Ich bitte euch, heute Nacht nicht zu schlafen

“Ich denke oft darüber nach, wie die Menschheit wohl wäre, wenn sie bei Nacht gelebt hätte. Wenn sie das blendende Licht unserer Tage durchschlafen hätte. Vielleicht wären wir der Liebe gegenüber sensibler gewesen. Wer weiß? Vielleicht könnte dies ein zukünftiger Weg sein. Wer weiß?
Ich bitte euch, heute Nacht nicht zu schlafen. Geht hinaus. Nicht nur in dieser Nacht, sondern in vielen Nächten, nacheinander. Fahrt nur bei Nacht. Setzt euch an einen Fluss, an den Rhein, an die Elbe, den Amazonas, und lauscht ihm … Bei Nacht leben, heißt, mit dem Ohr leben …”

(aus: Etel Adnan, Nacht, aus dem Englischen von Klaudia Ruschkowski, Nautilus 2016)

Rheinfische (3)

Dieser vorsommerlichen Tage haben Artikel über die Rheinfauna Konjunktur. So meldete im Laufe der letzten Woche derwesten.de (das Internetportal der WAZ) einiges Wissenswerte und Erstaunliche über Neozoen und Fische am Niederrhein, während das Forschungsschiff Burgund derzeit auf Höhe St. Goar u.a. Wirbellosenproben aus dem Fluß entnimmt, um die sich stets verändernden Bestände der rheinischen Tierwelt zu inventurieren.

Nach dem Amazonas-Gebiet sei der Rhein heuer der größte natürliche Lebensraum für Piranhas, lautete so eine forsche, nicht ganz leicht auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfende Nachricht, ausgegeben von den Duisburger Fischereiverbänden. Nebst dem vor Duisburg lauernden Piranha wanderten auch die Schnappschildkröte und die Donaugrundel in die Gegend ein. Letztere breite sich seit sechs Jahren im gesamten Rhein-Mosel-Gebiet aus, heißt es von der Burgund: ein gedrungener, rund 20 Zentimeter starker Geselle, der in schon fünf verschiedenen Arten aus dem Schwarzmeerraum in den Rhein migrierte und die Machtverhältnisse im Wasser kippte: „Mancher Angler fängt kaum noch einen anderen Fisch.“

Bis zu drei Meter lange Welse hätten sich im Rhein angesiedelt, heißt es desweitern aus Duisburg. Ein Tauchgang in den Tiefen des Stroms mag da leicht zu einer Begegnung der archaischen Art führen – uns erinnert der Riesenwels natürlich sogleich an den Grauer, den rheinischen Urfisch halbmythischer Provenienz, der selten gesehen, dessen orakelnd-erzählendes Blubbern und Murmeln aber schon häufig gehört worden sein soll. Ab wievielen Welsmetern die Weltsprache Anglerlatein beginnt und ab wievielen Welsmetern sie völlig überdehnt zusammenschnalzt, ist bis heute nicht geklärt. Im Dnjepr, lasen wir einst, hätten schon bis fünf Meter lange Welse gelebt.

Was Längen- und sonstige -Mythik betrifft, ist der Wels eher nur ein Häppchen gegen den Stör. Der groteske Knochenfisch gilt im Rhein (bis auf eine Kleinart, den Sterlet) seit den 50er Jahren als „nicht mehr heimisch“. Das hinderte Winfried Kersjes nicht, an Fronleichnam bei Emmerich einen über einen Meter langen Stör aus dem Fluß zu ziehen. „Mich überkam ein Gefühl der Panik, ich konnte es gar nicht glauben. Das ist eine Sensation“, waren die Worte des erfahrenen Anglers auf derwesten.de nachzulesen. Kersjes ließ den Stör nach dem Vermessen und einem Beweisfoto wieder frei. Unterdessen darf gerätselt werden, ob es sich dabei um einen freiwiligen Rückkehrer oder um ein ausgesetztes Tier handelte. Falls es ein Exemplar der größten Störart, des Hausens gewesen sein sollte: diesem Tier werden in der Weltsprache Anglerlatein Körperlängen von bis acht oder neun Metern zugeschrieben.

Die Forscher auf der Burgund berichten darüberhinaus von Neozoen und Alteingesessenen mit poetischen Namen wie Quaggamuschel, Steinkleber (eine Schneckenart) und Hydropsyche (eine Köcherfliegenart). Ihre Schöpf- und Bestimmarbeiten sollen bis Ende Juni dauern, die Ergebnisse an die EU berichtet werden. Vielleicht schenkt ihnen der Grauer bis dahin noch obskure Knöchelchen oder eine weise Redewendung aus seinen Zahnzwischenräumen.

In den Rheinauen (2)

rheinauen_faltboot3Mit dem Faltboot auf der Daxlander Altrheinschleife. Strömung minimal, Anmutung pseudoamazonisch. (Foto: Stefan Mittler)

Der Rhein als Migrant

“Flüsse des Lebens” lautet der deutsche Titel einer britischen Dokumentarserie, die mit Yangtse, Ganges, Mississippi, Amazonas, Nil und Rhein einige der wichtigsten Kulturflüsse abhandelt. Bildführung und Textkommentar erinnern an BBC-Dokus: fantastische Aufnahmen treffen auf sensationalistische Grundierung, unterbrochen von ruhigeren Interviewpassagen, in denen ein Feuerwehrmann, ein Fischer, ein Binnenschifferpaar, ein Dichter, ein Meeresbiologe, ein Winzer, eine Loft-Kreative und ein Bergbauernpaar Auskünfte zu ihrem Leben am Fluß erteilen. Die 55 Minuten Rheinreigen scheinen bisweilen einer postmodernen Wagner-Inszenierung nachempfunden, beginnen mit einem Potpourri, das die wildesten Bilder aus 1320 Kilometern Rhein scheinbar willkürlich gegeneinander schneidet, auf die der Film im weiteren Verlauf bildlogisch rekurriert. Im Rotterdamer Hafen lauert Gefahr, die 300.000 Arbeiter dort, ja die ganze Stadt, erklärt der Sprecher, säßen auf einer allzeit entzündlichen Bombe: jeder zweite einlaufende Frachter birgt Gefahrgut, während die Wasserqualität im Hafengebiet den Aal- und Lachsfang zuläßt. (Der Rhein galt einst als größter Lachsfanggrund der Welt.) In großen Sprüngen nähert sich der Film den Alpen, bedient sich flott verschnittener Flußmosaiken „künstlerischer“ Aufnahmen: ausrangierte Hochöfen, Hafenbecken aus der Luft bei Duisburg erinnern an die Becher-Schule. Kleine Japaner posen unterm riesigen Kaiser Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck. In Ludwigshafen kommt Hasan Özdemir zu Wort, der türkischstämmige Ortspoet faßt den Rhein als Dauermigranten auf und die Deutschen als Ausländer im eigenen Land, dessen Veränderungen sie nicht begreifen. In zwei Minuten ist die Geschichte des Elsaß verhandelt: als eine komplizierte. Vollends apokalyptisch wird’s in Hinterrhein, jenem ersten düsteren Dörfli am gleichnamigen Lauf, dessen Stuben zumindest in der Kameraperspektive tatsächlich so aussehen, wie man sichs beim Queren der zwonhalb mistbelegten Straßen vorstellt. Die Sage vom Entstehen des Rheinwaldhorngletschers an einer zuvor Paradies genannten Stelle impliziert natürlich das Element seines eigenen Untergangs, der ganze Landschaften mit sich reißen wird: in hundert Jahren (bereits, so die Botschaft), wenn der Gletscher abgetaut sein wird, versiegt auch der Rhein, und die Bosheit, zumindest Unachtsamkeit des Menschen trägt daran Schuld. Ein christliches Ende mit Schrecken und Hoffnung und der gewaltigen Macht bewegter, mit Text und Musik untermalter Bilder.

Rheinauengedicht

Helmund Wiese schickt Rheinsein folgenden lyrischen Gastbeitrag, der exakt in den von Rheinsein jüngst bereisten badisch-amazonischen Urwäldern angesiedelt oder wie von einem Atemhauch hinter den Spiegeln von ihnen beeinflußt sein mag. Wir wissen es nicht, aber was wissen wir schon. Rheinsein jedenfalls sagt merci – et voilà!

im sonnenlicht

taumeln

die nebel
subversive quellengeister

seltsam verhuscht
in quirligen girlanden
die mädels mit dem sphärenhaar

streuen den morgentau
in der rheinischen aue

liebäugeln

Taubergießen

Die verlängerte Rheinhausen-Niederhausener Rheinstraße führt schließlich in den Naturpark Taubergießen, den sie asfaltiert quert, bis an den alten Rhein. Gießen (poetischer: Blauwasser) und schmale Kehlen schießen und rauschen bereits nach wenigen Schritten durch den Wald. Im Sommer bleiben sie empfindlich kühl, im Winter frieren sie niemals zu. Taub heißen sie aufgrund ihrer Nährstoffarmut. Auf Schildern werden der Hummel-Ragwurz, der Pirol (mal wieder ausgefallen) und die Gebänderte Prachtlibelle angekündigt, letztere rast wie ferngesteuert und völlig unpolitisch durch waldgestaltete Lichtfetzen, das Schillern hat sie drauf wie kaum ein andres deutsches Tier. Badischer Amazonas wird der Streifen auch genannt – und genau wie beim großen Vorbild schlagen Bagger- und Planierarbeiten eine gewaltige Schneise durch dies einmalige Naturschutzgebiet, als würde ein exemplarisches Stück Autobahn in das letzte Stück Vollnatur gelegt. Schilder am Wegrand untersagen das Belästigen und Entnehmen von Tieren; Baulärm und schweres Gerät sind davon offenbar ausgenommen. Auf anderen, der Verwitterung preisfallenden Schildern am Wegrand bedankt sich das Großwild mit paargereimten Gebetsversen für solcherlei menschliche Rücksichtnahme. Tiefer im Taubergießen schießen touristenbefüllte Stochernachen die Schnellen abwärts. Das Wasser mischt sich dem Blätterrauschen, Lichtfestspiele aus Sonne, Schatten und Blattwerk, verbotene Trampelpfade enden auf zaubrischen, libellös betanzten Lichtungen oder in beunruhigenden Matschlöchern, sexy mittelfingergroße und eindeutig Barbiepuppen nachempfundene Feen im Unterholz, gejagt von lianenbehangenen Bannwaldzwergen. Backenblähende Powerfrösche, selbstbezüngelnde Schlängler, Nachtwulwen, der Nierenfleck, die Normglucke, der Zünsler im erregenden Bärlauchduft unter kleinen, aus Babyschaum und Gießentropfen errichteten Regenbögen in Blühpflanzen und Farn. Seltsam echsende, salamandrierende Geschöpfe, dem ewigen, teilkultivierten Fortpflanzungsdrang anheimgefallen. Wird natürlich alles fotografiert und gefilmt. Nach zwei drei Kilometern ist dieser Amazonas gequert, nicht nur von mir, auch von zahlreichen Elektrorollstuhlpiloten. Haubentaucher und Kormorane im Rhein, der über eine hübsche Wassertreppe gleitet. Ja, die Natur posiert: Schwarzwürmer, die sich am Wegrand selbst als feuchten Kot hinterlassen. Metamorfosis und Selbstaufgabe – gottgewollt oder sonstwie erklärbar? Am Rheindamm hat der Bundesnachrichtendienst als Wildgräser getarnte Seelentaster angebracht, Sensoren, mithilfe derer die Gemütsverfassung des Volkes anbetrachts schönster deutscher Schönheit festgestellt, man könnte auch sagen: ausspioniert werden soll. Die aufgenommenen Seelenregungen werden hinter dicken unterirdischen Gemäuern von den neuesten Lyrikprogrammen in antike Versmaße übertragen.