Drei Mann in einem Boot

Bei Drei Mann in einem Boot handelt es sich um einen Junggesellen- und Strohwitwerklamauk, zugleich um eine typische, auf Wortspielen basierende Heinz Erhardt-Komödie und ein Road- oder besser: Rivermovie auf dem Rhein, der vom Bodensee bis Amsterdam die Kulisse für eine Flucht der Herren Erhardt, Kulenkampff und Giller aus ihrem von so tiefblonden wie vereinnahmenden Damen reichlich bevölkerten Wirtschaftswunderalltag gibt. Als Fluchtmittel dient eine kleine Barkasse namens Marianne. Bald wird den dreien der Bodensee zu eng, denn ihre Damen haben die Verfolgung im Schnellboot aufgenommen: ein solidarischer Schweizer Grenzwächter steckt dem Trio die Botschaft in Romanshorn. Sie beschließen, nach Amsterdam aufzubrechen, vergessen aber das Hindernis des Rheinfalls, was zu dramatischen Szenen führt – so dramatisch eben der deutsche Familienfilm von 1961 dramatische Szenen zu gestalten wußte: die Herren Lausbuben werden in vorvorletzter Sekunde vorm Brettern in den Orkus bewahrt. Unterdessen entbreitet sich der Rhein in strahlendem Technicolor. Die Herren singen ein Loblied auf die Vorzüge Mariannes, welche ihnen nicht unnötig ins Leben quatscht wie Frauen das eben sonst pflegen. Doch schon bald wird das Trio mit einer nächsten Blondine konfrontiert: der fluchenden, Jenever in sich hineinschüttenden, holländischen Frachtersteuerfrau Betje Ackerboom (die frühverstorbene Susanne Cramer), deren Zähmung Kulenkampff zufällt. Das Lied von der Loreley erschallt aus dem Off, die Kamera zeigt mitten ins Paradies. Es besteht aus Burgruinen auf Weinhügeln. Marianne hüpft für geraume Zeit über romantische Frachterbugwellen – bis zum großen Personaltreffen (samt Gesangseinlage) in Königswinter. Der Showdown kann hier jedoch noch nicht stattfinden, denn er wurde eindeutig für Amsterdam versprochen. Wo er dann auch stattfindet: wennschon nicht als Showdown, sondern als sich hinziehendes Happy End. Der Film taugt insgesamt eher als historisches Bilderbuch, denn zum Lachen. Heinz Erhardts vertrottelte Art in Kombination mit seinem bisweilen unglaublichen Vokabular sorgt für die wenigen Höhepunkte neben der wunderbar ins Klischee gesetzten Rheinkulisse. Und bei Walter Giller müssen wir immer an seine Autogrammkarte in der Kölner Grill Station (R.I.P., beste Currywurst und bestes Schweineschaschlik Kölns!) denken, die mit „Danke für Chili con Carne“ unterzeichnet war und uns daran gemahnte, daß a) berühmte Schauspieler Imbißbuden nicht unbedingt verschmähen, b) wir Walter Giller in der Grill Station niemals erkannt hätten und c) wir überhaupt niemals jemanden ausgerechnet Chili con Carne in der Grill Station essen sahen.

Der Rhein für die gebildeten Stände (2)

Vom Bodensee bis Basel, wo der Rhein schon eine Breite von 750 F. erhält, hat er ein felsenreiches Bett. Von Basel aus wird sein Bett von vielen Inseln durchschnitten, die jedoch zum größten Theil blos aus Sand- und Kiesbänken bestehen, welche häufig von einer Seite weggerissen und an der andern wieder angesetzt werden. Von Breisach herab trifft man schon mehre bestaudete und selbst angebaute Inseln. Zwischen Strasburg und Germersheim ist das Bett immer noch sehr inselreich, aber der größte Theil dieser Inseln ist mit Gebüsch bewachsen. Zwischen Strasburg und Speier ist der Rhein 1000—1200 F., bei Mainz 1500—1700 F., und bei Schenkenschanz, wo er in die Niederlande eintritt, 2150 F. breit. Die Tiefe des Rheins beträgt 5—28, bei Düsseldorf sogar 50 F. Bei Schenkenschanz theilt er sich in zwei Arme, wovon der südl. die Waal heißt, zwei Drittheile seines Gewässers nimmt, sich hernach zweimal mit der Maas vereinigt und unter dem Namen Merwe in das deutsche Meer fließt. Der nördl. Arm des Rheins hatte vormals in seinem Laufe nach Arnheim zu mehre Windungen; seit 1720 aber hat man von der Waal aus bei dem Dorfe Pannerden einen Kanal gegraben, wodurch das alte Bett des Stroms nun größtentheils vertrocknet ist. Durch diesen pannerdenschen Kanal fließen jetzt die Gewässer des Rheins fort, nachdem sie sich unterhalb Millingen von der Waal getrennt haben. Ehe dieser Arm des Rheins nach Arnheim kommt, theilt derselbe sich wieder oberhalb Westervoort und bildet die sogenannte neue Yssel. Diese Abtheilung des Stroms ist eigentlich der Kanal, den Drusus graben ließ, indem die Gewässer sich bei Doesburg mit der alten Yssel vereinigen und zuletzt sich in die Zuydersee ergießen. Von da, wo sich der Drusische Kanal von dem Rheine trennt, wendet dieser letztere sich nach Arnheim und behält seinen Namen, bis er bei Wageningen und Rhenen vorbei ist, wo er Lech heißt und auf Wyk bei Durstede fließt. Von hier floß sonst der Rhein mit vollem Strome nach Utrecht, jetzt ist aber nur noch ein sehr schwacher Arm übrig, der krumme Rhein genannt. Weiterhin, Vianen gegenüber, ist schon vor mehren Jahren aus dem Lech ein Kanal gegraben worden, welcher nach Utrecht geht und gewöhnlich die Vaart genannt wird. Da derselbe mit Schleusen versehen ist, so kommen auf demselben sehr beträchtliche Schiffe nach Utrecht und von da weiter nach Amsterdam. Unterhalb Vianen sondert sich ein kleiner Arm vom Lech ab, den man die Yssel nennt, und der sich eine Meile oberhalb Rotterdam in die Merwe ergießt. Der Lech fließt von Vianen nach Schoonhofen und geht oberhalb Crimpen op de Lek in die Maas. Von den Gewässern des Rheins, die nach Utrecht fließen, geht abermals ein Arm ab, welcher die Vecht genannt wird und sich nach einem achtstündigen Laufe bei Muyden in die Zuydersee ergießt. Der übrige Rhein fließt von Utrecht nach Leyden, wo er beinahe einem Graben ähnlich sieht. Bei Rhynsburg vorbei kommt endlich dessen kleines Gewässer, drei Stunden von Leyden, nach Katwyk op Rhyn, wo derselbe eine halbe Stunde davon sich noch zu Anfange dieses Jahrh. in den Sand verlor. Sonst hatte der Rhein da einen Ausfluß in die See bei Katwyk op Zee. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die alte Mündung wieder zu öffnen, welche durch die entstandenen Dünen verschwunden war, hat man erst seit wenigen Jahren die Schwierigkeiten völlig überwunden, indem man in einem Kanale die in den Sand sich verlierenden Gewässer des Rheins gesammelt hat. Am äußersten Ende desselben befindet sich eine Hauptschleuse, eine zweite inmitten, beim Anfange der Seedünen, eine dritte kleinere beim Ausgang des Kanals aus dem Rhein, und so ist durch Hülfe der Kunst der Ausfluß des Rheins wiederhergestellt worden. Hierbei hatte man den Hauptzweck, die niedrigen Gegenden der Provinz Holland von dem überflüssigen Wasser zu entledigen und dadurch deren Werth zu erhöhen, welcher Zweck auch in hohem Grade erreicht worden ist.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Rheinsein im Fokus der Wissenschaft

Die Germanistin Jasmin Grande vom Düsseldorfer Institut für die Erforschung der Moderne im Rheinland erläutert während eines internationalen Workshops am 21. und 22. Oktober an der Universität von Amsterdam in ihrem Vortrag „Rhine variations. Filiations of literary Rhine travels into the present“ ihre vergleichenden Forschungen zu den romantischen Rheinreisen Anton Wilhelm von Zuccalmaglios und August Lewalds und der nicht ganz so romantischen Rheinseins. Die Workshop-Vorträge sollen in einer Sammelpublikation münden. Dies bedeutet die erste uns bekannte wissenschaftliche Beschäftigung mit Rheinsein, das zu Teilen selber als wissenschaftliche Beschäftigung betrachtet werden kann. Ausgerichtet wird der Workshop zum Thema „Romantic Rhine Travels“ von der Study Platform on Interlocking Nationalisms, kurz SPIN, was uns (kann das denn Zufall sein?) auf unser zweites großes Thema neben dem Rhein: das kosmische Drehprinzip verweist.

HEL und Joost van den Vondel

Jüngst telefonierte ich mit HEL alias Herbert Laschet-Toussaint, Ostbelgiens und Deutschlands großem Dichter, und natürlich kam die Rede alsbald auf den Rhein. “Du kennst das von dem Holländer?”, meinte HEL und ich antwortete: “Vondel, dem der Park in Amsterdam gehört?” “Genau. Das mußt du aber im alten Original lesen und bringen, das läßt sich ganz gut verstehen”, meinte HEL, der selbst aus dem passenden Sprachraum stammt und gerade erfolgreich eine Suche nach einer im Internet verborgenen Liste mit Vokabeln einer jüngst katalogisierten altthrakischen Nebensprache in Auftrag gegeben hatte, deren Verständnis dem Deutschen an sich ungleich schwieriger erscheinen mag als barockes Niederländisch. Ich kannte Vondels furioses Rheinpoem bis zu diesem Zeitpunkt einzig auf Deutsch und hielt aufgrund der Kölner Herkunft des Dichters irrigerweise sogar für möglich, daß es im Original auf Deutsch abgefaßt worden sein könnte. HEL wußte es besser, er weiß eigentlich sowieso fast alles über Lyrik. An dieser Stelle nun kommt Google ins Spiel, dessen ausufernde Scan-Bibliothek die Recherchen zu Rheinsein seit Frühjahr 2009 enorm erleichtert und bereichert hat. Die Entwicklung von Google Books habe ich seitdem mit großer Euforie verfolgt, dort bin ich umstandslos an seltene oder vergessene historische literarische Zeugnisse gelangt (nicht alle, aber zunehmend mehr von denen, die ich suchte), die ich mir sonst nie hätte leisten können oder nur unter sehr hohem Aufwand für kurze Zeit hätte einsehen können. Solche Schriften sind nun also gebührenfrei und Vollzeit auf Selbstzugriff verfügbar. Ich empfinde das als revolutionär, mit der Sprache der Unterdrückten, und als Segen, mit der Sprache der Unterdrücker. Bei aller Euforie bleibt gegenüber Google Books eine gesunde Skepsis: positive Entwicklungen können sich in negative kehren, häufig genug passieren solche Kehren allzu schnell. Daher ließe sich jedem Interessierten empfehlen, sich mit elektronischen Downloads historischer Ausgaben zu versorgen, solange sie derart umfangreich und frei verfügbar sind. Seit gestern ist das Gesamtwerk Joost van den Vondels hier eingecachet. Die Originalversion, fiel mir auf, ist mit ihren 18 zehnzeiligen Strofen deutlich umfangreicher als die deutschen Versionen, die mir bisher bekannt waren – und die sich vornehmlich auf die “deutschen” Elemente des Poems beschränkten. Außerdem ist Vondels Rynstroom, den ich unten in bildschirmgerechten Häppchen gepostet habe, ein äußerst seltenes (dazu gleich ein so mächtiges!) unter den mir bekannten Zeugnissen für die Beschäftigung niederländischer Lyriker mit dem Rhein, was ich für umso erstaunlicher halte, als er schließlich ihr Land von Osten her ganz wesentlich aufschwemmt.

Die Lee(h)re der Flüsse

Derzeit schwimmt der Musiker und Dichter Heinz Ratz durch verschiedene deutsche Flüsse, auch den Rhein. In insgesamt 52 Städten gibt er von Mai bis August 2009, gemeinsam mit bekannten Künstlern, Konzerte zugunsten von regionalen Artenschutzprojekten. Heinz schreibt auf seiner Website www.flussprojekt.de:
„Der Rhein ist mit einer Länge von 1324 km der längste Nordseezufluss. Seine Quellen in den Schweizer Alpen werden ganzjährig durch Gletscherwasser gespeist. Zusammen mit seinen Nebenflüssen hat der Rhein ein Einzugsgebiet von fast 200.000 Quadratkilometern. Sagen und Mythen ranken sich um den Rhein und seine Landschaft – so ist die Loreley überall in Deutschland bekannt. Legendär ist auch die Rheinkorrektur nach Tulla – dabei wurde der Rhein mit Durchstichen verkürzt, um die Bedingungen für die Schifffahrt zu verbessern, anliegende Flächen besser nutzen zu können und die Hochwassergefahr zu bannen. Anfangs wurden die Errungenschaften dieser Ingenieurkunst enthusiastisch gefeiert. Erst nach und nach wurden auch die Nachteile sichtbar: typische Lebensräume wie Auwälder verschwanden fast völlig, die Hochwassergefahr für die Unterlieger nahm deutlich zu. An einigen Stellen hat sich der Rhein inzwischen bis 15 Meter eingetieft, die Grundwasserstände sind drastisch gesunken – die ehemaligen artenreichen Auen sind zu trockenen Nadelwäldern verkommen und selbst der Landwirtschaft fehlt das Wasser.
Während die Fischfauna in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit nur etwa 30 Arten stark dezimiert war, können inzwischen wieder mehr als 60 Fischarten nachgewiesen werden.
Der intensive Ausbau der Abwasserreinigung, gezielte Besatzmaßnahmen und der Bau von Fischwanderhilfen zeigten erste erfreuliche Ergebnisse: seit mehreren Jahren kann der ursprünglich im Rhein heimische Lachs (früher wegen seiner großen Bestände Nahrung für Arme und Dienstboten!) wieder bis in den Oberrhein und in die Nebenflüsse aufsteigen und dort laichen. (…)
1986 führte der Eintrag von etwa 20 Tonnen Giftstoffen aus dem Brand einer Chemieanlage von Sandoz in Basel mit dem Löschwasser zu einem massiven Fischsterben über Hunderte von Kilometern. Im Ergebnis hat der Gewässerschutz am Rhein einen höheren Stellenwert bekommen. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) bestand zwar schon vorher, aber erst durch den öffentlichen Druck bekam sie größere Bedeutung und wurde in der Folge auch Vorbild für weitere Flussschutzkommissionen.
Der Rhein ist eine der meistbefahrenen „Wasserstraßen“ der Welt – über die Rheinhäfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen (ARA-Häfen) wird ein großer Teil der Güter umgeschlagen, die die Beneluxstaaten, Frankreich, Deutschland und die Schweiz erreichen sollen. Schiffbar ist der Rhein bis Basel, der untere Teil – ab der Staustufe Iffezheim (oberhalb von Karlsruhe) blieb trotz intensiver wasserbaulicher Eingriffe frei von Staustufen. In der sog. „Gebirgsstrecke“ zwischen Bingen und Koblenz (mit den früher berüchtigten Schifffahrtshindernissen an der „Loreley“) treten daher deutliche Niedrigwasserphasen auf. An vielen Stellen wurde der Rhein mit hohem Aufwand verbaut – Spundwände und Schotterungen am Ufer und teilweise sogar Betonierungen der Sohle haben ihn streckenweise in einen naturfernen Zustand versetzt.
Wie sich z.B. im Trockenjahr 2003 gezeigt hat, werden sich Schifffahrt und Natur im Zuge des Klimawandels zunehmend auf extreme Pegelstände einstellen müssen. In Niedrigwasserphasen gerät der Fluss durch den Wärmeeintrag aus Kraftwerken und Industrie an seine Belastungsgrenzen. Der zunehmende Wärmestress tritt möglicherweise an die Stelle von früheren Katastrophen wie z.B. dem Unfall in der Chemieanlage in Basel.
Auch heute noch besteht in der viel befahrenen Wasserstraße allerdings stets auch das Risiko der Havarie eines mit Gefahrgut oder Mineralöl beladenen Schiffes, so wurde z.B. am 25. 02. 2009 ein Öltanker bei Königswinter von einem Containerschiff gerammt. Nur knapp entging der Rhein dabei einer Katastrophe: der Tanker war zum Glück fast unbeladen.
Die Wasserwirtschaftsverwaltungen versuchen am gesamten Flusslauf Überschwemmungsraum zurückzugewinnen – vor allem zugunsten von durch Hochwasser gefährdeten Millionenstädten wie Köln. Zum Teil werden hierzu (problematische) Polder, d.h. Becken, in die Hochwasser geleitet wird, angelegt; zum Teil entstehen aber auch wertvolle Aueflächen mit der vollen Niedrig- und Hochwasserdynamik neu. (…)“

Heinz schwimmt im Rhein:
am 25.05.09 (Karlsruhe / Konzert im Jubez)
am 06.06.09 (Köln / Konzert im Underground)
am 07.06.09 (Bonn / Konzert im Pantheon)

Amsterdam

Das Wetter ist sonnig, in etwa halb und halb, also pack ich den digitalen Antiquarius (s. letzter Beitrag) untern Arm, wo er seine mikrosanften Fenster öffnet und mich hindurchrutschen läßt, dh, ich gelange durch das Loch, das meine Arme in gymnastischer Imitation um meinen Körper herum bilden, um dort einen durchlässigen Informationsschirm aufzubauen, mitten in die Niederlande ca. zur Mitte des 18. Jahrhunderts: „Amsterdam wird mit Recht die Perle aller Städte in der Welt und der Sitz alles Reichthums genennet. Denn es scheinet nicht anders, als ob sich alles Geld und Gut alda versamlet habe, wie sie denn mehr in Banco haben soll, als das römische Aerarium jemals gehabt. So viel ist inzwischen gewiß, daß sie die allerberühmteste Kauf- und Handelsstadt in ganz Europa ist, wo allerley Völker aus allen Theilen der Welt zusammen kommen; wie sie denn bey nahe zwey derselben, nemlich Ost= und Westindien innen hat und ihren Reichthum daraus ziehet. Es kommen zum öftern bey etliche hundert Schiffe an und unterwellen liegen auf einmal mehr als 600. von allen Orten in dasigem Hafen. Zu mancher Zeit fahren wohl auch bey 300. Segel über die Südersee zugleich dahin, daß man alsdann fast sagen solte, es liege noch ein anders Amsterdam auf dem Wasser. (…) Der Boden, worauf die Stadt stehet, ist morastig; daher alle Gebäude auf eingerammelten langen eichenen Pfählen aufgeführt sind, weswegen das Fundament zu einem solchen Bau öfters, wo nicht ein mehrers, so doch wenigstens eben so viel, als das obere Gebäude selbst kostet. Die Stadt ist inwendig in allen Gassen mit einer ungemein grossen Anzahl schiffbarer Kanäle durchschnitten, worüber eine Menge Brücken gehen, welche, ob sie schon mehrentheils von Holz sind, dennoch ein solches Ansehen haben, als ob sie ein ganzes Wek rodren (?); man kan auf diesen Canälen mit Schiffen, die nur einen Mastbaum haben, allenthalben hinkommen, und auf= und abladen, indem gedachte Brücken also gemacht sind, daß, wenn ein Segelbaum oben ein wenig anstößt, sich ein Stück davon sogleich aufhebt, und wann derselbe durch ist, stracks wieder zufällt, welches die Bequemlichkeit des Handels, auch die Reinigkeit und Annehmlichkeit der Stadt befördert. Es steigt aber bey warmen und stillen Wetter ein stinkender Dampf davon auf, welcher noch schlimmer seyn würde, wenn nicht das Wasser durch zwey grosse Wassermühlen, welche beständig ein= und ausmahlen, und durch eine Roßmühle, in beständiger Bewegung erhalten würde; sie haben auch daher in den dunkeln Abendstunden und in den Nächten zufälliger Weise manchem Menschen das Leben gekostet, daher man an den Canälen und auf den Strassen Laternen angelegt hat, welche des abends angezündet werden.“

Riehler Ufer

Leere Videohülle, Slaughter II, niederländische Version, angeschwemmt Höhe Riehler Heimstätten, nebst Küchenabfällen, parasitäre Pilze (Hirnbefall), Saurierstapfen (Fafnirs return), Rottweilerstapfen, Goethestapfen, überblendete Fischaugen, Millionen von denen (montierte Groppenblicke), sternklare Himmel, Rösten im Blitz-Delta schrecklicher Gewitternächte, Kinderträume, Wetter wechselt im Millisekundentakt, komprimierte Zeitalter, tiefschwarze Ewigkeit als farbloses randloses Loch, ach was, letztlich doch nur reparable Schäden an der Synapsenverschalung, lückenhaftes Eindringen sinnleerer Neutrinos, für bloße Nerven ist das alles garnicht wahrnehmbar, Rundumsicht, 16:9-Format, unsere besten Jahre im Internet. Infolgedessen (immer wenn du grad wegguckst): Außerirdische hangeln sich an elektrischen Schlingleinen herab, potenzierte Helices, materialisieren als Wegleuchten, Schummern, Wummern, Brummen, pro Stern da draußen krähts sonstwoher. Yeah! Cruising the river: “Ich hatte den Rhein auf einem Tagesausflug im Winter trotzdem, und der Fluss war gerade so schön wie ich in Erinnerung. Die meisten der Passagiere erhöhten sich im oberen Deck. Der Morgen konnte nicht mehr entspannen, und ich liebte mündliche Geschichten an den alten Festungen.” Weckschnapp, jaja. Ausgeglichene Fettärsche beim Landgang. Ein Lüftchen weht durch die Schneise, greift in lichtes Haar. Im Weißlicht blinkende Schuppen. Sublimierter Fliegeralarm. Das Wandern der Domtürme auf verspiegelten Sonnenbrillen. “Was kostet eine Loreley?” Soviele leere Hüllen und außer Nippes nix reinzutun. Egal, ganz egal. Das wahre Souvenir ist immer ein Mensch: Zwei steifgefrorene Frühlingsboten (”Bis daheeme sindse jewiss schon völlich uffjetaut”). Plus Prachtbildband: Der Rhein wird ca 25 Kilometer südlich von Köln in einem auch architektonisch beachtlichen Walzwerk produziert. Das Hauptprodukt wird nach Westen hin ausgeschüttet und wirft ordentlich Dividende ab. Die Deutschen haben das teilverstaatlicht und ihre guten Ingenieure. Sogar Schlacken werden als Viehfutter (fürs Hausschwein) vertrieben und bringen ebenfalls etwas ein. Das regionale Schwein kommt, nachdem es sich unzählige Male multipliziert hat, auf den Tisch. Etwas seltsam und daher nur am Rande: Die jungen Rheinländer bewerfen sich zu Neujahr mit naßgepökelten Zungen, eine Tradition, deren ursprüngliche Bedeutung nicht bekannt ist, die aber umso hartnäckiger aufrecht erhalten wird. In dieser Jahreszeit ist es gefährlich die Mittelrheingegend zu bereisen, der Hirnkern wird zerstört, es gelingen sehr wenige Aufnahmen. Schöner Kontrast wiederum: Im Dämmer des Spätnachmittags tröten Wildgänse, wahlweise in Mono, Stereo und neuerdings auch 5.1-Surround, sie verlassen sich auf innere Notwendigkeiten, ihre Routen können mit Ultraleichtflugzeugen nachvollzogen werden. Der sich windende Silberstreif dort unten ist als Weltkulturerbe klassifiziert, dient zur Orientierung und bietet Nahrung für die harten Wintermonate. Zusätzliche touristische Hinweise: Lassen Sie sich völlig gehen und schießen Sie auf die Brut am Ufer! 25 Punkte für jeden Erwachsenen, 50 Punkte für jedes Kind! Hunde 100 Punkte. Erhalten Sie die Öko-Balance aufrecht. Verhindern Sie übermäßige Ausbreitung und Kommunikation der Rheinlinge! Besetzen Sie ein schönes Stück! Die Villa in den Weinbergen. Mit einem echten Turner überm offenen Kamin. Noch besser mit Domblick. Aber Vorsicht: In den Kasematten hocken Ihre betrunkenen Feinde und zielen auf den Sinn des Lebens: Ein feuriges Glas grünen Weins, gottgetunkt. Eins zwei eins zwei, Stiefelstapfen klingt im Uferkies, jahrhundertelang, aufgefangen, um den Hals gebunden, als grauwertiges Granulat, Rauschen auf Basis gedämmter Zischlaute, es ist diese traurige, zugleich wundersame Melodie, welche die Epochen überdauert und immer wieder von Neuem erstaunt: “Angedockt in Köln neben der Hohenzollern-Brücke in der Mitte-Nachmittag, gingen wir beim Rauschen die kurze Entfernung von dem Schiff auf die Kathedrale mit einem lokalen Führer. Danach in einen Kölsch-Biersalon. Das blasse Bier war perfekt. Unsere Zeit in Köln war zu kurz, und wir segelten nach Amsterdam nach dem Abendessen.”