Appenzell (6)

Wir haben uns an dieser Stelle bereits mehrfach kurz mit dem berühmten Käsekanton Appenzell befaßt. Appenzell liegt eigentlich nicht direkt am Rhein. Sondern vom Rhein aus gesehen hinter den Bergkuppen. Wohl gibt es den einen und vielleicht auch anderen Abfluß klaren appenzellischen Bergwassers, der sich letztlich im Rhein einfindet. Insgesamt aber handelt es sich bei Appenzell um ein weitgehend rheinabgewandtes, leicht vertracktes und in sich geschlossenes System, das soviele kulturelle Eigenheiten aufweist, daß wir sie einfach nicht ignorieren können und Appenzell, auch gegen seinen Willen, kurzerhand unserem Sujet, den rheinischen Regionen zuschlagen. Die appenzellischen Besonderheiten fangen damit an, daß Appenzell eigentlich nicht Appenzell heißt, sondern „die beiden Appenzell“: eines rechtgläubig (Innerrhoden, s. Foto), das andre reformiert (Ausserrhoden). Anders als in den babylonischen Welten moderner Urbanität scheint uns eine solche glaubensgerichtete Aufteilung in einer Bergregion von maßgeblicher Bedeutung für den Alltag – wir konnten diese einigermaßen billige Vermutung allerdings bisher nicht in der Praxis untersuchen und freuen uns über geflissentlichen Aufklärungsbeistand aufmerksamer Leser.

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Fakt ist: jedesmal, wenn wir vom Rheintal aus das Felsbollwerk betrachten, hinter dem sich Appenzell verbirgt, fragen wir uns, was wohl gerade dort oben abgeht. Es ist von archaischen Morden die Rede, motiviert durch Hexerei. Ebenso von einer saftigen Freitodrate. Von großen Ansammlungen approbationsloser Heiler, denen Appenzell als behütendes Stammland gilt. Von Himmels-, Berg- und Erdstrahlen in hoher Konzentration. Vom Käsen, viel vom Käsen. Von seit Jahrtausenden betriebenen Fingertänzen. Insgesamt von vordergründig naiven Ausdrucksweisen, hinter denen sich vielfältige Belastungen offenbaren. Immer wieder gerne fällt im Zusammenhang mit Appenzell die Bemerkung, daß dessen männliche Bevölkerung sich am längsten von allen helvetischen Stämmen gegen das Frauenwahlrecht gestemmt habe. Die Appenzeller Sportart ist Schwingen, eine Variante des Ringkampfs: um im Schwingen zu bestehen, muß man mindestens zwei Meter lang sein und auch zwei Meter breit. Am besten zusätzlich noch zwei Meter tief. Frauen sind nicht zugelassen. Auch nicht beim Silvesterchlausen. Bei diesem Brauchtum sind zwar Frauenkostüme zu erblicken, die auch erwähnten Schwingermindestmaßen (ca acht Kubikmeter) sich annähern: in den Kostümen aber steckt ausschließlich Mannsvolk. Die Kostüme scheiden sich in Schöne, Schö-Wüeschte und Wüeschte. In jedem Dorf zieht eine Chlausentruppe von Hof zu Hof, um ein gutes neues Jahr zu wünschen. Das übrigens auch nach dem alten julianischen Kalender, am heutigen 13. Januar. Die Beglückwunschungen gehen nach festen (Kuhschellen-)Ritualen vonstatten, dabei kommt es zu einem harmonischen wellenähnlichen Gejodel, Zauern genannt. Wer das noch nicht kennt: auf Youtube gibt’s ein paar Videos, ein ganz besonderes unter Stichwort: „Silvesterkläuse im Ochsen Schönengrund“ (Wirtshausszene mit zauernden Nadelbäumen).

Kleinbasel

Wir sitzen in Kleinbasel im Schmale Wurf, was auf hochdeutsch soviel wie Bohnenstange bedeutet, und betrachten das unaufgeregte Strömen des flaschengrünen Rheins. Der hier, anders als in seinen sonstigen Städten, die Siedlungen zu seinen Ufern eher zu verbinden als zu trennen scheint. Unterhalb des Lokals befindet sich eine Treppe, auf der die Basler sich im Sommer ausziehen, um „Dr Bach ab… em Ufer nooch!“ den Strom hinabzutreiben. Ihre Klamotten führen sie in wasserdichten Beuteln mit sich. Knapp oberhalb des Einstiegs für die Rheintreibenden pendelt die Leu, eine der Basler Gierfähren, zum Münster und zurück. Ein lokales Sprichwort verweist alle Schwätzer zum Zwecke des Ohrabkauens an den Fährmann. Der scheint in der Tat ein gelassener Typ, was den Baslern jedoch allgemein nachgesagt wird. Die Fähren bestehen aus Holzbötchen, die am Bug mittels eines mehrfach regenbogenfarben beflaggten Drahtseils mit einem weiteren, den Rhein überspannenden Draht verbunden sind. Gekrönt das Ganze vom Schweizerkreuz. Angetrieben werden die Fähren von der Strömung, der Fährmann muß jeweils nur das Ruder umlegen. Wir gehen eine innere Wette ein, daß die beiden Damen am Nebentisch die Saubohnen auf ihrem Vorspeisenteller nicht anrühren werden. Der Kellner bringt Hirschkeule und Appenzeller Holzfaßbier. Zunächst noch von der riesigen Keule verdeckt taucht unerwartet ein Frachter auf, der den gesamten Fluß einzunehmen scheint. Es wird über Stunden der einzige bleiben. Nebenan schauen verwitterte Gesichter aus dem Männerheim „Rheinblick“ der Heilsarmee. Links um die Ecke geht es vorbei an der Fickdassystembeiz „Hirscheneck“ durch offenbare Kreativgebiete. Das zieht auch die Fledermäuse an, nicht weniger als 33 Arten sollen die Dämmerungshabitate bejagen, wir nennen stellvertretend nur Schnäuzer-, Vollbart-, Geißbart-, Wasser-, Rasende, Weißrand-, Randlose, Rauhaut-, Kaumhaut-, Blauhaut-, Zwerg- und Lallende Fledermaus, den Großen, den Mittleren und den Kleinen Abendsegler, das Graue Langohr und die Dunkle Maitresse. Die Septembersonne steigt indessen in goldenem Bogen übers Ambiente und wirft ein paar Franken für soziale Zwecke ab. An der Theodorskirche sind wortreiche Gedenkplatten für längst Verstorbene angebracht, die Auslassungen lesen sich bisweilen interessanter als die Einlassungen. Hinter uns startet ein kosmopolitisches Gespräch auf Basler Spanisch und der eher zufällige Blick auf den, bis auf die Saubohnen, geleerten Vorspeisenteller der Damen vom Nachbartisch löst ein angenehmes Bestätigungsgefühl in uns aus, das in dieser Zone aus sich selbst zu entstehen und allgemein recht prächtig zu gedeihen scheint.

Appenzell (5)

Ging dann weiter durchn Niesel zur Schaukäserei in Stein AR. Hänge fläzten da links wie rechts der Straßen und flossen ineinander in ihrem Deprigrün, entweder hatte sie der Frühling noch nicht oders ist immer so im Appenzell – letzteres korrespondierte dann sicherlich mit der Selbstmordrate. Die Einzelgehöfte: vor Jahren sollen massig Freaks dort eingezogen sein, weil sie so billig waren, aufgegeben, wer auch wollte schon in diese Abgelegenheiten sonst, damals, als Abgelegenheit noch kein Luxusgut war. Schwer, ein Auskommen zu finden, verwaist die Weiden, leer die Dörfer (so liegt in Hundwil derselbe begraben), das ausgefuchste Panorama mehr oder minder fürn Arsch, überhaupt wirkt das ganze Appenzell (wo ist überhaupt der verdammte Säntis, man sieht ihn garnicht im Appenzell, sondern viel leichter von weit außerhalb) wie in den Abstellraum geschobene, ganz hübsche, nicht ganz koschere Kulissen für ein mäßiges Bergdrama. In Stein jedoch, das neben der Schaukäserei noch ein Volkskundemuseum aufweist, eine öffentlich zugängliche Kleintieranlage (”Bitte kein graues Brot”), einen Gasthof Ochsen (geschlossen) und als Black Rider maskierte Töfflibuben, halten Touristenbusse neben den drei übermannshohen Appenzeller Käsedenkmälern in den Export-Geschmacksrichtungen „mild-würzig“ (ehemals: „classic“), „kräftig-würzig“ bzw “rezent” (ehemals: „surchoix“) und „extra-würzig“ bzw “rassig” (ehemals: „extra“). Auffällig, daß den Touristenbussen keine Touristen entsteigen und hinter den vernieselten Scheiben lassen sich allenfalls geisterhafte Bewegungen wahrnehmen, lebendig wirken die jedenfalls nicht. So schlägt der gesamte Bezirk bereits nach wenigen Stunden mächtig auf die Stimmung. Klar: alles hier ist von zahnigen Bergketten umgeben, die erst überwunden werden müssen, um wieder rheinische Luft zu atmen. Und alles präsentiert sich in einer raumzeitverzögerten Wunderlichkeit, der, selbst wenn man ihr garnichts unterstellen möchte, allein aufgrund des fysisch wahrnehmbaren unangenehmen Verzögerungsziehens etwas potentiell Bedrückendes innewohnt, wahrscheinlich mehr als nur das: ein unscheinbares Tierlein im Grase, der zweiköpfige flugunfähige halbtransparente Malmfalter (auch: Almfalter), dessen weltweites Vorkommen sich auf die Gegend um Gonten beschränkt, symbolisiert diese ganze Alptraumhaftigkeit als zwangsläufiges Opfertier der Bergdohlen, die das zeitlupenhaft zäh flügelschlagende Insekt in geradezu angewiderter Weise erbeuten und verspeisen.

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Appenzell (3)

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Appenzell (2)

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Appenzell

Anhand der Fotos ein Versuch, die Appenzell-Exkursion zu bewerten. Fiel ja in Niesel und verschwand darin. Sehr steil gings auf wilden Geheimstraßen über die Appenzeller Alpen (den prächtigen Steiß der Schweiz vom Bodensee und St. Galler Rheintal her betrachtet), die wenig Rheine auszuschwitzen scheinen (so mündet z.B. die Sitter erst via Thur in den Rhein). Wenn man vom Appenzell sprechen hört, dann kommts stets auf die Selbstmordrate, das Frauenwahlrecht, den Käse, die Hackbrettmusik. Letztere eine der bedachtesten Ausprägungen von Hausmusik, die uns je zu Ohren kamen. Es heißt, die Appenzeller Leute seien etwas seltsam. Stur. Im Niesel waren jedenfalls garkeine zu sehen. Dafür freistehende crèmefarbene Gehöfte, deren weitere Eigenart darin besteht, daß die Scheunen im rechten Winkel direkt an die Wohnhäuser gebaut sind. Die Appenzeller Bahn erinnert an die Sauschwänzlebahn und das gesamte Appenzell auf ersten Blick in vielem an den Schwarzwald. Als „Schwarzwald der Schweiz“ würden die Appenzeller das Appenzell aber niemals vermarkten. Der Hauptort Appenzells heißt Appenzell und macht den Eindruck eines Potemkinschen Dorfes, mit dem Unterschied, daß hinter den schmucken Fassaden noch Verkaufstresen installiert sind, bevor die zugige Landschaft beginnt. (Also vielleicht eher ein Schweizer Disneyland.) Zu kaufen: Biber (Gebäck), Pantli (Salsiz), Ratzliedlitextbücher (Kulturgut), Ohrlöffel (Herrenschmuck), schwach-, mittel-, hoch-, ultra- und scheinnaiv bauerngemalte Landschaft mit Gehöften, Vieh und Menschen (spirituelle Vergegenwärtigungstechnik) und genauso künstlich wie diese Bilder sieht das Appenzell auch in Wirklichkeit aus, d.h., die örtliche Bauernmalerei erreicht im tatsächlichen Abgleich mit der Landschaft erstaunliche (Foto)Realitätsgrade. „Dienstag zu, Mittwoch auch“ steht auf einer Restauranttafel, es sind die einzigen Appenzeller Zeilen, die wir Zeit unseres Besuchs zu lesen bekommen, über die restlichen Wochentage geben sie freilich keine Auskunft. Wer mag die Information angeschrieben haben? Es gibt keine Menschen auf der Straße, Gartenzwerge schon und zwar jeder Couleur und Berufskleidung, aber keine Menschen eben, Seifenblasen schon, aber die werden von mechanischen Gartenzwergen umhergepustet, es gibt Fotos und Gemälde von idyllischen Appenzeller Szenen, auf denen auch Menschen dargestellt sind, aber eben (außer Touristen) keine auf den Straßen, keine als Appenzeller erkennbaren Appenzeller jedenfalls, sie werden sich doch nicht alle umgebracht haben, kaum vorstellbar, daß sie wirklich alle den Niesel scheuen, auf den saftig grünen Weiden jedenfalls steht kein Vieh, liegen aber auch keine Leichen. Gefunden haben wir echte Appenzeller schließlich doch noch (auf den Fotos, wie immer sie dorthingelangt sein mögen – und natürlich:) im Internet: „Min Vatter isch en Appezeller/er fräßt de Chäs mitsamt em Täller

Neustätten (2)

Die Neustätter Mystik, die sich im Verlaufe der ersten Spätabende des Bestehens der Ortschaft herausbildete und als eine der beiden Grundlagen für die Neustätter Stein-Wasser-Mythologie angesehen werden kann, fußt hauptsächlich auf merkwürdigen Leuchtstein-Funden, die der erste japanische Tourist Neustättens, Bokushi Suzuki, wie folgt beschreibt: „In einem der fabrikähnlichen Häuser Neustättens lebte ein Mann namens Hansruedi Öppert. Eines Abends (wörtlich: des ersten Abends, am Abend aller Abende, dem einen Abend, Anm.: Rheinsein) stieg er die Nationalstraße gegens Appenzell empor, das dort oben in tiefer Vergangenheit lag. Als er die Zeitschranke nicht durchdringen konnte und sich auf den Heimweg machte, bemerkte er ein vom Rheintalgrund ausgehendes blaugrünes Licht, das regenbogenartig zum Himmel aufstieg und sich dort verlor. Weil er ein tapferer Mann war und sowieso in der Gegend wohnte, rannte er die Asfaltstraße hinab, genau auf die Lichtquelle zu. Angelangt, fand er lediglich einen gewöhnlichen Stein. Dennoch hob er ihn auf und band ihn sich vor die Stirn, wo dieser wie zuvor leuchtete und ihm auf dem Heimweg, trotz all der Straßenleuchten, sehr zustatten kam. Bei seiner Arbeiter-WG angekommen, legte er den Stein auf die Fußabtrittsmatte, um sich ein Quöllfrisch aus dem Keller zu holen. Als er zurückkam, war der Stein nirgends mehr zu erblicken.“ Es gibt weitere solche Geschichten. Folgende erzählt der erste Neustätter Ökumene-Priester Alban Öppert, der viele solcher Berichte, Beichten und Schriften gesammelt hat: „Ein Neustätter Fabrikarbeiter fand unter dem Fließband, an welchem die Lizenz-Pinzgauerle verlötet und zusammengeschraubt und -gehämmert werden, ein altes Loch, das noch vor die Zeit der Stadtgründung zurückreichen durfte, und in dem Loch einen faustgroßen Stein außerordentlicher Schönheit, sodaß er ihn sich einsteckte und entgegen der Fabrikregeln mit nach Hause nahm. Nachts leuchtete dieser Stein wie ein fallender Komet. Die Mitbewohner des Fabrikarbeiters entsetzten sich darüber und sagten: „Das ist ein Geisterstein, den niemand besitzen darf.“ In Wirklichkeit waren sie im Imdoktrinationsbeginn befindliche Anhänger einer politisch-religiösen Gruppierung, die jeglichen Besitz ablehnte und die Sache mit den „Geistern“ war nur vorgeschoben. Dennoch hatten sie in diesem Fall recht. Um Unglück von seiner WG fernzuhalten, trug der Fabrikarbeiter seinen Leuchtstein ins Freie und fuhr mit einer Planierwalze über ihn hinweg. Bis in die frühen Morgenstunden gab der zu Staub geplättete Stein noch sein Schimmerlicht ab und am Folgeabend kamen einige Kollegen aus der Fabrik, die von dem Stein hatten erzählen hören, doch da leuchtete er nicht mehr und der Staub war vom Föhn weggeblasen.“ Es gibt in Neustätten und Umgebung zahlreiche solcher Geschichten, auch von Steinen, die schön waren, aber nicht leuchteten: all diesen Geschichten ist gemein, daß die Steine, sobald sie bekannt wurden, aus dem einen oder anderen Grund verschwanden und es heißt, diese Begebenheiten seien auch Anlaß für die Gründung der Neustätter Bewegung „Herkunft braucht Zukunft“ gewesen, die heute ja stärker für ihre Lobbyarbeit zur Überwindung der Herkunftslosigkeit bekannt ist, aber die intellektuelle Beschäftigung mit den Leuchtsteinen soll ihr Ausgangspunkt gewesen sein.

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”

Felsrose

Wahnsinn, diese Alpen! Mit der Frümsener Luftseilbahn hoch auf den Stauberen (1750 Meter). In der Kabine der Werdenberger Chronist samt Gattin, die frohgemut Rheinlieder anzusingen beginnt, als sie von meiner Profession erfährt. Rachiges Schwyzerdütsch, felsiger Singsang. Kuhglocken und Sennhütten, restlos unglaubhaft für einen Höhenschwindligen, aber sie existieren, auf ihre extrem steilheitsannehmende Art und Weise. Oben: atemberaubende Blicke aufs Fürstentum im Dunst, seinen kantig eingefaßten Rhein, das vorarlbergische Österreich, Appenzell, den Bodensee, wie der klaffende Kiefer eines Tyrannosaurus Rex spannt ein zerfurchter Gipfel zur Linken, zur Rechten der Hohe Kasten, blumenübersäte Alpen (Teufelskralle, Felsrose, Pulsatilla, Siebenmänteli, Pimpinelle, Knorpellattich, Rindsauge… von rund 360 Alpenblumensorten gedeihen auf diesen Wiesen angeblich und glaubhaft 320) beflattert von sommerisch torkelnden Widderchen, Trostlosfaltern und Schwalbenschwänzen. Rasend ziehen Dunstfelder hangan, verschwinden überm Gipfel, lösen sich auf in strahlendes Nichts. Es ist eine alpenrheingeborne Muse, die mich führt in zeitloser Schönheit, ein paar hundert Meter in diese Richtung, ein paar hundert Meter in jene, bis eben immer zum allergeilsten Ausblick, „fall nicht!“, sie ist besorgt um mein Verhältnis zum Sog, den solche Höhen auf mich ausüben. Sie quatscht und quatscht, die Muse, läßt alles Lebenswichtige Revue passieren, für mich, vor diesem Panorama, lacht über meine kargen Repliken, sorgt sich, nimmt mich, wo ich zu taumeln drohe ob all der ungeheuren, massiv energetischen Pracht, zärtlich bei der Hand, schimpft auf das ferne Meer, lobt die letzten zerrieselnden Schneefelder auf den Hängen, bestellt Apfelmost in der Hütte, während ich mir ein dünnes Appenzeller Quellwasserbier genehmige. Tadelnde Fragen, ob mir dieser Ausblick denn poetisch etwas eingebracht habe. Sie spielt und sie meint es ernst. Ein Leben haben wir auf Erden.