Ameisengeschichte

6.15 — Die müde Stimme eines Freun­des ges­tern Abend auf dem Anrufbeant­wor­ter. Ich hatte um einen Rück­ruf gebe­ten, der Rück­ruf kam bald. Er mel­dete, er sei gerade auf dem Land in sei­nem Haus und kämpfe mit den Amei­sen. In den dar­auf fol­gen­den Minu­ten hat­ten wir mehr­fach kür­zere Ver­bin­dun­gen, die je nur Sekun­den dau­er­ten. Das waren Verbindun­gen einer Art gewe­sen, die man viel­leicht von frü­her her kennt, Stör­ge­räu­sche, Wort­fet­zen, Stim­men von sehr weit her, geheim­nis­voll. Nach eini­gen Minu­ten war dann end­lich eine sta­bile Verbindung erreicht. Ich hörte einen Bericht jener Vor­gänge, die sich fern, im Rhein­gau, in einem klei­nen Haus, das sich in der Nähe eines Wal­des befin­det, abspielten. Möbel wur­den ver­rückt, in Mau­er­spal­ten geleuch­tet, Die­len angehoben, um das Nest der Amei­sen­tiere, die wie­der ein­mal in das Haus eingewan­dert waren, aufzu­spü­ren. Zu die­sem Zeit­punkt hatte ich noch immer die Vor­stel­lung eines Kamp­fes, der mit den Werk­zeu­gen der Uhrmacher gefochten wurde, Lupen, Pin­zet­ten, dazu feinste Netze, Nadeln, Honigtrop­fen. Rasch wurde deut­lich, dass ich mich in Dimen­sio­nen der Vor­stel­lung bewegte, die mit der Wirk­lich­keit mei­nes Freun­des nichts zu tun hat­ten, mein Freund kämpfte mit Schau­feln, mit Besen, mit Gif­ten, mit Feuer, mit Was­ser. Er sagte, er habe ein­zelne Tiere bereits vor Wochen wahrge­nom­men, sie aber zunächst nicht ernst genom­men. Ich stellte mir vor, wie sie nun über­all sind, ein Haus, das von Amei­sen geflutet wird, ein Haus, das eine Haut von Amei­sen­kör­pern trägt. Sie sollen als Staats­we­sen ohne beson­dere Intel­li­genz sein. Sie bemer­ken nicht, dass man sie bekämpft, sie wer­den weni­ger, aber sie hören nicht auf, sie flüch­ten nicht, gerade des­halb sind sie viel­leicht nicht zu bezwingen. Und wie­der die Frage, neh­men wir ein­mal an ein Volk von Wanderamei­sen näherte sich, was würde ich hören? Viel­leicht ein gut sicht­ba­res Geräusch? — stop

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Particles von Andreas Louis Seyerlein ist uns unter den literarischen Blogs der liebste: rund durchdacht, voller detaillierter Beobachtungen und merkwürdiger Erfindungen und ganz ohne störende Kommentare. Seyerleins kurze literarische Texte, Particles eben, bilden ein expandierend-kontrahierendes Wahrnehmungscluster, einen Textatem, einen Schwebezustand. Ein feines, durchlässiges, an manchen Stellen bereits verwaschenes Gewebe aus konzentriert beobachteter Wirklichkeit, dem, was die Wirklichkeit bedingen könnte, und dem, was die Wirklichkeit selbst an Fragwürdigem oder schon wieder Unwirklichem erzeugt. Das Particles-Gewebe besteht aus einigen thematischen Hauptsträngen. So fügen sich einzelne Particles zu Textreihen über einen an einem Sauerstoffschlauch in der Tiefsee zurückgelassenen Taucher oder ein mithilfe eines Positionssenders verfolgbares Eichhörnchen namens Frankie, das im New Yorker Central Park lebt. Eine andere Textreihe versammelt die Eindrücke von Medizinstudenten im lichten Präpariersaal der Münchener Anatomie. Käfer und Insekten spielen immer wieder eine Rolle, sowie mutierte und erträumte, mutierende und träumende, aus lang verschwiegenen Existenzen geschöpfte Wesen und Gegenstände. Bisweilen sticht die Realität hervor, wenn der Autor Amnesty Internationals Aufrufe zur Hilfe für Menschen in Not weiterleitet oder alltagsnahe Reisenotizen einstreut, denen dann jedoch gerne Fotografien anhängen, die erneut ins allenfalls Mögliche weisen.
rheinsein dankt Andreas Louis Seyerlein für die Genehmigung zur Veröffentlichung obiger Ameisengeschichte, die hier im Original zu lesen ist, wo sie zusätzlich mit dem Begriff “india” verknüpft steht, eine Verknüpfung, der zu folgen wir empfehlen. Wie nicht zuletzt und ganz besonders der  ausgeklügelten Particles-Anwendung Birdy: mit ihr läßt sich spielerisch eine Nachrichtenmaschine bedienen, welche Informationen über den erwähnten, im Meer ausharrenden Tiefseetaucher Noe liefert.

Rheinelefant

Aus der Abteilung Zwischen- und Mischwesen, säuberlich protokolliert von Dielhelm, der selber allmählich mystische Gestalt annimmt: “Andere Merkwürdigkeiten der Naturgeschichte hat man in Gestalt verschiedener Glieder von fremden und ungeheuren grossen Thieren aus dem Grunde des Rheins hervorgebracht und gehören insonderheit dahin zweene grosse Fischzähne, welche in der Pfalz bei Roxheim in der Nachbarschaft von Worms / von den Fischern herausgezogen und von D. Joh. Pincer an den Grafen von Solms geschickt worden, der sie in dem Schloß zu Lich an einer eisernen Kette aufhängen lassen. Es waren solches Backenzähne, die sich in viele Wurzeln vertheilten und noch in einem Stücke des oberen Kienbackens fest sassen. Der Doct. Pincer will an jetzt gedachtem Kienbacken zwey grosse Löcher oder Röhren beobachtet haben, durch welche der Fisch das eingeschluckte Wasser wieder in die Höhe geworfen habe. Allein, weil er selbst gestehet, daß diese Röhren nicht mehr ganz gewesen, so kan es wohl seyn, daß sie dasjenige nicht waren, wofür man sie angesehen, und daß besagte Backenzähne eigentlich einem Elephanten zuzuschreiben sind. Wie man denn von diesem Thier hier und dar um selbige Gegenden im Rhein Gliedmassen gefunden hat. Bey dem Apothecker Gmelin in Tübingen befindet sich auch noch ein Unterkiefer eines Elephanten, der zwey Stunden von Mannheim aus dem Rhein gebracht worden, und dem Unicornu fossili gleichet. Er ist sehr mörb und wiegt fünf und dreysig Pfund. Ein dabei gefundenes Horn ist ganz porös oder löchericht, und mithin leicht, dergestalt, daß es nur achthalb Pfund wiegt, ob es gleich eine Länge von ohngefehr zwey Schuhen hat.” Es geht noch ein wenig weiter mit der Beschreibung eines Elefantenschädels aus dem Neckar unter Zuhilfenahme veterinärmedizinischer Fachtermini. In Dielhelms spätbarockem Bericht steckt, trotz wissenschaftlicher Ansätze, die ganze Ungeheuerlichkeit einer vergessenen Spezies. Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang unbedingt auf Andreas Louis Seyerleins Seeelefantenforschungen resp. -betrachtungen, die zwar (noch) keinen direkten Bezug zwischen Seeelefanten und Rheinelefanten nachweisen, der Wunderlichkeit des Wesens an sich jedoch hier und an weiteren Stellen in Seyerleins unikem Blog particles in hohem poetischen Maße gerecht werden.