Topographia Germaniae: Baden

Ligt in der Mordnaw / oder Ortenaw / welche an einem Gebürg hergehet / vnd den Fluß Kintzig hat. Ist ein kleines / aber an Wein / Korn / vnd Hanff / ein sehr fruchtbares Ländlein. Es ist Baden die Hauptstatt deß Marggraffthumb Baden: Welche sich in der besagten Mordnaw anfahet / vnd gegen Occident an dem Rhein / vnd gegen Orient an dem Schwartzwald endet / wiewol sie sich zum guten Theil hinein in den Schwartzwald ziehet. Es ligt diese Statt in der Höhe / vnnd gar vneben / vnnd hat fast vmb / vnd vmb Berge: So aber von Reben / vnnd Wießwachs / lustig seyn / 5. Meil von Straßburg / vier von Durlach / vnd 1. Meil vom Rhein. Der Nahme kompt jhr von den warmen Bädern allda / welche zu den Kranckheiten / so von kalten Flüssen herkommen / wider den Krampff / sonderlich das Podagra / vnd den bosen Magen / dienen. Der Haupt-Orth / oder Kessel / darauß das Wasser in grosser Menge quillet / ist sonderlich zu sehen. Vnd solches Wasser / so Schwefel / Saltz / vnd Alaun führet / siedheiß. Es seyn sonsten noch eylff Quellen / welche alle hell / vnd eines Geschmacks / aber doch an jhrer würcklichen Hitz vnd Wärme / sehr vngleich seyn. Wird nicht allein in die gemeine Bäder / vnd Brunnenkästen / durch Teuchel vnd Röhren / sondern auch in die Wirts- vnd meiste Häuser / geleytet. Hergegen ist das kalte Wasser / vnd der liebe kühle Wein / desto rarer daselbsten. Vnd wegen solcher Bäder / die entweder M. Aurelius Antoninus, oder Caracalla, die Keyser erfunden / ist dieser Ort sehr alt. Vnd hat es vor diesem vil Badleut da geben: Wie dann die Gartenfrüchte in grosser Menge / vnd sehr gut wachsen: Vnd ein Vberfluß an gesunden Speisen / sonderlich von Fischen / als Grundeln / Forellen / Salmen / vnd Krebs / vnnd allerley Geflügel / zur Schnabelweyd gehörig / da zu finden. Ist der Zeit der Römisch-Catholischen Religion / vnd ligen in der StattKirchen etliche Marggrafen von Baden. Das Fürstliche Schloß / oder Residentz / ligt noch höher / als die Statt: Vnnd ist vor diesem Krieg / wegen vieler schöner Sachen / zu besichtigen gewesen. (…)

Zitiert nach Wikipedia. Gemeint ist natürlich das heutige Baden-Baden.

Topographia Germaniae

Haufenweise frühe Informationen über Orte längs des Rheins liefert (ab 1642) die Topographia Germaniae von Matthäus Merian (Stiche) und Martin Zeiller (Texte), wobei sich letzterer auffällig oft auf Münster und Freher beruft. Im Netz fehlen bisher die Teilstücke Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae und Topographia Circuli Burgundici, wodurch der bisher im Internet vorhandene frühtopografierte Rhein hauptsächlich auf einen deutsch-elsässischen reduziert bleibt, wobei der schwäbische Part nebst eigentlich sehr Badischem auch noch Vorarlbergisches und Liechtensteinisches umfaßt. Die Texte sind schön ediert bei Wikipedia vorhanden, weswegen an dieser Stelle nicht sonderlich viel daraus zitiert werden soll. Sie bieten neben vielen historischen und geografischen Hinweisen vergleichsweise (s. Dielhelm) wenig Anekdotisches, eine Stelle über Germersheim fiel mir jedoch sofort ins Auge: kannte ich Germersheim doch zunächst, bei einer Annäherung per Fahrrad in den achtziger Jahren, als einen jenseits der Landstraße liegenden Ort im Hitzenebel der Müllverbrennung, deren ekelhaft süßer Gestank nach Erbrochenem meinen Besuch vollkommen vereitelte und für mehrere Jahrzehnte aufschob, bis ich mich vergangenes Jahr schließlich von der anderen Rheinseite heranwagte. Umso schöner diese die (offenbar auch prä-MVA-)typische Germersheimer Luft behandelnde Stelle aus der Topographia Palatinatus Rheni: „Es gibt gute Jagten / auch Fischereyen herumb / und wird das Gold da auß dem Rhein gebracht / und gewaschen; hergegen die Lufft / wegen Außlauff deß Rheins / und Morasts / so den Orth daher befestigt / nicht sonderlich gesund ist.“

Dreiländeroper

Im oberrheinischen Dreiländereck Basel – Elsaß – Baden entsteht gerade eine multimediale Oper, geleitet von Bruno de Chénerilles, schreibt die Badische Zeitung vom 28. Mai, aus der Bdolf einen Ausriß schickt. Um Klänge und kulturelle Hintergründe der Region zu erforschen, befragte ein Beteiligungskampagnen-Team Passanten auf den Marktplätzen der Region zu Lieblingsklängen und -landschaften. Hierzu ein kurzer Auszug aus dem Interview:

BZ: Was haben Ihnen die Menschen geantwortet?
De Chénerilles: In vielen Antworten ging es um den Rhein oder um den Schwarzwald – und um den Flughafen. Niemand hat den Euro-Airport als Lärmbelästigung abqualifiziert, obwohl er für die Menschen Lärm und Schmutz bedeutet. Wenn sich jemand über den Flughafen äußerte, hatte man den Eindruck, der Flughafen ist seine Tür zur Welt.

BZ: Haben Sie eine Art Heimatkunde betrieben?
De Chénerilles: In gewisser Weise ja. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieser Gegend, dass sich die Menschen stark mit ihr identifizieren. Sie müssen sich vorstellen, da erzählte uns jemand, wie sehr er es liebe, von sich zu Hause aus das Starten und Landen der Flugzeuge zu sehen. Es gibt da eine gewisse Enge durch die Nähe der Grenzen und dann ist das dieser Flughafen, der die Enge durchbricht. Ich selbst habe das gespürt. Aber die Tatsache, dass jemand, der dort lebt, es aussprach, gab der Tatsache eine besondere Qualität.

(Im Hinterhof geht seit vier Stunden mit unbeschreiblichem Lärm der Rasenmäher, ganz bestimmt ein am TÜV vorbei aufgemotztes Fabrikat im Besitz der hiesigen Hausmeisterdynastie, um mit völlig unkölnischer Hartnäckigkeit jeden Ansatz von Wildwuchs zu vernichten. Ich kann diese Flughafenanwohner nicht bis ins Detail verstehen. Aber der Rasenmäher führt ja auch nicht aus Köln hinaus, sondern verwirft, wie in Köln üblich, lediglich den Hof und seine Anwohner auf ihr bedröhntes Selbst.)

Zwischenbilanz (2)

„Der Rhein ist eine Mauer“, schreibt Matthias Kehle in seinem Lyrikblog und meint damit im Speziellen die literarischen Beziehungen zwischen Karlsruhe und Edenkoben, sicher etwas zu exemplarisch hochgerechnet auf die Kulturräume Badens und der Pfalz. Dennoch fällt auf, daß die einzelnen Rheinregionen eher auf kulturelle Eigenständigkeit und Abgrenzung bedacht sind (Ausnahmen bestätigen die Regel), als den gemeinsamen Strom auch zum gemeinsamen Nenner zu nehmen. Das zieht sich durch Kantone, Bundesländer, Départements und vermutlich auch niederländische Provinzen, da und dort, wohl proportional zur Breite des Betts und zur Enge des Tals, finden sinnige Schulterschlüsse mit den Bewohnern des direkt gegenüberliegenden Ufers statt, im Allgemeinen aber herrscht Nabelschau, auch im Repräsentativen, wo es nicht unangebracht ist, und so nimmt es mich immer weniger Wunder, daß dieses vorwiegend zwar in deutscher Sprache, aber in alle Richtungen durchlässig geführte Blog mittlerweile wohl, auch wenn dies anfangs garnicht beabsichtigt war, und trotz aller Lücken eines auf Notizencharakter angelegten Arbeitsjournals sowie einer recht chaotischen Linienführung, die umfassendste zusammenhängende Sammlung kultureller Zeugnisse zum Thema Rhein im Internet vorstellt. So frage ich mich nun allmählich auch nach den Interessen meiner Leser, denn es sind, entgegen aller Erwartungen, vor allem im Laufe der vergangenen zwölf Monate, etliche geworden. Ich frage mich weiter, ob es Sinn machte, die Kulturgeschichte des Rheins im Internet zu musealisieren, nach und nach auf Basis des hier Vorhandenen Lücken zu schließen, die Sache überregional/international zu institutionalisieren, eine virtuelle Rheinbibliothek zu schaffen sozusagen. Meine Archive sind voller Texte, die ein Privatmann garnicht ohne weiteres ins Netz stellen darf. Und in virtuellen wie realen Weiten weiß ich um auszuhebendes Material für mehrere Jahre.
Dann wundere ich mich, daß klassische Produktionen, Derivate aus den hier angefallenen Texten wie das Rheinsein-Kartonbuch oder das erste, die alpenrheinischen Ursprünge behandelnde Rheinsein-Hörspiel in rheinfernen Metropolen wie Berlin und Wien stattfinden, und wundere mich auch wieder nicht, weil von dort, mit passendem Abstand, der hier gepflegte Blick aufs Ganze vielleicht verständlicher erscheint. Der Rhein könnte tatsächlich zur Mauer werden, die es einzurennen gilt, sobald mir die Mittel ausgehen (was derzeit deutlichst droht), um ihn weiter zu erforschen und, auch mithilfe all der Kollegen, die es seit Jahrhunderten in modischen Anwandlungen wie über alle Moden hinweg taten und tun, zu beschreiben. Davon werde ich nicht loslassen, solang der Fluß mich nur läßt.

Céline am Rhein

Der spätere (und dann heftig umstrittene) Weltliterat Louis-Ferdinand Céline besucht als Vierzehnjähriger meine Heimatstadt Karlsruhe. Dies im Jahr 1908, als sich Phönix Karlsruhe anschickt, zum ersten Mal die deutsche Fußballmeisterschaft (auf die Fußballgeschichte am Rhein, insbesondere die Frühgeschichte, wird noch zu kommen sein) nach Baden zu holen. Und mit ein paar Briefzeilen (noch nicht ganz, aber doch schon fast weltliterarischen Ranges) reiht Céline sich ein in die Reihe berühmter Karlsruhe-Beschreiber: „Aussi [pour : ici] en revanche nous avons un brouillard épouvantable. Ce matin en allant à l’école j’étais obligé d’aller tout doucement car on ne pouvait pas voir les gens à 100 pas. Cela vient du Rhin.“ Die fürchterlichen Rheinnebel Karlsruhes müssen damals mit den Londoner Themsenebeln konkurrenzfähig gewesen sein! (Mit Dank für das Zitat an Roland Bergère.)

Die Bäder zu Baden

Den ersten Tag kam ich zu Schiff auf dem Rhein nach Schafhausen, sechs kleine Meilen von Kostanz. Wegen des hohen Falles, den der Fluß von Schafhausen aus, über abgerißene, schroffe Felsen macht, mußte ich hernach anderthalb Meilen zu Fuße gehen, und stieg bey einem festen Schloß an der andern Seite aus, welches Kaiserstul genannt wird. Ehedem, vermuthe ich aus dem Namen, ist dieser Ort ein römisches Lager gewesen, wenigstens kan die Lage nicht besser seyn; denn der Strom drängt sich hier unter einem hohen Hügel zusammen, und eine kleine Brücke vereiniget Germanien mit Gallien.
Auf diesem Wege sah ich den Rhein von einem hohen Berg, über dazwischen stehende Klippen, mit einer Wuth und einem Getöse sich herabstürzen, daß man glauben sollte, er klage und bejammere selbst seinen Fall. Hier fiel mir ein, was man von den Katarakten des Nils erzählet, und mich wundert nicht, daß die daran wohnenden Menschen von dem Geräusch und Geprassel taub werden, da man das von diesem Fluße, der gegen jenem nicht vielmehr ist als ein Regenbach, fast eine halbe Stunde weit höret.
Dann kömmt man nach Baden, in der Sprache des Landes von den Bädern so genannt, einer ziemlich wohlhabenden Stadt, die in einem mit Bergen rundum besetzten Thal, an einem großen reissenden Fluße, liegt, der sich anderthalb Meilen davon in den Rhein ergießt. (…)
Die Zahl der öffentlichen sowohl als der Privatbäder beläuft sich auf dreyßig. Für die niedrigste Klasse des Volks aber hat man zwey von allen Seiten offene Plätze, wo Männer, Weiber, Jünglinge und unverheurathete Mädchen, kurz alles, was von Pöbel hier zusammenströmt, sich zugleich baden.
Eine bis an den Boden herabhangende Scheidewand, die jedoch nur Friedfertige abhalten könnte, sondert in diesem die Männer von den Weibern. Lächerlich ist es anzusehen, wie beides alte Mütterchen und junge Mädchen vor den Augen Aller hinabsteigen, und sich, nackt wie sie sind, den Blicken der Männer Preis geben. Oft hat mich dieser sonderbare Auftritt belustigt und mir die Floratischen Spiele ins Gedächtniß gebracht, voll Verwunderung über die Einfalt der Leute, die so wenig die Augen dahin wenden, als sie Arges davon denken, oder reden.
Die Bäder in den Privathäusern sind überaus schön, aber auch diese sind beyden Geschlechtern gemein. Gewisse Scheidungen von Brettern trennen sie zwar, allein es sind in denselben viele niedergelassene Fensterchen angebracht, durch welche man zusammen trinken und reden, von beyden Seiten sich sehen und berühren kann, wie dieses denn häufig geschieht. Ueber denselben hat man Gallerien gebauet, wo sich Mannspersonen zum Zuschauen und Plaudern einfinden. Jeder nämlich, der einen Besuch machen, einen Scherz haben, sich erheitern will, darf in fremde Bäder gehen, und sich in denselben aufhalten, und beym Hereintritt in das Bad und beym Aussteigen das Frauenzimmer, an dem größten Theil des Leibes, nackend sehen.

(aus: Gianfrancesco Poggio Bracciolini – Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen, Florenz 1780)

Bleuler-Ausstellung zu Vaduz

Nahezu unvermeidlich, in den Kulturinstitutionen der Alpenrheinrregionen auf Johann Ludwig Bleulers, selbige Landschaften einfangende, Rheinveduten zu stoßen. Neu war Rheinsein allerdings bis gestern, daß Bleuler weit über Graubünden hinaus den gesamten Rhein bereist und dabei die üblichen (plus ein paar weniger übliche) Ansichten unter dem Titel „Les vues les plus pittoresques des bords du Rhin depuis ses sources jusqu`à son embouchure dans la mer“ in Gouache- und Aquatintatechnik als sein Hauptwerk niedergelegt hat. So geschehen zwischen 1827 und 1843, zu je 80 Motiven, die z.B. heuer begradigte Rheinpassagen noch unbegradigt und einen Dampf- und Segelschiffbetrieb von teils bestürzender Heimeligkeit zeigen, dies wiederum gezeigt in einer frisch eröffneten und bis Januar 2011 laufenden Ausstellung im Landesmuseum des Fürstentums Liechtenstein, welches selbst über einen begradigten Rhein verfügt, dessen Sosein in der Gegenwart sich mit Bleulers Blick beinah (nur beinah!) aus dem Museumsfenster abgleichen läßt. Zur Eröffnung gibt es, wie für solche Anlässe weltweit typisch, steif vom Blatt gelesene Dankesworte an den Leihgeber, Schicksalsdaten des Künstlers und einen stellvertretenen, aber herzerfrischenden Gruß der auch für Kultur zuständigen Außenministerin (Gruß zurück!). Die Bilder selbst sind nicht zu sehen, bis es endlich Schnittchen gibt, für die das Vernissagevolk aus dem von ihm selbst beengten und mit Sichtblockaden staffierten Ausstellungsraum zurück in den Vortragssaal strömt. Die Schnittchen wirken glasiert (mit Haarspray gestylt?), der Wein schmeckt (laut Aussage einer Expertin gar nach einer seltenen, angenehm leichten Note alpengekräuterten Kuhdungs – was den roten anbelangt), alternativ gibt’s das berühmte Brauhaus-Bier und nebenan sind noch ein paar Wiegendrucke aus der Anna-Amalia-Bibliothek Weimar zu besichtigen: Bibeln natürlich, das Narrenschiff, aber auch Shakespeare und die vorgeblich erste Dracula-Geschichte aller Zeiten. Ein wohlmeinender Vernissage-Besucher weist Rheinsein auf Bracciolini: Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen – hin und wir werden nachschauen, was es damit auf sich hat, wo die Bezüge zum Rhein stecken mögen und wie nützlich und lustig die Chose aus Ausländersicht tatsächlich ist.

Tod auf dem Rhein

Ludwigshafen entvölkert sich stückerweise, somit drastisch, nach und nach, zumindest in der Schiffsbauer- und Motorrennstallszene, und Kommissarin Odenthal joggt über/durch Pfälzer und badisch Beton`n`Unkraut aus Achtzigerjahreschablonen (Licht: Deutschlands schönstes Aschermittwochsgrau, von unentschiedenen Pastellwerten aufgelockert), aus denen auch die Haarschnitte des Personals rühren, unterfüttert das Ganze von schlaffördernden Kameraeinstellungen, Schnitten, Dialogen, produziert im laufenden Jahr 2010. Der Rhein: dargestellt als pissige Feindseligkeit oder vergrützte Hafenbrühe, befahren von einfältiger, pointenloser Wasserpolizei. Dann jene gesichtszerpickte Leiche („Möwen!“ – obgleich der Kopf nach unten im Schlamm lag: Schlammmöwen womöglich) aus dem Grundkurs Schminken und wieder schwappt da etwas von der Kamera degradiertes im Hintergrund, das in all seiner orkischen Reduziertheit dennoch unmöglich als Deutschlands Schicksalsstrom durchgehen darf. Viel zu pieselig. Würdelos. Klein. Kurz vorm Umschalten ein Umschalten in tiefere (tiefergelegte?) Gedanken, als simple Fragen formuliert: ist das alles etwa Absicht? Gemeint als Reminiszenz an den schlechten Geschmack und seine stilbildenden Ausgeburten unserer Jugendjahre? Gab es ein unausgesprochenes Regieexperiment? Wurde versucht, mit Helmut Kohls ästhetischen Maßstäben zu agieren? Mit David Hasselhoffs? Mit beider? Der Rhein floß schon durch einige Tatortfolgen (Duisburg, Düsseldorf, Köln), ein so abgebracktes Antlitz wie in diesem Ludwigshafen-Hockenheimer zeigte er dabei selten. Ähnlich wie damals die Achtzigerjahre löst sich dieser Tatort schließlich mehr oder weniger von selbst. Und bleibt trotzdem unangenehm hängen.

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”

Montaigne am Rheinfall

“Nous vinsmes passer le Rhin à la ville de Keyserstoul qui est des alliées des Souisses, & catholique, & delà suivimes ladite riviere par un très-beau plat pais, jusques à ce que nous rencontrâmes des saults, où elle se rompt contre des rochiers, qu ils appellent les catharactes, comme celle du Nil. C´est que audessoubs de Schaffouse le Rhin rencontre un fond plein de gros rochiers, où il se rompt, & audessoubs, dans ces mesmes rochiers, il rencontre une pante d`environ deux piques de haut, où il faict un grand sault, escumant & bruiant estrangement. Cela arreste le cours des basteaus & interrompt la navigation de la ditte riviere. Nous vinsmes souper d`une trete à SCHAFFOUSE, quatre lieues. Ville capitale de l`un des cantons des Souisses (…); on (…) rapporta que la peste y estoit. A Schaffouse nous ne vismes rien de rare. Ils y font faire une citadelle qui sera assés belle. Il y a une bute à tirer de l`arbalestre, & une place pour ce service, la plus belle, grande & accommodée d´ombrage, de sieges, de galeries & de logis, qu`il est possible; & y en a une pareille à l`hacquebute. Il y a des moulins d`eau à sier bois, comme nous en avions veu plusieurs ailleurs, & à broyer du lin & à piller du mil. Il y a aussi un abre de la facon duquel nous en avions veu d`autres, mesme à Bade, mais non pas pareil de grandeur. Des premieres branches, & plus basses, ils se servent à faire le planchier d`une galerie ronde, qui a vint pas de diametre; ces branches, ils les replient contre-mont, & leur font embrasser le rond de cette galerie, & se hausser à-mont, autant qu`elles peuvent. Ils tondent après l`abre, & le gardent de jetter jusques à la hauteur qu´ils veulent donner à cette galerie, qui est environ de dix pieds. Ils prennent là les autres branches qui viennent à l`abre, lesqueles ils couchent sur certennes clisses pour faire la couverture du cabinet, & depuis les plient en bas, pour les faire joindre à celles qui montent contre-mont, & remplissent de verdure tous ce vuide. Ils retondent encore après cela l`abre jusques à sa reste, où ils y laissent espandre ses branches en liberté. Cela rend une très belle forme & est un très bel abre.”