Melville in London

“X X X I last wrote in my journal on the banks of the Rhine – & now after the lapse of a few days, I resume it on the banks of the Thames, in my old chamber that overlooks it, on Saturday the 15th of Dec: `49. – I broke off at Coblentz on Monday night, Dec: 10th. The same night I fell in with a young Englishman at a cigar shop & had a long talk with him. He had been in America, & was related to Cunard of the Steamers. Next morning, Tuesday Dec 11th, I again rambled about the town – saw the artillery-men & infantry exercise on the parade ground. Very amusing indeed. Saw a squadron of drumers. Walked down & up the river, & while waiting for the Cologne boat spent at least two hours standing on a stone peir, at the precise junction of the Rhine & Moselle. At 3 o´clock started for Cologne on a Dusseldorf boat. It was intensely cold. Dined at the table d`hote in the cabin. Fine dinner & wine. Drank Rhenish on the Rhine. Saw Drachenfells & the Seven Mountains, & Rolandseck, & the Isle of Nuns. The old ruins & arch are glorious – but the river Rhine is not the Hudson. In the evening arrived at my old place – Hotel de Cologne. Recognized Drachenfells in a large painting on the wall. Drank a bottle of Steinberger with the landlord, a Rhinelander & a very gentlemanly, well-informed man, learned in wines. At 1/2 past 6 P.M went to the Theatre. Three vaudevilles acted. Audience smoking & drinking & looking on. Stopped in a shop on my way home & made some purchases for presents, & was insidiously cheated in the matter of a breast-pin, as I found out after getting to London, & not before. God forgive the girl – she was not very pretty, either – which makes it the more aggravating.”

Melville in Koblenz

“Monday Dec: 10th 1849. Coblentz. Embarked last night about 9 1/2 PM for Coblentz. But before so doing went out after tea to take a final stroll thro` old Cologne. Upon returning to the hotel, found a large party assembled, filling up all the tables in the Dining Saloon. Every man had his bottle of Rhenish, and his cigar. It was a curious scene. I took the tall spires of glasses for castles & towers, and fancied the Rhine flowed between. I drank a bottle of Rudenshimer (?) (Anm: oder Rusheshiemer?). When the boat pushed off it was very dark, & I made my way into the 2d cabin. There I encountered a German, who was just from St: Louis in Missouri. I had a talk with him. From 9 1/2 P.M. till 5. A.M., I laid down & got up, shivering by turns of the cold. Thrice I went on deck, & found the boat gliding between the tall black cliffs & crags. – A grand sight. At last arrived at Coblentz in the dark, & got into a bed at the “Giant Hoff” near the quay. At ten o`clock in the morning descended to breakfast, & after that took a valet de place & crossed the Bridge of Boats to the famous Quebec fortress of Ehrbrincedstein. A magnificient object, truly. The view from the summit is superb. Far away winds the Rhine between its castellated mountains. Crossed the river again, & walked about the town – entering the curious old churches – half Gothic, half Italian – and crossed the Moselle at the stone bridge – near where Prince Metternich was born. Singular that he was born so near the great fortress of Germany – Still more curious that the finest wine of all the Rhine, is grown right under the guns of Erhbreistein. At one´o´clock dined at “The Giant” at the table d`hote. There were some six or eight English present, two or three ladies & many German officers. The dinner was very similar to the dinner at the Hotel de Cologne yesterday. After dinner, walked out to the lower walls & into the country along the battlements. The town is walled entirely. At dinner I drank nothing but Moselle wine – thus keeping the counsel of the “Governor of Coney Island” whose maxim it is, “to drink the wine of the country in which you may be travelling.” Thus at Cologne on the banks of the Rhine, & looking at the river thro` the window opposite me – what could I imbibe but Rhenish? And now, at Coblentz – at the precise junction of the Moselle – what regale myself with but Moselle? – The wine is blueish – at least tinged with blue – and seems a part of the river after which it is called. At dusk I found myself standing in the silence at the point where the two storied old rivers meet. Opposite was the frowning fortress – & some 4000 miles was America & Lizzie. – Tomorrow I am homeward-bound! Hurrah & three cheers!”

Im Ahrtal

„Dem Glanze ritterlichen und bürgerlichen Lebens gegenüber, wie er sich besonders im Mittelalter hier entfaltete, erscheint die Gegenwart des Ahrthals trübe. Zwar die fleißige Menschenhand hat das Thal immer paradiesischer geschmückt; täglich werden dem kahlen Felsen neue Rebgelände, dem unfruchtbaren Boden auf den öden rauhen Berghäuptern frische Aecker abgewonnen; am ganzen Niederrhein gilt der Ahrbleichart hoch und rivalisirt in seinen vorzüglichern Jahrgängen selbst mit dem Rheinwein. Aber die Bewohner des Thals werden arm und ärmer, die einst blühenden Dörfer brechen zusammen, die fröhliche Lebenslust, wie sie Weinländern eigen ist, schwindet von Jahr zu Jahr mehr, und zuerst von allen Preußen hat der Ahrländer die Auswanderung nach Amerika begonnen. Freilich wer mit fröhlichem Muth und eilendem Fuß das Thal durchwandert und nur die Schenkenschilder oder schönen Aussichten ins Auge faßt, oder wer gar auf der neuen Straße im raschen Wagen vorüberrollt, der sieht dieß stille Elend nicht: höchstens dauern ihn im obern Thal, besonders in der vielbesuchten Gegend von Altenahr, die vielen bettelnden Kinder, denen man gleichwol gerne giebt, wenn sie so in ihren armsäligen Kleidchen, ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand küssen und dem Reisenden darbieten. Wer aber ein Herz für das Volk hat, wer mit dem Bauern zu reden weiß oder den dunkeln Zug der Sorge beobachtet, der schon um die jungen Augen spielt, den faßt Schmerz bei dem Gedanken, daß die Bewohner dieses Paradieses zu den unglücklichen Stämmen des deutschen Vaterlandes gehören.“ (aus: Gottfried Kinkel: Die Ahr. Landschaft, Geschichte und Volksleben, Bonn 1846/1858) 2009. Remagen und der Rest um Remagen herum im Regen. Also einmal das Ahrtal rauf, mit dem Regionalzug. Es sind keine bettelnden Kinder im Abteil, sondern hormongeplagte Teenager mit iPods und Handys und städtischen Lautstärkepegeln. Doch je weiter sie ins Tal hochmüssen, desto länger werden ihre Gesichter. Hinter regenverschlierten Zugfensterscheiben ziehen Gemälde von Weinbergen, Weinstuben, Flußpartikeln, eine felsige Einsamkeit, talauf gekreuzt von Gruppen verhausfrauter Holländerinnen, denen der seltene Anblick eines Weinbergs ebenso Motivation zum Besuch der Gegend sein mag wie die zahlreichen Ahr-Campingplätze, talab durchschnürt von einem eiligen Passanten mit geldgefülltem Rucksack, nicht achtend des hübschen Goldregens vor traurigen Gemäuern, dieweil er seine vielköpfige Familie an diesem bestimmten Tage mit Sicherheit heimlich und für immer verläßt. Der Zugschaffner kennt nur ein einziges Wort: „gam“ oder auch „gamm“ ausgesprochen bedeutet im Ahrtal alle dort bekannten essentiellen Dinge: Himmel, Erde, Mann, Frau, Stein, Wasser, Brot, Wein, Zugticket, Danke-für-Zugticket-zeigen, ich-gehe-jetzt. Einzig vorstellbare Klimax, in besonders aufgeladenen Situationen, scheint das selten gehörte „gam mip“, was „komm mit!“ bedeutet. In Ahrbrück fährt der Zug nicht mehr weiter, sondern wieder nach Remagen zurück. Für eine Strecke braucht er ca. 50 Minuten. Genug Zeit, um nachzulesen, daß der Name „Ahr“ vom althochdeutschen „aha“ für Wasser rührt. „Aha“ und „gam“, alles derselbe Stamm. Ein Tal erst hinauf und dann gleich wieder – wegen allgemeinen Regenfalls – im Zug hinabzufahren, bietet die Abwechslung a) der dreidimensionalen Richtung, welche die maßgeblichen Vorgänge des Eintauchens und Hinausströmens repräsentiert und b) die zweidimensionale Unterscheidung zwischen Rechts- bzw Linksrausgucken, was die dort vorhandene und stets sich ändernde Landschaft anlangt. Auch heute noch besitzt die Ahr Nuancen eines düsteren Paradieses. Gegen den Rhein hin aber wird das Tal in sensationeller Weise von einer alten nordischen Idee, die bereits dem hammerschwingenden Thor zugeschrieben wird, aber erst unter Hitler langsam in Schwung kam, getroffen: die heilige Autobahnbrücke stelzt in architektonischem Gigantismus über die braun-silbrige Ahr und ihre verregnet-grünliche Umgebung hin, wie um den Ahrtalern zu zeigen, daß manifeste Träume über sie hinwegschießen und der Hammer in weiter Ferne hängt.

Im Ahrtal

„Dem Glanze ritterlichen und bürgerlichen Lebens gegenüber, wie er sich besonders im Mittelalter hier entfaltete, erscheint die Gegenwart des Ahrthals trübe. Zwar die fleißige Menschenhand hat das Thal immer paradiesischer geschmückt; täglich werden dem kahlen Felsen neue Rebgelände, dem unfruchtbaren Boden auf den öden rauhen Berghäuptern frische Aecker abgewonnen; am ganzen Niederrhein gilt der Ahrbleichart hoch und rivalisirt in seinen vorzüglichern Jahrgängen selbst mit dem Rheinwein. Aber die Bewohner des Thals werden arm und ärmer, die einst blühenden Dörfer brechen zusammen, die fröhliche Lebenslust, wie sie Weinländern eigen ist, schwindet von Jahr zu Jahr mehr, und zuerst von allen Preußen hat der Ahrländer die Auswanderung nach Amerika begonnen. Freilich wer mit fröhlichem Muth und eilendem Fuß das Thal durchwandert und nur die Schenkenschilder oder schönen Aussichten ins Auge faßt, oder wer gar auf der neuen Straße im raschen Wagen vorüberrollt, der sieht dieß stille Elend nicht: höchstens dauern ihn im obern Thal, besonders in der vielbesuchten Gegend von Altenahr, die vielen bettelnden Kinder, denen man gleichwol gerne giebt, wenn sie so in ihren armsäligen Kleidchen, ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand küssen und dem Reisenden darbieten. Wer aber ein Herz für das Volk hat, wer mit dem Bauern zu reden weiß oder den dunkeln Zug der Sorge beobachtet, der schon um die jungen Augen spielt, den faßt Schmerz bei dem Gedanken, daß die Bewohner dieses Paradieses zu den unglücklichen Stämmen des deutschen Vaterlandes gehören.“ (aus: Gottfried Kinkel: Die Ahr. Landschaft, Geschichte und Volksleben, Bonn 1846/1858) 2009. Remagen und der Rest um Remagen herum im Regen. Also einmal das Ahrtal rauf, mit dem Regionalzug. Es sind keine bettelnden Kinder im Abteil, sondern hormongeplagte Teenager mit iPods und Handys und städtischen Lautstärkepegeln. Doch je weiter sie ins Tal hochmüssen, desto länger werden ihre Gesichter. Hinter regenverschlierten Zugfensterscheiben ziehen Gemälde von Weinbergen, Weinstuben, Flußpartikeln, eine felsige Einsamkeit, talauf gekreuzt von Gruppen verhausfrauter Holländerinnen, denen der seltene Anblick eines Weinbergs ebenso Motivation zum Besuch der Gegend sein mag wie die zahlreichen Ahr-Campingplätze, talab durchschnürt von einem eiligen Passanten mit geldgefülltem Rucksack, nicht achtend des hübschen Goldregens vor traurigen Gemäuern, dieweil er seine vielköpfige Familie an diesem bestimmten Tage mit Sicherheit heimlich und für immer verläßt. Der Zugschaffner kennt nur ein einziges Wort: „gam“ oder auch „gamm“ ausgesprochen bedeutet im Ahrtal alle dort bekannten essentiellen Dinge: Himmel, Erde, Mann, Frau, Stein, Wasser, Brot, Wein, Zugticket, Danke-für-Zugticket-zeigen, ich-gehe-jetzt. Einzig vorstellbare Klimax, in besonders aufgeladenen Situationen, scheint das selten gehörte „gam mip“, was „komm mit!“ bedeutet. In Ahrbrück fährt der Zug nicht mehr weiter, sondern wieder nach Remagen zurück. Für eine Strecke braucht er ca. 50 Minuten. Genug Zeit, um nachzulesen, daß der Name „Ahr“ vom althochdeutschen „aha“ für Wasser rührt. „Aha“ und „gam“, alles derselbe Stamm. Ein Tal erst hinauf und dann gleich wieder – wegen allgemeinen Regenfalls – im Zug hinabzufahren, bietet die Abwechslung a) der dreidimensionalen Richtung, welche die maßgeblichen Vorgänge des Eintauchens und Hinausströmens repräsentiert und b) die zweidimensionale Unterscheidung zwischen Rechts- bzw Linksrausgucken, was die dort vorhandene und stets sich ändernde Landschaft anlangt. Auch heute noch besitzt die Ahr Nuancen eines düsteren Paradieses. Gegen den Rhein hin aber wird das Tal in sensationeller Weise von einer alten nordischen Idee, die bereits dem hammerschwingenden Thor zugeschrieben wird, aber erst unter Hitler langsam in Schwung kam, getroffen: die heilige Autobahnbrücke stelzt in architektonischem Gigantismus über die braun-silbrige Ahr und ihre verregnet-grünliche Umgebung hin, wie um den Ahrtalern zu zeigen, daß manifeste Träume über sie hinwegschießen und der Hammer in weiter Ferne hängt.

Xanten, Xanten, Xanten

Von Xanten zu sprechen geht kaum ohne die zahlreichen Sehenswürdigkeiten des Städtchens zu erwähnen. Tatsächlich sind Attraktionen unterschiedlichster Größe, Gestalt, Sinnhaftigkeit und Echtheit in Xanten omnipräsent. Oft genügt ein einziger Blick um unverhofft eine knappe Handvoll von ihnen zu erfassen. Dann beginnt das mühsame Einprägen. Xanten anzuschauen vermittelt ein wenig die Stimmung aus Rudi Carrells alter Fernsehsendung „Am laufenden Band“, nur statischer und noch ein Stückchen weiter aus der Zeit gehauen. Verbunden sind die Attraktionen mittels ins Pflaster eingelassener Fußabdrücke mehr oder minder bekannter Personen, die vermitteln sollen, daß Hinz und Kunz sich ebenfalls für Xanten interessierten. Innerhalb der Stadtmauern, in seinem absoluten Zentrum, ist Xanten in seiner ganzen Art von ähnlichen Ortschaften wie z.B. Zons nur im Detail unterscheidbar. Wo es in Zons einen Schweinebrunnen gibt, gibt’s in Xanten eben einen Schweineturm. Und wo Zons keine rechte Windmühle zu bieten hat, bietet Xanten zum Ausgleich derer zwei, klitternd benannt nach Siegfried und Kriemhild. Etc etc. Doch bei aller Verwirrung und geschichtlicher Supraorientierung, zurück geht es in Xanten, ob man will oder nicht, immer zur Tourist Information, sie ist das mathematische Zentrum des gesamten Attraktionsgefüges, nicht wenige Attraktionen werden hier erst zu solchen gemacht und ganz gleich, wohin sich der Xanten-Besucher wendet, früher oder später steht er wieder vor der Tür mit dem einquadrateten I obendran. Ja, wirklich alle Straßen Xantens führen zur Tourist Information und das macht Xanten dann doch fast einmalig. Die Tourist Information vollzieht nämlich heimlich die Bewegungen der Xanten-Touristen mit und bietet unaufdringlich ihre Front in Sichtweite, sobald dem Besucher auch nur die Andeutung eines Fragezeichens aus dem Schädel wächst. So wird Wissensdurst butterweich abgefedert. Drinnen in der Tourist Information sitzen freundliche und höchst kompetente Damen, die alles über Xantens Attraktionen wissen, sie wissen sogar noch viel mehr und erklären notfalls auch diejenigen Sehenswürdigkeiten, die der Besucher übersehen, vergessen oder nicht richtig verstanden hat. Weisen darüber hinaus auf Xantener Sehenswürdigkeiten hin, die garnicht in Xanten selber zu sehen sind, sondern in Berlin oder vielleicht Amerika. Erzählen bereitwillig die Anekdote vom englischen Touristen, der Xanten für ein spezifisches Weihnachtsgebäck hielt. Erzählen verständnisvoll die Anekdote vom belgischen Ehepaar, das seinen Sohn Xanten nannte. Geben unumwunden zu, daß ihnen Xanten auch mal zum Hals raushängt. Und wer`s nicht glaubt, muß selber hin.