Leuchttürme des Rheins: die Loreley

Kaum hat der wackere Binnenschiffer die abstrakten Refugien verlassen, so wartet schon eine neue Gefahr: da, wo der mächtige Fluss zwischen dichtandrängenden Hügeln stromt, in Nähe altillustrer Weinbauorte wie Alzey, Boppard, Rüdenheim, St. Kröver, St. Sense, Miesbach, Übelau und wie sie alle heißen mögen – lauert ein mächtiges Untier, nicht unähnlich wie in den Gesängen der Odyssee überliefert, Scylla und Charybdis mögen genannt sein.
Schlichte Gemüter berichten von einer wunderschönen jungen Frau, die auf einem Felsen am Strome sitzend sich die blonden Haare richtet, unter betörenden Gesängen und besonders betörend: außer ihrem Haar trüge sie nichts, so will der Volksmund wissen.
Aber nur die wirklich armen im Geiste bleiben an der äußeren Erscheinung der Phänomene haften.
In Wirklichkeit handelt es sich um eine arglistige Täuschung: an eine junge Frau erinnert die Erscheinung nur von weitem (und für Kurzsichtige!), es handelt sich um die – zugegebenermaßen entfernt frauenähnlich wirkende – Endverdickung eines ungeheuren Krakententakels, mag sein, die Evolution hat hier ihre nimmermüden Finger im Spiel – Stichwort: Mimikry etc. – und der anthropophage Krake hat sich im Lauf der Zeiten etwas für die Jagd nach seiner bevorzugten Beute ausgedacht –
Wie dem auch sei – das ungeheure Untier haust in der Mitte des Stromes und gewisse Individuuen in den Schankstuben der angrenzenden Ortschaften schwören Stein und Bein, der gewaltige Krake verspeise nicht nur Menschen mit Haut und Haar, nein, er habe bereits, allerdings, das müsse eingeräumt werden, kleinere, Binnenschiffe verschlungen – zuletzt sei dies grausige Schicksal dem holländischen Kalkprahm „Dat nackichte Maisjen“ beschieden gewesen.
Angesichts dieser steten Drohung durch das monströse Unwesen errichtete man nahebei – kurz bevor der Schiffsverkehr diese kataklysmische Herausforderung passieren muss – einen mächtigen Leuchtturm, der allerdings keinen Lichtstrahl zu Navigationszwecken aussendet, sondern ein alarmierendes, hochfrequentes Dauerblinken, das zu Recht als Warnsignal aufgefasst werden soll.

(Vierzehnter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf)

Alzeyku

Rebenzucht, Weinbau,
Verpackungsunternehmen.
Mehr weiß ich auch nicht.

(aus Dieter Höss: Ein Haiku kommt selten allein, Privatdruck, Köln)

Der Fiedler von Alzey

Kurz eh das Letzte kommt – o rote Not –
Ruft Gott aus seinem Volke den Gesang
Schon sterbenden herauf, daß er die Nacht
Verherrliche zum Sternbild Melodie,
Fiedler vorm Untergang. Noch einmal horcht
Gezücht gesanglos wimmelnd, rattengrau,
Im Abenddunst der leeren Steppe zu,
Wie er die Helden tönt. Dann stillen Blicks
Zerbricht er seines Bogens Glück und weiß:
Nun kommt der Brand im Saal. Sie trinken wild
Das warme Blut des Freunds. Die Welt wird Schrei,
Rache, Gelächter, Qualm. Die Welt erlischt.

(Der Rhein. Ein Gedenkbuch von Ernst Bertram. München: Georg-Verlag 1922)

Rheinhessens Bevölkerung im Miozän (inkl. Gastauftritt)

Fossilienfunde erzählen von früheren Rheinanwohnern. So lebten am Ur-Rhein, welcher in der heute rheinhessischen Gegend deutlich westlicher verlaufen sein soll, fünf verschiedene Rüsseltierarten, darunter der massive Rheinelefant Deinotherium giganteum (auch: Schreckenstier, Hauerelefant). Bekannteste Fundstelle ist Eppelsheim im Alzeyer Raum, dort wurde auch erstmals ein Knochen des Menschenaffen Paidopithex rhenanus entdeckt. Ein weiterer Menschenaffe, Dryopithecus, trägt in seinem Namen (Eichenwaldaffe) bereits prädeutsche Eigenschaften. Weitere frühe und längst ausgestorbene Uferbewohner waren die löwengroße Säbelzahnkatze Machairodus, das bizarre krallenfüßige Huftier Chalicotherium goldfussi, die Bärenhunde Agnotherium und Amphicyon, die Hyäne Ictitherium, sowie der Katzenbär Simocyon. Gorrh hätte sich in solcher Nachbarschaft (weil sie grob war, ehrlich, direkt und dem Tode geweiht) wohlgefühlt, verstandener gefühlt jedenfalls als in der Postmoderne, doch so unwahrscheinlich das angesichts seiner prähistorischen Eigenschaften klingen mag: Gorrh konnte nur als kollektivvorgestellte Geburt im Medienzeitalter auf die Welt kommen. Daß er sich die terrestrische Geschichte (und wer weiß, vielleicht nicht nur die?) in irrem Tempo rückwärts anverwandelte, daß er die Wandel der vergangenen Jahrmillionen und Abermillionen mittels übermenschlicher Konzentration in seinen Gencode einschrieb, vermag unsere gegenwartsversessene Spezies im besten Fall intellektuell zu fassen, in der Praxis aber nicht umzusetzen. So sagen wir denn auch: Eppelsheim, Alzeyer Raum, Rheinhessen, als wären dort schon immer Eppelsheim, Alzeyer Raum und Rheinhessen gewesen. Gorrh, der Umgebung, also dies Gespinst aus Raum und Zeit, von Grund auf wesentlich flexibler faßt, dem bei jedem Blick die Gegenwart ins Kontraktiv-Extensive zerfließt, dessen Basisspiritualität ihm jedoch nichts als Unverständnis und Ablehnung einbringt, hören wir ein Basisgeheul anstimmen, welches den Rhein bergauf fließen läßt, die Zeiten aufrollt, Städte, Dörfer, Wehrsiedlungen, Sandsteinhöhlen, Baumnester verzwirbelt in einem rachitischen Ton mit Noten von Meteoriteneinschlag, Sonnenverbranntheit, Mondrückseitenkälte und dem Sogknirschen eines Schwarzen Lochs beim sondierenden Hervortänzeln aus dem eigenen materieschweren Nichts.

Rheinsein unterwegs

Nach langen Jahren mal wieder die weltkulturelle Mittelrheinstrecke auf der Autobahn angegangen, doch lange: sollte dieser Genuß nicht währen. Die Autobahn hatte sich über zahlreiche omnivore Sommer und Winter wenig verändert, wollte uns scheinen – dann aber urplötzlich offenbar doch: „Bei Gonsenheim ist die Fahrbahn abgesackt“, meldete lakonisch der Verkehrsfunk. Keine weiteren Hinweise auf die technischen Strukturen, noch erwägenswerte Bedeutung/Auswirkungen eines solchen Ereignisses. Hitlers langer Atem, schoß es uns – unsinnig, das geben wir freimütig zu – durch den Sinn, der, von bärtigen Autobahnwitzen vernebelt, nach Halt, Hoffnung und, so widersprüchlich und zugleich sympathisch wie das bisher vorhandene menschliche Sein: nach Ankommen strebte. Wir befanden uns kurz vor Gonsenheim. Mußten aber weiter nach Karlsruhe. Wir: das waren der Kabarettist Stefan Reusch, bekannt für den nach ihm benannten Reusch`schen Dreher, ein eigenartiges, seltenes, hauptsächlich von Reusch selbst gepflegtes Sprachfänomen, das derzeit in den USA linguistisch erforscht wird, der Kabarettist Ismael Fischmord, bekannt für seinen Namen, den er sich gemacht hat, sowie unsere stets lyrisch gestimmte Wenigkeit. Der Bordroutenplaner riet zur Umgehung Richtung Alzey. „Alzey, Alzey, das ist doch noch ein Stückchen…“ – warnte unser rheinisch-geografisches Hintergrundwissen. Und: „Eine Fahrbahnabsackung – was sollte das im engeren Sinn vorstellen? Das Land geht zugrunde/“sackt wortwörtlich ab“ und schreit nach literarisch gebildeten Zeitzeugen, die…“ Reusch: „Das ist ein Loch…“, Fischmord: „…in das die ganzen Autos nach und nach hineinkippen…“, Reusch: „…wir nehmen die Abfahrt, basta!“ Die beiden bilden ein eingespieltes Team, bekannt für seine abstrusen, kaum erforschlichen Gedankengänge: Die Ableser. Bisweilen nehmen sie, ihrer altruistischen Art gemäß, in bewährt humanistisch-liberaler Sprungbrettmanier (auf Sprungbretter wird noch präziser zu kommen sein) zu ihren Auftritten unbekannte Gastautoren mit, die kurze Zeit später einigermaßen bis ziemlich groß herauskommen: Guy Helminger, Richard David Precht, etc… (lauter edle, mehr oder minder den universellen wundervollen Kraftsäften der Lyrik zugetane Zeitgenossen jedenfalls). Gesagt, getan: die Abfahrt war genommen, zwar stand uns von Sensationslust grundiertes Aufmucken im Sinn, wurde auch formuliert: „So eine Absackung, die solltet auch ihr, die ihr vieles schon gesehen habt, mal gesehen haben – wie oft im Leben ergibt sich eine solche Chance?: eine veritable Autobahnabsackung, das ist bestimmt was ganz anderes als die Geschichte mit dem Kölner Stadtarchiv, es wird dort auch kaum nach Geothermie gebohrt worden sein wie in Staufen, hört mal, wir könnten ja ganz vorsichtig da ranfahren, wir müssen ja nichts riskieren!“ – allein: „Zu spät“, kam es höhnisch-zufrieden von den Vordersitzen. (An dieser Stelle erfährt die ohnehin wirre Erzählung einen kaum zu kittenden Bruch, denn:) Wir enterten Rheinhessen: McDonald`s-Minarette kündetens, eine ansonsten bis auf gelegentliche Baumärkte leergefegte Landschaft bestätigte es. Rheinhessen! Rheinsein bislang unbekanntes, unbedingt jedoch noch zu erforschendes Terrain! Unser Herz klopfte, wenn schon nicht bis zum Anschlag, so doch in freudiger Entdeckenslaune. Und Fischmords Konsum amerikanischer Erfrischungsgetränke versprach den ein oder anderen Halt zwecks kontemplativer Einsichtnahme in die rheinhessische Region und Kultur vom Landstraßenrand! Welch selten betretene Gegend! Die lockende Gonsenheimer Fahrbahnabsackung war so gut wie vergessen.