Die drei Quellen des Vorderrheins

“Auf dieser Platte stellt sich das Schauerliche des Gegenstandes besonders dar. Wenn man das Auge nicht sehr hoch richtet, so sieht man keine Luft; ein auffallendes Gegenstück zu einem Anblick der offenen See, wo man nur Himmel und unbegränzte Wasserfläche sieht. In dieser geheimnisvollen Abgeschlossenheit, in dieser Felsenkammer, die den Wanderer, wie in einer Werkstätte der Natur, die erste Anlage ihrer Werke schauen läßt, wird das Gemüth wunderbar ergriffen. – Fettes, üppiges Grün auf der schmalen Ebene, die die Bäche durchschneiden; zwischen kahlen, nackten Steinen Schnee im heissen Sommer, neben dem Schnee einzelne Halme, weiter oben sparsam mit Moos bedeckte Felsenmassen. – Drey Bäche beleben dieses Bild durch ihr dumpfes Rauschen, mächtiges Brausen, und sanftes Rieseln. Jener Bach, gegen die Mitte hin, arbeitet sich geheimnissvoll aus der Tiefe hervor, und heisst aua (aqua) de Toma. Der zweite stürzt von der Höhe herab – aua del Parlet, der dritte rinnt bescheiden über die Fläche daher – aua del Badus. – In diesen drey verschiedenen Arten, sich zum Ganzen zu verbinden, liegt wohl manches Bedeutungsvolle des mächtigen Stroms. – Welch ein Genuss, das Grosse, Herrliche und Liebliche der Natur zu schauen, zu fühlen, und zu verstehen! -”
(Bildbeschreibung zu Johann Georg Primavesi: Die drei Quellen des Vorderrheins, Kupferstich, erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Autor des Textes ist unbekannt.)