Loreley im Regen und Deutsches Eck bei Nacht

Petersberg, Drachenfels,
Rolandseck und Oberwinter,
gegenüber Unkel.
Belgisches Frachtschiff “Pecunia”
flußaufwärts nördlich von Remagen, um 16 Uhr 40.
Bad Breisig rast vorbei (IC 2027).
Bei Strom-km 618 ein grauer
Hanomag-Trecker mit roten Rädern.
Namedy ca. zehn vor fünf. Roter
Barth-Traktor auf der Bundesstraße.
“Hotel Leyscher Hof” in weißen Großlettern
an die Uferbefestigung von Leutesdorf gepinselt.
Turm und Kirche von Andernach lassen sich
soeben erblicken, eh ein Güterzug
auf dem Gleis der Gegenrichtung
dazwischeneilt.
Weizen vor der Stadt Weißenthurm.
RWE-Kraftwerksturm, davor winzig wirkende Bagger.
In die Luft ragende Sand- und Kies-Verarbeitungsbänder
und Sand- und Kiesberge. Gemüsefelder,
gelbe Gleisreparaturfahrzeuge.
In Koblenz Hbf umgestiegen in den
RE 4298, Abfahrt 17 Uhr 26, Dieselzug, der nur sonntags fährt,
via Bingen mit Endhalt in Karlsruhe.
Schlösser am Hang,
Kirchen auf Hügeln,
Burgen auf Hügeln
(In den Tagen des Raubrittertums
mussten die Mädchen um ihre Unschuld fürchten,
umso mehr achteten darauf die Kirchen).
Rhensersprudel. Marksburg mit 3 Schornsteinen dahinter
(Blei- und Silberhütte Braubach).
Stromversorgung von Hausdach zu Hausdach.
Grüne Weinberge,
grüne Hügel,
angegrauter Himmel.
Km 574, der Rhein kurvt
südwärts nach links.
Dann Windräder auf Höhen,
eine Seilbahn am Hang,
kurz vor Boppard, genannt die Perle am Rhein.
“Bitte den Türbereich freigeben, damit wir abfahren können.”
“Einsteigen, bitte!”
“Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund von Kundenverhalten wird
sich unsere Abfahrt verzögern. Wir bitten, dies zu entschuldigen.”
Vor Stadtmauerresten die Bopparder Stadthalle. Tennisclub Rot-weiß.
Rechtsrheinisch ggü. weißgetüncht auf Ufermauer “Hotel/ Cafe Rheinkönig”.
Im Blickbereich Strom-km 567 zwei Burgen auf zwei Hügeln rechtsrheinisch.
Minuten später die Burgen Katz und Maus und Rheinfels.

Ausstieg in St. Goar.
Letzte Rückfahrmöglichkeit nach Koblenz um 00 Uhr 40.
Kurz vor 18 Uhr kreist ein ADAC-Hubschrauber
über St. Goarshausen, landet vor der Kirche.
Außengastronomiegäste in St. Goar filmen es mit ihren Smartphones.
Eine Mutter, ihr Kleines auf dem Arm, erklärt,
was ein Hubschrauber ist.
Der Schaufelraddampfer Goethe, 2013 Hundert Jahre
geworden, legt linksrheinisch an.
Beim Ablegen echoschallt
der schwere Schiffshornton vom Berg über
der Kirche St. Goarshausens wieder.
Vier ergraute ZZ Top-Fans.
“…Sitzplatzkarte übern Comjuter. Dat is jar nich’ jut. Ich hab’n
neues Hüftjelenk und muß mich viel bewegen.”
Drüben hebt der Hubschrauber ab, landet
wenige hundert Meter nördlich auf einer Wiese.
Die Goethe hat auf dem Rhein gedreht und
legt nun auch in St. Goarshausen ab.
Mit der Fähre Loreley VI übergesetzt, wobei man ein
rotes Armband bekommt als Nachweis, dass
die Rückfahrt bereits bezahlt ist (zus. 3,60 €).
Nach der Überfahrt einen vor einem Cafe sitzenden
Herrn gefragt, was los gewesen sei – Hubschrauber.
“Do is aner kollabiert, an der Fähr’.
Wor abä net so schlimm.”
Buslinie 535 Shuttlebus Loreley, wobei man ein zweites,
blaues Armband erhält, zum Nachweis, dass die Rückfahrt
bezahlt ist (in summa 5,50 €).
In den Berg rauf, vorbei an Hermannsmühle, Wasserwerk St. Goar,
ein Schild kündet vom kühlen Grunde.
Zwei Polizeikontrollen, 2 x 2 Streifenwagen, lässig stehen
ältere Beamte und eine Beamtin in der Landschaft.
Schon Western-mäßig.
Oben erstmal zu Fuß zur Felsspitze.
Bei Strom-km 554.
193,14 Meter über Normalnull und
125 Meter über dem Rhein, laut Schild.
Exotisches findet sich vor dem Eingang zur Freilichtbühne:
“Jeju Dolharbang”, von der Stadt Jeju in Korea (wohl Süd-?), welche der
“Region Loreley”, so der Gedenkstein, das “Kultursymbol”
“Dolharbang” schenkt, am 28.11.2009,
zwei steinerne Figuren, ein “Paar” aus
Zivilbeamten und “Militäroffizier”, die
zusammen die “Funktion eines Schutzgottes” hätten,
“der ein Dorf bewacht”. Unterzeichnet vom Bürgermeister in Jeju.
Die Figuren sind auch auf den zweiten Blick identisch.
Zu einem dritten bleibt keine Zeit,
da auf der Bühne Status Quo ihren Auftritt beginnen.
Also rein, um meinen Eindruck von vor 31 Jahren zu überprüfen.
Schon 1986 wippte ich, sechzehnjährig, mit, weil das
bei ihrer Art von Rock`n`Roll kaum zu vermeiden ist,
blieb aber eher beeindruckungsfrei. Ich respektiere sie.
Viele verehren sie.
Mit “Rockin’ all over the world” macht man auch alles richtig.
Gestandene Männer mit grauen Haaren und Halbglatze spielen
beseelt Luftgitarre.
Die jüngere Generation leicht in der Unterzahl.
Eher vereinzelt Mobiltelephone über die Köpfe gereckt
zwecks Videodokumentation.
Smartphonefilmen scheint eine Erinnerungstechnik
der Jüngeren zu sein, bis etwa Mitte 40.
Nicht, dass die Älteren keine Smartphones hätten, der Unterschied:
sie bleiben eher in der Tasche.
Mein Anwesenheitsgrund beginnt
staubtrocken
mit
“She got me under pressure,
she got me under preeesure”.
SWR 1 überträgt / zeichnet auf.
Mehrfach fallen mir dunkelhäutige Damen in
den T-Shirts des texanischen Trios auf.
ZZ Top spielen 12 Songs,
bis es weiter südlich überm Rheintal heftig blitzt.
Natürlich dabei “Gimme all your lovin’”
und “I’m bad, I’m nationwide”.
Irgendwann singt Billy F. Gibbons
“I’m shufflin` in Texas sand, but my head`s in Mississippi
on Loreley”
Gitarrentechniker Elwood Francis kommt als Gastmusiker
mit steel guitar auf die Bühne zu einem Song,
den Gibbons als “real country” ankündigt und als
“back to the real USA”.
(Nach Januar 2017 bedarf das kaum weiterer Worte.
Gerade ja auch wertkonservative Republikaner
hadern mit der Personalie der aktuellen Präsidentschaft.)
Bei “Sharp dressed man”,
es sind um die 15 Songs nun,
rücken die Blitze bedenklich näher.
“Legs” (“She’s my baby, she’s my baaaby”),
mit jeweils in weißen Plüsch gekleideten Bass- und Gitarrenkorpus
geht noch. Dann verschwinden die Musiker hinter
der Bühne, was als das übliche Ritual zwischen Gig und Zugabe
interpretiert werden kann.
Die Light Show imitiert sinnig das Wetterleuchten.
Die meisten wollen more,
nicht wenige strömen ob des einsetzenden Regens zum Ausgang.
Die Zugabe ist, natürlich, “La Grange”.
Allein dafür hat sich die Reise gelohnt.
Die Musiker kommen nicht dazu, sich zu verabschieden.
“Danke, ZZ Top. Sie hätten gern noch mehr gespielt.
Räumt jetzt bitte das Festivalgelände. Es kommt ein bißchen was.
Geht in Eure Fahrzeuge. Es geht um Eure Sicherheit.”
Wer nun automobil- bzw. wohnmobilfrei ist,
hätte gut daran getan, Schirme oder Regenzeug mitzubringen.
Die Schlangen vor den Shuttlebussen triefend nass.
Einer will mir meinen Taschenschirm (dm-Standard) abkaufen.
Für einen mittleren zweistelligen Betrag,
Freundlich lehne ich ab.
Letztlich verläuft alles geordnet.
Da ich Zeit habe (die Anschlusszüge nach Wuppertal
gehen erst morgen früh und ich bin auf eine Nachtwanderung
am Koblenzer Rheinufer eingerichtet),
erstmal raus aus der triefenden Menge.
In der Nähe untergestellt.
Eine auf freundliche Weise alkoholisierte Besuchergruppe
mit deren Smartphone fotografiert.
Einem gut abgefüllten Altrocker mit grauer Mähne
und Rauschebart war aufzuhelfen – er ist mit einer
Bierbank umgekippt.
Einige fliehen in eine Art Almhütte mit Ausschank,
der ob des Ansturms das Bier ausgeht.
Ein Tisch gröhlt los: “Wir lagen vor Madagaskar…”,
ein anderer Tisch stimmt lautstark ein.
Maßkrüge donnern auf Holz.
In die vermutlich viertletzte Shuttlebusfahrt
springe ich gerade noch, bekomme auch
die Fähre nach St. Goar.
Bei Regen nachts übern Fluss gesetzt.
Die Fährleute gelassen:
“Schiebt e bißchen. Mir wolle los.”

Den letzten Zug nach Norden bekommen.
Nachts um halb drei am Deutschen Eck
im Regen und das freiwillig.
Poetischer Reichtum.
Die wahre 1%-Gesellschaft.

(Ein Berichtgedicht von GrIngo Lahr vom 09. Juli 2017, exklusiv für rheinsein.)

Nikolaus in Annenach

Andernach, 06. Dezember 2016

Wintersonnende Eiskronenbäume,
Frostäcker und Gewächshäuser,
auf der anderen Rheinseite Leutesdorf.
Den Bahnreisenden, von Norden kommend,
grüßt der Alte Krahnen.
Der verlud 350 Jahre lang, bis 1911,
Mühlstein und Wein.

Johannesplatz heißt der Kreisverkehr
in Bahnhofsnähe, nach dem
Heiligen Johannes von Nepomuk,
dessen Statue dort
in einem gittergeschützten Unterstand
durch eine Traditionsnachbarschaft betreut wird,
die auch herbstliches Döbbekooche-Essen veranstaltet.

Nach Unterqueren der Gleise
findet sich hinter der Brücke
stadteinwärts in der Bahnhofstraße
auf einer Basaltlavaplatte eine
Wegmarke der US Army aus dem Jahre 1945:
„Montana „Butte“ 7943 mls Ohio Los Angeles 7365 mls Old Liry”

Entlang Kebabhaus, Backstuben,
Apotheke und Mobilphonshops,
lokalem Modehaus und Bücherwelten
zur alten Stadtmauer samt erhaltenen Halbrundtürmen,
an deren Innenseite sich teilweise Wohnhäuser schmiegen.

Im Garten der kurkölnischen Burgruine
auf einem Betonquader ein metallenes Modell
der Anlage plus Erläuterung in Blindenschrift,
zur Stunde achtlos mit Zigarettenkippen bestückt.

Auch das Koblenzer Tor, Teil der Stadtbefestigung,
wird von einer Nachbarschaft betreut;
eine Tafel kündet von deren Fünfhundertjährigem,
anno 2013.

Gegenüber Hindenburgwall Ecke Konrad-Adenauer-Allee
am Rhein die Zollbastion Bollwerk,
ein Rundbau, in dessen Innerem
ein Denkmal an die Gefallenen
der jüngsten Weltkriege erinnert –
im Boden eingangs ein steinernes Skelett mit Sense.

Von dort fällt der Blick auf
eine Neubausiedlung stadteinwärts
(vermutlich oberhalb bekannter Hochwassergrenze)
sowie
ein Schild auf der Wiese
mit der Abbildung eines kackenden Hundes
und der Botschaft: „Ich bin unschuldig!
Herrchen / oder Frauchen/ räumt es selbstverständlich weg!!
Vernunft, Anstand und Gesetz gebieten es!“
(Tatsächlich ist das Areal haufenfrei –
mit Freundlichkeit lässt sich mehr erreichen
als durch Drohung und Verbot.)

Auf Neuwieder Seite
röhren winterliche Kettensägen
in braunkahlen Ästen,
von Oberkörpern geschwungen,
gekleidet in orange,
das mit dem anthrazitnen Funkeln des Rheins harmoniert.
Der betongestützte Hang von sinkender Nachmittagssonne beschienen.
Das Immergrün der Tannen dezent schön über nackten Laubbaumstämmen.

Kahle Baumkronen
(temperaturbedingt momentan vor allem linksrheinisch)
blickverzaubernd,
da im kühlen Schatten
eisiger Reif auf ihnen glänzt.

Ein Paar schwimmt vorbei,
Ente und Erpel.

Schiffsanlegestellen im Winterschlaf.
Die Sitzbänke an der Allee gleichwohl gepflegt,
in Höhe Flusskilometer 613.

Zug, Auto, Schiff passieren
die Andernacher Pforte,
wo sich nach Norden hin
- gegenüber rechtsrheinisch Leutesdorf –
das Flusstal aus dem
Neuwieder Becken heraus
wieder verengt.

Im Doppeltorinnenbereich des
Rheintors gurren Tauben
vielleicht zur Unterhaltung
der beiden tuffsteinernen Torwächter,
Bäckerjungen genannt.
Rheinseits weisen Hochwassermarken
über die Jahrhunderte immer wieder hohe Stände aus,
eine jüngere von 1995 –
wohl ein Grund der Entstehung der traditionellen Nachbarschaften,
wechselseitige Hilfe.
An der stadtwärtigen Innenseite des Tors
oberhalb des Durchgangs
zwei Bienenstöcke.
Durchs Tor über den Fluss blickend
das dortige Hügelpanorama,
links (nördlich) flankiert durch den weißgetünchten
Kirchturm von Leutesdorf, graubedacht,
rechts (südlich) in der Ferne Neuwied.
Drüben auf der Bundesstraße fährt ein DHL-Laster
seine charakteristischen Farben stromaufwärts.

Für den Kaltwassergeysir,
laut Infotafel eine durch CO2 ca. zweistündig bis zu 60 m hoch
schießende Fontäne auf dem Namedyer Werth,
ist es zu kalt,
selbst wenn ein Schiff nach dort führe.

Aufwärmen gelingt im
Mariendom.
Und im historischen Rathaus
vor der Glastür zum Keller
mit der Mikwe, einem mittelalterlichen
jüdischen Kultbad.
Freilich ist die Tür verschlossen,
da das Bad nur im Rahmen einer Stadtführung
betreten werden kann – was just nicht
möglich wäre, da eine Warnlampe blinkt
und hohen CO2-Gehalt signalisiert.

Das Wahrzeichen Andernachs,
der 56 m hohe Runde Turm
trägt eine trotzig-stolze Wunde,
ein Loch in der Westseite von einem
missglückten Sprengversuch französischer Truppen 1689,
dem er standhielt.
Die Narbe eindrucksvoll beschienen
durchs für heute letzte Sonnenlicht.

Schafbachstraße Ecke Am Helmwartsturm
(nach dem gleichnamigen Teil der Stadtmauer
samt nachgebildeter Wehrbrücke aus Holz)
geht’s zum Markt,
jahreszeitlich bedingt mit Adventsbuden.

Ein Nikolaus aus Fleisch und Blut
belohnt Kinder, die Weihnachtsgedichte aufsagen,
mit solchen aus Schokolade.

Eher eine Knecht-Ruprecht-Aufgabe
erfüllt ein Marktaufseher,
der Verkäufer/innen eines Straßenmagazins
mehr oder weniger höflich „Tschüsss!“
des Marktareals verweist
(woraufhin diese außerhalb der ihnen gesetzten
Grenzen umso intensiver „Chef, Chef, eine Frage…“
um Absatzkunden werben müssen).

In der Tourist Information
beantwortet eine Dame
die Frage nach
dem Geburtshaus des Dichters Charles Bukowski
einerseits mittels eines ausgehändigten Stadtplans
und andererseits, indem sie ungefragt von sich aus
zusätzlich noch Information zum Schriftsteller ausdruckt.
Sehr freundlich dies.

Es findet sich fußläufig
etwas oberhalb des Kreisverkehrs Johannesplatz
in einem Eckgebäude an der Aktienstraße 12.
Dort ist eine Gedenktafel angebracht,
unterzeichnet von der
Charles-Bukowski-Gesellschaft und der Stadt Andernach.
Das Haus beherbergt heute ein Geschäft für Karnevalsbedarf.
Just von einem aufmerksamen Mond wach beschienen.

(GrIngo Lahr streift für rheinsein durch Andernach, verpaßt den Ausbruch des Kaltwassergeysirs und findet das Geburtshaus von Charles Bukowski.)

Flussgeschichten – Der Rhein

ist der Titel der neuesten Rheindokumentation aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vor einer Woche erstausgestrahlt steht sie ein Jahr lang, bis Ende Mai 2016, in der ARD-Mediathek zur Verfügung. “Warum ist es am Rhein so schön?” lautet die Grundfrage des Films von Thomas Förster, der sich in kurzen Geschichten den Städten, Städtchen, Dörfern und Landschaften des Abschnitts zwischen Koblenz und Nimwegen widmet. “Was hebt diese Doku gegen ungezählte andere ab?” lautet die obligatorische Gegenfrage. Zum einen ist dies die Spielfilmlänge von knapp anderthalb Stunden. Zum anderen die Herangehensweise, die leidlich bekannten aktuellen Flußansichten mit Fotografien und Filmausschnitten früherer Jahrzehnte, vornehmlich aus Regionalsendungen der 50er und 60er zu verschneiden.

In Koblenz widmet sich der Film ganz dem Reiterstandbild am Deutschen Eck, mit knapp 40 Metern Höhe angeblich das größte seiner Art weltweit. Kurt Tucholsky hat es zureichend beschrieben. In Andernach geht es um den Geysir, der wiederum ein rekordträchtiger ist. Von Remagen sehen wir die Brücke, von der bis 1976 noch zwei Pfeiler in der Flußmitte standen und Romy Schneider, die sich in einem Remagener Synchronstudio, das seit 20 Jahren Geschichte ist, selbst synchronisiert. Für Linz steht der Schwimmer Klaus Pechstein, der 1969 als erster Mensch den Rhein komplett durchschwommen haben soll. Fotos und Bewegtbilder zeigen den Sportler im Gummianzug in schickem Barakuda-Design, wie er beim

klaus pechstein

Schwimmen kleine Raucherpausen einlegt oder ein Pils zischt. Neun Jahre vor Pechstein hatte bereits der Franzose Louis Lourmais den Rhein durchschwommen – der Film behauptet: erst ab Schaffhausen. Königswinter wird als Sehnsuchtsort attributiert. Touristen amüsieren sich bei Juxfotografen und Eselstrecks auf den Drachenfels. 1958 entgleiste die damalige Drachenfels-Dampfbahn, die Touristen auf den Berg brachte, bei einem Bremsversagen aufgrund zu geringen Dampfdrucks. Das Unglück forderte 17 Tote. Den Erzählautomaten kennen wir von

drachenfels_erzählautomat

unserem ersten Besuch. Er dürfte mittlerweile den Modernisierungen rund um die Drachenburgruine zum Opfer gefallen sein. Für Rhöndorf wärmt der Film den Streit zwischen Konrad Adenauer und Peter Profittlich auf. Letzterer wollte eine Seilbahn, die den Ort mit der Drachenburg verbinden sollte. Adenauer wollte sich nicht von Touristen in den Garten schauen lassen. Eine Seilbahn gibt es in Rhöndorf bis heute nicht, Adenauers Garten kann besichtigt werden. 1959 berichtete der Spiegel von der Auseinandersetzung. Die ehemalige Hauptstadt Bonn streift der Film nur knapp, in Form von Motorradartisten, die sich der Godesburg per Luftseil näherten. Für Köln portraitiert der Film Sigrud Knubben, mehrfache und jung verstorbene Weltrekordlerin im Motorboot. Motorbootrennen fanden an der Kölschen Riviera bei Rodenkirchen statt – der Rhein wurde für den Normalverkehr einfach gesperrt. Weiters aus Köln berichtet wird die illegale Hebung des Grabmals des Poblicius, das einen ausführlichen Wikipedia-Artikel besitzt und der Einfluß der Fließbandgeräusche der Fordwerke auf das musikalische Werk von Gavino Soro – mit seinem Lied Ju-Ju-Juliette findet sich auf Youtube ein Beispiel für den italienisch-rheinischen Werkhallenschlager. Über die Zonser Freilichtspiele und einen Abstecher ins Braunkohlerevier, dessen Grundwasser über die Erft in die Rhein abgeführt wird, was die Flußstärke der letzteren ungefähr verfünffachte, geht es auf Düsseldorf, den Querverschub der Oberkasseler Brücke, Radschläger, Altstadtoriginale und eine Performance der ZERO-Künstler. Für Duisburg stehen Rheinhausen und Ruhrort. Die Stahlschmelze in Rheinhausen war 1962 Gegenstand der ersten TV-Satelliten-Direktübertragung zwischen Deutschland und den USA, ein Stück Rundfunkgeschichte. Ruhrort zeigt der Film zu Zeiten des Niedergangs der Schleppschifffahrt, als die Schlepperbesatzungen noch mit Proviantschiffen versorgt wurden. In den Weiten des Niederrheins befinden sich Ortschaften, deren Existenz uns zuvor unbekannt war. Über Orsoy (das Anfang der 60er kurzzeitig Ideenzentrum der von den Alliierten nicht genehmigten deutschen Raketenindustrie war) und Götterswickerhamm (dessen Orderstation die Passagezeiten der Schiffe notierte und die vorüberziehenden Schiffer mit Informationen  und Musik beschallte), geht es auf Borth, die niederrheinische Salzpfanne, ein Bergwerk mit ausgeprägtem Straßennetz in 500 bis 800 Metern Tiefe, auf Mars, dessen Name für sich steht und einen Schokoriegelhersteller auf die Idee brachte, die Dorfbewohner für eine Kampagne als Marsmenschen einzuspannen, auf Elten, das nach dem Krieg vorübergehend an die Niederlande ging, als Pfand für noch zu leistende Reparationszahlungen und schließlich vorbei an Schenkenschanz nach Nimwegen.

Flussgeschichten – Der Rhein bietet eine ausgewogene Mischung aus bekannteren und randseitigen Geschichten. Insbesondere das in WDR-Archiven ausgegrabene Bildmaterial aus der jungen Bundesrepublik macht den Film, der über weite Strecken wie eine Sendung mit der Maus für Erwachsene wirkt, sehenswert.

Auf den Spuren Willy Brandts (4)


Die Willy-Brandt-Allee in Andernach als ausgemacht häßlich zu bezeichnen würde den Punkt nicht treffen. Sie ist nicht häßlicher als benachbarte Straßen des mit historischen Bauten und heimeligen Ecken ebenso wie mit einer riesigen Brachfläche im Zentrum gesegneten Rheinstädtchens, das zu den ältesten Deutschlands zählt. Bemerkenswert ist vielmehr ihre Länge und Lage, vor allem im Vergleich zur Konrad-Adenauer-Allee, der in Andernach wesentlich größere Bedeutung zukommt. Die kurze, nach Willy Brandt benannte Allee zweigt von der zentralen, rheinseits die gesamte Innenstadt flankierende, nach Adenauer benannten Achse in die Randlage eines Wohngebiets. Auf die Konrad-Adenauer-Allee stoßen Andernachs Besucher unweigerlich, die Willy-Brandt-Allee müssen sie finden. Ihr Alleegedanke manifestiert sich in wenigen, vom Straßenrand zurückgenommenen Bäumchen, die als karge Schattenspender für die auffällige Parkplatzreihe dienen. Schilder weisen die Allee als Spielstraße aus, doch ihr Spielwert wirkt bescheiden. In der Frühjahrssonne machte sie einen für Neubausiedlungen typischen, depressiven Eindruck: zu clean die Fassaden, zu glatt der Asfalt, zu hell der Tag, angemischt mit bedrückender Leere unter Baumgerippen – eine von Melancholie bereinigte Starktristesse, die nicht einmal für ein Gemälde  im Stile Edward Hoppers taugte.

Vom Rhein zum Rhein


Vom Rhein über die Rheinanlage kommend, führt zwischen dem Hotel Rheinkrone und dem Rhein-Hotel in Andernach das Rheintor auf die Rheinstraße, wo wir am helllichten Nachmittag einen Blick in dieses spelunkendunkle Etablissement erhaschten, in dem zwei Schatten aus einer mythisch-vergangenen Zeit den Tresen zu bevölkern schienen.

Lechts- und rinksrheinisch

Durch das linke Fenster des Rheinschiffes fällt der Blick von Backbord auf das linksrheinische Andernach, im rechten Fenster zu sehen sind Häuser aus dem rechtsrheinischen Leutesdorf. Was sehen die Passagiere auf der Steuerbordseite des Schiffes?

he was literally a child of the Rhine, his father being a water-monster

In the middle of the fifth century arose the powerful dynasty of the Merovingians, one of the most picturesque royal houses in the roll of history. In their records we see the clash of barbarism with advancement, the bizarre tints of a semi-civilization unequalled in rude magnificence. Giant shadows of forgotten kings stalk across the canvas, their royal purple intermingling with the shaggy fell of the bear and wolf. One, Chilperic, a subtle grammarian and the inventor of new alphabetic symbols, is yet the most implacable of his race, the murderer of his wife, the heartless slayer of hundreds, to whom human life is as that of cattle skilled in the administration of poison, a picturesque cut-throat. Others are weaklings, fainéants; but one, the most dread woman in Frankish history, Fredegonda, the queen of Chilperic, towers above all in this masque of slaughter and treachery.

Tradition makes claim that Andernach was the cradle of the Merovingian dynasty. In proof of this are shown the extensive ruins of the palace of these ancient Frankish kings. Merovig, from whom the race derived its name, was said to be the son of Clodio, but legend relates far otherwise. In name and origin he was literally a child of the Rhine, his father being a water-monster who seized the wife of Clodio while bathing in that river. In time she gave birth to a child, more monster than man, the spine being covered with bristles, fingers and toes webbed, eyes covered with a film, and thighs and legs horny with large shining scales. Clodio, though aware of the real paternity of this creature, adopted it as his own son, as did King Minos in the case of the Minotaur, giving him the name Merovig from his piscatory origin. On Clodio’s death the demi-monster succeeded to the throne, and from him sprang a long line of sovereigns, worthless and imbecile for the most part.

Childeric, the son and successor of Merovig, enraged his people to such a degree by his excesses that they drove him from throne and country. One friend alone remained to him, Winomadus, who, having no female relations to suffer by the king’s attentions, did not find the friendship so irksome as others; indeed, had been a partner in his licentious pleasures. He undertook to watch over the interests of Childeric during his enforced absence in Thuringia at the court of Basinus, king of that country. The Franks had elected Aegidius, a Roman general, to the sovereignty over them, but as he proved himself no better than Childeric, whom they had deposed, they once more essayed to choose another ruler. This was made known to Childeric through his friend Winomadus. He rapidly returned to the shores of the Rhine and, reinforcing his following as he proceeded on his march, appeared before Andernach at the head of a formidable force, composed of many of his former subjects, together with Thuringian auxiliaries. The people of Andernach, unable to resist this overwhelming argument, again accepted Childeric as their king.

(Lewis Spence, Hero Tales and Legends of the Rhine, London; New York: 1915)

Diese langweilige Stadt scheint langsam zu sterben

Diese Herrnhutische Stadt, worin ich geboren wurde, versandet noch heute den Rhein, reizlos und ärmlich. Man hat dort die besten französischen Möbel geschreinert, und der Portwein der Herrnhuter, die ihre Töchter damals nach dem Los an Missionare verheirateten, war eine gute Sache. Schon morgens nahm man ihn im Elefantenstall. Dies Herrnhuter Viertel war rational und totenstill, geometrisch wie eine alte Jungfer. Die weißen Fenster blieben geschlossen, niemand schaute heraus, pedantisches Empire verbarg große Gärten, woraus mitunter eine weiße Haube lugte. Die Kirche war kahl wie ein Operationssaal, Gott als weißes Quadrat.
Der Pöbel wohnte im kleinen Frankreich, ebenso die Stadtverrückten. Dort hing Wäsche, und die Mädchen gingen auf die Rabeninsel am Rhein. Man erzählte Schauerliches. Am kleinen Frankreich vorbei, woraus hie und da ein Stein oder Fluch in die Schloßstraße flogen, ging man ins Fürstliche, beschaute idiotische Schloßpfauen und saß an der Rheinspitze, die den Fluß zerschnitt. Dort träumte man von Ausflügen nach Andernach und schaute nach dem Kirchturm von Leutesdorf hinüber.
Abends saß man vor dem Haus. In der Weinkneipe gegenüber grölten die Schützen gereimte Trinksprüche, man erzählte Mordsgeschichten, wenn man nicht in Sue, dem Zauberer von Rom, Dumas oder Gerstäcker steckte. Als Comble des Witzes wurde mitunter die Eingabe eines Schulmeisters an Friedrich den Großen vorgelesen. Diese langweilige Stadt scheint langsam zu sterben. Ich glaube, die andere Rheinseite hat mehr Verbindungen oder sonstwas. Doch immer noch speien die aufsässigen Männer des kleinen Frankreichs gelassen in den heiligen Rhein.
Nachts saß ich mit meinem verstorbenen Onkel um den runden Tisch. Wir rauchten und lasen Räubergeschichten aus der Leihbibliothek eines stotternden Buchbinders. Man ging spät schlafen und stand spät auf.
Auf der Schule machte mir die übliche Ignoranz der Lehrer einen häßlichen und dauernden Eindruck. Unwahrscheinlich deformierte Bürger dösten und quälten zwischen Stammtischen und Grammatik. Humanistische Monstres. Ein Altphilologe, der aus dem Manöver zurückkam, modernisierte den Cäsar, rüstete ihn mit Maschinengewehren aus und ließ die Legionäre locker ausgeschwärmte Schützenlinien bilden. Ein Wort beunruhigt mich heute noch: “frumentarium, das Getreidewesen”. Was ist das? Wir hatten einen Physikprofessor, einen schweigsamen Waldläufer, der einmal die Rede zu Kaisers Geburtstag halten sollte und damit begann: “Wenn ich zwei Frösche in ein Glas Wasser setze…” Von der Sexualität der Frösche kam er dann auf das geeinte Vaterland zu sprechen. Bei der Lektüre des Platon wurde der Hauptwert auf das “men te kai ouden” gelegt, mitnichten aber so wenn nämlich hinwiederum. Platon selbst hatten die Pauker so wenig begriffen wie wir.
Das entscheidende Erlebnis war natürlich Karl May, und der Tod Winnetous war mir erheblich wichtiger als der des Achill und ist es mir geblieben. Ich flog aus dem Abitur und kam in ein Landgymnasium. Sonntags betrank ich mich im Karzer und las Detektivromane, Wedekind oder Rimbaud. Das Nest war entsetzt, daß ich es wagte, die Wohnung eines früheren Majors des dort garnisonierten Dragonerregimentes zu beziehen. Der Pedell mußte mich stets in die Penne abholen. Nachmittags lief ich auf einen kleinen Berg und trank dort in einem Riesenfaß. Natürlich hieß die Kneipe “Perkeo”. Der Blick in die ermüdende Rheinebene war dermaßen verzweifelt, daß ich in diesem Faß zu schreiben begann. Die Kellnerin, die mich bediente, hatte mit einem bekannten deutschen Dichter ein Verhältnis; allerdings beklagte sie sich über dessen Nervosität. Dieser Mann wurde meine erste literarische Bekanntschaft.
Ich erinnere mich eines eigentümlichen Physikprofessors, der aus Religiosität nicht an die Gravitation glaubte, sowie des Lehrers im Griechischen, der im Dunst seiner bäuerlichen Pensionäre die Ursprachstämme suchte; dann gab es noch einen Direktor im blauen Gehrock, der unter einem Riesenphoto Goethes unablässig Iphigenie neu dichtete. Er glich vollkommen seinem mißgestimmten Griffon. Ich werde dieses ekelhafte Nest nie vergessen. Einmal besuchte mich ein Messias, der aus Bordeaux kam. Er schien aus Kleinasien zu stammen. Jedenfalls trank er fürchterlich und kannte sich ausgezeichnet in sämtlichen Hafenstädten aus.
Die wichtigsten Gebäude waren Zuchthaus und Schloß. Sonntags rasten die Bürger in dem französischen, geometrischen Park umher, grüßten je nach der sozialen Lage, während ich im Kirchturm regelmäßig meine Karzerstrafen heruntersaß. Ich zog es vor, dort still die Sonntage zu verschlafen, statt mir die Nachmittage durch den Blödsinn der Lehrer zu verderben. In einem Koffer brachte ich mir Nahrung, Alkohol und eine Decke mit. Ich erinnere mich, einmal nachts in einem Hausflur gegen einen Erhängten gerannt zu sein. Dann ging ich nach Berlin. Nachts erzählten wir uns Abenteuerromane. Ich hatte aus Paris die 34 Bände Phantomas mitgebracht. Die liebsten waren mir: Le pendu de Londres et le fiacre de la nuit. Damals schrieb ich Bebuquin: Blei druckte das in den Opalen, und damit war man zwanzig und in der Literatur.

(Carl Einstein: Kleine Autobiographie)

Rheinzitat (16)

“Der Rhein war über die Ufer getreten. Sie nannten das die Jahrhundertflut. Ich habe schon immer schreckliche Wetterverhältnisse ausgelöst, wo ich auftauchte. Einmal hatte ich in Illinois eine Lesung, und tags darauf wurde der Staat von dem schlimmsten Tornado seiner Geschichte heimgesucht, und einen Monat später starb der Dichter, der die Lesung organisiert hatte. Das ist der Grund für meine hohen finanziellen Forderungen für solche Lesungen: Ich weiß nie, ob ich da wieder heil rauskomme.”
(Charles Bukowski anläßlich eines Besuchs in seiner Geburtsstadt Andernach Mitte der 70er Jahre)

Andernach

andernach_rolandstatueRolandstatuen gibt es in vielen Städten. Die Schwertritter symbolisieren die jeweilige städtische Souveränität. Dieser Roland in Andernach genießt einen perfekten Rheinblick. Eine Besonderheit ist die Möwe auf seinem Kopf. Sie besteht aus Gips und Farbe, unbekannte Spaßvögel hatten sie auf der Statue Haupt verankert, wo sie einige Tage verweilte, bis sie, vermutlich von Amts wegen, wieder entfernt wurde. Schreibt uns Marcel Crépon, der diesen Monat in Andernach weilte. Zunächst habe er, so direkt am Rhein, die Rolandstatue für eine Siegfriedstatue gehalten, da er mit der Person des Roland unverbrüchlich die Schlacht von Roncevalles (mit Rolands Tod, so wie er im Manuel d‘Histoire de France seiner Kindheit abgebildet war) in Verbindung bringen würde, nicht aber Andernach. Später, beim Wein mit Einheimischen über seinen Statuenirrtum aufgeklärt, habe er dann vom Rolandsbogen erfahren, der zwar mit “seinem” Roland nichts zu schaffen habe, den er jedoch unverzüglich aufsuchte, um, von Versen Apollinaires flankiert, tiefer in die rheinische Geschichte einzutauchen und weitere Aussichten zu genießen.
andernach_bollwerkDer Totentanz auf diesem Bild (Fotos: Marcel Crépon) ist Teil eines von der Natur angegriffenen Bodenreliefs namens “Apokalypse” (von Udo Weingart). Er findet statt im Andernacher Bollwerk, einer Rotunde aus dem 17. Jahrhundert, die einst zur Zollkontrolle der Rheinschifffahrt diente und heute als Ehrenmal für die Opfer der beiden Weltkriege. Wer das Bollwerk betreten möchte, kann nicht umhin, sich dem Totentanz einzufügen.

Marcel Crépon schreibt desweiteren begeistert von kostenlosen Gemüsen, die in Andernach für jeden pflückbar “zwar nicht in Wundergärten hängen wie in Babylon”, sondern einfach am Fuße einer Burgmauer lägen, wo sie, so mitten in der Stadt, dennoch einen bleibenden Eindruck hinterließen. Gleich nebenan stünde auch “Gemüse fürs Hirn”: ein gläserner Büchertauschschrank wie er ihn erstmals erblickt habe.

Der Geysir von Andernach

geysirDer Geysir auf dem Namedyer Werth, einer Rheinhalbinsel bei Andernach, mitten im schönsten artifiziellen düsenartigen Ausbruch. Die Wucht des Ausbruchs soll Menschen zum Erzittern bringen: der Andernacher Geysir gilt als der Kaltwassergeysir mit der höchsten Fontäne der Welt. Unser Bild (von Roland Bergère) zeigt den anschwellenden Strahl weit unterhalb seiner Rekordmarke von ca. 60 Metern Höhe.

Ermittlung der Rheinlänge durch Ockhart (2)

Nähere Bestimmung der verschiedenen Distanzen, welche der Rhein von seinem Ursprunge, bis zu seiner Theilung in Holland, und von da bis zu dem Ausflusse seiner verschiedenen Arme in das Meer durchläuft.

A) Allgemeine Distanzen nach dem Laufe des Flusses

1. Von den Quellen bis nach Chur ohngefähr 20 Stunden
2. Von da bis zu dem Eintritt in den Bodensee 24
3. Lauf durch den Bodensee bis Constanz 9
4. Von Constanz bis Schaffhausen 9
5. Von da bis Basel 33
6. Von da bis Strasburg 32
7. Von da bis Neuburg 15
8. Von da bis Schröck 6
9. Von da bis Mannheim 18 1/2
10. Von da bis Mainz 15 1/2
11. Von da bis Caub 9 1/2
12. Von da bis Coblenz 10 1/4
13. Von da bis Andernach 5 1/4
14. Von da bis Linz 4 1/2
15. Von da bis Cöln 12 1/4
16. Von da bis Düsseldorf 10 1/2
17. Von da bis Homberg 7 1/2
18. Von da bis Wesel 7
19. Von da bis Emmerich 9 3/4
20. Von da bis Lobith 3
21. Von da bis Nimwegen 4
22. Von da bis Rossum 9 1/2
23. Von da bis Gorcum 9
24. Von da bis Dortrecht 5 1/2
25. bis zum Meer 14

303 1/2

Nach dieser möglichst genauen Bestimmung der Distanzen, die der Rhein in seinem Laufe zurücklegt, sieht man, mit wie wenig Grund Norrmann in der 6ten Auflage der Büschingischen Vorbereitung zur Europäischen Länder- und Staatenkunde Seite 103, die Länge des Laufs dieses Flusses, wie wir oben schon gesagt haben, auf 350 Meilen hat angeben wollen, und dass Fabri eben so Unrecht hat, wenn derselbe in seinem Abriss der natürlichen Erdkunde Seite 450 behauptet, dass der Rhein in seinen Laufe einen Weg von 360 Meilen zurücklege.

(aus: Josef Franz Ockhart – Der Rhein, nach der Länge seines Laufs und der Beschaffenheit seines Strombettes, mit Beziehung auf dessen Schifffahrtsverhältnisse betrachtet: Ein Beitrag zur nähern Kunde der deutschen Flußschifffahrt, 1816)

Presserückschau (Juli 2012)

Sommerzeit ist Urlaubszeit und selbst rheinsein gönnte sich im gerade vergehenden Juli ein paar Offline-Tage hinter Felsblöcken und auf quellbachdurchzogenen Magerwiesen. Unterdessen schwemmten die Großen elektronischen Ströme reichlich artikelndes Treibgut an unser Laptop-Gatter. Darunter gar einen Beitrag von Matthias Kehle, Vorsitzender des baden-württembergischen Schriftstellerverbands, der sich in den Badischen Neuesten Nachrichten mit rheinsein beschäftigte. (Der Artikel wird nachgereicht.)

Bisher wurden durch die Linse des Sommerlochs keine exaltiert-exotischen Tiere im Rhein ausgemacht – möge der Sommer noch ein Weilchen vorhalten und etwaigen Seeelefanten, Fliegenden Fischen, Flußpferden et al. ihre Rheinchance einräumen. Wir resümmieren unterdessen die un/wichtigsten, informativsten, erstaunlichsten etc. Meldungen des Julis:

1
Der Kölner Express interviewt Bläck Fööss-Mitgründer Ernst „Erry“ Stocklosa zu seinen wilden Jahren am Rhein. Zwei Kostproben: „Schwimmen habe ich im Rhein gelernt. Später sind wir auf die stromaufwärts fahrenden Lastkähne geklettert und bis nach Wesseling mitgefahren, sind da wieder ins Wasser gesprungen und haben uns nach Porz treiben lassen. Irgendwann begannen die Kapitäne daher, die Reeling mit Teer zu beschmieren.“ „Ich weiß noch jenau als ich drückzeh wor, domols bei uns op d’r Wiss, do hammer als Pänz manche Blödsinn jemaat, wie mer als Pänz halt su es. Bei Huhwasser hammeer e Floß uns jebaut, em Sommer de Wiss avjebrannt, un hät uns einer beim Rauche erwisch, Mensch Meier wat simmer jerannt.“

2
„Frühzeitig informiert die Koblenz-Touristik: „Mit dem “Romanticum” ist von 2013 an die Rhein-Mosel-Stadt Koblenz um eine neue Attraktion reicher: Auf mehr als 750 Quadratmetern öffnet im nächsten Jahr eine spektakuläre Dauerausstellung, in der Besucher auf eine romantische wie virtuelle Rheinreise an Bord eines imaginären Dampfers gehen. Präsentiert wird unterhaltsam und kurzweilig viel Wissenswertes zu trutzigen Burgen, einmaligen Bauten, weltberühmten Felsen, grandiosen Rheinsichten und berühmten Rheinreisenden. Untergebracht wird die Schau in einem Neubau, der selbst ein Kunstobjekt ist: Das Kulturzentrum “Forum Confluentes” gilt schon vor seiner endgültigen Fertigstellung als architektonisches Meisterwerk der deutsch-niederländischen Star-Architekten Benthem-Crouwel.“

3
„Was nützt im Kampf gegen die Stechmücken?“ fragt, ein bekanntes Schreckensszenario wortmalend, der Südkurier: „Wenn die Sonne untergeht und sich die Gartenwirtschaften an Rhein und Bodensee füllen, fallen sie über uns her. Die Stechmücken, auch Schnaken genannt, bevorzugen nackte Haut, setzen sich aber auch gern auf Stoff. Sie fahren ihren Rüssel aus und stechen ihn hinein, um das Blut ihres Klienten aufzusaugen. Es sind vornehmlich Weibchen, die ihr Werkzeug so schnell und präzise einsetzen, dass die Hand meist erst viel zu spät niedersaust.“

4
„Der neue Aalkönig mag gar keinen Aal“ titelt die Kölnische Rundschau. Auf den Monarchenfrevel geht der Artikel dann nicht weiter ein: „Willi Schürheck ist neuer Wesselinger Aalkönig. Den größten Fisch hatte der 44-jährige Urfelder bereits vor zwei Wochen aus dem Rhein gezogen. Es war beim ersten gemeinsamen Aalfischen, das der Fischerverein Urfeld in der Vorbereitungsphase für die Aalnacht 2012 organisiert hatte. Stundenlang hatte Schürheck bereits am Ufer gesessen. 15 bis 20 kleine Grundeln hatte er schon gefischt und wieder ins Wasser geworfen, als seine Rute gegen 23.30 Uhr plötzlich massiv ausschlug. Mit Hilfe von Kollegen konnte er schließlich den kapitalen Aal aus dem Rhein holen. Mit gut 70 Zentimetern Länge und einem Gewicht von 830 Gramm gehörte der Aal zu den größten und schwersten Exemplaren, die Vereinsmitglieder in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Rhein fischten.“

5
„Incroyable, mais vrai“ einerseits, sowie „peut étonnant“ andrerseits findet 3-ufer.com, daß und wie der französische Nationalfeiertag im Schwarzwald begangen wird: „La Fête Nationale a traversé le Rhin et samedi, on a rendu hommage à la France et à la Révolution Française au «Bareiss» à Baiersbronn-Mitteltal dans la Forêt Noire. Si le cadre d’une maison cinq étoiles ne se prêtait pas exactement à des activités révolutionnaires, il était parfait pour y fêter l’amitié franco-allemande. Lors de la 18ème edition de sa réception franco-allemande du 14 juillet, la famille Bareiss a réservé un chaleureux accueuil aux voisins français en soulignant l’amitié entre l’Alsace et le Pays de Bade. Peut étonnant que de nombreuses personnalités de part et d’autre du Rhin avaient fait le déplacement samedi dans cette vallée magnifique pour trinquer à ce qui nous unit.“

6
Zahlreiche Medien berichteten von der Havarie bei Lorch, die von einem Matrosen ausgelöst wurde, doch nur der Berliner Kurier taufte den Unglücksraben „Hein Blöd“: „Da war wohl ein echter „Hein Blöd“ am Werk: Ein ungeschickter Matrose hat am Sonntag die Havarie eines französischen Passagierschiffs im Rhein bei Lorch ausgelöst! Der Mann war gerade dabei eine kaputte Sonnenliege zu entsorgen, als es zu dem Missgeschick kam: Als er den Müll verstauen wollte, kam er versehentlich an den Hauptschalter für die Spritzufuhr – und drehte dem Schiff so den Treibstoff ab. Kurz darauf fiel der Motor aus, das Schiff lief auf Grund. Die Folge: 143 Passagiere und 23 Besatzungsmitglieder mussten mit einer Autofähre von Bord gebracht werden.“

7
Andernach verpflegt seine Bewohner und Besucher mit kostenlosen Gemüsen aus den städtischen Grünanlagen. Von solch paradiesischen Zuständen berichtet (natürlich! möchten wir meinen) das Kölner Domradio: „Das Rheinstädtchen Andernach hat sich seit drei Jahren dem Motto „Die essbare Stadt“ verschrieben. Ganz dicht an der wuchtigen Stadtmauer aus dem zwölften Jahrhundert leuchten Gärten mit Stauden und buntem Sommerflor, dazwischen behaupten sich Brunnenkresse und Weinreben, Mandel- und Feigenbäume, Salatköpfe, Zucchini und Zwiebeln.“ „Der 800 Quadratmeter große Nutzgarten gehört der Stadt und ist offen für alle. „Statt „Betreten verboten“ heißt es bei uns ausdrücklich „Pflücken erlaubt““, sagt Barbara Vogt, Verwaltungschefin im Rathaus und eine der Initiatorinnen des Projekts.“

8
Die Internationale Rheinschutzkommission gibt bekannt: „Since the last great flood of the Rhine in 1995 the countries in the Rhine catchment have invested some 10.3 billion € into improved flood protection and have thus increased the protection of people and goods. Such is the result of the balance of the implementation of the Action Plan on Floods until 2010 presented by the International Commission on the Protection of the Rhine (ICPR) in Strasbourg. (…) According to the balance on the implementation of the Action Plan on Floods, and depending on the flood situation, retention areas along the Rhine downstream of Basel for up to 229 million m³ of water may be put into service to lower peak flows. 69 million m³ have been made available during the past 15 years. Due to the relocation of dikes and the deepening of river forelands in the Rhine delta, 55 km² of former floodplains along the Rhine have been regained. In addition, renaturing measures have been implemented along tributaries and smaller waters in the catchment.“

9
Desweiteren warnt die DLRG, es gäbe im Rhein keine sicheren Stellen zum Schwimmen, verschiedene Städte von Emmerich bis Bonn wollen als Initiative Metropolregion Rheinland den Flußgrund vertiefen, um die Betuwe zu entlasten, das „traditionsreiche Bunkerschiff“ Rheintank 4 wird in den Ruhestand versetzt und Kölner Polizeitaucher finden eine im Strom verlorene Dienstwaffe wieder.