsheim, an der jetzigen Stelle angebracht. Die traurige Geschichte vom Neuenburger Stadtarchivar Winfried Studer veröffentlicht, der dazu schrieb:

„Die Tafel erinnert auch daran, dass eine Blodelsheimer Familie einem ihr nicht bekannten jungen Mann, der zufällig auf der Gemarkung Blodelsheim gefunden wurde, einen letzten Dienst erwiesen hat.“ Vergelt‘s Gott…! kann der Europäer da nur sagen.

(Für rheinsein zusammengestellt von Bruno Haase)

Mannheim

“Zu Karlsruh’ ist die Residenz, / in Mannheim die Fabrik. / In Rastatt ist die Festung / und das ist Badens Glück.” (Aus dem Badnerlied)

Freiburger Notizen (14)

Waghalsige Münstertiere kippen in selbstbläuende Himmel, die über die Stadt in Richtung der badischen Serengeti mit ihren Rippchenwolken, Baummedusen und nahfernen Nebelbergen ziehen. Unterhalb des Münsters umlungern träge Spätwespen mit gezückten Stacheln vegane Marktwaren und Bratwürste in einem postmodernen Südwestern. Bündel roter Bete leuchten, sandige Meerrettichprügel, die gut in der Hand liegen, brutalisieren die Auslagen, Blumen, die wie angesprayt wirken, Bioäpfel und literweise Topinambur, von ihren Händlern bis ins Detail erklärt: der Münstermarktbesuch kulminiert zum Gipfel badischer Lebenskunscht.

fr_ziegenmensch

Der Mittag wird zusammengehalten von Gerüchen nach Fleischkäs. Der strömt aus Bäckereien und Metzgereien in die 20 Grad warme Novemberluft. In der Fußgängerzone spielen von zuviel Swing eingedellte Kontrabaß-Beatles ihr Ticket to Ride, unweit des altehrwürdigen Martinstors mit dem McDonalds-Schriftzug hockt und meckert ein Ziegenmensch und klappert mit den Zähnen. Plakate künden vom Besuch Reinhard Stengels, des Rainbowman, welcher gegen Vortragsobolus mitten in Freiburg die Sprache der Seele spricht. Häufiger als Ziegen- und Regenbogenmenschen erblicken wir in Trekkingkleidung gewandete Wolfshautmenschen, die gedrungene Hunde an der Leine führen, deren gen Himmel gezüchtete Ruten ihre Arschlöcher exponieren. Es herrscht friedliches urbanes Gewimmel, man ist “gerade auf dem Weg zum Asiaten”, der in der sprichwörtlichen Freiburger Enge an kaum einem Standort weiter als hundert Meter entfernt liegen dürfte, hin und wieder erhebt sich in der Menge ein Zeigefinger, erlauschen wir zufällig einen mediokren, harmlosen Spruch, der auf die ökologische Taufe seines Urhebers verweist. Zur Schau gestellte Gedankentiefe ist Konvention: anstatt den Sonnenschein hinzunehmen, wird er behutsamer Exegese unterzogen.

Die Zukunft des Bodensees vor 100 Jahren

Wir leben in der Anfangszeit eines neuen Rheines. Sein Bild wird allmählich in tausend Einzelstrichen auf den Blättern der Fachzeitschriften und in weitreichenden Erörterungen lebendig. Die Möglichkeiten des Rheines, mit vielfältig verzweigten Energien immer tiefer in das Leben der Menschen hineinzuwirken, immer tiefer eine Wasserstraße in das Land zu werden und schließlich den Bodensee zum größten Binnenhafen Europas zu machen, gelten besonders für den Teil des Rheines, der fast noch dem Hochgebirge angehört, sie rufen Erwartungen auf, je mehr sich die Lage Europas unter dem Stachel von Versailles verschlimmert und je mehr die wirtschaftlichen, industriellen, verkehrstechnischen, topographischen und gesetzgeberischen Vorarbeiten fortschreiten. Wie ein gotischer Dom in seinem Emporwachsen die Stämme und Lichter des Waldes und das Felsgetüm des Berges wiederholt, aber das Vergängliche beiseite läßt, so plant eine kollektive und faustische Phantasie die ingenieurmäßige Gestaltung des Flusses, die Entfesselung und Zähmung in einem ist.
Der Oberrhein besteht aus zwei Flügeln, und sein Angelpunkt ist Basel. Der eine Flügel endet im Bodensee, der andere in jener Breite des Stromes, die schon zum Vorhof des Weltmeeres wird. Beide Flügel bieten schwierige und verlockende Aufgaben für eine staatenbauliche Kunst, die bereit ist, Verantwortung für das Schicksal von Millionen künftiger Menschen zu tragen. Natürlich ist dies hier nur eines der Probleme, die überall in der Welt vorhanden sind, wo man aufgehört hat, das Werden von Massenstädten und Industriegebieten dem Zufall zu überlassen. Es besteht die Absicht, den Bodensee durch eine Höherlegung seines Spiegels zum Speicher gewaltiger Wassermassen zu machen, deren Abfluß dann gleichmäßiger sein wird als bisher. Die Wasserkräfte des Oberrheins entsprechen der Brennkraft, die in den Vorräten eines unerschöpflich großen Kohlenbergwerkes schlummert. Man will sie in vierzehn Kraftwerken gewinnen, die mit den Wasserkräften des Schwarzwalds zusammen die Möglichkeiten einer neuen Industrielandschaft bieten, die ganz Baden, Schwaben, das Elsaß und die Nordschweiz umfassen könnte. Niemand zweifelt, daß die Aufgabe lösbar sei, aber die Lösung ist durchaus nicht sicher. Sie kann eine schlechte und kleinliche werden. Dann wird dieser Teil Europas vor anderen Ländern zurückbleiben, vielleicht für immer. Wenn aber die Lösung glückt und eine große Hand verrät, so werden künftige Geschlechter sie bewundern. Das Gemüt der Planenden müßte wohl ein wenig dem Gehäuse ähnlich sein, in dem einst Dürer den heiligen Hieronymus darstellte, mit dem Hund und dem Löwen schlafend zu seinen Füßen, in stillster Unbefangenheit den menschlichen Leidenschaften gegenüber, die so rasch erwachen, um sich über irgendeinen Brocken zu zerfleischen.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Karlsruher Stadtgeburtstag

Lichtspiele

Fassasdenprojektion

Bunte Schlossfassade

Die Bilder vom illuminierten Karlsruher Schloß stammen von Kirsten Bohlig. Als Fotografin dokumentiert sie Gesichter, Orte und Veranstaltungen der badischen Metropole, zuletzt u.a. die innerstädtischen Baustellen und Aktivitäten zum Stadtgeburtstag. Hier geht es zu ihrer Website.

Vor 300 Jahren infolge eines fürstlichen Traums gegründet zählt Karlsruhe zu den jüngeren Städten am Rhein. In den 47 Jahren seit wir dort zur Welt kamen, ist Karlsruhe stets gewachsen, von damals rund 250.000 auf heute rund 300.000 Einwohner, womit Mannheim als einwohnerstärkste Stadt Badens abgelöst wurde. Wo das Wachstum enden soll, mögen wir uns lieber nicht vorstellen. Denn mit ihrem urbanen Adoleszieren schien die alte Heimat von Besuch zu Besuch häßlicher zu werden. Neue Viertel stärkten den Betonanteil, Malls nach amerikanischem Vorbild erhöhten die Klotzigkeit des von zahlreichen Blumenarealen und Wasserspielen gelockerten Stadtbilds, seit Jahren prägen Großbaustellen das Gesicht der Innenstadt. Dem entgegen steht die Günther-Klotz-Anlage aus den 80ern – eben nicht für Klotzigkeit, sondern für innerstädtisches Grün entlang der Alb, eines aus dem Schwarzwald hinab sich schlängelnden, Karlsruhe verschönernden und schließlich den Rhein speisenden Flüßchens. Dem entgegen stehen weiterhin einige Vororte, deren Geschichte deutlich älter ist als die Stadt, in der sie aufgingen und die teilweise noch dörfliche Strukturen aufweisen.

Zum 300-jährigen Gründungsjubiläum nun hat Karlsruhe einen langen Kultursommer auf die Beine gestellt. Neue Kunstwerke bevölkern die Innenstadt, überregional durch die Medien ging die Geschichte einer falsch parkenden Skulptur in Marktplatznähe. Das Karlsruher Schloß wird noch bis Ende September allabendlich von diversen Lichtkünstlern illuminiert. Bei unserem Besuch vor sieben Wochen wurden unter anderem moderierte Livechats auf die Fassade projiziert, später zersplitterte das Gebäude in Lichtfetzen. Das sehenswerte Spektakel läßt sich bei freiem Eintritt auf den Wiesen vor dem Gebäude beobachten.

Das elsässische Piktogramm


fessenheim_fahradwegmännchen_2
Männchen zur Markierung der Radwege: auf der grenzüberschreitenden Alain-Foechterle-Erich-Dilger-Brücke zwischen Hartheim (Baden) und Fessenheim (Elsaß) wechselt die Fahrbahnfarbe von deutschgrau in französischgrau und beeindruckendes elsässischgrün. Die auf deutschem Boden noch schnurgerade gezogene Fahrbahnbegrenzung nimmt zittrig-psychedelische Noten an. Die Piktogramme wechseln von Normzeichnung auf individuelle Gestaltung mit künstlerischen Ansätzen. Wir trafen u.a. auf bröckelnde Leptosome und kubistisch inspirierte Ausdrucksformen.

Speedscapes

rhein bei bonnDer Rhein zwischen Bonn und Remagen: sommerhimmelblaues Flußwasser spiegelt sich in einer Eurocity-Fensterscheibe und wird zugleich von der linksrheinischen Botanik, der es sich unterlagert, eingegrünt. Für Sekunden entsteht eine Traumlandschaft, deren Grenzen ihre Auflösung bereits in sich tragen.

schönes badnerland_speedscapeSchönes Badnerland: am oberen Bildrand wellen sich juniöse Weizenfelder in voller Sprießensenergie – der Rest des Fotos dünkt uns eine unerklärliche Melange aus normalen Reisegeschwindigkeitsverzerrungen.

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß

Mit Marcel Crépon ist es ein wenig wie mit dem Teufel an der Wand. Kaum machen wir uns Gedanken, es sei an der Zeit, einmal wieder nach Monsieur Crépons Befinden zu fragen, langt elektronische Post aus kaum betretenen, beinahe schon klandestin zu nennenden Gebieten der rheinischen Sferiferie bei uns ein. Monsieur Crépons aktueller Bericht stammt aus dem elsässisch-badischen Grenzgebiet, dessen Trennlinie der bisweilen geradezu beängstigend begradigte Oberrhein markiert. Der Bericht indessen ist so reichhaltig an tief in die Lokalhistorie vordringenden Informationen in Wort und Bild, daß wir ihn – um unsere Leserschaft zu bannen und vor dem Wundscrollen ihrer bevorzugten Finger zu bewahren – auf eine Serie verteilen, die wir in den kommenden Tagen in loser Folge präsentieren wollen. Hier nun Teil 1:

“Liebes rheinsein,

Die Frage der Welterfassung nach objektiver oder subjektiver Art hat, seit sie formuliert wurde, nichts an Aktualität eingebüßt. Ja, wir tun uns manchmal immer noch schwer, uns zurecht zu finden. Täuschen wir uns ausnahmsweise nicht selber, kümmern sich darum Geräte, die uns eigentlich Hilfe leisten sollten. Damit wurde ich bei meinem letzten Ausflug konfrontiert.

Kaum losgefahren war es unverkennbar, daß mein alter Hermes-Navigator über Wege und Umwege, verschwundene oder neugebaute Straßen kaum Bescheid wußte, sodaß er jede sich bietende Chance ergriff, mich in die Irre zu führen. Eine Beschreibung aller befolgten Windungen und erlebten Widrigkeiten erspare ich Ihnen und komme direkt auf diese Neben-Nebenstraße, auf der ich, indem ich die Orakel meines orientierungslos gewordenen Hermes zu dechiffrieren versuchte, weder hinten von vorne, geschweige denn links von rechts zu unterscheiden wußte.

Welch eine Ouvertüre, werden Sie schmunzeln. Beruhigt im Wissen, daß Sie es nicht böse meinen, sondern vielmehr nachsichtig, fahre ich fort: vor mir stand plötzlich ein Mann, den einzuschätzen ich Schwierigkeiten hatte – abgesehen von eindeutigen Merkmalen, die über Jodmangel in seiner frühen Kindheit Auskunft gaben, die aber keineswegs, einem alten Glauben zufolge, regelmäßigem Trinken von Rheinwasser zuzuschreiben waren. Der Mann war weder ländlich noch städtisch bekleidet; weder ging er einer Beschäftigung nach, noch vermittelte er den Eindruck eines einfachen Spaziergängers.

Auf meine Frage ”Frankreich?” antwortete er mit einem Kopfnicken, verstärkt durch eine Handbewegung, wobei der Zeigefinger auf den Boden wies. Die Geste machte mich stutzig, denn ich konnte mich nicht entsinnen eine Brücke überquert zu haben, welche mich von der rechten auf die linke Rheinseite gebracht hätte. Wohl wissend, daß mein Akzent scharf genug war um jeden Verständigungsversuch zu zerbröseln, wiederholte ich meine Frage und bekam unverzüglich die gleiche Antwort. Und weg war der Mann.

Que diable venais-je faire sur cette route?”, fluchte ich in Zweifelslaune, wobei ich ”étais-je venu” hätte anwenden sollen: auf dieser Straße war ich schon seit einer Weile angekommen. Nun, was helfen grammatische Feinheiten, wenn rechts und links nichts als Felder zu sehen sind, die entweder bereits abgeerntet sind, oder noch darauf warten abgeerntet zu werden? Wenn das stumme Hinten dem nichtssagenden Vorne gleicht? Wenn die Nacht auf verheerende Weise eingebrochen ist wie sie es nun war? (…)” (Fortsetzung folgt)

Leuchttürme des Rheins: der Westwall

Nur unterbrochen vom stolzen Münsterberg zu Breisach, der sich wie ein Wellenbrecher in den mächtigen Strom schiebt, zieht der Alte König Rhein sich pfeilgerade durch sein weitläufiges Delta, das sich wenige Dutzend Kilometer nördlich des Rheinknies zu Basel, auffächert.

Zum Bedauern und Nachteil aller geradlinigen und anständigen Zeitgenossen, tummeln sich allerlei Nachtschattengewächse auf dem altehrwürdigen Gewässer. Namentlich die Flusspiraten stellen ein großes Ärgernis und argen wirtschaftlichen Schaden dar.
Zudem sitzt auf dem abendlichen (das ist das westliche -) Ufer der WELSCHE, welcher ein Volksstamm fremder Zunge und Lebensart, mit dem seit urvordenklichen Zeiten in unschöner Regelmäßigkeit allerlei Fehde und Raufhändel vor sich geht.

Aus diesem Grund sah sich die weltliche Obrigkeit genötigt, den betreffenden Stromabschnitt aufs Sorgfältigste zu befestigen und zu sichern.

Auf der ganzen Länge bis weit nördlich der Festung Straßburg, schlussendlich bis auf Höhe des Badischen Jerusalems, der Erzresidenz seiner Markgräflichen Magnifizenz, des Markgrafen höchstselbst, der Planstadt Karlsruhe, zieht sich eine Perlenschnur trutziger Wehrtürme.

Denn dort sind nicht nur Leucht-Vorrichtungen installiert, sondern jeder Turm ist vom Fundament bis zum dachseitigen Wetterhahn mit fortschrittlichsten Waffen-Installationen versehen. Weil im Inneren jeweils ein elektroid-mechanischer ewiger Paternoster seine Bahn zieht, nennt man sie auch die Westwall-Maschinentürme.

Manch einem Flusspirat, der sich plötzlich im Lichtkegel eines Westwall-Turmes wiederfand, pfiffen im gleichen Moment Projektile um seine ungesetzlichen Ohren… und mancher Welsche, mit einschlägigen Absichten „gesegnet“, musste angesichts der herabhagelnden Granaten von seinem Schandwerk ablassen und sich in seinen heimischen Graben oder Bunker verziehen –

Dank unseres hochwohllöblichen Markgrafen, seiner erlauchten Magnifizenz Ludwig, steht der Wall, Turm an Turm, ein jeder in kunstgerechter Entfernung zwecks Benutzung optischer Telegraphen, und die pflichteifrigen Besatzungen halten den Strom von Befleckung durch Schandbuben rein und schützen unsere Ufer vor den Tückebolden aus dem Welschenland –

(Ein Gastbeitrag und zwölfter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf. rheinsein dankt!)

Geschichte eines Auswanderers

“(…) Unsere Reise richtete sich zuerst gegen Mannheim. Dort sollten sich noch mehrere Auswanderer aus Würtemberg und Baden anschließen. Wir glaubten dort am wohlfeilsten auf dem Schiffe zu Schiffe auf dem Rhein nach Amsterdam kommen zu können.
Allein schon hierin betrog uns unsre Rechnung. Denn die Fahrt auf dem Rhein ging so langsam, das Fahrzeug mußte so oft anlegen, daß wir den Weg von Mannheim nach Amsterdam erst nach drei Wochen zurücklegten, während wir zu Fuß weniger Zeit und Geld würden gebraucht haben. Das eben ist häufig der traurige Fall bei Auswanderern, daß sie durch ungeschickte Maßregeln sich unnöthige Kosten und Zeitverlust verursachen. Sie haben die Reise noch nie, vielleicht überhaupt noch nie eine Reise von Bedeutung gemacht, und für ihre kühnen Einbildungen, für ihre ungeduldigen Erwartungen ist selbst fremder Schaden keine Lehre.
Den 8ten Mai fuhren wir von Mannheim ab. Schon auf diesem Wege begegnete uns der Schrecken, daß in unserm Schiffe in der Nähe von Wesel, während eines stürmischen Ungewitters, Feuer ausging. Schnelle und geschickte Hülfe wußte es noch glücklich zu unterdrücken. Von preußischer Seite machte man uns während unserer Durchreise mehr als ein Mal Vorschläge, uns in Preußen unterzubringen. Wir fuhren in zwei Schiffen. Bereits waren wir im Kanal (Zuyder=See.) Jedes unsrer Schiffe wurde am Ufer hin von Pferden gezogen. Unvermuthet bricht das Seil, an welchem ein Pferd das vordere Schiff zieht. Das zweite Schiff, in raschem Zuge vorwärts, ist schon im Begriff, auf das erste zu stoßen; ohne eine schnelle und glückliche Wendung hätten sie beide zerschmettert werden können.
Den 1sten Juni 1817 kamen wir in Amsterdam an und schon dieser Zug hatte unsre Kasse angegriffen; aber es war nur das Vorspiel zu noch grßeren Opfern. (…)”

(Johann Jakob Butsch: Geschichte eines Auswanderers. In Joseph von Hefner: Deutsche Chrestomathie für den Schul- und Privatgebrauch, enthaltend: Fabeln, Erzählungen, Beschreibungen und Schilderungen, nebst Sach- und Worterklärungen, München 1830)

das alte, poetische Straßenpflaster

Mitten im lieblichen Kinzigtale des an wunderbaren Talgründen so reichen Badnerlandes erhebt sich meine kleine Vaterstadt Haslach, im Volksmunde Hasle genannt. Hohe Berge, mit stolzen Tannen und Buchen gekrönt, üppige Matten und der silberhelle Bergluß schließen das Paradies meiner Jugendzeit ein.
Es sind bald sechzig Jahre mit mir durchs Leben gegangen, seitdem ich das erste Bild des Städtchens in meine Seele aufnahm. Meiner Großmutter Schwester, die uralte “Lenebas”, der greise Schutzengel meiner Jugend, führte mich eines Tages auf die Zinne des kleinen “Schänzleberges” und zeigte mir die Herrlichkeit der Heimat. Sie wies zuerst hin auf den mit “Silber” beschlagenen Kirchturm, von dem ich bis zur Stunde manchmal träume aus der Kinderzeit, als zöge ich an seinen Glocken oder hörte die alte Turmuhr schlagen.
Sei mir heute wieder gegrüßt, du erster Himmelszeuge meiner Kindheit! Zwar weiß ich schon längst, daß dein Silber eitel Blech ist; – aber dieses Blech glänzt wie heller, echter Silberschein in meine Jugenderinnerungen, und um dich reihen sich die Häuser, Straßen, Gassen und Gäßchen, durch die meine Kinderseele ihre Hochzeit hielt alle Tage. Du bist der Mittelpunkt meiner Erinnerungen an die Heimat, an die ich nicht denken kann, ohne daß dein “Silberhaupt” zuerst mir entgegenstrahlt, um welches alles andere sich im Geiste gestaltet! Von dir geht mir das Städtchen aus.
“Eng ist der Weg und schmal die Pforte, die zum Himmel führt.” Diese Bibelworte verewigten die alten Haslacher an ihrem Gotteshause, zu dem ein gar enges Gäßchen vom Marktplatz hinaufführt zum “silbernen” Kirchturm. Er ist uralt wie seine beiden Nachbarn, die ihn vorne und hinten einrahmenden alten Zehntgebäud der ehemaligen regierenden Herren, der Fürsten von Fürstenberg. “Kästen” nennt sie bezeichnend das Volk bis heute, und die Vogtei über sie war in meinem Geschlechte und der letzte Kastenvogt mein seliger Vetter Eduard.
Die meisten Haslacher wissen nicht, daß sie einstens zähringisch waren und daß Agnes von Urach, Schwester Bertolds V. von Zähringen, ihrem Gemahl, Egino V., 1218 Haslach zubrachte. Als die Uracher sich in Urach-Fürstenberg und Urach-Freiburg abzweigten, kam Haslach an das Haus Fürstenberg, das vom 13. bis 19. Jahrhundert sein Zepter führte über das Kinzigtal.
Seine eigene Residenz schlug 1284 dies Geschlecht zu “Hasela” auf, aber schon in der Schlacht bei Sempach endigte der letzte dieser Linie. Schloß und Burg sind längst verschwunden, nur die Zehntkästen sind noch Zeugen der einstigen fürstenbergischen Herrschaft. Sie und das alte Rathaus am Marktplatz sind die einzigen Freunde des Kirchturms, die den spanischen Erbfolgekrieg überlebt haben, und zu ihnen kommt noch St. Sebastian, der gepfeilte Heilige auf dem Brunnen am Platz (1704 brannten die Franzosen das alte Städtchen gänzlich ab.).
Aber wie sie, so ist alles beim alten geblieben seit jenen Tagen, da ich den ersten Eindruck bekam von der Heimat. Straßen, Häuser und Gassen sind dem Zahn des Fortschrittes nicht verfallen. Meist noch die alten Läden und Fenster, und nur der veränderte Hausschild eines Wirts, Krämers oder Hutmachers verkündet, daß die Menschen gewechselt haben. Doch eines vermisse ich! Das alte, ehrwürdige Straßenpflaster haben sie mir herausgerissen, von dem jeder Stein meinen flüchtigen Knabenfuß trug und dessen Kühle den kleinen Barfüßler im Sommer doppelt sprungfertig machte. Auf diesem Pflaster dröhnten einst die Thurn- und Taxis´schen Postwagen durch das Städtchen, von Ulm oder Frankfurt kommend; sie vermittelten den Weltverkehr und brachten Briefe und Zeitungen.
Draußen vor der Stadt, oberhalb der Mühle, die von Osten her den Reigen der Häuser beginnt, stand ich manchen Morgen und harrte, bis der gelbe “Eilwagen” das Tal herabkam und des Postillions gelbes Röcklein und sein Hörnlein sichtbar wurden. Und wenn dann der Jakob, der Mann der Köchin meiner Taufpatin im Adler, gerade als Kondukteur die Route hatte von Stockach bis Offenburg, da jubelte mein Kinderherz. Denn der Jakob nahm mich in sein Coupé, oder er schob mich dem Postillion auf den Bock zu, und hinein ging´s ins “Städtle”. Und wenn dann der Postillion sein Hörnlein ansetzte und der Wagen auf dem Pflaster rasselte, da klang´s wie “Orgelton und Glockenklang” in meine Seele. Darum vermisse ich schmerzlich das alte, poetische Straßenpflaster. (…)

(Heinrich Hansjakob: Die Heimat; gefunden in: Schwarzwaldleut’ – Fünf Erzählungen, New York 1913)

Tulla, der Gepriesene

tullaJohann Gottfried Tulla als schief hängender Ritter der Ehrenlegion

“Über ganz Karlsruhe lag ein Gebet an Tulla, den gepriesenen Mann, allgegenwärtig in Straßen und Unterrichtsstunden, Tulla hier, Tulla da, als Namenspate für Schwimmbäder und Konferenzen, Tulla, der badische Herkules und Befreier des Volkes aus den Sümpfen mit ihren Fiebern und Überschwemmungskatastrofen, Tulla, der die einstige Hölle des Oberrheins in ein Paradies verwandelt hatte. Er klingt fremd, lateinisch, der Name Tulla, ich verbinde ihn mit einer römischen Büste. Tulla war in Wirklichkeit, soweit Wirklichkeit sich aus vergangenen Jahrhunderten ins Jetzt übertragen lässt, ein Ingenieur, der um bescheidenen Lohn (…), nicht ganz ohne Hilfe zahlreicher namenloser Arbeiter, den mäandernden, inselaufwerfenden, wilden Rhein von Basel abwärts weit über hundert Kilometer in eine Schnurgerade zwang. Als Gerichteter und Gefangener zieht der Fluß heute an meiner Geburtsstadt vorüber, Nacht für Tag, Tag für Nacht, ein paar dümpelnde Auwälder und Altarme als Pin ups an seine Zellenwand geklebt. Fahre ich hinaus an seine gemauerten Ufer, verläuft dieser kanalisierte Oberrhein für mich wie eine Endlossequenz meiner eingeengten Jugend. Das Meisterwerk, initiiert von Gottfried Tulla und neuverfilmt von David Lynch, lässt menschengemachtes Grauen in neugeschaffenen Idyllen lauern, bevölkert mit absonderlichen Randgestalten, die mich mit schiefen Mäulern mustern, grüßen: „Ah, der Anner!“ „Der Andere“, das bin ich, der Gegrüßte, eine badische Personalisierung für denjenigen, den man zu erkennen meint, ohne seinen Namen zu erinnern oder aussprechen zu mögen.” (Rhein-Meditation)

Daß die Tulla-Preisung zu Karlsruhe fortgesetzt geschieht, davon gibt ein vor wenigen Tagen in den Badischen Neuesten Nachrichten erschienener Artikel in der Reihe “Karlsruhe und seine Köpfe” Zeugnis. Darin wird Tulla, 1770 als Sohn eines Rüppurrer Pfarrers geboren, nicht nur als der Mann beschrieben, der den Oberrhein schiffbar machte und die Malaria eindämmte, er legt mit seiner 1807 gegründeten Karlsruher Ingenieursschule auch “einen Grundstein zum heutigen KIT*”, eine der Vorzeigeeinrichtungen der Residenzstadt. Regionaler Widerstand erwuchs Tullas Großprojekt, das von 1817 an über 70 Jahre (somit weit über den Tod des Ingenieurs im Jahr 1828 hinaus) umgesetzt wurde, vor allem aus dem heutigen Karlsruher Stadtteil Knielingen. Die Knielinger, “rebellische Untertanen”, sorgten sich aufgrund der Begradigung um ihre Fischgründe “und mussten letztlich mit Militärgewalt zum Einlenken gezwugen werden”. Nicht nur die “weit über hundert” bis Karlsruhe, wie in der Rhein-Meditation niedergelegt: ganze 266 Kilometer beträgt heute die rektifizierte Strecke von Basel bis an den Südrand Hessens. “In der Region erinnern nach ihm benannte Schulen und Straßen an den Rhein-Begradiger. Ein Denkmal wurde am Rhein bei Maxau errichtet.”

* Karlsruher Institut für Technologie

Über die Pferdezucht auf den oberrheinischen Inseln

Neuenburg-Fohlenweiden-4
Der Hügelheimer Bürgermeister Isaak Sehringer hatte die Idee, auf den teilweise brach liegenden Rheininseln vor Zienken eine Fohlenweide einzurichten. Der Haken an der Sache aber war, dass zwar damals Zienken zu Hügelheim, die vorgelagerten Rheininseln jedoch zur Stadt Neuenburg gehörten, deren Stadtobere der Unternehmung skeptisch gegenüber standen.
Da boten sich die Grißheimer mit ihrem Bürgermeister Josef Diringer an, die Unternehmung auf einer ihrer Inseln mit 40 Fohlen zu beginnen. Im Mai 1857 lag dafür eine amtliche Genehmigung der Bezirksstelle Müllheim/Baden vor. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr lenkten die Zähringerstädter ein und beteiligten sich am Weidebetrieb. Geplant war bis zu 400 Stuten-Fohlen gegen Gebühr halbjährig in Obhut zu nehmen. Die gemeinsame Aufsicht hatten die Bürgermeister von Grißheim und Neuenburg, deren Aufgabe es war, die Fohlen vor Aufnahme einer genauen Musterung zu unterziehen und diese zu registrieren. Ferner kümmerten sie sich um die Organisation, Versicherung und um die Entlohnung der Hirten. Erwirtschaftete Überschüsse sollten je zur Hälfte in ihre Gemeindekassen fließen. Die in Vorleistung getretenen Kommunen erhofften sich nun, durch eine Eingabe bei der Großherzoglich Badischen Regierung, staatliche Zuschüsse zu erhalten. Zur Prüfung des Anliegens war eigens der badische Landstallmeister angereist, ein gewisser Freiherr Karl-Ludwig Röder von Diersburg. Im Karlsruher “Landwirtschaftlichen Centralblatt”, vom 30. Juni 1858, ist dazu sein ausführlicher und äußerst positiv ausfallender Untersuchungsbericht abgedruckt.
Zum Zeitpunkt der Inspektion, es war Anfang Juni 1858, standen 107 Fohlen auf den Rheininseln „Langgrün“ und „Stückelkopf“. Die meisten Tiere stammten aus der näheren Umgebung, einige aber auch von Züchtern aus Riegel und Säckingen.
Die im April auf die Inseln geschwommenen Fohlen wurden ausschließlich im Freien gehalten und tagsüber von drei-, nachts von einem Hirten bewacht. Das Futter bestand nur aus dem was auf den Inseln wuchs, vor allem kräftiges verschiedenartiges Gras.
Der Landstallmeister wurde von Neuenburg aus flussabwärts auf die Inseln gebracht, die beidseits der Grißheimer und Neuenburger Gemeindegrenze lagen. Er lobte den Zustand der Tiere, die gut genährt, mit glattem Fell und prächtigen Hufen, auf ihn einen exzellenten Eindruck machten. Er resümierte überschwänglich, dass die Tiere bestens zum Militär-Dienst geeignet wären. Er übersah wohl dabei, dass die Fohlen erst einige Wochen auf den Rheininseln verbrachten.
Denn ganz anders fünf Jahre später. Im Januar 1863 wurde in einer Sitzung der Großherzoglich Badischen Regierung in Karlsruhe das Thema Rheininseln und Fohlenweiden behandelt. Für den damaligen Amtsbezirk Müllheim berichtete Friedrich Rottra aus Kirchen (Efringen-Kirchen), unterstützt vom Badischen Wiesenbaumeister Lauter vom aktuellen Stand der Unternehmung. Das anschließende Urteil war vernichtend. Etliche Fohlen seien in den zurückliegenden Jahren ertrunken und der Ernährungszustand vor Rückgabe an die Besitzer oft miserabel. Nach lebhafterer Diskussion mit dem ebenfalls anwesenden Landstallmeister, der im Sitzungsprotokoll mit keiner Wortmeldung erwähnt ist, wurde festgehalten:
„Der Staat habe nicht die Aufgabe, alle einzelnen Wünsche zur Förderung ganz privater Interessen durch Steuergeld zu unterstützen, das führe zuletzt zu ganz bedenklichen Folgerungen“. Die Versammlung stimmte mehrheitlich gegen die staatliche Unterstützung von Fohlenweiden.
Im Zuge der damals durchgeführten Tulla’schen Rheinkorrekturen verschwanden alle hiesigen Rheininseln, die vormals saftigen Wiesen versteppten. So war auch das Ende der Fohlenzucht auf den Inseln absehbar.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil…

Rüttlinger-1823Eine Reisebeschreibung des Auswanderers Johann Jakob Rüttlinger
(1790-1856) aus Wildhaus / Toggenburg / Schweiz.

Wie umständlich das Reisen vor bald 200 Jahren war, berichtet das Tagebuch des ärmlichen Schulmeisters und Volksdichters J. J. Rütlinger aus dem Schweizer Toggenburg, der im Frühling 1823 mit seiner Frau nach Nordamerika auswanderte. Zu Fuß und ein Stück weit im Postwagen gelangte das Paar mit einem Reisebegleiter nach Basel. Hier sollte ein Schiff zur Weiterreise gefunden werden.

Auszug aus dem:
„Tagebuch auf einer Reise nach Nordamerika im Jahr 1823 von J.J.Rüttlinger“
Schweizer Memoirenbibliothek, Orell Füßli Verlag Zürich, 1925

Rüttlinger schrieb:
„Es war der 9. Mai. Da spazierten wir durch das Volksgewimmel über die Rheinbrücke, als gerade die Abendsonne ihre purpurnen Strahlen auf den glatt dahin schleichenden Rhein senkte und die vergoldeten Turmspitzen der Stadt wie blitzende Leuchter anzündete. Da erblickten wir am andern Ufer zwei neu angekommene Schiffe, von welchen die Waren ausgeladen wurden. Nach dem Platz hineilend, erkundigten wir uns nach ihrer Bestimmung. Es hieß, morgen früh fahren sie ab nach Straßburg; sie würden uns mitnehmen, die Person für 4 Taler. Wir zeigten dazu große Lust. Aber unser Begleiter hatte noch keinen gültigen Pass. Heute war das Büro schon verschlossen und morgen ging es vor acht Uhr nicht auf. Wir meinten ein wenig, in einer fatalen Lage zu sein. Entweder mussten wir ihn verlassen, oder die Mitfahrgelegenheit versäumen. Wir überlegten nicht lange und wählten das Letztere, weil uns ein solcher Reisegesellschafter zu wichtig schien. Trotzdem schliefen wir diese Nacht ruhig und unbesorgt denn wir dachten: Kommt Zeit, kommt Rat. Nun holte unser Begleiter seinen Pass von der Polizei, und dann projektierten wir, wie wir weiter reisen wollten. Unser Mitwanderer schlug vor, einen eigenen Kahn zu kaufen um selbst damit zu fahren. So gerne ich auch weiter gewesen wäre, so hatte ich doch keine besondere Lust dazu, mich so einem „dreifach zusammengenagelten Brette“ anzuvertrauen. Der Gedanke aber an mein schweres Felleisen (Rucksack) und die Vermutung, dass es doch zu lange dauern würde, bis wir wieder Gelegenheit fänden zu fahren, entschieden mich zur Einwilligung. Meiner Frau war das ganz recht, und unser Freund als ein unternehmungslustiger Glarner, prahlte damit, schon mehr solche Wagestücke eingegangen zu sein. Ob dem so war, weiß ich nicht; doch fand ich, dass er mit dem Kahn ein wenig besser umspringen konnte als ich. Genug, es wurde ein neues Fahrzeug für eine Dublone gekauft. Man kann leicht denken, dass es kein Kaufmannsschiff war. Wir richteten uns also zur Abfahrt ein, luden unsere kleinen Equipagen ein und nahmen noch einen Mann mit bis Neuenburg, weil es dort für Unkundige eine gefährliche Stelle ist.
Nun schwankt der Kahn dahin. Bei der geringsten Bewegung verliert er sein Gleichgewicht und droht, uns bald rechts und bald links auszuleeren. Jetzt schwimmen wir über die Grenze unseres lieben Vaterlandes. In stummem Stillschweigen die vorige, gegenwärtige und künftige Lage durchphantasierend, kamen wir in Neuenburg an, ohne auf unsere Umgebung geachtet zu haben. Wir bezahlten unseren Schiffsmann und entließen ihn dann. Wir dachten auf jeden Fall unseren Kahn nur dann zu benutzen, wenn wir sonst keine andere Gelegenheit hätten, vorteilhafter und unbesorgter zu fahren. Hier trafen wir mehrere Männer an, welche beschäftigt waren, ein Bretterfloß einzurichten, um damit bis nach Straßburg zu fahren. Wir ließen nicht ermangeln, sie anzusprechen, um uns mitzunehmen. Sie waren dazu bereit, wenn wir bis zum nächsten Morgen warten würden. Wir übernachteten also hier bei einem sehr freundlichen und billigen Wirt, der uns vom Auswandern abraten wollte. Wir schliefen aber dessen ungeachtet, ruhig. Der Morgen kam, und nun sahen wir erst recht, wo wir waren. Die Stadt steht auf einer Anhöhe. Unten stürzt ein Teil des majestätischen Rheins donnernd über ein Felswuhr. Nun sahen wir, dass wer dort den Weg auf dem Fluss verfehlt, eine Beute des Todes ist. Der Wirt erzählte uns, dass hier vor ein paar Jahren ein ganzer Kahn voll Menschen verunglückte, welcher sich der starken Strömung nicht mehr entziehen konnte und ohne Rettung den Fall hinunter stürzte. Es sollen auch Auswanderer gewesen sein. Soeben, als wir den neuen Wasserschwimmer betraten, stieg die Sonne links dem Rhein golden über die mit Schneestreifen g1änzenden Elsässergebirge herab, indem rechts die anmutigen badischen Rebenhügel noch im Schatten lagen. Sanft gleitet das Floß niederwärts zwischen den einförmigen Ufern des Rheins, wo Weidengesträuch zu beiden Seiten in die Fluten herabschwankt und wo nur dann und wann die Turmspitze eines entlegenen Dorfes über das Wald Grün hinausragt. Jetzt präsentiert sich prächtig, nachdem das Floß um eine Ecke sich gewendet hat, Breisach auf zwei Hügeln in blauer Ferne. Dieser heitere Tag entschleiert uns schon das hohe Münster in Straßburg, als wir noch sieben Stunden davon entfernt sind. In Kehl nahmen wir Nachtherberge, und da es den Abend ziemlich unruhig zuging im Wirtshause von allerlei Volks, es war heute Sonntag, so gingen wir ins Freie und weideten unsere Augen an dem freundlichen Untergang der Abendsonne. In dieser so feierlichen Szene dachten wir an unsere Heimat und an unsere dort zurückgelassenen Lieben und Freunde mit innigem Gefühl. Die gleiche Sonne geht uns allen unter; der gleiche blaue Himmel umspannt uns alle; ein Vater im Himmel ist’s, welcher uns alle beschützt und erhält, so lange es sein Wille ist, seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil, dieses war der hoffnungsvolle Ausfluss unserer bewegten Herzen, mitten im lärmenden Gewühle der Welt.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Zur Entstehung des Karlsruher Dialekts

Es gibt überhaupt keinen Karlsruher Dialekt, behaupten ernstzunehmende Experten. “Was mer in Karlsruh’ babbelt”, sei weder schwäbisch, noch pfälzisch, noch alemannisch, sondern nur eine schwer definierbare Mischung dieser drei Mundarten.
Oberflächlich betrachtet, hat es diesen Anschein. Niemand nördlich der Mainlinie (aber auch schon südlich der Donau) vermag aus dem phonetischen Klang unseres Dialekts seine spezifischen Eigenheiten herauszuhören. Für die Leute aus dem großen Vaterland reden wir schwäbisch (diese Feststellung erfüllt zwar den Tatbestand der Beleidigung, stellt aber auch den einzigen Fall dar, wo Unwissenheit vor Strafe schützt).
Wer jedoch die badische Landschaft kennt, den Raum zwischen Main und Bodensee, der weiß, daß die Murg ihre Bedeutung als Sprachgrenze zwischen dem alemannischen und fränkischen Landesteil noch immer nicht verloren hat.
Etwa 20 Kilometer nördlich dieser die badischen Sprachgrenzen trennenden Linie wurde 1715 Karlsruhe gegründet, inmitten der sprachlichen Übergangszone, die den Raum zwischen Murg- und Pfinzmündung ausmacht.
Von Einwohnern aller Landesteile besiedelt, wurde Karlsruhe zum Mixbecher der Dialekte. Ununterbrochen gequirlt, aufgekocht und durchpassiert, blieben in seinem Filter jene Bestandteile zurück, die, in über 250jähriger Geschichte teils ausgeschieden, teils gehärtet, die unverkennbaren Eigenheiten eines selbständigen “Karlsruher Gschwätzgebabbels” ergaben.
Die Bedeutung Karlsruhes als sprachliches Auffangbecken in der Übergangszone der Mundarten machte uns unser Deutschlehrer, Dr. Schickedanz selig, an folgendem einleuchtenden Beispiel klar.
“Ihr Herre Buwe”, sagte er, “Ihr missed eich unser scheens badisch Lendle wie en Mensch vorschdelle: De Kopf isch’s Madonnelendle do hinne an de Tauber; de Bruschdkorb, schdolz gschwelld, isch d’Bergschdrooß mit’m Kraichgauer Hiegelland.
Weidernunner kommt e gutgmeschds Renzle: ‘s middelbadisch Rebgebied mit de Ortenau; de Schwarzwald ischs Rickgrad; un uff zwoi schdramme Fieß schdehn-mer mit’m Markgreflerland Basel zu, un mit’m annere, de Baar, am Bodesee.
Middeldrin awer ischs Lendle mit-eme Girdel gschniert. Un do, wo beim Soldat ‘s Kobbelschloß sitzd, do liggd Karlsruh’. Ergo, misseder verschdehe: vom Kopf bis zu de Girdellinie isch frenkisch-pfelzisches Sprochgebied; ab de Girdellinie alemannisches.
Nun hat des Lendle ain gsunde Kreislauf; von aim Herz agedriewe pulsierds ruff un nunner, ruff un nunner. Un do, wo d’Girdellinie isch, do ligge a d’Niere. Un d’Niere hen d’Fungzion vonnere Abscheidung.
Ergo: was do abgschiede werd zwische frenkisch un alemannisch – odder sage-mer besser: deschdillierd werd -, des isch kai S…, sondern unser Dialekt! Un des isch en ganz aigener Organschdoff, mit nix annerem zu verwechsle!”

(Kurt Kranich: Brigandedeutsch für Anfänger, Karlsruhe 1967)