Franc ou Franq; France, François, Français

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Il y a bien longtemps que l’on a cru que les Francs venaient des Troyens. Ammien Marcellin, qui vivait au IVe siècle, dit [Ammien Marcellin, Livre XII] “Selon plusieurs écrivains, des troupes de Troyens fugitifs s’établirent sur les bords du Rhin alors déserts.” Passe encore pour l’Enée : il pouvait aisément chercher un asile au bout de la Méditérranée; mais Francus, fils d’Hector, avait trop de chemin à faire pour aller vers Düsseldorf, Vorms, Ditz, Aldved, Solms, Ehrenbreistein, etc…

(Voltaire, Dictionnaire philosophique)

Quietscheentchen Nadia (2)

Der Zuschauerfrage, wie viele Tage Reisezeit das Rheinwasser von der Quelle zur Mündung benötige, nahm sich die ARD-Sendung Kopfball (die heute ausgestrahlt wurde und bereits als Podcast zur Verfügung steht) an – wir berichteten. Das Kopfball-Team setzte Nadia, eine doppelte Quietscheente, auf dem Rheinstrom aus, ließ sie von Wasserwachtlern begleiten, stoppte und addierte Nadias Schwimmzeiten, um sie mit differenzierteren wissenschaftlichen Meßmethoden abzugleichen. Schweizer und deutsche Hydrologen erklären vor der Kamera die unterschiedlichen Fließgeschwindkeiten des Rheins. Der Bodensee wird von den Enten-Messungen ausgenommen, weil der Rhein in den See abtaucht, was eine Oberflächenmessung verunmöglicht. Daß das Rheinwasser sich (ganz im Gegensatz zu Ammianus` Einschätzung) weit in den See verteile, erfahren wir von einem heutigen Fachmann, und daß es von der Eintrittsstelle in den Bodensee bis zur Austrittsstelle, je nach Jahreszeit, mindestens drei Wochen benötige. Die übrige Wasserreisezeit vom Tomasee bis Hoek van Holland (wo die Ente nur bei Ebbe das offene Meer zu entern vermag) maß das Kopfball-Team mit rund zehn Tagen, was insgesamt (also die Bodensee-Querung hinzugerechnet) eine Mindestreisezeit von einem Monat ergäbe. Die Live- und Vorberichterstattung des medial beachteten Experiments auf den Internetseiten des WDR hatten wir seinerzeit lediglich überflogen; die für die halbstündige, kurzweilige Sendung zusammengeschnittenen Ergebnisse schienen uns jedenfalls von den ersten Auswertungen abzuweichen, was alles in allem eine schöne Unsicherheit bzgl der vorgestellten Resultate beläßt. Ob ein Quellwasser immer diegleiche Reisegeschwindigkeit aufnimmt oder ob es, je nach Geburtsdatum und -charakter eher als Trödelwasser, Eilwasser, Streb-, Verweil- oder Wechselwasser (in kausalarmen Tempointervallen) und in wievielen Tagen der Nordsee zustrebt: diese Frage wäre erst noch zu stellen und ließe sich in weiteren Experimenten eingrenzen bzw ausweiten.

Ammianus über Rhein und Bodensee

Im menschheitsgeschichtlich sehr jungen Internet scheinen Zeitalter wenn schon nicht im Wochen-, so doch Monats- oder Jahresrhythmus anzubrechen und sich abzulösen. Dabei geht es nicht nur um Geschwindigkeit und Kapazität, sprich technologischen Fortschritt, welcher fraglos Takt und Rahmen vorgibt, sondern weiterhin auch um Inhalte. Zumindest besteht auch im Internet die Möglichkeit, Inhalte zu filtern und experimentell von ihren technischen Bedingungen zu entkoppeln. Der römische Historiker Ammianus Marcellinus verfaßte seine Res Gestae in der ausgehenden Antike des 4. Jahrhunderts, einer markanten historischen Bruch- bzw Übergangsfase. Über Ammianus` Rheinstellen lasen wir erstmals bei Hübner, der in den 70ern schrieb, daß sie in der Klosterbibliothek von St. Gallen zu finden seien. Heute gibt es sie, vielleicht mit kleinen Scan-Fehlern, auch im Internet, das u.a. die weltgrößte Bibliothek aller Zeiten parat halten dürfte:

“Lentiensibus, Alamannicis pagis indictum est bellum conlimitia saepe Romana latius inrumpentibus, ad quem procinctum imperator egressus in Raetias camposque venit Caninos, et digestis diu consiliis id visum est honestum et utile, ut eo cum militis parte Arbetio magister equitum, cum validiore exercitus manu relegens margines lacus Brigantiae pergeret protinus barbaris congressurus, cuius loci figuram breviter, quantum ratio patitur, designabo.”

(Der Abschnitt handelt von der Kriegserklärung Roms an die linzgauischen Alemannen und dem Plan des Kaisers, am Bodensee auf diese Barbaren zu treffen. Die kaninischen Felder liegen vermutlich bei Zizers, wo laut des Schweizer Vereins gegen Tierfabriken im Jahre 2008 auf dem Gelände der räthischen Bahn ein Kaninchen-KZ ausgehoben wurde.)

“Inter montium celsorum anfractus inmani pulsu Rhenus exoriens per praeruptos scopulos extenditur nullos advenas amnes adoptans, ut per cataractas inclinatione praecipiti funditur Nilus, et navigari ab ortu poterat primigenio copiis exuberans propriis, ni ruenti curreret similis potius quam fluenti.”

(Zwischen erhabenen Bergen entspringt naturgewaltig, ohne Nebenwässer aufzunehmen, ähnlich wie der Nil, der Rhein. Wenn er nicht so reißend wäre, wäre er bis zur Quelle hin schiffbar.)

“Iamque ad planiora solutus altaque divortia riparum adradens lacum invadit rotundum et vastum, quem Brigantiam accola Raetus appellat, perque quadringenta et sexaginta stadia longum parique paene spatio late diffusum horrore silvarum squalentium inaccessum, nisi qua vetus illa Romana virtus et sobria iter composuit latum barbaris et natura locorum et caeli inclementia refragante.”

(Der Rhein mündet in den Bregenzer See, wie der Räthier sagt. Er ist 460 Stadien lang und etwa genauso breit. Gäb es nicht den zivilisierten und zivilisierenden Römer, die schrecklichen Wälder, ihre Barbaren und das rauhe Klima machten den Bodensee zu einem völlig unzugänglichen Ort.)

“Hanc ergo paludem spumosis strependo verticibus amnis irrumpens et undarum quietem permeans pigram, mediam velut finali intersecat libramento et tamquam elementum perenni discordia separatum nec aucto nec imminuto agmine quod intulit, vocabulo et viribus absolvitur integris nec contagia deinde ulla perpetiens oceani gurgitibus intimatur.”

(Mit tosenden Strudeln dringt der Strom in den See, dessen feindliche Trägheit er gleichsam spaltend durcheilt, um am andern Seeende mit unveränderten Kräften und Namen wieder auszutreten, um dem Ozean zuzustreben.)

“Quodque est impendio mirum, nec stagnum aquarum rapido transcursu movetur nec limosa subluvie tardatur properans flumen, et confusum misceri non potest corpus: quod, ni ita agi ipse doceret aspectus, nulla vi credebatur posse discerni.”

(Erstaunlich, daß weder der Fluß das Seewasser aufwühlt, noch daß er vom schlammigen Grund aufgehalten wird und sich diesen auch nicht vermischt, was nur glauben kann, wer es mit eigenen Augen gesehen hat.)

(Zitate: Ammianus Marcellinus – Res Gestae XV, 4, 1-5)

Chur (3)

Der Rheinische Antiquarius weiß allerhand Vages über Chur und wirft damit zugleich die Frage auf, ob die Präzision geschichtlichen Wissens mit zeitlichem Abstand steigt oder sinkt. Beides, lautet sicherlich die weiseste aller Antworten. Und das war der Wissensstand zur Geschichte Churs im Spätbarock: „An dieser Plessur, eine kleine Viertelmeile vom Rhein, zwey starke Meilen von Meyenfeld und viere von Feldkirch liegt Chur, lateinisch Curia Rhaetorum, und französisch Coire, die Hauptstadt der drey freyen Bünde in Graubündten, wie auch der Hauptort des Gotteshausbundes. Ihren Ursprung und Namen wollen einige von dem Kaiser Constantio, Kaisers Constantini Magni Sohn, herleiten, und zwar dergestalten, daß, als selbiger mit dem allemannischen Könige Chonodomaro oder Vadomaro ums Jahr 375. oder, nach anderer Meynung 355. Krieg geführet, er sich, nach Endigung desselbigen, nach Mailand in die Winterquartiere begeben hätte; bald hernach aber wäre er aufs neue mit ihm zerfallen, worauf er sich in diese Gegend Räthiens gezogen, sein Lager in dasigen Feldern, Campi Canini genant, und seine Hofhaltung in den darinnen sich befindenden alten und festen Schlössern aufgeschlagen, auch daher dieser Stadt ihren Ursprung und Namen gegeben habe; massen selbige ganze Gegend Rhätia Curiensis genennet worden. Wie denn ausser den dreyen Festen Marsoila, Spinoila, und Ymburg, keiner andern daherum gelegenen namhaften Oerter oder Gebäude einige Meldung geschehen, obschon Ammianus Marcellinus alle zu seiner Zeit dem Rhein hinunter gelegene Städte fleissig angemerkt hat. Andere wollen Constantio mehrers nicht, als nur die Erweiterung und Benamsung dieses Orts zuschreiben, und behaupten zugleich, er hätte schon lange vor dessen Zeiten allda gestanden, und wäre Ymburg genennet worden. Auch sey dieses eben der Ort, den Ptolomäus Alexandrinus, nach Art der griechischen Schriftsteller, mit einiger Veränderung der Buchstaben, Ebodurum betitele. Dem sey nun, wie ihm wolle, so ist doch ganz wahrscheinlich, daß schon vor Christi Geburt dieser Ort als einer der gelegensten und fruchtbarsten von den alten Räthiern bewohnet worden, auch nach und nach an Volk und Gebäuden zugenommen habe; Daß ferner die Stadt bey der Feste Ymburg, auf deren Platz das heutige Rathhauß stehet, durch Darzuziehung der festen Schlösser Marsoila, und Spinoila entstanden; endlich daß diese Schlösser oder Höfe erstlich den vornehmsten räthischen Herren, hernach den römischen Landpflegern, endlich aber dem Kaiser Constantio selbst zur Wohnung gedienet, und dahero, sobald sie zur Stadt geworden, den Namen Curia erhalten, so im deutschen Hof bedeutet. Solchergestalt haben auch nachgehends die Bischöffe allezeit ihre Hofstatt in dem Schloß Marsoila und in den dabey aufgerichteten Gebäuden gehabt. (…)“ Die Namen Spinoila und Marsoila führen auf dünne Spuren, das rätselhafte Ymburg bleibt rätselhaft, während mit Ebodurum über Dielhelm hinaus auch liechtensteinische Flecken in Verbindung gebracht werden.