Fliegende Kühe

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Graubünden ist reich an Mythen und Geschichten, Arnold Büchli hat bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts tausende Seiten mündlicher Überlieferungen über das Auftreten seltsamer Bergwesen, verzauberter Kühe oder des Ewigen Juden in Camischolas und sonstige besondere Begebenheiten in Dialekt und Hochsprache zusammengetragen. Auf rheinsein läßt sich u.a. die Geschichte einer deftigen Bündner Gerstensuppe finden, die eine Lawine überstanden hat. Ein Vorfall, der sich jüngst im Vorderrheintal ereignete, und über den verschiedene Schweizer Zeitungen berichteten, dürfte, ein wenig ausgeschmückt, sicherlich das Interesse des Mythologen geweckt haben. Acht Kälber, hieß es in der Presse, seien des Nachts von ihrer Weide ausgerissen (hinter solchen Vorgängen steckte in früheren Zeiten immer ein böswilliger Zauber), die eine Hälfte habe sich im steilen Gelände verstiegen, die andere sei zwischen Sagogn und Valendas in der wildschönen Ruinaulta in den Fluß geraten und von ansteigendem Wasser auf einer Kiesbank eingeschlossen worden. Die Bergung der Tiere, an der Feuerwehrleute, Tierärzte, Landwirte, Rettungshubschrauber und Polizeitaucher beteiligt waren, habe sich über Stunden erstreckt. Schließlich seien die Kühe wohlbehalten auf ihre Weide zurückgeflogen worden. Das Motiv der fliegenden Kuh, in der heutigen Schweizer Bergwelt kein allzu ungewöhnliches Bild, ist indes andernorts (“Aus dem Himmel stürzende Kuh versenkt Fischerboot im Ochotskischen Meer”) in den modernen Sagenschatz eingegangen. Womöglich nur eine vorläufige Lücke, denn bildnerisch und literarisch scheint das zeitgenössische Motiv der zwischen Alpengipfeln schwebenden Kuh durchaus kraftvollen Stoff zu bieten.

kühe in der ruinaulta_3_kl(Bilder: Kantonspolizei Graubünden)

Val Strem (2)

Die versprochenen Gemsen, Steinböcke, Murmel des Val Strem hielten sich am Tage unserer Erkundung bedauerlicherweise zu kurzfristig anberaumten Artenschutz-Konferenzen in den Nachbartälern auf. Stattdessen erwartete uns ein gestreckt-geschwätziges platschual von Bilderbuch-Nebenrhein, das mit einigen Kaskaden in seine höheren Höhen lockte. Neben uns vor allem Strahler, leicht erkennbar an ihren Pickeln, dem forschen Schritt und der kargen allwettergestählten Art. Das Wetter war bestens expeditionsgeeignet, das Dorf schnell in unserem Rücken. Die liftbestandene Matte oberhalb Sedruns glich einem englischen Rasen (wir vermuteten robotorisiertes Heuen), an der Ostwand erblickten wir ein gleichsam exotisch organisiertes Baum-Stein-Ensemble erklecklichen Ausmaßes, das nicht recht an Ort und Stelle zu passen schien, sondern vielmehr, womöglich als Reminiszenz an die Himmelsrichtung, aber auch weil es recht exakt umgattert war, an die menschliche Komposition eines Japanischen Gartens erinnerte.

Bevor das Val Strem oberhalb der Skilifte stärker ansteigt und sich längs des Flußlaufs verengt, fielen uns nächst einer Rheinbändigungsvorrichtung von massiven Metalldeckeln gesicherte rundliche Bodenluken auf, die, nachdem wir sie eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet hatten, von flugs herbeigeeilten, finster dreinschauenden, romanisch sprechenden Vollbartträgern überprüft und als bestens verrammelt abgehakt wurden, dieweil wir die mißtrauischen Blicke der Prüfmänner ernteten. Mißtrauische Blicke aber beflügeln, ob von den Blickewerfern beabsichtigt oder nicht, umgehend unsere Fantasie. Einstiege wohin stellten diese an Schiffsluken erinnernden Pforten vor? Harrte unter uns in unterirdischen Hallen das Schweizer Militär? Handelte es sich um eine Schnittstelle zwischen der Menschen- und der Bergzwergenwelt? Wir stellten uns allerlei abartiges, gefährliches, monströses oder aber auch allzunützliches hinter diesen Luken vor, auf daß sie besser im Halbstundentakt auf ihre Verschlußsicherheit zu prüfen wären und der Gemeinde einige Arbeitsplätze sicherten/abrängen, die, weil die Arbeit äußerste Aufmerksamkeit erforderte, nur von den zuverlässigsten Kräften erledigt werden könnte, wozu in den eher entlegenen Alpenrheintälern traditionsgemäß die bärtigsten Männer zählen, niemals aber die Frauen, die sich jederzeit als striga entpuppen könnten – Arnold Büchli wußte ein paar tausend Seiten Material zu solchen und ähnlich gearteten Fänomenen zu sammeln, welches in der Kantonsbibliothek zu Chur zugänglich ist.

Bald führt der Weg ins Rheinrausch-, Männertreu- und Blaubeer-Idyll, gelegentlich bevölkert von besagten Strahlern und alleinwandernden Heidis in ihren Endvierzigern. Und wenn die Steinböcke die Konferenz im Nachbartal nur vorgetäuscht haben? Wenn sie uns beobachten, perfekt im Fels getarnt, oder mit pflanzenstengelartigen Periskopen aus den ominösen Bodenluken? Mit ihren Hörnern könnten sie vermutlich leicht den Grund durchbrechen und plötzlich vor uns aufwallen und teuflisches, wie rückwärts abgespieltes und hernach perfide gedehntes, ächzendes, rachitisches Zeugs brabbelnd uns einen sagenhaften Wegzoll abverlangen. (Aus ihren Augen Blitze zu schleudern vermögen sie natürlich auch.) Was ist das für ein schon beinahe pervers (also sowas von dermaßen) weiß ausgewaschner Schädel dort unterm Uferwuchs auf einer Felsplatte, wie ein professionell-unabsichtlich plaziertes, umso triftiger Bedeutung aussendendes Accessoir im Rein da Strem? Ein menschlicher? Ein tierischer? Wie lang liegt er schon dort? Waren es die Bartleute, die ihn dort plazierten? Oder warum haben Ihro Zuverlässigkeiten ihn nicht längst entsorgt? Die Sonne knallt, sie hat an diesem Tag sonst nichts zu sagen. Über den Fels sickern Quellwässer mit sehr unterschiedlichen Mineraliennoten. Ein Falter faltet sich, bis er, des Faltens überdrüssig, flattert. Die wenigen Singvögel in dieser Höhe äußern, wenn überhaupt etwas, nur Schimpf und Hohn. Einmal, meinten wir, zog der dünne Schatten des Murdlers, der selber unsichtbar blieb, über uns hinweg. Schließlich erreichten wir die Wasserfälle, ils cascads.

Einfalte Delineation

„Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden nach der Ordnung der Hochgerichten eines jeden Bunds, ihren Nammen, Nachbarschafften, Höfen, Situationen, Landsart, Religion und Landsprach nach kurz entworfen, Samt beygefügten etwelchen merkwürdigen Begebenheiten auch Seltsamkeiten der Natur verfast durch einen Liebhaber guter Freunden Nicolin Sererhard einem Bundsmann, beschrieben im Prettigeu auf Seewis des Loblichen X Gerichten Bunds im Jahr unsers Heils 1742“ lautet der vollständige Titel eines lang gesuchten und nun in der Ausgabe von 1944 in der Liechtensteinischen Landesbibliothek vorgefundenen Bandes, dessen Entstehen in Dielhelms Zeit fällt, ohne daß zwischen beiden Werken direkte Bezüge auszumachen wären. Wohl aber finden sich Überschneidungen einiger Anekdoten „vom Hörensagen“ und Vorgriffe auf die Geistergeschichten aus Büchlis 200 Jahre jüngerer Mythologischen Landeskunde. Sererhards bisweilen launische Kommentare funkeln lustig im Zeitkolorit. Dergleiche berühmte Alpenföhn, der seinerzeit bisweilen Sererhards Gedankengänge beeinflußt haben mag, hat uns folgende Ausschnitte ins Netz geweht:

Der graue Bund
„Dieser Bund wird der graue Bund genennet, wie man meynet von dem Lugnezer Landwasser Gloin har, welches bey Ilanz, allwo es sich in den vordern Rhein ergießet, eine graue Farb praesentirt. Von diesem so genanten Bund La Liga Grisa werden alle Bündner mit einem General Nammen bey den Ausländischen benamset Grisonei, oder die Grau Bündner.
Ja, weil bey dem Zusammenfluß des Rheins und Glorin oder Gleners der Rhein weiser Farb und der Glener grauer Farb ist, soll auch der Ober Bund diese zwei Farben zu seiner Liberei angenommen haben.
Dieser Bund ist das erste mahl geschworen worden anno 1424 zu Trünß under einer Linden. Dazu sind die gute Leuth veranlaßt worden durch die unmenschliche Proceduren und Tyraney ihrer Oberherren und deren Vogten, danachen sie sich bemüssiget befunden, sich zum gemeinen Schutz wider die unbilliche Gewalt zusammen zu verbinden.
Von viel Exemplen nur eines zu bemerken, so ist bekannt, wie der Vogt zu Bernburg in Schamß einen Baur gezwungen, mit den Hennen und salvo honore Schweinen aus ihren Trögen zu essen. – Doch hernach als die Bauren Meister worden, ist eben diesem ein gleiches wiederfahren, und er zu gleicher Näscherey gezwungen worden. Dergleichen Exempel noch manche beyzubringen wären.“

Heute heißts, der Bund sei unter einem Ahorn geschworen worden, von dem ein Teil in Truns noch zu besichtigen sei. Linde oder Ahorn, Ahorn oder Linde? Zu den Baumauswirkungen auf Schwüre: Rita Lüthy-Schwöri – Naturwesen, Baumfeen, Berggeister. Unsere unsichtbaren Freunde, Maienfeld 1977. Die Geschichte des Vogts von der Bärenburg und dem Bauern Johannes Caldar gibts auch in einer anderen Version, die stark an jene von Pidder Lüng auf Sylt erinnert.

Literatur als Radiokunst: Am Alpenrhein (2)

Am 06. Juni ist es soweit: das ORF-Kunstradio strahlt auf Ö1 ab 23.03 Uhr das erste auf Rheinsein basierende Hörspiel aus, gemeinsam mit einer Produktion der Wiener Zeichnerin elffriede. Interessierte, die den ORF nicht per Antenne empfangen können oder wollen, klicken auf den: Livestream.

Was zu erwarten steht: sicherlich der charismatische Pfiff des Alpenmurmels; recht eklektische Beschreibungen spezifischer Bergnahrung, paradiesischer Urlandschaften und ihrer modernen Bewohner, mit nützlichen lexikalischen Links unterfüttert, in teils äußerst seltenen Sprachen, von denen es mindestens eine nicht einmal mehr gibt; (bearbeitete) lokale Anekdoten aus Büchlis mythologischer Volkskunde; den Schrei des Murdlers und Maschinenjodeln. Auf diese Weise wird der wilde alte Hinterrhein in diesem Stück „Literatur als Radiokunst“, für das, außer dem Murmelpfiff, sämtliche Stimmen und Geräusche aus meinem körpereignenen Repertoire stammen, zum mehrschichtigen Interrhein zwischen Tälern, Flußläufen, Dörfern, Zeiten. Bereist nicht zuletzt von Superhiroshi natürlich, dem berühmten japanischen Avantgardetouristen, hier zu hören im freudigen Gespräch mit einer Alexanderklugepuppe.

Mein Dank für die Ermöglichung  dieses Hörspiels geht an die Kulturförderung Graubünden und Kuratorin Christiane Zintzen, für die Umsetzung an Tonmeister Martin Leitner.

Gion Antoni Hitz überlebt eine Lawine

„Es war Anno 1923, am 23. Dezember. Am Tage zuvor hatte es auf eine wenig dicke Schneedecke von neuem zu schneien angefangen. Am Dreiundzwanzigsten setzte der Sturm ein. „Heute gehe ich früher füttern,“ sagte ich zu meiner Frau, „heute ist es lawinengefährlich.“ Schon um halb vier Uhr begab ich mich nach Dieni, wo ich im Winter mein Vieh hatte. Außerhalb des Dorfes waren die Wege dicht eingeschneit. Ich konnte nur einen Tritt vor den andern setzen. Es war nicht gemütlich, denn oben am Waldrand krachten die Tannen, die vom Wind umgeworfen wurden. Um sechs Uhr verließ ich meine Viehhabe und machte mich auf den Heimweg. Es fing an zu nachten und das ist nicht die beste Zeit. Denn dann brechen gerne die Lawinen los. Beinahe hatte ich die Hälfte der kurzen Strecke zurückgelegt, als ich droben am Wald ein Knirschen und Krachen hörte. Wieder eine Tanne umgelegt! Gleich darauf aber vernehme ich ein langgezogenes Puuf! einen Windstoß. Das ist die Lawine! Ich mache einige Schritte zurück. Jetzt ein Rauschen und ich sah eine fünf, sechs Meter hohe Walze rasend schnell gegen mich daherstoßen. Mut, Mut! Nicht verzagen! Ein Jäger und Strahler darf nicht Angst haben, sage ich mir. Plötzlich nimmt mich der Luftzug vom Boden auf und fährt mit mir, als ob er mit mir bestandenem Mann Ball spielen wollte, kopfüber achtzig Meter weit die Wiese hinunter. Obwohl ich dem Wind nicht schwer war – er hatte mich emporgehoben wie ein Stück Papier – ließ er mich doch allmählich zurück, und ich sank zwischen ihm und dem nachdrängenden Schnee zu Boden. Wie viele Gedanken gingen mir in diesem Augenblick durch den Kopf, Diesseits- und Jenseitsgedanken! Ich war auf die rechte Seite gefallen, mit dem Kopf abwärts. Jetzt kannst du aufstehen, meinte ich. Es ging aber nicht, denn ich war ein wenig betäubt. Doch hatte ich die Besinnung keinen Augenblick verloren. Da deckte die nachflutende Schneemasse mich zu. Ich war begraben. Finstere Nacht um mich! Ich wurde zusammengedrückt. Der Atem ging schwer. Ich muß mir Platz machen. Jetzt muß ich noch turnen lernen! ging es mir durch den Sinn. Mit Händen und Rücken presse ich den Schnee, so stark ich nur kann, auf die Seite und schiebe mit der Linken, was über mir ist, unter mich hinein. So komme ich allmählich mit dem Oberkörper höher und höher. Die Füße und den rechten Arm konnte ich nicht rühren, weil ich sie beim Abwärtssausen nicht bewegt hatte. Der Schnee war nicht kalt. Ich konnte immer noch kaum atmen, zwang mich aber, unter Aufbietung aller Willenskraft, mir mit der freien Linken und dem Rücken Luft zu verschaffen. Die Hand suchte die ersehnte Oberfläche zu erreichen. Ich bohre einen Trichter in die feuchte Masse und merke, daß der obere Schnee locker ist. Das Atmen geht leichter. Erst jetzt, da ich Luft bekomme, fühle ich, daß ich den Mund voll Schnee habe. Jetzt habe ich den Sieg über die Lawine errungen. Mein Rücken ist ganz naß. Warum nur? Ich rufe um Hilfe. Da höre ich Schritte. Den Handschuh zwischen den Fingern haltend, strecke ich den linken Arm durch den Trichter empor, so daß der Suchende den dunkeln Fleck im Schnee erkennt. Zehn Minuten später bin ich oben, kann mich aber kaum aufrecht halten. Ich habe wohl achtzig Zentimeter unter dem Schnee gelegen. Wie ich heim, in meine Stube kam, zeigte es sich, daß mein Hemd auf dem Rücken rot gefärbt war von Blut. Aber dieses Drücken und Stoßen bis aufs Blut hatte mich vom sicheren Td errettet. Sich rühren, kämpfen, heißt es in Not und Gefahren.“ (Aufgezeichnet von Arnold Büchli)

Tavetsch

Den zweiten Band seiner Mythologischen Landeskunde von Graubünden beginnt Büchli mit einer bildhaften Beschreibung des Val Tujetsch: „An hellen Tagen erblickt Chur zwanzig Stunden weit talaufwärts am Horizont eine Felsenzinne vor einem Gebirgsstock, ähnlich dem Turmdach einer Burg. Dort hütet der Badus in seinem Wasserschloß ein Quellseelein, den Ursprung des Flusses, der die lange, gerade Talrinne gegraben. Sein Name, das berühmteste rätoromanische Wort, ein Erbstück aus Urvölkerzeiten, führt ins Tavetsch hinauf, in die oberste Stufe des Bündner Oberlandes. Von seinen Firnen schäumen gar manch quelljunge „reins“. Nur einem von ihnen ist es beschieden, ein majestätischer Grenzstrom zu werden, der Nationen und Sprachen scheidet und die Artbenennung der Tavetscher Bäche als stolzen Eigennamen behält bis zu seiner Mündung ins Meer.“ Ganz bis oben ist im Spätherbst/Winter leider nicht zu gelangen, aber doch recht weit gen Quelle; die ersten Rheine, die dem Vorderrhein zufließen, scheinen eindeutiger und benennbarer als jene am Hinterrhein, sie haben sich deutliche Rinnen gegraben. Das hier vorausgesetzte Beibehalten des Eigennamens bis zur Mündung in die Nordsee wiederum haben die Holländer untergraben. „Die Tavetscher Landschaft eignet (…) eine feierliche Größe, sie ist klassisches Hochgebirge, aber weit hinauf besiedelt und bebaut. Wenn der Wanderer oder Fahrgast der Oberalpbahn von Disentis her kommend den äußersten Weiler Bugnei erreicht hat, sieht er sich in eine rings von hohen Waldhängen und Bergketten abgeschlossene Welt von eigenem Reiz versetzt. Da liegen, spielzeughaft geduckt in der gegen das tiefe Rheinbett geneigten Talfläche, inmitten von Wiesen und Getreideäckern die paar Dörfer und Dörflein mit sonneverbrannten Strickhäusern um hell ragende Kirchen und Kapellen geschart.“ Es ist eine Heidiwelt, heidiesker als in Maienfeld. „Talein stößt der Blick gegen die von Gletschern scheitelrecht geschliffenen Felskämme und -zacken des Piz Culmatsch und des Piz Nair vor der noch schrofferen Gneismauer des Crispalt. Von seinem scharfgezähnten Grat schweift das Auge südwärts zu der breiten Pyramide des Badus (…). Darunter treten die Talwände, mit dunkelm Tannwald bepelzt, dichter an die Rheinschlucht heran, den Durchblick auf die beiden obersten Tavetscher Dörfer wehrend.“ Es ist eine Gegend der erzählten bzw. mittels Erzählung dorthin verbannten bösen Wesen, Ursprung für il striegn, romanischer Ausdruck für vielfältiges Schadenszauberwerk. „Droben im Geklüft bricht der Hammer des Strahlers die Fülle schönster, seltener Kristalle. Doch den Hauptreichtum des Tavetsch machen seine herrlichen Weiden und sein großer Besitz an Alpen aus.“ Und auf den Alpen gibt es neben Natur auch Nachbarschaft und Christentum, ergo Sünde, ergo Geistervolk. Mit der modernen Alpbewirtschaftung und dem modernen Christentum scheint es auszuflachen – aber die Alten erinnern sich und so wie das Tavetsch (in den Augen des dummen Touristen) aussieht, lassen sich dort eher noch veritable Kleingeister einfangen als je ein herkömmliches Alpentier.

Rheinischer Steinkult

Parallel zu Büchli beschäftigt sich Christian Caminada, langjähriger Bischof von Chur und in den Tälern des Vorderrheins aufgewachsen, in seinem Buch „Die verzauberten Täler“ mit dem Bündner Volksglauben, der naturgemäß mit Steinkult verbunden ist: „Zaudernden Schrittes und geheimnisvoll erfasst gehen wir daran, jene stummen Steine, welche vielenorts in rätischen Landen auf sonnverbrannten Höhen, in Waldlichtungen, an Wasserquellen und an Flüssen als Teufelssteine, als Nixenstätten, als Elfen- und Dialenfelsblöcke und als Hexentanzplätze aus gespenstisch sich formenden Nebelfetzen der Sagen uns anstarren, zum Sprechen zu veranlassen. Die Rätoromanische Chrestomathie und andere Freunde der Volkskunde sind jenen bläulichen Irrlichtern, die zauberhaft da und dort aufhüpfen und verfliegen, sobald man nach ihnen greift, nachgeeilt und haben deren Kunde in ihren Schriften mit zitteriger Feder fest zu bannen sich bemüht; aber ob es meinen aufgeklärten Lesern entspricht, verwitterte Granitblöcke zu besuchen und Felsenwinkel zu durchstöbern, wo ekelhafte Fledermäuse mit ihrem garstigen Leib das Gesicht des erschauernden Wanderers um streichen, ist eine Frage der Wertung des Aberglaubens als Quelle der Volkskunde. Steine möchten wir zum Sprechen veranlassen, die seit Jahrtausenden stumm und trotzig am Wege späterer Kulturepochen und Völker liegen. Man kann sie erledigen, indem man geringschätzig an ihnen vorübergeht, indem man mit Dynamit den Riesenleib zerreißt und aus dem Abfall die Straße bekiest; aber sie scheinen doch zu reden aus den Mauern der Bauten, in die sie hineingefügt worden waren, und aus dem Unheimlichen gewisser Strassenstellen, die Reiter und Ross foppen mit Tod und Unglück. Das Christentum suchte das Böse zu bannen durch eingekerbte Kreuze, durch heilige Sprüche und Namen. Die Steinblöcke wurden stumm; einzig der Aberglaube machte sich an diesen Zeugen einer ehemaligen, fern abliegenden Kultur noch zu schaffen. (…)“ Entsprechend geht Caminada daran, die Sagen zu markanten Formationen auszubreiten. Und tatsächlich entspricht es dem aufgeklärten Leser bis heute aus angegebenen Gründen, verwitterte, geheimnisumwitterte Granitblöcke zu besuchen.

Mythologische Landeskunde

Auf den Alpen des Vorderrheins gehen die verdammten Missetäter. Die Mythologische Landeskunde ist, trotz der geringen Einwohnerzahlen, voll von ihnen. Da ist der Bauer, der im Leben Marksteine versetzt hat oder der typische und wiederkehrende Bündner Krämer, der seine Kunden übervorteilt (und, ganz bös: alles aufschreibt). Schlimm triffts denjenigen, der zeitlebens Steine aufs Nachbargrundstück entsorgt (mit einem glühenden Korb muß er sie nach dem Tode wieder einsammeln). Ehefrauen entpuppen sich als bilokationsfähige Hexen, welche die ohnehin schon aufreibende Arbeit ihrer Angetrauten behindern und töten, was sich ihnen in den Weg stellt, solangs keine geweihten Gegenstände bei sich trägt. Sie enden ertappterweise mit Hufeisen beschlagen, dann verpuffend. Schwarzhaarige ZigeunerInnen ziehen durch die Gegend und verstehen sich auf allerlei Zauberwerk, greifbar sind sie nicht; wer ihnen verlustfrei begegnen will, muß sie austricksen. Der ewige Jude hat ebenfalls die Gegend bereist, bei Pfarrer Gaudenz Engler in Camischolas bekam der Wandergesell ein Essen, das er im Herumlaufen einnahm. Kühe verschwinden einfach spurlos und tauchen wieder auf, als sei nichts vorgefallen. Die Toten des Folgejahres versammeln sich in der Silvesternacht vorsorglich auf dem Friedhof. Wandbilder dürfen nicht verrückt werden, sonst treten die Geister hinter ihnen hervor. In Disentis geht eine große wüste Büßerin mitternachts auf dem Friedhof um, die Zunge bis zum Gürtel herausgestreckt. Bisweilen tauchen warnende Gestalten, unvermittelt in Flammen gehüllt, an einsamen Dorfbrunnen auf. Und hat man den Schwarzen oder sonst unliebsamen, z.B. des Nachts tönenden, jedoch völlig unsichtbaren Besuch im Haus, muß die Geistlichkeit ran, die auf solche Probleme geschult stets zielsicher Abhilfe schafft.

Haldenstein (5)

Das nächtliche Dorf macht gespenstische Geräusche. Rühren sich die Schweine im Koben oder brechen doch irgendwelche Männli mit zweifelhaften Absichten durch die Erde herauf? Das Rattern der Gatter. Selbst trockenes Laub im Föhnwind, wenns übern Boden kratzt, läßt einen zusammenfahren. Vom Dunkel kaum noch gehalten: die schleichenden bösen Hunde mit ihren stinkenden Mäulern voll kräftiger spitzer Fänge. Was leuchtet dort überirdisch grell aufm Berg, blendet ab, wieder auf, oder ists garnicht aufm Berg, sondern viel viel näher, als einem lieb sein kann? Die alten Bündner in Büchlis Mythologischer Landeskunde erzählen haarsträubende Geschichten. Immer wieder vom Totävolch, Totenfolc, Nachtvolk, das nicht jeder sehen kann, aber sobald die dunklen Gestalten ziehen, ist die nächste Leiche schon ausgemacht. Sie haben es doch selbst erlebt. Bei den Rheinbrücken wartet die Nußgeiß und klaubt sich all diejenigen Kinder, die sich nicht ordentlich gewaschen und gekämmt haben. Drachen leben in den Schluchten. Im Sommer hab ich auch einen gesehen. „Schümmeli, Schümmeli lauf dr Trab / Du treischt diä totä Lüt in ds Grab“ führt zur Pestzeit der führerlose Totenschimmel die Leichen gen Hinterrhein ab. Ds Tobeljaggeli prügelt die Hexe ausm Spinnrad. Das Wâlimannli nimmt Kinder, die am Wasser nicht aufpassen. Nächtlich zum Steinerollen verdammte und in Stein gebannte. Sprechende Füchse (wie in Lars von Triers „Antichrist“): „s ischt guet, daß du dinne bischt! Sus wärischt futsch!“ Am Mittwoch geht’s besser nicht auf die Alpen. Man spürts am eigenen Körper, der kalt wird, wenn sie kommen. Man fragt sie am besten, was sie wollen. Dann verlassen sie einen wieder. Zeile für Zeile wirds einsamer im Nordflügel. Einsamer? S kommt immer nur drauf an, wie erwünscht und sichtbar letztlich die Gäste sind. Haldensteins Kirchglocken geben Entwarnung. Für wie lang? Kuhschädel lugen aus Hühnerställen, der käsende Geisteralpler steigt feurigen Schritts vom Berg, mit beschlagenen Pferdehufen. Klapp, klapp machts auf der Straße.

Dr träht Mälchschtuäl

So wie die Gestalten in ihren Geschichten, sehen auch deren Erzähler in Büchlis „Mythologischer Landeskunde“ aus: Schwarzweißportraits von Berglerunikaten mit zerfurchten Granitschädeln, aus Tag und Nacht gemeißelte Geister einer fernen Zeit. Je tiefer man in die Täler steigt, desto mehr ihrer Enkel bekommt man noch zu Gesicht. Und in den Tälern und Hängen verkehrn, dem unerschrockenen Entdeckungsreisenden je nach Vorleben sichtbar oder nicht, Unicorns und Tüfel: „Es sind jäz krat zechä Jahr, im Ougschtä na dr Wassergüssi (Wasser ist grausig, bis heut, bestätigt die 2009er Klientel in der Calanda-Hinterstube; Anm.), duä hed mr dr Hoolendermarti es Abetsch erzellt, är sigi mit schinä Höptli Veh uß Cadrjoolä weidgangsch achägglänggled (= glockenklingend herabgestiegen, indem er das Vieh am Wegrand weiden ließ) in d Ääbi, und duä heig er de Mälchschtuäl vergässä. Ein junge Purscht vam Nachpur, dr rot Hapsch, hei duä mid em gwett, är weli in dr Nacht ûf ga nä hoolä. Also wiä dr Hapsch vam Hans im Schnäggäloch, schi Chnächt, am Abet de Mälchschtuäl nit finde chann, geit er schînt`s dür zum leng Marti und fräägt nä, ob er me nit de Mälchschtuäl liä chönnti. Är müäßi schînä am oberä Schtafel vergässä hä. Dr Marti seit, schînä der aaltä, sî z`Huderä, und dr nüüä brûchi är sälber. „Aber“, heig er so föpplendä gseit, „du kuscht no kant ûf ga nä hoolä, wenn nit äppe dopnä dr Tüfel nä brûcht. I wettä krat mînä dr Mutschbock (= hornloser Bock), daß du nit imschtand bischt, dr Mälchschtuäl achä z`holä. Du gloubscht scho an nüüt und fürchtisch ti nüüd, biß nid ämal rächt achuscht! „Es söll sî!“ seit dr Hapsch und schlahd î. Und de geid er in schini Hüttä – es ischt scho rächt tunkel gsi – und nümmt heiligs Brood, weischt, es Schtückli Nachmahlbrood. Das hed er am Toufschtei heimlich für derä Sachä zruggbhaltä. Und de hed er no ds Psalmäbuäch gnu, ds Tâfits, und Füürzüg, weischt woll, d Schlagä us Schtachel (= Stahlzwinge zum Feuerschlagen) und etlich Schwäfelhölzli. Diä Sachä tuäd er i schîns Lädertäschli und nümmt schinä de chnuplig Schtäcka, und derdürûf ischt er, was hescht, was gischt. Säg nid! Das ischt ä tonderlichä Schtuck ûf. Dr Hapsch hei me`s schpeter chlîhär (= haarklein) erzellt. Er heigi schi scho ä bitzli gfürtet, aber as än Tüfel gäbi, dsäb heig er niä rächt ggloubt. In dä Planggä (= steile Grashalde in einer Waldung) bim Tritt sig dr Hûä so nooch an em verbî gsured, das er gmeint hei, er gschpüüri dr Atä vam Tüfel und dr Gugger well nä holä. Und ds Lädertäschli mit em heilig Brood heig er albig fescht in dr Hand gchebt. Än Gguraschiärtä iss suss gsi. Wiä er duä diä sibä Töbel i gsi sî, sigä noch zwee Parnîschä (= Steinhühner) us dä Heitä (= Heidelbeeren) vürchä gsuret. Duä heig er scho es bitzli gschwitzt, das ei Tropfä dr anderä bsogä hei. Und wiä er duä zum Mädelti chommi ob em Sûrwasser, heig er, was hescht, was gischt, d Schlützä (= Holzriegel) var Tür umträhd und gmeint, er chönni jäz nu de Mälchschtuäl var Walberä (= Lattengerüst für die Milchzuber) näbem Zigergalga (Gestell, auf dem der Ziger aufbewahrt wird) achä gglänggä. Aber duä gsehgi är näbeter Pritschä än große Mann, än breite Bräschi (= Kerl), där heig Sûffä (= Käsemilch) trunke us dr Handbroggä. Dr Mann sigi uf schim trähtä Mälchschtuäl gsässä. Duä sig me doch en châlte Grûsä dür de Rügg ûf gganggä. Der Mann heig nä so âggrinzled wiä dr Nöüweranderscht (= der Jemandanders). Tâ heig er me nüüd, aber mid eme grûsigä Blick uf schins Lädertäschli heig er gseid: „Hättisch du nid Gottes Woord / Und heiligs Brood / Und Füürlitod, / I wett dr zeichä, wemm dr wiß Mutschbock wää!“ Und immä Satz zur Tür âb und ûs, fort sig er gsi. Är wüssi nit, wa er hi cho sigi.“

Bündner Gerstensuppe

Mündlich überlieferte Geschichten aus den Bündner Dörfern sammelte Arnold Büchli bis in die 1960er Jahre für seine „Mythologische Landeskunde von Graubünden. Ein Bergvolk erzählt“, drei fette, nach Regionen geordnete Bände von jeweils knapp 1000 Seiten Stärke. Hieraus eine aus der Ursprungsgegend des Vorderrheins: „Zwei Leutchen von Selva hielten Hochzeit und gingen nach Sedrun in die Kirche. Nachher sind sie in großer Eile heimgegangen und haben ihre Mehlsuppe mit Knollen gegessen. Es war im Frühling, und man trug Mist auf die Wiesen. Kaum waren die beiden Hochzeitsleute zu Hause angekommen, zogen sie ihre Werktagskleider an und machten sich ans Mistaustragen wie die Nachbarn. Ein paar Jahre später an einem Wintertag machte sich der gleiche Mann den Bart vor dem Fensterglas, hinter das er eine Schindel gestellt hatte. Eine Gesichtshälfte war schon sauber geschabt, da ist die Lawine gekommen und hat die bretterne Diele heruntergedrückt, und vor Schrecken schnitt er sich das Ohr ab. (…) Da kam gerade die Frau in die Stube und er hat ihr geklagt: jetzt habe er sich ein Ohr abgeschnitten. Sie hat aber gar nicht darauf geachtet, nur gejammert: „O weh, der Erzhafen mit dem guten Fleisch und der Gerstensuppe! Das ist das Schlimmste!“ Das Mittagessen reute sie, denn sie hat gemeint, es sei alles zugrunde gerichtet in der Küche. Diese war zum Teil gemauert, dort hatte die Lawine größern Schaden getan. (…) Aber der Erzhafen war unversehrt, alles in Ordnung, in einer Ecke das Feuer, nicht erloschen, und die Suppe kochte noch. Das hat die Frau gefreut. Aber das Ohr ihres Mannes galt ihr nichts.“ Eine Geschichte, so kräftig wie die Bündner Gerstensuppe selbst. Wie wohltuend diese z.B. gegen Kälte wirkt, erfuhr der Autor gestern Abend. Bereits den ganzen Tag war die Kastellanin mit der Zubereitung beschäftigt, zwei riesige Kessel dampften vor sich hin, die Bürgerversammlung wollte verpflegt sein, am Abend brachte sie auch dem zurückgekehrten, höhendurchfrorenen Gast einen Eimer in seinen Atelierflügel: deftig, heiß und stark. Fortab eine willkommene Bereicherung auf Rheinseins wachsendem, zunehmend international geprägten Wintersuppenspeisezettel.

Wie das Gold am Calanda gefunden wurde

(erzählt von Christian Nold, aufgezeichnet von Arnold Büchli in: Mythologische Landeskunde von Graubünden)

“En Vinzens Schneller hed in sim Agger am Ri a Stei gfunda, wo vum Calanda aaha gheit gsi isch, un deer Stei het Gold ghaa. Un denn hens halt im Dorf vil vu dem Gold gredt. Un emool isch a Felschberger Jeeger uf d Jagd, und wo-n-er a Tiar uusgspuurnet het, isch er im Ifer anera Stell verbei ggang-ga, wo er Gold gseha het. Und dua, wo er dia Gams gschossa het gha, hed er zrugg wella zu dera Stell, wo er ds Gold gseha gha het, aber er het si nimma gfunda. Dahai het s dr Jeeger sim Buab verzellt. Deer het dem immer nootenggt, und wo er denn speeter d Felschberger Geis ghiätet het, isch er ama Taag geeget d Felsä ufi un het d Geis lo hogga. Iber a grausiga Ggufer un iber a Rifi duuri isch er ggang-ga und het de Platz suacha wella, wo imm dr Vatter aaggee het. Un zletscht, eerscht geege-n-Oobed, isch er uf dia Stell choo, und vor luuter Freid isch er det hogga bbliba. Dehei het ds ganz Dorf uf inn gwaartet, und sini Gspuusa au. Dua sin diä Meener ggang-ga un hen de Geisler un d Geiss suacha wella. D Gspuusa het durchuus au mit wella. Denn sin diä Geis uf di Weidplatz in dä Flidä – det isch mä mit nä-n-nufi; i bi au mit dä Geis dooba gsi. Un det sin diä Geis ggleega, aaber khei Geisler icht uma gsi. Dua sirn a Teil witer ufi khletteret geega d Felsä, un dia anderä sin hei mit dä Geis, wo si nit gfunda hen. Dä Meener sei`s denn dooba zerleidet, witer z`gooh, wil s gmeint hen, er sei villicht vertroolt. Un d Gspuusa isch denn vorwerts dur alli Stei un alles Gwett duuri, bis s ne erliggt het. Er hei ggschlooffa uf era Felsplatta neebet sim Gold, und si het ne am Bei ggrupft un ne wach gschittlet. Du hen si gjuuzt, diä zwei, dass di anderä ggheera sella. Und denn sin s go luaga choo und hen das Gold au gseh und sin denn mitanand hei. Das Gold hed er aber nit bhaalta terfa. Aber Gmei hed im as Gschenk gge, das er het chenna a Hisli baua, und dua hens chenna hiroota.”