Presserückschau (Juni 2013)

Den süddeutschen Hochwassern galten auch die rheinischen Schlagzeilen zu Monatsanfang. Hoch- und Oberrhein waren von den Fluten allerdings deutlich schwächer betroffen als Überschwemmungsgebiete in Bayern, Thüringen und Sachsen: die Wasserstände der großen Flut von 1978 wurden nicht erreicht, die befürchtete Interimsozeanik blieb somit am Rhein weitgehend aus – allerdings mußte die Feuerwehr zwei Goldsucher vor dem steigenden Wasser von einer Altrheininsel bei Bad Bellingen evakuieren. Weitere interessante Meldungen des Junis:

1
Das „Entwicklungskonzept Alpenrhein“ setzt auf Renaturierung und sieht Rheinverbeiterungen im Heidiland vor, wie die Südostschweiz meldet: „In ein schnurgerades, 110 Meter breites Flussbett getrimmt, fliesst der Rhein bei Maienfeld und Bad Ragaz vorbei. Ein Projekt (…) will dies ändern und den Fluss an besagter Stelle auf einer Länge von drei Kilometern auf 260 Meter verbreitern. Vorausgesetzt das Projekt wird (…) gutgeheissen, könnte im Winter 2016 mit dem Bau begonnen werden.“

2
Mit Hilfe von Flachwassersonaren wollen Archäologen 2000 Jahre alte römische Hafenanlagen in Bonn und Königswinter nachweisen. Die Deutsche Welle informiert: „Die Idee, dass es in Bonn und Königswinter römische Häfen gab, kam bereits in den 1970er Jahren auf. Damals entdeckte ein Archäologe eine sichelförmige Struktur im Wasser bei Königswinter und deutete das als Hafenkaimauer. Kurz danach flog ein Luftbildarchäologe die Region ab und sah das Gleiche in Bonn: eine sichelförmige Kaianlage direkt vor dem früheren römischen Legionslager, das in der Nähe der Bonner Nordbrücke stand.“

3
Die „Vogel Gryff“, einer der drei Basler Gierfähren, ist zu Monatsbeginn bei einer Überfahrt mit elf Personen das Gierseil gerissen, berichtet die Neue Zürcher Zeitung. Bevor die somit ihres Lenkantriebs beraubte Fähre Richtung Nordsee abdriften konnte, konnte die Berufsfeuerwehr die Fähre mit einem Löschboot stoppen: „Möglicherweise war der Fährimann (…) zu schnell unterwegs und nicht so sanft, wie es eigentlich vorgeschrieben war.“

4
Um den Weltkulturerbe-Status geht es am Mittelrhein, denn der Icomos (International Council on Monuments and Sites) fordert den Abbau der Koblenzer Seilbahn wie auch der Sommerrodelbahn auf der Loreley, um den Status weiterhin anzuerkennen: “Die Rhein-Zeitung in Koblenz hat ihre Facebook-Fans und Twitter-Follower dazu aufgerufen, sich einen „Seilbahn-Stempel“ ins Profilbild zu bauen, und hat eine offizielle Petition zum Erhalt der Bahn beim Bürgerbeauftragten des Landes Rheinland-Pfalz beantragt. „Die Seilbahn hat sich als kluger und dezenter Bestandteil des Oberen Mittelrheintals etabliert, um einen umfassenden und beeindruckenden Blick für jedermann auf die Natur zu ermöglichen, ohne auch nur einen Fußtritt eines Touristen als beeinträchtigend zu bewirken“, heißt es in der Begründung. „Ein umfassender Ausblick auf dieses Weltkulturerbe wird ohne Beeinträchtigungen der Landschaft überhaupt erst durch die Seilbahn ermöglicht”, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger.

5
Der Ortsfeuerwehr Nofels gelang die Rettung eines Rinds, das aus ungeklärten Gründen von seiner Herde im Bodensee-Rheindelta abgekommen und in den Fluß geraten war, wie der ORF berichtet: “Auf der Schweizer Seite des Rheins wurde es zuerst entdeckt. Ein Rind, treibend auf dem Rhein. Die Meldung ging an die Österreichischen Behörden, worauf sich die Feuerwehr Nofels auf die Suche nach dem vermissten Tier machte. Das Rind wurde dann auf Höhe der Rheinbrücke in Bangs am österreichischen Ufer gefunden werden. Es hatte sich nach etwa einem Kilometer aus eigener Kraft zwar im Wasser, aber mit festen Boden unter den Füßen halten können. 13 Männer der Ortsfeuerwehr Nofels konnten das Tier schließlich sichern und nach etwa einer Stunde mithilfe eines Krans bergen.”

6
DerWesten berichtet über eine für Juli geplante Wagner-Inszenierung auf dem Rhein” “Eigentlich ist die „Orania“ ein ganz normales Binnenschiff, mit dem Schiffsführer Cor Klein auf dem Rhein unterwegs ist. Woche für Woche pendelt er zwischen Rotterdam und Duisburg, transportiert Getreide, Lebensmittel und Sand. Mit einer Oper hatte er zuvor noch nie etwas am Hut. Für die Produktion „Rheingold op Rijn“ wird im Bauch des Schiffes eine 35 Meter lange und 14 Meter breite Bühne aufgebaut. Unter Deck soll Platz für 90 Musiker, 14 Sängerinnen und Sänger aus der niederländischen Opern-Szene, einer 30-köpfigen Mannschaft und bis zu 500 Zuhörern und Zuschauern sein.”

7
“Ein Polizeifahrzeug hat sich (…) in Bad Säckingen selbstständig gemacht und ist unauffindbar im Rhein versunken. Die Beamten waren ausgestiegen, um am Rheinuferweg Passanten zu kontrollieren.” Trotz Suche mit Booten und Hubschrauber, schreibt die Badische Zeitung, blieb der zuvor abschüssig geparkte Wagen, der seinen hinterhetzenden Insassen führerlos in den Rhein enteilt sei, verschwunden.

8
Nach einem Großbrand wird aus Ludwigshafen, kurz nach der Kölner Maggikalypse, die nächste Menschheitsdämmerung gemeldet, und sogar in der Hauptstadt wahrgenommen, und zwar vom Berliner Kurier: “”Die Rauchsäule ist über 100 Meter hoch, Augenzeugen berichten: „Es sieht aus wie beim Weltuntergang!“.”

Kleinkems

Gegenüber dem elsässischen Kembs liegt auf deutscher Seite Kleinkems, ohne b, aber, wie der Name richtig andeutet, klein. In der Rheinstraße stehen imposante Bananenstauden und eine Autowerkstatt, die an den Verkehrslärm der nahen A5 gemahnt. Am Dorfbrunnen lockt mich eine lateinische Inschrift. Die Sitzbank am Dorfbrunnen ist von zwei älteren Herren in Arbeitskluft belegt. Schnell entpuppt sich einer der beiden als Ortschronist:
„Dort ums Eck liegt der Unbekanntenfriedhof. Da liegen die ins Wasser gegangenen. Das waren ziemlich viele. Wirtschaftlich ruinierte meistens, oder arme Mädchen, denen ein reicher Bauer ein Kind angehängt hat. Auch viele Unfälle, sicher. Der Rhein, das war ja früher unsere kostenlose Badeanstalt. Ins Wasser gehen war die Methode der Armen, die Reichen hatten dafür Gewehre.“
„Dorthin, an die Kastanie am Dorfplatz, langte damals bei Hochwasser der Rhein. Jetzt liegen zwei Straßen und seit 1960 die Autobahn dazwischen. Bis 1960 wurde gefischt, kaum noch Lachs, aber mein Großvater war noch Fischer, es gab einst nur Fischer hier. Das stellen Sie sich vielleicht romantisch vor, aber das war harte Arbeit. Unter den Fischern, allesamt arme Leute, gab es noch Unterschiede – je nachdem, wem der Großherzog welche Rechte einräumte. Das Leben war hart. Es ging immer nur um Pfründe sichern. Damals wurde der Lachs nach Basel verkauft und die Basler Dienstboten aus unserer Gegend ließen sich in die Arbeitsverträge schreiben, daß sie nicht häufiger als zwei-, dreimal die Woche Lachs essen mußten. In Bad Bellingen sind an der Treppe zum Park noch einige alte Fischereigeräte aus unseren Familien zu sehen.“
„Was in der Dorfchronik nicht stehen darf, wir haben seit einigen Jahren Datenschutz, sind beispielsweise diverse SS-Mitgliedschaften. Da wehren sich die Leute gegen. Entweder sie leben noch, oder es sind deren Kinder oder Enkel. Bei den meisten SS-Verbänden war es so, daß sie irgendwann KZs bewacht haben. Das heißt noch nicht, daß das Schlächter gewesen sein müssen, aber sie waren definitv im KZ. Jetzt haben wir hier drei türkische Familien. Das ist ein historischer Schnitt in so einem kleinen Dorf. Aber man muß genau aufpassen, was man schreibt – das wird schnell als ausländerfeindlich bewertet. Es gab auch vier Euthanasietote. Das war nicht einfach nachzuweisen. Ich habe die Archive durchsucht, bin auch gereist dafür. Da haben wir überlegt, aber da sagten die Leute: das war damals schon so schwer für uns. Da hatten wir Verständnis für die Angehörigen. Jetzt steht in der Chronik einfach nur: Gestorben dann und dann.“
„Nach dem letzten Krieg sind die Franzosen rübergekommen. Nach dem Krieg 1870/71 wurden hier auf den Hügeln Freudenfeuer angezündet, das fanden die Elsässer natürlich nicht so toll. Dann wurden sie deutsch. 1945 haben die Franzosen den Bürgermeister, der ein Mitläufer war, aber ein kleiner, für vier Wochen eingesperrt, entnazifiziert und wieder laufen lassen. Die haben sich anständig benommen und das Dorf weitgehend in Ruhe gelassen.“
„Mit der Revolution von 1848 kam das Vereinswesen in unserer Gegend auf, das bis heute sehr wichtig ist. Erst Gesangsverein und Schützen (das war halb militärisch), später kamen u.a. Frauenvereine hinzu, die Fußballvereine so um 1920, durch die englischen Kriegsgefangenen.“
„Hier hat doch niemand studiert! Hier ist mal einer auf die Realschule gegangen, das wars auch schon. Die Söhne vom Zementwerkbesitzer haben studiert. Das war Klassengesellschaft. Der Zementwerkbesitzer war sozial. Der hat mehr für die Leute getan als er mußte. Das kannte man vorher überhaupt nicht. Und war entsprechend dankbar. Ab den 60ern fing hier die goldene Zeit an, ab den 90ern kamen dann die Heuschrecken.“
„All das können Ihnen im Dorf vielleicht noch fünf Leute erzählen. Der Rest weiß nichts mehr davon und ist auch nicht interessiert.“