Rheinische Tierwelt (8)

Froshas

Der Frooshaas (auch: Froshas) ist ein regionales Flurwesen des Alpenrheins, das im Dämmerlicht in den schmalen Talstreifen um Sargans und Schaan auftritt, um Kinder anzufallen, die sich dort schweifend dem zeitigen Zubettgehen verweigern. Die Wortbedeutung liegt ebenfalls im Zwielicht, “Freßhase” bzw “Fraßhase” scheint auszuscheiden, das verniedlichende “Froschhase” (hier in einer Interpretation Heidi Starcks) stammt aus jüngerer Zeit, wie überhaupt die heutige Dorfjugend forscher, dh mit selbsterdachten Fallen, gegen das blutrünstige Tier vorgeht.

Das Hörspiel jetzt hier verfügbar

Das erste Rheinsein-Hörspiel, genauer gesagt ein Stück “Literatur als Radiokunst”, welches in gebotener Kürze (gegeben waren ein leicht überschrittener Rahmen von 15 Minuten und drei Produktionstage) einige Aspekte des Alpenrheins literakustifiziert, ist nach der Ausstrahlung auf Ö1 nun hier, und zwar in der neuen Rubrik  ”Hörspiel” in der schwarzen Menueleiste am oberen Seitenrand, dauerhaft verfügbar.

Literatur als Radiokunst: Am Alpenrhein (2)

Am 06. Juni ist es soweit: das ORF-Kunstradio strahlt auf Ö1 ab 23.03 Uhr das erste auf Rheinsein basierende Hörspiel aus, gemeinsam mit einer Produktion der Wiener Zeichnerin elffriede. Interessierte, die den ORF nicht per Antenne empfangen können oder wollen, klicken auf den: Livestream.

Was zu erwarten steht: sicherlich der charismatische Pfiff des Alpenmurmels; recht eklektische Beschreibungen spezifischer Bergnahrung, paradiesischer Urlandschaften und ihrer modernen Bewohner, mit nützlichen lexikalischen Links unterfüttert, in teils äußerst seltenen Sprachen, von denen es mindestens eine nicht einmal mehr gibt; (bearbeitete) lokale Anekdoten aus Büchlis mythologischer Volkskunde; den Schrei des Murdlers und Maschinenjodeln. Auf diese Weise wird der wilde alte Hinterrhein in diesem Stück „Literatur als Radiokunst“, für das, außer dem Murmelpfiff, sämtliche Stimmen und Geräusche aus meinem körpereignenen Repertoire stammen, zum mehrschichtigen Interrhein zwischen Tälern, Flußläufen, Dörfern, Zeiten. Bereist nicht zuletzt von Superhiroshi natürlich, dem berühmten japanischen Avantgardetouristen, hier zu hören im freudigen Gespräch mit einer Alexanderklugepuppe.

Mein Dank für die Ermöglichung  dieses Hörspiels geht an die Kulturförderung Graubünden und Kuratorin Christiane Zintzen, für die Umsetzung an Tonmeister Martin Leitner.

Literatur als Radiokunst: Am Alpenrhein

Auf ihrem auch sonst sehr empfehlenswerten Blog in|ad|ae|qu|at (mit u.a. ausführlichen Rundschauen zur österreichischen Literaturszene plus kommentiertem Klangapparat) schreibt Kuratorin Christiane Zintzen heute von ihren Eindrücken bei der Produktion des ersten Rheinsein-Hörspiels in den heiligen Hallen des ORF. Der Text wird von einigen Bildlein flankiert: Studioatmosfäre. Desweiteren findet sich ein Link zum Livestream der Ausstrahlung.

Rheinsein an der Donau

In Kürze begibt sich Rheinsein nach Wien, um ausgerechnet an der schönen blauen Donau, des Rheins leibhaftigem, in puncto Myth- und Mystik mindestens  ebenbürtigem Schwesterfluß immerhin, einige alpenrheinische Sequenzen zu einem Stück “Literatur als Radiokunst” für den ORF einzusprechen, einzujaulen, einzugrummeln, einzuplaudern etc. Im schlimmsten Fall gar: einzujodeln. Die von Christiane Zintzen wunderbar betreute und im deutschsprachigen Raum wohl einzigartige Sendereihe verspricht dem Autor die Erfüllung eines langgehegten Traums: einen literarischen, speziell fürs Radio erstellten mehrschichtigen Text nur mit eigener Stimme und eigenem Körper aufzunehmen; eine einzige Ausnahme wird gestattet sein, für die ich das originale Pfeifen eines Alpenmurmels gewählt habe, denn selbst akribischstes Imitationstraining führte bisher nur zu dilettantischen Annäherungen an diesen charismatischen Pfiff (falls überhaupt). Momentan herrscht Hektik bis Panik, den Text (der zu erheblichen Teilen auf hier vorhandenen Notizen fußt) und die Partitur zu einem runden Ganzen zu schleifen: kommenden Montag starten die dreitägigen Aufnahmen inkl Bearbeitung und Schnitt, wovon zu gegebener Zeit noch zu berichten sein wird. Die Ausstrahlung ist für den 06. Juni vorgesehen, genauer zu finden in der Rubrik “Termine”. (Ob die Sendung auch übers Internet verfolgt werden kann, werde ich noch herausfinden und ggf  hier bekanntgeben.)

Rohrspitz

Übern Rohrspitz, das touristisch-gastronomisch, aber auch von Bodenbrütern stark bevölkerte Mündungsdeltagelände, hin zum östlichen Arm bei Fußach bzw Hard (bzw genau zwischen beiden Ortschaften), dem eingedeichten, auslaufenden Alpenrhein. Dort finden sich statt des erwarteten einen überraschenderweise zwei (oder vielleicht noch mehr: läßt sich nicht genau überblicken) massive, parallel verlaufende, schnurgerade eingedeichte Rheine. Von denen einer kein Wasser führt (zumindest teilweise, jedenfalls läßt sich wenige Kilometer unterhalb der Mündung der ebene rissige Flußgrund, aus dem Halme hervorsprießen, als handele es sich um einen Flurgrund, komplett trockenen Fußes queren) und der andere (östlichere) nicht Rhein, sondern Dornbirner Ach heißt, wie das später eingeholte, aber keinen sonderlich zuverlässigen Eindruck machende Internetorakel verlautet. Rhein und Dornbirner Ach besitzen beide seit Anfang des 20. Jahrhunderts regulierte Läufe, die derzeit (wahrscheinlich bis in alle Rheinigkeit) nachreguliert werden. Gut sichtbar sind diese Anstrengungen vom Bahndamm der internationalen Rheinregulierung aus, dessen stillgelegte Gleise alle paar Minuten von Kieslastern eingestaubt werden. Dennoch zieht der Damm etliche Spaziergänger und Rheintouristen an: erstaunlich, wo doch ungleich romantischere Flecken wie die Quellgebiete oder der Zusammenfluß bei Reichenau von Schaulustigen soviel Schonung erfahren. Das ganze Bodenseeische verstrahlt im Übrigen eine spätestens an den Rändern fragwürdige Lieblichkeit wie sonst nur Kurorte oder Mallorca: bestens ausgeschildertes Gebrauchsparadies mit reichlich Offshore-Schneisen.

Bleuler-Ausstellung zu Vaduz

Nahezu unvermeidlich, in den Kulturinstitutionen der Alpenrheinrregionen auf Johann Ludwig Bleulers, selbige Landschaften einfangende, Rheinveduten zu stoßen. Neu war Rheinsein allerdings bis gestern, daß Bleuler weit über Graubünden hinaus den gesamten Rhein bereist und dabei die üblichen (plus ein paar weniger übliche) Ansichten unter dem Titel „Les vues les plus pittoresques des bords du Rhin depuis ses sources jusqu`à son embouchure dans la mer“ in Gouache- und Aquatintatechnik als sein Hauptwerk niedergelegt hat. So geschehen zwischen 1827 und 1843, zu je 80 Motiven, die z.B. heuer begradigte Rheinpassagen noch unbegradigt und einen Dampf- und Segelschiffbetrieb von teils bestürzender Heimeligkeit zeigen, dies wiederum gezeigt in einer frisch eröffneten und bis Januar 2011 laufenden Ausstellung im Landesmuseum des Fürstentums Liechtenstein, welches selbst über einen begradigten Rhein verfügt, dessen Sosein in der Gegenwart sich mit Bleulers Blick beinah (nur beinah!) aus dem Museumsfenster abgleichen läßt. Zur Eröffnung gibt es, wie für solche Anlässe weltweit typisch, steif vom Blatt gelesene Dankesworte an den Leihgeber, Schicksalsdaten des Künstlers und einen stellvertretenen, aber herzerfrischenden Gruß der auch für Kultur zuständigen Außenministerin (Gruß zurück!). Die Bilder selbst sind nicht zu sehen, bis es endlich Schnittchen gibt, für die das Vernissagevolk aus dem von ihm selbst beengten und mit Sichtblockaden staffierten Ausstellungsraum zurück in den Vortragssaal strömt. Die Schnittchen wirken glasiert (mit Haarspray gestylt?), der Wein schmeckt (laut Aussage einer Expertin gar nach einer seltenen, angenehm leichten Note alpengekräuterten Kuhdungs – was den roten anbelangt), alternativ gibt’s das berühmte Brauhaus-Bier und nebenan sind noch ein paar Wiegendrucke aus der Anna-Amalia-Bibliothek Weimar zu besichtigen: Bibeln natürlich, das Narrenschiff, aber auch Shakespeare und die vorgeblich erste Dracula-Geschichte aller Zeiten. Ein wohlmeinender Vernissage-Besucher weist Rheinsein auf Bracciolini: Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen – hin und wir werden nachschauen, was es damit auf sich hat, wo die Bezüge zum Rhein stecken mögen und wie nützlich und lustig die Chose aus Ausländersicht tatsächlich ist.

Rheinkiesel

Bokushi Suzuki beschreibt in seinem Reisebericht von 1832 über das japanische Etchigo (die heutige Präfektur Niigata), der auf deutsch als „Leben unter dem Schnee“ erschienen ist, daß es in dieser vereisten Gegend zur Prüfung der Bräute gehörte, einen Kiesel im Bachbett zu finden. Chandra Mohan Jain, besser bekannt als Bhagwan Shree Rajneesh oder Osho, spricht in einem seiner bisweilen skurrilen Lehrvideos über die Bedeutung von Individualität und den Vorgang des Findens. Als Knabe sei er, anders als in seiner Gegend üblich, stets in Kleidung mit aufgenähten Taschen umhergelaufen. Niemand wollte ihn verstehen, er aber habe diese zahlreichen Taschen gebraucht, weil er immer am Flüßchen unterwegs war, um Kiesel zu suchen, die er sich dann in die Taschen stopfte. Sowohl seine Kleidung, als auch seine Vorliebe für Kiesel führten zu einigen Disputen zwischen dem jungen Rajneesh und seinem Vater, der dem Knaben die Flausen austreiben wollte. Als der Vater, gemeinsam mit einigen anderen aus dem Dorf, das Zimmer des Jungen mit Flußkieseln zuschüttete, erklärte der kleine Rajneesh: nun sei ihm die Freude an den Kieseln zerstört, welche nämlich im Finden liege und nicht im Besitz. Rheinsein erhielt jüngst Foto und Bericht von wasserdurchlöcherten Kieseln aus dem Alpenrheinbett. Sie seien äußerst selten und das Auffinden habe eine besondere Bedeutung: Glück für den Finder, Schutz vor Alpträumen und in Gegenden, wo er noch existiert, selbst vor dem bösen Blick. Und Rheinsein erhielt Kunde von einem Jungen, der den Wert seines Ausflugs nach Salzburg an den Fundstücken entlang der Salzach bemaß: Katzengoldkiesel und ein noch beköderter Angelhaken.

Reise mit rund hundertfacher Rheingeschwindigkeit

Das Alpenrheintal ist nur zur Hälfte da, der Himmel mit dampfendem Nebel verfüllt, einem milchigen Weiß, aus dem ganze Gemütszustände gekäst werden mögen. Ich verlasse mein geliebtes Schloß. Chur liegt leicht angepißt in der Vorweihnachtszeit, ein heimeliger Niesel, im Welschdörfli blinkt der Neonsex. Wer jetzt kein Birnbrot backt/kauft/futtert… Langsam schwellen die Schienenstränge aus dem Bahnhof heraus. Queren die cleane Schweiz. Milchgraue Zuflüsse schwemmen in den Hauptrhein, der Niesel wäscht Industrieanlagen und Frankenhäuser, poliert sie mit schwachem Winterlicht. Heidiland und Walensee, eine Landschaft für ewige Wanderer und solche, denen das Himmelreich… Der ganze Schnee ist in alle offenen Himmel gefallen und verstopft sie mit Normweiß. Drunter die Stümpfe der Berge, grün verhügelt. So eine Limmat scheint auf und endet in einer Kurve. Auf Deutschland zu flockt Grau in die Sicht, düstert der Nachmittag nieder. Dreisam und Kinzig huschen grad mal noch so untendurch. Die Berge im Rücken, im breiten Tal, flankiert von halbherzigen Schwarzwäldern und Vogesen, zielstrebige Menschen bevölkern die Abteile, alle wollen sie irgendwo hin, ummantelt von Zeit und Vergessen. Der Rhein erlischt in der Dunkelheit des Nachmittags: schwarzer Strich auf unheimlichem Grund, schwarzblutende Narbe auf dem Fleisch der Erde. Zwei oder drei Lampions leuchten in Deutschland. Wir rasen durch Tunnel genau ins Schwarz, trostlose Fahrt, erst bei Köln kommt der Rhein wieder zu sich – entsprechend angestrahlt. Aus Öffnungen im Stahl und Beton quellen tierisch viele Menschen in den öffentlichen Raum, wuseln da rum, docken bisweilen aneinander an, nur wenige werden von anderen Öffnungen im Stahl und Beton wieder angesogen, sie tragen Taschen durch die Gegend, stressen rum, müssen auf Weihnachtsfeiern. Die Leute in Köln sind doppelt so schnell wie jene in den Bergen und tausendmal mehr, sie laufen rum wie in einem Telespiel, in dem es Leuchtpunkte zu gewinnen gibt. Ich habe ein paar Steine mitgebracht, vom Vorder-, vom Hinterrhein, ich lege sie aus als kleine Planeten mit ihrer je eigenen Gravitation. Köder ihro Steinigkeit. Gewachsenheit. Alleinigkeit.

Landquart

Bekannt ist Landquart vornehmlich als Umsteigebahnhof. Außerdem mündet dort die Landquart in den Rhein. Landquarts Wikipedia-Eintrag ist einer der denkbar geringfügigsten, Grund genug, die Ortschaft voller Neugier zu erkunden. Für eine knappe Stunde ist sie gut. Landquart, das ist Begrüßung per Preßlufthammer und architektonischer Radikalität: Willkommen im Beton- und Shoppingdorf! Die Straßen säumen Pubs, Einzelhändler und Supermärkte. Drüber und drum herum stehen mehrgeschossige Wohnkuben. Das „Rheinfels“ wirbt mit: „Wir haben ein flottes Raucherstübli“. Im „Schweizerhof“ gibt’s einen „Australian Pub“ samt Krokodil, Känguru, Strauß vom heißen Stein. Im „Landquart Pub“ kann man sich gegen Schweinegrippe impfen lassen. Das „Rama Rama“ offeriert Drachennudeln, Kefen (= Zuckererbsen) und Lattich (= Römersalat) mit Knoblauch. Für Abwechslung ist also gesorgt. Die Restaurants allerdings sind kaum gefüllt, denn das Landquarter Leben spielt sich in den mit Bronze ausgeleuchteten Supermärkten ab. Kein Wunder, steht dasselbe M von MIGROS so ja auch in und für HEIMAT. Oberhalb derer sich in Landquart depressive Bergzüge mit aufgerichteten Nackenborsten jedweder farblichen Kategorie verweigern, sondern einfach nur scheiße drauf sein wollen, und dabei absichtlich den Himmel mit runterziehen, der mißliebig ein paar schleimige Tropfen spuckt. „wenn schönes entsteht“ kündet „roth-gerüste“ mit gebotener Zynik an Neubauten, denn Landquart ist in puncto Bausünden, deren gröbsten Ausbund das „Alpenrhein Village“ westlich der Bahngleise darstellt, seinen Nachbardörfern um Längen, man möchte meinen: auf Jahrhunderte, wahrscheinlich: schlicht uneinholbar voraus. Man trägt im Dorfe also schlechten Teint und eben noch gebändigte Psyche, der gute Hirte breitet die Arme, macht Fingerzeichen und schlingt zügig sein Lamm umn Nacken, schreitet wortlos weiter auffi gen Flüelapaß und Davos. Vor den Shops stehen unangetastet im Regen: Elektrovelos und Street Stepper, es wäre auch nicht ratsam, sich ihrer zu bedienen, die Straßen werden beherrscht von staubigen Lkws, die die gesamte Fahrbahn einnehmen. Gegenüber des Zentrallagers der Rhätischen Bahn wacht ein Braunbär, die Teenies tragen eine schreckliche Mode, als wären die 80er Jahre nicht bereits des Üblen genug gewesen – und der Rhein, scheints völlig überflüssig und abgedrängt hinter heiligen Asfalttrassen, wird nur deshalb als Namenspatron hergenommen, weil es Wirten und Bauherren an Mut zur finalen Ehrlichkeit mangelt, ihre Beizen und Wohnparadiese „Zum inneren Dauerregen“ oder „Betonhochhausblick“ zu nennen.