Alpenrhein

am Morgen schimpfen die Spatzen
über die Schönheit der Schweiz
die Zacken der Berge geben
die Aktienkurse preis

am Abend fließt aus dem Zapfhahn
der Rhein durch unsere Beiz
wir kennen uns seit der Eiszeit
Klarheit hat ihren Preis

nachts morsen in uralten Sprachen
die Sterne, die niemand betrat
und senden die besten Rezepte
für Rösti und Cervelat

der Rhein schreit den Sternen Antwort
von Arbeit und Freiheit und Geld
irgendwo in seinem Schreien
liegt der Anfang der Welt

Ustrinkata am Vorderrhein

“Jetzt lass ihn, sagt die Tante, muss ja nur Wasser lassen, nicht dass er mir in die Hosen macht wie der Georg, ist auch schon Jahre tot, wer ist gestorben, fragt die Grossmutter, niemand, sagt die Tante und steckt sich eine neue Mary Long zwischen die Lippen, ich habe geträumt, sagt die Grossmutter, das Ross sei im grünen Gras am jungen Rhein gestorben, es lag da ganz müde und tot, die Tante bläst den Rauch aus, der Georg also, sagt die Tante, der sass jeweils da auf dem Bänkli, immer auf dem gleichen Platz, ganze Nachmittage sass er da und sagte nichts, und wenn er genug intus hatte, zog er den Kopf in die Schultern, und gestorben ist er auf der Toilette, sagt die Silvia und hält das brennende Zündhölzchen der Tante hin, hatten ja auch alle gestaunt, dass er plötzlich auf die Toilette wollte, wo er doch nie ging, sie zündet ihre Select an, nur dass er nicht mehr zurückkam.”

Arno Camenischs Sprache ist hochrhythmisch. Sie besteht aus kurzen, kommagetrennten Einheiten, die sich zu langen Sätzen, zu einem schnaufenden Sermon dehnen, der nicht nur einen Sprecher zu besitzen scheint, bzw falls doch nur einen, dann einen, der aus verschiedenen Raumecken mit Ideen gefüttert wird, die abzumischen er gezwungen wirkt, als Kleister benutzt er Capunsmasse. Denn auch eine Mischung aus Hochsprache, Bündner Dialekt und dem sursilvanischen Romanisch ist diese Sprache, die plätschert und anzieht wie der Vorderrhein, den sie häufig beschreibt. Eine rauhe Mischung, kantig, Berglerbeat, langsam, bald schwer, bald unberechenbar bis luzid, von exzellenter Qualität. Ob eine solche Sprache in 200 Jahren noch verstanden wird fragen wir uns, wie wir uns das sonst nur bei zeitgenössischen Gedichten, unsere eigenen eingeschlossen, fragen. Und verwerfen die Frage sogleich, weil es fürs erste ausreicht, daß uns diese Sprache ganz ausgezeichnet gefällt, auch weil sie bei allem Flow beinahe stets vom Wesentlichen spricht, Leben und Tod. Die Wirtshausszenen aus der “Helvezia” in Tavanasa erinnern uns an jene, die wir einen Monat lang in Linas “Calanda”-Gaststube in Haldenstein, am bereits zusammengeflossenen Alpenrhein erlebten. Urchiges Stammpersonal mit markigen, auf den winzigen Provinzflecken Welt ihres Daseins bezogenen Erzählungen, ein Personal, dem jederzeit zuzutrauen ist, daß es die Gläser nach dem Leeren gleich noch auffrißt, das als verborgener Gegenbeweis für die im Literaturbetrieb kursierende These vom Ende der Zeit der großen Geschichten hinter Nikotinnebeln vor sich hin existiert, wenngleich es seine Geschichten recht einsilbig erzählt. Groß sind sie allemal. Und: Arno Camenisch liefert die literarisch stärksten Beschreibungen der Macht des Vorderrheins, die uns bisher bekannt sind.

Arno Camenisch: Ustrinkata, Engeler 2012
ISBN 978-3-033-03028-2, Gebunden, Schutzumschlag, 18,5 x 12 cm, 100 Seiten, Euro 17.- / CHF 25.-

Österrhein

österrhein

Kurz vor Erreichen des Bodensees verlaufen der Alpenrhein, der Lustenauer Kanal und die Dornbirner Ach von der Rheinregulierung parallel kanalisiert durch Vorarlberger Grund. Von Damm zu Damm lassen sich trockengefallene Stellen queren. Bei entsprechender Körperhaltung ergeben sich Ausblicke auf streifenartige Mondlandschaften unter schwindelerregenden Himmeln. Einmal mehr weist der Rhein weit über sich hinaus. Die Bodenrisse erinnern u.a. an Kartenwerke. Gleich mehrfach zu erkennen ist Spanien, daneben verschiedene afrikanische Länder. Macchie und Savanne sprießen. Bei längerem intensiven Hinniederschauen wölbt sich der Boden dem Betrachter entgegen, rundet sich und fällt an seinen Polen ab wie ein grün behaarter Flickenfußball oder ein im Entstehen begriffener, noch ausführlicher zu wässernder Planet, dessen Bruchkanten seine künftigen Alpentäler markieren.

Bad RagARTz (3)

hans-krüsi_kuh

Zeitgleich zur Bad Ragartz fand im Alten Rathaus des alpenrheinischen Kurstädtchens vergangenen Sommer die Ausstellung NAIFE KUNST mit Bildern des 1995 verstorbenen Hans Krüsi statt. Zu sehen waren von Krüsi bemalte und besprayte Pappen mit Alpenmotiven: Kühe, Pflanzen, Höfe. Bisweilen imposanter als die Bilder sind die von Krüsi selbst getackerten, verleimten, oft krumm und schief zusammengesetzten Rahmen. Wir fotografierten eine Touristin, die sich mit einem von Krüsis wild gerahmten Kuhbildern ablichtete. Die Ausstellungsräumlichkeiten waren durchzogen von gesetztem Muff, einer langlebigen mittelständischen Atmosfäre, die sich moralisch über die zu sehenden Werke zu erheben schien. Die wenigen Besucher, die knarzenden Treppen, der Wurm im Gebälk vermittelten der Ausstellung den Anschein einer privaten Angelegenheit. Ein Besucherpaar unterhielt sich, unter rein kapitalistischen Aspekten, lautstark über den Wert der Kunst. “Naife Gespräche”, schoß uns durch den Kopf und daß auf dieser Welt noch und nöcher das eine zum andern findet, indem es gegeneinanderprallt oder, meist, vor dem Aufprall in Lauerstellung verharrt, sich dabei spiegelt oder überlagert, am liebsten selber feiert und nach einem Weilchen Aufregung wieder versiegt. Und daß wir uns täuschen möchten. Und auch im Leben einmal richtig gute Kuhbilder fabrizieren.

Presserückschau (April 2013)

Das Mit- und Gegeneinander von Mensch und Tier beherrscht die augenfälligste rheinische Berichterstattung des Monats April:

1
Über Zugvogelstau am Rhein berichtet der Deutschlandfunk: „Wildgänse watscheln auf einer Wiese am Rheinufer. Am Rande strecken einige weiß und grau gefiederte Wächter aufmerksam den Kopf nach oben. Sie kontrollieren, was auf dem nahen Wanderweg passiert. In den Rheinauen bei Bingen sind einige hundert Vögel versammelt. (…) Noch sperrt hier niemand ab, um Spaziergänger daran zu hindern, entkräftete Zugvögel aufzuscheuchen, die sich hier zusammendrängen. In diesem kalten Frühjahr landen am vergleichsweise warmen Rhein Vögel, die sonst auf ihrem Weg Richtung Norden keinen Zwischenstopp einlegen. Manche ziehen weiter und kommen zurück, weil es auf ihrem Weg immer kälter wird. An einigen Stellen am Rhein gibt es jetzt einen regelrechten Vogelstau und Stoppschilder für Wanderer – zum Schutz von wintergebeutelten Kranichen und Kibitzen auf ihren Rastplätzen.“

2
Selbst – wenngleich vom Empfänger regulierbarer – Emissionär berichtet der Hessische Rundfunk über den Lärm im Rheintal: „Ein Krach von mehr als 100 Dezibel wird nachts an der Messstation Rüdesheim/Assmannshausen erreicht. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die das Hessische Umweltministerium (…) vorgestellt hat. Das entspricht ungefähr dem Lärm einer Motorsäge. Und verbessert hat sich noch nichts: Seit drei Jahren habe sich der Bahnlärm im Mittelrheintal nicht verringert, so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung.“

3
Subtile Kriegsberichterstattung auf morgenweb.de: “Die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) ist in die “Saison” gestartet. Am Donnerstag wurde mit einem Hubschrauber und zu Fuß das Bekämpfungsmittel BTI entlang des Rheins ausgebracht – unter anderem in Ludwigshafen. Am Freitag sind laut KABS-Geschäftsführer Dr. Norbert Becker Lampertheim und Worms an der Reihe.” Auch die Badischen Neuesten Nachrichten berichten über Kampfstoffausbringungen in den Rheinauen um Karlsruhe. Mit “Schnake” wird im Regiolekt die Stechmücke bezeichnet, während die Schnake im Badischen als “Reiter” tituliert wird.

4
“Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf (17/13030) zur Änderung des Ausführungsgesetzes zu dem Übereinkommen vom 9. September 1996 über die Sammlung, Abgabe und Abnahme von Abfällen in der Rhein- und Binnenschifffahrt vorgelegt. Im Zusammenhang mit der Einführung des elektronischen Bezahlsystems sei es notwendig, die im Ausführungsgesetz enthaltenen Ordnungswidrigkeitentatbestände anzupassen. Der Bundesrat macht in seiner Stellungnahme drei Änderungsvorschläge, die die Bundesregierung in ihrer Gegenäußerung teilweise ablehnt.“ (bundestag.de)

5
Ein neues Museum, das nicht nur Herrn Topowski interessieren dürfte, soll in der zweiten Jahreshälfte am Hinterrhein eröffnen, berichtet die Südostschweiz: “Der Verein Erzminen Hinterrhein ist noch jung. Trotzdem hat er in den ersten drei Jahren des Bestehens beachtliche Aktivitäten entwickelt, wie das «Pöschtli» schreibt. Dazu gehört der Aufbau eines Bergbaumuseums in Innerferrera. Hier werden ab Herbst 2013 die früheren Bergbauaktivitäten im Gebiet südlich der Viamalaschlucht dokumentiert. (…) Schliesslich wird für das Jahr 2015 ein internationaler Bergbau-Workshop in Thusis geplant.“ Die gleiche Quelle informiert, daß im Dorf Hinterrhein (als einem von drei Bündner Dörfern) kein Ausländer gemeldet sei. Somit dürfte Hinterrhein das erste und letzte Dorf am Rhein sein, das noch ausschließlich von Aboriginees bewohnt wird.

6
Gleich anschließend ein Schweizer Rechenexempel: über ein Großprojekt mit „bäuerlichem Namen“ berichtet die NZZ: „Rhesi ist die Abkürzung für Rhein, Erholung und Sicherheit. Es steht für ein höchst ambitiöses Vorhaben, das den Hochwasserschutz im unteren Alpenrheintal verbessern soll. Die ETH Zürich schätzt die Kosten in einer Machbarkeitsstudie auf 600 Millionen Franken; sie dürften schliesslich wohl bei einer Milliarde Franken liegen. Noch befindet sich das Projekt im Stand der Voruntersuchung, bereits jetzt aber äussern neben den Bauern auch die vielen betroffenen Gemeinden dies- und jenseits des Rheins Ängste und Vorbehalte. Thema ist neben dem Kulturlandverlust auch die Sicherung des Grund- und Trinkwassers. Frühestens 2017 soll Baubeginn sein, die Realisierung dürfte 20 Jahre dauern. Unbestritten ist, dass der Hochwasserschutz im unteren Rheintal verbessert werden muss; das Schadenspotenzial im Fall von Überschwemmungen wird auf mindestens sechs Milliarden Franken geschätzt.“

7
„Im Dorfgemeinschaftshaus von Götterswickerhamm sind die Kinder schon kreativ tätig. Mit Bunt- und Filzstiften bemalen sie eifrig Blätter. Es sind kleine Werke des Protestes, welche die jungen Künstler aufs Papier bringen – ein Protest gegen die Hundehaufen, die sich entlang des Leinpfades am Rhein in Massen finden lassen. “Der Hundekot nimmt überhand, und das nicht nur direkt am Rhein, sondern im ganzen Dorf”, erklärt Anneliese Rühl, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft “Unser Dorf hat Zukunft” in Götterswickerhamm.“ (Rheinische Post)

8
„Vorarlberg hat ein neues Naturschutzgebiet am Alten Rhein in Hohenems. Der 4,8 Hektar große Abschnitt besteht überwiegend aus seichten Wasserflächen und Röhrichten und ist Lebensraum von über 20 teils stark gefährdeten Libellenarten sowie von einer Vielzahl von Schmetterlingen, Käfern und Reptilien. (…) Der Alte Rhein der “Hohenemser Kurve” ist der letzte naturnahe Rest von einst vielfältigen Feuchtgebietsabfolgen mit Stillgewässern zwischen der Mündung der Ill und dem Rheindelta. Er ist als Biotop und Erholungslandschaft von überregionaler Bedeutung ausgewiesen, mit einer besonders wichtigen Funktion als Brut- und Aufzuchtsgebiet für Vögel. Außerdem befindet sich dort eines der letzten Vorkommen der vom Aussterben bedrohten Bachmuschel in Vorarlberg.“ (Der Standard)

Bad RagARTz (2)

bad-ragartz

Das alpenrheinische Kurörtchen Bad Ragaz ist dank seiner dauerhaften und extensiven Skulpturenausstellung im öffentlichen Raum auch bekannt als Bad Ragartz. Dieses Ensemble mit dem Titel “Da geht mir der Hut hoch” fand sich vergangenen Sommer in der Nähe eines weiteren Werkes, des vielbeachteten “Fondueautomat”. Künstler leider unbekannt. (Hinweise willkommen.)

Le Rhin c`est moi

Gestern gemeinschaftliche Lesung mit Richard Pietraß zu neuen Papier- und Steinarbeiten Helena Beckers in der Residenz des liechtensteinischen Botschafters zu Berlin. Auf Grunewalds Straßen kam uns auf dem Hinweg Jack White, ein ziemlicher Rheinländer, entgegen, und grüßte, ganz seinem Namen zu Ehren, mit schlagerpoppigem Schneegeriesel. Soviel und nicht mehr zum Frühlingsanfang, zugleich Welttag des Glücks, wie Deutschlandradio die Tageslosung für alle, denen es an sonstigen Konversationsstichworten mangeln würde, am Morgen höchst hilfreich verkündet hatte. Pietraß las, mit dem Schnee war inzwischen auch ein weniges an Nacht über die Hauptstadt gefallen, u.a. sein Gedicht über den jungen Rhein und erzählte die Anekdote, wie er dasselbe Gedicht vor einigen Jahren dem leibhaftigen Fürsten von Liechtenstein vorgetragen hätte, der sich daraufhin in Pietraß` Text wiedergefunden und in etwa gesagt haben solle, dieser junge, kraftvoll drängende, doch von Deichen gebändigte Pietraßsche Jung- und Alpenrhein, das sei er selbst, also der Fürst, also sein Leben, also eine Metafer dafür, zumindest. „Le Rhin c`est moi“ entfuhr es uns spontan und im ausschließlich geladenen Publikum, das teils die nicht unerhebliche Anreisedistanz aus der raren kleinen Alpenmonarchie in Kauf genommen hatte, erhob sich ob unserer an europäisch-monarchische Historie knüpfenden Anwandlung kurzfristig flackerndes Gelächter. Direkt anschließend befragte uns der kunstsinnige Botschafter überraschenderweise zu den Verdächtigkeitsgraden liechtensteinischer Kühe, so wie in Das Lachen der Hühner bedichtet und Wolfgang Heyder, der sich ebenfalls die liechtensteinische Kuh lyrisch zur Brust genommen hatte, drückte uns seinen  druckfrisch duftenden Achill in Vaduz in die Hand, von dem auf rheinsein noch zu reden sein wird. Berlinerisch-liechtensteinisch korrekt mit Fürstenwein und Currywurst unterfüttert tänzelte der Abend unter anhaltendem white und zahlreichen Stehgesprächen schließlich in zunehmender Bewußtheit dem heutigen, den Welttag des Glücks ablösenden, vom Lachen der Hühner als Basisbeat durch die Schneenacht vorangetriebenen, schliddernd Fahrt aufnehmenden, “offiziellen” Welttag der Poesie entgegen. Und so empfiehlt rheinsein für heut, gestern und morgen (und bei Bedarf weit über diese ca. drei Tage hinaus): poetisiert euch!

Groppenfasnacht, Groppen allgemein und eine spezielle Groppe

Mit Fischknusperli ging, wie die Thurgauer Zeitung berichtet, am gestrigen Sonntag der „Große Groppenumzug“ im bodensee-schweizerischen Ermatingen über die Bühne. Die Gemeinde Ermatingen erklärt dieses Lokalereignis wie folgt: „Mitten in der Fastenzeit, wenn das Narrentreiben anderswo längst abgeklungen ist, rüstet sich Ermatingen alljährlich “zur letzten Fasnacht der Welt”. Diese erlebt alle drei Jahre mit dem Grossen Groppenumzug ihren Höhepunkt. Rund 20’000 Besucher wohnen jeweils dem in seiner Form einzigartigen Fischer-, Frühlings- und Fasnachtsumzug bei. Ihren Namen hat die Ermatinger Fasnacht von der Groppe, einem kleinen Fisch, der heute kaum mehr vorkommt. Noch vor 100 Jahren wurden Groppen aber mit dem Schleppnetz zu Tausenden auf einen Zug gefangen. Mit Salz bestreut und in der Pfanne gebraten galten sie als besondere Delikatesse.“ Die Knusperli dürften somit kaum aus Groppe bestanden haben. Weiterführende Informationen über die Spätfasnacht finden sich auf deren eigener Website. Nebst Informationen zur uneindeutigen Herkunft des Brauchs, der mindestens aufs Konzil von Konstanz zurückreichen soll, lesen wir dort über die Groppe: „Der Gropp gehört zur Familie der Knochenfische und ist auf der nördlichen Halbkugel in rund 300 verschiedenen Arten bekannt, die meisten davon sind typische Meeresbewohner. Die verbreitetste Süsswasserart, die Groppe (auch Koppe, Dolm, Cottus gobio) wird bis etwa 15 cm lang. Es sind oberseits grau bis bräunliche Fische mit dunkler Marmorierung. Nachdem der Gropp (oder eben die Groppe) im Bodensee jahrzehntelang als Folge der Gewässerverschmutzung als ausgestorben galt, ist der kleine Raubfisch heute wieder vereinzelt im See zu finden. Seine frühere Population wird er aber kaum jemals wieder erreichen. Das Gleiche gilt für seine kulinarische Bedeutung. Der kleine Fisch, dessen Fleisch von Knochen und Gräten durchsetzt ist, entspricht nicht mehr den Ansprüchen der heutigen Fischliebhaber.“ Über die Dickköpfigkeit der Groppe stand nichts zu lesen. rheinsein geht, ohne der Groppenfasnacht je beigewohnt zu haben, davon aus, daß diese spezielle Eigenschaft des Fischs in die Fasnachtsriten eingebunden sein dürfte und ist jedenfalls angetan von der groppigen Tradition am Schweizer Seeufer. Denn bei einer Wanderung durch die Ruinaulta, den „Schweizer Grand Canyon“, hatten wir einst Gelegenheit, uns mit einem leibhaftigen Exemplar dieser aktuell so seltenen Spezies zu unterhalten. Es handelte sich um eine gestrandete Groppe namens Ueli, die wir nach einigem unerquicklichen verbalen Hin und Her (vulgo: sinnlosen Diskussionen) aus ihrer mißlichen Lage, dem Eingeklemmtsein zwischen größeren rundgeschliffenen Alpenrheinkieseln, per Fingerschnips befreiten (die Groppe flog für einen Moment und das sah teuflisch elegant aus; „Groppendynamik“ flirrte uns ein beschreibendes Kompositum für ihr Flugverhalten durch den Schädel), woraufhin der geschnipste Fisch, dem all das offensichtlich peinlich war, grummelnd davonflösselnd, und auf eine Art und Weise vernuschelt, damit nur jeder wüßte, wie schwer ihm die Sache fiel, uns drei von ihm zu erfüllende Wünsche zugestand, eine fortgesetzt unangenehme Situation also, die wir seinerzeit nicht zuletzt wegen akuter Wunschlosigkeit mit lediglich dem Wunsch eines „Guten Tages“ quittierten, welcher auf die Groppe zurückfallen sollte. Wir haben nie wieder von ihm/ihr gehört.

Presserückschau (November 2012)

Nachdem in Basel Spaziergänger einen beinahe hummergroßen Signalkrebs aus dem Rhein gezogen hatten, vermeldet nun auch kindernetz.de eine „Krebsjagd am Rhein“. Während das Schweizer Boulevardblatt Blick ganz pragmatisch die kulinarischen Qualitäten des Tiers herausgestellt hatte, berichten die auf Kinder spezialisierten Reporter, daß „der große Krebs gefangen werden müsse, weil er sonst kleineren Krebsen schade“. Weitere bedeutende Rheinnachrichten des Novembers:

1
Der General-Anzeiger berichtet von Diskussionen um einen künftigen Wasserbus auf dem Rhein in Bonn. Die Idee kam aufgrund bevorstehender Großbaustellen zustande: “Nach Auffassung des BDA (Bund deutscher Archtiekten) soll der Rhein unter dem Motto „R(h)ein in die Stadt“ als Natur- und Erlebnisraum zum Kernthema der innerstädtischen Entwicklung werden: Der Rhein also als Vernetzungsraum, der Verbindungen mit unterschiedlichen Qualitäten schafft, und ein Gestaltraum, der die beiden Seiten des Bonner Stadtbildes am Fluss zeigt und die besondere Qualität der „Stadt am Rhein“ zum Ausdruck bringt. Der Wasserbus soll mit zahlreichen kurzen Verbindungen über den Rhein die beiden Bonner Seiten miteinander verweben. Dabei stehen nach der Idee weniger die touristischen Ziele im Vordergrund, als vielmehr „die Verbindung der unterschiedlichen Wohn- und Arbeitswelten“. Im Idealfall soll sogar die Angliederung an den ÖPNV gelingen, was dessen Attraktivität für die Bürger steigern und die Bonner Stadtstraßen entlasten würde.“ Eine unsererseits längst und angesichts des regen Bosporus-Fährverkehrs sogar schmerzlich vermißte Idee, die auszugraben auch anderen Städten am Rhein gut zu Gesicht stünde.

2
„Vier von fünf Vorarlbergern rechnen jederzeit mit einem Hochwasser, geht aus einer Befragung der IRR (Internationale Rheinregulierung) unter 600 Bürgern beidseits des Rheins hervor“, teilt der ORF mit. Und weiter: „Die Hochwassersicherheit am Alpenrhein soll spätestens ab 2017 innerhalb von 20 Jahren bei Kosten von 400 Mio. Euro nachhaltig erhöht werden. Geplant ist, die Abflusskapazität des Rheins zwischen der Illmündung und dem Bodensee von derzeit 3.100 Kubikmeter pro Sekunde auf 4.300 Kubikmeter pro Sekunde zu steigern. Dieser Richtwert entspricht einem Hochwasser, wie es statistisch gesehen ein Mal in 300 Jahren auftritt. Das Hochwasser-Schadenspotenzial im Rheintal wird allein auf Vorarlberger Seite mit 2,66 Mrd. Euro beziffert.“

3
Erneut der General-Anzeiger berichtet unter dem Titel „Potemkin am Rhein“ über die zweifelhafte Eröffnung des Gemeinsamen Extremismus- und Terrorabwehrzentrums (GETZ) in Köln, das sich nicht recht vom Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) und dem Gemeinsamen Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus/-terrorismus (GAR) unterscheiden lasse. So sei die politische Prominenz der Eröffnung zahlreich ferngeblieben: „Auch der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, ein CDU-Mann, fehlte. Der improvisierte Zustand des Zentrums legt zusätzlich Zeugnis davon ab, dass da hopplahopp etwas präsentiert werden musste: Potemkin am Rhein. (…) Wer gemeinsam gegen Terror und Extremismus kämpfen will und dann noch nicht mal die Gründungsfeier einvernehmlich hinkriegt, muss sich über Hohn und Spott nicht wundern: “Getz geht´s los”, lautet einer der einschlägigen Sprüche.“

4
„Der Klimawandel wird Deutschland mehr Überschwemmungen und Hitzerekorde über 42 Grad bringen. Eine weitere Folge sei, dass Flüsse wie der Rhein „öfter mal austrocknen“, sagte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung“ – berichtet ntv. Eine Meldung, die natürlich wieder gegen regen Fährverkehr spricht.

5
Ob die folgende Meldung über eine Spezies namens Hulecoeteomyia japonica bezeugt, daß der Klimawandel bereits im Gange ist? Über das unerwüscht zugewanderte Insekt berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger: „Die aggressive asiatische Buschmücke vermehrt sich in Deutschland immer stärker. In NRW erstreckt sich die Population bereits über ein großes Territorium zwischen Köln und Koblenz. Die Mücke gilt als Überträger des gefährlichen West-Nil-Fiebers.“ Am Oberrhein ist die Mücke indessen schon etwas länger bekannt.

6
Die Rhein-Zeitung über tierische Migration und ihre Effekte: „Im Rhein lebten heute bereits allein mehr als 45 Arten wirbelloser Einwanderer, heißt es. Die Neuankömmlinge verdrängen dabei die heimischen Arten. Angesichts der bedrohten Artenvielfalt spricht Stefan Stoll von einer „McDonaldisierung“. „Überall gibt es nur noch das gleiche Angebot“, erklärt der Biologe.“ Das gleiche, aber ein anderes, oder etwa nicht? Schwingt hier das angestammte Verdammen terrestrischer Migrationsbewegungen aus Angestammtenmund mit? Und wo landen die verdrängten Arten? In Mägen? Oder drängen sie anderswo hin?

7
Eine bauplanerisch-neoromantische Meldung hat der Südkurier parat. Sie betrifft Rheinfelder Pläne für die Internationale Bauausstellung 2020: „Das Rheinfelder Rheinuferprojekt mit Pavillon, Fischaufstieg, naturnahen Uferabschnitten mit Kiesbänken und Felsen auf der deutschen Seite und zeitgenössischer Landschaftsarchitektur mit Stadtpark auf Schweizer Seite ordnet sich in diese Leitidee ein. Der Rhein zwischen beiden Rheinfelden soll bei der Bevölkerung „Liebe“ wecken mit Erlebnissen und Ausblicken, die ans Wasser locken.” Der Gedanke des Rheins als “Verführer”, fährt der Artikel fort, sei seitens der Rheinfelder als verpflichtender Anspruch aufzufassen.

8
Daß Thomas Gottschalk seinen Wohnsitz Schloß Marienfels verkaufen will, war vielen Zeitungen, darunter der Frankfurter Rundschau, eine quasi-makelnde Nachricht wert: „Allerdings müssen Interessenten bedenken, dass alle Räume von Thea Gottschalk höchstpersönlich gestaltet wurden. Thea Gottschalk suchte ihrem Mann stets die Kleider für seine „Wetten, dass ..?“-Moderationen aus. Man kann sich also die Pseudo-Prunk-Melange in den Gemächern vorstellen. Andererseits hat der Käufer die Chance, demnächst auf den Touristenschiffen genannt zu werden. Wenn auch nur als Besitzer des Schlosses, das mal Thomas Gottschalk gehörte.“

9
Der Duisburger Kriminalpolizei gelang es, einen kuriosen Vermißtenfall aufzuklären. Nachdem vor knapp einem Jahr bei Rees-Mehr (Oberkörper) und im Emmericher Yachthafen (Unterkörper) ein männlicher Torso aufgetaucht war, konnte dieser zunächst nicht identifiziert werden, denn: „die Polizei (kam) aus einem wesentlichen Grund nicht auf (einen bekannten, Anm.: rheinsein) Vermissten: Er war etwa 1,70 Meter groß. Die Gerichtsmedizin hatte aber errechnet, dass die Leiche im Rhein zu einem Mann mit der Größe von fast 1,90 Metern gehören müsse. Sie war einer fehlerhaften Formel in der Neuauflage eines verwendeten Lehrbuchs aufgesessen“, berichtet die Rheinische Post.

Last but not least: wurde im November entlang des Rheins und einiger seiner Nebenarme der Karneval ausgerufen (so gut wie alle lokalen Tageszeitungen berichteten), und in Köln, meldet der Kölner Stadt-Anzeiger, werden kommende Hochwasser ab sofort „in den Rhein zurückgepumpt“.

Über das Radio hinaus – 25 Jahre Kunstradio – Radiokunst

lautet der vollständige Titel einer seit 10. November 2012 laufenden Ausstellung in Bremen, auf die wir gerne hinweisen möchten.  Aus dem Ankündigungstext:

“In den 25 Jahren seines Bestehens hat das KUNSTRADIO vielen internationalen KünstlerInnen im Kontext von bildender Kunst, Literatur, Medienkunst, Musik, Performancekunst und Netzkunst die Möglichkeit geboten, verschiedenste Radiokunstwerke in unterschiedlichsten Kontexten sowie unter Verwendung diverser Technologien zu realisieren. Das KUNSTRADIO ist in diesem Sinne auch ein Experimentierlabor, indem es Raum für das Austesten der zumeist nicht nur im Kunstkontext noch neuartigen Technologien und deren teilweise ungewöhnliche Nutzung und Kombination gegeben hat. Das Medium Radio wird dabei in seinen unterschiedlichen Ausprägungen erforscht und zum Gegenstand der künstlerischen Reflexion, zum Instrument und Kommunikationsraum.”

Im Rahmen dieser Ausstellung, die zugleich als kulturwissenschaftlich-kunsthistorisches Forschungsprojekt der Universitäten Köln und Bremen fungiert, sind drei unterschiedliche Themenräume mit Dokumenten zur Geschichte der Radiokunst und natürlich hörbarer Radiokunst selbst ausgestattet. Unter den zu hörenden Stücken befindet sich auch die auf dieser Website vorhandene und gern angeklickte ORF-Produktion Am Alpenrhein, allerdings unter ihrem offiziellen ORF-Titel Im Alpenrhein – und zwar im Projektbereich “curated by…”

Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. Februar 2013
im Studienzentrum für Künstlerpublikationen Weserburg – Museum für Moderne Kunst, Teerhof 20 in 28199 Bremen

Val Strem (2)

Die versprochenen Gemsen, Steinböcke, Murmel des Val Strem hielten sich am Tage unserer Erkundung bedauerlicherweise zu kurzfristig anberaumten Artenschutz-Konferenzen in den Nachbartälern auf. Stattdessen erwartete uns ein gestreckt-geschwätziges platschual von Bilderbuch-Nebenrhein, das mit einigen Kaskaden in seine höheren Höhen lockte. Neben uns vor allem Strahler, leicht erkennbar an ihren Pickeln, dem forschen Schritt und der kargen allwettergestählten Art. Das Wetter war bestens expeditionsgeeignet, das Dorf schnell in unserem Rücken. Die liftbestandene Matte oberhalb Sedruns glich einem englischen Rasen (wir vermuteten robotorisiertes Heuen), an der Ostwand erblickten wir ein gleichsam exotisch organisiertes Baum-Stein-Ensemble erklecklichen Ausmaßes, das nicht recht an Ort und Stelle zu passen schien, sondern vielmehr, womöglich als Reminiszenz an die Himmelsrichtung, aber auch weil es recht exakt umgattert war, an die menschliche Komposition eines Japanischen Gartens erinnerte.

Bevor das Val Strem oberhalb der Skilifte stärker ansteigt und sich längs des Flußlaufs verengt, fielen uns nächst einer Rheinbändigungsvorrichtung von massiven Metalldeckeln gesicherte rundliche Bodenluken auf, die, nachdem wir sie eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet hatten, von flugs herbeigeeilten, finster dreinschauenden, romanisch sprechenden Vollbartträgern überprüft und als bestens verrammelt abgehakt wurden, dieweil wir die mißtrauischen Blicke der Prüfmänner ernteten. Mißtrauische Blicke aber beflügeln, ob von den Blickewerfern beabsichtigt oder nicht, umgehend unsere Fantasie. Einstiege wohin stellten diese an Schiffsluken erinnernden Pforten vor? Harrte unter uns in unterirdischen Hallen das Schweizer Militär? Handelte es sich um eine Schnittstelle zwischen der Menschen- und der Bergzwergenwelt? Wir stellten uns allerlei abartiges, gefährliches, monströses oder aber auch allzunützliches hinter diesen Luken vor, auf daß sie besser im Halbstundentakt auf ihre Verschlußsicherheit zu prüfen wären und der Gemeinde einige Arbeitsplätze sicherten/abrängen, die, weil die Arbeit äußerste Aufmerksamkeit erforderte, nur von den zuverlässigsten Kräften erledigt werden könnte, wozu in den eher entlegenen Alpenrheintälern traditionsgemäß die bärtigsten Männer zählen, niemals aber die Frauen, die sich jederzeit als striga entpuppen könnten – Arnold Büchli wußte ein paar tausend Seiten Material zu solchen und ähnlich gearteten Fänomenen zu sammeln, welches in der Kantonsbibliothek zu Chur zugänglich ist.

Bald führt der Weg ins Rheinrausch-, Männertreu- und Blaubeer-Idyll, gelegentlich bevölkert von besagten Strahlern und alleinwandernden Heidis in ihren Endvierzigern. Und wenn die Steinböcke die Konferenz im Nachbartal nur vorgetäuscht haben? Wenn sie uns beobachten, perfekt im Fels getarnt, oder mit pflanzenstengelartigen Periskopen aus den ominösen Bodenluken? Mit ihren Hörnern könnten sie vermutlich leicht den Grund durchbrechen und plötzlich vor uns aufwallen und teuflisches, wie rückwärts abgespieltes und hernach perfide gedehntes, ächzendes, rachitisches Zeugs brabbelnd uns einen sagenhaften Wegzoll abverlangen. (Aus ihren Augen Blitze zu schleudern vermögen sie natürlich auch.) Was ist das für ein schon beinahe pervers (also sowas von dermaßen) weiß ausgewaschner Schädel dort unterm Uferwuchs auf einer Felsplatte, wie ein professionell-unabsichtlich plaziertes, umso triftiger Bedeutung aussendendes Accessoir im Rein da Strem? Ein menschlicher? Ein tierischer? Wie lang liegt er schon dort? Waren es die Bartleute, die ihn dort plazierten? Oder warum haben Ihro Zuverlässigkeiten ihn nicht längst entsorgt? Die Sonne knallt, sie hat an diesem Tag sonst nichts zu sagen. Über den Fels sickern Quellwässer mit sehr unterschiedlichen Mineraliennoten. Ein Falter faltet sich, bis er, des Faltens überdrüssig, flattert. Die wenigen Singvögel in dieser Höhe äußern, wenn überhaupt etwas, nur Schimpf und Hohn. Einmal, meinten wir, zog der dünne Schatten des Murdlers, der selber unsichtbar blieb, über uns hinweg. Schließlich erreichten wir die Wasserfälle, ils cascads.

Das Lachen der Hühner: Rezension (4)

Die baden-württembergische Literaturzeitschrift allmende fokussiert, dokumentiert und begleitet seit gut drei Jahrzehnten das literarische Geschehen am Ober-, Hoch- und Alpenrhein. In der soeben erschienenen Nr. 89 schreibt Simone Nitsche über Das Lachen der Hühner:
“Auf gut 20 Seiten umweltfreundlichen Papiers entfalten Stan Lafleur und Helena Becker eine gewitzte Bestandsaufnahme ihrer Liechtensteiner Umgebung in Wort und Bild. Elf poetisch außerordentlich komplexe Sonette werden von ebenso vielen Papierschnitten begleitet, die der Bewegtheit der Gedichte als ruhender Pol gegenüberstehen. Die leicht gelbliche Färbung des Papiers verleiht Helena Beckers Arbeiten ein gewisse Sanftheit, wodurch die Radikalität der Landschaftsbilder, die Stan Lafleurs Lyrik entwirft, etwas gemildert wird. Lafleur erfasst punktgenau das Eindringen der Globalisierung in die beschauliche Ländlichkeit des Fürstentums Liechtenstein. Seine mitunter von Dialekt durchsetzte und zugleich poetisch klare Sprache bildet den Soundtrack einer Verzerrung, der Verzerrung des Althergebrachten. Hier, wo die Natur geradezu aufdringlich wirkt – in An Sonntagen dichtet Lafleur: „nach Waschmittel riecht der Wald (…) voll aufgedrehtes Bächleinplätschern“ – inmitten dieser Hochglanzidylle also entwickelt sich die Natur in Anbetracht des nie versiegenden Touristenstroms zu einer Parodie ihrer selbst. Frei nach der Formel: „Tausche Postkartenkulisse gegen Realität“ liefern Helena Becker und Stan Lafleur mit ihrem schmalen Band Das Lachen der Hühner einen aufschlussreichen Einblick in die Art und Weise, in der sich unsere Welt verändert.”

Türkischer Rhein: Türkenbund

türkenbund

Die Bezeichnung des Türkenbunds geht vermutlich auf seine turbanförmige Blüte zurück und könnte insgesamt ein Lehnwort sein (das türkische Wort tülbent bedeute Turban, behauptet der aktuelle deutsche Wikipedia-Artikel über das Gewächs; wir fanden unter tülbent die Begriffe “Seihtuch” bzw. “Gazetuch mit gehäkelter Borte wie es türkische Frauen auf dem Lande tragen” bzw. “Batist” bzw. “Musselin” bzw. “Mull” bzw. “Tulpe” bzw. tatsächlich auch veraltet “Turban”). Am Rhein steht die gefleckte Lilie, “eine der schönsten Pflanzen unserer heimischen Wälder” (Natur-Lexikon.com), gern und oft, am liebsten in Höhenlagen. Das fotografierte Exemplar fand sich in deutlich über 1000 Metern Höhe am Alpenrhein.

“Die Zwiebel des Türkenbunds reguliert sich mit Hilfe von Zugwurzeln auf eine bestimmte Tiefe im Boden ein. Die Fleckung der Blütenblätter ist erblich, nicht aber das Muster, das die Flecken bilden. Kein Blütenblatt gleicht deswegen haargenau dem anderen. Die Farbflecken entstehen vielmehr durch Bildung schwerlöslicher Farbstoffverbindungen in beieinanderliegenden Zellen nach einem ähnlichen Prinzip, wie sich Eisblumen am Fenster bilden. Deshalb sind die Farbstoffflecken oft mit einem helleren Hof umgeben.” (D. Aichele/M. Golte-Bechtle: Was blüht denn da? Wildwachsende Blütenpflanzen Mitteleuropas)

Wikipedia weiß: “Die Alchimisten glaubten, mit Hilfe der Goldwurz (die Zwiebel des Türkenbunds; Anm.: rheinsein) unedles Metall in Gold umwandeln zu können. Der Türkenbund wird in der Volksheilkunde gegen Hämorrhoiden (goldene Ader) gebraucht und wurde im Mittelalter als Allzweckheilmittel angesehen. Auch glaubte man, dass die Zwiebeln als Futter für Kühe eine schöne gelbe Butter ergeben würden.”

Wörterbuch: Bedecktsamer, Blattquirl, Blütenhüllblatt, Blütenstandsachse, dreizählig, Einkeimblättrige, fleischrosa, Frischezeiger, Glattrandigkeit, Hochstauden-Gesellschaft, krautreich, lanzettlich, Lilienhähnchen, Nektarrinne, pflanzensoziologische Einheit, Schatten-Mönch, Scheibenflieger, Scheinquirl, Schlotterhose, taillierte Schuppe, Selbststerilität, sickerfrisch, Staubblatt, Staunässe, Tierstreuer, trübviolett, verzögert-hypogäisch, Vorwarnliste, Wasserhaftausbreitung, Windstreuer, Zugwurzel

Promonarchistische Alpenrheinlyrik

FL_Nein_Gedicht

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein

Mitte April erhielt rheinsein einen Bericht aus den Badischen Neuesten Nachrichten, eine Ankündigung, daß der Schweizer „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis den Rhein komplett von einer seiner Quellen, dem Tomasee, bis zu einer seiner Mündungen, bei Hoek van Holland, durchschwimmen wolle. Die Aktion solle am 02. Mai starten und einen Monat beanspruchen.

Zwar ist rheinsein zum Tomasee bisher nur virtuell vorgestoßen (und real auf dem Weg dorthin bisher nur bis knapp oberhalb Sedrun gelangt), doch schien uns, aufgrund solchen Halbwissens, ein konsequentes Durchschwimmen des gotthardischen Quellrheins, eine kaum ausführbare Ankündigung. Der BNN-Bericht stellte Ernst Bromeis` Pressemitteilung damals nicht in Frage.

Viel realistischer klingt nun des Rheinschwimmers Etappenblog Das blaue Wunder, in dem die gestrige „erste Schwimmetappe“ zu einem kurzen Eintauchen ins eisbedeckte Wasser des Tomasees mit einem symbolischen Armzug wird, um, nach sorgfältigem Abtrocknen und Aufwärmen, in eine Ski- und Fußwanderung nach Sedrun umzuschlagen: „Auf einer kleinen Brücke stehend erwarteten ihn dort seine allerersten Fans. Zwei Feriengäste aus Hamburg hatten zufälligerweise vom Projekt erfahren. Etwas überrascht waren sie, dass Ernst vom Hügel hinab stieg und nicht im Wasser daher kam.“

Nach einem Sportler-Mittagessen nahm der Rheinschwimmer erneut den Fußmarsch auf, um zwei Stunden später „in Disentis von einer beachtlichen Anzahl Einheimischer mit Alphornklängen und Polenta empfangen zu werden“.

So lustig dieser erste Schwimmbericht klingt, so gespannt macht er darauf, wie häufig der Rheindurchschwimmer auf den folgenden Etappen mit dem eisigen, vielerorts reißenden Alpenrheinwasser in Berührung kommt. Ernst Bromeis selbst: „Kann ich einen Monat lang im Fluss leben? Ich weiss es nicht.“

Ein Aal läßt sich nicht aufhalten

Kommissar Hunkeler ist vor allem am Hoch- und Alpenrhein ein Begriff. Die Kriminalromane Hansjörg Schneiders wurden vom Schweizer Fernsehen verfilmt und zur besten Sendezeit ausgestrahlt. In Hunkeler und die Augen des Ödipus geht es um eine kultivierte Rheinleiche, das Verhältnis zwischen dem Basler Großbürgertum und seinem Theater, um das Flair des Basler Hafens, die verzwickten Quickungen bzw verquickten Zwickungen des Dreiecklands und um Aale:

„(…) „Vor knapp dreißig Jahren“, sagte Hunkeler, „floss der Rhein hier rot. Das war nach der Chemiekatastrophe in Schweizerhalle. Damals wollten die Aale an Land kriechen. Es gelang ihnen nicht, wegen der Mauer. Ich habe gesehen, wie sie vorbeitrieben.“
„Sie sind längst zurück. Ein Aal läßt sich nicht aufhalten. Er schwimmt als kleiner Wicht vom Sargasso-Meer im Atlantik mehrere tausend Kilometer zur Rheinmündung und flussaufwärts bis zu uns. Wenn notwendig, kriecht er über Land. Er überwindet sogar den Rheinfall. Er kommt ein Jahr lang ohne zu fressen aus. Er verwandelt sich vom Meerfisch zum Süßwasserfisch. Wenn er nach mehreren Jahren zurückschwimmt ins Sargasso-Meer, um sich zu paaren und anschließend zu sterben, wird er wieder zum Meerfisch.“ (…)“

Die Unterwasserdschungel der Sargassosee, in denen die Aale sich paaren, gelten als der größte zusammenhängende Pflanzenwuchs unseres Planeten. Gilt der Orientierungsssinn des Wanderaals gleichsam als Wunder, so bezogen wir dies Wunder stets eher auf das Zurechtfinden in schier endlosen Algen- und Tangwucherungen, als in den Flußläufen Mitteleuropas. Daß Aale imstande seien, den Rheinfall zu überwinden, widerspricht im Übrigen einer andern, hier zitierten, allerdings etwas älteren Quelle.

Nun wird vor Hunkelers Augen ein Aal aus dem Rhein gezogen. Als Köder diente kein Pferdekopf (wie andernorts), sondern lediglich ein banaler Wurm:

„(…) Er zeigte auf zwei rötliche Flossen.
„Das hier sind die Brustflossen. Bauchflossen hat er keine. Die Schuppen sieht man nicht, die sind von der Haut versteckt. Der Unterkiefer steht vor, wie du siehst. Die Zähne sind feilenartig.“
Das Tier wand sich, ringelte sich. Über seinen Rücken zog sich eine lange Flosse, durch die wellenartig ein Zittern ging. (…)“

„Feilenartige Zähne“, das klingt ganz nach den hübschen lexikalischen Zuschreibungen, mit welchen die Zoologen Tiere näher zu bezeichnen pflegen, um sie zu systematisieren, auseinanderzuhalten und zu verwandtschaftlichen. Im Verlaufe des Romans werden die Aale verdächtigt, dem Mordopfer die Augen ausgefressen zu haben – ganz zu unrecht, wie Kommissar Hunkeler schließlich herausfindet. Unterdessen dienen die Schlangenfische in lakonischen Dialogen als Projektionsfläche für Gedanken über Naturzyklen und die Ferne und finden offenbar auch im Erzählschatz des Schweizer Volksglaubens Erwähnung:

„(…) Früher hat man sich erzählt, dass sie den Bauern nachts in die Ställe kriechen und die schlafenden Kühe melken. Aber das ist wohl ein Märchen.“ (…)“

Zitate aus: Hansjörg Schneider – Hunkeler und die Augen des Ödipus, Zürich 2010

Die Verfilmung von 2012 mit Mathias Gnädinger und Axel Milberg weicht von der Romanvorlage ab, selbst der Täter ist im Film ein anderer.

Rajkas Rhein

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Werke in Konfrontation lautet der Titel einer Ausstellung mit Bildern des Künstler-Ehepaars Rajka Poljak und Vlado Franjević, die am 01. April auf Schloss Sargans mit einer nachmittäglichen Vernissage eröffnet wird. Rajka stellte rheinsein vorab zwei ihrer Alpenrhein-Bilder zur Verfügung, wofür wir uns herzlich bedanken! Rajkas Porträt- und Landschaftsstudien werden in Sargans Vlados bunte Formgebilde  gegenüberstehen, von denen Al’ Leu schreibt, daß Vlado mit ihnen  “Grenzbereiche und kritische Randzonen der Kunst auslotet und dadurch (…) in endogene bildnerische Bereiche vorstösst, die im elektronischen Zeitalter genügend visuelles Potential entwickeln, um auf multimedialen Ebenen mit kraftvollen Impulsen neue Projekte anzustossen”. Damit dürfte auf Vlados unermüdliche Tätigkeit als Netzwerker angespielt sein – tatsächlich war Vlado derjenige, der uns den langgehegten Wunsch, einmal das kleine Fürstentum Liechtenstein (auf den Bildern oben: dessen Rhein, mit Schweizblick) zu besuchen, zu erfüllen verhalf!

Rajka Poljak und Vlado Franjević
Werke in Konfrontation
Schloss Sargans
01. April bis 03. Juni 2012

Vernissage: Sonntag, 01. April um 14.00 Uhr
(Begrüssung durch SE Botschafter der Republik Kroatien in der Schweiz; Rede zur Kunst von Al’ Leu, Kunstkritiker und Präsident ZSV)

Das Rahmenprogramm zur Ausstellung bietet diverse weitere Anlässe wie etwa Lesungen. (Vlado tritt neben seiner bildnerischen und Netzwerker-Tätigkeit auch als Autor hervor.) Das genaue Programm ist den regionalen Zeitungen/Zeitschriften zu entnehmen.

Von Thusis nach Chur

“(…) I will now returne unto that part of the Grisons country where-hence I digressed, even to Tossana, where I entred a fourth valley which is called by the same name as the other immediately behind it, namely the valley of Rhene, because that river runneth through this also where it inlargeth it selfe in a farre greater bredth then in the other valley. Also some doe call it the valley of Curia from the citie of Curia the metropolitane of the country, standing in the principall and most fertil place thereof.
I departed from Tossana about seven of the clocke in the morning, the three and twentieth of August beeing Tuesday, and came to Curia tenne miles beyond it, which is the head citie of the country (as I have before said) about one of the clocke in the afternoone.
I observed many wooden bridges in this valley, made of whole pine trees (as those of Savoy) which are rudely clapped together. One of those bridges is of a great length, about one hundred and twenty paces long, and sixe broad, and roofed over with timber. Also it hath foure very huge wooden pillars in the water. This bridge is made over the river Rhene, about five miles on this side the citie of Curia, over the which every stranger that passeth payeth money.
I observed this country to bee colder by halfe then Italie, the ayre beeing heere as temperate as with us in England.
The abundance of peares and apples in many places of Rhetia, especially about the citie of Curia, is such that I wondred at it: for I never saw so much store together in my life, neither doe I thinke that Calabria which is so much stored with peares, can yeeld more plenty for the quantitie or space of ground, then this part of Rhetia doth. Their trees being so exceedingly laden, that the boughes were even ready to breake through the weight of the fruite. (…)”

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Vergeblich suchten wir in den Crudities nach einer Beschreibung der Via Mala, die Coryat – so ziemlich zu ihren wildesten Zeiten – auf seiner Alpenrheinreise passiert haben müßte. Der Marktflecken Tossana (Thusis) bleibt ebenso nahezu unbeschrieben wie die übrigen Dörfer des Hinterrheins, erst Chur erfährt ausführlichere Notizen (die wir evtl noch hier vorstellen). Von Chur geht Coryats Reise den Rhein abwärts bis Sargans, von wo er über Walastat (Walenstadt) nach Zürich abbiegt, um erst wieder bei Basel auf den Strom zu treffen. Seine Ausführungen zu diesem Alpenrheinabschnitt bleiben dürftig, viel mehr als Schätzungen der Wiesenflächen stehen nicht zu Buche, doch vermerkt Coryat, daß er ab Sargans bis tief in die Niederlande fortan lückenlos jeden Reisetag mindestens einen Rheinwein kredenzt bekam.

Förschtafescht

“An den kaiserlichen Auftritt in Heinrich Manns „Der Untertan“, ans Mittelalter, an vorörtliche Fronleichnamsprozessionen und an zwiespältig beleumundete, sehr entfernte Ecken des Weltalls zugleich gemahnt der Staatsfeiertag einer kleinen Monarchie in den Rheinalpen: „An diesem Tag feiert das Fürstentum sich selbst“ schlagzeilen übereinstimmend alle drei Tageszeitungen, die konservative, die etwas konservativere und die selbsternannt konservativste. Die Feiern beginnen mit einem Feldgottesdienst auf der Schloßwiese, die eine Wiese außerhalb des Schloßes mit beinahe fürstlichem Talblick vorstellt. Die ganze Nacht über hat der Regen Schwung geholt, um nun in handfesten Strängen herunterzuplästern. Dennoch haben sich einige unverdrossene Untertanen versammelt, den Zeremonien beizuwohnen, myzelig sprießen da und dort auberginefarben-fürstliche Regenschirme aus der Wiese, gegen Gottes Wässerungsmaßnahme emporgestemmt von den Anzugträgern der Nation. Vorm Regen von einem fliegenden Zeltaufbau geschützt klammert sich, adrett in Tracht, das nationale Ufftata-Orchester an seine Instrumente, die Mienen wechseln nach persönlichen Vorliebe (für klerikale oder weltliche Stücke) zwischen Ergebenheit und Depression. In schleppendem Ton zitiert der Erzbischof, ein kleines, rundes, an kirschwassergestreckte, in Knittergoldfolie verpackte Marzipanprodukte erinnerndes Wesen, seine Lieblingsbibelverse, erzählt die Anekdote vom Papstbesuch im Fürstentum vor 25 Jahren „die sicher viele hier noch in bester Erinnerung haben“, als es nämlich ähnlich plästerte, und der Papst die versammelten Untertanen darob fragte, ob sie denn wüßten, weshalb es so regne, und als keiner (!) eine Antwort fand seine päpstliche gab: „weil alle hier noch wachsen müssen“, eine schöne Anekdote fürwahr, von des heiligen Vaters unfehlbarer Weisheit, die der kugelförmige Erzbischof da auspackt, gefolgt von der Ankündigung, die Predigt, aus der er wegen des Regens nur die Inhaltsangabe verlese und die bitte bei tieferem Interesse in voller Länge in den drei nationalen Tageszeitungen oder auf der Website der Erzdiözese nachgelesen werden solle, handele von der nötigen Abkehr vom Mammon, was weder beim mammonnichtganzabgewandten Fürstenhaus, noch beim mammoneherzugewandten Untertanenvolk tieferes Interesse auszulösen scheint. Das Warten im Regen richtet sich nun auf den Staatsakt und spürbar bereits auf den geordneten Marsch zum Schloßhof, in den die Fürstenfamilie zu Brezeln und Bier einlädt, eine Gelegenheit, die sich insbesondere in Tschechien herumgesprochen zu haben scheint, größere Gruppen wilder junger Tschechen jedenfalls bevölkern die letzten Anspracheminuten, der Erbprinz, selbst in natürlichster Natur eine wie mit Fotoshop für TV-Zeitschriftcover zurechtgeglättete Erscheinung uradeligst-feiner Strahlkraft, erklärt in von den Untertanen ob ihrer Eloquenz bewunderten, immer wieder müde ausholenden und im großen weiten Offenen verlaufenden Sätzen die von Sparzwängen umstellte Gegenwart seines kleinen, nichtsdestotrotz in Tschechien mittlerweile wohl ganz gut bekannten Landes, und als er geendet hat, wiederholt sein Landtagspräsident des Erbprinzen Worte, damit die Untertanen doppelt Bescheid wissen, spricht desweiteren vom völlig zu Unrecht bestehenden und daher unbedingt zu reparierenden schiefen Blick einiger bekannter Nationen auf seines Fürsten unschuldiges Land, die ersten Tschechen liegen da bereits unter den Bierhähnen, das Absingen der Nationalhymne setzt die Worte „Rhein“ und „frei“ frei, unter Applaus und Spalier spaziert das Fürstenhaus in sein Schloß, von plötzlich massiv angeschwollenen Menschenmengen gefolgt, die im Schloßhof den berühmten fürstlichen Rheinblick erhaschen wollen, sowie das ein odere andere Freibier.”
So war es letztes Jahr und die Jahre zuvor. Dies Jahr jedoch entfiel der Feldgottesdienst, denn der kleine runde, Maria, die Muttergottes, heiß verehrende Bischof, sagte denselben ab, da aktuell “gwüsse” Modernisierungsvorgänge in der kleinen Monarchie in der Trennung von Kirche und Staat zu münden drohen. Die vor Jahresfrist verkündeten Sparmaßnahmen haben indessen bei unveränderter Blüte der kleinen Monarchie, wenngleich unter Wehklagen der an Wachstumsschwund leidenden Treuhänderbranche, gegriffen und so bleibt dem Fürstenhaus heuer etwas mehr Geld fürs Abschlußfeuerwerk des großen Tages, das Blumen-, Palmen-, Smiley- und Hohlkubusdarstellungen vor die Felsenwände zaubert, bevor ein sagenhafter Goldregen auf die bis zur Hutschnur mit euforisierenden Getränken gefüllte staunende Menge zu Füßen des Schloßes niedergeht und wo andernorts das Wort am Anfang aller Dinge stand, hier, nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde Himmelsillumination, die, aufgrund ihrer Gestrecktheit, beim Nachwuchs schon zu zögerlichen “Hören uff”-Rufen Anlaß gibt, am Ende aus Feuer geschrieben steht: “Für Gott, Fürst und Vaterland”, was zu erleben demjenigen, der sich seine Vertreter und Trompeter, seine Richter und Vernichter selbst wählen darf, ein Gefühl vermittelt, das nicht hier zwar, wohl aber in einem künftigen Verswerk noch zu ausführlichen Ehren gelangen mag.