Randnotiz (5)

Manche Informationen erreichen Rheinsein auf derart abenteuerlichem Weg, daß sie Gefahr laufen verloren zu gehen, bevor sie (hier) überhaupt zum Tragen kommen (können) – worin natürlich ein mehrfacher, von uns gern provozierter Reiz liegt: jener des (mithin steuerbaren) Zufalls, jener mittels schierer Verstandeskraft zu überbrückender Lückenhaftigkeit (Fiktionskatalyse), insonderheit jener drohenden Verlusts, der zu erhöhten Leistungen anstacheln mag oder, im Gegenteil, zu mehr Gelassenheit, etc. Solch methodischen Überlegungen zufolge betreibt Rheinsein (nebst zahlreichen anderen Informationskanälen) über all die tausend plus x Stromkilometer hinweg eine nicht näher verratene Anzahl toter Briefkästen, die, das versteht sich aufgrund unseres Personals und unserer finanziellen Möglichkeiten von selbst, weit überwiegend nur sehr sporadisch geleert werden. Sie werden aber, unseres Wissens zumindest, auch nur selten bestückt, und wenn sie bestückt werden, gehen häufig codierte Nachrichten auf hier nicht zu erläuternden Wegen nebenher, welche uns auf Neubestückungen hinweisen. Vor Monaten also machte uns eine Rheinsein-Korrespondentin aus der Nähe von N. auf ein möglicherweise befülltes Depot in der Nähe von S. aufmerksam: gut in der verabredeten Weise getarnt sei dort evtl. ein älterer Prachtbildband über das Rheindelta zur Ansicht vorhanden. Da ein Niederlande-Schwerpunkt hier aus logistischen Gründen noch auf sich warten lassen muß, vernachlässigten wir die Leerung des Depots bis zur nächsten Reise in die betreffende Region. Umso größer die Überraschung, daß a) der riesige (und nur mäßig getarnte) Band unversehrt an Ort und Stelle vorhanden war und b) das titelnde Rheindelta garnicht das niederländische, sondern das bodenseeische bezeichnete. Der Fotograf Bruno Würth aus Altenrhein setzt in “Das Rheindelta” seiner Heimat ein Denkmal in Fotografien, dazu versammelt er einige fremde und eigene Texte zur Geschichte dieser Landschaft, am Ende bekrönt von einem einsamen Gedicht über seine kumpaneiischen Gefühle zu einem Käuzchen. Der Band stammt aus den 70er Jahren, als das litaneihafte Bekenntnis zur Natur bei sich selbst für “bewußt” haltenden Menschen mit breiter Ansage die oberen Bereiche der ewigen Sinuskurve unserer Kultur so immanenter Modeskalen erreichte. Die enthaltenen Bilder präsentieren das Delta gern (ganz) leicht mystisch verschleiert, und entsprechen somit jenen Uraspekten, die dort, glücklicherweise, bis heute genauso wahrnehmbar sind. Eine Doppelung nicht zur Gänze, aber eine weitreichende Überschneidung jener 70er-Eindrücke aus dem toten Briefkasten also mit jenen des lebendigsten Spaziergangs durch Ried, Wald, Flußbett im Jahre 2010: wachsendes Gespür für Zyklik und die Unerreichbarkeit von Perfektion, das notwendige Aufgehen angestrebter Präzision in unmittelbar sie umgebender Unschärfe: Hineingreifen in diesen Nebel, Herausgreifen eines nassen Tiers, Blick in seine Augen, Erschrecken, Erkenntnis, erneutes Nebelaufkommen, dampfende Depots, das ganze Glück liegt auf dem Weg und ist kein Stück vermittelbar, ein Stück vielleicht schon, ein Bruchstück, ganz sicher sogar.