Andernach

andernach_rolandstatueRolandstatuen gibt es in vielen Städten. Die Schwertritter symbolisieren die jeweilige städtische Souveränität. Dieser Roland in Andernach genießt einen perfekten Rheinblick. Eine Besonderheit ist die Möwe auf seinem Kopf. Sie besteht aus Gips und Farbe, unbekannte Spaßvögel hatten sie auf der Statue Haupt verankert, wo sie einige Tage verweilte, bis sie, vermutlich von Amts wegen, wieder entfernt wurde. Schreibt uns Marcel Crépon, der diesen Monat in Andernach weilte. Zunächst habe er, so direkt am Rhein, die Rolandstatue für eine Siegfriedstatue gehalten, da er mit der Person des Roland unverbrüchlich die Schlacht von Roncevalles (mit Rolands Tod, so wie er im Manuel d‘Histoire de France seiner Kindheit abgebildet war) in Verbindung bringen würde, nicht aber Andernach. Später, beim Wein mit Einheimischen über seinen Statuenirrtum aufgeklärt, habe er dann vom Rolandsbogen erfahren, der zwar mit “seinem” Roland nichts zu schaffen habe, den er jedoch unverzüglich aufsuchte, um, von Versen Apollinaires flankiert, tiefer in die rheinische Geschichte einzutauchen und weitere Aussichten zu genießen.
andernach_bollwerkDer Totentanz auf diesem Bild (Fotos: Marcel Crépon) ist Teil eines von der Natur angegriffenen Bodenreliefs namens “Apokalypse” (von Udo Weingart). Er findet statt im Andernacher Bollwerk, einer Rotunde aus dem 17. Jahrhundert, die einst zur Zollkontrolle der Rheinschifffahrt diente und heute als Ehrenmal für die Opfer der beiden Weltkriege. Wer das Bollwerk betreten möchte, kann nicht umhin, sich dem Totentanz einzufügen.

Marcel Crépon schreibt desweiteren begeistert von kostenlosen Gemüsen, die in Andernach für jeden pflückbar “zwar nicht in Wundergärten hängen wie in Babylon”, sondern einfach am Fuße einer Burgmauer lägen, wo sie, so mitten in der Stadt, dennoch einen bleibenden Eindruck hinterließen. Gleich nebenan stünde auch “Gemüse fürs Hirn”: ein gläserner Büchertauschschrank wie er ihn erstmals erblickt habe.

Presserückschau (September 2012)

Schreckensnachricht in der Welt: “Ein gefräßiger Chinese wütet am Rhein”. Gemeint ist vorderhand der Asiatische Laubholzbockkäfer, der bereits vor sieben Jahren in Bonn eingefallen ist und dort mit seiner Guerillataktik den alten Ahornbestand bedroht. Die militärische Berichterstattung über die Invasion derselben Käferart in Weil scheint unterdessen zu ruhen. Weitere ausgewählte Nachrichten des Septembers:

1
Über das in Basel populäre Rheinschwimmen berichtet ausführlich die Zeit und holt aus, daß der Fluß in den 80er Jahren auch und insbesondere in Basel als Kloake galt: „Luftaufnahmen aus dieser Zeit zeigen drei Farbströme im Wasser: einer aus den Chemieanlagen, einer aus den Haushalten und einer von der Schlachterei.“ Rhodamin hieß der fluoreszierende rote Farbstoff, der bei der Sandoz-Katastrofe 1986 nebst tonnenweise Giften mit dem Löschwasser der Feuerwehr in den Rhein gelangte.

2
François Hollande kündigt die Stillegung Fessenheims, des ältesten Atomkraftwerks Frankreichs für 2016 an. „Erst am Mittwoch vergangener Woche hatte es wieder einen Zwischenfall gegeben. Bei Routinearbeiten mit nicht radioaktivem Wasserstoffperoxid kam es nach Angaben des Betreibers EDF zu einer Dampfentwicklung, die einen Brandalarm auslöste. Zahlreiche Sicherheitskräfte und die Feuerwehr rückten aus. Im April war in einem Maschinenraum des Reaktors II ein Feuer ausgebrochen.“ (Welt)

3
Irischer Rhein: „Nach jetzt fünf Jahren bekommt dieses Festival in der Region einen immer besseren Namen und großen Bekanntheitsgrad.“ (lokalkompass.de) Die frohe Ankündigung handelt vom „Irish Rhine Festival“ am letzten Septemberwochenende im Keekener Schützenhaus. Für irische Stimmung sollte u.a. der zweimalige niederländische (!) Meister im Dudelsack(!)spiel, Ewald Verhoeven sorgen, nebst „Guinness und Whisky sowie Cider“ und „einem besonderen Leckerli (!)“ (Niederrhein Nachrichten)

4
Eine Reportage über den kleinen Gernsheimer Hafen, den einzigen Rheinhafen Hessens, brachte die FAZ. Täglich knapp ein Schiff landet in Gernsheim an, ca anderthalb könnten derzeit gleichzeitig beladen/gelöscht werden.

5
Eine Bilanz nach 20 Jahren Rhein-Main-Donau-Kanal zieht nordbayern.de: Das Stahlwerk Maxhütte in der Oberpfalz gäbe es nun nicht mehr, ebensowenig die großen Kohlekraftwerke in Erlangen und Nürnberg, hingegen geblieben seien trocken gefallene Natur und eine Maximierung des Betons – soweit der Bund Naturschutz. Die zuständigen bayerischen Ministerien sehen das erwartungsgemäß anders. Bundesverkehrsminister Volker Hauff (SPD) immerhin meinte seinerzeit zum CSU-geführten Durchstich zwischen Main und Donau: „Das ziemlich dümmste Projekt seit dem Turmbau zu Babel“. (Welchen er letztlich ebenfalls nicht genehmigt hatte.)

6
„Die Regierungsgeschäfte von the Rhine, ehemals Deutschland, wurden im Frühling 1990 durch den Regenten Jefka übernommen. Beobachter klassifizieren den mittelgroßen Staat als progressive neoliberale Parteiendemokratie, bekannt für seine hohe Verdienstmöglichkeit und die niedrige Kriminalität. Die Mehrzahl der gebildeten und vernünftigen Bewohner ist glücklich mit den Verhältnissen. Sie genießen den Ruf, sportlich und freiheitsliebend zu sein, und erfreuen sich einer hervorragenden Infrastruktur. Der größte Unterschied zu anderen Ländern besteht im Bereich Zuwanderung. Der Regent konnte seinen Einfluss gegenüber dem Vorjahr steigern. the Rhine ist nicht Mitglied in einem Bündnis.“ (ars regendi)

7
„Nach 35 Jahren gibt es jetzt wieder eine direkte Fährverbindung zwischen Monheim und Dormagen (…). Im September wird das Piwipper Böötchen samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr im Testbetrieb über den Rhein pendeln. Es können bis zu zehn Personen mitfahren. Die Überfahrt ist kostenlos, Spenden sind erbeten.“ (lokalkompass.de) Ein Userkommentar: „mit der piwipp sind wir schon als schulkinder rübergefahren und nach zons gegangen, zurück haben wir den kapitän geärgert indem wir alle auf einer seite standen und die piwipp in schräglage brachten.“

8
Der Brand in Krefeld dürfte es bis in die Tagesschau geschafft haben: „Eine riesige Rauchwolke ist (…) über mehrere Städte am Niederrhein und im Ruhrgebiet hinweggezogen. Entstanden war sie durch einen Großbrand in einer Krefelder Düngemittelfabrik. Im betroffenen Gebiet wurden die Bewohner gewarnt, ihre Häuser zu verlassen, Krisenstäbe tagten, kilometerweit war Sirenengeheul zu hören.“ (Rheinische Post) “Der Rhein wurde wegen der starken Rauchentwicklung zwischen Düsseldorf und Duisburg auf einer Strecke von fast 40 Kilometern zeitweise für den Schiffverkehr gesperrt, ebenso eine wichtige Rheinbrücke zwischen Krefeld und Duisburg. Der Flugverkehr war leicht beeinträchtigt (…)” (Süddeutsche Zeitung)

Kleine Liste bescheuerter rheinischer Friseurladennamen

1 Hairzblut (Freiburg)
2 super 10 haircompany (Dormagen)
3 ColoniHaar (Köln)
4 schau hair (Köln)

Wird gelegentlich fortgesetzt. Die Kommentarspalte ist unterdessen für weitere Vorschläge sperrangelweit geöffnet.

Der Friseurladen Babylon in Köln trägt eigentlich keinen allzu meschuggenen Namen. Als wir jedoch den Betreiber Ali fragten, ob er Turmfrisuren im Angebot führe, schaute er nur irritiert auf unsere magere Haartracht. Ali führt vorwiegend Cristiano Ronaldo-Frisuren. Die bisweilen an eingestürzte Turmbauten erinnern. Uns schien diese Tatsache eine lebendige, subtil inszenierte Geschichtslinie. Nun ja, man kann auch bescheuert fragen.