Presserückschau (September 2014)

Dieweil die Artenvielfalt global betrachtet schrumpft, wie die BBC jüngst berichtete, scheint sie am Rhein zuzunehmen und sogar Außerirdische einzuschließen. Davon, aber auch von rheinischen Ängsten und Gefahren handeln die interessantesten Pressemeldungen des Septembers:

1
Über den oberrheinischen “Hotspot der Biologischen Vielfalt” zwischen Bingen und Iffezheim, einen recht gedehnten “Flecken”, berichtet Die Welt: “Der Große Wiesenknopf reckt seine kugeligen Blüten in die feuchte Morgenluft. Auf einem bordeauxroten Blütenblatt sitzt eine winzige, hellgrüne Krabbenspinne. “Sie nimmt allmählich die Farbe der Blüte an, damit sie schwerer zu sehen ist”, erklärt Michael Markowski. “Dann schnappt sie die Blütenbesucher.” Markowski steht auf einer Wiese zwischen Rhein und Deich. Zirpende Insekten geben den Ton an, weiter weg dröhnt der Verkehrslärm der Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden.” Im Kontroll-Fokus des Naturschutzprojekt des NABU stehen weitere klingende Namen: Pyramidenorchis, Helmknabenkraut, Blutweiderich. Außerdem soll die Artenvielfalt erhöht werden. Geplant ist die Ansiedlung von Sumpfschildkröten bei Bobenheim-Roxheim, dem Moorfrosch soll eine Mulde bei Oppenheim schmackhaft gemacht werden.

2
“Elefantenrennen in Graurheindorf” übertitelt der General-Anzeiger eine Schlagzeile. Von leibhaftigen Elefanten ist im Artikel dann allerdings keine Rede, vielmehr geht es um die rheinische Lust am Vergnügen durch Gruppenverkleiden, in diesem Fall kombiniert mit Paddeln auf dem Fluß: “Die “Black Dog Gang” macht seit Jahren beim Elefantenrennen (…) mit. (…) In diesem Jahr traten sie im Hippie-Look an. (…) Es ging um Spaß, Ruhm und Ehre sowie um Pittermännchen. Sieger waren “Die spontanen Nachbarn” (…). Mit ihrem Motto “Sonnenwelten, frei parken für alle” spielten die Nachbarn von Solarworld darauf an, dass das Unternehmen für seinen Neubau zu wenig Parkplätze geschaffen habe und deshalb viele Autofahrer wild in den Straßen parkten. Die schnellsten Frauen waren die Ex-Bonnas, die als Zenzis von der Alm mitfuhren. Der Junggesellenverein 1839 Rheinlust war (…) das langsamste Team und erhielt die Rote Laterne: Sie waren als Wikinger gefahren und hatten eine riesige Trommel dabei. Die schönste Kostümierung boten “Die charmanten Nachbarn”: Sie hatten sich als Conchita Wurst (…) verkleidet.”

3
Marsianer am Rhein gibt es seit mindestens ungefähr hundert Jahren. Im Ersten Weltkrieg tauchten Marsbewohner für den Film Die Entdeckung Deutschlands von Georg Jacoby und Richard Otto Frankfurter, den ersten deutschen Kriegspropagandafilm laut der Freitag, bei uns auf. Von der zwei Stunden langen Urfassung ist heute nur noch ein 15-minütiges Fragment erhalten: “Demnach diente der Film im Kohlrübenwinter 1916 dazu, französische und englische Presseberichte zu dementieren, nach denen in Deutschland Hunger herrsche und die Kriegsproduktion stillstehe. Drei Marsianer, zwei Männer und eine Frau, reisen auf die Erde, um die Berichte zu überprüfen, und lernen ein – wie könnte es im Propagandafilm anders sein! – blühendes Deutschland kennen. Sie genießen Bier und Klöße in München, fahren nach Berlin, wo sie die Rüstungsproduktion begutachten, und nach Kiel, wo ein deutsches U-Boot zu bestaunen ist. Schließlich reisen sie den Rhein hinunter; dort wird das Deutsche Eck besucht und mit dem bereisten Flusslauf nebenher die gegen den Erzfeind Frankreich zu verteidigende Grenzlinie markiert.”

4
Fear and loathing in Mönchengladbach: “Es ist wie das Ungeheuer von Loch Ness: Irgendwann taucht es auf. Nur dass es nicht lustig ist, sondern für Tausende von Gladbachern zu einer Lärmtortur werden kann: der Eiserne Rhein. Zur bekannten und ausführlich erörterten 555 Millionen teuren Neubau-Trasse entlang der Autobahn 52 (die das Land NRW favorisiert) gibt es nun eine Bundes-Variante. Die ist so neu, dass nicht einmal führende Mönchengladbacher Bundes- und Landespolitiker auf Anhieb wussten, was sie davon halten sollen. Bis auf dies: Die Trasse sei wegen des Lärmschutzes so teuer, dass sie im Prinzip gar nicht zu verwirklichen sei” berichtet die Rheinische Post über den Stand der Planungen zur umgestalteten Wiederaufnahme einer Güterzugstrecke von Antwerpen über die Niederlande nach Duisburg.

5
Über neue Inseln am Oberrhein mit hübschen Gemüsenamen berichtet Baden TV: “Das Regierungspräsidium Karlsruhe schafft erstmalig zwei Kies- und Sandinseln bei Au am Rhein, um Tier- und Pflanzenarten zu schützen, die auf diese Flächen angewiesen sind. (…) Zunächst wird an der Spitze der Landzunge „Kohlkopf“, die den Rhein vom Illinger Altrhein trennt, ein Verbindungsgraben angelegt. Dadurch entsteht eine große Insel, auf der sich Wasservögel ungestört aufhalten können. Das in den Illinger Altrhein fließende Rheinwasser sorgt dafür, dass überflüssiger Schlamm und Sand heraus transportiert wird. Zusätzlich entstehen stellenweise kiesige Bereiche, in denen Fische und Neunaugen ablaichen können. Zwischen Verbindungsgraben und Kohlkopfspitze wird auf einer Länge von 400 Metern die Uferbefestigung herausgenommen, sodass sich das Ufer künftig natürlich entwickeln kann. Die neu geschaffene Insel mit ihrem Naturufer bietet Wasservögeln sowohl Nahrung als auch Stellen, die nur bei Hochwasser überschwemmt werden. So besteht die Chance, dass sich der in Baden-Württemberg vermutlich ausgestorbene Flussuferläufer hier ansiedelt und die Flächen als Bruthabitat annimt. Im Innenbogen des Rheins hat sich eine große kiesige Uferbank gebildet, die sogenannten „Tomateninseln“. Aktuell wird diese von durchziehenden Wasservögeln als Rastplatz und zur Nahrungssuche genutzt. Bei Störungen fliegen die Vögel immer wieder auf und verbrauchen viel Energie, die sie eigentlich für die Überwinterung brauchen. Um dies zu vermeiden und den Lebensraum der Vögel zu verbessern, wird auf den Kiesflächen ein Gewässer gebaggert und die Buhnen in diesem Bereich umgebaut. Aus der bisherigen Uferbank wird so überhaupt erst eine richtige Insel.”

6
Reingefahren: “Ungewöhnlicher Fund im Rhein: Ein 17 Jahre alter, lilafarbener Nissan Micra (K11), wurde (…) an der ‘Natorampe’ in Niederkassel von der Feuerwehr aus dem Rhein geborgen. (…) Wie die Polizei berichtet, befand sich im Fahrzeug keine Person. Laut Feuerwehr lag das Fahrzeug ca. 6 Meter vom Ufer und in 2 Metern Tiefe. (…) Nach ersten Ermittlungen war der Nissan im Juli diesen Jahres im Landkreis Neuwied abgemeldet worden. Bislang ungeklärt sind die Umstände, wo und auf welche Art das Fahrzeug in den Rhein gelangte.” (General-Anzeiger)

7
Rheingefahren: “Eine 66-jährige Rollstuhlfahrerin ist (…) in den Rhein in Rüdesheim gestürzt. Wie die Polizei in Wiesbaden (…) bestätigte, war die Feuerwehr aber rechtzeitig vor Ort und zog die Frau aus dem Wasser. Eigentlich hatten sie und ihr Begleiter nur ein Foto schießen wollen. Dabei war der Rollstuhl offenbar die Böschung hinabgerutscht. Die Seniorin kam zur Untersuchung ins Krankenhaus.” (Hit Radio FFH)

8
Rheingefahren (2): “Mit einer spektakulären Rettungsaktion endete (…) der Schulausflug einer sechsten Klasse (…) aus Wesseling auf den Drachenfels. Sechs der 32 Kinder sowie zwei Betreuer waren (…) beim Aufstieg aus den Weinbergen wohl vom Weg abgekommen. Wie die Leitstelle der Bonner Polizei am Montagabend erklärte, war die Gruppe von Elf- und Zwölfjährigen ihrer Klasse vorausgeeilt und dabei offenbar vom Weg abgekommen. Zwei Lehrerinnen folgten den Kindern und gerieten dann in steiles und unwegsames Gelände, etwa 30 Meter unterhalb der Aussichtsplattform des Drachenfels. “Da kamen sie hinein, aber nicht mehr hinaus”, so der Leitstellenbeamte. Dass es von dort offensichtlich kein Weiterkommen mehr gab, war einem Paar aus den USA aufgefallen, das sich (…) zufällig in der Nähe befunden und gegen 13 Uhr die Feuerwehr alarmiert hatte.” (General-Anzeiger) Der Feuerwehr gelang es schließlich, die versprengte Gruppe mit Seilen auf die Aussichtsplattform zu ziehen und einen der eher seltenen Fälle von Bergnot auf Deutschlands angeblich meistbestiegenem, wenngleich mit 321 Metern nicht all zu hohen Gipfel zu einem guten Ende zu führen.

Mitten im Hinterland

Bei Au am Rhein raus ausn Auen, hoch aufn Deich. Vom Überlandniesel weichgezeichnet die wohlgewachsnen Schwarzwaldrücken. Im frühlingsgrünen Tal: Fischervereine, Obstwiesen, Imkereien. In großzügiger Manier drüber weggetupft: Gottes jahreszeitlicher Apfelblütenpointilismus. Dann doch nochmal kurz rein in die Auen, hier verläuft der Goldkanal, aus dem Göring die letzten Gramm Rheingold fördern und sich daraus einen Nibelungenring schmieden ließ. Gegenüber im Elsaß liegen Mothern und Munchhausen. (Eine Liste der elsässischen Ortsnamen fertigen!) Auf Illingen zu weist ein Schild ins Nichts: „Badische und deutsche Küche“. Da gibt es Unterschiede. Im Doppeldorf Elchesheim-Illingen beherbergt die Kirche das „Museum der Arbeit“ – stilvoll hat es nur jeden zweiten Sonntag für kurze Zeit geöffnet. Die Bushaltestelle am Museum der Arbeit ist mit „Heimatmuseum“ ausgewiesen. Heimat ist Arbeit. Und Arbeit ist Heimat. Es ist früher Nachmittag unter der Woche: da haben alle zwonhalb Läden im Ortskern geschlossen. Doch außerhalb des Ortskerns spielt sich ein Weniges an Leben ab. Wie überall im badischen Hinterland markiert der E aktiv markt das gesellschaftliche Zentrum, in diesem Fall ein luftiger, heller, von einer Mittelsäule gestützter Holzkuppelbau, dessen penibel nach antiken Mosaikregeln sortierte Regale so gut wie alles vorstellbar Käufliche bieten, in kunterbunte Hüllen fein säuberlich verpackt und mit einer Ordentlichkeit aufgereiht, daß nirgends ein Millimeter vorsteht und man sich vorab schämt, etwas in diesem perfekten Kosmos zu verrücken. Angesichts der Regalfülle ist der Supermarkt (ein solcher ist es tatsächlich im Wortsinn) sehr dünn besucht; hinter der kombinierten Wurst-, Fisch- und Käsetheke bewegen sich wegen örtlicher Interferenzen kaum wahrnehmbare Bedienungen in einem eigens für sie erfundenen Tempo, sorgen wohl frühmorgens für das sinnliche Thekendekor aus Plastikkrebsen, geschreddertem Eis, sowie Austern- und Jakobsmuschelschalen, lassen den Tag fortan einen lieben Bruder sein, und wenn sie gen Kaffee- und Kuchenzeit dem Fremden einen Olivenring mit Lyoner belegen, so kommt er nicht umhin zu konstatieren: „Hier werden die Dinge noch mit Liebe gemacht.“ Vor dem E aktiv markt liegt ein regennasser Parkplatz, auf dem sich Autos wie bei einem in Zeitlupe praktizierten Gesellschaftsspiel verschieben. Verschwommen grüßen freundliche Menschen hinter Brillengläsern und verwandeln sich in kleine schillernde Fischchen oder Benzinpfützen. Die Kirchglocke schlägt. Es ist sehr schön hier, doch treibt mich das Wissen um die dortige Volksschauspiel-Freilichtbühne nach Ötigheim oder Etche bzw. Etje wie die Einheimischen sagen. Dieselbe liegt auf einer leichten Anhöhe, erreichbar über einen Kreuzweg mit 14 Stationen inkl. Wiederauferstehung. Die Tore zum Gelände sind verschlossen und kaum zu überklettern. Mitten in meine Enttäuschung ertönt aus unbekannter Himmelsrichtung plötzlich vehementes Geschimpfe aus Frauenhals, es scheint ernsten Streit zu geben, eine Männerstimme mischt sich ein, Mord und Totschlag liegen in der Luft als die Frauenstimme zum zweiten und dritten Mal „zum Donnergrummel!“ verlauten läßt wird allmählich klar: es kommt aus Richtung Bühne, es laufen Proben im Regen. Rückkehr über Elchesheim-Illingen, Bernies Bistro hat nun geöffnet, die Gemeinde vom Vorabend (und den andern Abenden vor dem Vorabend) findet sich allmählich ein, Berni erzählt von sommerlichen Dorffesten, die wegen des Doppeldorfcharakters eben auch alle doppelt stattfänden. Als ich in die Runde frage, ob Elchesheim-Illingen denn für irgendetwas Besonderes stünde, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Nein, so etwas gibt es hier nicht.“