Rüdesheim

adlerturm_miekDer Schnappschuß zeigt zentral den Rüdesheimer Adlerturm. Der nicht weit entfernt von der Kirche steht, in der Knochen, Zunge, Herz und Haare Hildegards von Bingen in einem Goldschrein aufbewahrt liegen. Schreibt uns Miek Zwamborn, von der die Aufnahme stammt und die als Bewohnerin des Mündungsdeltas soeben die Quellgebiets-Trilogie von Arno Camenisch ins Niederländische übertragen hat und diesen Sommer eine Pilgerschaft zwischen den Rheinpolen unternahm. Wer wissen will, wie Camenischs kraftwüchsige Berglersprache auf Flachländisch klingt, besorge sich Miek Zwamborns Übersetzungen bei De Bezige Bij, wo aktuell auch eine Leseprobe aus Sez Ner, dem Auftaktband der Bündner Trilogie, zum Download bereitsteht. rheinsein dankt für das schöne Foto!

Ustrinkata am Vorderrhein

“Jetzt lass ihn, sagt die Tante, muss ja nur Wasser lassen, nicht dass er mir in die Hosen macht wie der Georg, ist auch schon Jahre tot, wer ist gestorben, fragt die Grossmutter, niemand, sagt die Tante und steckt sich eine neue Mary Long zwischen die Lippen, ich habe geträumt, sagt die Grossmutter, das Ross sei im grünen Gras am jungen Rhein gestorben, es lag da ganz müde und tot, die Tante bläst den Rauch aus, der Georg also, sagt die Tante, der sass jeweils da auf dem Bänkli, immer auf dem gleichen Platz, ganze Nachmittage sass er da und sagte nichts, und wenn er genug intus hatte, zog er den Kopf in die Schultern, und gestorben ist er auf der Toilette, sagt die Silvia und hält das brennende Zündhölzchen der Tante hin, hatten ja auch alle gestaunt, dass er plötzlich auf die Toilette wollte, wo er doch nie ging, sie zündet ihre Select an, nur dass er nicht mehr zurückkam.”

Arno Camenischs Sprache ist hochrhythmisch. Sie besteht aus kurzen, kommagetrennten Einheiten, die sich zu langen Sätzen, zu einem schnaufenden Sermon dehnen, der nicht nur einen Sprecher zu besitzen scheint, bzw falls doch nur einen, dann einen, der aus verschiedenen Raumecken mit Ideen gefüttert wird, die abzumischen er gezwungen wirkt, als Kleister benutzt er Capunsmasse. Denn auch eine Mischung aus Hochsprache, Bündner Dialekt und dem sursilvanischen Romanisch ist diese Sprache, die plätschert und anzieht wie der Vorderrhein, den sie häufig beschreibt. Eine rauhe Mischung, kantig, Berglerbeat, langsam, bald schwer, bald unberechenbar bis luzid, von exzellenter Qualität. Ob eine solche Sprache in 200 Jahren noch verstanden wird fragen wir uns, wie wir uns das sonst nur bei zeitgenössischen Gedichten, unsere eigenen eingeschlossen, fragen. Und verwerfen die Frage sogleich, weil es fürs erste ausreicht, daß uns diese Sprache ganz ausgezeichnet gefällt, auch weil sie bei allem Flow beinahe stets vom Wesentlichen spricht, Leben und Tod. Die Wirtshausszenen aus der “Helvezia” in Tavanasa erinnern uns an jene, die wir einen Monat lang in Linas “Calanda”-Gaststube in Haldenstein, am bereits zusammengeflossenen Alpenrhein erlebten. Urchiges Stammpersonal mit markigen, auf den winzigen Provinzflecken Welt ihres Daseins bezogenen Erzählungen, ein Personal, dem jederzeit zuzutrauen ist, daß es die Gläser nach dem Leeren gleich noch auffrißt, das als verborgener Gegenbeweis für die im Literaturbetrieb kursierende These vom Ende der Zeit der großen Geschichten hinter Nikotinnebeln vor sich hin existiert, wenngleich es seine Geschichten recht einsilbig erzählt. Groß sind sie allemal. Und: Arno Camenisch liefert die literarisch stärksten Beschreibungen der Macht des Vorderrheins, die uns bisher bekannt sind.

Arno Camenisch: Ustrinkata, Engeler 2012
ISBN 978-3-033-03028-2, Gebunden, Schutzumschlag, 18,5 x 12 cm, 100 Seiten, Euro 17.- / CHF 25.-

BuchBasel (2)

In Basel herrscht nebst der am Bahnhofsvorplatz ausgeflaggten BuchBasel Jahrmarktsbetrieb: die Herbstmesse mit ihren kunstlichtblinkenden Menschenbeschleunigungs- und -schüttelmaschinen, Chässchüblig- und Biberliständen. Unterm Münster fließet im Mondschein großherzig-gemäßigt der Rhein. Ihm statten wir den ersten Pflichtbesuch ab, den zweiten dem Tinguely-Brunnen, verpassen aufgrund dieser zwingenden Antrittsvisiten sämtliche Abendveranstaltungen. (Gerne hätten wir Navid Kermani mit seinem Tausendseiter gesehen.)

Der Auftrittstag fügt sich in Dauerregen. Das BuchBasel-Programm bietet viele Gleichzeitigkeiten, am Morgen haben wir die Qual der Wahl zwischen Péter Nádas und Arno Camenisch. Von letzterem erhoffen wir eher Rheinbezüge, was schließlich den Ausschlag gibt. Die Entscheidung wird prächtig entlohnt. Camenischs aktuelles Buch Ustrinkata (was soviel wie das Leertrinken einer Beiz am Abend ihrer Schließung bedeutet, gleichzeitig auf den Begriff Osteria und den Richtung Reduktion ausschlagenden Strukturwandel in den Bündner Bergdörfern weist) spielt direkt am Rhein in Tavanasa, in der Bahnhofs-Gaststätte Helvezia, bietet gleich mehrere Flußszenen (“wie eine Kuh frißt der Rhein die Traktoren”), bündnerisch-derb und poetisch zugleich. Camenischs Vortrag besteht in immer gleichgestimmten, Schwung auf Schwung holenden (Halb-)Satzschüben, wodurch eine tranceartige Melodielinie entsteht, auf der die Texte bis hin zur Fantastik sich ausleben. Zum Ende der Lesung trägt Camenisch noch einige wunderbar-lakonische Gedichte auf Sursilvan und Deutsch vor.
Am Nachmittag die litblogs.net-Lesung, gemeinsam mit Hartmut Abendschein und Publikumseinbindung. So sprachen wir über die Stellungskriege der Freundschaft auf Facebook und erhielten dank eines Lesungsgasts Kunde von Ernst Friedrich Löhndorff, einem einstmaligen Abenteurer und Bestsellerautor von Abenteuerromanen, der seine letzten Lebensjahre in Laufenburg verbrachte, wo, bis er im Jahre 1908 gesprengt wurde, der zweite Rheinfall fiel. Im Hof der Galerie Beyeler indessen fiel ahorngold das Herbstlaub und beleuchtete stimmungsvoll die Regenschlieren.

Am Abend der zweite Auftritt, diesmal gemeinsam mit Roger Monnerat, im selten geöffneten Barockzimmer des Museums der Kulturen direkt am Münsterplatz. Es ging um Basler und Kölner Badegewohnheiten, das Grab des Rheins im Rotterdamer Hafenbecken und eine geheimnisvolle Frau, die ein Fisch ist und daher schwer zu verstehen.

Zum Resummee des Tagesgeschehens gings ins Kafka am Strand, das Cafe des Basler Literaturhauses, wo sämtliche Bedienungen unsere Bestellung “ein Appenzeller Holzfaßbier, bitte” mit kräftigem Staunen quittierten.

Zurück im Hotel irrten wir durch dessen weitläufige Flure, welche zusammengenommen sicherlich dem Wegenetz einer mittleren Kleinstadt entsprechen dürften. In der 18. oder 19. Etage stießen wir auf einen vitrinierten Rauchersalon, der nach einer dereinst in Flammen aufgegangenen “Hexe” benannt war (das Hotel schien einen christlichen Hintergrund zu besitzen), traten ein, gerieten in blauen Dunst und das Kreuzfeuer einer von Lichtschranken ausgelösten Wechselbeleuchtung, wie wir sie aus Raucherzimmern bisher noch nicht kannten. In der einen Ecke des Salons stand hinterm Zigarettenqualm sehr einsam ein geheimnisvoll verschlossener Holzschrank, aus der anderen wurden wir freundlich angesprochen: ob wir nicht Platz nehmen wollten? Tatsächlich, dort lugte ein Tischlein aus dem Dunst, dort saßen leibhaftig, nicht nur in Konturen, ein Mann und eine Frau, rauchten und tranken ein pinkfarbenes Gemisch, wobei uns die Frau entfernt bekannt vorkam und schon kurz darauf als Birgit Vanderbeke entpuppte, welche uns von ihrem selbsterfundenen Vanderbeke (ein Mischgetränk moitié moitié aus südfranzösischem Roséwein und rosa Grapefruitsaft) anbot, das spätsommerliche Zitrusnoten in den Rauchersalon hinein entfaltete, während es draußen kräftig plästerte und der mit Ahornlaub schmeißende Herbst wie eine gigantische Wegschnecke dem Winter entgegenkroch, dieweil im Dunkel der Stadt, genau können wirs aufgrund einer gewissen Nachtblindheit allerdings nicht bezeugen, florale Fluggeräte, dh raketenförmige Titanwurzgebilde um das Spalentor schwebten.

Rheinzitat (5)

“(…) den Maulwürfen werden die Tatzen abgeschraubt und in den Rhein geworfen (…)”

(Aus einer Besprechung von Regula Portillo zu Arno Camenischs Buch “Hinter dem Bahnhof”)