Der Rhein bei Strabon

Bei Strabon finden sich mehrere Stellen über den Rhein, der „parallel zu den Pyrenäen“ verläuft, eine weiträumige Denkweise aus der Zeit um die  christlichen Nullerjahre. Unter der Überschrift „Lugdunum et les peuples du Rhin“, finden sich, für Rheinsein von Roland Bergère aufgespürt, u.a. folgende Zeilen:

“… pour le Rhin, il forme également dans son cours, et de vastes marais, et un grand lac qui marque la limite extrême des possessions des Rhoetiens et des Vindoliciens, peuples établis en partie dans les Alpes, en partie au-dessus des Alpes. Asinius affirme que la longueur du cours du Rhin est de 6000 stades; cependant il n’en est rien. Mettons en effet que ce fleuve puisse avoir en ligne droite un peu plus de la moitié de cette longueur; assurément ce sera assez d’ajouter mille stades pour les sinuosités qu’il décrit. On sait quelle est sa rapidité, bien qu’il coule dès sa sortie des montagnes dans des plaines presque sans pente, et combien il est difficile à cause de cette rapidité même d’y établir des ponts; or, je le demande, se pourrait-il qu’il conservât cette rapidité et cette force de courant, si, avec le peu de pente qu’il a, nous lui faisions décrire encore une infinité de longs détours? Asinius veut aussi que le Rhin n’ait que deux bouches, et il taxe d’ignorance ceux qui lui en prêtent davantage. Comme le Rhin, le Sequanas embrasse une certaine étendue de pays dans ses sinuosités, mais il s’en faut bien aussi que ces sinuosités aient le développement qu’on a dit. Les deux fleuves coulent du sud au nord et débouchent l’un et l’autre en face de la Bretagne, le Rhin assez près pour que de son embouchure on aperçoive distinctement le cap Cantium, extrémité orientale de l’île, le Sequanas un peu moins près : aussi est-ce dans le voisinage de l’embouchure du Rhin que le divin César établit le rendez-vous de sa flotte, quand il fut pour passer en Bretagne.“

Eine frühe Rheinlängendebatte also, bei der Strabons Kontrahent Asinius der Wahrheit näher gekommen sein dürfte. Dazu die üblichen historisch-geografischen Verschiebungen, welche bekannt wie unbekannt erscheinende Landschaften, Flüsse und Völker vollziehen, sobald ihnen nur genügend Zeit dafür gegeben.

Rheinsein an der Donau (2)

Von der Donau in Wien nur den Donaukanal gesehen. Beim versehentlichen Streifen durch die Außenbezirke blitzten ständig diese Momente auf, daß es schien, als würde der junge Hitler (aus dem Männerwohnheim) an den Hausmauern entlangschnuren, die Wahrnehmung zerfloß, es bildete sich so eine Stimmung vieler vergangener, durcheinandergeschobener, aber harmonierender Epochen, k.u.k., nachkolorierte Schwarzweißfotos, die simplen Inschriften an gekonnt verranzten Gebäuden: „Fleisch“, oder woanders, spezifischer: „Geflügel“ (dahinter: hinter verstaubten Scheiben: garnix oder wenn doch: sehr krudes Inventar). Momente kafkahaften Verfolgungswahns: unter den Passanten fände sich schon ein Wahnsinniger, der einem, weil man sie halbvoll entsorgt habe, die Flasche eines fürchterlichen Modegetränks tage- und wochenlang mit unerbittlicher, wienerisch schwadronierender Penetranz nachtrüge. Auch Adolf Kottans Kollegium ist, zivil getarnt, auf den Straßen unterwegs, die Farben jetzt: späte 70er. Die Aufnahmen für Literatur als Radiokunst dauerten drei Tage. Knapp bemessen, dennoch gelang es, klanglich da und dort ein Stück weit in die Tiefe zu gehen. Das ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße besitzt Charme, vor der Tür gehen Preßlufthämmer, das gelbbraune Licht auf den Fluren, die ganzen Apparate der Radiofrühzeit in Vitrinen ausgestellt: abenteuerliche Empfänger, Bakelit-Mikrofone, die Kantine mit ihren krummen Getränkepreisen hat etwas von einer Kneipe. Viel zu viel Text hatte ich letztlich mitgebracht (und eingesprochen), zuviele Ideen auch, die alle auszuprobieren die Zeit nicht reichte. Der Schnitt mußte gegen Ende mitten in die Schachtelsätze, um Zeitvorgabe und inhaltliche Anschlüsse zu wahren. Auf diese Art ist einiges verlorengegangen, das ich noch gern im Stück gehabt hätte. Doch der Rest läßt sich weiterhin hören. Martin Leitner, der virtuose Tonmeister, kam immer wieder mit großartigen Einfällen, und so können wir stolz sein auf den vielleicht ersten maschinellen Jodler der Radiogeschichte. Mit Pseudoromanisch und Pseudobadisch werden Sprachen anklingen, die es auch noch selten öffentlich zu bestaunen gab. Und natürlich rauschen die Alpen, überklungen vom Schrei des Murdlers. Die Sendung läßt sich auch per Livestream im Internet verfolgen, den passenden Link gebe ich noch zeitnah bekannt.

Tiere, Heidiland

kuehe_heidiland

Schnappschuß vom Speedboat aus: nur wenige Tiere (deren Fluchtinstinkt dann auch sofort griff) ließen sich an diesem Morgen auf den Rheinuferfettwiesen digigrafieren, durchaus nicht unüblich, wie unser Alpenrheinbootssafariführer ehrlich anmerkte, was freilich in den Touristenbroschüren vertuscht wird, in denen es von Ablichtungen diverser friedlich grasender Alpentierherden nur so wimmelt.

Walensee

Der Walensee ist ein erquickliches Naturschauspiel und Erholungsgebiet (mit Bade- und Panoramablickmöglichkeiten): das Schweizer Militär hat den Schweizern aus Dankbarkeit für die gute Zusammenarbeit mehrere ausgewählt sanfte Strandabschnitte zur Freizeitgestaltung zur Verfügung gestellt. Es gibt einige imposante Wasserfälle (schmale, sehr hohe: auch diese Wasser sollen, dem Wortstamm nach, zumeist Rheine heißen), die Zugstrecke zwischen Ziegelbrücke und Walenstadt lohnt den Ticketpreis: der ständige Blick auf den im Norden an die steilen Felswände der Appenzeller Alpen ufernden See, das plötzliche Dörflein Quinten, in einer, wies vom Zug her aussieht, hangartigen Bucht gelegen, die nur übers Wasser erreichbar scheint. (Zur Beachtung: die Schweizer Züge fahren pünktlich los und kommen pünktlich an, ohne zwischenzeitliche Verspätungen, sogar bei Schnee – in Deutschland seit der Mehdorn-Ära nahezu undenkbar.) Walenstadt macht dann natürlich mit einem Wal Werbung und den Anschein eines Kurorts, an dem man sich trotz des verjüngenden Effekts eines kühlen Gebirgswasserbades aufgrund des Stadtbilds gleich dermaßen alt fühlt, daß die stattfindende Verjüngung einen bestenfalls auf sein wahres Alter zurückwirft. Insofern wäre nicht viel gewonnen, aber es gibt noch den Blick Richtung Sargans und dort tut sich ein hohlwegartiges, vorbildliches Tal auf, von dem sich leicht vorstellen läßt, wie der Rhein, einmal in diese Richtung losgelassen, es durchschwemmte, in biblischen oder sogar prähistorischen Dimensionen, volle Spülung auf einen zu, von den Appenzeller an die Glarner Alpenwände klatschend und zurück, die ganzen Heidiland-Schilder entwurzelnd, ein Alpentsunami (japanische Touristen, angeführt von Bokushi Suzuki, dem tiefschneeerfahrenen, ersten aller japanischen Alpentouristen, sitzen auf sicheren Föhrenholzpodesten um wenige Franken Benutzungsgebühr und zeichnen die Wellen, ersinnen und kalligrafieren zum Schauspiel passende Haikus), sogar die Tagesschau berichtet, der Rhein findet sein neues Bett und von Speedbooten aus lassen sich jetzt Touren in die natürlich umgestaltete Region unternehmen, bei denen man mit etwas Glück regionaltypische hornlose Kühe auf regionaltypischen Fettwiesen fotografieren kann.

Appenzell

Anhand der Fotos ein Versuch, die Appenzell-Exkursion zu bewerten. Fiel ja in Niesel und verschwand darin. Sehr steil gings auf wilden Geheimstraßen über die Appenzeller Alpen (den prächtigen Steiß der Schweiz vom Bodensee und St. Galler Rheintal her betrachtet), die wenig Rheine auszuschwitzen scheinen (so mündet z.B. die Sitter erst via Thur in den Rhein). Wenn man vom Appenzell sprechen hört, dann kommts stets auf die Selbstmordrate, das Frauenwahlrecht, den Käse, die Hackbrettmusik. Letztere eine der bedachtesten Ausprägungen von Hausmusik, die uns je zu Ohren kamen. Es heißt, die Appenzeller Leute seien etwas seltsam. Stur. Im Niesel waren jedenfalls garkeine zu sehen. Dafür freistehende crèmefarbene Gehöfte, deren weitere Eigenart darin besteht, daß die Scheunen im rechten Winkel direkt an die Wohnhäuser gebaut sind. Die Appenzeller Bahn erinnert an die Sauschwänzlebahn und das gesamte Appenzell auf ersten Blick in vielem an den Schwarzwald. Als „Schwarzwald der Schweiz“ würden die Appenzeller das Appenzell aber niemals vermarkten. Der Hauptort Appenzells heißt Appenzell und macht den Eindruck eines Potemkinschen Dorfes, mit dem Unterschied, daß hinter den schmucken Fassaden noch Verkaufstresen installiert sind, bevor die zugige Landschaft beginnt. (Also vielleicht eher ein Schweizer Disneyland.) Zu kaufen: Biber (Gebäck), Pantli (Salsiz), Ratzliedlitextbücher (Kulturgut), Ohrlöffel (Herrenschmuck), schwach-, mittel-, hoch-, ultra- und scheinnaiv bauerngemalte Landschaft mit Gehöften, Vieh und Menschen (spirituelle Vergegenwärtigungstechnik) und genauso künstlich wie diese Bilder sieht das Appenzell auch in Wirklichkeit aus, d.h., die örtliche Bauernmalerei erreicht im tatsächlichen Abgleich mit der Landschaft erstaunliche (Foto)Realitätsgrade. „Dienstag zu, Mittwoch auch“ steht auf einer Restauranttafel, es sind die einzigen Appenzeller Zeilen, die wir Zeit unseres Besuchs zu lesen bekommen, über die restlichen Wochentage geben sie freilich keine Auskunft. Wer mag die Information angeschrieben haben? Es gibt keine Menschen auf der Straße, Gartenzwerge schon und zwar jeder Couleur und Berufskleidung, aber keine Menschen eben, Seifenblasen schon, aber die werden von mechanischen Gartenzwergen umhergepustet, es gibt Fotos und Gemälde von idyllischen Appenzeller Szenen, auf denen auch Menschen dargestellt sind, aber eben (außer Touristen) keine auf den Straßen, keine als Appenzeller erkennbaren Appenzeller jedenfalls, sie werden sich doch nicht alle umgebracht haben, kaum vorstellbar, daß sie wirklich alle den Niesel scheuen, auf den saftig grünen Weiden jedenfalls steht kein Vieh, liegen aber auch keine Leichen. Gefunden haben wir echte Appenzeller schließlich doch noch (auf den Fotos, wie immer sie dorthingelangt sein mögen – und natürlich:) im Internet: „Min Vatter isch en Appezeller/er fräßt de Chäs mitsamt em Täller

Rheinspitz

Der Alte Rhein bei Gaißau stellt sowohl den Grenzübertritt zwischen der Schweiz und Österreich als auch den westlichen Arm des rein österrheinischen (vorarlbergischen) Mündungsdeltas in den Bodensee vor. An seinem Westufer streckt sich, hinter Baum- und Buschwerk versteckt, ebendies Gaißau mit Kläranlage, Häusergruppen, Häfen und an der Mündung: Campingplatz und Gastronomie (hier schön von oben). Direkt hinter der Grenze ankert das imposante Restaurantschiff Hu Bin (ehemalige MS Höri) der chinesischen Familie Hu und beweist einmal mehr Diversität/Internationalität des Stroms selbst an entlegeneren Stellen. Das Ostufer flankiert lieblicher, abseits der Wege auch auf Trampelpfaden begehbarer Auwald, im Unterholz ringelt sich die Natter, Amseln geraten in Dialog mit Meisen, es schniept und schmätzt und kuckuckt, Krähen jagen Greife durchs Blattwerk zum puren Zeitvertreib, hinterm Waldrand schmarotzt blattgrünfrei der Rötliche Schuppenwurz, schmaucht das Pfeifengras den Torf ausm Boden, solls angeblich auch zwergdommeln. Kurz vor Seeeintritt versickert (anders als auf dem Video) der Alte Rhein, das Mündungsufer begrast von schottischen Hochlandrindern, Aromen von Brackwasser. Dem unbekannten Deicharbeiter (Torfstecher? Sumpfkumpel?) gewidmet ragt eine spatenschwingende Metallskulptur meterhoch in den bodenseefarbenen Himmel. Kiesstrand mit Muschelschalen. Die letzten Alpenkiesel mit ihren wilden Zeichnungen und Farben, bewohnt von unsichtbaren Insekten, die winzige Löcher sowohl in die Steine als auch die gesamte Gegend fressen, luftdurchzogene Löcher im ununterscheidbaren Gespiegel zwischen Seeoberfläche und Himmeln, darin Sämtliches, das in die Lüfte sich zu erheben vermag, sich hoffnungslos zwischen den Räumen und ihren täuschenden Grenzen verliert. Auf dem See selbst: Taucher, Säger, Kricker, Kräcker, Kreischer, Knatter und Gurren: ufernahe Wasservögel im Bann binnenozeanischer Weite. Von Osten her scheint in gemessener Entfernung ein weißer Rhein weit in den See hineinzutreiben, das Ufer vertorft und verzuzzelt als Wiese, zurück geht’s in den Auwald und dem vermuteten weißen Rhein des östlichen Mündungsarms entgegen.

Schikos Rhein (4)

Rheinfaelle-SchaffhausenDie Rheinfälle zu Schaffhausen, mannigfach bedichtet und hier, an einem jener kolossal-kulissösen Festtage, an denen der Schweizer zum Zeichen seines Wohlstands hektoliterweise Alpenrahm in den Fluß schüttet, von 1a-Dienstleisterwolken beschirmt.

De Rynstroom

aen Johan Wolphard, Heer te Brederode, Vryheer te Vianen.

Doorluchte Rijn, mijn soete droom,
Van waer sal ick u lof toesingen?
Mijn treckende geboortestroom
Ghy koomt uit Zwitsersche Alpes springen,
Als hoofdaêr der begaefde Euroop.
De Donau, uw afkeerigh broeder,
Nam oostwaert op syn` snellen loop,
Ghy Noordwaert; doen een selve moeder,
Begort van regen, ys en sneeuw,
U baerde voor soo menige eeuw.

Germanjen lagh noch wild begroeit
Van syn Hyrcynsche wilde wouden,
Tot dat het namaels werd besnoeit,
En door de tucht in toom gehouden.
Ten leste dorst ghy, strijdbre Rijn,
Den Tiber op syn feest bestoken;
Die voor u neegh, doen Constantijn,
Van uwen oever opgebroken,
Ging strijcken met den ouden roof
Van Rome en `t Heidensch bygeloof.

Ghy naemt het juck van Christus aen,
Men hoorde uw vrolijcke oevers schatren,
En scheent de heilige Jordaen
Te tarten met gedoopte watren.
Het Christen kruis en viel uw` rugh
Soo swaer niet, als weleer te draegen
Den last van Cesars legerbrugh,
En Drusus, die u dede klaegen
Om vijftigh sloten, swaer van steen,
Gebouwt langs uwe kanten heen.

Rheinisches Silvester

Mit Wilden am Rhein entlang wie Humboldt einst am Orinoco: dafür garantiert die Deutsche Bahn. Die Silvesterstrecke Köln-Düsseldorf übernommen von weißgewandeten Partyjüngern aus den umliegenden Dörfern. Die pärchenweise, mit Billigsektresten bewehrt, ab auf die Bordtoilette. (Bei dem Pulver, das die innehatten, hamsese wahrscheinlich sauber geleckt.) Was man halt so tut, im Zug, wenn er in Form und Inhalt einer Sardinenbüchse nacheifert. Ddorf selbst grüßt mit leichtem Schneegestöber und den alten Kumpanen, in gemischter Erinnerung ans ewige Leben kommt fetziger Fasan mit Proseccokraut im Punkrock aufs Eßbrett, beim Bleigießen ergeben sich nur komische Keulen, da spart man sich lieber die Feininterpretation. Parallelgeschaltet läuft Karaoke nur mit den besten Slime-Krachern, todsichere Anwendung, um ein verwehendes Jahr endgültig in die Tonne zu kloppen. Am Friedensplätzchen dann sinnigerweise Raketenwerfer und Böllerinferno, Doses Raketen verzischen in der Erdumlaufbahn, überhaupt böse abgeschossen der ganze Himmel, als könnt ausgerechnet er was dafür, daß es immer weitergehen muß. Gemeinschaftliches Vernichten des Edelgins, dazwischen paßt ein durchaus champagnerartigen Glanz abstrahlender Schaumwein, die Nacht wird blasenförmiger und verteilt sich vorbildlich um in ihre einzelnen Aspekte, was ham wir nicht wieder alles geredet, ja, was eigentlich? Draußen wird es ruhiger, die Stadt gönnt der Nacht wie letztes Jahr genau jene Zeit, die sie braucht, um alles so zusammenzusetzen, daß es am andern Morgen wiedererkennbar wirkt. (Hat sie denn auch blendend hingekriegt.) Der Neujahrsschnee kommt wie bestellt, der Rheinturm bietet weiterhin die Möglichkeit zur Simulation freien Falls mit seinen wahnsinnsauslösenden Aussichtsfensterschrägen, direkt hinterm Stadttor schwillt der schwere graue Rhein hervor, zieht mächtig gen Holland, scheint etwas verkatert, spricht jedenfalls kein einziges freundliches Wort. Die fantastische Promenade entlang, gegen die sich die Linke damals so gewehrt hat, am allerschönsten sind ihre noch unvertwitterten Stellen, “Und wir schunkeln!” steht am Haus des Karnevals, ein Motto, das den geneigten Anwender sicher problemlos durch 2010 tragen wird, nicht nur in Düsseldorf. Bolkern über die Bolker, Referenzerweisen am Heinehaus, eine frierende Bettlerin, von Schickeria umgeben, das Bild hält lange vor, weil es kein Bild ist, sondern beschissene rheinische Realität. Der Hauptbahnhof wartet im Glitzerhemd, die Züge sind teurer geworden, dafür kommen sie gleich erheblich verspätet. Schneelandschaft im Halbdämmer. (In den Alpen vergißt man so leicht, daß es Städte wie Leverkusen überhaupt gibt.)

Haldenstein (7)

In Caminadas verzauberten Tälern steht im Kapitel über die Wasserkulte: „Unweit der Ruine Haldenstein ist eine heilsame Quelle, welcher die sie bewohnende Quellenjungfer die Kraft verleiht, Kranke von ihrem Übel zu befreien; man sieht oft eine weiße Gestalt neben dem Born sitzen.“ Bei der Gestalt soll es sich denn auch um eine Frau (ob Quellenjungfer oder nicht) handeln. Gestern im Föhn also, ausgestattet mit dieser völlig neuen Information und halbwegs genesen von einer seltsamen Schweizer Schweinegrippevariante, hinauf zu besagter Ruine. Die Wetterprognosen locken etliche Spaziergänger, Nordic Walker, Mountainbiker in den Hang. Entgegen meiner vorherigen Einschätzung läßt sich doch leicht zum einsamen Ruinenfels vordringen, vor drei Wochen hatte der Herbst den Pfad verdeckt (- lang ists her; vor drei Wochen bereitete der Anstieg noch Muskelkater). Von einer Heilquelle nächst der Ruine weiß kein Passant, ein als Quellenfassung interpretierbarer Stein beherbergt wohl eher das ehemalige Abwasserloch. Aus Grasbüscheln lugen blühend (!) Alpendistel, Glockenblume, Storchenschnabel und Scabiosa, auf keinen Fall aber Beinwell; Thymian und Dost würzen den Wegrand, eierförmige Föhnwolken bevölkern den Himmel, eine fette schwarzhaarige Raupe peristaltet übern Wanderweg, heut ist die Große Ruinentour angesagt, nach Grottenstein hinan krachen die Wipfel, schwanken die Föhren, auf Lichtenstein brettert der Föhn ins Gemüt, die Burggeister haben sich längst zum Überwintern in Erdlöcher verzogen, es stehen Zeichen am Himmel und am nächsten Tag schneit es so sehr, daß Berge und Himmel im Weiß verschwinden, sogar die Kühe stehen schneebedeckt in der Ecke und erinnern an ihre flottanten Verwandten, die manischen Gletscherstiere droben am Alpenrand, wo die Kristalle der Berge unter kaum vernehmbarem Knirschen (eine der schrillsten Sprachen der Welt) in jene des Himmels wachsen.