Presserückschau (Juni 2016)

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Rhine Guards: “Wenn (…) im Rahmen des Schützenfestes in Eller (…) die Showparade auf dem Getrudisplatz startet, schlägt die Stunde der Rhine Guards. Das umtriebige Brass & Drums Corps hebt sich von anderen Musikkapellen ab, sind die 25 Mitglieder (davon zwölf Jugendliche) doch am amerikanischen Original des Drums & Bugel Corps des US Marines Corps angelehnt. Auch bei der Rangbezeichnung: Der 1. Vorsitzende (…) ist der Colonel, der musikalische Leiter (…) der First Sergeant. Das Repertoire reicht von dem St. Louis Blues Marsch über die Marines Hymn bis hin zum herzerweichenden Amazing Grace (mit Dudelsack!). Disziplin und Kleiderordnung werden großgeschrieben, von der Schirmmütze bis zu den Schnürriemen muss alles stimmig sein.” (Rheinische Post)

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“Zwischen Etzgen und Laufenburg können sich Möchtegern-Piraten und andere Wasserratten zwei Stunden lang treiben lassen. Das Gefährt besteht aus zusammengezurrten Baumstämmen, ist dreissig Quadratmeter gross, sechs Tonnen schwer, mit einem Schwimmkörper versehen, aber optisch – ein Floss. Herr des Flosses ist Captain J-C alias J-C Weiersmüller. Seit mittlerweile drei Jahren bietet er Flossfahrten auf dem Rhein an. (…) Noch liegt das Floss auf seiner Trockenstelle in Bad Zurzach. (…) Bis zu sechs Fahrgäste kann er mit seinem Floss transportieren. Sie dürfen sich unterwegs durchaus auch einmal als Flösser versuchen und mit dem Riemen das Gefährt steuern. So kriegen die Passagiere einen Einblick in das Leben von einst. Die Flösserei war bis ins 19. Jahrhundert und zum Ausbau der Eisenbahn ein bedeutendes Gewerbe entlang der Flüsse.” (Aargauer Zeitung)

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“Die Handballer der Rhein-Neckar Löwen sind erstmals in ihrer Vereinsgeschichte Deutscher Meister. Der frischgebackene Titelträger gewann am letzten Spieltag hoch bei Absteiger TuS N-Lübbecke und hielt damit Verfolger SG Flensburg-Handewitt auf Distanz. Das Gastspiel in Ostwestfalen war von Beginn an eine klare Sache. Nach acht Minuten stand es 6:2 für die Löwen, nach 24 Minuten 15:7 und zur Pause 17:10. Die Löwen waren dabei in allen Belangen überlegen, zeigten sich in der Defensive stark und in der Offensive treffsicher. (…) Am Ende hatten die Rhein-Neckar Löwen mit 35:23 gewonnen. Insgesamt gewannen die Löwen 28 von 32 Bundesliga-Spielen. Für die Löwen geht mit dem Titelgewinn eine Art Trauma zu Ende. Denn in den vergangenen zwei Jahren belegte das Team jeweils den zweiten Platz hinter dem THW Kiel – 2014 fehlten dabei nur zwei Tore zur Meisterschaft.” (sportschau.de)

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Der General-Anzeiger resümiert 1050 Jahre Dollendorf: “”Oberdollendorf liegt am Rhein, Niederdollendorf im Rhein”, lästern die Oberdollendorfer gerne über das benachbarte Niederdollendorf – und haben damit gar nicht mal so unrecht. Alle Jahre wieder nämlich setzt Vater Rhein die Uferpromenade und die anliegenden Straßen unter Wasser. (…) 1895 hatten die beiden Schiffer Hoitz und Käufer mit Motorbooten den Fährverkehr von Niederdollendorf über den Rhein aufgenommen, alte Quellen verraten jedoch, dass schon über die Jahrtausende hinweg Boote Personen und Güter von einem zum anderen Ufer transportierten. Besonders stolz ist man in Niederdollendorf darauf, dass vor der eigenen Haustür einst sogar die erste elektrische Fähre in Deutschland verkehrte. Am 11. Juli 1908 hatte das damals hochmoderne Fährschiff den Betrieb aufgenommen, am 7. März 1945 setzt die Fähre das letzte Mal von Godesberg nach Niederdollendorf über. (…) Sieht man einmal von den Jahren ab, in denen Väterchen Frost den Rhein bei Bonn hat völlig zufrieren lassen, was zuletzt 1929 der Fall war, hatten die Dollendorfer zweimal in der Geschichte die Gelegenheit, zu Fuß den Fluss zu überqueren: 1918 gab es eine Pontonbrücke, die während des Ersten Weltkrieges den deutschen Fußtruppen einen schnellen Rückzug ermöglichen sollte. 27 Jahre später bauten US-Pioniere die „Hodges-Bridge“ zwischen Bad Godesberg und Niederdollendorf, die als einer der wichtigsten Nachschubwege der Alliierten fungierte. “Da durften auch Personen drüber, aber man musste sich vorher entlausen lassen”.”

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“Bei einem Ausritt mit ihrem Pferd ist eine Frau in Chur (…) auf einer Insel mitten im reissenden Rhein gestrandet. Das Pferd entschied sich selbstständig zum Gang ins Wasser und war nicht zum Umkehren zu bewegen. (…) Ursprünglich wollte die Frau das Pferd am Rheinufer in der Nähe von Felsberg lediglich tränken. Doch das Tier begab sich gleich in den Rhein und war nicht dazu zu bewegen, umzudrehen. Stattdessen schritt es unbeirrt weiter, bis es die künstlich geschaffene Insel erreichte. Fürs Zurückkehren war dann die Strömung zu stark.” (Blick)

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“Im Revolutionsjahr 1848 kommt es auf dem Rhein zu einem bedenkenswerten Zwischenfall. “Gegen Mittag passierte ein Schlepp-Dampfschiff der Düsseldorfer Gesellschaft bei Kaiserwerth vorbei, als dort plötzlich sieben Gewehrschüsse nach demselben gerichtet abgefeuert wurden”, heißt es im entsprechenden Polizeibericht. Ein Schuss pfeift haarscharf am Kopf eines Knechtes vorbei. Bei den Verbrechern handelt es sich weniger um Revolutionäre als vielmehr um konservative Kreise: Vermutlich sind es Vertreter des Berufs der Treidler, die die Schiffe mit ihren Pferden vom Ufer aus durch die Gewässer ziehen. Die Erfindung der Dampfschifffahrt macht dieser seit römischen Zeiten auf dem Rhein praktizierten Tradition den Garaus. 1809 meldet der Amerikaner Robert Fulton sein Dampfschiff zum Patent an. Auf dem Rheim als der meistbefahrenen Wasserstraße Europas macht der schottische Kapitän William Wagner den Anfang. Am 8. Juni 1816 legt er mit seinem Schaufelraddampfer “Defiance” vom Ufer ab und fährt den Rhein hinauf über Köln. Es ist ein nie dagewesenes Spektakel, das auch den niederländischen König aufs Schiff lockt. Und Wilhelm I. reist extra mit der Kutsche nach Rotterdam, um das Schiff zumindest im Hafen zu bewundern. Längs der Strecke aber sollen sich die Bauern ob des Schiffs, das treidlerlos wie von Geisterhand bewegt wird, bekreuzigt haben.” (WDR)

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“Auftakt für das grenzüberschreitende Projekt „Veiligheid zonder Grenzen – Sicherheit ohne Grenzen“ des Löschzuges Rindern der Freiwilligen Feuerwehr Kleve und der Brandweer Millingen aan de Rijn: (…) Die Feuerwehren sind aus ihrer Sicht auf die gegenseitige Unterstützung angewiesen, denn die Probleme sind bei beiden Gruppen ähnlich. Aktuell ist durch eine staatsvertragliche Vereinbarung gewährleistet, dass die Feuerwehr aus Rindern den Kameraden aus Millingen aan de Rijn zur Unterstützung dienen kann. Es fehlt jedoch eine staatsvertragliche Regelung, damit die Brandweer Millingen aan de Rijn in der Bundesrepublik Deutschland ebenfalls ihre Fertigkeiten und Kenntnisse einbringen kann. Diese Regelung zu erreichen ist eines der Ziele des dreijährigen, grenzüberschreitenden Projektes, welches durch die europäische Union unterstützt wird.” (WAZ)

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“Unter Palmen liegen mit einem gekühlten Getränk in der Hand und bei Sonne satt entspannen – bis es so weit ist, müssen sich die Bad Säckinger noch ein wenig gedulden. Eigentlich sollte die Strandbar am Rheinuferweg schon Anfang dieses Monats zum Genießen und Entspannen einladen, doch bedingt durch den regnerischen Juni, herrscht auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Diebsturm und den WC-Anlagen immer noch gähnende Leere.” (Badische Zeitung)

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“Nach schweren Unwettern in Rheinland-Pfalz sind bei einem Bahnunglück am Rhein (…) zehn Menschen verletzt worden. Ein Regionalexpress entgleiste (…) zwischen Oberwesel und Bacharach wegen eines Erdrutsches. (…) Bei dem Bahnunglück am Rhein wurden nach Angaben der Bundespolizei der Lokführer und neun Reisende verletzt. Der Regionalexpress RE 4251 war zwischen Koblenz und Frankfurt am Main unterwegs, als der vordere Zugteil um 05.35 Uhr entgleiste. In der Region hatten die schweren Unwetter zu einer Reihe von Erdrutschen geführt und Gleise unterspült. Der Streckenabschnitt zwischen Oberwesel und Bacharach wurde komplett gesperrt.” (Welt)

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“Es ist ein gigantisches Städtebauprojekt für Straßburg und setzt die nach der deutschen Annektierung der Elsassmetropole 1871 begonnene Öffnung zum Rhein fort. Mit der »ZAC des deux Rives« (Zone d’aménagement concerté) wird unmittelbar an der Grenze am Rhein gegenüber von Kehl in den nächsten 15 Jahren ein neuer Stadtteil entstehen. Früher hatte das Viertel »Port du Rhin« einen schlechten Ruf. Seit einigen Jahren macht die Straßburger Stadtführung aber enorme Anstrengungen, um das einstige Problemviertel zu einem lebenswerten Stadtteil zu entwickeln. Das zeigen der neue »Place de l’Hippodrome« mit den beiden Kirchen, die deutsch-französische Kinderkrippe und die Neubauten neben dem Straßburger Teil des Zwei-Ufer-Gartens.” (Baden Online)

Der zugefrorene Rhein Ende der Zwanziger

Daß der Rhein zufriert, ist aufgrund des Klimawandels und die Wassertemperatur erhöhender Industrieeinleitungen auf mittlere Sicht kaum vorstellbar. Historische Berichte über zugefrorene Rheinabschnitte reichen mehrere hundert Jahre zurück. Bald 90 Jahre alt sind die Fotos, die den zugefrorenen Fluß vor den Kulissen des Mittelrheintals zeigen. Sie stammen aus der Sammlung von Friedrich Paff, der sie auch mit Anmerkungen versehen hat.

paff_bacharach_eis_klBacharach

paff_kaub_eis_klKaub

paff_loreley_eis_klLoreley

paff_oberwesel_eis_klOberwesel

Abschied von Sankt Goar

(Abschiedsworte an Ferdinand Freiligrath)

Wie flog im Land des Rheines
So rasch die Sommerzeit,
Schon dunkelt blauen Scheines
Die Traube weit und breit;
Es färbt das Laub sich gelber,
Der Kranich zieht dahin;
Mit zieh’ ich, weil ich selber
Ein Wandervogel bin.

Fahr wohl, von Walnußbäumen
Umrauscht mein Sankt Goar!
Das war ein süßes Träumen
In deinem Schoß, fürwahr,
Wie oft im Tal der Grindel
Ward mir die Luft Gesang,
Wenn die kristallne’ Spindel
Der Wasserfei erklang!

Fahr wohl, du Lei der Lore
An wilder Strudel Schwall!
Noch tönt in meinem Ohre
Gedämpft dein Klagehall;
Er rief mir tief im Sinne
Die düstre Sage wach
Vom Herzen, das die Minne
Mit ihrer Falschheit brach.

Ihr Türm’ und Burgen droben,
Ich grüß’ euch tausendmal;
Von euerm Grün umwoben,
Wie schaut’ ich gern zu Tal!
Ich sah mit trunknem Geiste
Die Sonne dort verglühn,
Und mein Gedanke kreiste
Wie euer Falk’ so kühn.

Fahrt wohl, ihr sonnigen Weiler,
Mein Bacharach so traut,
Wo um Sankt Werners Pfeiler
Voll Glanz der Himmel blaut;
Und Kaub voll rosiger Dirnen,
Und Wesel grün von Wein;
Ich denk’ an euern Firnen
Fürwahr noch weit vom Rhein.

Und du, fahr wohl, mein Dichter,
Du Mann so jugendgrün,
Und mag dir immer lichter
Das Herz von Liedern blühn!
Wohl sänge dir Besseres gerne,
Der dieses sang und schrieb:
Doch sei’s – und halt auch ferne
Wie hier am Rhein ihn, lieb!

(Emanuel Geibel)

Ansichten des Rheins, 1804

So drehet man sich immer rechts und links in den Krümmungen des Rheins herum, sucht in neugieriger Ungewissheit rückwärts den Eingang, und vorwärts den Ausgang aus diesem Wasserschlunde, bis einem Bacharach mit seinen Bergen den Weg zu versperren, und den Rhein unter seinen Häusern aufzunehmen scheint.

Dieses alte Städtchen hat eine romantische Lage. Es rühmt sich Römischen Ursprungs zu sein, und leitet seinen Namen von einem nahen Felsen im Rheine her, welchen man Bacchi ara oder Bacchus-Altar nennt. Bei hohem Wasser ist er nicht zu sehen, aber in den Jahren 1654, 1695, 1719 und 1750 hat ihn die seichtere Flut dem Auge bloß gegeben. Ein untrügliches Zeichen von einem guten Weinjahre.

Die Ansicht von Bacharach ist nicht ganz freundlich. Es trägt zu viel Spuren der Verwüstungen verflossener Kriege. Die untern Häuser sind dicht an den Rhein gebaut, und scheinen senkrecht aus dem Wasser hinauf zu streben. Über ihnen erheben sich die Kirchtürme. Seine alten Ringmauern ziehen sich hoch über die Stadt an die Ruinen der Feste Staleck, und umschließen Gärten und Weinberge, welches alles einen malerischen Kontrast hervorbringt.

Hier wächst der berühmte Muskateller, welcher schon den Gaumen des Kaisers Wenzel und des Papstes Pius II. reizte. Bacharach gegenüber ist die Grenze des schönen Rheingaues, und zwei Galgen stehen neben einander als schreckliche Marksteine da, jeden Räuber warnend.

Wenn man nun von oben herab gen Bacharach zu kommt, glaubt man in einem von Felsen umschlossenen Schweizer-See zu sein. Man denkt hier anhalten oder zurückkehren zu müssen; allein auf einmal dreht sich der Nachen wieder rechts, und schnell kommt er durch einen neuen Strudel, das wilde Gefährd genannt, in einen neuen See, auf dessen Mitte ein gerüstetes Kriegsschiff [die Pfalz] zu schwimmen scheint.

(Nicolaus Vogt: Ansichten des Rheins, Frankfurt/Main 1804. Gefunden auf dem Goethezeitportal)

Indolente Weinbauern und ein privilegierter Bettler

In Bacharach und Kaub, wo wir ausstiegen und auf einer bedeckten Galerie längs der ganzen Stadtmauer hin an einer Reihe ärmlicher, verfallener Wohnungen fortwanderten, vermehrten die Untätigkeit und die Armut der Einwohner das Widrige jenes Eindrucks. Wir lächelten, als zu Bacharach ein Invalide sich an unsere Jacht rudern ließ, um auf diese Manier zu betteln; es war aber entweder noch lächerlicher, oder, wenn man eben in einer ernsthaften Stimmung ist, empörender, dass zu St. Goar ein Armenvogt, noch ehe wir ausstiegen, mit einer Sparbüchse an das Schiff trat und sie uns hinhielt, wobei er uns benachrichtigte: das Straßenbetteln sei zu Gunsten der Reisenden von Obrigkeitswegen verboten. Seltsam, dass dieser privilegierte Bettler hier die Vorüberschiffenden, die nicht einmal aussteigen wollen, belästigen darf, damit sie nicht auf den möglichen Fall des Aussteigens beunruhigt werden!

In diesem engeren, öderen Theile des Rheintals herrscht ein auffallender Mangel an Industrie. Der Boden ist den Einwohnern allerdings nicht günstig, da er sie auf den Anbau eines einzigen, noch dazu so ungewissen Produktes, wie der Wein, einschränkt. Aber auch in ergiebigeren Gegenden bleibt der Weinbauer ein ärgerliches Beispiel von Indolenz und daraus entspringender Verderbtheit des moralischen Charakters. Der Weinbau beschäftigt ihn nur wenige Tage im Jahr auf eine anstrengende Art; bei dem Jäten, dem Beschneiden der Reben usw. gewöhnt er sich an den Müßiggang, und innerhalb seiner Wände treibt er selten ein Gewerbe, welches ihm ein sicheres Brot gewähren könnte. Sechs Jahre behilft er sich kümmerlich, oder antizipiert den Kaufpreis der endlich zu hoffenden glücklichen Weinlese, die gewöhnlich doch alle sieben oder acht Jahre einmal zu geraten pflegt; und ist nun der Wein endlich trinkbar und in Menge vorhanden, so schwelgt er eine Zeitlang von dem Gewinne, der ihm nach Abzug der erhaltenen Vorschüsse übrig bleibt, und ist im folgenden Jahr ein Bettler, wie vorher.

Ich weiß, es gibt einen Gesichtspunkt, in welchem man diese Lebensart verhältnismäßig glücklich nennen kann. Wenn gleich der Weinbauer nichts erübrigt, so lebt er doch sorglos, in Hoffnung auf das gute Jahr, welches ihm immer wieder aufhilft. Allein, wenn man so räsoniert, bringt man die Herabwürdigung der Sittlichkeit dieses Bauers nicht in Rechnung, die eine unausbleibliche Folge seiner unsicheren Subsistenz ist. Der Landeigentümer zieht freilich einen in die Augen fallenden Gewinn vom Weinbau; denn weil er nicht aus Mangel gezwungen ist, seine Weine frisch von der Kelter zu veräußern, so hat er den Vorteil, dass sich auch das Erzeugnis der schlechtesten Jahre auf dem Fasse in die Länge veredelt, und ihm seinen ansehnlichen Gewinn herausbringen hilft. Man rechnet, dass die guten Weinländer sich, ein Jahr ins andre gerechnet, zu sieben bis acht Prozent verinteressieren, des Misswachses unbeschadet. Es wäre nun noch die Frage übrig, ob dieser Gewinn der Gutsbesitzer den Staat für die hingeopferte Moralität seiner Glieder hinlänglich entschädigen kann?

(Georg Forster. Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich, im April, Mai und Junius 1790, zitiert nach dem Goethezeitportal)

Bacharach: petites misères

Bei Bacharach wurde für mich die Flagge aufgehisst mit R.D.S. bezeichnet; Buchstaben, die Rheinisches Dampfschiff bedeuten, vom Schiffsjungen aber witzig genug in “Rette Dich selbst” ausgelegt wurden – und alsbald erschien der Nachen, welcher mich hier ans Land führen sollte. Der in Regen ausgeartete Nebel fiel jetzt gerade in dichten Strömen, und so befand ich mich denn bald in meinem kleinen Fahrzeuge in der trostlosen Lage, mich ohne irgend eine Hilfe bis auf die Haut durchnässt zu sehen. Wenn dergleichen petites misères gar zu toll kommen, so erregen sie bei mir immer Humor, und so kam ich auch an jenem Tage ganz nass und daher ganz heiter in der alten berüchtigten Stadt an, in der ich in meinem wirklich merkwürdigen Aufzuge noch die Lachmuskeln einiger in ihren Haustüren stehender Bacharacher reizte.

Das beste Gasthaus liegt in einer engen übelriechenden Straße und liefert ein Essen, dem man mit einem Seufzer zuruft: Gott gebe, dass ich das verdaue. Das Rindfleisch und die ängstlich darum liegenden Bohnen waren ganz geeignet, meinen Humor in einen Alp zu verwandeln, dem der Krätzer, der mir dazu gereicht wurde, wahrhaftig nicht hindernd in den Weg trat. Der fortdauernde Regen ließ mich nicht einmal durch Bewegung eine Erleichterung finden, und so ergab ich mich als frommer Christ in mein Schicksal und lege dem freundlichen Leser vor, was ich aus meinem Fenster sah, und wonach er mir eine Träne der Rührung gewiss nicht versagen wird.

Am Nachmittag störte mich plötzlich aus meinen Träumereien ein furchtbarer Kinderlärm; Kinder können in diesem Punkt etwas leisten, wie Du, glücklicher Familienvater, aus Erfahrung weist; was aber die Kinder von Bacharach anbetrifft, so glaube ich nicht, dass andere Rangen mit diesen leicht konkurrieren können. Der Lärm näherte sich mehr und mehr, und ich hörte sogar eine Art von Melodie heraus, in der ich auch endlich die Wörter “Weck und Speck” zu verstehen glaubte. Ich lief nach dem Hofe und erblickte nun einen Haufen menschlicher Sprösslinge beiderlei Geschlechts von 4 bis 8 Jahren, denen ein Junge eine Art Erntekranz vortrug, während die anderen folgenden auf alten Säbeln drei bis vier Wecken – Semmeln – und oben ein Stück Speck bis ans Heft gespießt hatten, und die Mädchen dieselben Nahrungsmittel, nur noch durch Eier und Butter vermehrt, in Schalen und Körben nachschleppten. Alles stellte sich dann im Halbkreise um den Aufseher der Bande herum, und vollführte den oben erwähnten Höllenlärm, bis endlich von dem Wirt meines Hotels – passez-moi l’expression – der Zauberstab erhoben wurde und der Schwarm zerstob und Luft ward. Ganz aber waren doch wohl diese Ohrenpeiniger noch nicht vertilgt; denn ich hörte bald darauf aus einer andern Gegend denselben Chor, dieselbe Weise herüberschallen.

Es rührt diese Komödie von einem alten Gebrauch her, dessen Ursprung sich, wie der Dichter sagt, “in der Nacht der Zeiten verliert”. Die Stadt hat nämlich vier Brunnen; wenn nun einer derselben gereinigt wird, so versammeln sich die Kinder des Stadtviertels, worin derselbe liegt, reich und arm, keines darf sich ausschließen, und tragen Brunnenkranz auf jeden Hof, wo sie dann die oben erwähnten Esswaren und auch Geld erhalten. Alles dies wird beim Brunnenmeister abgeliefert, der ihnen am nächsten Tage davon einen kleinen Schmaus gibt, und ihnen dicken Brei und gelbe Schnittchen macht, an denen sich das kleine Volk gütlich tut.

Wie reich und originell Bacharach in seiner Bauart ist, zeigt vorliegende Straßenansicht und seine Kirche. Das Volk ist gemütlich, kleinstädtisch, und ich verbrachte die Abende ganz gut mit der Nobilitas des Ortes, mit dem Bürgermeister, Baumeister und Gott weiß was für Meistern sonst noch, und zwei Militärpersonen, deren Existenz bei uns in Berlin fast ins Reich der Mythe gehört: zwei Gendarmen.

(Ludwig Loeffler: Skizzenbuch in Worten und Bildern. Aus Westfalen, dem Rheinlande, der Schweiz, Baiern und Sachsen. Leipzig 1852; zitiert nach dem Goethezeitportal)

Bacharacher Bräuche und ein Wanderteufel aus der Eifel

Bacharach gehört zu den ältesten Städten am Rhein. Es war auch das ganze Mittelalter hindurch einer der berühmtesten Orte. Die Stadt scheint fast der bedeutendste Ort in dem alten Trach- oder Trachirgau, der sich lang und schmal am Rheine hinzog, gewesen zu sein. Die Dörfer Staag, geschützt durch die Burg Stalberg, Mauerbach sowie Oberund und das zu ihm gehörige Rheindiebach bildeten mit Bacharach den kleinen Staat der “vier Thäler”, wobei denn auch Bacharach als “Thal” mit eingerechnet wurde. Dieser Bereich war ein kleiner Staat für sich mit einer eigentümlich freien Verfassung, einer merkwürdigen Selbstregierung und einer mehr oder weniger vollständigen Abgeschlossenheit in sich. Die gesetzliche Regierung bildete der Vier-Thälerrat. Nach der Ordnung der Kurfürsten von der Pfalz von 1356 bestand er aus 24 Männern. Davon lieferte jedes Thal oder wie man es nannte jeder Thal drei und drei die Stadt Bacharach. Einer aus den Dreien, welche die Stadt Bacharach stellte, saß dem Vier-Thälerrate als Bürgermeister vor. Neben dem Rate bestand das Gericht aus 14 Schöffen, welchem der kurkölnische Saalschultheiß und der kurpfälzische Stadtschreiber beiwohnten. Der letztere sollte die Hoheitsrechte des Pfalzgrafen wahren und saß auf einem ihm besonders gesetzten Stuhle. Alle diese gerechnet, wird freilich die Zahl 24 überstiegen. Die eigentlichen Erwählten versahen ihr Amt bis ans Grab. Es galt in dieser Beziehung die Ansicht: Es sind brave Männer und sie wissen einmal die Gänge.

Die Gänge, welche der Vierthälerrat zu machen hatte, bestanden nämlich darin, daß er auch die “Gabelung” auf dem Weinmarkt vorzunehmen hatte. So begaben sich denn je vier Glieder des Vierthälerrates, begleitet von einigen Zechern, in den ihnen “zugewiesenen Thal”, um die Weine des Jahrganges zu probieren. Das geschah um Frühlingsanfang, wenn der Wein von den Hefen abgelassen war. Der bei der Gabelung festgestellte Weinpreis wurde den Käufern mitgeteilt. Der Weinmarkt zu Bacharach wurde bei gutem Wetter am Rheine auf dem freien Raume zwischen der Stadtmauer und dem Erdaufwurfe am Ufer des Stromes abgehalten. Die Verkäufer brachten noch einmal ihre Weinproben mit auf den Markt. Der Vierthälerrat stellte die silbernen Schalen zum Probieren für die Käufer. Unter dem gegabelten Preise durfte nicht verkauft werden, wohl aber darüber. Der Markt wurde ein- und ausgeläutet. Er war ein Volksfest, auf dem besonders die Winzer selbst sich gütlich thaten. Waren die Weine der vier Thäler verkauft, so kamen die “Franzischen” und “Hunischen” an die Reihe. Denn der Bacharacher Weinmarkt war durch Jahrhunderte der Stapelort und der Verkaufsort der sämmtlichen Weine des Rheingaues, bis die bevorzugten “Ebersbacher grauen Mönche” ihr köstliches “Gräfen-” und “Steinberger” Produkt und das des berühmten “Marcobrunn” von ihrem Stapelorte, dem “Reichharthäuser Hofe”, nach Köln selbst hinab zu verschiffen begannen und somit das uralte Herkommen durchbrochen wurde.

Zu den Weinmärkten in Bacharach kamen die Käufer bis von der Weichsel her. Die Bremenser “Weinherren” hielten hier in jedem Jahre eine gute Auslese für ihren Ratskeller. Windtmann hat daher in seiner musikalischen Kurzweil von 1623 die Reime:

“Zu Klingenberg am Main,
Zu Würzburg an dem Stein,
Zu Bacharach am Rhein
Hab’ ich in meinen Tagen
Gar oftmals hören sagen,
Soll’n sein die besten Wein’.”

An das Rathaus, in dessen Bürgersaale bei schlechtem Wetter der Weinmarkt abgehalten wurde, knüpft sich die folgende Sage. In dem Hause, welches links an das Rathaus stößt, wohnte ein Mann Namens Minola. Er war unverheiratet und hatte eine mürrische alte Haushälterin. Diese konnte einst in der Nacht nicht schlafen. Da es gerade Neumond war, so meinte sie, es sei schon Tag, sie könne aufstehen und für sich und ihren Herrn ein Zwiebelsüpplein kochen. Es war aber zur Winterszeit und recht kalt. Sie wickelte sich fest in ihre Kleidungsstücke und wollte Feuer anschlagen. Allein die Finger waren ihr zu steif und sie bekam durchaus kein Feuer. Da öffnete sie den Fensterladen und wollte am Markt umherschauen, ob nicht in einem Hause schon Feuer wäre. Aber alle Häuser waren noch dunkel. Nur von dem “Bogen” des Rathauses her fiel ein roter Feuerschein auf den Markt. Da nahm die Alte ihr “Feuerstoofchen” und ging aus dem Hause dem Feuerscheine nach. Als sie vor dem Bogen stand, der noch von dem älteren Rathause herrührt, sah sie einen hohen Kohlenhaufen mitten unter dem Bogen. Ein großer schwarzer Mann saß dabei und neben ihm lag ein großer schwarzer Hund. Es wurde ihr zwar bei dem Anblicke etwas gruselich, sie dachte aber, es wäre einer von den wandernden Spenglern oder Löffelgießern, die aus der Eifel kommen. Wie auch der Hund knurrte, so bot sie doch dem Schwarzen einen guten Morgen und bat um ein paar Kohlen, damit sie Feuer anmachen könne. Der Schwarze winkte nur und blickte auf das Feuer. Da ergriff die Alte das Schüreisen, welches bei dem Feuer lag, legte einige Kohlen in das Feuerstoofchen, dankte und ging rasch davon. Zuhause schüttete sie die Kohlen auf den Herd, aber sie waren völlig erloschen. Die Alte fürchtete sich nun vor dem Hunde und vor dem groben Gesellen, aber dennoch ging sie zum zweiten male zum Feuer am Rathausbogen. Zwar entschuldigte sie sich damit, daß die Kohlen erloschen seien. Aber der Mann aus der Eifel sah sie gräulich an und der Hund knurrte noch lauter als das erste mal. Auch ergriff der vermeinte Spengler jetzt das Wort und drohte der Alten den Hals umzudrehen, wenn sie zum dritten male käme. “Dann behaltet auch jetzt Eure Kohlen und laßt sie Euch einpökeln!” rief die Alte. Sie kannte ja keine Furcht und ihre verstellte Freundlichkeit hatte nur den Zweck gehabt, zu bewirken, daß sie in den Besitz der Kohlen käme. Nachdem diese Hoffnung gescheitert war, entsagte sie der Höflichkeit und ging mit einem derben Schimpfwort davon. Da fuhr der Hund auf sie los, und auch der Schwarze geberdete sich noch grimmiger als zuvor. Die Alte aber sprang mit einer Lebendigkeit, welche man nicht mehr von ihr hätte erwarten sollen, davon. Sie war froh, als sie die Thür ihres Hauses hinter sich verschlossen hatte. Eben schlug es Eins vom Turme, und da die Stunde von Zwölf bis Eins bei Vielen für die Geisterstunde gilt, so merkte sie, daß sie fast dem Satan in die Krallen und beinahe dem Höllenhunde in den Rachen gelaufen sei. Nun schauderte sie denn doch zusammen, als sie wieder unter ihrer Bettdecke lag; auch vermochte sie nicht wieder einzuschlafen. So hörte sie jeden Glockenschlag von 2-6. Um sechs stand sie auf. Es war noch ganz dunkel, aber mit Leichtigkeit konnte sie jetzt Feuer anschlagen. Sie zündete die Ampel an und leuchtete auf den Herd. Da hatten sich die Kohlen in Gold verwandelt. Sie beriet sich mit Herrn Minola, dieser aber zog einen Geistlichen zu, und so wurde von dem Teufelsgolde das Hospital zum heiligen Geiste gestiftet.

(aus: Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten, Berlin 1886)

Wernerkapelle (2)

Die Ruine der Wernerkapelle in Bacharach, vom Hof der alten Pferdepoststation gesehen

Bei Dunkelheit wird die Ruine von Bodenscheinwerfern beleuchtet. Auf der Dachtraufe lauern sprungbereite Geschöpfe

Schnappschuß einer Spukgestalt nach Mitternacht. Womöglich handelt es sich um den lang vermißten Schatten Peter Schlemihls

Wernerkapelle

Endlich musste ich mich gegen das alte Bacharach selbst wenden. Der Ort hat das Gepräge hohen Altertums – sein Name schon Ara Bachi deutet auf römischen Ursprung – dann aber die Menge verfallener Türme an den Stadtmauern – das höchst besondre wunderliche Bauwesen der Häuser mit ihren braunen Gebälk, ihren vorgebauten Stockwerken, überall von Wein umrankt, die alten Kirchen, wie das alles so in die enge nach dem Rhein geöffnete Talschlucht hineingelagert ist, es gibt einen höchst eigentümlichen Anblick.

Längst nun war ich durch früher betrachtete Abbildungen gespannt, die merkwürdigen Ruinen der Wernerikirche zu sehen, und ich ließ es deshalb meinen ersten Gang sein, um noch bevor der Abend tiefer herabsänke mich an diesen alten Baulichkeiten zu weiden.

Aus enger Straße durch ein altes Kirchhofpförtlein manche Stufen hinauf, kam ich erst auf den kleinen Kirchhof der mit vielem Anbau alter Kapellen umgebenen und mit einem alten durch byzantinische Bogenstellung verzierten Turm geschmückten Stadtkirche, und vor mit lagen auf naher mittler Anhöhe, am Fuße eines viel höhern wieder mit Burgruinen gekrönten Felsens die öden Mauern der Wernerikirche, durch deren leere, nur noch mit den zierlichsten steinernen Rosetten versehenen Fenster die Luft zog, während die Wolken von oben frei auf den grasbewachsenen Boden der ehemaligen Kirche hereinsahen. Schnell stieg ich die Stufenreihe bis dahin noch hinan, durchging die Räume der nicht großen, aber den besten Stil des 14. Jahrhunderts verratenden, und aus einem festen roten Wasgauer Sandstein gebauten Kirche und suchte mir dann einen Standpunkt aus, von welchem ich zeichnend eine bleibende Erinnerung an diese außerordentliche Umgebung mitzunehmen vermöchte.

Wie ich nun da oben stand, die im reinsten Verhältnis geschwungenen hohen gotischen Bögen mit den reichen Fensterverzierungen sich in den Abendhimmel erhoben, die glatten Strebpfeiler und zierlichen Spitzsäulen in den eigentümlichen, gesättigten braunroten Ton ihres Gesteins, und noch so scharf, als wären sie erst eben aus der Hand des Steinmetzen gekommen, das späte Tageslicht wiederschienen, dahinter aber das gelbliche Mauerwerk des Stadtkirchenturms mit seinen rundbogigen Fenstern und hoher schiefergedeckten Turmspitze aufragte, als ich weiterhin über der tiefer unten liegenden Stadt mit ihren alten Wehrtürmen, und durch die Fensterbögen der Ruine den von hohen Bergesabhängen eingeschlossenen Rhein erblickte, und als nun das sonore, den morgenden Sonntag ankündende Abendläuten näher und ferner erklang, da ergriff mich ein Gefühl tiefer nachhaltiger Rührung; ich gedachte an Dante:

“Era già l’ora che volge’l disio
A’ naviganti, e’ntenerisce’l cuore
Lo di c’án detto a’ dolci amici: a Dio;
E che lo nuovo peregrin, d’amore
Punge, se ode squilla di lontano,
Che paia’l giorno pianger, che si muore”

Gewiss ich gestehe ein so sonderbares, so neues und doch so heimatliches Gefühl nie gehabt zu haben! Es war mir als habe ich nun erst ein Vaterland, mein Vaterland gefunden!

Hier ist ja dasselbe, was uns in Italien so mächtig ergreift: eine großartige Natur, ein weltgeschichtlicher Boden, und bedeutende Monumente, in deren Fortbildung wie in deren Zerstörung mannigfaltige vorübergegangene Perioden einer großen Zeit ihre tiefsinnigen Lettern gegraben haben!

Ja mir ist es mehr als Italien, denn es ist mein Land, es ist Deutschland, und nimmer werden römische Bauwerke so zu unserm Geiste sprechen, als der unserm Volke ganz eigene, in ihm geborene, mysteriöse reine Stil, wie er in diesen Bögen noch atmet, und in der kleinsten Fensterrose sich spiegelt!

Und tönt nicht selbst in dem sonoren Klange dieser Abendglocken das reine Silber wieder, welches in jenen Jahrhunderten das gläubige Volk zu Glockenspeise herzubrachte, wenn eine neue Glocke gegossen werden sollte? ja ist nicht am Ende gerade die Pietät, wann und wo wir sie gewahr werden, das was uns am Menschen das Herrlichste bleibt, und ist sie es nicht deren Nachgefühl hier noch heute beiträgt, dem aus vergangenen Zeiten stammenden Glockenklange eine geheime Anziehung zu unserm Geiste zu verleihen!

Als ich meine Zeichnung vollendet, und tiefe Abenddämmerung eingetreten war, stieg ich hinab zur Stadt, und wanderte noch durch eins der verfallenen Epheu- und Wein-umrankten Tore zum Rhein. Da lagen nun die großen Rheinschiffe, der Fluss wallte so ruhig an die flachen Ufer, so dunkel und hoch streckten hüben und drüben die Bergrücken sich längs des Stroms, ruhend von der Arbeit und in ihren Gesprächen vertieft saßen oder standen die Leute des Orts vor ihren gebrechlichen Häusern, über welchen überall die Trümmer aus vergangenen Jahrhunderten aufragten, kurz alles alles stimmte zu einem einzigen großen Moll-Akkord zusammen, und erregte mir die seltsamsten Gedankenzüge.

Noch musste ich es als den Schlussstein dieses mir für mein Leben merkwürdigen Tages und Abends betrachten, als ich, eingetreten in meine Wohnung, gerade gegenüber dem Fenster der Treppe zu meinem Zimmer, noch einmal die hohen Fensterbögen der Wernerikirche auf dem Grunde des Sternenhimmels in ihrer völligen Reinheit und Zierlichkeit erblickte.

Ich werde Euch nicht vergessen!

(aus: Carl Gustav Carus: Paris und die Rheingegenden. Tagebuch einer Reise im Jahre 1835, Leipzig 1836; zitiert nach dem Goethezeitportal, das eine schöne Text- und Bildzusammenstellung zu Bacharach im 19. Jahrhundert als “Ort kultureller Erinnerung” aufweist.)

Spleenige Lebensrettung auf dem Rhein vs. Tod durch Schwanenbiß

Nun beschloß ich, mir den Tod zu geben. Aber ich wollte auf “anständige Weise” sterben. In Bacharach blieb ich, mietete mir einen Kahn und fuhr in den Rhein hinaus, um in der prächtigen Sommernacht – ein Bad zu nehmen. Schon schwamm ich und schwamm und schwamm; das Boot mit meinen Kleidern war längst meinen Augen entschwunden. Und ich wurde nicht müde; und das wollte ich doch gerade… Plötzlich hörte ich nicht weit von mir einen Nachen schnell heranrudern und gleich darauf einen Fall in den Strom, Geplätscher, Hilferufe. Alle Kraft kam wieder in mich: ein Mensch in Gefahr. Ich schwamm auf die Stelle zu, packte einen, der im Untersinken begriffen war, und brachte ihn mit vieler Mühe ans Ufer.
Am andern Morgen saß ich dem von mir Geretteten in seinem Zimmer im Hotel gegenüber und erfuhr eine wunderbare Geschichte: Der etwa fünfzigjährige Engländer, den ich aufs Trockene gebracht hatte, war der dritte Sohn eines Herzogs. Er erzählte mir, daß er mich seit zwei Tagen beobachtet habe; er hätte bald bemerkt, daß ich die Absicht gehabt habe, mir das Leben zu nehmen. Und zur festen Überzeugung wäre ihm das geworden, als ich mich gestern Abend spät in den Kahn setzte; er sei mir nachgefahren, bei einer ungeschickten Bewegung über Bord gefallen, usw. Ich sei sein Lebensretter, er sei mir bis zum Grabe verpflichtet… Ob er mir (und er erzählte das so ruhig wie eine gleichgültige Wetterbemerkung) mit Geld aushelfen könne; ich hätte wohl Schulden und hätte deswegen die Erde verlassen wollen…
Ich war zuerst sprachlos. Aber er drückte mir so innig die Hand, gab mir so herzlich zu wissen, daß er Überfluß an Geld habe und daß es ihm ein großes Vergnügen machen würde, mir zu helfen, daß ich einschlug. Ich erzählte ihm von meiner jahrelangen Qual.
Am andern Tage hatte ich in Köln, wohin er mit mir gefahren war, die Summe, um meine sämtlichen Schulden bezahlen zu können.
Ich behielt meine dienstliche Stellung in dem kleinen polnischen Städtchen während der nächsten zwei Jahre, in denen mich mein englischer Freund mit namhaften Summen unterstützte. Da – es klingt romanhaft – starb der Engländer und hinterließ mir sein großes Vermögen, so daß ich sofort meinen Abschied nehmen und in eine große Stadt ziehen konnte. Und nun, als ich Geld hatte: wie leicht war es, durchs Leben zu kommen, zu rechnen, einzuteilen.
Nur weniges habe ich noch hinzuzufügen: Von Köln fuhr ich damals nach Posen. Ich wollte Stasia, die mit ihrer verwitweten Mutter zusammenwohnte, heiraten. Dies liebe Geschöpf. Aber als ich ihr Haus erreicht hatte, fand ich sie im offenen Sarge. In ihre dunklen Haare hatte sich ein Kranz von weißen Rosen so sehr verliebt, daß er sich unlösbar in sie verflochten. Stasia war beim Füttern der Schwäne in einem Parkteich von einem dieser tückischen Tiere geschlagen worden. Der linke Arm war gebrochen. Nach drei Tagen trat eine Herzlähmung hinzu, und das junge Mädchen verschied.
Der Engländer, der mir so gütig geholfen, der mir sein Vermögen vermacht hatte, schrieb mir in einem Briefe, der mir nach seinem Tode gesandt worden war, daß er durch Umstände, die er hier nicht wiederzugeben brauche, in Erfahrung gebracht habe, wie tief ich in Schulden gewesen sei. Er habe mich verfolgt, in Bacharach bestimmt gemerkt, daß ich mir das Leben habe nehmen wollen. Er, ein ausgezeichneter Schwimmer, habe sich nur als ein Ertrinkender gestellt, um Gelegenheit zu bekommen, mir durch meine Hilfe zu helfen. Ein wenig Spleen war allweil dabei – aber einerlei, er hatte mich gerettet aus edelster Menschenliebe.

(aus: Detlev von Liliencron: Letzte Ernte. Hinterlassene Novellen, Berlin 1909)

Rheintöchter (5)

two rhinemaidensIn mehreren Sprachen bündig und nicht immer ganz präzise kommentierte “Romantische Loreleyfahrten” bietet die Bingen-Rüdesheimer Fahrgastschifffahrt. Die aus fünf Ausflugsschiffen bestehende Flotte passiert im Schlaufenverkehr Orte und Hänge, Burgen und Türme der Mittelrheinstrecke mit ihren weltbekannten Postkartenanblicken. Sobald in der Nähe des Loreleyfelsens die Silcher-Melodie vom Band erklingt, knubbeln sich chinesische Touristengruppen auf dem Oberdeck, fotografieren wild in die Hänge und lichten sich schließlich gegenseitig vor dem gemeinten, von einem Loreley-Schriftzug markierten Felsen ab. Als rarer Beifang solcher Ausflugstouren gilt das Erscheinen der Rheintöchter, der berühmten Wagnerschen Wassernixen, die vor allem in der Nachsaison bisweilen den Touristen bzw ihren eigenen Gedanken nachschauen sollen. Wir hatten in den letzten Oktobertagen Glück: der Schnappschuß siedelt am unbewohnten Ufer zwischen Oberwesel und Bacharach.

Riesbeck über das Mittelrheintal

Als wir unsre Augen auf dem prächtigen und lachenden Rheingau geweidet hatten, fuhren wir in das Dunkel des engen Tales hin, welches sich unter Bingen öffnet und dessen ganzen Boden der gedrängte Rhein einnimmt. Der Abstich tat unsern Augen unbeschreiblich wohl. Die Berge, welche sturzdrohend in diesem Tal über dem Fluß herhangen, sind bald mit dem mannigfaltigsten Grün bedeckt, bald nackte Felsen, hie und da blauer oder roter Schiefer und oft auch harter Urfels. Ihre Gestalten, ihre Einschnitte, ihre Verkettung, ihre Bekleidung, ihr verschiedener und seltsamer Anbau hie und da und die beständigen Krümmungen des Stromes machen die Aussichten alle Augenblicke abwechseln. Ungeachtet der größern Beschwerden sind die Ufer dieses Tales doch ungleich stärker angebaut und bewohnt als die Ufer der Donau in irgendeiner Gegend. Fast alle Stunde hat man eine Stadt vor sich. Fast jeder Berg ist mit den Trümmern eines alten Schlosses gekrönt, worin ehedem ein deutscher Ritter hausete. Die Lage dieser Städte und Flecken hätte die erhabenste Phantasie nicht romantischer und malerischer angeben können. Wir hatten einen Schottländer bei uns, der über Suez und über Italien aus Ostindien kam. Der Mann tat oft wie rasend. Er hatte hie und da Ähnlichkeiten mit Gegenden seines Vaterlandes gefunden, und da sprang er immer mit gleichen Füßen in die Höhe und schrie: “Das ist die Küste von N.! – Das ist die Bucht von N.!” Und da nennte er allezeit einen Ort im Schottischen Hochland, welcher der Partie der Rheinlandschaft, die wir vor uns hatten, ähnlich sein sollte. Die Liebe zu seinem Vaterland, von dem er zehn Jahre entfernt war und nach welchem er sich so heftig sehnte, griff ihn beim Anblick dieser Ähnlichkeiten wirklich mit gichterischen Zückungen an. Ich hatte Bosheit genug, ihn einigemal zu erinnern, wie weit er noch von seinem Vaterland entfernt sei, welches er auf dem Rhein zu sehen glaubte. Als uns hie und da Weinberge zu Gesicht kamen, fragte ich ihn, ob diese Landschaft auch Ähnlichkeit mit einer Bucht in Schottland hätte. Anfangs tat er böse; endlich ward er sehr beredt darüber, um mir zu beweisen, daß der Anblick der Weinberge der traurigste in der ganzen Gegend wäre, die wir durchfahren hätten. Er behauptete, die Regelmäßigkeit der gepflanzten Weinstöcke und ihre Einförmigkeit habe so was Ekelhaftes und Beklemmendes, daß er die Augen wegkehren müsse, um sie auf den kahlen und abstürzigen Felsen oder dem wilden und dicken Grün der gegenüberstehenden Berge weiden zu lassen. Das verkünstlende Gewühl der Menschenhände, sagt’ er, wäre höchstens nur deswegen in dieser Landschaft zu dulden, um die Reize der schönen und unverzierten Natur umher auffallender zu machen. Ich antwortete ihm auf seine lange Rede mit einem Glas roten Aßmannshäuser, welches ich ihm zubrachte und den er sehr trinkbar fand.

Die schönsten Gegenden in diesem romantischen Land sind die um Bacharach und Kaub, welche Städte beinahe grade einander gegenüberliegen, um St. Goar und um Koblenz. Die Lage von Bacharach ist, wie der Ort selbst, finster und schauerlich schön. Der Berg, an dessen Fuß das Städtchen liegt, hängt senkrecht drüber her und ist zum Teil mit Reben bekleidet, die einen der besten Rheinweine liefern. Die Lage von Kaub ist offener und lachender und macht mit dem entgegengesetzten Bacharacher Ufer einen unvergleichlichen Kontrast, besonders da sich die Häuser dieses Ortes durch ein lichtes Weiß im tiefen Grün seiner Gegend und im Abstich mit der ehrwürdigen Schwärze von Bacharach ungemein stark ausnehmen. Mitten im Rhein zwischen beiden Städten liegt auf einem Felsen, der kaum über die Oberfläche des Wassers emporragt, ein dicker, hoher und fester Turm, die Pfalz genannt, wie er denn auch, samt den beiden Städten, dem Kurfürsten von der Pfalz zugehört und vom gemeinen Volk für das eigentliche Stammhaus der Pfalzgrafen gehalten wird. Eigensinniger und malerischer kann in einer Landschaft nichts gedacht werden als die Lage dieses Turms, wenn man ihn in einiger Entfernung sieht. Die Gegend um St. Goar ist von ganz andrer Natur. Das rechte Ufer des Rheines ist hier ganz wild. Auf einem der hohen und fast senkrecht abgehauenen Berge, die es bilden, der sich durch seine majestätische Gestalt stark ausnimmt, liegt sehr romantisch ein festes Schloß, welches man noch zu erhalten sucht. Das linke Ufer, worauf die Stadt liegt, ist noch steiler, aber zum Teil mit unbeschreiblicher Mühe angebaut. Man hat auf kleinen Terrassen, wie zu Rüdesheim, auf dem abstürzigen Felsen Weinberge angelegt, die eine ungeheure hohe Treppe bilden. Der Raum zwischen dem Strom und den Felsen ist so enge, daß die Einwohner sich zum Teil in den Fels selbst hineinbauen. Über der Stadt ragt die Festung Rheinfels, von welcher ein Ast des hessischen Hauses den Namen trug, die aber nach Absterben desselben samt dem dazugehörigen beträchtlichen Lande dem Landgrafen von Hessen-Kassel zugefallen ist, majestätisch empor. Die Stadt selbst ist ziemlich lebhaft und die beste zwischen Bingen und Koblenz. Die Einwohner scheinen ein sehr fleißiges Volk zu sein. Ein wenig über der Stadt verursachen die kurzen Krümmungen des gedrängten Rheines einen Wirbel, der unter dem Namen der St. Goarer Bank sehr verschrien ist. Von beträchtlichen Unglücksfällen hört man sehr selten; allein wir waren Augenzeugen davon, daß der Ruf dieses Platzes kein leerer Popanz wieder des Donauwirbels ist. Ein großes kölnisches Schiff fuhr eben neben uns herauf. Es hatte von St. Goar einen alten erfahrnen Steuermann mitgenommen, der an der gefährlichen Stelle sehr weit in den Strom hineinstach. Die Pferde zogen stark an. Auf einmal ward der Steuermann von der Gewalt des Stromes so sehr überwältigt, daß das Schiff in einem Augenblick an dem linken Ufer des Flusses lag, ob es schon beinahe 150 Schritt davon entfernt war. Zum Glück stand eben da an der Spitze eines Felsen ein großer Kahn, der wie ein Hut zusammengedrückt ward, ohne den aber das Schiff vielleicht eine große Wunde bekommen hätte. Es saß demungeachtet auf dem Felsen auf und mußte mit Winden und Hebeln gelichtet werden.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

In weißen Schiffen

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In Bacharach, einem frei erfunden wirkenden Städtchen, das den Inbegriff des Mittelrheingedankens (eine gnadenlose Mischung aus Römer-, Mittelalter- und Romantiknachlässen, Weinbau und Tourismus) vorzustellen scheint, ist Lyrik im kopfsteingepflasterten Straßenbild omnipräsent. Gasthäuser und Weingüter, fast ausschließlich Fachwerkbauten, zieren einfach gereimte Sinnsprüche und Vierzeiler à la “Der Wein, der Wein ist Goldes wert / Er lindert alle Schmerzen / Er macht die Dummen oft gelehrt / Und bessert böse Herzen”. Dichterworte Goethes, Schillers, Brentanos und anderer Romantiker finden sich auf Tafeln und Plakaten, hin und wieder verirren sich auch Verse von Zeitgenossen zwischen diejenigen der längst begrabenen und kanonisierten Dichter. So stießen wir an Bacharachs Uferpromenade auf ein Gedicht von Friedrich G. Paff, der rheinsein bereits als Gastbeiträger mit Ansichten des Mittelrheins beehrte – und auch in der Schulgasse sind, ein wenig versteckt, Zeilen Paffs “fürs Rabegretsche” angebracht. In den Parkanlagen des Rheinufers befindet sich ein “Platz der Poesie”, an dem Victor Hugo mit Heinrich Heine und Clemens Brentano, alle drei in lustigen Tiergestalten, zecht – eine Bronze von Liesel Metten. Schließlich fand sich in einer kaum frequentierten dunklen Gasse ein Schaufenster, das komplett mit einem kunterbunt-süßlichen “Manifest für die Poesie” aus Versen und kleinskulpturalen Fantasiegebilden ausgestattet war, dessen Urheber uns durch die Lappen gerutscht ist.