Presserückschau (Januar 2016)

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Das hinterste Eck Deutschlands verortet die Welt am Rhein anbetrachts eines Aufsehen erregenden Sexualdelikts: “”Ein Center zum Verlieben” – mit diesem Slogan wirbt das Rhein Center im Stadtteil Friedlingen von Weil am Rhein. Das ockergelbe Shoppingparadies schmiegt sich direkt an die Schweizer Grenze, im Westen, auf der anderen Rheinseite, beginnt dann auch gleich schon Frankreich. Es ist eine abgeschiedene Hafen- und Handelsgegend, mit viel Logistikfirmen und Industrie. 88 Prozent der Einwohner in dem sozial schwachen Stadtteil haben Migrationshintergrund, schon lange klagt Friedlingen über Probleme mit Kriminalität und Verwahrlosung. In diesem hintersten Eck von Deutschland gibt es vor allem für junge Leute nicht viel zu tun und zu erleben. Ein McDonald’s, ein kleiner Park, ein Sportplatz, ein kleines Kulturzentrum, das war’s.”

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Vage vom Fischfang inspiriert erscheint ein Bericht des Leverkusener Anzeigers über den Fund einer Rheinleiche: “Ein Angler hat (…) am Wiesdorfer Rheinufer eine Wasserleiche gefunden. Etwa bei Kilometer 702, nahe der Schiffsbrücke Wuppermündung, hatte der Mann in Ufernähe in etwa gummistiefel-tiefem Wasser einen leblosen Körper bemerkt und die Polizei alarmiert. Der Einsatzleiter der Feuerwehr sagte, der Angler habe den dümpelnden Körper im Auge behalten und den Notruf gewählt. Er soll später selbst beim Bergen des Toten geholfen haben. Die Leiche zog man an einer Buhne aus dem Strom. Der Einsatzleiter sagte, es handele sich wahrscheinlich um einen Mann, nicht mehr ganz jung, und dass es ihm schien, dass der Körper nicht nur kurze Zeit im Wasser gelegen habe.” Bei der Leiche handelte es sich schließlich um eine seit Tagen als vermißt geltende ältere Frau aus dem Ruhrgebiet.

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Rheinfluchten: zwei Kriminaltouristen aus Frankreich, schreibt die Aargauer Zeitung, haben sich in Basel auf eine halsbrecherische Flucht vor der Polizei begeben: “Sie rasten durch Quartierstrassen und missachteten ein Rotlicht. Die Polizei verzichtete auf eine Verfolgung, um nicht noch mehr andere Autos zu gefährden (…). Auch durch eine Sperre an der Grenze zu Deutschland liessen sich die beiden nicht aufhalten. Die Barriere, die Grenzwächter beim Zollamt Grenzach-Wyhlen aufstellten, durchbrachen sie und setzten ihre Flucht in Rheinfelden auf deutscher Seite mit stark übersetzter Geschwindigkeit weiter (…). Als sie in Warmbach in einer 30er-Zone ein deutsches Polizeiauto erblickten und bremsen wollten, verlor der Lenker aber die Kontrolle über sein Auto. Es kam zum Zusammenstoss mit zwei parkierten Autos und einem Gebäude. Ein letzter Versuch zu entkommen, unternahmen die Männer zu Fuss. Einer der beiden sprang gar in den kalten Rhein.” Parallel dazu sprang auch in Köln ein Mann auf der Flucht in den Fluß, wie der WDR berichtet: “In Köln ist (…) ein Mann nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in den Rhein gesprungen. Der 28-Jährige hatte im Stadtteil Deutz versucht, ein Haus in Brand zu stecken. Ein Augenzeuge hatte die Polizei gerufen. Daraufhin war der Mann zu Fuß vor den Beamten zum Rhein geflohen und dort ins Wasser gesprungen. Die Besatzung eines Feuerwehrbootes fischte ihn aus dem Rhein.”

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Am Tag vor Silvester war ein Spaziergänger nahe der Neckarmündung auf große Blutlachen gestoßen. Die Frankfurter Rundschau berichtet, daß es sich dabei um Hinterlassenschaften eines Gewaltverbrechens handelte: “Vier Wochen nach dem Fund von Blut am Neckarufer in Mannheim hat die Polizei am Sonntag in Südhessen eine tote Frau aus dem Rhein geborgen. Eine Untersuchung habe die genetische Übereinstimmung ergeben, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch in Mannheim mit. Die 31 Jahre alte Frau aus Mannheim sei Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Das ergebe sich aus dem Verletzungsmuster. Das Polizeipräsidium habe eine Sonderkommission mit 40 Beamten unter dem Namen “Basalt” gebildet.”

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Dem Plastikanteil des Rheins wenden sich immer mehr Studien zu, die Auswirkungen der zunehmenden Plastikbelastung stehen unter Beobachtung: “Im Rhein bei Düsseldorf schwimmt jede Menge Plastik in kleinster Form. Wissenschaftler haben dort eine hohe Anzahl an Mikropartikeln gemessen. Das sind Teilchen, die bis zu fünf Millimeter im Durchmesser groß sind. (…) In Düsseldorf-Flehe wurde eine Konzentration von rund vier Partikeln pro Kubikmeter Wasser gemessen. In Bad Honnef liegen die Werte noch unter einem Partikel, an der Ruhrmündung bei Duisburg bereits bei über 160. (…) Die derzeitige Untersuchung lässt hingegen offen, wie gefährlich die Plastikpartikelchen für die Gesundheit von Mensch und Tier sind. (…) Im Rhein finden sich in vielfacher Zahl natürliche Partikel ähnlicher Größe, die von dort lebenden Tieren verschluckt werden. (…) Strategien zur Reinigung sind bislang Fehlanzeige: Die Klärwerke können die Konzentration der Teilchen im Fluss nicht verringern. (…) Am hilfreichsten sei es, Plastik wo es geht im Vorfeld zu vermeiden.” (Westdeutsche Zeitung)

Königswinter (2)

Dunkel gehaltene, großflächige Rheinpanoramadarstellung am Empfangsgebäude des Bahnhofs mit beherrschender Weinsymbolik und Drachensignet. Kreidetafeln an der angeschlossenen Bahnhofsgaststätte künden mit verwischten Schriftzügen von Pappbecherkaffeepreisen. Das zerbrochene DB-Logo über dem Gebäude könnte einem Steinwurf zum Opfer gefallen sein. Zwei frühe Biertrinker bevölkern als einzige Menschen den gepflegten Bahnhofsvorplatz.

königswinter_madenAuf der Hauptstraße, der lokalen Einkaufsmeile, begegnen wir einem Königspudel, der, als wäre er einer hundert Jahre alten Karikatur entsprungen, stolzierend den Einkaufsbeutel seines Herrchens im Maul trägt. Zu kaufen gibt es mehrere Häuser der Straße und eher seltene Ware wie z.B. Bienenmaden.

An das Schaufenster seines Teppichladens hat Ali Mohit eine kurze selbstverfaßte Chronologie der vergangenen fünf Jahrzehnte geklebt. 1963 habe ihm Konrad Adenauer beim Aufbau eines Sportclubs in Bad Honnef geholfen. Königswinter habe damals geboomt: “eine tolle Stadt mit gemütlichen Tanzlokalen, schönen Cafés und vielen interessanten Geschäften mit hochwertigen Waren”. Überall Touristen. Kutschfahrten durch die Stadt, Weihnachtsschmuck, angesehene Bürgergestalten. Doch heute habe die Stadt ihr schönes Gesicht verloren und sterbe: “Man sagt, dass die Drachen von Königswinter weinen, weil sie das Reich verloren haben. Es wurde viel gebaut, dadurch entstanden wenige Parkplätze.” Wer die Schuld am Niedergang der Stadt trage, wisse man nicht genau.

Dem patriotischen Dichter Wolfgang Müller von Königswinter hat die Stadt ein Denkmal in passender Größe samt Bahnhaltestelle errichtet. In den Sockelmarmor gemeißelt seine knackigen Versbekenntnisse: “Ich hielt am deutschen Wesen / Ich hielt an deutscher Art”, “Ich lieb und ehr vor allen mein deutsches Vaterland”, “Wo ich bin / Wo ich gehe / Mein Herz / Ist am Rhein”. Weiter stadtauswärts der Gemüthlichkeitsbrunnen wurde mit einem anonymen Appell an die Mehrheit, der Gemütlichkeit abzuschwören bedacht.

Bad Honnef

Fassade der Bad Honnefer Diskothek Rheinsubstanz, die 2014 wegen eines mysteriösen Todesfalls in den Blickpunkt geriet

Die Rhein-Meditation vorzustellen, waren wir vergangenen Donnerstag nach Bad Honnef unterhalb des Siebengebirges gefahren. Eingeplant war ein ausführlicher Stadtrundgang vor Veranstaltungsbeginn. Aufgrund des Kölner Feierabendverkehrs, der uns nur unwillig aus seinen Klauen entließ, wurde es ein kurzer. Zuletzt hatten wir das Kurstädtchen vor sechs Jahren betreten und waren bei unseren Erkundungen in einer scheinbar endlos sich wiederholenden Villengegend steckengeblieben. Tatsächlich ist Bad Honnef etwas ungewöhnlich strukturiert. Stadtzentrum und Rhein sind durch besagtes (diesmal überschaubar wirkendes) Villenviertel, sowie die B 42 getrennt, der Fluß mit der als Park ausgestalteten Insel Grafenwerth direkt nur über zwei Fußgängerbrücken, die eine über die Bundesstraße, die andere, an deren Laternenpfählen Edward Snowden-Sticker-Portraits Richtung Drachenfels blickten, über einen stillen Flußarm erreichbar. Auch am Nordrand der Stadt führt eine Fußgängerbrücke an den Fluß, im Süden eine Straßenbrücke. Dazwischen klaffen, von der mittleren Brücke betrachtet, ansehnliche Anbindungslücken, weswegen wir die Existenz der ein oder anderen Unterführung vermuten. Die Trennung von Stadt und Rheinader jedenfalls wirkt markant und tatsächlich erweckt die Rheininsel mit ihren Grünflächen und dem Biergarten den Eindruck eines Freizeitparks, einer eigenen Welt mit immer noch teilgültigen Blickwinkeln auf die alten, düsterromantischen Rheinschinken von Turner und Konsorten. Wo also im Regelfall die Unterstadt mit Arbeiter- und Handwerkerstraßenzügen aufwartet, stehen in Bad Honnef erwähnte Villen, oberhalb derer der vom Rhein kommende Besucher nicht unbedingt mehr ein Zentrum erwartet, das jedoch existiert, inklusive Fußgängerzone, Gastronomiezeile und zur Nacht, um Punkt zehn Uhr, zu den Glockenschlägen von St. Johann Baptist erlöschenden Fassadenstrahlern. Auffällig in der Gastronomie die Bezugname auf die Stadtregierung: Altes Rathaus, Ayuntamiento (spanisch für Rathaus), Burgermeisterei. Unterhalb des Neuen Rathauses hatten wir geparkt; im rundumverglasten Kunstraum, ebenfalls ans Neue Rathaus gekoppelt, sollte die Lesung stattfinden. Neben dem Kunstraum angebracht eine Stele mit “bedeutenden Besuchern” der Stadt:

Besonders gefielen uns neben den Auslassungen für die Lebensdaten bei den noch Atmenden die Schlußkommata und Absatzgrößen. Wenigstens in Bad Honnef ist der Gedanke an eine Zeit nach Angela Merkel nicht nur möglich, sondern sogar in Marmor gehauen. Eigentlich hätten wir, z.B., Guillaume Apollinaire auf solch einer Honnefer Stele erwartet, der von 1901 auf 1902 ein ganzes Jahr in der Stadt zubrachte und dort seine Rhénanes verfaßte, doch die  Stele beherbergt als “Persönlichkeiten” ausschließlich Politiker in höchsten Staatsämtern ab der Ägide Adenauers. Wir sahen desweiteren: Magnolien in den Vorgärten blühen und die Steinskulptur eines betrunkenen, an eine Straßenleuchte sich klammernden Rheinländers im Zentrum. Mehr Zeit war nicht gegeben, auf die Minute pünktlich erreichten wir unsere Veranstaltung, die in die Umgebung einer noch nicht eröffneten Ausstellung von Hilmar Röner eingebettet war. Als besonderer Eyecatcher wachte somit über Bühne und Publikum ein Ladyjesus in verschiedener Ausfertigung: Bilder, von denen heilige Strahlung in die Dämmerung hineindimmte und unsere Meditation mit vertrackten Signalen unterspülte. Teilen des Bad Honnefer Publikums waren wir übrigens nicht ganz unbekannt: eine Dame erzählte, daß sie uns im Februar im WDR-Radio aus der Meditation habe vortragen hören, ein weiterer Besucher zeigte sich mit rheinsein vertraut. Von Rathaus zu Rathaus beschlossen wir den Abend auf der Marktterrasse des Ayuntamiento, bekannt als “der Mexikaner” und letzte Innenstadthoffnung, nach St. Johann Baptists wunderbar scheppernd-mahnendem 10-Uhr-Nachtglockenschlaghagel noch ein Getränk serviert zu bekommen. Unser Wagen war da bereits längst im Parkhaus eingeschlossen.

Presserückschau (Oktober 2014)

Von der Bananenstellung bei Robben, der Anziehungskraft von Müllhalden, Ingenieursproblemen beim grenzüberschreitenden Verkehr, einer haarigen Rettungsaktion, keinem Geschwindigkeitslimit und einem mysteriösen Todesfall handeln die Rheinmeldungen des Oktobers:

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Nachdem wir vergangenen Monat in Ermangelung von Sommerlochmonstern Meldungen über eine Robbe im Rhein bei Düsseldorf im Frühjahr 2003 (ein angebliches “zoologisches Jahrhundertereignis”) ausgegraben hatten, berichten Anfang des Monats verschiedene Medien über eine weitere in Düsseldorf gesichtete Robbe: “Sie ist das Gespräch in der ganzen Stadt und mittlerweile auch offensichtlich eine Reise an den Rhein wert. (…) Einige Spaziergänger versuchten sogar die Robbe mit Fischen anzulocken, doch das kleine Tier blieb unbeeindruckt. Vielleicht ist die Robbe mittlerweile auch wieder auf dem Rückmarsch. „Das geht ganz schnell“, sagt Tierärztin Janine Bahr, die das Robbenzentrum auf der Nordseeinsel Föhr gegründet hat. Robben könnten rasch große Strecken zurücklegen. Das Tier im Rhein ist nach Einschätzung der Expertin kein Jungtier mehr: „Die Robbe ist fast ausgewachsen und so, wie ich es auf den Fotos gesehen habe, liegt sie in der Bananenstellung. Ein Zeichen, dass es dem Tier sehr gut geht.“ (…) Die Schiffe stellten übrigens keine Gefahr für das Tier da. Und überleben kann das kleine Säugetier auch im Süßwasser prima. (…) In Finnland gebe es sogar Süßwasserseen, in denen die Robben leben und sich vermehren. Auch im Rhein wäre das möglich, so Bahr.” (Der Westen)

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Ausführlich mit der Duisburger Möwenpopulation beschäftigt sich ein schöner Artikel in Der Westen. Die Möwen, eigentlich Küstenvögel, sorgten in Duisburg für Urlaubsstimmung, heißt es in der Überschrift. Mehrere tausend Möwen, darunter Lach-, Silber-, Herings- und Sturmmöwen, lebten in der Stadt, allerdings seien sie “nicht mehr so stark vertreten wie noch in den 1960er und 1970er Jahren. Damals gab es reichlich offene Mülldeponien, auf denen sich die Tiere wohlfühlten und vermehrten”. Bei den Vögeln handele es sich um echte Duisburger: “Die meisten Möwen überwintern in Duisburg, sind also wirklich heimisch. Kein Wunder: Als Allesfresser finden sie selbst bei Eis und Schnee noch ausreichend Futter. An Rhein und Ruhr betätigen sie sich als „Fischer“ oder sammeln Krebse und Muscheln ein. Ansonsten plündern sie gerne Abfalleimer und bedienen sich an weggeworfenen Imbissresten der Menschen.”

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Über die rhein- und somit grenzüberschreitenden Straßenbahnenlinien von Weil am Rhein und Kehl berichtet die Badische Zeitung: “Die beiden einzigen grenzüberschreitenden Straßenbahnlinien Richtung Deutschland wird es in Südbaden geben: in Weil am Rhein und in Kehl über den Rhein. Und solche sinnvolle Nahverkehrsprojekte haben nicht nur politische und finanzielle Hürden, sondern auch verkehrstechnische und rechtliche. In Deutschland ist die “BO Strab”, die Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung, maßgebend. Verlangt wird ein Betriebsleiter, auch wenn die Strecke auf deutscher Seite nur 1,6 Kilometer wie in Weil oder gar nur 600 Meter wie in Kehl im ersten Abschnitt lang ist.” Sieben Jahre lang habe ein deutscher Ingenieur in Weil die entsprechenden Bestimmungen der Schweiz und Deutschlands aufeinander angepaßt: “Das begann mit den grünen Fahrzeugen der Basler Verkehrsbetriebe (BVB), die in der Schweiz weder Bremslichter noch Warnblinker haben und für den Verkehr auf der Linie 8 nach Baden entsprechend ausgerüstet werden mussten. Weil “das Tram”, wie die Schweizer sagen, in den Nachbarländern grundsätzlich Vorfahrt hat, in Deutschland aber nicht, wurden die Kreuzungen mit dem Autoverkehr mit Signalanlagen und Andreaskreuzen ausgestattet.”

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Auf ein Boot im Rhein wurden am 21. Oktober Passagiere der Kölner Seilbahn nach einer technischen Panne abgeseilt. Der Spiegel weiß: “In Köln sind (…) mehrere Gondeln der Seilbahn stehen geblieben, die den Fluss überquert. In einer der blockierten Kabinen saß seit dem späten Nachmittag eine Familie mit einem Säugling, die mehreren Medienberichten zufolge am späten Abend gerettet wurde: Als Erste erreichten ein Säugling und sein Vater ein Rettungsboot auf dem Rhein (…) Aus einer weiteren Gondel konnten der Feuerwehr zufolge (…) zwei Amerikaner von Höhenrettern in Sicherheit gebracht werden, auch sie wurden abgeseilt. Starker Wind und die Dunkelheit erschwerten die Rettungsarbeiten. Techniker des Seilbahnbetreibers und Feuerwehrleute versuchen, die über dem Fluss hängende Gondel wieder in Gang zu bekommen, um sie dann manuell an eine Station am rechtsrheinischen Ufer ziehen zu können.”

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Zahlreiche informativ und flüssig geschriebene Artikel zu diversen Rheinthemen bietet seit einigen Monaten die Rheinische Post. Über den Beruf des Wasserschutzpolizisten schreibt das Blatt: “Wer die Ausbildung hinter sich hat, muss mindestens fünf Jahre an Land Dienst getan haben, bevor er in NRW aufs Wasser darf. Und dort geht dann das Lernen wieder los. Mindestens drei Jahre dauert die Weiterbildung, zu der auch das Rheinpatent gehört. 16 Mal sind Dausch (ein interviewter Polizist; Anm. rheinsein) und seine Kollegen dafür zwischen Koblenz und dem offenen Meer hin- und hergefahren – das schreibt das Gesetz innerhalb von zehn Jahren vor. Mal eben aus Düsseldorf nach Konstanz zu wechseln, ist für einen Wasserschutzpolizisten deshalb nicht drin. Er müsste dann zuerst noch sein Rheinpatent für den oberen Rheinabschnitt machen. Regelmäßig gehen die Wasserschutzpolizisten übrigens auch in die Luft: Als Gewässeraufsicht kontrollieren sie den Rhein vom Hubschrauber aus auf Verschmutzungen. Werden Verunreinigungen festgestellt, suchen die Polizisten den ganzen Rhein nach dem Verursacher ab – meistens mit Erfolg. “Fahrerflucht ist auf dem Rhein ein eher seltenes Delikt.”" Daß der Rhein zum Badesee verkomme, zitiert derselbe Artikel einen Binnenschiffer und listet einige neuere Verkehrsmittel sowie -regeln auf: “Jachten, Sportboote, Wasserskifahrer, Segler und sogar Surfer sind auf dem Rhein unterwegs. Erlaubt ist fast alles – streng verboten ist Kitesurfen – aber nicht überall. Gesetzliche Verordnungen über den Freizeitverkehr gab es schon lange, seit einigen Jahren werden es mehr; 1995 etwa kam die Wassermotorrad (=Jetski)-Verordnung dazu, seit 2000 ist eine für Rib-Boote (motorisierte Schlauchboote mit festem Rumpf) notwendig geworden. Sie alle müssen sich an Regeln halten, von denen die erste lautet: Die Großschifffahrt hat Vorrang. Bei den kleineren Gefährten gilt “Windkraft vor Motorkraft”, und was die Schnelligkeit angeht, gibt es kein Limit. Nur der Wellenschlag, den ein Wasserfahrzeug erzeugt, darf nicht so stark sein, dass er andere beeinträchtigt.”

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Den mysteriösen Todesfall eines 19-Jährigen Bonners rekonstruiert in ungewöhnlicher Ausführlichkeit der General-Anzeiger. Demnach hatten die Eltern den jungen Mann vor rund einem Jahr bei einem Schulfreund in Mehlem abgesetzt: “Der hatte Geburtstag und wollte daheim mit den alten Freunden des Abiturjahrgangs ein bisschen feiern. Später fuhr die zehnköpfige Geburtstagsgesellschaft mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bad Honnef, um in der Diskothek “Rheinsubstanz” in unmittelbarer Nähe der Endhaltestelle der Stadtbahnlinie 66 weiter zu feiern. 16 Tage später (…) teilte die Polizei den Eltern mit, dass die Leiche ihres Sohnes im Rhein gefunden wurde. Gut 50 Kilometer flussabwärts, in Stammheim im Nordosten Kölns.” Die journalistische Rekonstruktion des Todesabends wirft Ungereimtheiten in der polizeilichen Ermittlungsarbeit auf und läßt zahlreiche Fragen unbeantwortet. Die Polizei geht bis heute von Suizid aus, während die journalistische Aufarbeitung des Falls auf ein Verbrechen weisen könnte.

Presserückschau (Juli 2013)

Das Sommerloch hat fast alle nennenswerten rheinischen Nachrichten verschluckt. Neben der üblichen Sommerberichterstattung über die zahlreichen Rhein in Flammen-Veranstaltungen, einem auf Grund gelaufenen Tanker (ein gutes Stückchen oberhalb der Loreley, somit außerhalb jeden Mythoseinreihungsverdachts) und dem traurigen saisonalen Anstieg der Badeunfälle (“Schwimmen im Rhein ist wie Joggen auf der Autobahn”) zischte so gut wie nichts an rheinischen Meldungen durchs Netz:

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Der mißlichen Faktenlage widmete sich schließlich das Satire-Magazin Der Postillon und bescherte am 23. Juli die lange ersehnte verwertbare Meldung: “Wie die Regierung heute bekanntgab, haben deutsche Behörden am Wochenende ein Krokodil in den bei Badegästen beliebten Nebenarmen des Rheins ausgesetzt. Ziel sei es, das drei Meter lange Tier für die nächsten vier bis sechs Wochen zum Nachrichtenthema des Sommers zu machen und so unliebsame Skandale aus den Schlagzeilen zu verdrängen. ”Noch können Sie so viele kritische Fragen stellen, wie Sie wollen”, verkündete Regierungssprecher Steffen Seibert vor versammelten Journalisten. “Aber schon bald werden Kinder beim Spielen das Krokodil sichten und Deutschland ins Sommerloch stürzen. Wir alle wissen doch, womit Sie dann ihre Titelseiten füllen werden.”"

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Daß Grills längst nicht immer ok sind, ist bekannt. Der oder die Verursacher der folgenden Meldung sind weiterhin unbekannt: “Entlang des Rheinufers zwischen der Insel Grafenwerth bis Königswinter wurden große Mengen altes Frittierfett angeschwemmt. Offensichtlich wurde das Fett in großem Stil illegal in den Rhein entsorgt. Das teilte (…) die Stadt Bad Honnef mit. Die Wasserschutzpolizei Köln nahm Proben des angeschwemmten Unrats und hat (…) die Ermittlungen aufgenommen. Infolge der hohen Temperaturen hatten sich die Anschwemmungen zwischenzeitlich aufgelöst, so dass die Uferbereiche wieder uneingeschränkt nutzbar sind.” (General-Anzeiger)

Damit hatte es sich dann auch mit Juli-Meldungen. Neben den Meldungen gab es allerdings noch einen sehr lesenswerten, weil detailreichen und somit vorbildlich sommerlochstopfenden Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger über die Pflanzenpopulation auf dem Kölner Dom: “Dass er heute dunkelbraun bis schwarz gefärbt ist und nicht mehr hellbeige, wie er es ursprünglich war, hat (…) weniger mit dem Schmutz und Staub der Stadt zu tun, als mit der rund 1000 Tonnen schweren Biomasse, die auf ihm lebt – ihr Gewicht entspricht etwa dem von 200 afrikanischen Elefantenbullen.”

Übers Siebengebirge auf den Rhein

Zu Dielhelms zweiter Auflage war das Nibelungenlied noch auf ein gutes Jahrzehnt unbekannt bzw verschollen. Der Fund der ersten Handschriften (A und C) zu Hohenems datiert auf 1755 und 1759. So mißt der Rheinische Antiquarius dem Drachenfels auch keine besondere mythische Bedeutung bei. Das komplette Siebengebirge wird sehr knapp abgehandelt: „In selbiger Gegend im Herzogthum Bergen, rechter Seits am Rhein, bemerket man das sogenante Siebengebürge, lat. Mons Siebenus oder Siberius, und ehedessen Mons Rheticus genant. Es erstrekt sich selbiges neben dem Rhein bis gegen Bonn, und besteht eigentlich aus sieben aneinander hangenden Bergen, davon immer einer höher als der andere ist. Oben darauf haben vormals sieben Bürge oder Schlösser gestanden, von denen aber heut zu Tage die mehresten nur noch alte Bruchstücker zerfallener Mauren aufweisen, und Dadenberg, Plankenberg, Löwenburg, und Wolkenberg heissen. Den letzten Berg als den allerhöchen soll man darum also genennet haben, weil er nicht anders anzusehen gewesen, als sties er an die Wolken. Die drey letztern benamet man Drachenfels, Mahlberg und Stromberg. Jetziger Zeit findet man schöne Wiesen und Felder darauf, unten her aber den Wurzeln dieser Berge, und zwar nahe am Rhein sind die schönsten Schiefer= und andere Steinbrüche zu betrachten.“ Vom Drachenfels selbst geht’s klassischerweise auf Trampelpfaden, vorbei am Ulanendenkmal für ein badisches Regiment samt Buchsbaumhecke in Form des Eisernen Kreuzes, vorbei an steilen Weinbauflächen den neuerdings als Rheinsteig ausgewiesenen Weg bergab nach Rhöndorf, wo nebst Adenauer auch der Hund begraben liegt. Immerhin, von dort ist es nicht mehr weit bis zu den Inseln. Überm linken Ufer dreht sich langsam der Rolandsbogen mit der Erdrotation, verengt und verbreitert sein Tor. An der oberirdischen U-Bahn-Haltestelle Bad Honnef-Am Spitzenbach plätschert ein vermutlich gleichnamiges Gewässer in den Rhein. Zur Rheininsel Grafenwerth führt eine Fußgängerbrücke, auf deren Mitte ein freakiger Musikus sein imposantes Keyboard gerollt hat, um das allgemeine Wochenendwandeln treffsicher mit flauen Melodien zu untermalen. Daß er keine Sozialhilfe bekäme, steht auf einem Pappschild und er ein Wanderer sei. Nächst der Insel scheint er wohlbekannt. Auf dem mindestens scheintot wirkenden Rheinarm, der Grafenwerth rechts umfließt(?), dümpelt ein schwarzer Aalschokker, seit ewig und drei Tagen ausrangiert, kompakte kleine Jugendliche tragen eine Kiste Kölsch an den Strand, sie kommunizieren per Zischlauten, auch Buchfinken pfeifen und hüpfen herum, hinterm Rolandsbogen verschwindet die Sonne, nicht ohne sich mit einigen besonders ausgewählten Tönen zur Nacht abzupudern, auf dem Rhein schwimmen romantische Lichtreflexe, verweben sich einander zu etwas, das man sonst nur aus alten Gedichten kennt. Die Gesamtstimmung ist videoüberwacht. Das Leben leicht. Die Beine schwer. Wer auf uns aufpaßt? Irgendwer.