Zur Entstehung des Karlsruher Dialekts

Es gibt überhaupt keinen Karlsruher Dialekt, behaupten ernstzunehmende Experten. “Was mer in Karlsruh’ babbelt”, sei weder schwäbisch, noch pfälzisch, noch alemannisch, sondern nur eine schwer definierbare Mischung dieser drei Mundarten.
Oberflächlich betrachtet, hat es diesen Anschein. Niemand nördlich der Mainlinie (aber auch schon südlich der Donau) vermag aus dem phonetischen Klang unseres Dialekts seine spezifischen Eigenheiten herauszuhören. Für die Leute aus dem großen Vaterland reden wir schwäbisch (diese Feststellung erfüllt zwar den Tatbestand der Beleidigung, stellt aber auch den einzigen Fall dar, wo Unwissenheit vor Strafe schützt).
Wer jedoch die badische Landschaft kennt, den Raum zwischen Main und Bodensee, der weiß, daß die Murg ihre Bedeutung als Sprachgrenze zwischen dem alemannischen und fränkischen Landesteil noch immer nicht verloren hat.
Etwa 20 Kilometer nördlich dieser die badischen Sprachgrenzen trennenden Linie wurde 1715 Karlsruhe gegründet, inmitten der sprachlichen Übergangszone, die den Raum zwischen Murg- und Pfinzmündung ausmacht.
Von Einwohnern aller Landesteile besiedelt, wurde Karlsruhe zum Mixbecher der Dialekte. Ununterbrochen gequirlt, aufgekocht und durchpassiert, blieben in seinem Filter jene Bestandteile zurück, die, in über 250jähriger Geschichte teils ausgeschieden, teils gehärtet, die unverkennbaren Eigenheiten eines selbständigen “Karlsruher Gschwätzgebabbels” ergaben.
Die Bedeutung Karlsruhes als sprachliches Auffangbecken in der Übergangszone der Mundarten machte uns unser Deutschlehrer, Dr. Schickedanz selig, an folgendem einleuchtenden Beispiel klar.
“Ihr Herre Buwe”, sagte er, “Ihr missed eich unser scheens badisch Lendle wie en Mensch vorschdelle: De Kopf isch’s Madonnelendle do hinne an de Tauber; de Bruschdkorb, schdolz gschwelld, isch d’Bergschdrooß mit’m Kraichgauer Hiegelland.
Weidernunner kommt e gutgmeschds Renzle: ‘s middelbadisch Rebgebied mit de Ortenau; de Schwarzwald ischs Rickgrad; un uff zwoi schdramme Fieß schdehn-mer mit’m Markgreflerland Basel zu, un mit’m annere, de Baar, am Bodesee.
Middeldrin awer ischs Lendle mit-eme Girdel gschniert. Un do, wo beim Soldat ‘s Kobbelschloß sitzd, do liggd Karlsruh’. Ergo, misseder verschdehe: vom Kopf bis zu de Girdellinie isch frenkisch-pfelzisches Sprochgebied; ab de Girdellinie alemannisches.
Nun hat des Lendle ain gsunde Kreislauf; von aim Herz agedriewe pulsierds ruff un nunner, ruff un nunner. Un do, wo d’Girdellinie isch, do ligge a d’Niere. Un d’Niere hen d’Fungzion vonnere Abscheidung.
Ergo: was do abgschiede werd zwische frenkisch un alemannisch – odder sage-mer besser: deschdillierd werd -, des isch kai S…, sondern unser Dialekt! Un des isch en ganz aigener Organschdoff, mit nix annerem zu verwechsle!”

(Kurt Kranich: Brigandedeutsch für Anfänger, Karlsruhe 1967)

Rhein-Donau-Merksatz

rhein-donau

Auf der Baar, einer veritablen Rhein-Donau-Zone im herkömmlichen Sinne, sind zur Wahrung des Gedenkens an traditionelle Naturfänomene in unmittelbarer Fluß(bett)nähe Lehrtafeln mit Sinnsprüchen und Merksätzen angebracht, welche sich, aus gutem Grund (oder Willen), der digitalen Inanspruchnahme zwar nicht widersetzen, ihr aber die bis in die gegenwärtige (ob aber auch bis in die absolute?) Gegenwart bestehende Möglichkeit einer leibhaftigen Sinneswahrnehmung gegenüberstellen.

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz (3)

Wir steigen aus auf der Baar, um einherzuwandeln. Der Bordkaffee (1 Euro!) hat uns gepusht, es hält uns nicht länger auf dem Sitze. Allmählich zeigt sich die Nacht zur schwarzen Gänze und spendet feinen Niesel. Gorrh reibt die Straßenbeläge damit ab. Das gibt einen eigenartigen Geruch. Der Glanz des Tristen, an frischer Luft. Out of Bräunlingen. Aus der Dunkelheit heulen, plunksen, grummeln Wesen. Künden die Stunde der Landgaschthöf und Moschtschöpfle. In deren geräumigen Innern trachtentragende Serviertöchter überdimensionierte Wurstsalat-Portionen jonglieren. Deren geräumige Innere bauchige Fiolen bergen, in denen wiederum der Mirabellenbrand auf genauer Zimmertemperatur seine weitreichendsten Effekte heranalchimisiert. Deren geräumige Innere so geräumig sein müssen, weil die von den Wänden prangenden Trofäen sonst versehentlich die besten Gäste aufspießen würden: solch mächtiges Gehörn und Geweih trägt weit und breit einzig das sagenumwobene Schwarzwaldwild. Der Geist der Mirabelle schärft den unsern, wenngleich bisweilen attackiert vom Geist der Zibarte. Als das geräumige Gasthofinnere sich gegen alle Raumgesetze durch eine wabernde Tür verengt, betreten wir den kühlen glatten Abendhimmel, an dessen Ende der Mond in Form und Farbe einer wunderbaren Mirabelle lockt. Gorrh hat ihn dorthin geschnalzt, als letzten Tagesakt. Wir folgen dem Mond, er führt uns im Kreis, das geht ein paarmal gut, dann steigen wir wieder ein, wo wir niemals ausgestiegen sind, entlang der jungen Donau gleitet die Schwarzwaldbahn Richtung Immendingen, 658 Meter über dem Meer. So steht es am Bahnhof angeschrieben und wird seit geraumer Zeit nicht mehr korrigiert worden sein. Nun sind aber Meeresspiegel eine bewegliche Sache und 658 Meter zwar ein ordentliches Stück, aber nicht die Welt, in Klimafasen- und Tiefseedimensionen gedacht. Das künftige Immendinger Unterwasserbahnhofsschild wird 23 Meter unter dem Meer anzeigen. Wir fahren weiter nach Engen. Das seinen Namen verdientermaßen zu tragen und aus lauter Einfamilienhäusern zu bestehen scheint, eine Art dicht beieinanderstehende Herde Familienglücker, fürimmerisiert in traulichem Beton. Da wohnen Lackabs neben Lustigs, da wohnen aber auch noch ganz andere. Die freistehenden Vulkankegel des Hegaus wissen das schon länger. An Singen verwundert uns die Schinderhannes Bar. Ist Johannes Bückler damals tatsächlich soweit in den Süden ausgewichen, oder existiert am Ort eine zeitversetzte Sympathisantenszene unter Maggi- und Schiesser-Mitarbeitern? In Radolfzell schließlich das Anschwappen des Bodensees, begleitet von einem neobeckettschen Dialog unter Mittelstuflern: „Kennsch n Panker namens John?“ „Sein Koffer isch schon da.“ Die Wasservögel am Ufer sind teils wohl Skulpturen. Allensbach: das mit dem Institut? Jedenfalls das mit einigem Fachwerk. In neobeckettschem Stumpfsinn: „Kennsch n Panker namens Allen?“ „Sein Bach isch schon da.“ Einfahrt nach Konstanz, Queren des Seerheins. Die Stadt ist voller Dichter. Das kann ja noch was werden!

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz (2)

Weiter durchs Zweidichterdorf Hausach, das eigentlich fast ein Dreidichterdorf zu nennen wäre, weil es sich jedes Jahr über Monate hinweg zu den beiden ortsansässigen noch einen zusätzlichen Gastdichter leistet. Am Kinzigufer weiden Bungalows aus mallorquinischen Feriensiedlungen. Kein Mensch weiß wie sie dort hingelangt sind. Jetzt glotzen sie aus quadrischen Fensteraugen auf das reine saftig grüne Tal. Oh, wohnten wir doch gelegentlich dorten! (Wir glotzten ebenfalls aufs Tal und über die Hügel und in den Himmel sowieso und erhöhten die Hausacher Dichterdichte.) Es geht auf halb zwei Uhr nachmittags zu und schon senkt sich der Tag zur Neige, der folgende stundenlange neblicht-zwielichternde Abenddämmer gilt weithin als Spezialität und Alleinstellungsmerkmal des Schwarzwalds; unter einigem Zinnober („Sehr geehrte Fahrgäschte!“) wird der Zustieg der langersehnten Minibar samt fescher Oberkellnerin verkündet, der Zug schlängt sich in einem Anfall von Selbstmärklinisierung mitten durchs Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, in/ab Hornberg (wo das berühmte Schießen stattfand und eine der größten begehbaren Toilettenschüsseln der Welt steht) beginnen die 17.000 Tunnel, deren jeder seinen eigenen Namen trägt, die wir an einem unerfüllten Tag vielleicht einmal in den Fußnoten nachreichen werden. Hornbergs beheiztes Freibad wirkt tief im November so veralgt wie vergessen, die Kinzig umschäumts mit silbrig aufgeworfenen Parolen aus ihren wildwassernden Jugendtagen. Aus fernen und nahen Schwarzwaldritzen nebelts, dampfts und rauchts in vorbildhafter Urigkeit, schön ebenmäßig grau asfaltiert folgt die Landstraße ihrem Dao, das sie zwingt, bisweilen mit der Kinzig die Klingen zu kreuzen. Rasende Wechsel aus Tunneln und Tannengerippen machen die Reise zur Geisterbahnfahrt, umgeben von brütenden Nebelküchen, aus deren senkrecht entweichenden Schwaden wir nicht zu lesen vermögen, was wohl dort auf dem Herde steht. Triberg taucht auf, ein amerikanischer Vergnügungspark mit einigen der größten begehbaren Kuckucksuhren der Welt und zugefrorenen Wasserfällen (den höchsten Deutschlands). Im Triberg-Ambiente wird plötzlich klar, was die kräftig in ihrer Nebelbrühe rührenden Schwarzwaldtannen da auskochen: Schnee! Zum Beflocken ihrer selbst! Um wiederum ein Vorbild abzugeben für Schneekugelinventare. Eigenwillig und rätselhaft ist und bleibt die Natur. Doch schon dringt die Bahn in was ebeneres, beginnt die Baar, mit fast schon städtisch anmutendem Bebau, auch riechts nach früher Donau: St. Georgen. Ein Bächlein klein und fein und kühl mäandert die Brigach um Industriehallen, vorbei an Forellenhöfen mit holzrauchenden Schornsteinen, torft vor sich hin, wildert, salamandert, wächst und hält die Abgeschiedenheit, ihr gleichzeitig entfliehend, aus. Auf Villingen zu, wo der Neckar bei- und entspringt, um dem Rhein ein paar Brocken Schwäbisch beizubringen.

Der Rheinsteig im Radio

SWR 2 sendet dieser Tage das Wanderweg-Feature „Der Rheinsteig – von Wiesbaden bis ans Deutsche Eck” von Helmut Frei, worauf Rheinseins Hüfingen/Baar-Korrespondent Dr. Lutz Mittler uns dankenswerterweise hinwies. Den ersten Teil gibts bereits als knapp halbstündigen MP3-Download: Niederwalddenkmal, Wacht am Rhein, Drosselgass, Heine, Goethe (in seiner Eigenschaft als Ausflugsdampfer), Bacharach: so weit, so bekannt seit 2000 Jahren. Dann tritt die Reblaus auf den Plan und ihr schärfster Gegner: der pfälzische Winzer, der Sylt beliefert. Auf die Reblaus folgt die Klimaverschiebung – der Riesling verträgt nicht zu viel Hitze – und die gefährdete Brückenlosigkeit des romantisch grundierten Weltkulturerbes: ein Fährmann weist auf die wirklichste aller Rheinwirklichkeiten: den Verkehrslärm. Im Biotop der Dörscheider Heide oberhalb Kaub leben Spanische Fliege, Gottesanbeterin, Gottesanbieterin, Diptam, Abwurz und brennende Büsche. Daß der Fluß früher schmutziger war, belegt eine schöne O-Ton-Stelle: “Hauptberuflich arbeitete Stefan Lauer viele Jahre als Schieferdecker. Grauschwarz waren Hände und Gesicht, wenn er abends nach Hause kam: „Wir konnten also früher ohne weiteres mit dem Kahn hin und her nach Sankt Goar. Das kann man heute einfach nit mehr so, das is teilweise sogar verboten, na, also dieses Fahrwasser zu kreuzen. Ich war immer in nem Beruf, wo ich also sehr schwarz wurde. Dann is mer abends heim gekommen und hat mer en Handtuch und Seife genommen und dann is mer an den Fluss und hat sich gewaschen, is da herumgeschwommen und dann war das gut. Dann nachher, bedingt durch die Industrie, durch die Abwässer und alles so. Der Rhein, der kippte ja fast in den Sechziger Jahre, da wars dann umgekehrt. Wenn mer dann im Rhein schwimmen war, dann musste man sich zuhause duschen. Ich weiß, ich hatte noch mal Fische gehabt und beim Putzen, beim Schrubben und beim Ausnehmen, da kam der Gestank hoch; da hab ich alles zusammen gepackt, hab das wieder dem Rhein übergeben, also das wars dann halt.“” Des Berichts erster Teil schwingt aus mit der im allgemeinen Rheinlärm erzitternden Kesterter Kirsche oder Kesterter Kirche, die einstens in Berlin gesichtet worden sein soll. Teil 2 ist für den morgigen Dienstagvormittag, halb neun angesetzt.

Wutachschlucht (2)

Die Baar liegt arschknapp unterm Himmel, teilweise sogar darüber, Zuckerwattewolken flocken langsam durch die Gegend, in den sanft geschwungenen Matten zirpts, schnurpts und wächsts. Über Ewattingen an die Wutach mit ihren vielen endemischen Arten. An der Wutachmühle steht die Bergwacht, beobachtet, fotografiert und zählt entschlossene Wanderer, die sich kopfüber in den Eingang zur Schlucht stürzen. Nicht jeder kommt wieder hinaus. Schon nach wenigen Metern ergeben sich erste sensationelle Ausblicke auf frühere Zwergen- und Geisterpaläste, die heute von seltenen Flugwürmern und insektoiden Kleinsauriern bewohnt werden, vorzeitliche Wesen, die sich in Spalten und Mikroklima der Schlucht über hunderttausende Jahre halten konnten, ohne sich maßgeblich fortentwickeln zu müssen: Blindschleichen und Zahnwürmer finden sich ebenso häufig im Schlamm der ausgetretenen Pfade und Stiegen wie der endemische Hosenbeinschleicher, ein pfeilförmiges, desorientiertes Wesen, das sich meist hospitalistisch auf der Stelle wiegt und alle paar Minuten in unvorhersehbaren ruckartigen Ausfällen über den Boden kreucht. Noch weniger angenehm: Zweirüßlige Stechmücken, der Gemeine Saugschlauch und der Mehrstachelige Wadenhader, die es allesamt auf die zahlreich einherhetzenden Wanderer abgesehen haben. Schwärme winziger Kamerafliegen behindern die digitale Dokumentation des pittoresken Naturwunders, indem sie durch pures Auftauchen zu Bildstörungen führen. Drei Arten Fischfrösche. Das Badische Leberle als unikes Amfibium. An Käfern wären hunderte zu nennen, die touristische Vermarktung der Schlucht erfolgt weitgehend über „die raren Drei“: Spackenläufer, Blasser Gottfriedkäfer und Faulrüßler, welch letzterer vor allem den omnipräsenten Pestwurz bekaut. An Vögeln der bis zur Unsichtbarkeit getarnte Weidenziesling und der beinahe ausgestorbene Bollenschnapper, der, auf Kirschgehölze und Trachtenfeste spezialisiert, außerhalb der Saison sein Rückzugsgebiet an die Wutach verlegt. Das ganze Huschen und Pfuschen lebendig kommentiert von der blubbernden plätschernden Wutach. Mitten in ihrem tiefsten Innern liegt der inexistente Kurort Bad Boll, der einst den aristokratischen Fliegenfischern des Londoner „Fishing Club“ gehörte. Neben einer verrottenden Kapelle entspringt die für solcherlei Orte angemessene Heilquelle und steht das ebenfalls angemessene touristische Hinweisschild. Für einen Nichtort wirkt Bad Boll recht ansprechend, sogar die Römer sollen hier bereits auf Lachs, Bachforelle, Äsche und Weißfische ausgegangen sein. Bevor sich die Straße bemerkbar macht, auf der die Sahnetanklaster das Rohmaterial für die gigantischen Schwarzwälder Kirschtorten der österreichisch geführten Schattenmühle transportieren, noch ein letzter Blick auf Holzschläger, Zumsel und Türkenbund, die sich am Wegrand ständig zwischen einem Dasein als Pflanze und Tier umentscheiden.

Aufm Fürstenberg

Mehr Spaziergang als Aufstieg bietet der geologische Lehrpfad der Landfrauen auf der Baar am Fuße des Fürstenbergs. Erst in der Gipfelregion sacke ich wadentief in unberührten Neuschnee und hinterlasse, als Versuch einer freundlichen Assimilation an die heimische Fauna, Spurenformationen, die nachfolgende Wanderer zum Grübeln bringen mögen. Denn weitere rätselhafte Fährten lassen sich alle zehn Meter finden, seltene endemische Tierarten wie Hackel, Hachs, Darch und Fuse hinterlassen vertrauensvoll-offensiv ihre winterherben Zeichen auf der gleißenden, mit sandkorngroßen Amethysten und Ultramarinen bestickten Schneedecke, bis die Spuren unvermittelt abbrechen; jedoch die Luft strahlt klar und rein – kein Geflügel punktiert die Aussicht. Ob die häufig doppelköpfigen Viecher aus Unlust oder sonstigen Gründen einfach in Schnee aufzugehen vermögen? Aus dem Tal dringt schwer verortbar das asthmatische, aber durchdringende Gebell eines Schrottweilers, begleitet vom Kreißen und Kreischen hundertjähriger Sägemühlen und den Motoren zweier Fahrzeuge, die sich ungelenk wie in Stopmotion aufeinander zu bewegen: noch sind sie kilometerweit voneinander entfernt, doch ihr Zusammenprall scheint Schicksal. Eine geschlagene halbe Stunde verfolge ich das Spektakel, die Wagen, ein roter Hummer und ein mattblauer Lkw mit offener Ladefläche (nicht genau auszumachen, aber er scheint tatsächlich Schneemänner zu transportieren) irren umständlich durch das weiße Labyrinth der Baar wie durch ein frühes Telespiel, um sich schließlich an der Kreuzung bei Neudingen um wenige Sekunden zu verfehlen. Ich stehe am Starthang der fürstenbergischen Drachenflieger, genieße die Aussicht und übe mich in innerem Adel und Erhabenheit. Mit Händen und Armen imitiere ich nützliche Dinge wie Schirmkappe, Rauchglas und wächserne Flügel. Es ist sinnlos. Die vom Schnee reflektierte Sonne blendet alles Leben in der Umgebung. Das Gleißen der Welt nimmt religiöse Ausmaße an. Pegasus gleich mache ich mich auf den Rückweg ins Dorf Fürstenberg, das einst auf dem Gipfel verbrannte und nun am Fuß des gleichnamigen Zeugenbergs den Wettern beim Vorüberziehen zuschaut. Erneut fallen mir die Grabkreuze am Wegrand auf und insbesondere, daß sie stets jeweils zwei bis drei, meist verschiedene, jedoch ausschließlich männliche Namen ausweisen. Raum für Spekulationen über Todesursachen und die Organisation familiärer Verflechtungen im Einflußgebiet des Hauses Fürstenberg, auf dessen petrifizierte und sonstwie (z.B. auf Bieretiketten) verbreitete Insignien ich in dieser Gegend beinahe ebenso häufig stoße wie auf seltsame Stapfen im Schnee.

Eingeeifelt

Ausgerechnet im übernacht tief verschneiten Schwarzwald stoße ich auf Clara Viebigs Eifelroman „Das Kreuz im Venn“ – wieder verschieben und mengen sich Raum und Zeit, in diesem Fall zwei rheinische Mittelgebirge, die Eifel um 1900 und der Schwarzwald um 2000 nach Christus, welcher in beiden Gegenden bis heute reichhaltige und in ihren äußeren Anwendungen bisweilen bizarre Verehrung erfährt. Eine willkürlich aufgeschlagene Stelle bringt den angemessen zartwilden, je nach Jahreszeit euforisierten bis düsteren Unterton, den Viebig der rauhen Vennlandschaft in ihren Beschreibungen aufprägt, zum Klingen: „Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn: hu, war das kalt! Nun fühlte er, daß er ganz erstarrt war, Hände und Füße waren wie abgestorben; der Vennatem hatte ihn durchhaucht. Durch die graue Luft kam`s angeflattert mit klatschendem Flügelschlag und klagendem Ruf. Das waren die Moorhühner, sie strichen ihm um den Kopf, trübselig und graufarben wie Venngedanken. Er sprang auf. Die Heide hatte abgeblüht, dahin war der Schimmer. Fort, nur fort, daß er aus der endlosen Weite fortkam zu begrenzterem Raum! Hier war zuviel Raum, zuviel Endlosigkeit. Er ertrug sie heut nicht. (…) Der Wind, der den Tag über geweht hatte, war zum Sturm geworden. Mit einer Gewalt schnob er von Westen her, daß selbst die Hecke aus armesdickem Astwerk ihn nicht abhalten konnte. Das Haus erzitterte, die Türen sprangen auf, im Schlot erhob sich ein Winseln und Heulen. Die Tannen ächzten. Der Einsame stand am Fenster und versuchte, den Himmel zu beobachten, aber die ragende Hecke schnitt ihm jeden Ausblick ab. Im Zimmer war es dunkel. Rastlos schritt er auf und nieder. Eine dumpfe Traurigkeit schien über diesem Erdwinkel zu lasten, eine plötzliche Trostlosigkeit machte seine Seele erschauern; wie gejagt, wie vor sich selber fliehend, stürzte er zur Tür, riß sie auf. Aber ein Zugwind klatschte sie wieder zu. Er saß drinnen wie gefangen. Es fing an zu regnen. Er hörte die gepeitschten Tropfen hart gegen die dürre Hecke rasseln. Da war nun auch bald das letzte Blatt heruntergeschlagen, Sommer und Herbst waren hin, der Winter war da – wie würde er ihn überdauern?“ Letzteres im Mittelgebirge stets eine hochberechtigte Frage. Der Neuschnee auf dem Dachschrägenfenster versperrt mir heut Morgen die Aussicht auf Hüfingen und Baar. Viebigs Romanhelden sind Kleineleute, ganz in der Tradition Emile Zolas, sie widmet sich deren Schicksal und bäuerlich-christlichen Traditionen in extensiven Beobachtungen, die Echternacher Springprozession wird in lähmender Ausführlichkeit beschrieben, harte Bauernarbeit, strafgefangene Torfstecher, Tyfus-Einbruch und nächtliche Hofbelagerungen bestimmen nebst Kirchgang und Frühschoppen Linienführung, Farben, Rhythmus ihrer Beschreibungen, denen allenthalben das Prädikat „naturalistisch“ verpaßt wird. Und während ich dieser Tage langsam, doch geduldig durch weich gekrümmte Schneefelder stapfe, lappt literarische Eifelei in mein Schwarzwälder sein, Bedrückung und Weite, Bedrückung durch Weite und Weite durch Entrückung, und um die Mischung vollkommen zu machen, geht der Ruf nach Obstler, und ganz gewiß, er wird erhört werden, darauf läuft es am Ende doch stets hinaus.

Clara Viebig: Das Kreuz im Venn, Moewig, Rastatt (ohne Jahresangabe)

Donauquelle

Die hübsch gefaßte Donauqualle, eine schöne Lau, für deutsche Verhältnisse beinahe antik, sagenhafte Schöpferin des unbeschreiblichen Blautopfblau, Kopf voll arschlanger Nesselfäden, fersenlanger Tentakeln, leicht besingbar, Suse und Meduse, mit den Jahren glycerin davongeschwemmt untern Wasserspiegeln. Schade, schade. Traditionsvereine pflegen ihr Andenken mittels heidnisch inspirierter Rituale besonders im Sommer am Rande abgelegener Baggerseen und vergleichbarer Lachen im südsüdwestdeutschen Raum.
„Verunreinigungen u. Beschädigungen der Anlage sowie das Fischen in der Quelle nach Gegenständen jeder Art, wird polizeilich verfolgt.“ (Fürstlich Fürstenbergische Liegenschaftsverwaltung)
Die Donauquelle, die offizielle wesenshelle Karstaufstoßquelle mit ihren blibbernden blabbernden Blubberblasen, säumen markige Sprüche, feist in Stein gemeißelt. Was dort hochsteigt aus dem Grund derer zu Fürstenberg, in einer Art sublimierten Volkskochtopfs, zwar nicht zuletzt weil die katholische Stadtkirche St. Johann sich in ihm spiegelnd Reines verheißt inmitten sektiererisch veranlagten Berg- und Waldchristentums: diese klare Suppe ergibt zunächst den unterirdisch abfließenden Donaubach, der sich am Rande des Schloßparks in einem heidnisch inspirierten Tempel der Brigach vereint, deren Zusammenfluß mit der Breg den eigentlichen Donauursprung markiert, nach anderer offizieller Rechnung (von denen es einige weitere gibt).
An der Quelle stehen und in ihren münzengefüllten Topf glotzen schafft Gefühlswallungen. Aus diesem ungetrübten Diamantwässerchen wächst dieselbe braune Donau, wie sie in Wien zu sehen ist oder in Budapest, die zickige weichherzige Rheinschwester, Tochter der Mutter Baar, Vater unbekannt, mit ihrem nibelungischen Ostverlauf eine ziemlich kräftige Mythenmaschine: doch hier in Donaueschingen werden in homöopathischen Dosen bereits die Wellen erzeugt, in denen im Flußverlauf Heutiges, Einstiges, Künftiges unwiderruflich vergeht, während es sich in religiöser Ekstase und natürlicher Logik einander auf Deibelkummnaus vermengt. Das ist groß, größer als die Touristenhorden, das hat bereits Sebastianus Munsterus begriffen, in präpauschaltouristischer Zeit und somit festgelegt in seiner Cosmographia, Beschreibung aller Lender, in welcher begriffen Aller völcker, Herrschafften, Stetten und namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glauben, secten vnd hantierung, durch die gantze welt, vnd fürnemlich Teutscher nation. Was auch besunders in iedem landt gefunden, vnnd darin beschehen sey. Alles mit figuren vnd schönen landt taflen erklert, vnd für augen gestelt. Damit der geneigte weniger welt- und wandererfahrene Leser sich auch zuhaus in einer ruhigen Stunde in etwa eine Vorstellung von Gottes Wundern machen kann.